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M 71.

Fulda, Montag den 29. März 1909.

36. Jahrgang.

In liberalen Blättern schlägt die Erregung über die angebliche Sprengung des Blocks Hobe Wellen .anderwärts ist dagegen die Stimmung recht feindlich. Die „Rordd. Allg. Ztg." scheint überhaupt keine Wolken am politischen Himmel zu sehen. In ihren „Rückblicken" kommt sie näm­lich auf die „Blockkrisis" mit keinem Wort zu sprechen.

Darf man daraus schließen, daß Fürst Bülow seine Schöflein schon wieder in der Blockhürde vereinigt hat? Soweit ist es wohl noch nicht. Daß aber eine Einigung zustande kommt und vielleicht schon bald zustande kommt, halten wir nach wie vor für das Wahrscheinliche.

Ein Teil der liberalen Presse stellt sich ganz vergnügt und tut so, als ob die Sprengung des Blocks für die Liberalen eine wahre Er­lösung bedeute. Dazu stimmt aber, herzlich schlecht, daß diese Blätter die Konservativen mit den schwersten Vorwürfen überschütten. Noch weniger stimmt dazu das krampfhafte Bemühen, den Konservativen ein Zusammengehen mit den Parteien, welche für die Branntweinsteuer ge­stimmt haben, nämlich Zentrum und Polen, un­möglich zu machen durch, eine frisch-fröhliche „nationale" und konfessionelle Hetze.

Gegenüber den Angriffen der liberalen Presse haben die Konservativen insofern eine nicht ungünstige Position, als der erste Schritt auf dem Woge, der zu dem Versagen des Blocks in der Branntweinsteuerfrage geführt hat, von liberaler Seite gemacht worden ist. Die ur- sprünaliche Regierungsvorlage, die bekanntlich das Monopol enthielt, ist nämlich allein durch den Widerstand der Liberalen gefallen, während die Konservativen dafür gestimmt haben. Mait kann es darum der „Kreuzztg." kaum verübeln, wenn sie sich gegen die erhobenen Angriffe wehrt:

„Wenn der Freisinn sich mit dem Zentrum in der Negation zuiammensindet und das Monopol ab­lehnt, so ist das keine Sprengung de? Blocks; wem» aber die Konservativen etwas Positives schaffen wollen und nach langen vergeblichen Versuchen und mühsamen Beratungen mit den Blockparteien die Un­fähigkeit des Blocks zur Verabschiedung der in, direkten Steuer erkennend, sich nicht einfach der Diktatur des Freisinns unterwerfen, sonder» erklären, sie müßten dem Werke zu Liebe sich eine Mehrheit suchen, wie sie sich böte, dann „kündigen" sie den Block. Das ist zweierlei Maß, mit dem nament­lich nationalliberale Zeitungen meffen *

Die „Kreuzztg." tut so, als halte sie die S p r en- g u n g des Blocks für unvermeidlich. Ob das wirklich ihrer innersten Uebcrzeugung entspricht, wissen wir nicht; wir halten es aber auch nicht für ausgeschlossen, daß sie dabei ledig­lich taktische Zwecke verfolgt. Ebenso sind ja auch die liberalen Stimmen aufzufassen, die im üb­rigen ihre Hoffnungen immer noch auf das Ein­greifen des Fürsten Bülow setzen.

Es verlautet, daß beim Etat des Reichskanz­lers der Abg. Bassermann eine große Rede über die Blockpolitik halten werde. Da er, wie man uns aus Berlin schreibt, in den letzten Tagen stundenlange Konferenzen mit dem Reichskanzler gehabt hat, so darf man wohl annehmen, daß auch diese Rede des Herrn Basier- manu mit dem Reichskanzler vorher abgesprochen ist. Fürst Bülow wird dann willkommenen An­laß haben, seine vor mehr als Jahresfrist gehal­tene Blockrede noch einmal zu halten, nur mit dem einzigen Unterschiede, daß die Mahnung diesmal nicht den Liberalen, sondern den Konservativen gilt.

