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36. Jahrgang
Fulda, Donnerstag den 1. April 1909
JW 74.
Erstes Wlcltt
der
$ Die Blockdebatte im Reichstage
Die Reichstagsdebatten vom Dienstag werden in der Blockpresse im allgemeinen günstig beurteilt.
Besonders die freikonservativen und national- liberalen Organe glauben konstatieren zu tonnen, daß das baldige Zustandekommen der Ri- nanzreform durch die Blockparteien sehr gefördert worden sei. Die konservative Preste hebt besonders die Auslassungen der Redner der Rechten hervor, die die Notwendigkeit des Zustandekommens der Finauzreform ohne Rücksicht auf die Parteikonstellation betonten. Sie schlägt damit in dieselbe Kerbe, die Fürst Bülow in seiner
großen Rede vorgezeichnet hat. Vermutlich wird ie auch denselben Zweck damit verfolgen, nämlich )ie störrigen Freisinnigen mit der Drohung zu. chrecken, daß sie bei längerem Widerstande ausgeschaltet werden und dem Zentrum den Platz räumen sollen.
Tie „Kreuzztg." macht sich das Vergnügen, aus der Geschichte des Freisinns ihm seine politischen Taten, die bis zur Blockära fast nur in Ablehnung von Regierungsvorlagen bestanden, haben, vorzuführen und damit den Satz zu illustrieren, wie fast hoffnungslos es sei, den Freisinn für die positive Arbeit zu gewinnen. Die Herren Dr. Wiemer, Müller-Meiningen und Pachnicke, die sich bereits in dem Glanze sonnen können zu glaubten, als staatsmännische Genies anerkannt zu sein, werden diese Erinnerungen wohl kaum mit Behagen vernehmen, und sie werden hoffentlich aus der bösen Geschichte die gute Lehre ziehen, fortan mehr staatsmännischen Geist zu entwickeln. Die Osterferien werden hoffentlich für sie Tage großer Erleuchtung werden.
Hie und da kommt in der Presse das Mißvergnügen darüber zum Ausdruck, daß das 9 e tt« tr«in sich an der Debatte nicht beteiligte, man sieht darin so etwas wie Hinterlist. Wir glauben schon, daß es den Herren vom Block lieber gewesen wäre, wenn das Zentrum tüchtig vom Leder gezogen hätte, dann hätten die getrennten Brüder sich sicher schnell geeinigt und wären gemeinsam über das Zentrum hergefallen. Nein, das Zentrum hatte gar keine Veranlassung, sich in das Familiengezänk im, Blockhaus« zu mischen, diese Gesellschaft mag in ihrem eigenen Fett schmorren.
Wie wichtig diese Taktik war, hat sich ja in der Sitzung gleich gezeigt. Der Welfe und di« Sozialdemokraten glaubten mitreden. zu sollen, und sofort benutzte der Blockkanzler die Ausführungen dieser oppositionellen Redner, um die Debatte auf Königstreue, Weifenfrage, Legitimitätsprinzip, Kriegsrecht, Kamarilla, sozialdemokratische Krawalle, Ordnungsmaßregeln und dergleichen überzuleiten. Es wäre, besser gewesen, das akruelle Thema der B l o ck m i s d r e in seiner ganzen Schönheit allein auf der Bildfläche zu lassen. Ein Dritter soll sich nicht ohne Not und ohne sofort erreichbaren Zweck in die periodisch wiederkehrendenAuseinandersetzungen von H a ns und Grete und deren Schwiegereltern einmischen.
Preußischer Landtag
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 31. März 1909.
Abendsitzung.
Di« Beratung des Etats des Auswärtigen Amtes wird fortgesetzt. Abg. GSrck. (natl.i brmgl hierbei einige Beschwerden von Deuljchen hn Ausland, über mauaelhaiien Schutz durch die deutsch. Vertretung vor. Einige andere Redner schließen sich diesen K.agen an.
aut Entsendung von landWirts ch aftl ich en Sachverständigen ,n- Ausland waren un Elal
202 000 Mark ausgeworfen. Die Kommission hat 100 000 Mark gestrichen.
