MaerW Zeitung
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»»tatiourdruckLud veüag der Fuldaer Lk- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.
M GO.
Fulda, Montan den 15. März 1909.
36. Jahrqanq.
Zweites Atcrtt.
0 England und der Äougo.
9Lach der geschichtlichen Entwickelung und bei der ungeheueren Uebcrmacht Englands zur See ist es nur zu leicht verständlich, daß die wertvolleren Kolonialgebiete unter die englische Flagge kommen.
Die Mittel der englischen Staatsmänner, die Erweiterung der englischen Macht zu erzielen, waren nicht immer hübsch. Bon den blutigen Blättern der Eroberung Ostindiens bis zu der Einverleibung des Gakdkandes Transvaal ist die englische Politik mehr als einmal über die Grenze des sittlich Erlaubten hinausgegangen.
Nachdem die Engländer Aegypten bis zu den großen Seen sich angeeignet haben: nachdem ihnen eine kurzsichtige deutsche Kolrmialpvlitik bas prächtige Uganda und die besten Gegenden am Viktoria-See, sowie das paradiesische Sansibar überlassen hat, nachdem England endlich von Kapstadt aus ganz Südasrika bis weit in die Wüste Kalahari hinein mit Eisenbahnen iiber- sponnen hat, kann trotz der deutschen, französischen und italienischen Kolonien Afrika ziemlich als ein englischer Weltteil bezeichnet werden, wenn man ben Maßstab anlegt, daß alles irgendwie Wertvolle bereits in festen englischen Händen ist.
Doch in dieser Aufrechnung fehlt noch eins: der Kongostaat, der ohne Zweifel an Wert hinter den: englischen Besitz in keiner Weise $u- rückstehi. Der Kongostaat hat schon manchein englischen Staatsmann schweres Alpdrücken bereitet. Man empfindet es überaus unbequem, daß über dieses tonne Stück Land nicht schon längst der „Union Jack", die englische Flagge weht. Das hat aber seine Schwierigkeiten. Bis zunr 15. November 1908 tonr der Kougaflaat persönliches Eigentum des Königs Leopold von Belgien. Ob dieser Lebenskünstler die Einnahmen aus, dem reichen Besitz für nicht hach genug hielt, ob ihm das bare Geld lieber war, oder ob ihm die ewigen Klagen über die schauderhaften Ausschreitungen der Kolonialtruppeir auf die Dauer zuwider lmrrden; er brachte es dazu, daß das kleine Belgien den Kongoftaat von ihm übernah m.. Tie Sache liegt nun für die Engländer wesentlich schlechter als vorher, denn Belgien ist ein neutraler Staat, was die Transvaal-Republik nicht war, und wenn England allzu deutlich feine Gelüste nach dem Kmigostaate zeigte, würde es eine ziemliche Meirgc Konkurrenten in Europa bekommen, vielleicht sogar das europäische Konzert in geiwütige Verwirrung und dergleichen gegen einander zu Hetzen. wÄsrend die englischen Human itätsapostei ihr altes Geschrei über die Greuel int Kongostaate erhoben. Diese Greuel werden nicht geleugnet,jedenfalls aber ist Belgien nicht dafür verantwortlich, und die anderen Mächte habM es für eine innere Angelegenheit Belgiens gehalten, die Verwaltung des Kongosiaates in ein anständiges Geleise zu bringen. Die Engländer aber haben Wan eine Steile gefunden, wo sie ihren Haken einschkagen: sie bei langen von Belgien bei der Ucbernahme des Kongoßaates gewisse Bürgschaften für eine andere Verwaltung als bisher. Das ist dieselbe Methode, tote das Geschrei über die armenischen Greuel, das immer dann erhabert wurde, wenn sonst in der Türkei alles so ziemlich in Ordnung war. Der Engländer ist Geschäftsmann, nur das Geschäft liegt ihm im Sinn, wenn er Mr „Reform" in Armenien oder im Kongostaat Bereinigungen bildet, die ntut täglich und gielbetoußk in Europa Lärm zu schlagen haben, daß es mtders werden müsse.
