Einzelbild herunterladen
 

IlIAftiM* MKM ZAthmn UlvUvIr IMM t/vl<UIIU

Monatrbellager „zuldaer Geschichtsblätter"

M 67

Fulda, Dienstag den 23. März 1909

36. Jahrgang

für die Anzeigen:

Z parzeller in Zulda. wochenbeirage: „illustrierte 5onntagzzeitung

krschelnt tSakich mit Ausnahme der So.m- nndZriertage. viertel­jährlich« Bezugspreis ahne vringerlohu und vesteügeld in Zulda so­wie auswärts 1.50 Mt.

Verantw. Redakteur:

Sarl Schütte;

««zeigen: Vie eia- spaltigepetitzeileoder deren Raum Z5 pfg. Lellamendrepetitzeike 25 pfg., bei Wieder­holungen wird entspr.

Rabatt gewährt.

RotatlonrdruSund Verlag der Lnldaer Ak» üendrnSerei in Zulda Zernsprecher Nr.y.

Erstes Wtatt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 22. März 1909.

Die zweite Lesung des

MilitSretats

«wird fortgesetzt beim Kapitel .Offiziere in be­sonderen Stellungen". — Die Budgetkommission beantragt, von be$t geforderten 400 000 3«. 100000 2«. 'n streichen. Ein konservativer Antrag auf Wiederher- Nellung der Regierungsvorlage wurde abgelehnt und 1,1,3 Kapitel in der Fassung der Kommission bewilligt. . Beim Kapstel .Oberveterinäre" beantragt vte Kommission, 15 Oberveterinäre zu streichen. Em Segieturpf§etni verlangt Wiederherstellung der

Oberst Wandel bittet gleichfalls um Wiederherstel­lung der Vorlage. Wenn 15 Stellen gestrichen würden, *°,n?]n:»en die Dienstaltersverhältnisse der Ober» veterinäre, über die schon ohnehin geklagt werde, noch weiter verschlechtern.

Abg. Dröscher (kons.) begründet den Antrag Ehlern.

Abg. Erzberger (Ztr.) widerspricht. Wenn uns die Regierung versprechen würde, eine Reorganisation des Veterinärtorps bis zum nächsten Jahre vorzunehmen, 1° wurden wir unseren Widerspruch zurückziehen.

Abg. Görcke (ntL) stimmt dem Abg. Erzberger zu.

Oberst Wandel: Die Militärverwaltung hätte schon gern in diesem Jahre eine Reorganisation des Korps vorgenommen. Es fehlten aber die Mittel.

Unterstaatssekretär Twele erklärte, daß die Regie­rung mit der Umwandlung des Veterinärkorps in ein «eterinär-Osfizierkorps zum 1. April 1910 einverstanden Jet und die dazu erforderlichen Mittel bereitgestellt werden sollen.

Der Antrag Ehlern wurde angenommen.

Beim Titel: „Reitendes Feldjägerkorps" beantragt die Kommission die Absetzung von 15 543 Mark und den Zusatz: Das reitende Feldjäger-Korps fall mit dem 1. Oktober 1909 wegfallen.

Abg. Bieberstein (kons.) beantragt Wiederherstellung [bet Vorlage.

Staatssekretär v. Schoen bezeichnete im Jntereffe sder Beförderung von Depeschen die Erhaltung des Korps für das Auswärtige Amt als notwendig. Daraufhin sprachen sich die Abgg. Frhr. v.Hertling (Z.) »nd Semler (ntl.) für den Antrag aus.

Der Antrag auf Wiederherstellung der Regierungs­vorlage wurde angenommen.

' Beim Titel „pensionierte Offiziere re." bittet

Abg. Erzberger (Ztr.) darauf htnzuwtrken, daß ^katholische Feiertage von Musterungstermtnen 'freigehalten werden. Eben erst wieder sei in einer Stadt des Westens auf den 25. März ein Mnsterungs- lermin anberaumt worden.