Abg. Eickhoff (frf. Vp.s beklagt sich, daß über diesen Beschluß falsch- Berichte in dre OeffentlichkeU gelangt seien Man habe diesen Abstrich g macht, da noch Ersparniffe von früher vorhanden seien.
Nach einige« weiteren Bemerkungen wird die SRe« gierunqsvorlage wieder hergestellt.
9 Sur Förderung deutscher Auslandsschulen und gemeinnütziger Zweck- im Ausland- sind 850000 Mark im Etat eingestellt. ....
Abg Eickhoff (frf. Vp.) begründet eine Resolution, diesen Fonds im nächs^r. Jahre zu erhöhen
Staatssekretär v. Schön erklärt, daß er dem An- trage sympathisch gegenüberstehe. Dieses Jahr habe wegen der schlechten Finanzlage der Fonds nicht erhöht werden können. „ „ . a
Die Resolution wird angenommen. Der Rest des Etats des auswärtigen Amtes wird ohne w-'/ere Debatte bewilligt, ebenso der Ergänzungsetat in erster Unö Es*soll Är^Etat der Reichscisenbahnen zur Be- tatUybg° Singer (Soz.) beantragt die Vertagung, da man heue schon seit 11 Uhr tage und nicht fähig sei, noch längeren Reden zu folgen. Es mache nach Außen hin einen schlechten Eindruck, wenn man alles so überhaste. Er beantragte Vertagung und werde eventuell die Beschlußfähigkeit bezweifeln.
Es wird abgestimmt. Ein Teil des Zentrums und die Sozialdemokraten stimmen für den Antrag.
Der Präsident erklärt, daß das die Mehrheit sei. Auf Widerspruch hin wird die Abstimmung wiederholt und der Antrag ab gelehnt.
Abg. Singer macht darauf aufmerksam, daß die Abstimmung nicht ordnungsgemäß erfolgt sei, da die Unterftützunqsfrage nicht gestellt worden fei.
Trotz dieses Widerspruche» wird aber tn die Lesung des Etats der Reichseisenbahnen eingetreten
Nach einem langen Referate des Berichterstatters wird ein Bertagungsantrag angenommen und die Weiterberatung auf Donnerstag vertagt.
Das Abgeordnetenhaus setzte die Beratung Sekundärbahnvorlaqe «ort. Lokale Wunsche trugen vor die Abgg. Aronsohn (fr. Bp.', Hlrsch-Effen ntl.), Haarmann (ntl.), Brors ((Str.), der di- Schaffung einer direkten Bahnlinie Wüpperfürth-Köln befürwortete. Abg. Trimborn Ctr.s besprach das Projekt der Schnellbahn Köln-Düsseldorf, das nach Möglichkest gefördert werden soll. Abg. Becker <Ctt.) forderte bessere Zug- nerbindung von Köln nach den oberbergitchen Landen; Abg. Schreiner (Ctr.) verlangte eine Bahn von Türkis- mühl nach Kusel. Abg. Dr. Dahlem (Ctr.s beffere Zug- Verbindung für den Westerwald, desgl. Abg. EahenSlh -Ctr.) und v. Savign» (Ctr.s Abg. Gleim (ntl) spricht für eint Bahnstrecke Frankenberg-Gunters- Hausen. Abg. Jtschert (Ctr.) erörterte die Bahn- verhältnisie in der Eifel und im Moseltale, und Abg. Mar; (Clr.) die im Saarrevier und anf dem Hunsruck. Weiler- Wünsche brachten vor die Abgg. Graf Clairon d'Hauffeville ifonf.), v. Campe (ntl.), Hofer (kons.), Glatzel (ntl) und Heine ntl.) wünscht eine bessere Verbindung von Heiligensladt nach Göttingen.
Morgen Weiterberatung.
