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Retatiousdruckun» vertag der Fuldaer A» tiendnukerei in Fulda Fernsprecher Ur. S.
Fulda, Samstag dm 20. März 1909.
M 65.
36. Jahrgang.
Zweites Wtcltt.
Wochen-Nundschau.
Fulda, 19. März 1909.
Die Grundlage der Finanzreform, das Block- Kompromiß,ist und bleibt zunächst noch eine unbekannte Größe, ein X, mit dem man rechnet, um oben weiterrechnen zu können- das aber am Schlüsse eben auch noch zu lösen bleibt. Als mehr werden auch die enragiertesten Blockbruder ihre Totgeburt nicht ans-rechen können. Dre allge- meine Unzufriedenheit mit dem, was borue^, macht sich zunächst noch im Kampfe um die Nach- laßsteuer Luft; dieser Kampf wird zwischen , der Rechten und der Linken des Blocks mit einer Schärfe und einem ehrlichen Eifer geführt, die in Deutschland in Politischen Fragen nicht gerade Sang und gäbe sind. Inzwischen arbeit^ dis Reichs finanz ko mmission mit Eifer, aber nicht mit freudigem Eifer weiter. Sie arbeitet wohl, aber sie erarbeitet nichts. Auch die Tabaksteuer hat in der von der Regierung vorgeschlagenen Form, der Banderolensteuer zu sehr schweren Bedenken Anlaß gegeben und so hat denn die Kommission zunächst nicht gewagt, einen Entschluß zu fassen, vielmehr einer Subkommission die schwierige Frage überantwortet. Etwas fruchtbarer hat sich die Reichsfinanzkommission ^züglich der Biersteuer gezeigt. Die Regierungsvorlage sah hier eine Staffelung vor, die für die kleineren und mittleren Betriebe verhältnismäßig günstig war, die Kommission aber hat diese Staffelung abgelehnt und eine vom Abg. Gamp vorgelegte Staffelung angenommen, biet für, die kleineren und mittfirren Betrieb« Weit ungünstiger ist.
Neben diesen verdrossenen Arbeiten laufen dann wieder allerlei Gerüchte von einer Kanzlerkrisis her. Bei dem Raten nach den Gründen, die zu einer solchen Anlaß geben könnten, kommt man schließlich immer, Wieden nur auf das eine hinaus, daß der Kaiser die Haltung des Kanzlers in den Novembertagen nicht vergessen habe. Das ist aber eine Frage, die sich allzusehr hinter den Kulissen abspielt, als daß sich estvas reelles darüber sagen ließe.
Der Reichstag hat sich ein paar Tage Ruhe geschenkt und an den zwei Sitzungstagen, die in den Zeitraum unserer Betrachtung fallen, dasGesetz betreffend die Doppelbesteuerung und das Weingesetz in zweiter Lesung erledigt. Fleißiger war das preußische Abgeordnetenhaus. Die Kommunalbesteuerung der Beamten hat es in der Weise geregelt, daß die Be- amten bis zu 125 Prozent der Kommunalzu- fchläge zur Staatseinkommensteuer herange- zogen werden können. Eine Ausnahme machen nur die Geistlichen, bezüglich deren es vorerst beim Alten bleibt. Erledigt wurde sodann das Gesetz betreffend den Wohnungsgeldzuschuß der Beamten, sowie das Mantelgesetz das die Zuschläge zur Einkommensteuer regelt. Neben kleineren Vorlagen ist dann auch die Etatsberatung ein Stückchen weiter gekommen.