Abg. Dr. Pfeiffer (Z.) erörtert ausführlich den Fall des Rechtsanwalts Dr. Heim in Worms, dem wegen seiner Zugehörigkeit zu einer studentischen katholischen Korporation erst die Zulassung zur Wahl und dann die Wahl zum Reserveoffizier verweigert worden fei. Daß für diese Entscheidung die prinzipiell ablehnende Haltung des Dr. Heim zum Duell maßgebend war, geht aus der Tatsache hervor, daß der Bezirkskommandeur sich die Satzungen der be­treffenden katholischen Studentenverbindung zur Einsicht hat vorlegen lasten und daß ein Angehöriger der pro­testantischen Studentenverbindung Wingolf, die bekannt­lich ebenso das Duell verwirft, bei der Wahl durch- oeiallen ist. Redner teilt eine Reihe von Briefen und Aktenstücken mit, die in dieser Angelegenheit gewechselt worden sind, und macht daraus aufmerksam, daß eine Kabinettsorder besteht, die ausdrücklich verbietet, Re erveoffiziers-Asptranten nach ihrer Zugehörigkeit zu einer studentischen Korporation zu befragen.

Kriegsminister ti. Sinern: Was den Fall des Rechts­anwalts Heim anlangt, muß ich erklären, daß auch ich ihn nicht billige: dem Mann soll zu seinem Recht »erhoffen werden. Liegt die Sache tatsächlich so, wie fbtr Abg. Pfeiffer sie dargestellt hat, bann wirb ber be­treffende Bezirkskommandeur zur Verantwortung ge­zogen und dafür gesorgt werden, daß Aehnliches sich licht wiederholl.

Beim Titel „Mannschaften" weist

Abg. Zubeil (Soz.) auf die Konkurrenz hin, die die IRilitärmufiter den Zivilmusikern bereiten.

Abg. Hoen (Z.) bespricht die Mißhandlungen ber Rekruten durch die sogenannten „alten Leute".

.....—1 11 ■ "

Bei der Zubilligung von Renten an Soldaten sollte man milder verfahren. Zur Erntezeit sollte mehr Ur­laub gewährt werden. Bei den Löhnungen der Mann­schaft sollte nicht gespart werden. Wir sind stolz au unser Heer, das noch nicht polllisch zerklüftet ist. Ader eS muß sittlicher werden.

Die Resolution auf Ersetzung des dritten Leutnants durch Feldwebel-Leutnants wird angenom­men, ebenso die Resolutton auf Einschränkung der privaten Tätigkeit der MustRapellen, ferner die Reso­lution auf Umwandlung von Haftstrafen in Geldstrafen. Bei ber „Naturalverpflcgung" fuhrt

Abg. Zubeil (Soz.) Klage über schlechte Verpflegung ber Soldaten infolge Vergebung der Lieferungen an Generalpächter.

Bei dem Kapitel „Bekleidung und Ausrüstung der Truppen" bittet

Abg. Irl (Ztr.) um größere Berücksichtigung ber Haubwerkergenossenschaften und Innungen bei Vergebung ber Arbeiten. Viel erspart würde, wenn die Heeresverwaltung die Rohstoffe nicht selbst kaufen würde, sondern das den Genossenschaften über­ließe. Der Redner wünscht, daß neue Bekleidungs- ämter nicht mehr geschaffen, bie bestehenden verringert und bie Arbeiten bett Genossenschaften übertragen werben.

Abg. Gans Ebler z. Puttlitz (kons.): Meine Partei­freunde stehen ber ^Übertragung von Arbeiten an bie Genossenschaften sympathisch gegenüber, sind aber ber Ansicht, daß bie Bekleidungsämter sich gut bewährt haben unb billig arbeiten.

Generalmaior v. Lochow: Die Bekleibungsämter können wir auf Wunsch ber Handwerker nicht so schnell wieder aufheben, denn im Mobilmachungsfalle würden die Genossenschaften den erhöhten Anforderungen nicht genügen können. Die gesamte Ausrüstung eines In­fanteristen kommt bei uns nur auf etwa 72 Mark zu stehen, die Aemter arbeiten also sehr billig.

