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Maer W Zeitung

Monatsbeüage: „zuldaer SeschlchtZblätter"

JA 63

Fulda, Donnerstag den 18. März 1909.

36. Jahrgang.

Vrrantw. Hebottear: «arl Sch»tt«r

Erscheint ISgltch mit Ausnahme her $o.m» und Feiertage, viertel­jährlicher vezugrprei« ohne vringerlohn und veftelgelb in Fuldas», wie auswärts f.SV Ult.

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Gr ftes Wtatt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 17. März 1909.

r Auf der Tagesordnung steht di« Fortsetzung der 2. Beratung des

Mtlitäretats.

Abg. v. Byern (L): Nach den Aeußerungen des Abg.^ tzaeusler könnte es fast scheinen, als werde in ber Armee nur Parademarsch und Kommisdrill geübt. Diese Dinge sind notwendig, um die Leute zur Diszi­plin zu erziehen. Wir haben eine Armee, um die uns bte ganze Welt beneidet. In den KasinoS herrscht eine fast spartanische Einfachheit. Unsere K a v a l l e r i e ist auch heute noch unentbehrlich. Von der Einführung der zweijährigen Dienstzeit für dieselbe kann gar keine «Hebe fein. Die Militärkapellen dürfen keine Ein­schränkung erfahren, im Ernstfall kann eine frische Militärmusik unter Umständen einen entscheidenden Einfluß ausüben. Redner verbreitet sich dann über Einzelbeiten des Etats und spricht feine Zufriedenheit darüber aus, daß durch einen Erlaß des Kriegsministers bei Vergebung vonLieferungen dieZivilhandwerker nach Möglichkeit berücksichtigt werden sollen. Der Redner empfiehlt weiter die Unterbringung der verab- Eiedelen Offiziere in Beamtenstellen, beschäftigt sich weiteren auch mit dem Anzug der jungen Offiziere. Wie bei den Damen, scheint die Mob« auch bei den jüngeren Offizieren eingeriffen zu fein. Da, wo sonst der Schmuck des Mannes sitzt, ist ein gewisses Etwas, von dem man nicht weiß, ob es Bart od^r Bartbinde ist. (Grobe Heiterkeit. Der Kriegsminister nickt zu­stimmend.) Die Herren sollten daran denken, daß «§■ nur darauf ankommt, daß der Offizier feine Pflicht tut und nicht auf Äeußerlichkeilen. Der Redner schließt: Wir können auf unsere Armee, um die uns jedes andere Land beneidet, stolz fein. Es ist in ihr eine eiserne Disziplin, eine Hingebung für den Dienst, wie man es mehr nicht erwarten kann. (Beifall rechts.)

Abg. Müller-Meimngen (fr). Bp.) weist den Vor­wurf, den der Abg. Haeusler den anderen bürgerlichen Parteien gemacht habe, daß sie ihn bei seiner Spar­samkeitskampagne nicht genügend unterstützt bauen, für seine Partei zurück. Allerdings fehle an den entscheidenden höheren Stellen der Militärverwal­tung der gute Wille zur Sparsamkeit. Nur durch Sroße organisatorische Aenderungen, bezüglich des Pen- onierungssystems, bezüglich umfassende Gewährung von Dispositionsurlaub und Herabsetzung der FriedenS- präsenzstärke, können auf die Dauer wesentliche Erwlge erzielt werden. Den Klagen des Abg. Haeusler über t e Unübersichtlichkeit des Militäretats und über den Mangel an Militärärzten stimme ich zu. Für die zweijährige Dienstzeit bei der Kavallerie haben sich auch militärische Sachverständige ausgesprochen. Dis­ziplin und Drill find nicht dasselbe, sondern sind Gegeniätze. Vor allem ist der Drill die Quelle der Eoldatenmißhandlungen. Der Grundgedanke der Jugenderziehung in den Ausführungen des Abg. Haeusler ist mir durchaus sympathisch. Das beste Mittel gegen Soldatenmißhandlungen ist und bleibt die Bekämpfung der körperlichen Schwerfälligkeit. Redner verbreitet sich über die Frage bet konsti­tutionellen Garantien, ba gerade beim Militär­kabinett die schwersten Bedenken sich auf diesem Ge­biete erheben. Die Mmistervecantwortlichkeit wird durch das Militärkabinett auf das all.'rbescheibenste Maß beschränkt. Sehr zu tadeln ist die Bevorzugung des Adels bei der Besetzung besonders der höchsten D.fyterfteUen. Weiter verlangen wir die Bekamit- gebung des Wortlautes der Führungslisten und eine durchgreifende Reform des Mililärgerichtswesens. Ich schließe mit dem Wunsche, daß bald ein Kriegsminister kommen möge, der der Wirtschaft deS Militärkabinetts ein Ende macht; ent solcher Kriegsminister würde zum Wohle des ganzen Volkes handeln.