In E n g l an d hielt der Premierminister Asquith bei der Beratung des Marineetats im Unterhause eine Rede, deren Grundgedanke war:
ES wird weiter gerüstetl Er erklärte, die englische Regierung habe, und zwar mehr als einmal von Deuffchland die Bersiche- rung erhalten, daß die Flottenaufwendungen Deutschlands fick einzig und allein nach dem eigenen Bedürfnis richteten und daß Deutschland» Flottenprogramm in keiner Weise von dem englischen abhänge. Daraus zieht der englische Premierminister den Schluß: „Wenn dem so ist, dann gibt eS keine Vereinbarung einer gegenseitigen Abrüstung." Nach der Behauptung der englischen Regierung hat die deuffche Regierung alle Anregungen zu einer Verständigung über den Flottenbau abgelehnt. In der Bud- getkommffsion des deuffchen Reichstages hat der Staatssekretär Tirpitz am Mittwoch zwar bestritten, daß eine englische Anfrage vorliege, aber schließlich braucht es doch nicht gerade eine förm- liche Anfrage zu fein. Jedenfalls war es mehr al» begründet, wenn da» Zentrum in der Budget- kommission an diese Vorgänge die enffcheidende Frage knüpfte: £& e» wahr sei, daß solche Anregungen von England gekommen feien, und ob ferner wahr fei, daß die deutsche Regierung sich ablqhnsnd verhalte. Da» dürfte überhaupt eine Frage sein, mit der man sich in nächster Zeit noch wiederholl zu beschäftigen Hecken wird; denn daß Deuffchland» Rüstungen in England mit wetteren Rüstungen, so wie wir fie unter keinen Umständen zu betreiben in der Lage stnd, beantwortet werden, da» wissen wir au» der Erfahrung, und daß e» so bleiben wird, dafür-bürgt da» ungeheuere Interesse Englands an seiner Ueberlegenheit zur See, dafür bürgt aber auch der große Wohlstand, der den En^ändern ganz ander« Austvendungen gestattet al» den Deutschen.
Auf dem Balkan schwankt da» Zünglein an der Wage noch immer zwischen Krieg und Frieden. Die Serben find bei ihrem russischen Lehrmeister erfolgreich in die Schule gegangen; sie haben nach ihrer Zirkular-Note an die Mächte noch ein paar ebenso zweideutige Schriffftücke in die Welt gesetzt, darunter auch eine Antwort an Oe st erreich, die an Unverfrorenhett nicht gut zu übertrumpfen ist; mit bewußter Verletzung der anständigen formen geht die serbische Diplomatte jeder positiven Aeußerung aus dem Wege. Trotz aller Mäßigung wird Oesterreich von Serbien eine klare Antwort verlangen, und falls auf diese wieder eine ausweichende Antwort erfolgt, wird ein Ultimatum, dem in derselben Stunde der Beginn der Feindseligkeiten folgt, das Ende de» diplomattschen Ränkespiels bringen. Die Lage ist also auf dar höchste gespannt und erfordert eine überaus kühle Behandlung durch die österreichische Diplomatie, der bei der Abwesenheit jeder Gewissqnsregung in Serbien die Verantwortung für die folgenschweren Schritte so gut wie allein zufällt. Serbien und Montenegro rüsten weiter und Oesterreich setzt seine TruppentvanSponta nach bete seribschen Grenze fort. Allerdings steht nochmals ein gemeinschaftlicher Schritt der Mächte bevor. Auch Rußland rät zum Frieden. Inzwischen suchen die Groß- möchte sich in der europäischen Konferenzfrage zu verständigen und zu einem vorläufigen Einvernehmen über die weitere Behandlung des Konferenzgedankens zu gelangen.
je* Die englische Flottendebatte nnd Deutschland.
Zwischen Deuffchland und England bestehen die allerschönsten Beziehungen, aber Deutschland hat uns auf unseren »brüst- ungsvorschlag erwidert es müsse sich nach seinen eigenen Bedürfnissen rich- ten müsse maritim auf der Hohe bleiben — also'bleibt uns nichts anderes übrig, als auch zu bauen, vier Dreadnought», kann fern auch acht Dreadnoughts. Jedenfalls wenn Deutsch- land 17 solcher Riesenpanzer hat, müssen wir W haben! Tut mir leid, aber mit der Abrüstung ist' s nichts." So etwa sprach im englischen Unterhause der Premierminister AS- quith. , .
