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eitung

36. Jahrganst

Fulda, Samstag den 13'. März 1909

M 59

Zweites HZtcrtt

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Europa könne diese Frage regeln. Die Regrerung ■ erklärt, daß Serbien von Oesterreich-Ungarn toe- ber Gebietserweiterungen .noch wirtschaftliche Entschädigungen fordere, fondern es Europa über- lasse, über die Angelegenheit zu entscheiden. Tue serbische Regierung weicht also einer Klärung der Lage aus und versucht auch weiter, zweifellos von Rußland unterstützt, die Entscheidung in der Angliederungsfrage und dem damit verbundenen von Serbien selbst heraufbeschworenen Zwist mit Oesterreich-Ungarn hinauszuschieben. Daran hat auch die österreichische Note nitchs geändert, die überhaupt, wie es scheint, von der serbischen Re­gierung vorläufig beiseite geschoben wurde.

In den ^Bereinigten Staaten hat Herr Tast das dornenreiche Amt des Präsidenten über­nommen. Einen „Präsidenten Roosevelt" gibt es nicht mehr, heute sagt man ganz gewöhnlich tote zu jedem Newyorker Stiefelputzer „Mister Roose­velt" Für uns ist die Frage: wird der neue Mann die Besserung der deutsch-amerikamscheit Beziehungen, an denen Roosevelt andauernd, kon­sequent und energisch garbeitet hat, mit Erfolg weiter führe»? Taft war die ganzen Jahre hin­durch Roosevelts Vertrauensmann, und dresek würde nicht so entschieden für ihn eingetreten sein, wenn er nicht in diesem so wichtigen Programm­punkte mit ihm iibereinstimmte. ,

InPersien nehmen die Kämpfe fein Ende, aber sie haben neuerdings keine erheblichen Er­scheinungen gezeigt. Stärker dagegen fällt das Wiederauftauchen der Eingeborenen-Bewegung in I n dien ins Auge. Es scheint, daß alle Jahre ein neuer Kampf versucht werden soll. Für Eng­land ist das ja vorläufig nicht gefährlich. Mit den nötigen Kolonial-Truppen, die man aus dem Abschaum'aller Länder sammelt, kann man der Eingeborenen wohl Herr werden. ______

= Im Zeichen des Luxus und der Mepräsentationsgelder

bat die in den letzten Jahrzehnten in Preußen- Deutschland betriebene Politiik gestanden und wenn auch Fürst Bülow ostentativ das Pr i n z i p der Sparsamkeit verkündet hat, so ist da­von einstweilen im Reichs- und Staatshaushalts­etat sehr wenig zu merken.

Wenn beispielsweise für den brandenburgi­schen Oberpräsidenten im „Fürstenhof" zu Berlin ein Absteigequartier für jährlich 5000 M gemie­tet worden ist, wo er sich aufhält, wenn er ge­legentlich zur Teilnahme an den Sitzungen des Provinzialschulkollegiums von Potsdam herüber- kommt, anderseits aber hört, wie dagegen den Eisenbahnunterbeamten die Gratifikationen be­schnitten werden, dann wird man unwillkürlich an die Dame des Hauses erinnert, die am Tage nach einer brillaitten Abendgesellschaft mit dem Dienstmädchen sich darüber unterhält, daß für das Dienstpersonal in der Küche zu große Aufwen­dungen gemacht werden. Tie „Köln. Bolksztg." hat Recht, wenn sie kürzlich in einem längeren Artikel sagte, jeder Mensch wolle heute repräsentieren. Frage man irgend einen Beamten ober auch sonst einen Privatmann, der seine Not klagt, wo ihn der Schuh brückt, so lasse man gewiß alles gerne gelten, was man über die teuren Zeiten und die Kosten der Erziehung der Kinder hört, aber wenn dann ber Jeremias über dis Ausgaben für „gesellschaftliche Verpflichtun­gen" wimmere, dann möchte man ihm den Rat geben, aller dieser gesellschaftlichen Verpflichtun­gen sich einfach zu entledigen. Aber gerade da­von will der Gegenwartsmensch nichts wissen, und in höheren Beamtenkreisen weist man ge­heimnisvoll auf politische Rücksichten hin. Das ist aber auch in den meisten Fällen Unsinn. Heute geben Regierungsräte Diners, bei denen fünf

oder sechs verschiedene Weinsorten aus die Tafel kommen — was hat das denn mit der Politik zu tun? Vor einigen Jahrzehnten war es an­ders. Damals gaben in einem benachbarten Hei­neren Bundesstaat sogar die Minister keine Di­ners und Soupers; die Ministerfrauen besuchten einander „auf ^faffee und Kuchen", die Minister aber trafen sich ja „auf der Behörde", sie mach­ten gar keine Privatbesuche und gingen höchstens einmal in der Woche ins „Kasino", um eine Flasche Wein zu trinken. Der Staat aber geriet trotz dieser einfachen Lebensverhältnisse nicht inS Wanken. Wie es jetzt geworden ist, schildert an- schaulich der „Homt. Cour.":