Gewisse Anzeichen sprechen dafür, daß Fürst Bülow versuchen wird, den Einfluß des Bun­des der Landwirte auf die Politik der bei­den konservativen und der nationalliberalen Frak- tion zu brechen bezw. die Fraktionen von der Botmäßigkeit des Bundes der Landwirte zu be-

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 27. März 1909.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die zwtite Beratung des

Etats für Kiautschou.

Wg. Nacken (Ztr.): Wir erkennen gern an, daß im Schutzgebiet Kiautschou großes geleistet worden ist, aber die Finanzen des Reiches werden durch die Kosten für dieses Schutzgebiet außerordentlich belastet) allein bas Postwesen kostet jährlich 360 000 Mark. Hier muß mehr gespart werden: die Ausgaben für Dampfer­subventionen zu Postzwecken müssen auf das äußerste beschränkt werben, das ostasiatische Detachement, das jetzt auf 150 Mann herabgesetzt werden soll, könnte ganz zurückgezogen werden. Die Regierung weist auf die Bedeutung der Kolonie in handelspolitischer Be­ziehung hin. Dann muß aber die Parole gelten: Militär hinter die Front, Kaufleute vor die Front! (Beifall.) Mit der Entwickelung Tsingtaus sind wir durchaus zufrieden, wenn auch noch nicht alles erreicht worden ist, was erwartet worden ist. Leider ist di« Zahl der chinesischen Kaufleute, die sich dort angestedett haben, nur gering.

Staatssekretär v. Tirpitz: Tsingtau hat sich in 11 Jahren zu einem Handelsplatz entwickelt, der als solcher an siebenter Stelle steht. Von einem Militaris­mus ist in Tsingtau nichts zu merken gewesen. Wir haben unS bemüht, sparsam zu wirtschaften, haben wir doch in 5 Jahren den Reichszuschuß um über 6 Mill. Mark heruntergedrückt. Wir werden in diesen Spar- samkeitsbestrebungen auch weiterhin fortfahren.

Abg. Dr. Eickhoff (frs. Vp.) schließt sich den Aus­führungen des Vorredners an und meint, daß sich be­reits deutliche Zeichen eines wirtschaftlichen Aufschwungs bemerkbar gemacht hätten.

Abg. Ledebour (Soz.) hält den Ausbau Tsingtaus Eein völlig verfehltes Unternehmen, von einem be­ttenden Handel nach Kiautschou könne gar keine Rede sein. Deutschland sollte Kiautschou kurz ent» schloffen ganz aufgeben, denn mit dem Traum, Tsingtau |u einem Zentrum der deutschen Machtstellung in Ost- asien ausgestallen zu können, ist es vorbei.

Staatssekretär v. Tirpitz erwidert dem Vorredner, lein Mensch habe je daran gedacht, in Kiautschou ein Dominium in politischer rote in wirtschaftlicher Be­ziehung zu errichten.

Abg. Dr. Görke (natL) meint, daß eine Reihe von Anzeichen vorhanden sei, die für eine erfreuliche Ent­wicklung der Kolonie sprechen; nur solle die Ver­waltung darauf achten, daß keine überflüssigen Beamten dort seien, und sie solle immer wieder aus Sparsamkeit IhinwirkeN.

Abg. Gotheiu (frs. Vp.) weist darauf hin, daß Kiautschou doch eine recht teuere Kolonie sei und spricht sich namens eines Teiles seiner Fraktion gegen die Forderung für die Errichtung einer Schule für Chine­sen in Tsingtau aus.

Nachdem Abg. Heckscher (frs. Vp.) sich namens des Edern Teils seiner Fraktion für die Errichtung einer Chinesenschule in Tsingtau ausgesprochen, schließt die Diskussion. Der Etat wird bewilligt; ebenso der Etat kür die Expedition nach Ostasten. Alsdann 'beginnt die dritte Beratung des

Automobilhaftpflichtgesetzes.

