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JV3 61.
Fulda, Dienstag den 16. März 1909.
36. Jahrgang.
Krstes Matt.
□ Das Kapitel der Steuerhinterziehungen
ist eins der unerquicklichsten in der Steuerpolitik der meisten Staaten. Greift der Steuerfiskus, wie man das namentlich bei der Einkommen» steuer erleben kann, einmal mit besonderer Festigkeit zu, so trifft er in vielen Fällen den Falschen.
Die Pflicht des Arbeitgebers, Auskunft über das Einkommen der Angestellten zu geben, und die Tatsache, daß das Gehalt der Beamten bekannt ist, macht es bei den mittleren und kleineren Einkommen beinahe unmöglich, auch nur einen Pfennig zu hinterziehen. Dagegen ist diesem wenig patriotischen Mißbrauche bei der Selbsteinschätzung Tür und Tor geöffnet. Er ist ein bedauerlicher Beweis von einer Selbstsucht, die mit den Pflichten gegen die Allgemein- heit nicht in Uebereinstimmung zu bringen ist.
Auch in England hat vor längeren Jahrzehnten dieser Mißbrauch in hoher Blüte gestanden, ist aber durch die Selbsterziehung des englischen Volkes auf ein Mindestmaß beschränkt worden. Es kamen dort jährlich sehr viele Fälle vor, daß Steuerpflichtige nach Abschluß ihrer Gesamtrechnung dem Finanzministerium einfach die mit oder ohne Absicht hinterzogene Steuersumme nachträglich zahlten. Es geschah dies meistens in der Form, daß der Einsender, um seinen Namen nicht zu verraten, die Hälfte einer englischen Banknote einsandte, deren andere Hälfte er als Quittung zu Hause behielt. So kam der Staat zu seinem Gelde und dem Manne war die Blamage erspart, wegen Steuerhinterziehung bestraft zu werden. Derartige Vorfälle sind nun leider in Deutschland sozusagen unmöglich. Es wäre bei uns ausgeschlossen, daß bei jemand, der von ihm nicht angeforderte Steuern freiwillig zahlen wollte, auf seinen Geisteszustand untersucht werden würde. Nun ist es ja wahr, daß das deutsche Volk unter einer mehr als hinreichenden Steuerlast, direkten und indirekten, zu leiden hat. Aber trotzdem bleibt es bedauerlich, -aß, wie im Volke das sittliche Bewußtsein hinsichtlich des Schmuggels, des Wilddiebstahls und des Holzfrevels nicht sehr stark entwickelt ist, so auch bei den Besitzern größerer Vermögen eine bedauernswerte L a x h e it des Gewissens in bezug auf die Steuerpflicht eingerissen ist.
Wir möchten uns keineswegs ohne Vorbchalr auf die Seite des Prof. Delbrück stellen, der bekanntlich in den „Preußischen Jahrbüchern", im „Tag" und in anderen Bättern ganz ungeheuerliche Summen angegeben hat, die angeblich : alljährlich der Besteuerung entzogen werden, halten es aber für durchaus nützlich, daß diese Frage angesichts der herrschenden Finanznot im Reiche und der kläglichen Aussichten der Steuerreform einmal gründlich angeschnitten wird.
Die „Deutsche Ztg." veröffentlicht eine Anzahl Zuschriften, die ihr aus ländlichen Kreisen zugegangen sind, und in denen über die Ein- fchätzungsmethode zahlreicher Großgrundbesitzer erbauliche Dinge mitgeteilt werden. Ein Mann „aus dem ländlichen Osten der Monarchie" schreibt, die Gutsbesitzer rechneten sich so viel /„Wirtschaftsunkosten" heraus, daß sie trotz Jagd- vergnügen und noblen Passionen oft weniger ' Einkommensteuer zahlten als eine vielköpfige Zrhrerfamilie. Ein höherer Beamter schreibt:
„Während die Lebenshaltung der meisten Grundbesitzer meiner Nachbarschaft über die meinige erheblich hinausgeht, machte ich bei der letzten Landtagswahl durch einen Blick in die St en er liste die Wahr
nehmung, daß einer dieser Herren (Haushalt: 2 Inspektoren, 1 Mamsell, 1 Diener, 2 Mädchen, 1 Kutscher, 1 Stallbursche, 4 Kutsch-, 2 Reitpferd«, das übrig« dementsprechend) weniger als den fünften Teil meiner Einkommensteuer bezahlte. Die Mitglieder der ländlichen Steueremschätzungskommission meinen, das sei anderwärts auch so; und man zuckt die Achsel, um nicht mit allen in Krieg zu geraten. Wird einer einmal gestellt, indem, man ihm nachweist, daß er als großer Herr lebt und als Koffäth steuert, so erklärt er, vom Kapital zu leben."
