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36. Jahrgang

Fulda, Samstag den 27. März 1909

M 70.

Zweites Wtcrtt

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abgewogen. Die scharfe Probe ergab, daß Frank­reich schwächer war . Tie Franzosen muhten ihre Selbstüberschätzung bitter büßen. Aehnlich er­ging es den Buren und den Russen in Ostasien. Die Niederlage im Kriege ist in der Regel die ge­rechte Strafe für den Mangel an Selbsterkennt­nis. Warum ist man nun nicht vor dem Kriege so klug wie nachher? Eine Entschuldigung für den verhängnisvollen Irrtum läßt sich höchstens dann finden, wenn die Kraft der beiden Streit- Hähne annähernd gleich groß ist, sodaß sich vorher nur Wver erkennen läßt, wr das Uebrgewicht hat. Als wenn zwei Preisringer im Zirkus auf­treten, die an Größe, Gewicht und Muskelentwick­lung nahezu gleich sind. Da ist das Publikum ge- spannt.

Aber wenn nun em Riese von zwei Metern und drei Zentnern einem halbwüchsigen Knirps gegenübersteht? Das ist kein vernünftiges Spiel. Die Zuschauer werden sagen, der Riese solle sich garnicht mit dem Knirps einlassen. Sehr richtig; doch der kleine Kerl wird frech, er reizt den Rie­sen nicht bloß durch grobe Worte und höhnische Grimassen, sondern belästigt und beschädigt ihn auch durch Steinwllrfe und dergleichen. Was bleibt da anders übrig, als daß der Große den Kleinen packt und ihm die Verträglichkeit ein- bläut? Den Rieten, der sich gegen den Frech­dachs wehrt, wird jeder verstehen. Rätselhaft bleibt jedoch die Haltung des Kleinen. Er weiß doch, daß seine Kräfte nicht ausreichen. Warum stänkert und stökert er denn so lange, bis er die gebührenden Prügel kriegt? Entweder ist der Knirps toll geworden, oder es steckt hinter seiner Frechheit ein sog. großer Bruder, der auS gesi­chertem Hinterhalt den Kleinen aufhetzt. .Laß dir nichts gefallen, geh' nur auf den ungeschlachten Kerl los! Ehe er dir was tut, komme ich dir zu Hilfe, und meine Kameraden werden dir auch schon helfen. Ich zahle auch nachher eine ordent­liche Portion Schnaps und Bierl" — Auf solche Weise kann das hinterlistige Rußland einen ver­rückten Ringkampf zwischen dem kleinen Serbien und dem großmächtigen Oesterreich in Gang bringen.

Will denn der Hetzer wirklich dem Knirps *a

muß auf die Dauer unbedingt zum parlamenta- rischen Regime, das, wenn überhaupt, so beson- ders für Deutschland von sehr zweifelhaftem Werte ist, wo die Parteiverhältnisse so sind, daß bei Erledigung der einzelnen Arbeiten des ^Par­lamentes, wie wir eben gesehen haben, nicht sach­liche Erwägungen, sondern rern parteitaktische Gesichtspunkte den Ausschlag geben. Das Zen­trum wird nicht müde, auf derlei bedenkliche Er­scheinungen immer wieder hinzuweisen, und so hat auch jüngst Graf Praschm a in einer Du- rener Zentrumsversammlung das politische Ver­halten des Reichskanzlers einer kritischen Be- leuchtung unterzogen. Graf Praschma griff den Reichskanzler besonders auch wegen seiner Hal­tung in den Novembertagen an, und den diesbe­züglichen Ausführungen hat die „Kreuzig." im Prinzip zugestimmt, wenn sie auch einzelne Aus­setzungen an der Praschma'schen Rede machte. Indes will die „Kreuzztg." von einer Entlassung des Fürsten Bülow nichts wissen, zumal bei der kritischen Lage der inneren und äußeren Politik.