I Kriegsminrstet v. Einem erwidert dem Abg. Haeusler, daß die Dienstvorschriften unnütze Bestimmungen nicht enthalten, und verteidigt dann die jetzige Ausbildung der Kavallerie. Die Bestrebungen für militärische Jugenderziehung unterstütze die Militärverwaltung gern. Die geheimen Qualifikaiionsrechte müfien bet« behalten bleiben, sie bieten alle Garantien für eine gerechte Beurteilung. Uebrigens besteht heute schon die Vorschrift, daß der Inhalt der Berichte den einzel­nen mitgeteilt weiden kann. Wenn auch in einzelnen

Regimentern nut adelige Offiziere angenommen werden, so ist «S doch in keiner Weise zulässig, daß von Regimentern erster und zweiter Klasse gesprochen wird. Ich habe niemals gefragt, ob ein Offizier adelig ist oder nicht, ich frage nur immer, ist er tüchtig oder nicht. Zum Schluß verbreitet sich Redner eingehend über die Gründung, geschichtliche Entwicklung und die staatsrechtliche Stellung b-s Militärkabinetts, und be- betont, daß das Militärkabinett niemals in fein Ressort eingegriffen habe.

Abg. Stückten (So,.) greift die Tätigkeit deS Mili­tärkabinetts an und befürwortet eine weitere Verkürzung der Dienstzeit. Weiler bringt Redner zur Sprache die Soldatenmißhandlungen und die Judikatur der Kriegsgerichte.

Donnerstag: Fortsetzung.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 17. März 1909.

Der Bauetat

wird weiterberaten. Die ersten Redner brachten fast ausschließlich lokale Wünsche vor. U. a. erklärt auf eine Anregung des Abg. Hausmann (ntl.)

Minister v. Breitenbach: Tie Verhandlungen wegen deS Schutzhafens in Hameln werden sofort wieder ausgenommen werden.

Abg. Kindler tfrs. Bp.) wünscht, daß bei der Be­willigung von Geld zu Beamtenwohnungen mehr als bisher bte Bedürfnisfrage geprüft werde.

Abg. Graf Spee (Z.) wünscht, daß den Besitzern von Gelände, das vom Staat expropiiert wurde, im Falle der Nichtoerwendung dieses Geländes das Vor­kaufsrecht gelaffen werde.

Auf eine Anregung des Abg. Dr. Fahrenhorst (frei, kons.) sagt

Minister d. Breitenbach: Bevor die Frage der Strohdächer endgiltig geregelt wird, muß abgewarlet werden, ob sich das feuersichere Jmprägnierungsver- fahren bewährt.

Abg. ßeincct "’XSoj.) forderte in einem Anträge Baukontrolleure ans dem Arbeiterstande.