Deutscher Reich.
♦♦ Berlin, 31. März 1909. Die chinesische Sonderkommission unterTangshao Bi ist heut« vormittag in Berlin eingetroffen. — Die neue Strafprozeßordnung ist dem Reichstage zugegangen. Wir kommen auf sie noch zurück.
X Reform der Reichspostverwaltung. Di« im Reichspostamt gebildete Kommission zur Prüfung der Reform der Verwaltung hat nach wochenlangen Beratungen ihre Arbeiten zunächst beendet. Es ist eine große Fülle von Reformvorschlägen gemacht, die zunächst dem Staatssekretär des Reichspostamt vorliegen. Nach weiieren Beratungen mit den zuständigen Reffort» Chefs dürfte eine zweite Lesung der Reformanträge in der Kommission stattstnden.
)( Tie offiziöse Agitation für die N ach laß» steuer wird eifrig fortgesetzt. Besondere Freude verursacht den Herren eine Auslassung der „Westdeutschen Arbeiterzeitung", die von den Offiziösen als „Zentrumsblatt" gewertet wird. Bekanntlich handelt es sich um das Ovgan der katholischen Arbeitervereine, das unter der Redaktion des Abg. Giesberts steht. Dieses Blatt hatte eine Zuschrift ausgenommen, die sich
wohl möglich gewesen, den Skandal, daß deutsche Stubenten gegen deutsche Professoren vorgingen, hinanzuhalten. In den «reisen der Studentenschaft herrscht eine große Erregung darüber, daß di- an der Univerität Lausanne zugebrachten Semester für den deutschen Juristen nicht ang-r-chn-t werden solle«. Ich frage den Staatssekretär, wie es sich hiermit verhält.
Staatssekretär v. Schoen: Die Regierung ist nicht abgeneigt, Schiedgerichtsverträge mit anderen Staaten abzuschließen: daß -in solcher mit d«r Schweiz in Vorbereitung fei, ist mit allerdings nicht bekannt. Die Frage, ob der deutsche Gesandte in Bern alles getan jat, um den in der Schweiz lebenden deutschen Pro- effoten genügende« Schutz zuteil werden zu lasten, muß ich bejahen. Ob den deutschen Studenten speziell der Besuch der Universität Lausanne empfohlen werden kann, darüber steht mir ein Urteil nicht zu.
Abg.Scheidemann(S.)hält eine Verständigung mit England über den Flottenbau nicht sür ausgeschlossen. Eine Reorganisation des Auswärtigen Amtes ist unbedingt erforderlich.
Abg. Speck (Z.) bespricht den Mehlkonflitt mit der Schweiz. , m
Abg. Dr. Siresrmann (ntl.) tadelt dte Bevorzugung de» Ad elS beim Auswärtigen Amt unb verlangt eine stärkere Berücksichtigung bes kaufmännischen Elements.
Abg. Heckscher (freis. Bag.) beklagt sich gleichfalls barüber, baß bei bet Besetzung bet Diplomatenstellen baS Bürgertum immer noch zurückgesetzt werbe.
Abg. GanS Edler zu Puilitz (kons.): Wir haben in den letzten Jahren gesehen, daß eine ganze Reihe von Leuten in die Diplomatie ausgenommen wurden, ohne adlig zu sein. Man nimmt tüchtige Leute, wo man sie findet. Da sollte man doch endlich auihöien, immer dieselben Beschwerden hier vorzubringen, die gar nicht mehr begründet, find. .