In der Zuschrift eines Kleingrunbbesitzers werden die Mittel, deren sich die Großgrundbesitzer zur Steuerhinterziehung bedienen, noch genauer gezeigt Der Großgrundbesitz, der fast immer auf Grund seiner Buchführung, nicht nach Hektar besteuert wird, zieht sich alle Ausgaben für Maschinen, künstlichen Dünger, Arbeitslöhne usw. ab, „kurzum alles, was eben an Ausgaben im ganzen Jahr vorkommt". Noch vor ein paar Jabren habe in dent Kreise des Briefschreibers ein Gut von 7003 Morgen überhaupt keine Einkommen st euer bezahlt, und noch heute zahle ein Besitzer im Dorfe mit 500 Morgen mefjr Steuer als zwei Nachbargüter mit etwa 2000 Morgen. Aufsehen muß es auch erregen, was die liberale „Düsseldorfer Ztg." mitteilt:
„Wer jemals in ostelbische Verhältnisse hineingeschaut hat, weiß, daß hier nicht etwa eine oder die ander« erbauliche Geschichte über Nnterdeklaralion zu erzählen ist, sondern daß ein ausgebildetes System der Steuerdrückerri besteht. Ein Gewerbetreibender in einer halbpolnischen Gegend spricht in vertrauter Gesellschaft der nächsten Großstadt von seiner Deklaration, auf Grund deren er ein Einkommen von zehntausend Mark versteuert. Das anfängliche peinliche Schweigen der Zuhörer, die sämtlich genau wissen, daß der Mann etwa den zehnfachen Betrag jährlich zurücklcgt, bricht schließlich eine schüchterne Frage. „Mein Lieber,' antwortet der Industrielle, „wenn ich es mir beikommen ließe, hunderttausend Mark zu deklarieren, so würde es mir erstens einmal, wenn es bekannt würde, der Pöbel die Fenster einwerfen und mein Haus demolieren. Dann aber erhielte ich eine freundliche Aufforderung des Herrn Landrats zu einem Besuche, und bei diesem Besuche bekäme ich folgendes zu hören: „Verehrter Herr, cs ist ihnen ja wohl bekannt, daß unser Reichstaasabgcord- neter 3c., der größte Besitzer im Kreise, ein Einkommen von zwölstausend Mark hat; Herr Oberamlmann A, der Pächter des großen Domänenlomplexes, versteuert acht, und ich selbst, der ich ja auch etwas Grundbesitz habe, komme trotz meines Beamtengehaltes nicht höher. Ich darf wohl mit Sicherheit annedmen, daß Sie sich bei Ihren Angaben geirrt und eine Null zu viel hingeschrieben Haden." Wollie ich, so sagt unser Gewährsmann, der Steuerbehörde gegenülcr em ehrliche-M«nn bleiben, so wäre mir der gesellschaftliche wie der geschäftliche Boykott sicher und der d.um meinen blühenden Geschäftes unausbleiblich."
Was die „Düsseldorfer Ztg." da behauptet, hat sie noch zu beweisen. Daß man es in Ost- elbien schon früher mit der Steuerveranlagung nicht so ganz genau nimmt ,ist schon vor mehr als 40 Jahren im preußischen Abgeordneten Hause gesagt und dadurch als zutreffend festgestellt worden, daß es in einem pommerschen Regierungs- bezirk nicht einen einzigen Rittergutsbesitzer gab, der ein Einkommen über 4000 OK versteuerte Die „Düsseldo. Ztg." würde sich um das Staatsinteress» verdient machen, wenn sie ihr Material einem Abgeordneten zur Verfügung stellte, damit er es dem Finanzminister zur- Nachprüfung unterbreitet.
Herr v. Rheinbaben hat neulich im Landtage sehr entrüstet protestiert, als behauptet wurde, sehr viele ländliche Großgrundbesitzer wüßten sich der Einkommensteuer zu entziehen oder schätzten sich doch bei weitem zu niedrig ein. Es muß ihm daran gelegen sein, solche Mitteilungen nicht ungeprüft zu lassen.
