Zeitung
uldaerS
36. Jahrqang.
Fulda, Mittwoch den 24. März 1909
JA 68
Monatsbellage: „Zuldaer Geschichtrblatter"
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Sari Schütte,
Z.par;eLer in Fulda. Äochenbettase: Illustrierte Zonntagzzeitung"
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Drittes Wlcrtt.
* Wie das Zentrum die „Nemen Leute schröpft".
Die sozialdemokratische Presse wird nicht müde in ihren Versuchen, das Zentrum bet der Arber- -tersüaft deswegen anzuschwärzen, weil es der Erhebung eines geringen Zuschlags zur Emkom- rnensteuer von 12'00 A aufwärts rm Preu- rischen Abgeordnetenhause seine Zustrmmung gegeben hat. Dabei verschweigt sie, daß das Zen- trum in seiner ursprünglichen Absicht zur Scho- nung der schwächsten schultern e r st bet, 3000 Mark Einkommen die Zuschläge beginnen lassen wollte; als es damit bei der stärksten Partei des Abgeordnetenhauses den Konservativen, kein Entgegenkommen sand, letztere vielmehr schon auf 900 A Einkommen den Zuschlag gelegt wissen wollten, erst tra ging das Zentrum zu seinem Vermittlungsantrag auf den 12OO-^-Zu- schlag über, um so eine sch l im m e r e Belastung, die mit dem Zuschlag schon bei 900 A Einkommen verbunden gewesen wäre, wenigstens zu verhüten. Wesentlich war für die Zustimmung des Zentrums gerade auch der Umstand, daß die Steuerzuschläge in erster" Linie durch die Aufbesserung der unteren und mittleren Beamten in der Besoldungskommrstion n o t- wendig geworden waren, und deren Ertrag diesen ol!» auch )»"Erster Linie zugute kommt.
Um nun der Legendenbildung, die sich jetzt »schon an die Frage der Stellungnahme des Zentrums zu den Zuschlägen auf-die preußische Einkommensteuer anknüpft, die Spitze obzubrechen, empfiehlt es sich, an der Hand der Begründung derselben durch den Abg. Herold die Motive des Zentrums ein für allemal aktenmäßig fest- tzulegen Einleitend betonte Abg Herold nach dem stenographiMn Bericht, 'lSitzung vom 20. Februar 1909. S. 2558 ff.), daß das Zentrum ja sehr gewünscht habe, daß man mit den Zuschlägen erst bet einer hohem Steuersumme als 1200 A begonnen hatte. Wenn es aber, um eine Majorität zu gewinnen, schließlich zugestimmt habe, daß schon bei 1200 A- angefangeit werde, so sei zunächst der Umstand dafür bestimmend gewesen, daß der Zuschlag bet den Einkommen von 1200 bis SGOÖ A ja außerordentlich niedrig bemessen sei, nämlich auf 5 Prozent; er betrage also fei einem Einkommen von 1350 A nur f;O Pfg. mehr an Steuern. Das Hauptmoment jedoch, das die Zustimmung ermöglichte und die unbedingte Vorbedingung war, nm überhaupt darauf eingehen zu können, habe darin gelegen, daß bte Zentrums-Anträge auf eine erheblich stärkere Ausgestaltung des Kinderprivilegs angenommen worden seien. In dieser Beziehung führte Abg. Herold aus:
.Was wir erreicht haben, ist ein wesentlicher Erfolg, und macht soviel aus, daß trotz des Zuschlags von 5 Prozent der Gesamtbetrag, welcher an Steuern in den Steuerstufen von 1200 bis 3000 M. auskommt, niedriger ist als-vorher, d. h. das vermehrie Kinderprivileg macht mehr aus in der Steuer Verminderung, als die Steuererhöhung durch den Zuschlaq von 5 Prozent, so daß also, obschon der Gesamtsteuerbetrag, der aufgebracht wird, erheblich, höher ist, doch die Steuerzahler innerhalb der Summen von 1200 bis 30J0 M. weniger zahlen als vorher.