Am Samstag feierte der Zentrumsabg. Ju- stizrat Dr. Porsch das Jubiläum seiner 25iüb­rigen Tätigkeit als Abgeordneter. Bei dem An­sehen, dessen sich der Abg. Dr. Porsch, der bekannt­lich Vizepräsident im Abgeordnetenhause ist, er- freut, hatte die Feier nicht nur einen verwn- lichen oder familiären, sondern einen politischen Charakter, und es wurden dementsprechend bet dem Festessen im Festsaals des Abgeordneten­hauses — zu dem auch der Präsident des Abge­ordnetenhauses v. Kröcher erschienen war — Re­den gehalten, die einen programmatischen Cha­rakter tragen. Frhr. v. Hertling betonte auf dem Festessen, daß die Anhänger des Zentrums kö­nigstreue Männer seien und mit jeder Faser ihres Herzens zur Monarchie hielten. Er fuhr dann fort: „Aber die Monarchie ist die konsti­tutionelle Monarchie des modernen Staates, und wir sind uns der Pflicht bewußt, die uns Abge­ordneten als Vertretern des Volkes obliegt, wir sind uns bewußt, daß es Augenblicke geben kann, wo uns der Glanz, der vom Throne ausgeht, nicht schrecken darf, sondern wir freimütig sagen müssen, was die Stunde heischt. Aber auch in solchen Augenblicken wird die Festigkeit, mit der wir zum Throne stehen, unerschiitterlich bleiben." Der Abg. Herold feierte in seinem Toast den Jubilar, und dann sprach noch Dr. Porsch selber aus seiner langjährigen parlamentarischen und politischen Tätigkeit heraus, indem er interes­sante Rückblicke auf die kritischen Perioden warf.

Der Reichstag hat inzwischen den M ili- täretat erledigt. Natürlich kamen wieder allerlei Beschwerden zur Sprache und besonders der Zentrumsabg. Erzberger unterzieht sich mit großem Fleiße der eigentlich weder angenehmen noch dankbaren Aufgabe, auf Abstellung von aller­lei Mißständen im .Heere und in der Heeresver­waltung zu dringen. Es wurde auch zur Sprabe gebracht, daß manche Kavallerieregimenter bei der Beförderung der Offizieraspiranten einsei­tig den Adel berücksichtigten. Besonders von freisinniger Seite wurde das bemängelt. Zu einem außerordentlich scharfein Zusammenstoß kam es bei den Militäretatverhaudlungeu zwi­schen dem sozialdemokratischen Abg. Frank und dem Kriegsminister, und wir müssen leider zu­geben, daß die Ausführungen des Krisgsmini- sters gegen die außerordentlich inhaltreiche Rede des Abg. Frank ganz bedenklich abfielen.

Auch das preußische Herrenhaus ist in dieser Woche zusammengetreten und hat die Ar­beiten des Abgeordnetenhauses nicht gutgeheißen,

schadenfroh die Hände reiben."

So liegt die Sache, und das zivilisierte Europa des zwanzigsten Jahrhunderts sicht ratlos und hilflos bei diesem widerwärtigen Treiben. So etwas nennt man „Politik", und darum hasse ich die Politik und beneide ten Afrikabummler, der von alle dem hochpolitischen Unfug fern bleibt.

Ach ja, hassen kann man schon diese sogen. Po- liiik . Aber man kann sie nicht los werden. Denn erstens können wir nicht in Masse nach Afrika überfiebeln, und zweitens würde es in Afrika auch bald ebenso unsinnig und frevelhaft zugehen, wie in Europa, wenn die Elefanten und Rhinozerosse durch eingewanderte Kulturvölker abgelöst wür­den. Es heißt ausharren und Mitarbeiten, daß es allmählich besser wird. Die staatsbürgerliche Mit­arbeit ist umsomehr geboten, als nicht bloß in der hohen Politik, sondern auch in der inneren Po­litik immer noch Dinge Vorkommen, die ouf den ersten Blick lächerlich und in ihrer Folgewirkung sehr traurig sind. Die hohe Politik steht unter dem Zeichen des B o ck s, die innere Politik unter dem Zeichen des Blocks. Der Himmel mag es bessern. Das Frühjahr sieht nach jeder Seite schlecht aus. Doch was hilft das Klagen? Das Unabwendbare müsien wir vorläufig ertragen und uns dabei rastlos bemühen, das Uebel mög­lichst abzuschwächen und eine bessere Zukunft an­zubahnen.

Die Erde ist ein Jammertal, weil Menschen darin Hausen.

'* Die kleineren Anfrage« — ein großes Fiasko.

Zu einer wahren Komödie haben sich die Ver­handlungen in der verstärkten Geschäftsord­nungskommission des Reichstages über die sog. kleinen Anfragen und über die Anträge bei Interpellationen entwickelt.

