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JV3 57.

Fulda, Donnerstag den 11. März 1909.

36. Jahrgang.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 10. März 1909.

, DaS HauS erteilt die Erlaubnis zur strafgericht­lichen Verfolgung des Redakteurs Grötzsch in Mobsckatz bei Dresden wegen Beleidigung des Abgeordnetenhauses. — Darauf folgt dir Weiterberatung der Vorlage aus Abänderung deS

Kommunalsteuerprivilegs

der Beamten, Geistlichen und Lehrer.

Zum § 1 liegt ein Antrag Viereck (frk.) vor, wo­nach die Beamten in den Gemeinden, wo neben der Gemeindeeinkommensteuer Schulbeiträge für die öffent­lichen Volksschulen erhoben werden, zu diesen Schul- beilrägen nichr auf Grund des vorliegenden Gesetzes herangezogen werden dürfen. Für den Fall der Ab­lehnung dieses Antrags beantragt Abg. Dr. v. Kries (kons.f, daß die bei der Heranziehung der Beamten usw. zu diesen Schulbeiträgen die für die Beamten ent­stehende Mehrbelastung möglichst battr beteiligt werde.

Nach kurzer Debatte, in der der

Abg. Dr. Heifig (Z.) sich gegen die beiden Anträge »usspricht, da durch dieselben die Schwierigkeiten noch vermehrt würden.

Abg. Frhr. v. Zedlitz (frk.) spricht sich gegen den Antrag Brereck aus.

Der Antrag Viereck wird abgelehnt, der Antrag KrieS angenommen. Ferner wird angenommen der gestern mitgeteilte Antrag Ahrens.

Im § 4 wird auf Antrag Eckert (freit) die von der Kommission bejchloffene Bestimmung wieder ge­strichen, wonach die den Satz von 100 Prozent übersteigenden Zuschläge dem Kreise insoweit ver­bleiben sollen, als er zur Deckung feiner Bedürfnisse die Einkommensteuer mit Umlagen heranzieht Es bleibt bei der Regierungsvorlage. Abgelehnt wird ein Antrag Wolff-Lisfa (fteil. Bgg.i, welcher die Geistlichen, Ele- mentarlehrer und Beamten binsichtlich der Besteuerung mit den übrigen Bürgern gleichstellen will.

| Mit diesen Aenderungen wird das ganze Gesetz angenommen.

ES folgte die erste Beratung der

Stempelsteuernovelle.

Abg. Dr. v. KrieS (t): Wir können im allgemeinen bett Vorschlägen zustimmen. Es wird aber zu überlegen sein, ob die Gebühren für Errichlungssteuipet für Gejel- schasien nicht erniedrigt und dafür die «stempel bei Erhöhung des Grundkapitals erhöht werden können. Schwere Bedenken habe ich gegen die Erhöhung der Stetnpelgebühr für Jagdscheine. Ich beantrage, die Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliedern zu verwerten.

Abg. Fleuster (Ztr.): Da die 16 Millionen nun einmal auigedracht werden müssen, so bleibt uns keine andere Möglichkeit, als die Borlage im wesentlichen zu bewrlltgen. Das Zentrum wird es sich angelegen fern lassen, daraus hinzuarbeiten, daß die Belastungen mög­lichst dahin gelegt werden, wo sie am besten ertragen werden können. Gegen die Erhöhung der Stempel­gebühren bei Gesellschaftsverträgen tft wohl nichts ein­zuwenden, dagegen bestehen gegen die Erhöhung der Jagdscheinstempet erhebliche Bedenken. Fast immer werden die Jagdverpächter, also die Gemeinden, die Steuer tragen muffen. Bei der Lustbarkeilssteuer wäre zu erivägen, ob nicht eine Spezialisierung staltfinden könnte. Da bei den mündlichen Mietsverträgen das bisherige Prinzip de3 Slempelsteuergesetzes, nur Ur­kunden zu besteuern, verlassen worden ist und dtes zu sonderbaren Konsequenzen führen könnte, indem man auch mündliche Kaufverträge besteuern könnte, so hat ein Teil meiner Freunde gegen diese Bestimmung schwere Bedenken. Bei § 25 der Vorlage ist unter» lassen worden, eine Zurückerstattung des Stempels auch zuzulassen bei solchen Kaufverträgen, die infolge von Wandlungsklagen ausgehoben werden. Die Frist zur Kassierung von Stempeln der Urkunden, die auf ungestempeltes Papier geschrieben sind, ist in der Vor­lage auf zwei Wochen festgesetzt, was für die heutige Zett zu kurz ist. Endlich dürften noch einige Härten zu beseitigen fein, die sich aus dem Gesetz für Notare ergeben. Wir sind bereit, das Gesetz den Bedürfnissen entsprechens zu gestalten und sind mit der Verweisung der Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliedern einverstanden.

