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Z.Pa^eSr"in5llwa. VscheMikage: „Illustrierte Zomtagrzeitung"

Fulda, Montaa dm 15. Mär, 1909

M 60

Erstes KKatt

über beim

36. Jahrqanq

X Auf dem Dache sitzt em Greis,. -.

Im Blocklager singt man Freudenlieder — 'Gaudeamus igitur! Es ist auch zu nett: Der Reichskanzler hat einen fast dreistündigen Vortrag beim Kaiser halten dürfen. Zwischen beiden soll eine vollständige Uebereinstimmung erzielt sein und was noch schöner ist: der Kaiser hat an einem Diner beim Fürsten Bülow teil- genommen. Also ist es nichts mit der Kri- fis, heißt es, und nur das intrigante Zentrum ist es, welches dem Fürsten Bülow mit den Kci- sengerüchten Schwierigkeiten machen wollte.

Das Merkwürdige aber ist, daß niemand im Blocklager in der Lage ist, mitzuteilen, worin denn überhaupt eine Verständigung zwi­schen dem Kaiser und dem Kanzler erzielt wor-

Zu dem Freudengeschrei der Blockprefse die Teilnahme des Kaisers an dem Diner Reichskanzler sagt die .Köln. Voltsztg/:

Erscheint tSglich mtt Ausnahme der So.«» Md Feiertage. viertel» iShrlichervrzngrpret, »ha« Srtngerloh» mb VesteSgeldinZuldafa» eit auswärts 1.50 Ult

Verantw- Redakteur: «arl Schutte,

Tie fteifirmige „Bofl. Ztg." gibt auf der an- deren Seite dem Reichskanzler zu bedenken, daß, wenn er die Finanzreform nicht fertig bringe, seinen Abschied zu nehmen habe. Aber sie hofft noch immer, daß dem Kanzler der große Wurf gelingen wende. Ihre Bundestreue macht sie aber nicht allein abhängig von einem Zustande kommen der Steuerreform im Sinne des Libe­ralismus. sondern sie verlangt gleichzeitig libe­rale Konzessionen für Preußen. Nach, dem man einmal in Preußen fertiggebracht hat, daß ein Kultusminister der Blockidee geopfert worden ist, will man auch auf die Besetzung des Ministerwechsels • im Kultusministerium beim Scheiden des Kultusministers Holle einen bestimmten Einfluß haben, und verlangt vom Reichskanzler, daß Herr Schwartzkopff, weil er zu „reaktionär" sei, von der Liste der Kandi­daten gestrichen werde. Seine Berufung wäre nach der „Vosf. Ztg." eine Kriegserklärung an das gesamte freiheitliche und aufgeklärte Bürger­tum und empathisch ruft sie aus: „Mit der Block­politik wäre es dann vorbei."

Nun weiß Fürst Bülow, wie er sich einzurich­ten hat. Vielleicht opfert er Herrn Schwartzkopff, wenn dieser wirklich als Nachfolger Holles in Aussicht genommen ist und die Liberalen werden ihm dann bei ders Steuerreform Kvnzesiionen machen. . . So werden wichtige Angelegenheiten des Reiches nicht nach sachlichen Momenten ent- schieden, sondern durch Kuhhandel. Das ist auch ein Charakteristikum der Blockära.

Deutsches Reich.

** Berlin, 14. März 1909. Der frühere Landwirtschastsminister von Heyden vollendet am Dienstag sein 70. Lebensjahr. Er wurde im Jahre 1890 Landwirtschaftsminister und be­kleidet« diesen Posten bis 1894. — König Alfons von Spanien hat den Madrider Professor Prida zum Schiedsrichter in der englisch-deutschen Streitfrage über die Grenzregulierung an der Walfischbai ernannt.

)( Das Herrenhaus tritt am 17. d. Mts. zu einer Sitzung zusammen. Auf der Tages- ordnung stehen die Gesetzesvorlagen über die Gehaltserhöhungen für Beamte, Lehrer und Geistliche. ' .

* Zur Tabaksteuer-Vorlage ist in der Sub­kommission von den Abgg. Müller-Fulda und

Ausland.