Aus der Bewegung des 17. November, so wird hierüber der „K. Volksztg." geschrieben, gingen Anträge hervor, betr. die Abänderung der Ge­schäftsordnung des Reichstages und die Aenderung der Verfassung. Nach sechswöchiger Beratung hat die erweiterte Geschäftsordnungskommission am Dienstag diese Anträge zu einem Abschluß ge- bracht, d. h. a b g e I e h n t. Mächtig setzte die Bewegung in der liberalen Presse ein. Das soll­ten die schriftlichen Bürgschaften gegen die Wie­derkehr der Novemberereignisse werden. Mit großer Wichtigkeit wurde eine Kommission ein­gesetzt. Der nationaliberale Junck übernahm den Vorsitz. Mit der ihm eigenen Geschäftigkeit er-

dann in einer Zuschrift des Reichskanzlers an die Budgetkommission aufgeklärt. Die englische Re- gierung habe ihre Bereitwilligkeit zu einer deutsch-englischen Verständigung über den Um­fang und die Kosten des Flottenprogramms' in allgemeiner Weise zu erkennen gegeben, aber kei­nen formellen Antrag gestellt. Es pflege nun aber im Verkehr zwischen befreundeten magre- rumjen vermieden zu werden, formelle Anträge zu stellen, deren Berücksichtigung zweifelhaft er­schiene. Das Abkommen ist damals offenbar des­halb nicht zustande gekommen, weil Deutschland sein gesetzlich festgelegtes Flottenpro- gramtn zur Ausführung bringen wollte. Von englischer Seite ist anerkannt worden, daß eine Flottenverstärkung für Deutschland in Hinsick» auf die Ausbreitung des deutschen Welthandels notwendig war. Man kann aber mit Recht der Ansicht sein, und die Mehrheit der deutschen Parteien ist offenbar dieser Ansicht, daß die deut­sche Flotte nach dem Ausbau des Flottenpro- gramms eine für den oben genannten Zweck aus­reichende Stärke haben wird. Es wäre also da­mit der Zeitpunkt gekommen, wo auch Deutsch­land einer Flottenkonvention beitreten könnte. Das hat auch die Mehrheit in der Budgetkom- mission des Reichstags gewünscht. Daß diese Weltrüstungen nicht immer weiter gehen können, kann doch kein Mensch bezweifeln. Selbst di» reichen Engländer müssen, um die Mittel für die neuen Kriegsschiffe aufbringen zu können, die so nötige soziale Gesetzgebung zurückschieben, und wie soll es dann erst uns armen Teufeln geben, die wir vor Finanznot nicht aus noch ein wissen.

Von außerordentlichem politischen Interesse sind die Vorgänge, die.sich in Fr a n f r e i ibaf--- spielen, obschon sie nur eine rein innerbofitiffe Bedeutung haben. Aber eine politische Beden- tung hatte der Streik der Telegraphen-, Tele­phon- und Postbeamten. Denn er ist eine Folge des mißlichen französischen Regierun"sfvttems, nach dem einmal in der Leitung der Regierung sich ganz entgegengesetzte Parteileute folgen und anderenteils die französische Verwaltung derart zentralisiert ist, daß die kleinste Veränderung in den führenden politischen Stellen sich in den untersten Stellen der Verwaltung bemerkbar macht. Diese Günstlingswirtschaft ohne gleichen ist es, die eine solche Unzuverlässigkeit der Be­amten ermöglicht, wie sie hier zu Tage getreten ist. Freuen wir uns, daß etwas Derartiges bet uns unmöglich ist.

hetzt doch und denkt sich die Sache so:

Kleine kriegt Haue; das ist sein spezielles Pech und tut mir nicht weh. Aber der Große wird seine Arbeit haben mit der wilden Katze; er wird Biß- und Kratzwunden genug davontragen, und das macht mir höllischen Spaß, da ich ihm ''chon lange einen Aderlaß wünsche. Es ist auch mög­lich, daß noch ein Einfaltspinsel des Weges kommt, der Mitleid mit der kleinen Unschuld hat und sich zu dessen Gunsten einmischt. Na, ich bleibe ja in sicherer Ewfernung und favn mir

Hilfe kommen? Das kann er gar nicht; denn er hat noch von der letzten Rauferei IM einen ver­stauchten Arm und ein lahmes Bein. Aber er Der

Die Schwarzseher haben freilich immer schon gesagt, wenn der Schnee schmelze, so werde auch der Frieden dahin schmelzen, und Frühlings-An- fang sei dieses Jahr gleichbedeutend mit Kriegs- Anfang. Ich habe es nickt glauben wollen, weil ich immer noch gesunden Menschenverstand bei den europäischen Regierungen voraussetzte. Aber heute sieht die Lage doch sehr mieß ans.