In der Budgetkommission des deut- scheu Reichstages hat daraufhin Staatssekretär vT iVpitz erklärt, daß bi» Herbst 1912 die AM unserer Riesenschiffe nur 18 betragen würde. Von Zentrumsseite kam die Anfrage: Wie steht'» mit der Abrüstung? Haben wir England wirklich einen Korb gegeben? Und au» toeMjen Gründen? Ist denn gar keine Aussicht, keine Geneigtheit mehr vorhanden, auf England» liebenswürdige Anregungen einzugehen? von Tirpitz erwiderte, an ihn sei jedenfalls feine Anfrage betreffend Einschränkung der Geerüstungen berangetreten, ihm sei nichts davon bekannt. Es wurde bann beschlossenj, den Reichshanzler und den Staatssekretär des Auswärtigen Au er- suchen, der Kommission weitere Auffchlüsse in der Angelegenheit zu geben.
Warten wir die Aufklärung ab. Indischen aber darf man doch seiner Verwunderung Ausdruck geben darüber, daß bei verständigen und kühl rechnenden Leuten, als welche die Engländer gelten wollen, eine solche, man muß schon sagen Panik möglich geworden ist. Dor einigen Monaten spukte das Jnvasionsgespenst. Deutschland sollte mtt seinem mächtigen Heere England einfach wie mit einem Heuschreckenschwarrn überfallen können. Und jetzt malt selbst ein Vertreter bet liberalen Regierung die Gefahr einer Ueberflü gelung der eng- lischen Flotte durch die deuffche an die Wand. „ r ,
Ist es denn gar so lange her, daß England sich eine» er drückenden UebergewichtS seiner Flotte über alle Flotten Europas rühmen konnte, mit Einschluß der deutschen, die kaum ein Sechstel oder ein Siebentel der mächtigen englischen Flotte ausmachte? Hat sich int Der- lauf weniger Jahre dies selbst in Deutschland stets anerkannte Verhältnis so völlig umgestaltet, daß England tatsächlich mit der Frage rechnen muß, daß Deutschland 1911 ogcr 1912 es einge- holt hat? Die Debatten des englischen Unterhauses haben klar ergeben, daß diese Behauptungen nur möglich werden und einen Schein von Berechtigung erlangen, wenn man aus der Berechnung alle Schiffe mit Ausnahme der In- vincibhe» ober Dreadnought» (sagen wir kurz Riesenschiffe) ausschaltet. Geht bas wirklich? Bst nicht, wie zum Schluß der Debatte übrigens :r Parlamentssekretär der Admiralität Mac Namara selbst hervorhob, nicht auch die Reserve kleinerer Schiffe (kleinerer Schiffe, die bis vor kurzem noch al» Schlachtschiffe ersten Ranges gal
ten) von ausschlaggebender Bedeutung für da» Schicksal einer Flotte in einem Seekriege, und gibt e» denn, wie derselbe Beamte fragte, zwei andere Mächte, die zusammengenommen eine so ausgezeichnete und, fügen wir hinzu, so geschult« Reserve besitzen wie England? Gewiß nicht.
Der Lord der Admiralität, Mac Kenna, sprach auch von einer angeblichen Beschleunigung im deutschen Schiffbau. Es muß ihm über- lassen Weiten, den Beweis für seine Behauptungen zu erbringen. Nach der folgenden Mit- tettung des Premierministers Asquith hat die deutsche Regierung in aller Form die Absicht einer Beschleunigung in Abrede gestellt. Staats- fefretär v. Tirpitz hat das dann in der Budgetkommission bestätigt. Also eine Beschleunigung hegt nicht vor. Aber fft denn nun nicht im Gegenteil ein Abkommen über eine Beschrän- fung der Rüstungen zur See möglich? Deuffchland hat, wie im Londoner Parlament mitgeteilt wurde, auf diesbezügliche Anfühlungen erklärt, daß seine Flottenrüstung nicht von der Rücksicht auf England abgemessen sei, sondern von seinen eigenen Bedürfnissen, die auch bann noch zum Flottenbau nötigten, wenn England ein anderes Tempo einschlüge. Daraus, wie England das tut, eine Einladung zum Wettrüsten und zur größtmöglichen Beschleunig- ung des Flottenbaues herauszulesen, schießt wett über das Maß erlaubter Interpretation hinaus. Findet denn die deutsche Erklärung nicht auch ihre ausreichende Begründung in den vorliegenden Tatsachen selbst? Wer rüstet denn in die Wette? Doch sicherlich nicht Deutschland, da» erst nach längerem Zögern sich zum Bau von Dreadnoughts verstand, die England erfunden hatte? Und wenn jetzt plötzlich in England die Erkenntnis durchbricht, daß durch die neue Erfindung der wahre Wert der sonsttgen englischen Flotte bedenklich herabgedrückt wird, seitdem Deutschland notgedrungen nun auch Dreadnoughts baut, so ist das doch nicht Deutschland» Schuld!