In der Generaldebatte bemerkt

. Abg. v. Oertzen (kons.): Ich gebe ohne weiteres zu, daß die Bestimmungen des Bürger!. Gesetzbuches für das Automobilwesen nicht ausreichen; daß insbesondere daS Berschuldungsprinzip durch das Gefährdungs- prinzip ersetzt werden muß. Aber die schroffe und starre Anwendung des Gefährdungsprinzips würde doch zu schweren Härten und Uebelständen führen und deshalb hat die Kommission mit Recht eine Reihe von Ausnahmen konstruiert. Ich bitte Sie, das Gesetz »ach den Beschlüssen zweiter Lesung unverändert an« «»nehmen.

Abg. Stadthagen (Soz.) spricht sich für das Gesetz aus.

Abg. Graf Carmer-Zieserwitz (kons.) begründet eine von ihm eingebrachte Resolution, wonach die Wett- Mnd Tourenrennen auf öffentlichen Straßen verboten werben.

Staatssekretär v. «ethmannchollweg sagt roohl- »voüende Erwägung der Resolution zu.

Die Diskussion schließt. Die Vorlage wird en Hoc einstimmig angenommen.

Montag: Etat des Reichskanzlers.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vorn 27. März 1909.

DaS HauS erledigt zunächst in dritter Beratung mehrere kleinere Vorlagen bett. Erweiterung verschie­dener AmtsgertchtSbezirke, hauptsächlich im Osten der Monarchie.

Fortsetzung der dritten Beratung des Gesetzent­wurfs betr. die

Haftung des Staates und anderer Berbände für Arntspflichtver- letzungen von Beamten bei Ausübung der öffent­lichen Gewalt. „

Abg. DinSlage (Ztr.) gibt zu bedenken, wenn die Kosten, welche die Schulverbände auf Grund dieses Gesetzes wegen Amtspflichtverletzung von Lehrpersonen zu tragen hätten, alS Schulunterhaltungskosten im Sinne der Berfaffung betrachtet würden, ob dann nicht der Gesetzentwurf gegen die preußische Verfassung ver­stoße. Seine polttischen Freunde und die meisten Kom­missionsmitglieder ständen ans dem entgegengesetzten Standpunkte. Die Vorlage biete gegenüber dem bis­herigen RechtSzustande große Vorteile, so daß seine Partei für den Gesetzentwurf stimmen werde.

Abg. Peltafohn (fts. Vag.): Wenn seine Partei auch eine reichsgesetzliche Regelung der Materie ge­wünscht habe, so werde sie doch dem vorliegenden Ent­wurf zustimmen.

Damit schließt die Besprechung. Die §8 1 bis 8 werden unverändert angenommen.

Ein Antrag Viereck tftk.) wünscht, dem Gesetze noch einen § 9 hmzuzufügen, demgemäß das Gesetz am 1. Oktober 1909 in Kraft treten soll. Ferner liegt eine Resolution Viereck vor, die Regierung zu ersuchen, Einrichtungen zu vermitteln, durch welche den Ge­meinden und Schulverbänden die Versicherung gegen ihre Haftung für Amtspflichtverletzung von Beamten bei Ausübung der öffentlichen Gewall und den allein haftenden Gemeindebeamten die Versicherung gegen ihre Haftpflicht erleichtert wird.

Abg. Viereck (frk.) begründet Antrag und Reso­lution.

Justizminister Sefeler hat gegen beide nichts ein« zuw enden. **

Abg. Reinhard (Ztr.) befürwortet Anttag und Re­solution Viereck. — Antrag und Resolution Viereck werden gegen die Stimmen der Konservativen und Nationalllberalen angenommen.

In der Gesamtabstimmung wird der Gesetzent­wurf in der entsprechend dem Antrag Viereck erwei­terten Fassung angenommen.