In welchem Maße das Kinderprivileg wirkt, dafür noch ein paar Zahlen. Wenn jemand ein Einkommen von 1500 M. hat und dabei 8 Kinder, so ist er in Zukunst völlig steuerfrei. Hat er ein Einkommen von 1650 M. und 10 Kinder, dann ist er ebenfalls ipenersrer, und auch noch bei einem Einkommen von ‘1800 Al. und 12 Kindern ist völlige Steuerfreiheit vor
handen. Bei 2 Kindern und 1O5O M. Einkorn' men bleibt zemand ebenfalls steuerfrei. Ich glaube, daß in der Ausgestaltung des Kinderprivilegs doch ein wesentlicher Vorzug liegt. Es kommt hinzu, daß bte Kinder auch durch unterstutzungspflichtige Verwandte ersetzt werden können. Wenn also statt der Kinder noch alte Eltern da sind, bann werben diese für den Steuerabzug mit gezählt.
Diese außerordentlichen Wirkungen der Ausgestaltung des Kindeupvivilegs, die in erster Linie dem Zentrum zu verdanken ist, muß man sich recht eindringlich vor Augen führen, um einzusehen, welchen Gipfelpunkt der Einseitigkeit und Gehässigkeit die sozialdemokra- tische Presse bereits erreicht hat, wenn sie den Anschein zu erwecken sucht, das Zentrum habe mit den Einkommensteuerzuschlägen von 1200 A an die „kleinen Leute schröpfen" wollen. Dazu paßt auch vorzüglich, daß die sozialdemokratische Presse berfdjtoeigt, daß die Steuerzuschläge für kommunale Zwecke nicht benutzt werden dürfen und sie ferner für Wahlzwecke keinen Einfluß ausüben sollen.
Doch diese Erfolge sind in erster Linie dem Zentrum zu verdanken, und da hieße es von der sozialdemokratischen Presse zu viel verlangen, wollte man fordern, daß sie hier der Wahrheit die Ehre gäbe! __________________
Deutsches Reich.
* Religion ist Privatfache. In dem sozialdemokratischen Blatte „Vooruit" zu Gent, der bekannten belgischen Großstadt, lieft man folgenden, mit großen Buchstaben gedruckten Aufruf:
„Vereinigung ber Freibeuter. Fest für bie Jugend. Der Verein der Freidenker hat in seiner letzten Komiieesitzung beschlossen, jenen Kindern, welche die erste Kommunion nicht empfangen wollen, ein Diplom und ein Andenken zu geben. Die Zeremonie dieser Verteilung wird auf dem Kongreß der Freidenker stallfinden, der am 20. Mai im großen Saale des Ons Huis in Gegenwart der Delegierten der verschiedenen Freidenkervereine wird abgehalten werden. Die Ellern werden ersucht, von nun an ihre Kinder zu dieser Feierlichkeit einschreiben zu lassen beim Verein der Freidenker oder beim Genossen Bogaerts."
Lws Huis ist das Lokal der Sozialdemokralen zu Gent. Bogaerts ist der Chefredakteur des sozialdemokratischen Blattes „Vooruft". Aber ttotzalledem toerbcn die „Genossen" es weiter als Verleumdung erklären, wenn jemand behauptet, daß die Sozialdemokraten gegen die Religion und Zutreiber des abgeschmacktesten Freidenker- tums sind!