Abg. Dr. Grunenberg (Ztr.) begründete einen Zentrumsanlrag, die Regierung zu ersuchen, im Bundes­rat auf Vorlage eines Gesetzentwurfs oder auf Erlaß einer Bundesratsverordnung zwecks wirksamen Schuhes der Bauarbeiter unter Heranziehung von Arbeitern als Baukontrolleuren hinzuwirken. Falls der Bundesrat sich ablehnend verhält, fordert der Antrag, die preußische Regierung solle selbst eine solche Regelung im Wege der Gesetzgebung ober Berorbnung durchführen

Minister v. Breitenbach sprach sich gegen die An­träge aus, da ihre Durchführung den sozialen Frieden noch mehr gefährden würden.

Abg. Fetisch ikons.i war ebenfalls gegen die Ein- iührung von Arbeiterkontrolleuren: desgleichen sprachen ich die Abgg. Heine (ntl.) und Frhr. v. Zedlitz (trfonf.) gegen die Anträge aus, während Abg. Dr. Schepp (srs. Bp.) ihnen zustimmte.

Die Anträge werden gegen die Stimmen des Zen­trums, der Sozialdemokraten, der Polen und der Frei- innigen abgelehnt und darauf der Titel „Mimster- gehali" bewilligt.

Beim Titel „Gehalt des U.iterstaalssekretärs" wünschen die Abgg. Fetisch lkons.i, Schmidt-Warburg (Z.), Macco (ntl.) und Kindler (frf. Bp.), baß bei der Entlassung der ohne Anwartschaft angeslelllen Bau­meister möglichst milde verfahren, auf die persönlichen Berhältniffe der betreffenden Baumeister Rücksicht ge­nommen und eine angemessene Kündigungssrist cinge­halten werde.

Minister b. Breitenbach verspricht möglichstes Ent­gegenkommen.

Donnerstag: Rest des Etats der Bauverwaltung; Eisenbahnelat.

Herrenhaus.

Sitzung vom 17. März 1909.

Aus der Tagesordnung stehen sämtliche Besoldungs- Vorlagen für die Beamten, Lehrer und Geist­lichen, die Steuergesetze und das Wohnungsgeld- zuschußgesetz.

v. Buch: Die Verabschiedung der Besoldungsvor- läge ist eine große Tat genannt worden. Nun, Ge­hälter zu erhöhen und die Bezahlung dem lieben Gott und den Sozialdemokraten zu übertaffen «Heiterkeit), Deshalb wenden wir uns ja auch gegen die Nachlaß- steuer, werk wir nicht wollen, daß die Zukunft für die Gegenwart bezahlt. Die Ausdehnung des Kinder- privilegS ist eine Verbesserung, dagegen ist zu miß­billigen, daß der Wohnungsgeldzuschuß nur provi­sorisch für zwei Jahre gelten soll. Vielleicht kann der Wohnungsgelbzuschuß beseitigt und die Gehaltsfrage anderweitig geregelt werden.

Finanzminister Frhr. v. Rheiubaben motiviert die Besoldungsvorlage mit der Steigerung der Leben s- verhällniffe und führt aus, daß die Aufbefferung der einzelnen Beamtenklaffen nur mäßig fei. Die Ein­mütigkeit des Abgeordnetenhauses war von großer politischer Bedeutung und sie hat ihren Eindruck auf die Beamtenschaft nicht verfehlt. Das Abgeordneten­haus ist weit zurückgeblieben hinter den viel zu weit­gehenden Forderungen einzelner Beamtenzweige vor allem der Lehrerschaft.

