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verantw Redatteurr «ari schütter
M 73.
Fulda, Mittwoch den 31. März 1909.
36. Jahrgang.
Zweites 'gdlatt.
C. Das Automobilgesetz.
Man schreibt uns:
• In den letzien Tagen der vergangenen Woche Hat der Reichstag den Entwurf eines Gesetzes über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen verabschiedet.
Die erste Lesung hatte gezeigt, daß der Entwurf, wie er von den verbündeten Regierungen vorgelegt war, erhebliche Mängel aufwies. Den eingehenden Beratungen der Kommiffion ist es gelungen, den Entwurf soweit zu verbessern, daß er in der Fassung der Kommissionsbeschlüsse endgültig verabschiedet werden konnte. Das Gesetz zerfällt in drei Abschnitte: 1) Verkehrsvorschristen, 2) Haftpflicht, 3) Strasvorschriften. Am meisten umstritten sind die Vorschriften über die Haftpflicht gewesen. Das Gesetz bestimmt:
„Wird bei dem Betrieb eines Kraftfahrzeuges ein Mensch getötet, der Körper oder die Gesundheit eines Menschen verletzt oder eine Sache beschädigt, so ist der Halter des Fahrzeuges verpflichtet, dem Verletzten den daraus entstehenden Schaden zu ersetzen. Die Ersatzpflicht ist ausgeschlossen, wenn der Unfall durch ein unabwendbares Ereignis verursacht wird, das weder auf einem Fehler in der Beschaffenheit des Fahrzeuges noch auf einem Versagen seiner Verrichtungen beruht. Als unabwendbar gilt ein Ereignis insbesondere dann, wenn es auf das Verhalten des Verletzten oder eines nicht bei dem Betriebe beschäftigten Dritten oder eines Tieres zurückznjühren ist und sowohl der Halter als der Führer des Fahrzeuges (ehe nach den Umständen des Falles gebotene Sorgalt beobachtet hat. Wird das Fahrzeug ohne Wissen und Willen des Fahrzeughalters von einem anderen in Betrieb gesetzt, so ist dieser anstelle des Halters zum Ersätze des Schadens verpflichtet."
Die Fassung dieser gritndlegenden Bestiinmung ist von der Kommission vorgenommen worden, die damtt daS Prinzip der Haftung für Gefährdung zur Anerkennung brachte, während die Vortage eine Verquickung von Verschuldungs- und Ge- kährdungsprinzip enthielt. Die angeführten Vorschriften finden leine Anwendung:
„1) wenn zur Zeit des Unfalls der Verletzte oder die beschädigte Sache durch das Fahrzeug befördert wurde oder der Verletzte bei dem Betriebe des Fahrzeuges tätig war; 2) wenn der Unfall durch ein Fahrzeug verursacht wurde, das nur zur Be für de- rung von Lasten dient und auf ebener Bahn eine auf 20 Kilometer begrenzte Geschwindigkeit in der Stunde nicht übersteigen kann."
Die Bestimmung unter 2. hat in der Kommission schwere Anfechtung erlitten. Die Negierung legte dagegen aus militärischen Rücksichten auf ihre Beibehaltung so großen Wert, daß sie hei Ablehnung derselben ein Scheitern der ganzen Lorlage in Aussicht stellte. Es ist bekannt, daß die Militärverwaltung in künftigen Kriegen sich in ausgedehntestem Maße der Lastautomobile wird bedienen müssen und daß sie schon jetzt Beihilfen an solche Lastautomobilbe» sttzer zahlt, die kriegsbrauchbare Lastautomobile zur Verfügung zu stellen sich bereit erklärt haben. Diese Bestrebungen zu unterstützen bezweckt die letztgenannte Bestimmung.