* Karlsruhe, 22. März 1909. Die Wahlagitation in Baden nimmt schon ein lebhaftes Tempo an. E i n Moment gibt dem diesjährigen Wahlkampf ein ganz besonderes Gepräge gegen früher, nämlich das selbständige Auftreten der Konservativen gegen bie N a- tionalliber aleu. Die Nationallibenalen, denen schon recht ungemütlich zu werden beginnt, versuchen die konservativen Wähler köpf scheu zu machen, indem sie darauf Hinweisen, daß das Zentrum die Konservativen unterstütze, das Zentrum leihe aber seine Unterstützung nie umsonst, es lasse sich jeden Gegendienst gut bezahlen, wenn nicht gerade nachweisbar im Augenblick, so doch um so sicherer später im Landtag. — Es war in hohem Grade unvorsichtig von den Tonangebern im nationalliberalen Lager, gerade diese Devise auszugeben; denn um einen Hieb von dieser Seite her zu parieren, hat der Zentrumsführer Wacker, der seine Legte durchschaut, sich bereits zum voraus festgelegt. Er hat auf der großen Zentrumsversammlnug zu Wiedloch am 13. Dezember v. I. schon ausdrücklich gesagt: „Wird irgendwo ein konservativer Kandidat mit Hilfe des Zentrums gewählt, so gerät er damit nicht im geringsten in irgend
welche Abhängigkeit vom Zentrum. Er kommt nie in die Gefolgschaft bcB Zentrums: weder aanz noch halb." Klarer und bestimmter, als es hier geschehen, kann sich eine Fraktion gewiß nicht öffentlich binden. Es bleibt also den geg- nerischen, schwer in die Enge getriebenen Liberalen nichts übrig, als das Zentrum rein allgemein zu verdächtigen und so anzuschwärzen, daß den ängstlichen Wähler eine Gänsehaut beschleicht vor dem schlechten Zentrum. Dieses Gruseln, in die unheimliche Nähe des schwarzen Mannes zu geraten, bildet für den liberalen Agitator zurzeit noch die einzige Hoffnung auf Erfolg bei unschlüssigen Protestanten. Am 13. ds. Ms. war in Freiburg eine große liberale Versammlung, alle drei liberalen Fraktionen haben sie trotz Sprengung des Blocks einberufen. Dieses Moment läßt schon tief blicken, es drückt die große Not aus, in der sich die einzelnen Teile ohne Blockfesseln befinden, aber auch den stillen Wunsch doch schließlich miteinander zu arbeiten, auch wenn die theoretische Bindung fehlt. Auch sonst im Lande beobachtet man das Bestreben, tn der Praxis, trotz allem Blockpolitik zu treiben und einander Wahlhilfe zu leisten, weil sonst — jeder verliert.
Ausland.
* Der Priesterhaß der französischen Kirchen- feinde gründete sich zu einem namhaften Teil darauf, daß die Priester „untätig" seien, daß sie „nur beten" und „keine Arbeit leisten" könnten, während das andere Volk „mit Händen und Füßen arbeiten" müsse. Nun, in Frankreich sind die Priester wirklich zu Arbeitern geworden, die Hände und Füße rühren, um ihr Leben zu fristen, nachdem ihnen der Staat ihr Einkommen genommen hat. Diese Priester- Arbeiter haben sich zusammengetan, um ihrer Arbeit besseren Absatz zu sichern. Die Bischöfe tun ihr möglichstes, um den braven Arbeitern zu nützen, und Kardinal Mathieu war der erste, der den als Lithographen tätigen Priestern seine Visitenkarten und jene seiner Freunde in Bestellung gab. Mit ihrer Hände Arbeit glaubten die Geistlichen nun vor dem Haß der Jakobiner, welche ihnen die Gehaltsbezüge nahmen, sicher zu spfe. Aber sie hatten sich bitter getäuscht: Auch" die arbeitenden Priester sind den Kirchenseinden verhaßt, die sich nicht scheuten, den kleinlichsten Boykott gegen die Arbeit und die Arbeitsprodukte der Priester zu organisieren. Abbe Challong, der die Genoffenschaft der Geflügelzüchter des Departements Lot (ausschließlich Priester) leitet, bat an den „Figaro" einen Brief gerichtet, der über den schändlichen Boykott folgendes sagt:
„Wenn unsere Zucht wohlgelungen ist, können wir vom Verkauf nicht das gleiche behaupten. Wir haben für die Geflügelausstellung im Fwruar Plakate ansertigen lassen. Keines ist geblieben, auch wenn Türen und Kelten sie hätten schützen müssen. Die Beseitigung der Plakate in den Ausstellungsräumen er- folgie so systematisch, daß wir es unnötig, ja unklug erachtelen, Geflügel, natürlich unsere schönsten Tiere, auf die Ausstellung zu bringen. Andererseits können wir auf unsere Arbeit nicht verzichten, weil sie unser Brot ist."
Der,Figaro' empfiehlt den Lesern die Produkte der Priester-Arbeiter, damit ein Gegengewicht gegen den Boykott des Jakobinertums geschaffen werde.