Tiefe Manöver find leicht zu durchschauen, aber schwer zu durchqueren. Belgien wird am besten tun, nm Kongo wirklich eine ordentliche Verwaltung herzustellen, damit den Engländern jeder Grund zu einer Einmischung genommen wird. Wer weiß, wie lange es überhaupt noch dauert, bis die heißen Wünsche der Engländer erfüllt find rmd auch das ungeheuere fruchtbare Kongo-Becken zum britiWen Weltreiche gehört.
1 v-uischer «eich.
X Zrnn Kapitel der Steuerstinterziehuugen. Professor Delbrück erwidert in der tägliche« Rundschau^ auf die Ausführungen des Berliner Korrespondenten und deS Finanzministers Frhr v. Rheinbobeu im Abgeordnetenhause, wonach es mit den Steuerhinterziehungen keineswegs f» schlimm flehen sollte. Er wiederholt, daß in Preußen die letzte Vermögensveranlagung 91,6 Miütcuche» ergeben hat, während nach seiner Berechnung 155 Milliarden steuerbares Vermögen vorhanden feie«. Zugegeben, daß m dieser Be- rechmmg zweiselhaste Ansätze sind, so ist jedenfalls m der Presse noch kein wirklicher Fehler nachgewieftv worden. Delbrück selbst aber hat auf Grund neuer Informationen feine Rechnungen regiert und dabei festgesteüt, daß einige Ziffern herunter, andere heraufgehen. Eine wesentliche Veränderung ergibt sie aber nicht. Der Unterschied zwischen 91,6 und 155 Milliarde« ist so horrend, daß, auch wenn die letztere Ziffer ans 150, 140 oder gar 130 herunter- gerechnet werden könnte, der entscheidende Sah, daß die Veranlagung zur Ergänzungssteuer weit unter de» wahren Wert bleiben, gar nicht berührt wird. Noch schlimmer soll es nach Delbrück mit der Beranlagung der Einkommensteuer stehen. Es wird interessant sei«, das Ende dieses Streites zu erwarten, der nur durch Beibringung einwaudsfteier Zahlen entschieden werden kann. Wenn Prof. Delbrück nur einiger» maßen Recht hätte, dürfte ein großes Stück der preußischen Steuerreform ganz von selbst ge- löst fein.
X Die Schiffahrtsabgaben. Die .Nordd. Allg. 31g/ veröffentlicht den Gesetzentwurf betreffend die Erhebung von Schiffahrtsabgaben, Rach dem Entwurf soll die Erhebung von Schiffahrtsabgaben überhaupt für alle 'Werke, Einrichtungen oder sonstige Anstalten erfolgen, dir den Verkehr erleichtern, also auch für alle Häsen. Im Bereiche der Binnenschiffahrt können bei der Abmessung der Wasferabgaben die Gesamtkosten für ein Stromgebiet oder ein Wasserstraß ermetz zugrunde gelegt werden. Die Bestimmungen über die Bildung von Zweckoer- bänden und über den einheitliche» Taris find in einige« Punktes ganz bedeutend verändert: Zur Erlegung der Abgaben find sowohl die Schiffseigner, wie der Schiffer und Absender als Gesamtschuldner verpflichtet. Die SchiffahrtS- interessente« sollen bet der Verwaltung der zu bildenden Zweckverbände zugezogen werden. Die Abgaben sollen nur für zukünftige Aufwendungen erhoben werden. Alle Bertragsrechte, die der Erhebkmg von Schiffahrtsabgaben entgegenfieh en, treten durch daS Gesetz außer Kraft.
)( Tie preussischen Richter und Staatsanwälte Wolle» fich jetst auch organisieren. Am 3, und 4. April d. I. soll ernt Versammlung zwecks Gründung detz Vereins im preußischen Abgeordneten Haufe staltsirrderi, und es ist beabsichtigt, daß die preußische Richter-Organisation dem dealschen Richterbunde beilrikk.
* Darrustaick, 13. März IMS. Die Zweite Kammer ersuchte die Regierung um Vorlage eines ans dem Boden der FÄdkreitugung auf- gebauten Gesetzentwurfes über die Bodenkultur im B» gelsderge, d« jedoch denGemein- den bte Freiheit der Entschließung wahrt.
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* B« lex Semeindooalfien in Dänemark wurde eine Anzahl Frauen in die kommunalen Körperschaften gewählt.