Der Gesetzentwurf betr. Haltung von Ziegenböcke» in Hessen-Nassau wird in dritter Beratung ohne De- batte unverändert angenommen. — Es folgt die Fort­setzung der zwetten Beratung des Gesetzentwurss betr. Erhöhung des Grundkapitals der Zentralgeuoffenschafts- kaffe.

Abg. Mahenschein (kons.) erklärt, daß seine poli­tischen Freunde sich auf den Boden der Vorlage stellen.

Abg. Dr. Faßbender (Ztr.): Meine Parteifreunde werden gleichfalls der Erhöhung des Fonds der Preußenkaffe auf 75 Millionen zustimmen, jedoch sind wir nicht dafür, daß das Geld für Zwecke verwendet wird, die eigentlich nicht im Rahmen des Genossen­schaftswesens liegen. Die Genoffenschasten sind Wohl- fahrlsanstalten, aber mit idealen Zwecken in geschäft­licher Korrektheit zu verbinden. Das Genoffenschasts- wesen ist nicht am Platze, wo es sich um große Kapi­talien und dauernde Anlagen handelt. Für die Be- triebsgenoffenschaften und deren gedeihliche Entwickelung wäre von Bedeutung die Schaffung von Fachrevisions­verbänden. Die Ausgestaltung des Revistonswesens hängt aufs engste zusammen mit dem genossenschaft­lichen Bildungswesen; kaufmännische und genossenschast« liche Schulung muß bei der genossenschaftlichen Ver- waltung zusammenkommen. Wenn die Preußenkaffe den Anschluß des Mittelstandes an den großen Geld« markt vermitteln will, sollt« sie aus die Einbringung eMes länger befestigten landwirtschaftlichen Wechsels Bedacht nehmen. Der kleine Kaufmannsstand und der Handwerkerstand sollte dem Genossenschaftswesen mehr Aufmerksamkeit schenken. Die ethisch-sozialen Wirkungen dürfen die geschäftliche Korrektheit niemals beeinträch­tigen. Christentum und Genossenschaft hat in dem Sinne viel miteinander zu tun, daß die Genossenschaft eine christliche Sozialpädagogik pflegen muß. (Beifall.)

Abg. Glatze! (nt!.): Die Ausführungen des Abg. Faßbender haben eine ganze Fülle von wichtigen An­regungen geboten, welche ich der Beachtung der königl. Staatsregierung auss wärmste empfehlen möchte. Dem Gesetzentwürfe werden wir zustimmen. Erwünscht wäre es, daß das Genoffenschaftswesen in immer weitere «reife deS Volkes einbränge.

Abg. Dr. Crüger-Hagen (fts. Vp.) schließt sich im Großen und Ganzen den Aussührungen deS Abgeord­neten Dr. Faßbender an. Nur meint er, daß Geistliche und Lehrer infolge mangelnder Kenntnis des Genoffen- schastswesenS nicht immer geeignet sein, die Genossen­schaften so zu leiten, wie dies eigentlich sein sollte. Ganz besonders aber warnt er davor, sich zu eifrig an die Entschuldung des bäuerlichen Besitzes heranzumachen, da man bis jetzt auf diesem Gebiete noch zu wenig Erfahrung besitze. Wenn man den Genossenschaften auftragen wollte, diese Entschuldung durchzuführen, so hieße dies nichts anders, als sie hineindrängen in die Lösung eines ungelösten Problems. Dann ist er mit dem Abg. Faßbender der Ansicht, daß die Genoffen- schaftsleller neben einer guten kaufmännischen Aus­bildung auch im Genossenschaftswesen durch und durch beschlagen fein sollen. Die trüben .Erfahrungen im Genossenschaftswesen führen zum großen Teile daher, daß nicht die richtigen Leute an der Spitze standen. Weiter sieht der Redner in der Preußenkaffe einen schädlichen Vorstoß gegen das Prinzip der Selbsthilfe und kritisiert die Hergabe von 200000 Mark Staats­mitteln zur Deckung von Verlusten der Ostpreußischen Provinzialgenoffenschaftskaffe.