Man darf über die Möglichkeit und Nützlichkeit einer Nbrüstungsvereinbarung nicht voreilig aburteilen. Hebet ihre zu Tage liegenden Vorteile braucht man kein Wort zu verlieren, aber daß sie auch ihre Bedenken hat, ist oft genug ausgeführt worden.'
Deutsches Reich.
„§" Weimar, 19. März 1909. Der 33ei- ma rische Landtag nähme gestern einen Antrag an, in dem er die Vorlage eines Gesetz» emtwurfes zur nachdrücklichen Besterierung de» gewetbsmäßigen Güterhandels verlangt wird. Dagegen stimmten die Sozialdemokraten, die Freisinnigen und ein Teil der Nationallibe- ralen. Bei der Beratung der Steuergesetzent» »üefe (Doppelbesteuerung und Erhöhung der Einkommensteuer bei dem höheren Einkommen.) Wunde die Rcjchsfanawzrchottm gestreift und sehr viel über die Nachlaßsteuer und das Für und Wider dieser Steuer geredet. Heute wurden die Steuergesetze einstimmig angenommen.
Ausland.
* Ein Landimgsmanöver und seine Abwehr wurde bei Hastings an der englischen Küste bat-
Unpolitische ZeMSuse.
(::) Berlin, 18. März 1909.
(Nachdruck verboten.)
„Frühlings Anfang" steht im Kalender; „Krieges Anfang" steht in den Zeitungen.
Ob der Kalender Recht behält, ist noch seht fraglich, da das Wetter sein Peuelope-Spiel fort- setzt, d. h. wie die treue Fran des alten Helden Odysseus einst die Teppichweberei dilatorisch betrieb und nachts wieder auftrennte, was sie am Tage geschafft hatte, so läßt der diesjährige März des Nachts wieder frieren, was am Tage aufgetaut ist. Wenn das so weiter geht, können wir noch den Maibaum in Schnee und Eis Pflanzen.
Ob nun die Zeitungen Recht behatten mit ihren Kriegsdepeschen, das ist auch noch keineswegs ausgemacht. Wenn der Vater die Rute hinter dem Spiegel herholt, so braucht er doch noch nicht gleich auf den kleinen Trotzkopf loszu- schlagen. Ein langmütiger Vater sieht erst zu, ob der Anbück der gezückten Rute nicht schon die gewünschte erzieherische Wirkung hervorruft. Und Oesterreich ist wirklich ein langmütiger Papa. Mancher freche Bengel ist noch im letzten Augenblick vernünftig geworden, wenn er das Ding vor sich sah, das zum Tanz auf feiner Rückseite bereit war. Ins offenbare Verderben rennen doch kaum die Serben. Ich denke immer noch, daß sie nicht ganz so wahnsinnig sind, wie sie sich geberden, und deshalb nicht eher den Waffentanz riskieren, bis fie Aussicht auf fremde Hilfe haben. Vorläufig fehlt dieser Rückhalt. Vielmehr werben von Italien und Frankreich noch Vermitte- stmgsvorschläge aufs Tapet gebracht. Auch die Börse, die bekanntlich eine feine Nase hat, hofft -noch auf einen friedlichen Ausweg. Sollte aber wirklich die Sache ans der Diplomatentinte in das Soldatenblut geraten, so brauchen wir uns noch nicht gleich auf einen großen eropäischen "Krieg gefaßt zu machen. Zunächst würden nur Oesterreich und Serbien handgemein werden, und S5. wäre immerhin noch möglich, das Feuer auf jfinen Herd zu beschränken, oder zu lokalisieren, Kler.ntQn auf diplomatendeutsch sagt.