Kardinal Kopp: Den Borwürfen des Herrn v. Buch kann ich nicht zustimmen. Was speziell das Gesetz für die katholischen Psarrer betrifft, so hat das Abgeord­netenhaus an der Vorlage »er Regierung keine Ver­besserung vorgenommen und die Regierung bat jede Verbesserung ab gelehnt. Es gereicht der Regierung zum Ruhme, daß sie ohne Zwang bereit war, den Geistlichen zu Helsen und ich danke ihr dafür. Es ist der Borwurf erhoben worden, als wenn die Bischöfe die Interessen der Geistlichen nicht ge­nügend gewahrt hätten. Die Brfchöfe haben sich redlich bemüht, das Begehrenswerte für Die Geistlichen zu erreichen, aber sie mußten sich mit dem Erreich­baren zufrieden geben. Wenn gefordert worden ist, die kath olischen Pfarr er sollten mit den evan­gelischen gleichgestellt werden, so haben auch wir oieten Wunsch gehabt, aber man darf nicht übersehen, daß während wir durch die Diözefansteuern bei 1 Prozent nur 400 0)0 Mark zusammenbringen, die evangelischen Gemeinden bei 1 Prozent 1 tiOOuOO Mark aus allgemeinen kirchlichen Steuern aufbringen. Die Gleichstellung würde über li Mill, erfordert haben, davon trägt der Staat ö1/« Mill. Wir hätten also durch die Diözesansteuer noch 6'/» Mill, aufbringen müssen. Das würde eine Diözesan st euer von 17'« bedingt haben. N den den übrigen Diözefan- fteuern der katholischen Bevölkerung noch 17 0» aufzu- erlegen, war ein Unding. Bei der Wahl, entweder das Angebot der Regierung anzunehmen oder das Volk in unangemeffener Weise zu betasten, mußten die Bischöfe das erstere wählen. Leider ist die Regierung unserem Wunsche, den Hülfsgeistlichen em aus­reichendes Gehalt zu geben, nicht nachgekommen, aller­dings hat der Finanzminister die Zuschüsse des Staates zu dem Einkommen der Pfarrer so bemessen, daß etwas übrig bleibt, um durch Ortszulagen für die Hülfsgeistlichen etwas zu tun. Aber es ist nur eine inwollständige Hülfe. Leider sind 2 Diözesen von dem Gesetze o.usgefchlofsen. Wir bedauern das, aber ene Diözesen haben uns selbst gebeten, die Vorlage jietan nicht scheitern zu lagen. Im weiteren verbreitet ich Redner über Maßnahmen für bte Versorgung der ruhebesürstigen Geistlichen und dankt zum Schluffe dem Finanzminister und dem Kultusministerium für das bekundete Entgegenkommen.

Fürst Nadziwill: Namens meiner ganzen Diözese muß ich hier feierlichen Protest erheben gegen Die Ausnahme maßregel, die sich gegen die katho­lischen Geistlichen meiner Diözese richtet. Sie ist einer jener vergifteten Pfeile — ich nehme keinen Anstand, das zu erklären —, die in der Kullurkampszeit gegen uns geschleudert wurden.

Ministerialdirektor v. ChappuiS verteidigt die Aus­nahmestellung der kathvlifchen Geistlichkeit in Posen und Westpreußen.

Geheimiat Dr. Hamm hält die Maßnahmen der Regierung für gerechtfertigt. Wenn die Bischöfe ein­mal mehr Mut hätten, gegen die polnischen Geistlichen einzuschreiten, würde es schon besser werden.

Professor Hillebraudt beklagt sich darüber, daß die kleinen Gemeinden durch das Lehrerbefol- dungsgesetz zu sehr belastet würden.

Oberbürgermeister Dr. Lentze-Magdeburg ist eben- alls der Ansicht, daß man die Interessen der Gemein­den nicht genügend gewahrt habe.

Fmanzminister Frhr. v. Rheinbaben tritt dieser Auffassung entgegen.

Graf Uork von Wartenburg befürchtet ebenfalls eine zu starke Belastung der kleinen Städte infolge des Lehrerbesoldungsgesetzes und meint, die Lehrer feien auch nach der Erhöhung ihrer Gehälter noch nicht zu­frieden.

Ministerialdirektor Schwarhkopff tritt dafür ein, daß das LehrerbefoldungSgesetz unverändert angenom­men werde.

Hierauf vertagt sich das Haus.

Morgen: Fortsetzung und Antrag Gras Mirbach, qetr. Reichserbschastsneuer.

Die Parlamentarische Lage.