Längere Debatten hat endlich noch § 6 der Vorlage hervorgerufen, bet die Entschädigungssummen im Maximum festsetzt. In der ersten Lesung hatte die Kommission diesen Paragraphen gestrichen, weil man eine solche Festsetzung nur in Verbindung mit einer Zwangsversicherung vornehmen zu können glaub- te. Da aber die Regierung erklärte, daß das Gesetz ohne den § 6 nicht zustande kommen würde und die verbündeten Regierungen gewillt seien, sobald das Gesetz zustande gekommen sei, der Frage des Versicherungszwangs oder der Schaffung einer Zwangsgenossenschaft näher
zu treten, ist in der zweiten Lesung der Kommission der § 6 unverändert wieder hergestellt worden. Die Einführung einer Zwangsversicherung wird jedenfalls ebenso sehr den Interessen der Autonrobikbefitzev als auch den Interessen der Verletzten zugute kommen.
Wenn nach dem Gesagten das Gesetz auch nicht die Erfüllung aller Wünsche bringt, die wir stellen zu müssen glaubten, so darf man doch mit der Annahme des Gesetzes zufrieden sein, da sie wenigstens für die größte Zahl der Rechts fälle eine gerechte Entscheidung spricht. In den weitesten Kreisen wird man ez mit Freuden begrüßen, daß nunmehr endlich ein wirksamer Schutz gegen die Gefährlichkeiten des Automobilbetriebes wie gegen die Ausschreitungen leichtsinniger Fahrer geschaffen ist.
G Die Güterwagengemeinschaft.
Das Abkdmmen der deutschen Eisenbahnverwaltung über die Güterfvagengemeinschaft, d. h. über die freie und ungehinderte gegenseitige B e- Nutzung der Güterwagen, ist nach langwierigen, dem Berechnungsmodus gewidmeten Verhandlungen zustande gekommen. Es tritt mit dem April 1909 in Kraft.
Der Zweck der Güterwagengemeinschaft ist die raschere Bedienung der Interessenten durch Beseitigung der administrativen Schranken, welche der Freizügigkeit der Güterwagen entgegen standen; und die Beseitigung der unwirtschaftlichen Leerläufe.
Jeder Güterwagen geht unaufgehalten von einem Verwaltungsgebiet ins andere und kann nach allen Richtungen völlig frei verwendet werden. Erst alle drei Jahre kehrt er in seine Heimat zur Untersuchung zurück. Reparaturen werden dort bewerkstelligt, wo der Wagen gerade ist. Darum muß auf einen einheitlichen Typ der Wagen itnb, Einheitlichkeit der Ersatzteile gesehen werden. Die Reparaturkosten werden nach festen Sätzen vergütet.
Die umständliche, kostspielige Berechnung der Miete, die bisher die Einzelstaaten für die Benutzung fremder Wagen zahlen mußten, fällt weg, da für die bisherige Lauf- und Zeitmiete eine pauschalierte Mietsentschädigung eingeführt wird. Es wird die Zeit künftig nicht berechnet: die Achskilometer werden statistisch festgestellt. Tie Untersuchung, Uebergabe und die Ausschreibung der Wagen auf den Grenzbahnhöfen, das A u s- rangieren der Güterwagen je nach ihrer Ver- waltungszugehörigkeit und die Rücksendung der nicht verwendeten leeren Wagen fällt weg. Das ist eine Beschleunigung des Verkehrs.
Der Ausgleich des Bedürfnisses und die Beseitigung des Wagenmangels geschieht in der Güterwagengemeinschaft mit besserem Erfokg. Die Benutzung der Wagen durch fremde Bahnen war bisher zeitlich beschränkt, die Wagen mußten innerhalb der festgesetzten Benützungsfristen zurück- geschickt werden, auch wenn keine Fracht für sie vorhanden war. Künftig benützt jede Verwaltung die Wogen vollständig frei nach jeder beliebigen Richtung. Eine Ausnahme machen nur die Spezialwagen.
Jede Verwaltungseinheit verfügt über ihre eigenen Wagen. Die einzelnen Verwaltungen werden in Ausgleichsgruppen zusammengefaßt und über diesen steht das Wagenabrechnungsbureau in Magdeburg, zu dem jeder süddeutsche Staat je einen Beamten abordnet. Das Wagenamt wird an das Preußische Eiten- bahn-Zentralamt angesMoffen, in dem die Einzelstaaten durch ihren Beamten vertreten find.
Dem Deutschen Staatswagenverbande werden etwa eine halbe Million Güterwagen angehören.