Staatssekretär v. Schoen: Wenn der Adel in der Diplomatie zu überwiegen scheint, so darf nicht vergessen werden, daß 40 Prozent unseres diplomatischen Personals Familien angehören, die erst vor wenigen Jahre« geadelt wurden. Ein Privileg des Adels besteht also nicht. Es ist nicht meines Amtes, diesem ober jenem Stande zu Liebe oder zu Leide zu handeln. Meine Aufgabe ist es vielmehr, Männer zu finden, nicht Salonhelden, die wirklich rach Charakter und Kenntnissen eine Gewähr dafür bieten, baß sie bem Vaterlanbe nützliche Dienste leisten können. (Beifalls Leiber finb sür manche junge Diplomaten sinanzielle Zuschüsse erforderlich wegen bet teuren Verhältnisse, die in einigen Hauptstädten herrschen. Das ist ein durchaus unerwünschter, sogar bedenklicher Zustand. Wenn Sie zu seiner Beseitigung bie Hanb bieten wollen, so nehmen wir sie bankbar an. Die Arbeit ist im Auswärtige« Amt so erheblich gestiegen, daß eine Vermehrung der Beamten unbedingt notwendig ist.
Abg. Siabtbagen (Soz.) befürwortet eine Resolution Albrecht auf bmibesstaatlichen Verorbnungen hinzuwirken, b«e von anslänbischen Arbeitern Legitimationskarten gegen Entgelt verlangen.
Abg. Arning (ntl.) forbert freien Handel- und Schiffahrtsverkehr auf dem Kongo.
Abg. v. Oertzen ikons.« verteidigt die Einführung von Legitimation-karten für ausländische Arbeiter.
Ans eine Anfrage des Abg. Dr. Dahlem (Zentr.) erklärt t „ .
Staatssekretär v. Schoen, daß der Handelsvertrag mit Portugal abgeschlossen sei und gegenwärtig dem Bundesrat vorlieg«. _
Darauf schließt die Diskussion. Das Gehalt des Staatsselretärs wird bewilligt.
Zur Geschäftsordnung bemerkt Abg Rocren (Ztr.', daß 'er die Resolution Hompesch zurückziehe, nachdem dir Resolution Müller-Meiningen entsprechend den Wünschen des Zentrums abgeändert sei. .
Dir «Resolution Müller-Meiningen wird einstimmig angenommen. Ebenso angenommen wird die Resolution Albrecht.
Nächst« Sitzung abenos 8 Uhr. ,
Schluß 6 Uhr.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 31. März 1909.
Präsident Graf Stolberg widmet dem dahin- geschiedenen Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen einen kurze« Nachruf.
Etat deS Auswärtige« AmteS.
Abg. Roeren (Ztr.) begründet eine Resolution Hompesch auf Ausbildung des internationalen Ge- wetzfrr-rchts, wodurch die gewerbsmäßige Herstellung und Verbreitung unsittlich er Schriften und Bilder unterdrückt werden soll. Die Notwendigkeit eines internationalen Vorgehens zur Bekämpfung der Pornographie ist von allen Seiten anerkannt worden. Ein internationales Vorgehen ist notwendig, vor allem aus rechtlichen Gründen. Da eine Handlung im Inland« nur dann bestraft werden tarnt, wenn sie auch im Inlands begangen ist, so bleibt bie oom Auslanb her erfolgte Anpreisung unb Verbrei, tung an sich strafbarer Pornographien straflos. Der Import aus bem Auslanb nach Deutschland hat geradezu ungeheuerlichen Umfang angenommen. Die Ueberfchwemmung Deutschlands mit derartigen schmutzigen Erzeugnissen hat wenigstens die eine erfreuliche Folge gehabt, daß auch denen die Augen über 'bie ungeheure Gefahr geöffnet worben sind, bie noch vor 10 Jahren von einer gesetzgeberischen Bekämpfung biefeS Unwesens nichts wissen wollten. Die französische Regierung hat sich bereits im vorigen Jahre veranlaßt gesehen, ein Runbschreiben zwecks Einberufung einer internationalen Konferenz zu erlassen. Alle Regierungen haben zusagenb geantwortet, nur Deutschland nicht. Sollte, wie ich annehme, seitens Deutschlands nur eine Verzögerung vorliegen, so hoffe ich. daß dieses Versehen recht bald gutgemacht wird. Es handelt sich hier um eine Maßnahme, bei der alle Parteigegensätze zurücktreten können und müffrn, da sie lediglich diktiert ist durch da» Jntereffe sür die Kraft und Gesundheit unseres Volkes. (Ledh. Beifall rechts und int Zentrum.