Wir befinden uns in der parlamentarischen Hochsaison. Aber wenn man einen Umblick hält über das, was in der gegenwärtigen Session ans dem parlamentarischen Gebiete geleistet ist und was noch zu bewältigen ist, so wird man finden, daß wir in diesem Jahre im Vergleich zu frühe­ren Jahren etwas sehr im Rückstand geblieben sind.

Was zunächst Preußen anlangt, so hat zwar das Abgeordnetenhaus die Beamtenbesol- dnngsvorlage verabschiedet, sodaß die dem­nächst zur Beratung im Herrenhaus gelangt, das am kommenden Mittwoch seine Beratungen nach eitler ungewöhnlich langen Pause wieder auf­nimmt. Ob das Herrenhaus die Vorlage bis zum 1. April erledigen wird, ist zweifelhaft, denn die Vorlagen enthalten teilweise Bestim­mungen, bei denen im Herrenhause sowohl in der Kommission wie auch im Plenum eine scharfe Kritik ansetzen wird. Nun hat ja zwar die preu­ßische Negierung sich anheischig gemacht, die Be­schlüsse des Abgeordnetenhauses vor dem Her­renhause wie ihre eigene Vorlage zu vertreten. Aber ob die Regierung praktisch den Einfluß haben wird, daß das Herrenhaus die Beschlüsse des Abgeordnetenhauses unverändert annimmt, ist eine noch offene Frage, und so muß man mit der Möglichkeit rechnen, daß die Vorlagen noch einmal an das Abgeordnetenhaus zurückgehen. Das ist kein erfreulicher Zustand. Im Interesse der Beamten wäre es zu wünschen, daß die Be- soldnngsvorlage, die schon im vorigen Jahre nach dem Versprechen der Regierung hätte erledigt werden müssen, nun endlich einmal abgeschlossen würde.

Man kann gewiß nicht sagen, daß Plenum und Kommissionen des Abgeordnetenhauses nickt fleißig gearbeitet hätten, aber wie sehr die parlamentarischen Arbeiten int Rückstände sind, gebt auch z. B daraus hervor, daß während -sonst in der ersten Hälfte des März der Kultus­etat im Plenum in zweiter Beratung erledigt zu werden pflegt, der Kultusetat jetzt noch nicht einmal in die Kommission gekommen ist. Mit der Abwesenheit des Kliltilsministers hat das nichts zu tun, denn die laufenden Geschäfte wer­den durch seine Vertreter in gleicher Weise er­ledigt. Auffallend ist allerdings dabei, daß die Persönlichkeit des Unterstaatssekretärs Weder weniger in den Vordergrund tritt. Vielleicht vet meidet dieser Herr nach außen den Eindruck eine Aspiration auf den Ministersessel zu machen.

Noch schlimmer als in Preußen sieht es im Reich aus. Hier hat die Besoldungsvorlage noch lange keine Aussicht, zur Beratung zu kom­men, obschon die Reichsbeamten ebensogut unter, der Teuerung leiden wie die preußischen Beam­ten. Und was die Reichsfinanzreform anlangt, so tappt man allgemein noch im Dun­keln. Die „Deutsche Tagesztg." muß Lunte ge» rochen haben, daß der Reichskanzler doch wieder auf die N a ch I a ß st e u e r zurückgreifen werde. In unterrichteten Kreisen, schreibt sie, geht das Gerücht, daß die Reichsregierung die Nachlaß- teuer lediglich aus taktischen Rücksichten im Augenblick zurückgestellt habe, um sie plötzlich wie-

Zm Sanne des Geheimnisses.

68] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.

„Ich schulde Ihrem Bruder mehr, als ich wie­der gut machen kann und wenn ich ewig lebte. Sie müssen über meine Dienste verfügen, Herr James Jefferies; sie stehen Ihnen zur Ler- fügung."

Jemand fragte, wo Miß West denn sei, und Lady Wayne erwiderte, sie sei ausgegangen und verbringe den Abend bei einer kranken Freun­din.