Deutsches Reich.
8. Das Gesetz gegen den unlautere» Wettbewerb ist in der zuständigen Reichstagskommission am Montag in 2. Lesung für die Beratung im Plenum fertig gestellt worden. Nach Ostern soll es noch einmal einer juristischen Re- dakffon unterworfen werden, die sich besonders auf den Begriff des „Schadensersatzes" erstrecken soll. Die Beratungen am Montag bezogen sich zunächst auf den § 10 mit den Bestimmungn über den Detail-Handel. Man entschied sich im Sinne der Beschlüsse 1. Lesung. Danach kann durch Beschluß des Bundesrates festgesetzt werden, daß bestimmte Waren im Verkauf nur in vorgeschriebenen Einheiten der Zahl, des Maßes oder des Gewichtes ober mit einer auf der Ware oder ihrer Aufmachung anzubringenden Angabe über Zahl, Maß, Gewicht ober Ort der Erzeugung oder der Herkunft der Ware gewerbsmäßig verkauft oder feilgeholten werden dürfen. In der Regierungsvorlage war noch die Rede von der Angabe der Beschaffenheit und der Zeit der Erzeugung. Das wurde gestrichen. Weiler beschäf- tigte man sich mit dem von der Kommission eingenommenen § 10a über das Schmiergelderunwesen. Auf Grundlage eines Kompromisses mit den Verbündeten Regierungen, welche die ursprüngliche Fassung der Kommission für unannehmbar erklärt hatten, wurde eine neue Fassung angenommen, nach der strafbar ist,
„Wer im geschäftlichen Verkehre zu Zwecken des Wettbewerbs den Angestellten oder Beauftragten eines geschäfttlchen Betriebes Geschenke oder andere Vorteile anbietet, verspricht oder gewährt, um durch unlauteres Verhalten des Angestellten oder Beauftragten bei dem Bezüge von Waren oder gewerblichen Leistungen eine Bevorzugung für sich oder einen Dritten zu erlangen."
Weiter wurde beschlossen, daß diese Vergehen -richt Offizialdelikte, sondern „Anz'eiaedelikte" sein sollen. Wer also die Bestrafung wünscht, soll auch seinen Namen dazu hergeben.
d" München, 30 .März 1909. Der Fall Stremei gibt nach seiner korrekten Erledigung dem Münchener Simplizissimus-Dichter Ludwig Thoma Geleaenheit zu einem von „Männertrotz" triefenden Nachwort. Er bezeichnet als lauwarme Sentimentalität, daß Tremel gerade die Krankheit seines bischöflichen Obern zum Anlaß des Einlenkens genommen hat. Wenn jemand nicht die Kraft habe, die Folgen zu tragen, so solle er lieber nicht den Luther spielen. Es gebe ein Publikum, „das durch die Umkehr der Schwachen noch dümmer wird, und die ganze Sache ist so ernsthaft, daß man sich mit ihr nicht bloß interessant machen soll." „Man muß aus Stahl sein, wenn man mit der Kirche streitet." — Von den seelischen Kämpfen eines ernsten Christen haben diese unentwe-gten Oberflächlinge natürlich keine Ahnung.
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Aus Kirche und Schule.
* Münster i. W , 28. März 19(9. Heute erfolgte die Weihe und Inthronisation des neuen WeihbischosS, Herrn Eberhard Illi gen 4, des bisherigen Domkapitulars und Regens des hiesigen Priesterse - inars. Den Wecheakt vollzog Herr Bischof Hermann Dingelstädt.
Aus dem Nachbargebiete.