* Im Kabinett Clemenceau kriselt es infolge von Zwistigkeiten zwischen Finanz, und Marinemmister. Fmanzmmister Caillaux hatte am Samstag vormiltaq eine Beiprechsng mit
dem Marinemimfier Picard und später mit dem Ministerpräsidenten Clemenceau, der am Nach- mittage noch vor dem Ministerrate die Grund- lagen zu einer Einigung mit Caillaux sestzustel- len versuchen wollte. Wenn's aber nicht gelingt? Dann muß entweder Caillaux oder Picard geben.
** Das englische Marine-Budget für 1909/10 ist auf 35,142,700Pfund — zirka 720 Millionen Mark veranschlagt gegen 32,318,500 Pfand im Jahre 1908/09. Die Neubauten des Jahres 4909/10 werden 8,885,194Pfund (180 Mill. Mark) gegen 7,545,202 Pfund im Etats- fahre 1908/09 betragen. An Neubauten sind in Aussicht genommen 4 Kriegsschiffe vom Dreadnought-Typ, 6 gepanzerte Kreuzer, 20 Zerstörer und eine Anzahl Unterseeboote, für di« eine halbe Mrllion Pfund (10 Millionen Mark) ausgeworfen werden.
Aus Uirche und Schule.
* Rom, 13. Marz 1909. Wegen andauernder Unpäßlichkeit des Papstes sind der ,Köln. Bztg/ zufolge die seit zwei Tagen stattgehadten Audienzen wieder eingestellt und die Eröffnung der Pinako- tbet verschoben worden. — Im Vatikan wird versichert, daß Oesterreich die päpstlich^ Konstitution über das Vetorecht seit 1904 kannte, und das Staalssekretariat wissen ließ, daß es nichts dagegen eiuMwenden habe.
* Austritt von Lehrer«. In dem verflossenen Monat Haden wieder vier Lehrer ihre Entlassung aus dem Schuldienst unseres Regierungsbezirks genommen; davon sind zwei Lehrer in den Schuldienst des Regierungsbezirks Wiesbaden und je ein Lehrer, in den Schuldienst der Regierungsbezirke Arnsberg uns Erfurt getreten. — In den Ruhestand versetzt wurden in den beiden letzten Monaten 5 Lehrer und eine technische Lehrerin; gestorben sind zwei aktive Lehrer.
Aus dem Nachbargebleie.
* Frankfurt a. M„ 12. März 1909. Heute hatte sich vor dem hiesigen Schwurgericht der Geldbriefträger Wilhelm Krekel wegen Unterschlagung und Urkundenfälschung zu ver- anlworten. Krekel hatte ihm zur Auszahlung übergebene Postamversungsgelder unterschlage« und zur Verdeckung dieser Nntegschleise Quittungen auf den Postanweisungen gefälscht. Das Gericht verurteilte ihn zu einem Jahre Gefängnis.
* Bon der Lahn, 12. März 1909. Geheimrat Meyer in Wiesbaden fordert in einem Aufrufe auf zur Gründung einer Genossenschaft für Se l bstversich erung gegeuUeberschwem- mungsschaden in Nassau. Alle waffer- bedrohten Gemeinden in ganz Nassau möchten sich daran beteiligen, um so rechtzeitige Vorsorge siir Ersatz etwaigen ksinftiaen Schadens zu treffen.
* Tiedesheim (Großh. Hessen), 12. März 1909. Seit einigen Lagen ist unter Mitnahme von 7(100 Mark ««kassierter Gelder ein hiesiger wohlhabender Timvohner verschwunden. Der junge Mann ist Vater dreier Kinder. Gleich- zeitig verschwand auch eine 17 jährige Dors schöne.
* Nidda (Grossh. Hessen), 13. März 1909. In Bad Salzhausen »st eme starke Solquelle angebohrt worden; das Wasser kommt aus einer Tiefe von etwa 400 Metern und ist 43 Grad warm.