Jack amüsierte sich vortrefflich. Er bestand die Feuerprobe sehr gut; er war zu sehr verliebt, um irgend eine große Ungeschicklichkeit zu bege­hen, und seine Wirte waren liebenswürdig genug, alle kleinen Mängel zu übersehen.

' „Es ist eine verzweifelte, fdjtoere Arbeit," dachte Sind bei sich, „aber ich mache mich schon ganz famos."

! Als es Zeit für ihn war, sich zu verabschieden, ging Werner mit ihm hinunter in die Halle, und während sie dort noch standen und plauderten, kehrte Marian West von dem Besuchs den sie ihrer Freundin abgestattet, zurück.

37. Kapitel.

Wiedererkanut.

Werner wünschte Jack gerade gute Nacht, nach­dem er ibm versprochen, ihn am folgenden Tage tzu besuchen, als der Diener die Tür der Halle öffnete und Miß West über die Schwelle trat, k Werner wußte ganz und gar nicht, was seinen Bruder so plötzlich onwandelte, denn Jack fuhr sichtlich zusammen und konnte nur mit größter .Miibe eine Ausruf der Uebcrraschuug zurück- halteu. Sein Gesicht wurde leichenblaß, und seine Augen blickten wild.

»Was gibt's, Jack?" fragte sein Bruder.

„Utchts, nichts."

Doch Jack's Stimme war heiser und unsicher.

Tann kam Miß West, die Werner sofort er­kannt hatte, auf die beiden zu und reichte Wer- ner die Hand.

Jack erkannte sie sofort wieder. Ja, das war das frenndliche, angenehme Gesicht, zwar nicht schön, aber so anmutig und nett durch seinen Ausdruck. Genau denselben Blick, den sie vor Jahren auf Werner gerichtet, als er da lag und schlief, warf sie auch jetzt wieder auf ihn.

Jack war erstaunt allzu erstaunt, als daß er auch nur ein Wort hätte hervorbringen können. Es war fein Irrtum; diese Frau, die da stand und Werner so freundlich die Hand Srückte, war ge­nau dieselbe verschleierte Dame, deren Besuch seine Neugier wachgerufen und in ihm den ersten Ge- danken an das Vorhandensein eines Geheimnisses erweckt hatte.

„Miß West," sagte Werner, „darf ich Ihnen meinen Bruder vorstellen? — Mein Bruder, Jack Jefferies, der von Elton herübergekommen ist, um mich hier zu besuchen."

Jack, der seine Augen scharf auf sie gerichtet hielt, sah, wie sie plötzlich zusammenzuckte; ihre Lippen erblaßten und ihr Gesicht veränderte süh — augenscheinlich machte sie eine gewaltsame An­strengung, eine plötzliche Erregung zu unterdrü- cken — dann wandte sie sich zu Jack.

»Sch hoffe, Sie werden Freude von Ihrem Besuche hier haben," sagte sie.

Beider Blicke trafen sich einen Augenblick, und eine plötzliche Wolke der Furcht verdunkelte und vertiefte Marians Augen.

„Ich weiß etwas," sagten Fack'S Augen.

Und sie deutete deren Ausdruck richtig. Eine kalte, schleichende Furcht legte sich ihr auf's Herz; es schien ihr beinahe zu swcken, als sie die gierig forschende Neugier in diesen dunklen Augen sah.

Dann bemühte sich Marian, sich von dem Schrecken zu erholen; sie zog den roten Abend- manlel fester um die Schultern und schauerte zu­sammen.

„Ist Ihnen kalt, Miß West?" fragte Werner; „es nxir heut e doch ein fast frühlingsmäßiges Wetter."

„Ich bin nicht sehr kräftig", gab sie zurück, „und friere leicht." — *

Es lag ein leichtes Stocken in ihrer Stimme, und Werner fand ihr Benehmen merkwürdig.

Plötzlich sah sie ihn voll an.