Die Resolution der Budgetkommission wegen Neu­regelung des Verdingungswesens wird angenommen. Beim Kapitel „Garnisonsverwaltung und Serviswesen" bittet

Abg. Siebenbürger (kons.), bei Neuformationen die kleinen Städte mehr zu bedenken, da die besten Re­kruten vom Lande und aus den kleinen Städten lammen.

Aby. Dnffner (Ztr.) bittet ebenfalls, Garnisonen nach klemen Orten zu verlegen.

Beim Militär-Medizinalwesen wendet sich

Abg. Gerstenbergcr (Ztr.) gegen Monopole bei Lieferungen.

Bei den Reisegebührnissen behauptet Abg. Stückten (Soz.), Offiziere hätten Reisegelder bezogen, ohne gereift zu fein.

Generalmajor v. Lochow bittet um das Material.

Bei den Unteroffiziersschulen beschloß die Kommission die Verlegung der Unterosfiziersschule von Biebrich nach Wetzlar. Das Haus schloß sich dem an.

Abg. Wieland (dtsch. Dp.l wünscht eine bessere turnerische Ausbildung der Soldaten.

Beim Militärgefängniswesen beklagt Abg. Zubeik (Soz.) die schlechte Behandlung von Unter« uchungsgefangenen.

Dienstag: Weiterberatung.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 22. März 1909.

Die zweite Beratung des

Eisenbahnetats

wurde fortgesetzt bei den dauernden Ausgaben.

Abg. Lüdicke (fr!.) wünscht Erhöhung ber Pensionen ür Bahnhofsvorsteher.

Abg. v. Savigny (Zentr.): Die Zuschüsse für bie ttenfionslaffe der Arbeiter müffen erhöht werben. Die Arbeiter in den Hauptwerckstätten haben den be­rechtigten Wunsch, in das Beamtenverhältnis zu ge­langen.

Abg. König (Zentr.) spricht sich für zweckmäßige Beamten- und Arbeiterwohnungen aus und befürwortet Erhöhung der Penstonsbezüge und Erweiterung des Echolungsurlaubs für die Bahnarbeiter. Den Lokomo- tivputzern sollte mehr als bisher die Möglichkell ge­geben werden, an Sonntagen ihren religiösen Pflichten nachzukommen. Was die großspurigen Behauptungen des Abg. Leinert anlangt, als ob nur bie Sozialdemo­kratie etwas für die Bahnarbeiter tue, so darf ich dem

Abg. Leinert erwidern, daß das Zentrum nicht ge­wartet hat, für die Arbeiterschaft emzutreten, bis die Sozialdemokraten erschienen sind. (Beifall hn Zentrum.) DaS Zentrum hat in der Person des Abg. Beyer schon seit 34 Jahren einen Vertreter aus dem Stande der Eisenbahner.

Minister v. Breitenbach: Der von Herrn Dr. v. Savigny angeregten Frage, einen Teil der Eisen- b ahn ar beiter zu etatsmäßigen Beamten zu machen, kann nicht entsprochen werden, denn bei der Anstellung kommt hauptsächlich in Frage, ob es sich um verant­wortliche Posten ober um eine gewisse Aufsichtstätig­keit handelt, was bei den Arbeitern nicht der Fall ist. Die Arbeiter haben eine ausreichende Sicherheit für das Alter in Abteilung B der Penfionskaffe, zu welcher der Staat ein Sechstel zuschießt. Den Wünschen des Abgeordneten König bezüglich der Arbeiterwohnungen werde ich nach Möglichkeit gerecht zu werden versuchen.

Abg Dr. v. Savigny <Zentr.) bittet den Henn Minister, der Frage ber Anstellung von Eifenbahn­arbeitern kein entschiedenes Nein entgegenzusetzen.

Beim Abschnttt „sächliche Ausgaben" brachten eine Reihe Redner zumeist lokale Wünsche vor. Abg. Giemsa (Zentt.) regte die Einführung der elektrischen Beleuch­tung der Eisenbahnwagen an.