Abg. Dr. Müller-Meiningen (frf. Vp.) beantragt, daß Erwägungen angestellt werden, i« welcher Weise dem Handel mit unzüchtigen Schriften, Abbildungen oder Darstellungen begegnet werden kann. Weiter verlangt der Redner in der diplomatischen Karriere völlige Gleichberechtigung. Es dürfe bei der Anstellung 'von Diplomat«« nicht darauf gesehen werden, ob ihr Blut violett, lila, blau oder rot-ist.
Staatssekretär v. Schoen: Der Resolution Hompesch stehen wir sympathisch gegenüber, aber die Resolution Müller-Meiningen ist nach unserer Ansicht vor- zuziehen, weil sie mehr der Rechtslage entspricht. Mit einer von der französischen Regierung einzuberufenden «onferenf'^Uären wir uns selbstverständlich einverstanden. t ,
Abg. Frank-Ralibor (Ztr.) fordert internationale Maßnahmen gegen die Zigeunerplage, unter der besonders Oberschlesien schwer zu leiden habe.
Abg. Graf Kanitz (Ions.) äußert denselben Wunsch für Ostpreußen. .
Staatssekretär v. Schoen: Di- Bekämpfung der Zigeunerplage ist Sache der Fremdenpolize,; ich b,n tobeffen gern bereit, di« zuständigrn Behörde« besonders auf ihre Pflicht in dieser Beziehung aufmerkfam *U °A^" Lehmann-Jena (ntl) bespricht ausführlich den Fall des Professors Kuhleübeck, der von den schweizerischen Behörden wegen Betätigung seiner beutfth«nationalen Gesinnung gemaßregelt und vertragswidrig von seinem Lehrstuhl an der Universität Lausanne entfernt worden fei und weder beim deutschen Gesandten in Bern, noch beim Auswärttgrn Amt den »öligen Schutz gesunden habe. , . „
Abg. Eickhoff (freis. Bp.): Der Fall Kuhlenbeck »ft »«nölig aufgrbauscht worden. Herr Kuhlenbeck ist keineswegs etwa daS Opfer eines Deutschenhasses in Lausanne geworden. Er ist wegen Insubordination »ach den gesetzlichen Bestimmungen entlassen worden, »eil er sich an gewissen Hetzarlikeln, die gegen die Universität Lausanne gerichtet waren, beteiligt halte »»d sich dann weigerte, zu widerrufen.
Abg. Dr. Pfeiffer (Ztr.) meint, daS Verhalten des deutschen Gesandten in Bern sei nicht korrekt gewesen. Wenn er rechtzeitig eingegriffen hätte, wäre es sehr
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Zm Vanne des Geheimnisses.
69] Aus dem Englischen von K. v. StaeSseld.
Isabel Wayne hatte geglaubt, Lady Wayne habe irgend ein Geheimnis zu verbergen, dessen Bekanntwerden ihr unaussprechlichen Kummer und Schmach bereiten würde. Sie hatte sie alle diese vielen Jahre her scharf beobachtet, und was war zu Tage gekommen? Nichts. Lady Wayne war einfach eine der populärsten und umschwärm- testen Frauen des Landes, hatte überall höchste unb begeisterte Huldigung und Verehrung gefun- den, hatte alle anderen Nebenbuhlerinnen voll- ständig besiegt und aus dem Felde geschlagen, wie das siegreich ausgehende Tagesgestirn alle Nebel und Wolken um sich her zerstreut und tn nichts auflöst. Isabel möchte spähen, spionieren, beobachten, argwöhnen, kombinieren, vermuten, -zweifeln, kurz tun, was sie wollte; es ergab sich einfach nichts, und Lady Wayne behauptete fieg- reich als Königin das Feld.