Die Staatskünstler von Landon und Paris suchen eine „Formel". Mit einer Formel, d. h. mit einigen gedrechselten Redensarten von un­klarem Inhalt, glaubt man den Abgrund Über­spannen zu können. Rußland, das die Serben auf- putscht, will sich der „Formel" nur anschließen, wenn so gut wie gar nichts darin steht. Und Oesterreich dagegen sagt: Was , helfen mir die gewundenen Redensarten, wenn ich nach wie vor mein Heer mobil halten muß, was mich schon Hunderte von Millionen gekostet hat? Darum fordert Oesterreich nicht bloß ein klares Wort des Verzichts, sondern auch die entsprechende Tat, d. h. Serbien soll abrüsten. Das deutsche Volk gibt Oesterreich recht und freut sich, daß Berlin und Wien zusammenstehen wie zwei siamesische Zwillinge. Wir können aber nichts weiter tun. Wenn die anderen Regierungen mit ihrem heil­losen Formelkram den letzten Augenblick zur Friedensrettung verpassen, so müssen wir abwar- ten, wie weit da Feuer um sich greift.

Krieg wegen der sorbischen Schreihälse? Das ist eine Idee, die Wohl ins Irrenhaus paßt, aber nicht in das zwanzigste Jahrhundert der viel­gepriesenen menschlichen Kultur. Was hat denn der Krieg überhaupt für einen Sinn und Zweck? Wenn man ihn von der besten Seite betrachten will, so kann man ihn allenfalls als Kraft- probe gelten lassen. Im Jahre 1870 z. B. tra­ten die Franzosen der Meinung, daß sie noch stär­ker seien, als Deutschland, daß aber Deutschland bald stärket werden könne, als sie, wenn sie ihm nicht einen Dämpfer aufsetzten. Bismarck dage­gen hatte die Ueberzengung, daß die deutsche Hce- resmacht der napoleonischen schon überlegen sei und daß wir uns deshalb keine Demütigung ge­fallen zu lassen brauchten. Auf der blutigen Wage des Krieges wurden nim die Machtverhältnifse

sodaß zu befürchten ist, daß die Besoldungsvor- lagen in der Kommission Aenderungen erfahren tverden Fürstbischof Kopp dankte tn seiner Rede der Regierung für das Entgegenkommen, dassie dm katholischen Geistlichen bewiesen habe. Eine Gleichstellung der katholischen Geistlichen mit den evangelischen in den/Gehaltsbezugen tnelt auch Fürstbischof Kopp vorläufig für undurchführbar. Das preußische Abgeordnetenhaus er- ledigte den Eisenbahnetat tit zweiter Lesung und eine Menge kleinerer Vorlagen. Ja an einem Tage standen nicht toeniger als etwa vierzig Gegenstände auf der Tagesordnung.

Zum Schluß-der Woche gab es noch große Aufregung im Block. Es hieß, der Block sei gekündigt worden von den Konservativen, d,e erbost waren über den Vorstoß der Liberalen gegen die „Liebesgaben" an die Branntwein- brenner bei der Beratung der Spiritusvotlage in der Steuerkommission. So schlimm war s indessen nicht. Offenbar ist das Vorgehen der Konfervativen nur ein Zwangsmittel, den Frei­sinn zum Nachgeben zu bringen. Am Portemon­naie hört bei den Vertretern des ostelbischen Großgrundb^itzes die Gemütlichkeit auf.