Deutscher Reich.
♦♦ Berlin, 15. März 1909. Das Kaiserpaar folgte am Montag vormittag einer Einladung deS Ministers v. Brertenbach zur Frühstückstafel. Abends fand beim Kaiserpaar ein Hofkonzert statt. — Der frühere großherzoglich-hesfische Gesandte und Bevollmächtigte Minister am preußischen Hofe Dr. von Neidhardt ist am Sonntag im Atter von 77 Jahren in Berlin gestorben. NeidhardtS Name ist in der Oeffentlichkeit durch seine Beteiligung an der Ausarbeitung des Entwurfes des 2. Sozialistengesetzes bekannt geworden. — Die Meldung Kaiser Wilhelm werde im April eine Mittelmeerreise antreien und etwa 14 Tage auf Korfu verbringen, ist, wie die ,9ieue Gesellschaftliche Korrespondenz" feststellt, falsch.
s. Die Kapitalserhöhung der Zentralgenoffenschaftskaffe wurde am Montag in der Budget- kommifsion deS AbgeordnetenhauieS beraten. Bekanntlich soll daß Kapital von 50 auf 75 Millionen Mark erhöht werden. Ein zu der gestrigen Beratung vorliegender Antrag wollte die Erhöhung auf 100 Millionen,. zumal die Preußenkaffe sich auch an der Finanzierung der elektrischen Ober-Landeszentrolen im Interesse der Landwirtschaft und des Handwerks beteiligen soll. Die Regierung hatte jedoch gegen die Erhöhung auf 16o Millionen Mark große Bedenken. Während der Debatte wurde mehrfach seitens der Regierung- betont, daß die Zentraloenossen- schaftskaffe keine politischen oder konfeffionellen Ziele verfolge. Das Verhältnis der fremden Gelder zum eigenen Kapital ist 1:2, während z. B. die Deutsche Bank ein solches von etwa 1:4 hat. Auch die Entschuldungsfrage wurde mehrfach gestreift; es wurde dabei betont, daß diese Frage eine wichtige Frage für die Ge- nostenschaften sei. Es wurde auch dem Be- dauern Ausdruck gegeben, daß das JahreSadreß- buch emgegangen sei.
** Der Tank des CumberländerS. Aus Anlaß der kürzlich wieder inkraft getretenen Verordnung über die kirchliche Fürbitte für das Herzog!. Haus Braunsckweig in allen seinen Gliedern war seitens des Vorstandes der altbraunschweigischen Vereinigung in Blankenburg eine Huldigungs-Adresse an den Herzog von Cumberland gesandt worden. Darauf hin ist jetzt dem Vorsitzenden der Vereinigung ein herzlich gehaltenes Dankschreiben des Herzogs von Cumberland zugegangen, worin für die Gesinnung „unerschütterlicher Treue und Ergebenhett" gedankt wird. — Der alldeutschen Preffe muß dreses Dankschreiben natürlich wieder zu neuen Hetzen gegen das Cumberländische Haus dienen."
)( Zur mecklenburgischen Berfaffungsreform. Wie aus Neubrandenburg gemeldet wird, hatte dieser Tage der Kaiser mit einem mecklenburgischen Herrn eine Aussprache über die mecklen- burgiiche Verfassungsfrage. Der Gewährsmann des Blattes stellte fest, daß der Kaiser vollständig auf Seite des Großherzogs steht und den Widerstand der ritterschasttichen Majorität gegen die Reformdestrebungen der mecklenburgischen Regierung in keiner Weise billigt. DerKaiser äußerte sich sogar sehr scharf über die Verbreitung entgegengesetzter Gerüchte. — Die starrköpfige mecklenburgische Ritterschaft wird sich dadurch n ihrer Opposition gegen jede Verfaffungsre- orm keineswegs beeinflussen lassen.