„Es sprach ein Sehergeist aus Gustav Frey tag, als er schon 1871 mahnte, das neue deutsche Kaisertum möge sich nicht blenden lassen von Goldglanz, Reichsherolden, großem Vortritt und abenteuerlichen Kaiserbannern. In den letzten Jahren war der Prunk bei Hofe sogar noch weit hinausgediehen über das, was der Dichter- Historiker als Prophet mit rückgewandtem Gesicht sich hatte träumen lassen, und manchem biederen Provinzialen, der soeben den Aufwand bei einer Prinzenhochzeit bewundert, wurde ganz merk­würdig zumute, wenn er tags darauf in das Hohenzollern-Museum geriet, wo rührend schlicht, aber eindringlich die Verschnupftabakten Westen des alten Fritz, die geriesterten Reitstiefel Fried­rich Wilhelms III. und die abgeschabten Neber- rocke Wilhelms I. die alte Wahrheit predigten, daß Preußen sich groß gehungert hat. Erst aü die Krone das Beispiel des Luxus gab, das sich in anderen Kreisen schon etliche Zeit breit ge­macht, griff et über auf den Hof, den Adel, das Offizierkorps und die Regierung. Der Kanzler muß heute 46 000, jeder Minister 14 000 <M mehr beziehen als in den bescheidenen Tagen Bis­marcks. Eine neue Arbeitszimmeretnrichtung des Kolonialsekretärs kommt auf 5000 <M zu stehen und der bloße Nmbau der Wohnung des Herrn v. Betbmann-Hollweg hat gar 130 000 M verschlungen. In Falkenstein hat man aus Spen­den reicher Leute ein Genesungsheim für Offi­ziere errichtet. Es faßt 52 Betten, soll aber bei­nahe 5 Millionen gekostet haben, also jedes Bett fast 100 009 M\ Noch Friedrich der Große ber- bot feinen Offizieren bei Kassation, einen silber­nen Löffel mit in das Feld zu nehmen. Als wir hingegen nach China gingen, hielten die Offi­ziere des dazu gebildeten Reiterregiments ein silbernes Tafelbesteck für das unentbehrliche Rüst­zeug eines Boxerfeldzugs. Der Artilleriemajor Scharnhorst in Hannover pflegte oft im Bäcker­laden das Abendbrot selber einzukaufen und es bann mit Frau unb Kind unter den Bäumen ber Eilenriede aus der Faust zu verzehren. Was wohl heute sein -Regimentskommandeur zu sol­cher Gefährdung des Standesanfehens sagen würde? Noch vor 40 Jahren beschränkte sich in den Berliner Garde-Jnfanterieregimentern die Geselligkeit auf Teeabende mit Butterbrot, dem in üppigen Häusern allenfalls eine fuße Speise mit einem Glas XÖein folgte. Seit einem Jahr­zehnt ist indes das „Diner" zur Herrschaft ge­langt; eine stattliche Gängereihe mit geflüster­ten Weinen und nie ohne Sekt. Auch das Ka­sino jebrt an der Gage durch Lisbesmäbler und Gastereien. Die dünne Bowle ist dem Sekt ge­wichen, den Schluß macht die Importe mit, der Leibbinde. Wem das eigene Geld leicht durch die Finger rinnt, der wird auch dienstlich kein Filz sein. Unser Reichs- Haushalt .ist in Summen hinefngewachsen, die noch ein Bismarck sicher für wahnwitzige Zu­kunftsmusik erklärt hätte. Das deutsche Doll aber hat sich seufzend mit der bitteren Wirklich­keit der Dinge abgufinben. Unser Kriegs- eiat i st ber größte der Welt, wir geben für Heer und Flotte ebenso viel aus, wie Oester­

Monakbellage: „guldaer Seschichüblätter"

wochen-ttundschau.