* Eine große Umwälzung im Kriegsschiff bau steht bevor, wenn die neuen Mittellungen über eine englische Erfindung von rauchlosen Motoren mit Gas- oder Petroleumspeisung sich in vollem Umfange bewahrheiten sollten.
Danach soll eine englische Firma, die fett Jahren mit rauchlosen Motoren für große Dampfschiffe experimentierte, nunmehr alle Schwierigkeiten bei der Herstellung derselben überwunden haben. Infolgedessen habe die Admiralität beschlossen, sofort mit dem Bau eines neuen Typs von Linienschiffen zu beginnen, der dem Dreadnoughttype noch überlerlegen fein wird. Zu den Vorteilen der Motoren mit innerer Verbrennung gehöre, daß keine Schornsteine nötig wären, daß kein Rauch vorhanden fei, daß der Kohlenverbrauch verringert werde, daß weniger Raum für Kohlen nötig fei, daß die Maschinen viel spar- famet seien und daß eine geringere Bemannung erforderlich sei. Man könne alle Geschütze auf beiden Seiten abfeuern und sie in vollem Umkreise drehen.
Aus dem Nachbargebiete.
y Hanau, 23. März 1909. Die Vertreter der katholischen Arbeiterbewegung des Main» Kinziggaues des Verbandes kathol. Arbeitervereine versammelten sich am Sonntag dahier zu einer Delegierten - Sitzung. Zwei wichtige Punkte standen auf der Tagesordnung, die in angeregter Diskussion durchberaten wurden. Die erste Frage, welche Herr Arbeiter-Sekretär Frede in Offenbach behandelte, lautete: „Wie arbeitet die neue Agitation der Sozialdemokratie in unserem Bezirke und was muß unsere Gegenarbeit fein?" Der Redner entwarf nach seinen persön- sichen Erfahrungen nach den Berichten der .Volks- stimme' ein klares Bild von der erneuten frischen Arbeit der Sozialdemokratie in unserem Bezirke, die uns unsererseits ernstlich mahne, alle Kräfte zum Gegenkampfe aufzubieten. Die Kampfmittel wurden des näheren bargelegt und für die größere Verbreitung der -Westdeutschen Arbeiterztg/ und zur Bekämpfung sozialdemokratischer Literatur wichtige Beschlüsse gefaßt. Das zweite Referat, hielt der Bezirks - Schriftführer des Verbandes, Herr Kaplan Trag es er- Hanau, über die Frage: „Welchen Plan wollen wir fest-, legen für die Tätigkeit nufere« Arbeiter« sekretärs in unserem Bezirk?" Der Redner legte einen praktischen Arbeitsplan der Versammlung vor, der einstimmige Annahme fand. Als dritter Punkt stand auf der Tagesordnung die Vorbe- reitung zur Frühjahrsversammlung der Delegierten und Vereine in Fechenheim. Es wurde festgesetzt, am 16. Mai dieses Arbeitersest zu begehen. Zwei bewährte Redner werden den Darwinismus aU- apologetisches und die neueren sozialpolitischen Förderungen des Arbeiterstandes als wirtschaft»! liches Thema behandeln. Sehr bedauert wurde es von Der Versammlung, daß für die Arbeiterbewegung so interessierte Orte, wie Die des Freisi gerichies und des Dekanates Orb, nicht erschienen waren, trotzdem die Herren Präsides und bi«; Arbeiterschaft schriftlich unb durch bie Zeitungen eingeladen worden waren. Wenn ber Bezirks, verband seine Pflicht, unsere Arbeiter auf christlichem Boden zu erhalten, erfüllen will, dann müffen alle Vereine zusammenhalten und erscheinen, wenn zu solch ernsten Beratungen gerufen wird.
□ Frankfurt a. M., 22. März 1909. (Kaiser preis-Wettsing en.) Für den Besuch des Gesangwettstreits sind bie Preise ber Plätze folgendermaßen festgesetzt worden: a) Dauerkarten: 1. Parterre 25 M., 2. Parterre 20 M., 1. Rang,
Z« Sonne i>es EchmniB.
63] AnS dem Englischen von K. v. Raesfeld
Doch der Todesschreck wich nicht aus ihrem fGesicht. Sie trat einen Schritt näher und flüsterte heiser:
„Was wissen Sie? Wenn Sie mich nicht auf Her Stelle sterben sehen wollen, so sagen Sie mir, iwas es ist."