Und selbst, wenn jetzt irgend ein kleines Geheimnis an's Licht kommen sollte, so hatte es nichts oder doch sehr wenig zu sagen, das wußte Isabel selbst. Waren doch zwei Söhne vorhan- den, Raymond und Harry, also keine Aussicht, daß ibr Mann je Titel und Güter erden wurde. Dte bittere Enttäuschung hatte die Jnttjgantm verbittert. S'.c war reizbar, boshaft und ungenießbar gewordrn. Die bezaubernde gute ^cune, dte vmegende Unterhaltungsgabe, die sie einst so beliebt gemacht, waren verblichen, dahln. Jsabel Wayne fand durchschnittlich nicht mehr die Auf- nähme in der Gesellschaft, wie früher, und deswegen verabscheute sie ihre schöne Rivalin, der die Zeit schier nichts anzuhaben vermocht, nur umso mehr.
Trafen Ihre Durchlaucht von Chisledon und -Isabel sich, fo herrschte eine Herzlichkeit und ein Einvernehmen zwischen ihm«,, die ganz entzückend i|M sehen war. Die Her-qWn konnte er nie ver
winden, wie ruhig, so ganz ohne Kampf, ohne Aiifsehen, sie ihres Thrones enthoben worden war. Lady Wayne hatte lachend zu ihrem Manne gesagt, die Waynes auf Kenmnghll sollten etgent- Uch die erste und herrschende Stellung in der Grafschaft cinnehmen. und in ihrer nihigen Art und Weise hatte sie ihr auch tatsächlich den Rang abgelaufen. Wie oder warum, das konnte die Herswain sich nie erklären, aber die Sackte stand A, langsam und sicher sah sie ihren Einfluß der- bleichen.
Lady Wayne entfaltete die eleganteste, bezau- bernste Gastfreundschaft. Ihre eigene Liebens- Würdigkeit war auch, so groß, daß sw die Leute an- zog, wie nichts anderes es vermomt beite.
Die Herzogin machte keinerlei Bemerkungen darüber, dazu war sie zu klug: sie tat Nicht einmal, als ob sie es bemerke, aber im Herzen haßte und verabscheute sie Kenningshall's schöne Herrin so aufrichtig und bitter wie nur möglich.
Und dies alles war Lady Wayne natürlich sehr wohl bekannt: als ihr Gemahl ihr daher heute sagte, ec. wünsche eine brillante Festlichkeit anläßlich ihrer Rückkehr auf den Familiensitz, wobei sie ihre ganze Unterhaltungskrast und Kunst entfalten solle, hatte sie sich Bedenkzeit erbeten und saß nun in tiefem Sinnen, tote sie das Fest wohl am beste» gestalten falle, damit es das werde, was er davon erwartete.
Natürlich würden die Ramseys herüberkom- men, überhaupt waren Ablehnungen nicht z» befürchten: die Einladungen waren feit einigen lagen erlassen, und bisher hatte sie nur Annahmen erhallen.
„Was kann ich nur ausdenken," grübelte Mylady, „was entweder neu oder originell ist? Alle Festlichkeiten, denen ich beigewohnt, waren so ziemlich immer dasselbe: es muß was Neues, was Anregendes was allgemein gefällt fein.*
Ein leiser Schritt wurde draußen hörbar.
„Mama", fagte eine süße Stimme, „darf sch hineink-mmen?"
„Ja, Elfte."
Und Lady Waynes stolze Züge nahmen einen sanften, zärtlichen Ausdruck an, als sich jetzt die Türe öffnete.
Elfte Wayne schlang die Arme um den Hals dec Mutter und beugte ihr süßes, strahlendes Ge- sicht zu dem ihrigen hinunter. Man hätte nicht so leicht ein schöneres Bildsehen können, als die boheitsvolle, schöne Herrin von Kenninghall und ihre liebliche, jugendfrische Tochter.