„Sagten Sie nicht, daß Ihr Bruder Sie zu be­suchen gekommen?" fragte sie, „um ein paar Tage in London zu verbringen, nicht wahr?"

„Jawohl,' antwortete Werner, „Jack hat sich auf ein paar Tage frei gemacht."

„Halb Geschäft, halb Vergnügen," unterörach Jack; und schon vor dem Ton seiner Stimme bebte sie mit Widerwillen zurück.

Miß West sprach nochmals kurz mit Werner und schwebte dann, mit leichter Verbeugung gegen Jack, davon und verschwand im Hintergrund der Halle durch eine Tür.

„’ne feine Frau," sagte Jack kritisch, „stattlich und gut gebaut; aber etwas stolz, scheint's."

„Das ist nur so ihre Art," sagte Werner, der sie selbst sonderbar gesunden.

Und Jack dachte mit großer Genugtuung: „Ich weiß etwas, das ihren Stolz vielleicht ein bißchen klein machen wird."

J:n riächsten Augenblick war er wieder über dis Schwelle des Hauses getreten, wo das Ge­heimnis verborgen war, und stand unter den Sternen draußen allein.

Allein, mit fiebernden Schläfen und jagenden Pulsen. Er war endlich auf der Spur. Er hatte sie wieder erkannt, und sie war der Mittelpunkt des Geheimnisses selbst — sie hielt alles in Hinden.

Was war es? Warum war diese große Tome, deren Platz unter dem ersten Adel des Landes mar. zum Hause seiner Mutter gekommen, um dort über Werner zu weinen? Sie war von vor­nehmer Geburt und reich; welche Gemeinschaft bestand zwischen seiner Mutter und ihr?

Plötzlich steht Jack unter den flimmernden Sternen still. Ein Gedanke ist ihm gekommen -- eine Deutung des Geheimnisses, die ihm für den Augenblick ordentlich in die Beine gefahren ist; tatsächlich, er schwankt unter der Wucht des Gedankens wie ein Berauschter. Hochgeboren und reich mag sie sein, stolz und makellos mochte sie auch kin vor den Menschen, aber er wußte cs an­ders, — Werner war ihr Sohn. Je mehr er darüber nachdcichfe, desto sicherer wurde er seiner Sachs. Wie cs war, die näheren Unistände, das alles fli 13 ibn nichts an; es war ihm einerlei; aber die Tatsache schien ihm einfach und selbst­verständlich genug. Werner war ihr Sohn und sie mußte dies vor jedem geheim halten; deshalb hatte sie ihn bei seiner Mutter untergebracht und dieser Geld gegeben, wovon sie lebte und wofür sic ststlschwieg. Miß West war's, die die Kisten mit den Büchern geschickt; sie war's, die alle diese kostbaren Geschenke gemacht hatte, und ohne Zwei­fel war cs auch nur auf ihr Betreiben hin ge­schehen, daß er jetzt als Sekretär bei den Ram­seys war.

All dieser Unsinn, daß er dem jungen Erben das Leben gerettet hatte, war ja ganz nett für die Leute, die nichts von der Sache wußten; ibm, dem Wissenden, konnte es aber nicht im gering­sten imponieren. Seine Gedanken und Folgerun- gen schienen sämtlich lichtvoll, klar, einfach, selbst­verständlich Es war nicht an der Richtigkeit der Sache zu zloeifeln. Werner Jefferies, der als sein Bruder und der Sohn seiner Mutter galt, war in Wirklichkeit der Sokm dieser Frau, die ihr Geheimnis so viele Jahre hindurch so gut zu ver­bergen gewußt.

„Uud ein sehr nettes Spielchen ist's gewesen," sagt; er sich, „ein sehr ruhiges,niedliches Ge- scitaftchen. Meine Mutter hat bequem davon ge-. lebt — ich muß mehr davon haben. Wenn ich's bewahren soll, muß ich einen guten Preis haben, einen weit besseren Preis, wie sie gehabt hat."

(Fortsetzung folgt.)