* Oesterreich - Ungarn und Serbien. In dem Stande des österreichisch-serbischen KonfliktS ist keinerlei Beränderung eingetreten. Die diplomatischen Verhandlungen ruhen augenblick­lich. In Oesterreich wartet man die serbisch« Antwort auf die kürzlich vom Gesandten Graf Forgach in Belgrad übrrreichte Note wegen der Handelsvertragsverhandlungen ob; im übrigen soll dort die Neigung zu einer friedlichen Aus­tragung des Konflikts im Wachsen sein. ES wird versichert, Oesterreich wolle nichts unversucht lassen, um Serbien zur Anbahnung direkter Ver­handlungen mit Oesterreich zu veranlassen. — Eine sensationelle Enthüllung bringt das „Neue Wiener Tageblatt*. Danach hat Rußland 1905 beim Abschluß des Handelsver­trages mit Ungarn die Bedingung gestellt, daß Serbien die Grenzerleichterungen entzogen würden. Der Anfang der Differenzen zwischen Oesterreichs und Serbien geht also auf einen wirtschaftlichen

den sei. Man weiß ja noch nicht einmal, ob die Finanzreform den Gegenstand des Vortrages ge­bildet hat. Es liegt nahe anzunehmen, das es der Fall getoefen ist. Aber tote ist der gegenwär- tigen Lage mit einer Verständigung zwischen Kaiser und Kanzler gedient?

Fürst Bülow hat, als es die Nach laß- steuer einbrachte, sich nicht nur in Ueberein- stinmumg mit dem Kaiser befunden, sondern auch mit den Bundesstaaten. Als wandelbarer Mann hatte er sich aus einem früheren Gegner der Nachlaßsteuer zu einem Anhänger derselben umgemausert. Aber als er mit dieser neuen Siebe für dieNachlaßsteuer bei den Konservativen auf Schwierigkeiten stieß, da mauserte er sich wie- herum und trat für den Steuerkompr o- m i ß ein. Inzwischen ist ihm von verschiede­nen Bundesstaaten zu Gemüte geführt worden, daß der Steuerkompromiß für sie unannehmbar sei, daher steht im Mittelpunkt des Interesses die Frage: wie wird sich der Reichskanz­ler zum drittenmal mausern? Hier­über lieft man in der Blockpresse nichts.

Je mehr Stimmen aus den Bundesstaaten gegen die Nachlaßsteuer laut werden, umsomehr fordern die Liberalen vom Reichskanzler eine feste Hand und verlangen, daß er den Gegnern der Nachlaßsteuer zeige, was eine Harke ist. Tie nationallib- „Münch. Neueste Nachr." tobjen be­reits, wie er das machen soll. Er soll den R e i ch s- tag auf löfen und mit der Wahlparole „Nach­laßsteuer' eine neue Mehrheit sich schassen, in­dem er die Sozialdem okratie tn den Block nimmt. Das Blatt ist Feuer und Flamme für den Plan und redet dem Fürsten Bülow zu, daß nur ein kühner Entschluß ihn noch retten könne. Man stellt ihm bor. daß, wenn er nick-t mit dem Zentrum seinen Frieden ma­chen wolle, nichts anderes übrig bleibe, als die Nachlaßsteuer, koste es, was es wolle, durchzu- setzen.

Wer weiß, was unter Fürst Bülow noch alles möglich ist. Wenn er mit dem Liberalismus paktiert, kann er in diesem Falle nicht anders, als auch dessen Sprößling, die Sozialdemokratie, die ja mit großer Begeisterung für die Nachlaß­steuer eintritt, an sein Herz zu drücken. Ein Bild zum Malen! Man kann sich die kommenden Wahlbewegungsszenen schon ausdenken: Ort der Handlung: Betllin bei Nacht. Es schlägt 12 Uhr. Eine endlose Seeschlange von roten Fackeln schiebt sich durch die Leipzigerstraße. Der Zug bewegt sich in die Wilhelmstraße hinein in den Hof vor dem Kanzlerpalais. Singer hält eine schwungvolle Ansprache über die patriotische Hal­tung der Sozialdemokratie, die bei den Wahlen die Regierung gerettet und eine sichere Mehrheit für die Nachlaßsteuer zur Verfügung stelle. Fürst Büstmr antwortet mehrfach von Rührung über­mannt. Seine Rede führt aus, er fei der agra­rische Kanzler, stets habe er streng liberale Ge- sinnung in seinem Innern gehegt, sein Herz aber sei, das hätten ihm seine Hausärzte noch heute schriftlich bestätigt, blutrot, nur schwarze Pläne dürfe man ihm nicht zutrauen. Tosender Bei- faff. Cüdrckum stimmt „Deutschland, T-utsch- land über alles" an, die Menge fällt begeistert ein.