Präsident der Zentralgenossenschaftskaffe Dr. Heili­genstadt bestreitet, baß bie Preußenkaffe ihre Aufgabe, als ausgleichenbes Krebitinstitut zu wirken, nicht er­füllte unb wendet sich gegen einen Artikel des Abg. Dr. Crüger, in dem es heißt, bie Preußenkaffe habe im Kontokorrentverkehr mit ben Verbandskassen einen Zinsverlust von 652 000 Mark erlitten. Ich kann be­haupten, daß die Preußenkaffe ganz außerordentlich gut gearbeitet hat.

Abg. Busch (Zentr.): Wir würden eS nicht für richtig halten, wenn man bie Preußenkaffe unmittelbar mit ben Genoffenschasten in Verbindung bringen würde. Auch die Heranziehung der Genoffenschasten zur Schaffung von Ueberlandzentralen scheint uns über ben Rahmen des Genossenschaftsgesetzes hinauszugehen. Wir wollen mit Hilfe bet Genossenschaften auch bie Danbarbeitet seßhaft machen. Gewiß sollen in ben Genossenschaften keine konfessionellen Gegensätze in bie Erscheinung treten, aber bet christliche Gebanke soll Stärke und Kern des Genossenschaftswesens sein. (Bravo! im Zentr.) Diesen Standpunkt hat auch der Vater des Genossenschaftswesens, Raiffeisen, stets ein­genommen. Alle christlichen Bauernvereine haben in diesem Sinne gewirkt. (Beifall L Zentr.) Wo wäre das Genoflenschaftswefen, wenn nicht die Pfarrer und Lehrer es gefördert hätten, und zwar in ganz uneigen­nütziger Weise. (Sehr rrchtig!) Wir nehmen bas Gute, wo wir es bekommen können, auch von Der Partei des Abg. Crüger. (Zuruf: das ist ja ein neuerBlock!) Der alte ist noch lange nicht „laput", es scheint nur so! Die Preußenkaffe hat bisher segensreich ge­wirkt. Hoffentlich wird sie das auch in Zukunft tun. ^Beifall.)

Ein Schlußantrag wird angenommen.

Nach persönlichen Bemerkungen wird bas Gesetz in zweiter Lesung angenommen.

Es folgt bie zweite Beratung des

Etats der Zentralgenoffenschaftskaffe.

Abg. Stull (Zentr.) betont ben interkonfessionellen Charakter Der Bauernvereine unb ben unpolitischen Charakter ber Genossenschaften. Der Präsident des schlesischen Bauernvereins vor allen Dingen vertrete diesen Standpunkt. Die Legende von den „katholischen" Bauernvereinen und den „politischen" Genossenschaften muß endlich verschwinden.

Präsident der Zentralaenossenschaftskasse, Dr. Hei­ligenstadt: Dem stimme ich durchaus bet.

Der Etat der Zentralgenoffenschaftskaffe wird ge­nehmigt.

Montag: kleinere Etats.

--- Der Mock

ist noch nicht tot, aber kein Mensch weiß, ob und wieweit et noch lebens- und lckistungs- fähig ist.

K Sanne ie§ Mein*.

fee] Aus dem Englischen von Ä. v. Raesfeld.

Allerdings, einen Brief hatte sie aus London .Erhalten, aber von einem Liebesbrief hatte er verzweifelt wenig an sich; er war voll von seiner Eigenen Größe; er war im Begriff, mit einem Kord zu sveisen, und sprach des langen und brei- len von ber Schönheit der fashionablen Damen, Oie er in London gesehen.

„Melleicht ist ihm schon etwas von dem gro­ßen Vermögen, wovon er immer sprach, in den fSchoß gefallen", grübelte sie; „und nun geht er jtmter allerlei großes Volk und vergißt mich — ittber er soll mich nicht vergessen. Wenn ich ihn Brüht beträte, weil ich ihn auf der Welt am besten tleiden mag, so will ich ihn heiraten, bloß um zu Derhindern, daß er mit einer andern glücklich Mrd; er soll mich nicht verlassen!"