[:] Fulda, 12. März 1909.

Der Block existiert noch. Es ist möglich ge­worden, eine Aussicht auf Lösung des R e t ch s - finanzreformpnoblems zu finden, der alle Blockparteien vorläufig zugestimmt haben. Dabei ist allerdings auf das „vorläufig" mehr Gewicht zu legen, als auf das „zugestimmt ha­ben". Auch die Zusage der Regierung ist mit äußerstem Vorbehalt gegeben worden. Von dem Finanzkompromiß selbst läßt sich wohl sagen, daß es sich in jener Richtung bewegt, die das Zen­trum zuerst migebeutet hat. Daß das Zentrum dem Kompromißantrage trotzdem nicht zuge­stimmt hat, erklärt sich daraus, daß der Kom- promißantrag mit einer Reihe von Bestimmun­gen ausgestattet worden ist, die für das Zentrum unannehmbar sind. Dazu zählt der schwere Ein­griff in die Finanzhoheit der Bundesstaaten, die verfassungsrechtliche Festlegung der Höchstsumme der Besitzsteuer und auch die Hinausschiebung des Inkrafttretens der Besitzsteuer bis zum 1. April 1911. Aber auch die Zustimmung der anderen Parteien wie auch der Regierungen ist derart verklausuliert, und die Kritik der Presse, zumal der liberalen, derart scharf, daß man wohl an­nehmen darf, daß die Kompromißanträge noch we­sentlich umgestaltet werden müssen, wenn sie wirk­lich die endgültige Zustimmung ber betreffenden Stellen finden füllen. Um eine Preßäußerung dazu zu geben, zitieren wir die „Voss. Ztg.": „Man kann verhandeln, in der Erwartung, daß sich der vorgeschlagene Weg als ungangbar erwei­sen werde. Die Krisis ist damit nicht gelöst, son­dern vertagt. Es ist auch möglich, daß schon die Regierungen der Einzelstaaten das Kompromiß als so mangelhaft und fehlerhaft ansehen, baß es an ihrem Widerspruch scheitert. Tritt dieser Fall ein oder zeigt sich sonst bei den Verhandlungen, baß die verzwickte Besihsteuer unannehmbar ist, so wird der Zeitpunkt da sein, auf die Nachlaß» steuer zurückzugreifen."

In den Plenarverhandlungen des Reichs­tages wurden ohne außerordentliche Zwischen­fälle die Beratungen über den Reichshaushalts­etat fortgesetzt. Im AbgeodneteuHause wurden bei der Beratung des Etats des Ministe­riums des Innern eine Menge interessanter Fra­gen zur Sprache gebracht. So wurde die Für­sorgeerziehung einer eingehenden Erörterung un­terzogen, bei der der Äbg. Dr. Faßbender vom Zentrum den Plan für eine künftige Schulung ber Leiter von Fürsorgeanstalten entwickelte. Es kam sodann der Handels- und Gewerbeetat zur Beratung, zu dem ein Antrag vorlag, ber eine uhärfere Heranziehung von Filialbetrieben zur Gewerbesteuer wünscht. Es wurden sodann beim Handels- und Eewerbeetat von den Rednern her verschiedenen Parteien Ueberblicke gegeben iibr die wirtschaftliche' Lage ober damit zusammenhän­gende Fragen. Der konservative Redner, Herr Malkewitz, sprach sich in einer Weise über die So- zialpolitik aus, die von sehr vielen folgenden Rednern so ausgelegt wurde, daß die Konserva­tiven ber Weiterführung der Sozialpolitik Halt zu gebieten wünschten, da durch biefelbe die Un­ternehmer und der Mittelstand zu sehr belastet, und die deutsche Konkurrenz auf dem Weltmarkt geschwächt würden. Der Zentrumsabg. Trimborn sprach sich in sehr ausführlicher Weise über die deutsche Wirtschaftspolitik aus. Interessant war feine Mitteilung, daß er beim Zustandekommen des jetzigen Zolltarifs als Vertreter einer großen Stadt nur mit sehr schweren Bedenken den Ta­

rifsätzen zugestimmt habe. Er habe deshalb in der Folgezeit der wirtschaftlichen Entwickelung und dem deutschen Außenhandel seine ganz besondere Aufmerksamkeit zugewandt und sei zu der lieber- zeugung gekommen, daß der Zolltarif nicht jene hemmende Wirkung für die wirtschaftliche Ent- Wickelung Deutschlands gehabt hocke, die man hätte befürchten können. Im allgemeinen wurde bei den meisten Rednern die Hoffnung laut, daß die wirt- schaftliche Krisis ihren Höhepunkt überfchritten habe. Am letzten Dienstag hat daS Abgvordne- tenhaus das Gesetz betreffend den Wohnungsgcld- zuschuß erledigt, indes nur in einer Weise, daß die vorliegende Regelung von allen Seiten nur als vorübergehendes Provisorium angesehen wurde.