Tie „Demsch- Tagesztg.", das Organ des Bundes der Landwirte, ist von diesen Aussichten denn doch wenig erbaut. Sie meint, es könne gerade für die geschworenen Gegner der Staats­autorität und des Reiches nichts Besseres geben, als jetzt eine Auflösung des Reichstags unter der Steuerparole. Wenig erfreulich für die Anhän­ger des Blocks ist ihre Bemerkung, daß die letz­ten Nachwahlen gezeigt haben, daß der Blockge­danke keine starke Zugkraft mehr habe.

Speck der Antrag gestellt worden, der Beratung folgende Fragen zu Grunde zu legen:

1. Welche Mehreinnahmen sollen aus der ander­weitigen Besteuerung des Tabaks erzielt werden? 2. Welches Steuer'ystem soll der Steuererhöhung zu Grunde gelegt werden: a) die Banderolesteuer, eventuell mit welchen Sätzen? b) eine Fabrikatsteuer nach der Vorlage von 1894? c) ein Wertsteuerzuschlag zn dem bestehenden Rohtabakzoll resp. der Rohtabaksteuer, eventuell tn welcher Höh«? d) ein biffeieniieUer Zoll für die verschiedenen Herkunftsländer: Sumatra, Java, Kuba, Brasilien, Nordamerika, Griechenland und Türkei, eventuell mit welchen Zollsätzen? e) eine Erhöhung der bestehenden Rohtabaksteuer und des Rohtabak,ollS nach dem Gewicht, eventuell in welcher Höhe? 3. Welche Vergünstigungen sollen dem Rauch-, Kau- und Schnupf­tabak eingeräumt werden? 4. Soll eine höhere Be­steuerung der Zigaretten stapstnden: •) durch Erhöhung des Zolls auf türkischen Tabak? b) durch Erhöhung der Banderolesteuersätze?

)( Die Unruhen auf Samoa, die bekannt' lich schon vor längerer Zett infolge Häuptlings« strettigkeiten ausgebrochen sind, scheinen noch nicht beigelegt zu sein. Auf Ersuchen deS Gouver­neurs von Samoa sind nämlich drei deutsche Kriegsschiffe nach der Insel Sawaii beordert worden. Ter angesehene Sprecher Lanaki vou Sawaii führte Maffendemonstrationen seiner An­hänger gegen die deutsche Herrschaft herbei. Dem Gouverneur gelang es bisher, Ausschrei­tungen der Gefolgschaft Lanakis unter den regie­rungstreue« Samoanern zu verhindern. Es ist zu erwarten, daß die Anwesenheit der Schiffe aenügen wird, um die Wiederherstellung der Ordnung ohne Kampf herbeizusühren.

= Mainz, 14. März 1909. In der Presse st viel darüber geschrieben worden, daß daS. Zentrum in Bingen-Alzey bei der nächste« Wahl schon im ersten Wahlgange für die Na» tionaUiberalen eintreten wolle. Die Dieburger, .Starkenburger Provinzial-Ztg/, die wohl durch Herrn Uedel unterrichtet sein dürste, stellt fest, daß „nicht der Kandidat Uebel, auch nicht die Zentrumspattei Bingen-Alzey den Vettrag mit den Nationalliberalen abgeschlossen hat, sondern die Zentrumsparteileitung in Mainz". Auch habe sich die Zentrumspartei nicht ver­pflichtet, im Jahre 1912 dem von den Liberalen aufgestellten Kandidaten ihre Stimmen zuzu­wenden, sondern dem von den Nalionalliberalen und dem Zentrum gemeinsam ausgestellte» Kandidaten.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 13. März 1909.

Nachdem ohne größere Debatte die Gesetzentwürfe betreffend die Gebühren der Medizinalbeamten und Bildung eines Landarmenverbandes sur die Insel H elgoland in dritter Lesimg angenom- rnen worden waren, wurde die zweite Beratung des

Forfteiats fortgesetzt.

Abg. Gleim (ntL) besprach die Holzberechtigung hessischer Stadt- und Landgemeinden und bat um ihre Ablösung.

Alsdann kam es zu einer allgemeinen Aussprache über Verkäufe von einzelnen Teilen des GrunewaldeS.