Eisenbahnminister v. Breitenbach sprach fich da­gegen aus.

Aba. v. Brandenstein >kons.) begründete eine Reso­lution der Budgetkommission betr. Neuregelung der Rechtsverhältniffe zwischen der Staatsbahnverwaltung und den Bahnadjazenten, Kommunen unb Wegeunter­haltungspflichtigen.

Minister v. Breitenbach erkannte die Notwendigkeit der Neuregelung nicht an.

Abg. Schmidt-Warburg (Zentr.) bemängelte, daß man die ganze Betriebsinspektivn mittleren Beamten übertragen wolle. Das sei übertriebene Sparsamkeit.

Minister v. Breitenbach erklärte, diese Einrichtung habe sich bewährt.

Nach weiterer Debatte wird die Resolution an eine Kommission von 14 Mitgliedern überwiesen.

Alsdann folgte die Beratung des außerordent­lichen Etats, wobei rein lokale Wünsche vorge­bracht wurden. — Beim Eisenbahndirektionsbezirk Kassel dankt

Abg. v. Savigny (Zentr.) namens der Stadt Paderborn für den Neubau einer Wagenwerkstätte. Die Stadt hoffe dadurch einen solchen Bevölkerungs­zuwachs zu erhalten, daß sie zu einem Stadtkreise aus- reiche. Ferner empfahl Redner, die Verhältnisse von Handwerkern und Arbeitern in den Betrieb-Werkstätten unb den Hauptwerkstätten tunlichst gleich zu gestalten. Die Beschleunigung des Bahnhofsbaues Paderborn sei dringend zu empfehlen. Redner empfiehlt bann die Verbesserung des Uebergange» des Bahnhofes Langen- e l b o I b zur Freigerichter Kreisbahn. Ferner fei dringend zu wünschen eine ausgedehntere Ueberdachung ber Bahnhöfe Gelnhausen, Hanau-Ost.

Abg. Schröder-Kassel (natL) wünscht Entlastung des Kasseler Güter bahnhvss.

Abg. Wendlandt fnatl.j bittet um Umbau der Eisenbahnstation in Eschw eg e, insbesondere auch des Güterbahnhofs und die Schaffung einer Unterführung nach Nieberhone.

Dienstag: Fortsetzung des Eisenbahuetats, Wahl­prüfungen, kleinere Vorlagen, Petitionen.

0 Englische Flvttenrüstrmgeu.

Die letzten Debatten im englischen Unter- Haufe haben zur Folge gehabt, daß selbst d i e Kreise der englischen Oeffentlichkeit, die sich bei ruberen Gelegenheiten noch mäßig zeigten, mit größter Eulschredenheit für ein bedeutend er- wette ilcs Flottenprogramm eintraten.

Tie Engländer glauben, nicht nur ihre Bor­herrschaft. zur See, sondern ihre ganze nationale Existenz bedroht, und da mutz man jedenfalls mit dem festen Entschluß Englands rechnen, die dmchschlagende Ueberclegenheit seiner Flotte, also die ausgesprochene und unbestreitbare See­herrschaft um jeden Preis zu behaup- t e n. Die vielfach hervorgetretene Ansicht, daß England auf den sog. Zweimächtestandard, d. h. auf die Ueberlegenheit über die vereinigten Flotten der beiden nächstgrößten Seemächte, be­reits verzichtet habe und sich auf die Ueber-

trumpfung der deutschen Flotte beschränken werde, ist nach den jüngsten Erklärungen im Unterhause durchaus irrig. Me englische Regie­rung hält nach wie vor an dem Zweimächto­st a n d a r d fest und sie hat auch die Ueberzeug- ung (die allerdings im Anfänge der Beratungen aus agitatorischen Rücksichten etwas verschleiert wurde), daß England noch immer die Ueberlegen- heir über jede gegnerische Kombination besitzt.