ns. Der 1. Deutsche Jugendgerichtstag ist am Montag unter ganz außergewöhnlich starker Beteiligung von Reichsbehörden, Vertretern der Bundesregierungen und städtischen Verwaltungen, von Richtern, Staatsanwälten, Strafanstalts
beamten, Aerzien u. s. w. in Berlin zusammengetreten. Zweck der Tagung ist eine Aussprache aller derjenigen Kreise, die sich mit der Jugend- sürsorge beschäftigen. Es ist selbstverständlich, daß bei einer derartigen Veranstaltung zu einer Zeit wo die Jugendgerichte bei unS noch nicht allgemein ringeführt sind und wo man noch auf keine lange Erfahrungen zurückblicken kann, die Auffassungen über die Art und Weife, wie sich die Tätigkeit an den Jugendgerichten zu gestalten hat, und wie die private Fürsorge namentlich der Fürsorgevereine ergänzend zu dieser Tätigkeit hinzutreten soll — noch weit auseinandergehen. Dieses trat auch in den Verhandlungen des Jugsndgerichtstagts vom Montag stark in die Erscheinung.
In seiner Begrüßungsansprache führte Etaats- miniftef a. D. Dr. Heutig aus, daß die Kriminalität der Jugendlichen m erhöhtem Maße die öffentlich« Aufmerksamkeit aus sich ziehe, und daß die Erfahrungen, welche man mit den Jugendgerichten mache, für unser Strafrecht und unfern Strafprozeß ein wertvolles Material abfleben. Staatsanwalt Wellen kamp- Magdeburg, Oberamtsrichter Riß-München referierten über: Das Jugendgericht im Vorverfahren, während die Amtsgerichtsrat Fisch er-Berlin und Amtsgerichtsrat Al lmenr öd er-Frankfurt a. M. über: Das Jugendgericht in und nach der Hauptverhandlung berichteten. Trotz der Abweichung der Auffassungen in einzelnen Punkten zog sich atS em Grundton durch die Verhandlung, daß in allen Stadien des Verfahren? gegen Jugendliche daS Gewicht zu legen sei auf einen erzieherischen Wert der Behandlung der Jugendlichen, und daß demgemäß alles vermieden werden müsse, was geeignet wäre, dasVertraueu derJugendlichen zu erschüttern und ihnen den Weg der Besserung zu erschweren. Großen Anllaug fanden die Ausführungen des letzt- flenamiten Herrn, der über die Tattik der Jugendgerichte in Frankfurt a. M. eingehend berichtete und dabei die Mahnung an seine Kollegen richtete, sich nicht zu sehr an den Buchstaben des Gesetzes $u halten, als vielmehr au den Geist des Gesetzes, der zur Errichtung der Jugendgerichte geführt habe. Von diesem Gesichtspunkt aus trat er dafür ein, daß, wo «# eben möglich wäre, in solchen Fällen, wo bet dem Jugendlichen die Einsicht in die Strafbarkeit seines TunS fehle, es nicht zum Hauptverfahren kommen zu lassen.
Von Interesse war es, daß sowohl in den Referaten als auch in der Diskussion eindringlich vor der Fürsorgeerziehung gewarnt wurde, während von anderer Seite die Fürsorgeerziehung als ein erzieherisches Mittel sür jugendliche Uebeltäter und auch deren Eltern bezeichnet wurde. In die Diskussion griffen auch vielfach Damen ein, wie diese auch überhaupt ein großes Kontingent zu dem Jugendgerichtslag stellten.
* Zu den Unruhen auf Samoa. Vom Gouverneur Dr. Solf ist, wie daS ,Berl. Tagebl.' erfährt, seit der letzten Nachricht ein weiterer Bericht in Berlin nicht eingetroffen. ES liegt nur noch ein Telegramm vor, in dem der Gouverneur unter anderen dienstlichen Meldungen be« richtet, daß die Lage auf Somoa unverändert fei. Es können auch noch mindestens fünf bis sechs Tage vergehen, ehe im Kolonialamt ein amtlicher Bericht über die Flottenaktion vor Apia eintrifft. Die vor der Insel zusammengezogenen drei Kriegsschiffe werden eine Rundfahrt um die Insel antreten, um zunächst auf diese Weise vor den Eingeborenen zu demonstrieren. Im übrigen hält man, wie man im Kolonialamt erfahrm haben will, die Lage nicht sür gefährlich. Man glaubt, daß es ohne Blutvergießen abgeben wird, weil die Eingeborenen untereinander selbst nicht einig sind.
— Konstanz, 15. März 1909. Der Reichs- tagsabg. H u g, einer der fähigsten und populärsten Zentrumspolitiker Badens, feierte heute hier seinen
Fm Sonne des Gelieiinnifses.
56] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.