5acf lächelte, lächelte tatsächlich; kein Funke des Mitleids rührte sein Herz. Es war wirklich köstlich, diese Frau erniedrigt und gedemütigt zu sehen. Er war von vornherein überzeugt ge- iwcsen, daß sie ihm alle zu Füßen liegen würden.
„Sic wissen wohl, was ich zu sagen habe — über die kleine Affäre da unten in Abbotsville. Ich weiß, wer Werner Jefferies, wie Sie ihn nennen, in Wirklichkeit ist."
„Wer?" keuchte sie hervor und umklammerte krampfhaft die Stuhllehne, um nicht zu fallen. . «Es ist Ihr Sohn", betonte Jack. „Natürlich iftüß ich in Ihre Geheimnisse nicht einbringen. Sie mögen meinetwegen dreimal verheiratet ge- stvesen sein, oder überhaupt nicht, daWDD mich tznchls an; aber Sie müssen einen Grund dafür tzehabt haben, Ihren Sohn zu verleugnen und zu verstecken unb ihn als das Kind meiner Mutter Selten zu lassen. Zahlen Sie mir den Preis, den ich verlange, unb ich werde Ihr Geheimnis fcelvabren."
Statt aller Antwort schlug Marian West die Hände vor's Gesicht und blieb bewegungslos und Stumm stehen. Lautlose Stille herrschte in der «chlicthek, man hätte eine Nadel können fallen vor en.
eine Erleichterung für sie, daß ihrer iofftV? t. zur Last gelegt werden fefbeA do- bereits diesem Idol ihres iKäbcfienrtrtLatnke9e6cn ’ hatte die Liebe ihres
bas ibr einfMn^" ba§ stille, häusliche Glück, 88OP ernst so schon erschienen, geopfert: sollte
sie nun auf diesem Altar schwesterlicher Liebe auch noch ihre Ehre und ihren guten Namen, alles, was sie am meisten liebte und schätzte, zum Opfer bringen? Ihr Sohn! Sollte sie es auf sich nehmen? Evelyn war dann frei — Evelyn, die schöne, stolze Schwester, vergöttert von ihrem Gemahl, geliebt unb gesegnet von ihren Kindern — Evelyn, die vornehme und hochstehende Dame, der alles wegen ihres Ranges und ihrer Schönheit huldigte.
„Was kann's verschlagen, was mir passiert?" dachte sie, als diese Gedanken mit Blitzesschnelle ihr Gehirn durchkreuzten. „Es würde niemanden miitreffen. Hab' ich denn all diese Jahre für Dich gelebt, Eve, um Dich schließlich noch zu verraten?"
Unb die Liebe zur Schwester siegte; sie sah Jack fest an, nahm bie ganze Schuld auf ihre Seele unb widersprach ihm nicht.
„Wie haben Sie es erfahren?" fragte sie, immer noch mit der schwachen Hoffnung, er möchte sic chließlich bloß auf die Probe haben stellen wollen
„Ich habe es seit Jahren vermutet", erwiderte er. „Tadeln Sie meine Mutter nicht — sie har mir nie, das kann ich Ihnen schwören, auch nur etn Wort gesagt, und ich habe doch mein Möglichstes probiert, die Sache vor ihr herauszube- kommen."
„Wie haben Sie es denn erfahren?" wiederholte Miß West.
„Errnnern Sie sich nicht, daß Sie mal vor Dielen Jahren zu unfern: Hanse nach Elton ge- kommen sind? Nun, Sie und meine Mutter glaubten, ich hätte geschlafen, aber ich hatte meine fünf Sinne zusammen; ich war hellwach Sie kamen in die Stube, wo Werner bei mir schlief; Sie küßten ihn, unb ein paar Tränen fielen Ihnen aus den Augen."
„Haben Sie mich gesehen?" fragte sie.
„Jawohl", erwiderte er, „unb ich kann, wie es in den Zeitungen heißt, Ihre Identität be
eidigen, wenn es auch schon so viele Jahre her ist."
„Angenommen, ich sage Ihnen, daß Sie vollständig im Irrtum sind?"