Daneben betreibt sie allerdings eine besondere Vorsorge für die Zukunft, und zwar von folgendem Gesichtspunkte aus: Deutschland hat den Typus der englischen Riesenschiffe, der Dreadnoughts (Fürchte nichts) und Jnvicibles (Unbesiegbar) aufgegriffen, und es ist im Stande, beinahe so schnell zu bauen wie England. Gegen­über den neuen Riesenschiffen sinkt der Wert der alten Schiffe bald auf null. Will England seine Ueberlegenheit ganz sicher stellen, so muß es als­bald so viele moderne Schiffe des denkbar voll­kommensten Typus in Angriff nehmen, daß Deutschland beim besten Willen nicht nach- ko m me n kann!

Aus diesem Gedankengange erklärt sich lischt bloß die große Zahl von acht Riewnschiffen, zu der jetzt die parlamentarische Ermächtigung ge­fordert wird, sondern auch der sehr beachtens, werte Entschluß, der in der jüngsten Sitz­ung knndgegeben wurde: daß England die künf- tigcn Schiffe noch um 30 Prozent über den Gefechtswert der bisherigen Dread­noughts und Jnvicibles hinaus vervoll­kommnen wird.

Das eröffnet uns die angenelhme Aussicht, daß auch die Kosten für jedes deutsche Schiff sich um wenigstens 30 Prozent steigern werden! Ein Wettrüsten, das ungeheuere Opfer fordert. Wenn wir in der Tat die deutsche Flotte nur als ein Kampfmittel gegen England betrachteten u. aus- banten. so können wir den aussichtslosen Wett­lauf einstellen. Aber es ist ja bekannt, daß unser Flnttenbauprogramm auf anderen Gründen und Zwecken beruht.

Eine Flotte gewisser Größe und Güte brau­chen wir auf alle Fälle. Es bleibt also bloß die Frage, ob sich durch eine Vereinbarung mit England eine Beschränkung der Neu­bauten nach Zahl und Größe erreichen läßt. Die Aussichten auf eine solche Abmachung sind nie­mals groß gewesen und nach den neuesten Vor­gängen in England erscheinen sie noch geringer. Nameittlich fällt ins Gewicht, daß bei dem Stre­ben Englands nach einem riesigen Uebergewtcht die Eetahr besteht, daß man uns eine zu starke Verminderung zumutet und daß England das Vertrauen auf die Einhaltung der Rüstungs- grenzen fehlt. Die Verbächiigungen, als ob Der:tschlaud nicht ehrlich und aufrichtig sei in einer internationalen Politik, haben neue Nah­rung erhalten durch die Ableugnung der eng­lischen Behauptungen, daß von England Anreg­ungen im Sinne einer Vereinbarung über die Flottenstärke beider Länder ergangen seien. Tie Weigerung des Fürsten Bülow, vor der Budget­kommission des Reichstages Rede und Antwort zu stehen, läßt ja stark vermuten, daß, wenn auch Staatesekretär v. Tirpitz in der Kommission „von 'nichts wußte", solche Anregungen doch er­gangen sind und der, Reichskanzler nun in einiger Verlegenheit ist, wie er sich aus der Affaire ziehen soll.

Als die Budgetkommission des Reichs­tages am Montag an die Beratung des außer­ordentlichen Etats der Marine kam, beantragten iue Sozialdemokraten, die Verhandlungen über Schiffs neubauten solange auS- zusetzen, bis der Reichskanzler in

Zm Sanne öeü Geheimnisses.

62] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.

„Ich werde also Miß West heute wohl nicht Vehen," sagte er. __

„Wollten Sie sie denn sprechen? Haben Sre kijgend etwas Geschäftliches mit ihr?" fragte Äady Wayne.

„Nun, sie ist eine freundliche Dame; es freut smich immer, wenn ich sie sehe. _ „Ich weiß noch nicht, ob ich ein besonderes Geschäft mit ihr habe, !pder nicht. Ich werde wieder vorsprechen."

Lady Wayne war dankbar, als er sich ver­abschiedete.