„Ich hoffe", sagte Lady Wayne, „die Vorstellung hat Ihnen gefallen. Unsere neue Schauspielerin war meiner Meinung nach entzückend.
Jack wagte eine Ansicht zu äußern, es sei wirklich „ganz allerersten Ranges" gewesen. Wäre ;C» jeder andere, und nicht Werner's Bruder gewesen, so hätte Lady Wayne lächeln müssen; denn eine groteskere Figur, als .Jack sie bot, war ihr noch nicht vor Augen gekommen. Eine so wunderbare Mischung von Schüchternheit und Unverschämtheit, Scheu und Verwegenheit, Einbil- chnng und tödlicher Verlegenheit war noch nicht : erhört worden.
Lord St. Gilbert kam ihr zu Hilfe. Er schüttelte Jack mit herzlichem Lächeln die Hand.
„Es muß mich freuen, Sie kennen zu lernen," sagte er, „ist Ihr Bruder doch mein bester Freund. Wissen Sie, daß er mir das Leben gerettet?"
Jack verneinte, er habe das nicht gehört, aber pr wisse, sein Bruder sei ein famoser Kerl.
Dann stellte Lady Wayne mit einigen ruhigen Worten ihn ihrer Tochter vor, und Elsie Wayne Hielt, Bvlduin's wegen, ihm ihr weißes, juwelen- geschmücktes Händchen hin.
Endlich war Jacks Ziel erreicht, sein Wunsch ‘erfüllt, endlich sah er selbst in dies süße, strahlende Antlitz und sah das Lächeln, das ihn wie jein Sonnenstrahl geblendet. In diesem Augen- j blicke schien es ihm, als ob sich die Pforten des j^aradieses für ibn geöffnet hätten.
Er wußte nicht, was sie sagte. Er sah die Dia- menten wie ebensoviele feurige Punkte auf ihrem /weißen Nacken liegen; der Duft der Blumen, d>e sie in der Hand hielt, wehte zu ihm herüber > und berauschte ihn vollends. Als er feiner Sinne
Ergermaßen mächtig war und seine Pulse Mwas ruhiger schlugen, unterschied er ihre Worte, hatte ihre Frage wiederholt.
„Ist dies Ihr erster Besuch in London?" fragte sie, und ihre schönen Augen sahen ihn kühl an, was das Fieber, das seine Adern durchtobte, etwas zu sttllen schien.
Er verneinte. Er sei allerdings früher einmal in London gewesen, aber nur in Geschäften, und nicht zum Vergnügen.
„Dann soll der Besuch diesmal wohl eine einzige lange Kette von Vergnügungen sein, nicht wahr?" fragte sie. „Nun, wir müssen unser Teil zu Ihrem Amüsement beitragen. Ihr Bruder ist bei uns ganz wie zu Hause."
Jack „glaubte das auch", und daun trippelte Elsie Wayne lächelnd davon, da der Diener meldete, der Wagen sei vorgefahren. Seine Augen folgten ihr verlangend; jeder Herzjchlag schien mit ihr zu gehen, er hatte eine wahnsinnige Anwandlung, sich ihr zu Füßen zu werfen und sie über sich hinwegschreiten zu lassen. Dann kam Lord St. Gilbert, ihm guten Abend zu wünschen.
„Sind Sie mal in Windsor getoefen?" fragte er, und Jack erwiderte, er habe daran gedacht, mal hinzugehen.
„Dann," sagte der gutmütige, junge Edel- mann, „wollen wir, falls Sie morgen nicht ver- geben find, hin und im „Wappen von England" speisen. Wo wohnen Sie?"
Jack gab seine Adresse.
„Wir wollen also hinfahren," sagte Lord St Gilbert. „Ich werde morgen mit Werner bei Sbnen dorsprechen; Sie werden diel Vergnügen von dem Ausflug haben. Guten Wend!" 6
Lady Wahne sprach noch einige Abschieds- Worte, und Werner schüttelte ihm die Hand- dann blieb Jack — noch immer verwirrt, verdutzt' eine Beute der widersteifendsten Gefühle — allein. —
„Mama," flüsterte Elsie, ,chast Du schon gehört, daß Trauben und Disteln an einem Zweige wachsen?"
„Nein," versetzte Lady Wayne lächelnd.
«Und doch war das der Fall, als unser junger'
Dichter und sein Bruder unter einem Dache aufwuchsen."