Abg. vou Brandenstein (kons.) begründet einen Antrag, wonach bet Veräußerung fiskalischer Grund­stücke in der Umgegend von Berlin die Ufer von Flüssen und Seen vom Verkauf ausgeschloffen werden sollen.

Für den Antrag sprachen fich die Abgg. v. Bülow- Homburg (ntL) und Graf Spee (Ztr.) aus, letzterer , aber nur für den Fall, daß der Antrag dahin adgeän- dert wird, daß er sich lediglich auf die Ufer deS Grunewaldes zwischen Berlin und Potsdam beziehe. ■ Der Zentrumsredner erklärte, der Standpunkt, daß der Staat verpflichtet sei, im Interesse der Großstädte die Waldungen in deren Nähe zu erhalten, sei unberechtigt. Man könne in dieser Beziehung Berlin lernen Vorzug vor den übrigen Städten einräumen. Wenn Berlin mit einem angemessenen Angebot an den Fiskus heran« trete, würde er fich gewiß ganz entgegenkommend zeigen.

Abg. Rosenow (frs. Vp.s trat im Interesse der Ser- Knet für die Erhaltung des Grunewaldes ein, während

Abg. Llldicke (freikons.) sich in dieser Frage auf die Seite der Regierung stellte.

Nachdem dann noch Abg. Borgmann (Soz.) sich Ebenfalls für die Erhaltung des Grunewaldes im In­teresse der Berliner Bevölkerung ausgesprochen hatte, legte

Landwirtschastsminister von Arnim den Stand­punkt der Regierung in dieser Frage dar. Der Staat dütte nicht einzelne Städte bevorzugen; das wäre eine Ungerechtigkeit gegen die Allgemeinheit. Er .sei bereit, dem in der Kommission ausgedrückten Wunsche mtsprechend das zu verkaufende Gelände nicht in kleinen Parzellen an Private, sondern wo möglich an interessierten Gemeinden zu verkaufen mit der Bedingung, daß der Waldbestand erkalten bleibe.

2U>g. Tr. Pachnicke (srs. Vgg.) meinte, der Staat möge auch mal andere Interessen anerkennen, als Portemonnaies-Interessen.

Darauf wurde der Antrag Brandenstein in der Dom Abg. Grafen Spee verlangten Abänderung ein­stimmig angenommen.

Der Sfteft des Etats wurde dann bald erledigt, .ur beim Titel Ausbau der Eisenbahnstrecke Cbarlottenburg-Spandau kam es zu einem kleinen Geplänkel zwischen den Abgeordneten und der Regierung, da die Regierung in der Begründung dieser Vorlage eine gewisse Geheimistuerei an den Tag lege.

Dienstag: Zweite Lesung des Bauetats.

Es waren vornehmlich liberale Blätter, wie die,Neue Braunschw. Lcmdesztg.' und die Münchener Neuesten Nachrichten', die über eine Erschütterung der Stellung des Kanzlers klagten und auch darauf hin- wiefen, daß der Kaiser die November-Ereignisse inner­lich noch nicht überwunden habe. Es muß betont werden, daß es nicht an gebt, jetzt alle diese Dar­stellungen etwa als leeres Zeitungsgerede Hinzuflellen. Die Zeitungen hatten dafür eine sehr reale Unter­lage, insbesondere ist dem Gewährsmann des er­wähnten nationalliberalen Braunschweiger Blattes offensichtlich der Bericht nicht fremd gewesen, den der Abg. Dr. Müller-Meiningen der freisinnigen Fraklionsgememschaft über seine Besprechungen mit dem Reichskanzler erstattet hat. Rach diesem Bericht, der auch in journalistischen Kreisen nicht un­bekannt geblieben ist, bat Fürst Bülow dem genannten Parlamentarier gegenüber lebhafte Klage geführt über die Kälte, mit der ihn der Kaiser behandle, und seine Stellung als so prekär geschildett, daß die Freisinnigen glaubten, den dringenden Bitten des Kanzlers nachgebefid, seine Stellung durch Annahme des Kompromißantrages Gamp-Arendt halten zu müssen. Das ist tatsächlich in allen politischen Kreisen bekannt.

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Rotatiottsbrudunb Verlag der Zuldaer Ak» . , .. tienbrutferei in $ulba

Monakbeilage: Seschicht§blatter $entfpred)tr Nr. 9.