Das hübsche Gesicht rötete sich, und die dunkeln Klugen sprühten Blitze. Gerade jetzt kam ihr Ovaler durch die Wiese und sah seine hübsche Toch- «er am Zaune lehnen. Er kam lächelnd auf sie AU, als er aber den Eimer sah, bewölkte sich fein Wesicht.

Die Milch hier verdirbt, Mädel", sagte er, „und gute Milch ist zu rar, um sie verkommen tzu taffen."

„Laß mich in Ruh', Vater", versetzte sie er- Host.

„Ich weiß schon, was Dir im Kopfe herum- jgtiht Betsy. §dj härt' nicht gedacht, meine nette Loch'ter genarrt zu sehen; aber wenn das wahr M, was sie im Dorf erzählen, so bist Dn genarrt, bBetfi).*

„Was erzählen sie?" rief sie mit funkelnden Alugen.

„Daß Jack Jefferies seit mehr als drei Tagen Dieder da ist und sich noch nicht ein einziges Mal gier hat sehen lassen."

Sie erblaßte; ihre kräftigen, gebräunten Hände bebten.

„Das glaube ich nicht!" rief sie. „Und wenn sie alle in Elton es beschwören wollten, ich glaubte es doch nicht!"

„Nur sachte", versetzte der Farmer. „Ich wetß nur, daß Will Cogney mir eben zwischen den Wallhecken begegnete und mir sagte, er hätte mit ihm gesprochen, und er wäre der größte Stutzer auf ein paar Stunden weit in der Nachbarschaft. Will glaubte, er müßte was geerbt haben, so fein hätte er ausgesehen."

„Will Cogney ist etn alter Schwätzer", er- widerte sie gereizt. „Die Wahrheit wird wohl sein .daß Jack gerade eben erst wiedergekommen ist. Ich weiß, er würde mich nicht vernachläs- figen."

„Hm, Deine eigenen Sachen mußt Du natür­lich selbst am besten wissen; sollte es aber doch wahr sein, Betsy, so zeig ihm, daß Du auch etwas Kopf hast. Laß ihn nur nicht glauben, Du könn­test jetzt ohne ihn nicht fertig werden."

„Ich weiß selbst, was ich zu tun habe", gab das Mädchen zurück. „Ich lasse mich von keinem narren, Vater, Du brauchst mir keinen Rat darin zu geben."

Es lag etwas in ihrem Tone imd in ihren Zügen bei diesen Worten, was bem Farmer nicht gefiel und ihn an ihre Mutter, die wilde, unbändige Zigeunerin, denken liefe. Schwer legte er feine Hand auf ihren Arm.

„Betsy, sei mir nicht töricht. Deine Mutter war auch gleich so gefährlich, wenn ihr etwas nicht nach dem Kopfe ging."

„Und so bin ich auch", erwiderte sie. „Jack Jefferies muß sich's zweimal überlegen, ehe er mich zum Narren hält."

• •>

*

Es war wirklich wahr, daß Jack wieder in Elton war. Die Ramseys waren plötzlich ncüh Downham zurückgerufen worden, und Lord Wayne, der Miß West sehr angegriffen aussehend

fand und die Erklärung dafür in dem Umstande suchte, daß ihr London und die rauschende Ge­selligkeit nicht zusage, traf schleunigst alle Vor­kehrungen, um nach Kenninghall zurllckzukehren.

Lady Wayne hatte nichts dagegen; Elsie wünschte nur dort zu fein, wo auch ihr Bräuti­gam war. Marian hatte gerade noch soviel Zeit gefunden, um bezüglich des Schweigegeldes alles ins Reine zu bringen; sie hatte eine gewisse Summe in Staatspapieren auf Jack, Jefferies übertragen lassen, woraus er ein jährliches Ein­kommen von tausend 'Pfund bezog. Sie war zu einem fremden Advokaten gegangen, der. die ganze Angelegenheit besorgt und selbstverständ­lich keinerlei Fragen gestellt hatte.