Als unliebsame Steigerung der Blockverftim- mung dürfte allgemein der Sieg des Zen­trums in B i n g e n - AI z e y und noch mehr der ‘ stolze Sieg der Welfen in Hoya-Verden em- Pfunden werden. In beiden Fällen sind Block­gruppen aus sehr glänzenden Positionen heraus­geworfen worden und zwar jedesmal mit tatkräf­tigster Unterstützung von Blockleuten, die gegen den ausdrücklichen Wunsch ihrerPartsileitung ihre Stimmzettel gegen den Block abgaben. Man hat eben die Massen nicht mehr hinter sich! Im Lande versteht matt die oberschlauen Blockführer nicht mehr.

Die Nationalliberalen hoben zur Zeit Pech und Glück zugleich: sie verloren bei der letzten der eben erwähnten Reichstagswahlen den Wahl­kreis Hoya-Verden an die Welfen und — die Mit­gliedschaft des Grafen Hoensbroech; das erstere ist Pech, das letztere aber das Gegenteil. Dieser abgefallene Jesuit kann es nicht verschmerzen, daß die Nationalliberalen in Bingen - Alzey dem Zentrum zum Siege verholfen haben, und kün­digt daher seiner Partei die Freundschaft. Aber man hört im nationalliberalen Lager keine Stim­me des Bedauerns, man ist dort froh, diesen Mann los zu fein.

Ein anderer, fonberbare Wege gehender Mann ist der bayerische Pfarrer Tremel, der in libe­ralen Vereinen und Versammlungen dermaßen agitatorisch auftrat, daß ihn sein Bischof verwar­nen und umAustritt aus den Reihen der Kul­turkämpfer ersuchen mußte. Herrn Tremel aber gelüftet es nach „politischem Märtyrertum", er weigerte sich, der Aufforderung des Bischofs Folge zu leisten, und rief landesfürstlichen Schutz an. Diese starke Auflehnung gegen den Vorge­setzten zog ihm die Suspension zu. Nun erhob sich in der kirchenfeindlichen Presse ein erschreck­liches Geschrei, das wohl über die faule Situation hinweghelfen soll, sintemalen man gut weiß, daß man sich anmaßt, in einer kirchlichen Angelegen­heit mitzureden, bei der man nur berechtigt ist, (mit Verlaub) den Mund zu halten.

In Italien haben die Wahlen mit dem üblichen Sieg der Regierung geendet. Wie es im freien Italien hergebracht ist, wurden die geg­nerischen Wähler mit Knitteln, Revolvern und stellenweise sogar mit Bomben an der Ausübung ihres Wahlrechts verhindert. Von vielen Orten werden Mißhandlungen von Priestern und Or­densleuten berichtet.

Die Antwort Serbiens auf die gemein­samen Vorstellungen der Mächte ist endlich ergan­gen. Das offenbar in Petersburg redigierte Akten­stück ist ein Muster von Inhaltslosigkeit und Ver- drehungskunst, worin bekanntlich die russische Di­plomatie bisher stets den Vogel abgeschossen hat. Es wird darin ausgeführt, daß sich die Beziehun- gen zwischen Serbien und Oesterreich-Ungarn geändert haben und daß Serbien weder eine solche Aonderung noch den Ausbruch e-ines Kriegs wünsche. Serbien sei der Ansicht, daß die Anglie­derungsfrage eine europäische Frage fei. Nur

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Carl Schütter

z.p^ule°i«zul'da. Wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagrzeitung"

Unpolitische Zeitkäufe

(::) Berlin, 11. März 1909.

(Nachdruck verboten.)