„Mama, woran denkst Du? Ich habe Dich schon überall gesucht. Du siehst ganz abgespannt aus, hast sogar zwei Falten auf der Stirn. Kann ich etwas für Dich tun?"
„Setz' Dich hierher, Elsie," sagte Lady Wayne und deutete auf ein mit Sammet überzogenes Tabouret, worauf sie ihren zierlichen Fuß gestützt hatte. „Laß uns zusammen beratschla- gen."
Das junge Mädchen gehorchte: sie legte den Kopf auf das Knie der Mutter und ihr prächtiges, goldenes Haar floß wie ein Goldstrvm an Lady Waynes Kleidern herunter.
„Dm allem und vor allem gefällt mir beratschlagen mit Dir am besten, Mama," sagte Elfte lächelnd, „worüber sollen wir uns nun den Kopf zerbrechen?" . _
„(58 handelt sich um das Fest, Kmd. Du weißt gar nicht, Elsie, wie sehr Dein Papa wünscht, daß alles gut, nein, vorzüglich arrangiert wird und ausfällt. Ich bi» nun — tote und warum, daS weiß ich nicht, — diesmal gar nicht disponiert. Es muß etwaS nicht sttmmen mir mir. Sonst und im allgemeinen fällt mir schnell etwaS ein, komme ich schnell auf was rwurS: und ich habe ja bei allen unseren Gesellschafts- festen noch etwa- Originelles, Neues, Feffelndes erfinden können, was dieselben berühmt gemacht: aber heute scheint mir der Kopf wie leer. Ich habe mich vor dem Frühstück auch sehr er- schreckt."
„Worüber, Mama?" fragte Elsie und stttch fcfenb über die weiche, toei&e Land.
„Natürlich weiß ich, woher es gekommen, eS kam jedenfalls von einem leichten, nervösen Kopfschmerz, der mich schon seit einigen Tagen belästigt: aber weißt Du, Elfte, alles Weiße, worauf ich sah, schien einen großen, roten Flecke» in der Mitte zu haben! Zuerst war ich ganz bestürzt, nachher fiel mir aber ein, daß solche Täuschungen gewöhnlich von nervösen Kopfschmerzen herriihrcn."
„Aber, liebste Ma>ma," flüsterte Elsie zärtlich, „wenn Du Dich nicht wohl fühlst, so sag' daS Papa doch: laß Fest Fest fein; Du weißt doch, daß ihr« nichts auf Erden so teuer ist, wie Du."
„Wir müssen es doch nun einmal durchmachen: außerdem, krank bin ich gar nicht. Elfte: nur diese merkwürdige Benommenheit, dieser Druck, der mir ordentlich das klare Denken zu lähmen scheint. Kannst Du etwas angsben, Elsie, waS unseren Gästen vielleicht noch von besonderem Reiz sein könnte?"
„Ich bitte Dich, Mama — Sonnenschein, Blumen, unser schöner Park und die Gärten und die köstliche, frische Frühlingsluft draußen — ist das denn noch nicht entzückend und reizend genug?“
Mylady lächelte. „Dein Papa dachte an ein kleines Schützenfest mit Preisverteilung vor dem Diner, und nachher natürlich Ball."
„O, das wäre entzückend, Mama! Wie kannst. Du denn nur noch da sitzen und Dir den Kopf zerbrechen, wenn bereits ein so großartig schönes Programm aufgestellt ist! Du wirst weiter gae. keine Extra-Amüsements nötig haben, davon bin ich überzeugt."
„Die Herzogin ist so wählerisch und anspruchsvoll", seufzte Mylady noch unschlüssig.
„T-as bist Du auch, Mama; was Dir gefällt, muß ihr gefallen, darüber fei nur ganz ruhig", eiferte Elfte.
Lady Wayne'3 gespanntes Gesicht klärte sich auf. Im selbem Augenblick klopfte es, und My- lady's Zofe trat ein, einen silbernen Präsentier» tätet in der Hand. Ein Brief, etwas unsauber und zerknüllt aussehend, lag darauf.