x* Schlüchtern, 30. März 1909. In unserer Nummer vom 13. Februar d. I. brachten wir einen Artikel über den Distelrasentunnel. Es wurde barirf namentlich von den Gründen der Erbauung unb den Vorteilen sowie von den hauptsächlichsten Abmessungen gesprochen. Heute wollen wir über die Art des Bauwerkes und das
Fortschreiten der Arbeiten selbst berichten. Der 3 Kilometer 100 Meter lange Tunnel wird in fünf Teilen gebaut, b. h. von beiden Enden her und an drei Stellen werden von der Erdoberfläche aus Schachte in die Erde gegraben, die eine lichte Weite von 3 Meter im haben. Diese Schachte sollen später der Lüf- hing dienen und tragen daher den Namen Luftschachte. Durch genaue Abmessungen ist festgestellt, wie tief ein jeder Schacht werden muß, um auf die spätere Tunnelsohle zu stoßen. Gleichzeitig wird von der Schlüchterner Seite ein Stollen borgetrieben. Sobald der Stollen den Luft- schacht erreicht, wird er von diesem aus weiter- getrieben und der erste Teil wird zur richtigen Tunnelweite ausgegraben und mit Blendsteinen ausgemauert. Während der zweite Teil des Stollens weitergetrieben wird, wird auch der zweite Lustschacht gestochen werden, und sobald diese wieder zusammen kommen, wird der zweite Teil ausgebaut und der dritte angefangen werden. Was den Stand der Arbeiten anbetrifft, so ist man bei dem ersten Luftschacht über CO Meier in die Tiefe vorgedrungen. Der erste Stollen mißt zum Teil eine Länge von etwa 80 Meter. Da sich nun der erste Luftschacht etwa 700 Meter hinter dem Tunneleingang befindet, ist die Meldung anderer Blätter, daß der Stollen mit dem ersten Luftschacht schon zusammen getroffen sei, gänzlich verfrüht. Vor dem Tunneleingang ist ein kleines Dorf von Aufenthaltsräumen, Maschinenhallen, Werkstätten und Dienst- raumen entstanden und noch immer sind etwa 100 Arbeiter damit beschäftigt, den Erdboden zu ausgedehnten Lagerplätzen zu ebnen. Mit dem Tunnelbau hängt auch die Vergrößerung des nah gelegenen Bahnhofs Schlüchtern zusammen. Dort wird zur Zeit aus eine Strecke von etwa 200 Meter die Bahnhofstraße 5—10 Meter nach der Talseite hin verlegt um hierdurch neues Land für die Erweiterung des Bahnhofsgebietes zrt pewi men.
D Aufenau, 30. März 1909. Am vergangenen Sonntag wurde in der „Villa Pomona" der Volksverein für die hiesige Pfarrei gegründet. Nachdem Herr Pfarrer Nüdling das Programm des Volksvereins entwickelt hatte, trat eine große Zahl von Jünglingen und Männern dem Verein bei und bezahlten sogleich den Ver> einsdeitrag mit 1 Mark. Hierauf wurde noch nachträglich der Geburtstag unseres Herrn Pfar« rers Nüdling und der Namenstag unseres Herrn Lehrers Lotter gemeinschaftlich gefeiert, wobei die Toaste auf das GeburtS- und Namenstags- kind nicht fehlten.
* Frankfurt a. M., 30. März 1909. Ein Schaffner der Straßenbahn, dessen Frau am Freitag abend im städtischen Krankenhaufe starb, nahm sich, da auch sein 21/* Jahre altes Kind tot« krank darniederliegt, alles so zu Herzen, daß er sich am SamStag früh in seiner Wohnung erschoß. — Die am 10. Januar d. I. im ehe- maligen Hotel Landsberg (Ziegelgasse 22) errichtete „Wärmehalle" für Arbeitslose ist am letzten Samstag mit Eintritt der wärmeren Witterung geschloffen worden; sie hat im Verlause von 69 Besuchstagen ihren Zweck in jeder Weise erfüllt. Täglich gingen Hunderte ein und au«; eine Reihe von Wochen lang, namentlich wahrend der bitteren Kälte im Februar, waren meistens gleichzeitig 180—200 Leute in dem voll- besetzten Raume anwesend. — Zu Ostern wird eine große Abordnung englischer Stadtbehörden eine Rundreise durch Deutschland antreten, um die bemerkenswertesten deutschen Stadtanlagen zu besichtigen. Die Deputation wird u. a.
I« tat üt$ Geheimnisses.
68] AuS dem Englischen von K. v. Raesfeld.
„Du brauchst mich nicht zu verhöhnen. Ich will bloß scheu, ob Du willens bist. Dein Versprechen zu Halten oder nicht — das ist alles."