In der auswärtigen Politik ist zunächst zu er­wähnen, daß die Orientkrisis sich ihrem Ende zuneigt. Ob einem guten ober einem schlechten, ist noch nicht bestimmt. Es gilt augen­blicklich, eine mittlere Möglichkeit zwischen den beiden kategorischen Forderungen Oesterreichs und Serbiens zu finden. Hoffen wir, daß, es dem Störenfriede Rußland zum Trotz den ita­lienischen und englischen Bemühungen — man kann aitifi Wohl annehmen, daß die deutsche Dip­lomatie sich an diesen Bemühungen beteiligt gelingen wird, durch Zustandebrrngen einer Konferenz die Hauptpunkte zu erledigen, sodaß der serbischen Frage die Möglichkeit abgeschnitten wird, sich zu einer allgemeinen Orientsrage mit bedrohlichem Charakter auszuwachsen.

Also hier bemüht sick England, den Frieden Europas zu erhalten. Zu Beginn der Orient- krisis konnte man das eigentlich nicht sagen. Aber es ist dann im Verlaufe dieser Krisis ein großer Umschlag der englischen Politik erfolgt, dessen Bedeutung noch gar nicht abzusehen ist. Als be­deutendstes Symptom dieses Umschlages muß der Besuch König Eduards in Berlin angesehen wer­den. Aber auch die englische Presse hat seitdem ein viel deutsch-freundlicheres Gesicht gezeigt. Diese freundliche und höfliche Haltung der eng­lischen öffentlichen Meinung trat auch in den Marinedebatten des englischen Unterhau­ses hervor. Bei diesen Verhandlungen wurden die ernstesten Befürchtungen für die englische Vorherrschaft zur See laut und besonders von den Konservativen unter Führung des früheren Pre­mierministers Balfour wurden die Dinge außer­ordentlich schwarz gemalt. Die Regierungspar­tei und ihrs Leibzeitung, dis „Daily News", suchten aber möglichst beruhigend zu wirken, und die genannte Zeitung brachte jeden Tag einen Leitartikel, um die konservativen Uebertreibun- gen zurückzuweisen und die Panik zu bekämpfen. Besonderes Aufsehen erregten die Mitteilungen der Regierungsleute über dis englischen Be­mühungen oder besser Anregungen zur Herbei­führung einer Flottenkonvention mit Deutsch­land, die dem beiderseitigen Wettrüsten Einhalt tun solle. Mit der Fixigkeit, die sich für einen Schuldbewußten geziemt, sagte Herr v. Tirpitz in der Reichstagskommission, wo gerade der Marine- etat verhandelt wurde, es seien keine englischen Anerbietungen erfolgt. Dieser Widerspruch wurde

UnpolMsch« Sdtläufe.

(::> SJetliu, 25. Mi-, 1909.

(Nachdruck verboten.)

Einen Neid habe ich, nämlich auf Herrn Roosevelt, den Präsidenten der Vereinigten Staaten a. D. Theodor Roosevelt, der als Staats­oberhaupt treu gedient hat seine Zeit, ist jetzt ein freier Mann, dem die ganze Welt gewogen bleiben kann. Soeben hat er sich eingejdfjifft, um nach Britisch-Ostafrika zu fahren und dort ein halbes Jahr oder »och länger sich dem Jagdsport zu widmen. Nicht aufHasen und Karnickel, sondern auf Rhinozerosse, Elefanten, Löwen und jonntge alle» höchste Wildarten, wie man sie nur in dun­kelsten Erdteil noch trifft. Der größte Vorteil bieset'. Ausfluges nach Jnnerafrika besteht darin, baß Mr. Roosevelt aus der Politik herans- konimt. Er selber bat sogar die Hoffnung, daß fer auch die Vreßmen'chen lös wird, die nach seinem Rücktrstt von der Präsidentschaft immer noch um ihn he-umickwirren, um etwas auszuspähen und vuszuhrrchen, woraus sich Zeilenhonorar schinden !lößt. Diese Interviewers, die wie blutgierige Mücken alle berühmten Persönlichkeiten um­schwärmen, sind ein Schandfleck für das Zeitungs­wesen; ich würde Herrn Roosevelt die Befrei- rmg von dieser Landplage herzlich gönnen, aber ich fürchte, daß ihm etliche von diesen Tintsn- spionen bis in Afrika hinein folgen werden. Mit den Elefanten und Rhinozerossen wird er eher fertig werden, als mit der dickhäutigen Neuig- keitskrämerei. Aber eins kann er wenigstens er­reichen : aus der Stickluft der Politik kommt er in Wälder und Wüsten, wo man von russischen Polen, serbischen Depeschen, Londoner Flottende- oatten, deutschen Blockkünsten und internationa­len Kurszetteln nichts sieht oder hört

Ach, wie schön wär' es hiniedeu, ließe uns die Politik in Frieden! Geliebt habe ich die Politik bw 2, dem Balkanrummel Haffe ich sie. Kn» ,,Qr. bon Anfang an ein wiederwärtiger Un- Sner nun schließlich doch noch zu

; ea.ichcnschlachterei kommen sollte, so wäre vas ein himmelschreiender Unfug.