Die Angst vor einer Krankheit kann unter umstanden schlimmer wirken als die Krankheit ww!t. Darum halte ich es mit dem Spruche. ®Qn0e machen gilt nicht. Gehen wir ruhig un
serer gewohnten Arbeit nach, ohne untere Nerven mit weltpolitischen Sorgen zu belasten. Erstens wird überhaupt noch nicht geschossen, und zweitens sind wir weit vom Schuß.
Glücklicher Weise sind auch die Angstmeier recht dünn gesät. Hier in Berlin geht man ungestört nicht bloß seiner Arbeit, sondern auch (einem Vergnügen nach Und was für einem Vergnügen 1 Das Völkchen veranstaltet trotz österreichischer Mobilmachung und einheimischer Fi- nanznot ein Sechstagerennen. Ein Unfug, der aus Nordamerika, dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten, importiert worden ist. Sechs Tage lang sollen da einige Dutzend Radfahrer um die Wette strampeln, 15 bi» 20 000 mal immer um dieselbe Bahn in den Ausstellungshallen herum, Tag und Nacht die einförmige, unfruchtbare Tretmühlenarbeit fortsetzend. In Amerika halte man die Sache mit rücksichtsloser Folgerichtigkeit zu einer mörderischen Probe auf die Ausdauer gemacht: jeder Teilnehmer sollte auf eigene Rechnung und Gefahr bi» zur dollen Erschöpfung seiner Kraft weiter strampeln. Das führte zu allerliebsten Erscheinungen: dem einen hing die Zunge auz dem Halse, der andere hing wie ein angebundener Leichnam auf der Maschine, der dritte fiel ohnmächtig ober in Krämpfen vom Rabe, und schließlich bekamen einige förmliche Wahnsinns- und Tobsuchtsanfälle. Um der Rohheit ein Mäntelchen umzuhängen, hat man nun das Einzelrennen in sogenannte Mannschaftsrennen „umgewandelt". Es werden Paare gebildet; während der eine Partner rennt, kann der andere sich verschnaufen, sich massieren lasten oder etwas schlafen. Dadurch wird aber die Probe auf die Ausdauer de» Einzelnen wesentlich beeinträchtigt. Wer einen faulen oder ungeschickten Partner hat, büßt die Früchte seines eigenen Schweiße» ein. In den ersten Tagen ist auch schon ein Paar so in Zwist geraten, daß eine „Ehescheidung" nötig wurde. Andere Paare gingen durch Erkrankung oder Unfall eines Teile» in die Brüche. Nun hat der „Ueberlebende" das Recht, sich au» den Reservemannschaften einen neuen Partner zu er- wählen. So verändert sich fortwährend die Gruppenbildung, das Glück spielt eine immer größere Rolle, die Kastprobe tritt zurück, da» ganze wird rinq Mettschenquälerei ohne Sinn und Zweck. Oder besteht der Zweck vielleicht darin, Käufer für die teuerem Eintrittskarten anzulocken? An Neugierigen soll in der Tat fein Mangel sein. Namentlich in den späteren Nachtstunden oder
frühen Morgenstunden kommen aufgeputzte Männlein und Weiblein in großer Zahl, um sich womöglich einen Nervenkitzel zu verschaffen. Wer Glück hat, kann sein Äuge an einem der zahlreichen Stürze laben. Wenn einem Fahrer der Reifen platzt oder sonst etwa» zustößt, so gibt es bei der Kürze der Bahn gleich einen Klumpen von aufeinanderfallenden Rädern und Fahrern. Welch ein Genuß für Kulturmenschen!
Ich kann e» nur bedauern, wenn sogar Prinzen diese Veranstaltung mit ihrem Besuch beehren. Sportblätter verkünden schon, daß jetzt das Ei» gebrochen sei und die Sechstagerennen auf den deuifihen Radbahnen heimisch werden würden. Ich hoffe, daß man außerhalb Berlin» an diesem rohen Auspumpen der Körper von Mitmenschen keinen Geschmack findet. Unsere bisherigen Stundenrennen stellten doch in der Tat schon schon hohe Anforderungen an Leib und Leben. Wenn man darüber hinaus gehen will, so dürfen sich die Veranstalter von Stierkämpfen als rückständige Gemütsmenschen bezeichnen. In ihrer ganzen sittlichen Entwicklung hat die moderne Welt so wie so fichon eine verzweifelte Aehnlichkeit mit der Sumpfperiode des rSmischen Kaiserreiches. Am Ende lassen wir den alten römischen Zirkus mit seinen Gladiatoren usw. in unferm Schausport wieder aufleben.