Ein Loblied möchte ich singen auf das brave Kautoetter, das uns nach den großen Schnee- fällen beschert worden ist. Ter scharfe Ostwind ist sonst nicht mein Freund, aber diesmal ist er der Netter aus schwerer Wafsersgefahr. Wären die Negenwinde von Westen her über uns gekom­men, fo hätte der Winter ein Ende mit fürdjter- lichem Schrecken und Schaden genommen. Aber so löst sich die gefährliche Hinterlassenschaft des Winters fo ganz allmählich auf, recht langsam und bedächtig, ohne Ueberstiirzung und deshalb ohne Schaden. Tie Sache hat etwas Aehnlichkeit mit der Echternacher Springprozession: wenn die Stauung unter dem Einflüsse der gestiegenen Sonne am Tage zwei Schritt vorwärts gemacht hat, so geht es in der Nacht bei leisem Frost wie­der einen Schritt rückwärts. Dieses Jahr kann man so recht sehen, daß die Sonne wirklich jene Zunge hat, die das Volk ihr zuschreibt in der al­ten Redewendung von dem „Auflecken des Schnees". Was Sonne und Wind langsam ver­zehren, kann die Flüsse nicht beschweren.

Nur keine Ueberstürzungl In gewissen andern Dingen ist uns freilich die Geduldsprobe weni­ger angenehm. Wir möchten z. B. gern heraus aus dem Hangen und Bangen in schwebender Pein wegen der Balkanwirren. Aber die Staats­künstler ziehen die Streitigkeiten in die Länge, als ob sie vom allerbesten Gummi wären. Da werden immer neue Ausflüchte, Zweideutigkei­ten, Vorbehalte und Schiebungen ersonnen, um die Wunde offen zu halten. Es geht uns wie den Angehörigen von zwei verbissenen Schachspielern. Wenn die hinter ihrem Brett sitzen und sich ßegenfeitig zu überlisten suchen, fo verlieren sie

Zeitbewußtsenr und die Höflichkeit. Tie pportie wird lang und länger, die Zuschauer gäh- Aen und ärgern sich, die Spieler aber grübeln und

schieben in unentwegter Bedächtigkeit. Geduld, Geduld! Einmal muß auch die verschrobene Par­tie Jswolsky-Aehrenthal ihr Ende finden.

Und die Finanzreform — daß Gott erbarm’! — wird auch nicht überstürzt. Vier Monate währt die Beratung schon, und die Herren sind so ver­worren und unentschlossen, wie am Anfang. Man rodet, rechnet und ratschlagt über ein Vierteljahr lang, und die Sache rückt nicht vorwärts um kein Haar lang. Der Reichstag hat die Ausgabe an eine Kommission geschoben; diese Hauptkommis- sion schiebt die härtesten Nüsse an Subkommissio- nen, was auf deutsch so viel wie Unter- ober Verlegenheitsausschüsfe bedeutet. Wenn es dann noch nicht buttern will, bann mischt sich Se. Durchlaucht der Reichs- und Blockkanzler höchst­selbst ein und beruft eine Geheim-Kommiffion von lauter Blockleuten zu sich. Aus diesem ge­heimen Rat entwickelt sich eine Viermännerkom- miffion, die in aller Stille ein sogen. Kompro­mißes ausbrütet. Wenn das Küken aus der Schale kommt, so entsetzt sich alle Welt über einen so scheusäligen Wechselbalg. Aber weil man nichts besseres hat, läßt man es als Lückenbüßer gelten mit' dem „ausdrücklichen Vorbehalt", näch­stens das Untier in die Mistgrube zu werfen. Wenn man das erste Stockwerk nicht fertig krie­gen kann, fo fängt man, „um feine Zeit zu ver­lieren", beim zweiten an. Wer Anlagen zum Methufalem hat, wird ja die „Gesundung der Reichsfinanzen" vielleicht doch noch erleben!

Wer langsam geht, kommt auch zum Ziel. Freilich, aber er darf nicht im Kreise herumlau- fen, wie ein verbiestertes Huhn. Es gibt ver­schiedene Arten von Langsamkeit: die eine rührt von der Bedächtigkeit, die andere von der Un­fähigkeit; die eine will Gefahren vermeiden, die andere will Gefahren für den Gegner abwarten.