Wochen-Rundjchau.

[:] Fulda, 26. März 1909.

Die Reichsfinanzreform will immer noch nicht recht weiter.. Auch die Wemsteuer bat in der Finanzbommission des Reichstags nicht ihre Erledigung gesunden. Zustande romnicn wird sie allerdings wahrscheinlich, da die Mehr­heit dafür fein dürfte, und auch das Zentrum hält es für recht und konsequent, daß, wenn Bier und Branntwein besteuert werden, auch das Ge­tränk der reicheren Leute, der Wein, nicht^Ieer ausgehe. Entschieden ist, wie gesagt, die Sache nicht, vielmehr wurde das Weinsteuergesetz an eine Subkommission verwiesen., Augenblicklich ist das Branntweinsteuevgesatz in der Mache; von der Tabaksteuer wird gesagt, daß für sie ein neuer Gesetzentwurf im Reichsschatzamt ausgear­beitet werde, der auf die bei der Kommissions- beratung der Tabaksteuer hervorgetretenen Wünsche Rücksicht nimmt. Soweit waren die Dinge bis zu Beginn dieser Woche gediehen, als ein neuer Blockplan bekannt wurde. Da­nach sollen, tote es heißt, die Elektrizitäts- und Gassteuer, die Inseraten- und Plakatsteiler (wel­che alle in der Finanzkommission verworfen wor­ben find), sowie die Weinsteuer und die Kohlen- fteuer fallen gelassen werden. Der dadurch ent­stehende Ausfall soll durch eine Besitzsteuer, gleich­viel in welcher Form, voraussichtlich durch Be­steuerung der Erbanfälle an Kinder und Ehe­gatten und durch Erhöhung der Brausteuer, der Branntweinsteuer, der Tabak- und Zigaretten- Jteuer, des Kaffeezolls und durch Neueinfübruiig ■Joer Zündholzsteuer ausgeglichen werden. War­ten wir ab, ob sich diese Angaben im. einzelnen als richtig Herausstellen und besonders auch, wie der Plan zur Durchführung gelangt.. Natürlich wäre das wieder ein neuer Versuch, die Arbeiten ohne das Zentrum fertigzustellen. Es ist ja nun einmal das außerordentlich bedenkliche Bestreben bet den Mehrheitsparteien vorhanden, einer ausgesprochen staatserhaltenden Partei mit so bedeutender Mitgliederzahl wie das Zentrum, jeglichen Zutritt zur Mitarbeit an dem großen nationalen Werke zu sperren. Es wird heute von keiner Seite mehr bestritten, daß der an- erkannt beste Plan der Besitzsteuer nur deshalb verworfen worden ist, weil er den Namen des Zentrumsabg. Herold trug, vielmehr wurde statt dessen der Antrag Gamp angenommen, der eine bedeutende Verschlechterung jener Herold'schen Vorschläge bedeutet. Dieses Verhalten der Mehr­heitsparteien kann nicht ernst genug beurteilt werden. Von den nationalen Parteien selbst ist immer wieder auf die große nationale Bedeu­tung der Reicksfinanzfreform hingewiesen wor­ben und nun bei der Erledigung dieser Arbeit setzen dieselben Mehrheitsparteien alle sachlichen Erwägungen in verbrecherischer Leichtfertigkeit hintan und machen ihre Zussimmung zu einzel­nen Vorschlägen einzig davon abhängig, ob der betreffende Vorschlag ans dem eigenen Lager kommt oder nicht. Wir geben ja gern zu, daß feine gewisse Spannung zwischen Zentrum und Reichskanzler vorhanden ist, aber daß deshalb der Reichskanzler in solcher Weise vorgeht, ist doch ein starkes Stück. Es ist ja leider unter der Amtsführung des Fürsten Bülow immer wehr eingerissen, daß das Ministerium, also hier 6er Reichskanzler, „seine" Parteien hat. Das

Erscheint täglich mit tf (L A

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