„Sollte man es für möglich halten, daß diese jungen Leute Brüder sind?" sagte sie sich; „der ■eine ganz Anmut, Höflichkeit — der andere die Quintessenz von allem, was vulgär."

Als Miß West zurückkehrte, erzählte Lady Wayne ihr von dem merkwürdigen Besuch.

„Ich habe nie einen so entsetzlichen jungen Menschen gesehen, Marian; er machte mich bange; £r saß da und sah mich mit der sonderbarsten Miene an — eine Art triumphierender Heraus­forderung, wie mir schien; dann fragte er, ob Du zu Hause wärst. Daß er sich eine solche Frei­heit herausnahm, gefiel mir ganz und gar nicht."

Es war nur gut, daß Lady Wayne die gespen- stische Veränderung in dem Gesicht ihrer Schwe­ster nicht bemerkte. Marian stand am Fenster .Md sah hinaus in das wechselnde April-Wetter.

„Fragte nach mir?" wiederholte sie.

„Ja. Weißt Du, Marian, ich sollte mich eigentlich schämen, daß ich einem andern gegen­über, so etwas erwähne — aber ich glaube tat- fachlich, dieser junge Mensch ist abgeschmackt ge­nug, sich einzubilden, daß er in Elsie verliebt sei. Ich wollte. Du hättest es gesehen, wie er nach ßhr im Zimmer umherblickte."

- Aber Marian West wiederholte bloß die Worte: „Er fragte nach mir?"

„Du scheinst überrascht? Das war ich auch Marian; aber ich glaube, es ist schwer, diese Art Leute in ihren Grenzen zu halten, um Herrn Jefferies' willen konnte ich ja aber nichts sagen. Ich wollte aber doch, wir wären mit unserer Lie­benswürdigkeit nicht so freigebig gewesen."

Bei diesen Worten wandte Lady Wayne sich um und bekam so das Gesicht ihrer Schwester zu sehen."

„Wie, Marian?" sagte sie lächelnd Du brauchst Dir die Sache nicht so tief zu Herzen zu nehmen; was denn, wenn er sich wirklich etwas einbildet? Ich kann ihn mit einem halben Worte kurieren."

Marian legte ihrer Schwester die zitternde Hand auf die Schulter. e

„Tu's nicht, Liebe — laß uns vorsichtig sein!"

Lady Wayne richtete ihre Gestalt mit einer Bewegung swlzer Geringschätzung auf.

„Vorsichtig?" fragte sie, und ihre Lippen kräuselten sich. „Du träumst, Marian; weshalb sollte ich vorsichtig sein? Was meinst Du damit?"

Sie sah so überrascht und entrüstet aus, daß Marian sHvach erwiderte:

„Nichts — ich meine nicht--, nur daß es im­mer bester ist, niemanden geradezu zu beleidigen "

Und dann, befürchtend, sie habe schon mehr gesagt, als klug sei, verlieh Marian schnell das Zimmer.

„Wie feige bin ich doch" dachte fie- 1Baa habe ich zu fürchten? Er weiß nichts, ich ließe mich für die Verschwiegenheit seiner Mutter auf den Scheiterhaufen schleppen. Er fragte offen- bar bloß nach mir, weil er nicht wußte, was er sagen sollte; jedenfalls war er eingeschüchtert von meiner Schvester. Was brauche ich denn zu zittern? Mein Himmel, halte mich fest und stark! Sicherlich, nach so vielen Jahren, brauche ich nichts mehr zu fürchten." —

Am folgenden Tage ging sie allein aus und traf — Jack. Gerade, als er auf sie losschritt um mit ihr zu sprechen, kam ihr eine Bekannte entgegen, die sie ansprach, sodatz er keine Ge­

legenheit hatte, auch nur ein Wort zu sagen, doch der Ausdruck seines Gesichtes erschreckte sie.

„Ich weiß etwas", schienen die spottenden Augen zu sagen, „weiß ein Geheimnis von Ihnen."