Zni Banne des CeheimiB.

55] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.

Sein Gesicht wurde womöglich noch bkisier, und es toar kein gutes Leuchten, dos aus feinem Ange brach. Er tat einen langen, tiefen Atem­zug und die Worte, die seine Lippen flüsterten, .hatten üblen Klang.

„Also er ist dort, und ich bin hier; nun, wo er jetzt ist, da will ich hin. Was, er darf in ihr Gesicht blicken und sie anlächeln, er darf zu ihr Lprechen, und ich muß von weitem zusehen? Das soll und darf nicht fein, niemalsi"

Was für wahnsinnige, wilde Pläne kamen ihm in den Sinn, Gelüste nach Rache an seinem Bru­ders

Sein Bruder! Jack sagte sich diese Worte mit jitterem Hohnlächeln.

„Ser—t, ich bin tausendmal besser als er, kenn sie's nur wüßten. Ich weiß, wie meine Mutter heißt; und wo mein Vater begraben ist, da ist ein ehrlicher Mann begraben. Er hat ■•feinen Namen, ich habe meinen eigenen. Ich fjbtn ein besserer Kerl wie er.“

, Und doch, als er wieder und wieder hinsah, Emnte er sich der Einsicht, daß Werner ihm bei eitern überlegen,mit dem besten Willen nicht sderschließen. Das schone, geistvolle Antlitz, die ■Anmut, Grazie und feine Bildung, alles paßte Dollkommen in diesen fürstlichen Kreis, und Jack «fah's, sah s mit bitterem Neide. •

. Warum bin ich nicht wie er?" munmelte er bitter. „Alles und alles ist ihm gegeben; fein Gesicht da würde jedem Weibe gefallen. Ich will g veranlassen, daß er mir auch eine Aussicht

ffnet; ich will mit dem Mädchen da sprechen.

:s habe ich nur? Verd—t, alles Geld in der yen Welt gab' ich dafür, wenn sie mich nur Einmal so an lächeln wollte, wie sie's ihn eben ge- 4an bat!"

Es schien ihm Jahre, daß er Betsy geliebt hatte, der bloße Gedanke war ihm jetzt zuwider. Schönheit! Ha, sieh das Gesicht da an, wenn es lächelt, das edelgeformte, goldlockige Köpfchen. Anmut! Ha, die Art und SBeife, wie diese stol­zen, süßen Lippen fich öffneten und die kleinen Perlenzähne durchschimmern ließen, genügte, um denjenigen, der es beobachtete, von Sinnen zu bringen. Und Jack ballte die Fäuste und benahm sich überhaupt im ganzen so merkwürdig, daß seine Umgebung auf ihn aufmerksam wurde und Verschiedene ihn mit prüfenden Blicken daraufhin maßen, ob er verrückt oder bloß angetrunken fei.

Dann sah ihn Werner und lächelte herüber — ja, noch mehr, er sprach augenscheinlich von ihm, denn auch Lady Wayne blickt« zu ihm her­über, und Jack war überzeugt, daß man von ihm sprach.

„Na, wenn er wirklich Notiz von mir nimmt", dachte Jack, „so will ich ihm freiwillig alles ver­geben, was ich noch mit ihm auszumachen habe."

In Anbetracht von Werners steter brüder­licher Freundlichkeit und Zuvorkommenheit konnte das wohl nicht viel sein, obgleich sich Jack noch eine schwere Rechnung gegen seinen Bruder zusammenkolkulierte. Er war neidisch auf ihn, daß er so schön von Angesicht, so fein und gebildet war, neidisch auf ihn wegen aller Gaben, die gegen seine eigene Ungeschicklichkeit und Plump­heit so auffällig abstachen, aber dennoch wollte er großmütig allez dies vergeben, wenn Werner nur jetzt „von ihm Notiz nehmen" wollte.

Und während das Schauspiel weiter und wei- ter vorrückte und fich dem Gipfelpunkte der Tra­gik und dem Ende näherte, berauschte sich Jack immer mehr und mehr an der Schönheit Elfte Wayne's.

35. Kapitel.

Im Paradies.

Jack schrak aus seinen Träumen empor; der Vorhang war gefallen, und das Publikum begann fich zu entfernen. Er füllte fich an der Schulter

berührt, fuhr zusammen und herum; Werner stand vor ihm.

,Lack", sagte er, „komm mit mir."