* Vorn Eichsselse, 11. März 1909. Während bei BütlstÄrt-Strutd-Effelder die Wünschelrute des Landrats a. D. v. Bülow-Bothkamp bei der Wassersuche ein völliges Fiasko erlitten hat, hat sie — wohl durch Zufall — bei Hüpstedt einen Erfolg anfzuweisen. Dort ift es gelungen, eine ergiebige Quelle zu erschließen. Es ist dies der einzige Fall auf dem Eiärsfelde, wo mau mit der ^Wimschel- rute* einen Erfolg gehabt hat.
vermischtes.
* * Bon Liebestragödien könnte man alle Tage berichten. Auch Zeitungen, die nicht der Sen
sation huldigen, können nicht an allen diesen Nachrichten, die fich in letzter Zeit unheimlich häufen, vorübergehen. In Eberswalde hat ein Mjähriger Mechaniker ein ISfähriges Dienstmädchen unb dann sich selbst erschossen, weil sie nicht die Einwilligung der Eltern zur Heirat erhielten. In Blumenau in Schlesien begingen in einem Hotelzimmer eine Ehefrau und ein unverheirateter Mann aus Oesterreich Selbstmord. Ein „nettes" Ehepaar Nnrrde in L y ck (Ostpreußen) unter dem Verdacht verhaftet, der Mann seine erste grau und die Frau ihren ersten Mann vergiftet zu haben, um einander heiraten zu können. ,
** Die schlafende« Nachtwächter. Das rheinische Städtchen Stolberg hatte die Sorge für seine nächtliche Ruhe und Sicherheit 3 Polizeibeamten übertragen, die den Schlaf des Bürgers beschützen sollten. Und damit die Beamten ihre Pflicht auch erfüllten, schasste man Kontrolluhren an und verordnete, daß diese an genau festgesetzten Stunden „gestochen" werden sollten. Aber nicht nur die Bürguuuurerrnrrradgumldg Aber nicht nur die Burger, auch die Polizeibeamten liebten eben ungestörten Schlaf. Um sich den zu verschaffen, ließen fie sich einen Schlüssel zu den Kontrolluhren anfertigen, öffneten dir Apparate schon am Abend, mwhten die nötigen Markierungen für die kommende Nacht und legten sich dann auf ihrer Wachtstube schlafen. Das Idyll der drei schlafeirden Nachtwächter hätte vielleicht noch eine zeitlang weiter bestanden, wen« nicht der leidige Zufall den „Sicherheitsdienst" der Beamten an den Tag gebracht hätte, die sofort entlassen wurden. Auch der Staatsanwatt nahm sich der Sache an. Der Gerichtshof erblickte in dem eigenmächtigen Markieren der Kon- trollroüen in den Apparaten eine Urkundenfälschung und berurteilte die drei Angeklagten zi fünf Wochen Gefängnis.
** BevelkmmBbewegrmg h* Jahre 1907. Im Jahre 1907 wurden im Deutschen Reiche im ganzen 503,964 Ehen geschlossen (1906 498,990). Die ZaH ver Geborenen betrug 2,060,973 (1906 2,084,739). Gestorben sind 1,178,349 (1906 1,174,464). Im Verhältnis zur Gesamt - Bevölkerung ist gegenüber dem Vorjahre die Eheschließungs »Ziffer von 8,16 auf 8,12 ». T., die Geburtsziffer von 34/18 auf 33,20, die Sterbeziffer von 19,20 auf 19,08 v. T. gefallen. Der Geburten - Ueberschuß des Vorjahres mit 910.275 oder 14,88 v. $. ist demnach auf 882,624 oder 14,22 ». T. gesunken.
* WoP in einem Dutzend französischer Städte steigen jetzt Klugtechniker mit Flugapparaten auf. Es ist dieselbe Sache wie beim Erfinden des Automobils. Blos die Rippenbrüche werden bei dem Suftfport noch häufiger sein. — Ein am letzten Sonntag in Grennoble aufgestiegener Freiballon gilt als verschollen. Vier Personen befände» fich an Bord,
** Dtzaamitexplosio« in einer französischen Kaserne. In der Gendarnleriekaserne von St- nioges erplodierte eine Dynamitpatrone. Durch die Explosion wurde großer Materialschaden angerichtet, aber glücklicherweise niemand verletzt. Die Untersuchung hat noch nicht ergeben, ob es sich um ein anarchistisches Verbrechen, einen Racheakt oder die Tat eines Irrsinnigen handelt.
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