In einer so ernsten Seit, wie wir fie jefct durch- madfen, wirkt ein Sechstagerennen wirklich widerwärtig.
In Pari» hat man jetzt auch eine „Sensation , welche die Gedanken von der Kriegsgefahr ablentt; aber der dortige Zeitvertreib ist ganz anderer Art. Poststreikl Die Pariser Tele- graphfften fingen au» Unzufriedenheit mit ihren Vorgesetzten zu ftteifen an, die Telephonistinnen schlossen sich solidarisch an; die Briefträger usw. dhohen sich clbchffalls anKuschließen. Ein Teil betreibt den offenen Ausstand, der andere Teil kommt fteilich auf» Amt, aber er bleibt untätig vor den Apparaten sitzen. Die Regierung zieht militärische Telegraphisten heran, aber deren Können und Wollen reicht nicht wett. So ist denn die fogenönnte „Hauptstadt der Welt" von dem elektrischen Weltverkehr fast ganz abgeschlossen. Die Geschäfte leiden darunter ungeheuer. Sogar der ftanzösische Minister de» Auswäriigen kann mit seinen Gesandten in Wien, Belgrad, Petersburg, Stanckul usw. nicht den gehörigen Meinungsaustausch aufrechterhalten, was doch ae
robe in dieser kritischen Lage von größter Wichtigkeit ist.
Das moderne Leben hängt vorn Draht ab und klebt an den Schienensträngen. Wenn die Telegraphen und Fernsprecher versagen, so sitzen zahl- lose Geschäftsleute und die hohen Regierungen selbst ohnmächtig im Dunkeln da. Bei der allge- meinen Schnellebigkeit können wir den Zeitverlust, der durch briefliche Uebermittelung von Nachrichten und Anordnungen entsteht, nicht mehr vertragen. Und wenn nun gar der Eisenbahnverkehr eine weitgreifende und andauernde Störung erleiden sollte, so würden sogar die Ernährung und die Sicherheit in schwere Gefahr geraten. Zum Glück sind die deutschen Verkehrsbeamten so gut erzogen und gehalten, daß wir einen größere» Streik nicht zu befürchten haben. In dem republikanischen und kulturkämpferischen Frankreüh ist aber eine Zersetzung der morali- schen und materiellen Grundlagen des Staats- wesen» im unaufthaltsamen Gange. Sogar in dem dortigen Militär gibt es fortwährend „Zwischenfälle" der Zuchtlosigkeit. Kein Wunder, wenn in der zivilen Beamtenschaft das Be- wußffein der Pflicht verloren geht, dagegen das Bewußtsein der Rechte überspannt wird. Die Staatsgewalt ist so weit nach links gerutscht, daß die Staatsbeamten glauben, auch für ihre Inter- essen alle Mittel des sozialistischen Klassenkampfcs anwenden zu können. Um die Entlassung eines verhaßten Vorgesetzten zu erzwingen, ftetteit sie ihre Amtstätigkeit ein, ohne sich darum zu kümmern, welche Schäden sie der nationalen Erwerbs- tätigkeit und sogar den politischen Interessen des Lande» zufügen.
Die Zersetzung in Frankreich ist fein unglücklicher Zufall, sondern die regelrechte Folge der systematisch betriebenen Entchcistlichung des Lande».
In Deutschland find wir noch nicht so weit, aber e» gibt Leute und Kräfte, die uns auch auf diese Bahn bringen wollen, und solche Elemente sind leider nicht bloß in den unteren Kreisen tätig. Wenn das deutsche Volk den christlichen Halt verlieren sollte, so würde der Schwamm der Zucht- unb Sittenlosigkeit in unserem Reichshause nicht geringere Zerstörung anrichten, al» in dem NrWarhause, das bereits anrüchig wird.
Sollte der allmächtige Richter und Erzieher die Zuchtrute eines großen Krieges dem entartenden Europa nicht mehr ersparen können? —