„Es ist vollbracht", hatte sich Marian gesagt, nachdem alles vorüber war. „Nur der Himmet weiß, ob es recht oder nicht recht ist, zum Guten ober Ählimmen bient Jetzt ist's vollbracht."

Was Jack angeht, den Herrn über jährlich ein Tausend, so kannte sein Hochmut keine Grenzen mehr. Er wurde swlzer als ein Millionär. Er spazierte durch die Straßen, als ob sie ihm ge­hörten; mit hochmütiger Geringschätzung sah er auf alle herab, die weniger besaßen, als er. An Betsy Fenton dachte er mit einer Gleichgültig­keit, bie an Verachtung streifte. „Ich muß ihr zeigen, daß alles vorbei ist", dachte er. „Ich will mich doch nicht an ein gewöhnliches Bauern­mädchen wegwerfen. Ich bin ein Günstling des Glücks, und werde jetzt nicht ruhen, bis ich Lord Wayne's Schwiegersohn bin. Ich verdürbe mir ja meine ganze Carriere. wenn ich jetzt Betsy Fenton heiratete."

Kein Gedankt daß er durch fein Versprechen ihr gegenüber gründen war, daß er alles auf­geboten, um sie zu gewinnen; kein Gedanke, bafe er Ehren halber gebunden war, daß sein Wort- brudj ihr Kummer und Gram verursachen könnte; — nein, er hatte nur einen einzigen Gedanken, und das war: „Ich, Ich, Ich" Kein anderes Gefühl, keine onbere Neigung hatte in seinem engen Herzen mehr Platz.

Er hielt es für sehr wahrscheinlich, daß sie zornig sein würde — kannte er doch die Herkunft ihrer Mutter; doch ihr Zorn, ihre Wut sollten ihn wenig kümmern.

Jack hielt im allgemeinen nicht viel von dem schwächeren Geschlecht. Schwach, leicht betrogen, stets bereit, zu klagen, leicht zu leiten, das waren nach seinem Dafürhalten bie Fehler der Frauen in seiner Klasse. Vor solchen, wie Elsie Wayne, empfand er Respekt, und — soweit er eines sol­chen Gefühles überhaupt fähig war — sogar Verehrung; das waren Geschöpfe aus einer an­dern Welt. Er hätte zwanzig Betsys unter die Füße getreten, doch vor einer Elfte Wayne würde er voll Ehrfurcht und knieschlotternd bageftan- den haben.

Der jähe Anbruch allen und jeden Verkehrs mit Kenninghall House war ihm nicht ganz recht gewesen. Er hatte Miß West bei ihrem Advo­katen getroffen, unb nachdem die Urkunde aus- gefertigt war unb er feine erste Rate in der Tasche gehabt, hatte er einen familiären Ton ihr gegenüber anzuschlagen versucht, was sie sehr entschieden zurückgewiesen hatte.

„Sie dürfen nicht vergessen, Herr Jefferies", hatte sie mit unnahbarer Kälte und Verachtung gesagt, „bafe, wenn es Ihnen auch gelungen ist, durch Ihre listigen Praktiken Geld von mir zu erpressen, Sie doch keine Duldung von mir er­kaufen können."

Unb vor dem Zornesblitz aus ihren Augen war er wie ein Hund, ber einen Peitschenhieb er­hält, zurückgewichen. —

Werner besuchte ihn am folgenben Tage und teilte ihm mit. daß sie Lonbon direkt verlassen würben.

„Reisen die Waynes auch ab?" fragte Jack, ärgerlicher, als er eingestehen wollte.

„Ja, ich denke es mir wenigstens; ganz sicher weife ich es noch nicht."

(Fortsetzung folgt.)