Lady Wayne zuckte die schönen Schultern.
„Er ist einfach unaussprechlich, Elsie; aber wir müssen um Werners willen freundlich gegen ihn sein. Ich will ihn auf einen Abend einladen, wo wir ganz allein sind. Sei also ein gutes Kind."
Elsie bemühte sich tatsächlich, ein gutes Kind zu sein. Sie war Werner sehr zugetan; aber allen Anstrengungen zum Trotz kräuselte ein Lächeln ihre Lippen, als sie an die komische Gestalt dachte, die vor ihr gestanden.
Werner war in arger Verlegenheit wegen der Einladung, die Lord St. Gilbert seinem Bruder gegeben. Nicht, daß er irgend welche falsche Scham hinsichtlich Jack's hatte, aber er fühlte, auf der einen Seite war so ausschließlich vulgäres Wesen und auf der anderen so ausschließlich guter Geschmack und feinste Bildung, daß es zweifelhaft war, ob der geplante Ausflug woht irgend einen von der Partie im mindesten befriedigen würde.
meldete. Ein Auszug daraus ist hier vielleicht nicht unangebracht:
„Ich weiß nicht, Betsy, wie es mir jetzt, nach all diesem, noch in Elton gefallen soll. Keine dicktuerischen Gutsbesitzer, keine sogenannte „Feinen". Willst Du glauben, daß ich morgen mit einem wirklichen Lord zusammen speise? Und laß mich Dir sagen, Betsy, ein wirklicher, echter Lord ist was sehr angenehmes — so frei, so freundlich, so ungezwungen; hat nichts Dick- näsiges an sich. Morgen, gerade um die Zeit, wenn Du die Kühe melken gehst, fahre ich im Wagen eines Lords nach einem großartigen Hotel, wo wir ein Essen kriegen werden, wie Du's Dir nie, nicht 'mal im Traum, hast ein- fallen lassen. Das heiß' ich leben! Ich fühle, daß ich dafür geschaffen bin. Ich war zum Gentleman von vornherein bestimmt. — Was Damen angeht, so habe ich eine gesehen!! Aber vielleicht ist es besser, wenn ich Dir nichts erzähle; Du möchtest eifersüchtig werden."
36. Kapitel.
Erscheinung jenes sttahlenden, jugendlichen Gesichts, jener schlanken Mädchengestalt in ihrer
Was Jack betrifft, so ging er nach Hause wie jemand, der einem ausgesucht guten Tropfen Wein zu sehr zugesprochen. Die Sterne blinkten am nächtlichen Himmel — er sah nichts davon; Londons Straßen waren voll traurigster Poesie — er verstand nichts davon. Die goldenen Pforten des Paradieses hatten sich vor ihm aufgetan; feinste Wohlgerüche und Musik hatte« ihn berauscht, anstatt der goldenen Sterne und dunklen Straßen sah er das unvergleichlich liebliche, jugendliche Bild Elsie's, das ihn bis zum Tode umschweben, ihn fuhren foüte, — wohin, daS wußte nur der Himmel.
„Ich soll mit einem Lord zusammen speisen," sagte er sich dann; „kein sogenannter, sondern ein wirklicher Lord. Was wird meine Mutter, was wird Betsy dazu sagen?"
Auf der Fährte.
Das Diner im „Wappen von England" war eine Epoche in Jack Jefferies' Leben. Wie er darnach verlangte, sich in schwachem, ohnmächtigen Verlangen darnach verzehrte, auch so wie diese Aristokraten — so kühl, stolz, unnahbar, und doch wieder anmutig, frei und ungezwungen zu fein! Wre verächtlich fein früheres Leben und die ganze Vergangenheit ihm jetzt vorkamen! Als Gipfel alles irdischen Glückes war ihm einst vorgekoim men, wenn er Betsy heiraten, beständig Zigarren rmwhe« und ins Theater würde gehe« könne«.
Nummhr waren seine Ansichten von Leben und Glück total anders. Er hielt Betsy nicht länger für das erste und schönste, das klügste und geschliffenste Mädchen der Welt. Die blendende
Bevor er zu Bette ging, schrieb Jack einen
Brief an Betsy, worin er ihr seine glückliche An- _____________ ________________ ____
funft in London und seine großartigen Erfolgereichen Toilette hatte seinen Gedanken eine