Ohne ein Wort oder eine Frage folgte ihm Jack.

Es war eine Verzögerung oder ein Irrtum vorgekommen, als Lady Wayne's Wagen hatte vorfahren sollen; er war nicht gleich zur Hand; und sie, ihre Tochter und Lord St. Gilbert stan­den in: Hintergründe der Loge und warteten.

„Fünf Minuten?" hatte Lady Wayne gesagt, „wir haben fünf Minuten zu warten? Dann, Herr Jefferies, haben Sie ja noch Zeit, uns Ihren Bruder vorzustellen."

Ihre Stimme war weich, wie immer, wenn sie mit Werner sprach. Es lag etwas in seinem Gesicht, sie wußte nicht was, das sie anzog und ihr Herz rührte, wie kein anderes Gesicht es je­mals getan. Was ihr hauptsächlich mit an ihm gefiel, war, daß er absolut frei von falschem Stolz und Affektiertheit war. Er sprach so frei und so offen von der Armut feiner Familie, er fand sich mit fo vollkommener Anmut und feinem Takt in feine Stellung, daß es unmöglich war, ihm nicht Bewunderung zu zollen.

Er hatte Lady Wayne oft vom Wallhecken- Hauschen erzählt, wie es versteckt lag in Ranken und Blumen, von seiner malerischen Schönheit; er batte in der ihm eigenen, poetischen, bilder­reichen Sprache feine Mutter geschildert, ihr freundliches, netes Wesen, und das einfache, be­scheidene Leben, das sie in Elton führten. Nie hatte er fich angemaßt, etwas anderes zu fein, als das, wofür er selbst sich hielt, ein Sohn des Volkes, auS niedrigem Stande hervorgegangen, und voll Dankbarkeit gegen den Himmel für die Gaben, die ihn höher gehoben, als der bloße Zu­fall der Geburt es hätte tun können.

Als er, Lady Wayne's Wunsch gehorsam, auf die Suche nach feinem Bruder gegangen, wandte sie fich an Lord St. Gilbert:

„Ich wundere mich nicht über Ihre warme Zuneigung zu Herrn Jefferies, Bald; ich halte

ihn für einen der wohlerzogensten und feingebil­detsten Männer, die ich je habe kennen gelernt.“

Lord St. Gilbert war entzückt.

„Sie machen mir das Herz warm", erwiderte er, „wenn Sie so von meinem erwählen Freund und Kameraden sprechen."

„Wirklich", fuhr fie fort, „fein Benehmen ist tadellos. Können Sie sich nicht lckhaft denken, wie irgend jemand, der weniger gut erzogen, uns mit Entschuldigungen gekommen wäre und sich geschämt hätte, uns einen gewöhnlichen jungen Menschen vom Lande vorzustellen? Er ist ganz anders wie alle andern, die ich je kennen gelernt."

Dann kehrte Werner mit Jack zurück.

Aber wo war Jack's prahlerischer Mut, fein grobartigvornehmes Wesen? „Mutz ich meine Handschuhe anbehalten oder auszichen?" hatte et Wern er, vor Angst schwitzend, zuaeflüstert. Das war seine einzige Bemerkung gewesen, als Werner mit ihm durch den Menfibenfihwarm ge­eilt war.

„Wenn ich sie anbehalte, sieht man meine Ringe nicht; und doch sind meine Hände ein bis­chen rot und grob", dachte Jack mit einem Sei­tenblick auf die weiße, kräftige und doch schlanke Hand seines Bruders. Er entschied sich dasiir, fie anzubehalten. .

Noch eine Minute, und er stand vor der schön­sten und glänzendsten Fran in England, Evelyn Lady Wayne, die außerdem im Rufe stand, auch eine der stolzesten zu sein. Doch in diesem Falle war von Stolz nichts zu bemerken. Sie vergaß alles über ihrem Wunsche, Werner's Bruder es so angenehm wie möglich zu machen. Sie sprach mit freundlicher Stimme, mit ihrem liebeustvür- digften, annuitigsten Lächeln, ein Lächeln, wofür die halbe Männerwelt Londons dankbar gewesen wäre. Jack war verwirrt, geblendet, betäubt, jeder klaren Emvsindung unfähig. Es war doch etwas anderes, eine solche Frau aus einer gewis­sen Entfernung zu bewundern, und ihr von An­gesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen.

^Fortsetzung folgt-1