Jack lachte laut.
„In dem Falle würde ich sofort zu Lord Wayne gehen und ihm die ganze Geschichte erzählen. Er würde die Wahrheit schon herauskriegen."
„Er würde Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach eine derartige Lektion angedeihen lassen, daß Sie Ihre Verleumdungen nie zu'wiederholen wagen würden", rief sie empört.
„Verleumdungen? Ich habe zu viele Beweise in der Hand", lachte Jack überlegen. „Können Sie leugnen, Miß West, daß Sie Werner bie Kisten mit den Büchern und anderen Sachen geschickt haben, als er damals auf die Universität ging?"
Marian fuhr zusammen. Wenn er bas wußte, wußte er aller Wahrscheinlichkeit nach auch mehr unb konnte für alle Behauptungen Beweise beibringen. Ableugnen war deshalb, selbst wenn sie sich dazu herablassen wollte, ganz und gar nutzlos. Sie wandte sich mit stolzer Verachtung wieder zu ihm. Vielleicht in ihrem ganzen Leben hatte Marian West sich nicht stolzer gefühlt, als in diesem Augenblick, wo sie das, was sie un Leben aufs höchste schätzte — ihren guten Namen — geopfert hatte.
„Unb angenommen, Herr Jefferies, ich gebe zu, daß Sie den Spion zu irgend einem Zweck gespielt haben, und — und baß — daß Ihre — Ihr Verdacht zutrifft, was dann?"
„Das läßt sich hören", erwiderte er; „bann also könnten wir sehr wahrscheinlich zu einer Einigung kommen, und das ist, waz ich will."
„Dann haben Sie also seit Jahren den Spion gespielt unb darnach gestrebt, alles zu erfahren, was Sie nur ausfindig machen konnten, um eines Tages Ihr Geheimnis zu verkaufen?"
„Jawohl, jawohl", unterbrach er sie, „dem, der am meisten dafür bietet«"
„Wenn Sie wirklich so niebdig denken, so herz» unb gefühllos, so gänzlich tot für alleA sind, was Ehre heißt, so können keinerlei Worte auf Sie einwirken oder Sie rühren."
„Nein", sagte Jack offen und nicht im geringsten beleidigt; „das glaube ich nicht. Ich laß' mir kein 3E für ein U vormachen."
„Dann will ich meine Worte sparen. Wir. wollen also kurz sein. Hat sonst jemand das Geheimnis entdeckt, ober wissen Sie allein davon?"
„Niemand sonst hat auch nur eine Ahnung", erwiderte er. „Sehen Sie, Miß West, ich habe seit vielen Jahren versucht, dies herauszukriegen. Mancherlei Kleinigkeiten erweckten meinen Verdacht. So zum Beispiel wollte meine Mutter mir nie sagen, wo sie gewohnt hatte, ehe sie nach Elton gekommen war. Ich dachte mir, dafür muß sie einen Grund haben. Ich bekam das auch heraus. Dann war es mir rätselhaft, wo sie ihr Einkommen herkriegte. Nach einiger Zeit bekam ich auch das heraus. Sie wissen gut genug, daß es nutzlos wäre, etwas abzuleugnen, denn ich bin nach Abbotsville gewesen und habe dort. Erkundigungen eingezogen."
„Ein berechnender, hinterlistiger Spion sind, Sie gewesen, unb Sie haben Erfolg mit Ihrem, Spionieren gehabt", sagte sie verächtlich.
„Ja, das habe ich Und ich schäme mich dessen, auch gar nicht besonders. Arbeiten habe ich nie gern getan. Miß West. Als ich fand, daß meine Mutter von dem Geheimnis lebte, beschloß ich, dasselbe zu tun. Ich kann ebensogut ganz ehrlich fein und Ihnen sagen, daß das auch der Grund ist, daß ich nie ein Handwerk gelernt, ober ein Geschäft angefangen habe; es wäre ja Trotz gegen bie Vorsehung gewesen, wenn ich nicht mein Bestes getan hätte, um dies Geheimnis, das mir vor ber Nase lag, auszutüfteln und davon zu leben."
„Sie sind wirklich sehr offenherzig", warf sie bitter hin.
(Fortsetzung folgte