Im Zeitalter der v-Züqe und der Automobile sind die Menschen auf Geduldsproben schlecht ein­gerichtet. Unsere Nerven halten, das lange Ab­warten nicht mehr aus. Wenn ich die Inserate in den großen Zeitungen überfliege ober die Re­

klamen in den Bahnhöfen rc. betrachte, so finde ich immer neue „Nährmittel für die Nerven". Unter allerhand griechisch-lateinischen Stoppel- Wörtern werden da wunderbare Stoffe zur Stär­kung und Heilung der schwachen Nerven ange- priesen. Wer das Zeug in seinen Magen bringt, soll Nerven wie Schiffstaue erhalten. Ich glaube nicht an die sogenannten Nährstoffe für einzelne Teile des Körpers; denn nachdem die Sachen in den Magen gegangen sind, werden sie dem allge­meinen Verdauungskanal zugeführt, und kein Mensch hat die Macht, von dem Verdauten den einen Teil hierhin, den anderen Teil dorthin zu dirigieren. Den ganzen Körper muß man gut ernähren; dann werden auch die einzelnen Teile des Körpers das ihrige abbekommen. Und wenn man die Nerven gesund machen und gesund er­halten will, so muß man nicht den Magen allein zu Hilfe ziehen, sondern vor allem den Kopf und das Herz. Wir verderben uns die Nerven einer­seits durch die aufreibende Arbeit, die vom unruhigen Gehirn ausgeht, und andererseits durch die Leidenschaften, die in dem ge­nußsüchtigen, ehr- ober gelbgierigen Herzen ihren Sitz haben. Wer nervös ist, muß seine ganze Lebensweise änbern,' und wer nicht nervös wer­ben will, der muß Maß halten in der Belast­ung seiner Nerven unb vor allem auch in der Belustigung seiner Nerven.

Tie modernen Verkehrs-, Betriebs- unb Kul­turverhältnisse stellen zweifellos viel größere An- forberungen an die Nervenkraft, wie es zurzeit unserer Väter ober Großväter ber Fall war. Aber bei einer vernünftigen Lebensweise kann man doch gesunde Nerven behalten. Das sehen wir ja täglich an einer Reihe von hervorragenden Leuten, die mitten im heißesten Getriebe des mobernen Lebens stehen und doch einen nüchter- nen Kopf, einen normalen Pulsschlag unb eine sichere Hand bewahren So ist z. B. der schwe- bifche Forschungsreisenbe Sven Seb bi n jetzt nach Berlin gekommen. Was ber Mann auf feinen verschiedenen Reifen in Tibet rc. aetoaat.

gelitten und geleistet hat, das ist geradezu wun­derbar, diese Wirklichkeit geht über die packend­sten Dichtungen der Schauerromane hinaus. Und der Mann, der jahrelang andauernd in den schwersten Todesgefahren geschwebt hat, befindet sich recht wohl, ohne ein besonderes Nährmittel für verbrauchte Nerven nötig zu haben. Seine Erfolge zeigen recht deutlich, wie großes man mit ruhiger, fester, zielbewußter Ausdauer er­reichen kann. Nur nicht den Mut verlieren, aber auch nicht die Geduld verlieren. Was im ersten Anlauf nicht gelingen will, das holt ein zweiter nach, unb wenn heute' der Erfolg versagt bleibt, so wartet man auf ben Glückssonnenschein von morgen.

Die mobernen Menschen neigen zur Heber- Haftung; die Natur pflegt sich Zeit zu lassen und von langer Hand zu arbeiten. Wer klug ist, hält sich an das Vorbild der natürlichen Entwicklung, vor allem der Christ, der in der Ordnung der Natur die Weisheit und den Willen Gottes ver­ehrt. Und der Christ kann das auch am leich­testen; denn er weiß, daß im Weltgericht nicht nach dem Erfolge geurteilt wird, sondern nach dem guten Willen unb der getreuen Betätigung unserer Kräfte. Wer nach bestem Gewissen tut, was er kann, ber darf sich sagen, daß er genug getan hat. Dieses Bewußtsein bewahrt ihn vor Uebergeschästigkeit, Ungeduld, Nervosität, Zer­fahrenheit und vorzeitiger Aufreibung. Ein gutes Gewissen ist das beste Mittel zur Nerven- stärkung.

— Die Ursachen der Taubstummheit. Nach ber fortlaufenden Statistik der Taubstummen im deutschen Reiche während der Jahre 1902—1905 ist das männliche Geschlecht unter den Taubstum­men stärker vertreten wie das weibliche., Dis Hälfte der Kinder ist von Geburt an taubstumm, die andere Hälfte hat das Gebrechen erst wäh­rend des Verlaufs der Krankheit erworben, werft im ersten unb LveUen Leberrsiahr. Während bet