„Wie leid tut's mir, solche Güte zurückwciscn zu müssen", sagte Jack. „Ich kann mein Versprechen für den Augenblick nicht einlösen; meine Angelegenheiten sind noch nicht geordnet; wenn das der Fall ist —"
„Was dann?" unterbrach sie ihn ungeduldig.
„Dann werde ich Dir mehr darüber sagen kön- tiai. Aber was soll diese unnütze Streiterei; willst Du mir nicht lieber einen Kuß zum Willkommen geben, Betsy?"
„Nein, und wenn Du mich hier auf den Knien darum bätest!" versetzte sie zornig. „Du meinst, Du führst mich schr schlau hinter's Licht, Jack JefferieS; hast ganz was anders in der Nase; willst mich hier vielleicht bloß hübsch ruhig halten, und unterdem eine andere freien. Aber das geht fo nicht, lieber Freund. Ich will meinen Teil von dem Vermögen haben. Du hast mir tzroharffge Toiletten und Dienerschaft zur Aufwartung versprochen. Die will ich haben."
,Hch habe nichts dagegen, "erwiderte Jack, Mnstweilen habe ich sie aber selbst noch nicht."
Seine Ruhe erbitterte sie immer mehr. „Mit hundert Mädchen hättest Du karessiereu und sie ungestraft sitzen lassen können," schrie sie, „aber tvehe dem, der eine beleidigt, die Zigeunerblut in Ähren Adern hat!"
„Ich würde an Deiner Stelle hiermit nicht stzerobe prahlen," höhnte er.
Ihr Gesicht wurde leichenblaß.
. „Danke für das Kompliment," versetzte sie dann mit unheimlicher Ruhe. „Wenn Du klug sbist, tust Du gut, mit künftig aus dem Wege zu UeLen."
„Aber Betsy, was soll denn dieser ganze Krakehl um taube Nüsse," beschwichtigte Jack, der sich beunruhigt zu fühlen begann. „Ich dachte. Du hättest Dich gefreut, mich nach so langer Abwesenheit wieder zu sehen."
„Ich warne Dich, wie es sich gehört," rief sie, „ich werde Dir nachspüren und in der Stunde Deines Triumphes Dich stürzen I Du täuschest mich nicht! Vor zwei Monaten liebtest Tu mich und wolltest, daß ich Dich heiraten sollte. In Deinen Augen liegt jetzt keine Liebe, und auf Deinen Lippen ist auch keine. Du bist bloß hier, um mit mir gut Freund zu bleiben, bis Dein Ziel erreicht ist, und dann — denkst Du — kannst Du mich auslachen, daß Du mich so schlau für den Narren gehalten hast. Ich lasse mich nicht nar- ren, Jack Jefferies, das merk' Dir; Du wirst es bereuen!"
Die Wendung der Angelegenheit gefiel ihm ganz und gar nicht; er suchte die braune Arbeits- Hand zu erhaschen und zu drücken.
„Aber, Betfy, so komm doch, fei doch nicht so zornig; ich meine es ja gar nicht so."
„Es gibt eilten Weg, meinen Zorn zu vermeiden", gab sie mit funkelnden Augen zurück, „und nur diesen einen; erfülle Dein Versprechen auf der Stelle."
Nein, das wollte ec nicht. Wenn er feine Trümpfe gut auSspielte, wurde Elfte Wayne fein Weib, und er in den siebenten Himmel der Dor- nehmheit erhoben. Er wollte die zornsprühende Amazone besänftigen, aber sie heiraten — nie- mals!
Jack versuchte ez also weiter mit den Lieb- kosungen und zärtlichen Worten, die früher so oft bei ihr verfangen hatten, und Betsy ließ ihn allmählich glaube«, er habe Erfolg damit.
„Laß uns die» törichte Gezänk vergessen, Betsy. Kusse mich und sei wieder gut."
Sie duldete es, daß er ihre Wange mit seinen Lippen berührte. „Ich will Dir zeigen, wie die
Zigeunerinnen ihre falschen Liebhaber küssen, später mal," sagte sie.
„Aber ich bin kein falscher Liebhaber, Betsy."