Die nächsten Tage hätte Marian West sich wie von einem Gespenst verfolgt glauben können. Ging sie zu einem Spaziergang aus, so war sie sicher, Jack Jefferies zu begegnen. Fuhr sie im Wagen aus, so stand er sicher in der Nähe des Gefährts, sah sie einsteigen und beobachtete ihr Gesichi, bis sie krank und halb ohnmächtig vor Furcht war.

Schließlich sprach er eines Tages wieder vor, da er gehört hatte, daß sein Bruder dort war, und wurde in die Bibliothek geführt.

„Herr Werner Jefferies; jawohl, der Herr ist hier", sagte der Diener, der ihn einließ. „Ich werde ihn aufsuchen."

„Diesmal werde ich nicht ins Gesellschafts­zimmer gebeten", murmelte Jack mit seinem bösartigsten Lächeln. „Na, schadet nichts; wenn ich erst ein Tausend jährlich und Miß Wayne zur Frau habe, iverden sie mir alle schon zu Füßen liegen."

Mastian West, auf der Suche nach einqm Buch, trat plötzlich herein, ahnungslos, wer dort saß. Jack sprang empor, als er sie sah.

„Guten Morgen, Miß West", grinste er; „ich habe Sie schon seit, einiger Zeit zu sprechen ge- wünscht. Sagen Sie —"

Sie machte eine verzweifelte Anstrengung, ihn einzuschüchtern, von oben herab anzusehen, aber er beharrte.

„Sagen Sie, ich weiß alles von den Geschich­ten in Abbotsville. Nett füll ist's davon gewesen, all diese Jahre her, nicht wahr?"

40. Kapitel.

Marian'» Verzweiflung.

In seinem ganzen Leben vergaß Jack Jeffe­ries die entsetzliche Verzweiflung nicht, die bei

diesen Worten das gutmütige freundliche Gesicht Marian West's so gänzlich veränderte, daß ei kaum wieder zu erkennen war.

„Was wissen Sie?" rief sie, und ihre Stimme klang so schwach, heiser und schmerzbewegt, daß selbst er, verhärtet und kaltherzig wie er war, zuriickprallte. „Was meinen Sie?" rief sie wie­der. „So sprechen Sie doch, ums Himmels wil­len, sprechen Sie doch! Sehen Sie nicht, daß Sie mich töten? Was meinen Sie?"

„Genau das, was ich sage. Sie brauchen die sackte gar nicht so verzweifelt zu nehmen; ich sage nicht, daß ich das, was ich weiß, in die Oef­fentlichkeit bringe; vielleicht tue ich's, und viel­leicht nicht; das wird von Ihnen abhängen."

Er sah, sie zitterte so heftig, daß sie kaum stehen konnte. Ihren blassen Lippen entrang sich ein Stöhnen, lang, leise, kläglich.

„Ist es gekommen, mein Gott", flüsterte sie leise; „ist es endlich gekommen? Gib mir Mut und Kraft, alles zu ertragen!"

„Beten ist in seiner Art was sehr Gutes", sagte Jack; „augenblicklich aber muß es Geschäft sein, Miß West."

„Geben Sie — geben Sie mir zwei Minuten", stöhnte sie; „ich fühle mich unwohl, krank, ster- bensftank."

Und sie, die Starke, Tapfere, die seit Jahren alles allein ausgefochten und ertragen, fchlug di« Hande zusammen und stieß einen leisen Schrei aus ia jammer- und verzweiflungsvoll, wie das Gestöhn eines jählings zu Tode betroffenen.

»Still, still!" rief Jack; „dies alles ist gar nicht notig! Sie brauchen nicht so erschrocken zu W.tn, Mrß West; auf mein Ehrenwort, wirklich vlcht! Ich schweige wie das Grab, wenn Sie Mich bezahlen. Hören Sie nur, was ich zu sagen habe. Es hat gar keinen Zweck, sich in dieser Weise aufzuregen, wirklich, nicht den allerge­ringsten Zweck."

'(Fortsetzung folgte