„Um so besser; die Lektion wird Dir bann nicht schaden. Gehst Du wieder fort von Elton, Jack?"
„Noch nicht," erwiderte er schnell, und damit war sie sicher, daß er die Absicht hatte, sofort wieder abzureisen.
Sie trennten sich allem äußern Anschein nach als gute Freunde, in Wirklichkeit aber entschlossen, einander zu überlisten. —
„Jack Jefferies ist hier gewesen, Vater," sagte Betsy, als der Farmer abends spät nach Hause zurückkehrte.
„Und daran hat er gut getan," war die grimmige Erwiderung. „Ich sagte ihm heute morgen, ich würde ihm die Knochen zu Brei schlagen, wenn er sich unterstände, Dich zum Narren zu halten."
Betsy ging zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. Starr sah sie ihm ia's Gesicht. '
„Ich will weiter nichts sagen, Betsy; nur muß mir die Sache nicht albern werden. Alle Nachbarn wissen, daß er an Dich gefreit hat und Dich heiraten wollte, und Du sollst Dich dach vor den Leuten nicht schämen."
„Ich will zusehen, daß das nicht nötig ist," erwiderte sie kurz und ging hinaus.
Und lange, nachdem sie das Zimmer verlassen, saß der alte Farmer noch bei seiner Pfeife unb grübelte über den fetifanten Ausdruck in den Mienen feiner Tochter. „Ich fürchte, ich fürchte, die Sache läuft übel aus," dachte er. —
Inzwischen begab sich Jack nach Hause, fest entschlossen, sofort nach Kenninghall zu gehen. Er hatte fj wenig an Betsy gedacht, es für das Aller, einfachste gehalten, das Verhältnis mit ihr abzu- brechen, sie laufen zu lassen; jetzt sah er ein, daß er gefährlich fein würde, länger mit ihr weiter zu liebeln, und er entschloß sich, weiter keine Zeit mehr zu verlieren, fondern sofort Lady Wayne aufzusuchen.
Es würde ja ein leichtes für ihn fein, Elton zu verlassen, ohne daß eine Menschenseele etwas davon erfuhr; bann, einmal auf Kenninghall, konnte er feine Vorkehrungen fo treffen, daß er nie wieder dahin zurückzukehren brauchte, wo Betsy Fenton weilte.
Er zweifelte ganz und gar nicht an seinem Wießlichen Erfolge, oder daran, daß er Elfie Wayne zur Frau bekommen würde. Das Glück hatte ihm ja bereits in solchem Maße gelächelt, es würde ihm auch diese Krönung seiner Pläne nicht dorenthalten. Also ging Jack am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe ganz seelenruhig und sicher zum Bahnhof. Er nahm ein Billet nach Elmswell, einem Bahnknotenpu nkt, von wo er leicht nach Kenninghall reifen konnte.
Arn Bahnhof war niemand als eine schweigsame, in einen langen Reisemantel gehüllte Person, die gleich nach ihm an den Billetschalter trat. Er hatte keine Ahnung, daß dieselbe ebenfalls ein Billet nach Elmswell löste.
44. Kapitel.
Ein sonderbares Briefchen.
Lady Wayne faß in ihrem Ankleidezimmer auf Kenninghall; sie schrieb nicht, las nicht, plauderte auch nicht, sie dachte angestrengt nach. Die Ne- benbuhlerin, die sie besiegt hatte, die stolze, vor- nchme Herzogin von Chisledon, war nach Belvoir Castle zurückgÄchrt, und Lord Wayne wünschte em großes Fest zu geben, wozu natürlich auch die Herzogin eingeladen werben sollte, sodaß Lady Wayne viel unb mancherlei zu überdenken hatte. Algernon und Isabel waren ebenfalls auf Kenninghall, unb die alte Feindschaft zwischen der. beiden Frauen hatte sich nicht im Geringsten ab- geschwöcht.
Die große Enttäuschung in Isabel Wayne 4 Leben war die, baß sie an der Gemahlin ihres Verwandten keinen Fehler entdecken konnte. Unb sie hatte doch von Anfang an UebleS von ihr vrophezeit.
Wortfetzuna folaM