Abg. Dr. Friedberg (natl.): Meine Freunde stehen der Vorlage im allgemeinen wohlwollend gegenüber.

Die für Miet- und sonstige Pachtverträge vorgesehene Erhöhung billigen wir, gegen die Stempelsteuer für Jagdschetne haben wir allerdings einige Bedenken. Wir bedauern, daß die Vorlage keine erhöhte Heran­ziehung der Fideikommiffe vorsieht.

Finanzmtnister v. Rheinbaben dankt für die wohl­wollende Ausnahme der Vorlage. Er glaube nicht, daß die Heranziehung der Jagdpachtverträge die Jagd­liebhaber veranlaffen werde, auf die Jagd zu verzichten. Die Stempelsteuerfrage hinsichtlich der Fideikommiffe gehöre nicht in dieses Gesetz, sondern in die in der Ausarbeitung begriffene Fideikommiß-Gesetzgedung.

Abg. Liidicke (srkons.) spncht sich ,ür das Gesetz aus, ist jevoch damst nicht einverstanden, daß die Stempelsteuer für Miet- und Pachtverträge auch auf derjenigen Verträge angewandt werbe, die vor Jnkrafl- treten des Gefetzes abgeschlossen wurden.

Abg. Träger (frf. Bp.) spricht sich gegen die Er­höhung des Mietsstempels aus.

Abg. Heimann (Soz.) spricht sich für die Vorlage auS, soweit sie eine Heranziehung des Großkapitals betrifft

Abg. Wolff-Lisfa (frf. Vgg.) spricht sich gegen die Stempelgebühren für mündliche Verträge aus.

Entsprechend einem Antrag Porsch (Ztr.) wird die Vorlage an eine Kommission von 28 Mirgledern ver­wiesen.

Donnerstag: Dritte Beratung des Gesetze? bett, bas Si euer Privileg der Beamten; dritte Beratung des Gesetzes betr. den Wohnungsgeldzuschuß ]ür die Be­amten; zweite Beratung der Medizinalgebührenordnung.

ü Hilfe! Hilfe!

Fürst Bülow ist in Gefahr! Aus der Blockpreffe heraus hört man es kreischen wie den Notschrei eines Ertrinkenden.

Es muß in der Tat verzweifelt schlecht stehen um die Sache des Fürsten Bülow. Nachdem seine vertrauli­chen Besprechungen mit den Vlockmännern des Reichstages, ja sogar seine Unterhaltungen unter stier Augen mrt dem Führer des Freisinns Dr. Müller-Meiningen zu keinem Ausweg aus dem Finanzdilemma geführt haben, hat er jetzt ein ganz ungewöhnliches Verfahren eingeschlagen, um sich und seine Finanzreform zu retten. Er hat, wie die „Berl. Morgenpost" mittet!!, eine grö- ,feere Zahl von politischen Redakteuren blockfreundlicher Blätter empfangen, nachdem er sie vorher zu sich eingeladen hatte. Mt feiner angeblich bezaubernden Liebenswür­digkeit hat er versucht, den Herren klar zu ma­chen, welche große Dinge jetzt auf dem Spiele stehen, und hat er sie für seine Politik zu gewin­nen sich bemüht. Ob und in welchem Umfange ihm dies gelungen ist, und wie seine demnächst einzuschlagende Politik überhaupt aussieht, das werden wir ja sehr bald aus den betreffenden Organen erfahren. Wir möchten nur sehr stark bezweifeln, dafe das von Bülwo hieü gewählte Mittel der Beeinflussung der öffentlichen Mei­nung geeignet fein wird, ihm Sympathien zu er- werben und feine wankende Position zir stützen. Der Empfang der Journalisten deutet, meint das genannte Blatt darauf hin, baß die S i t Na­tion aufs äufeerste gespannt ist. Alles dränge jetzt zu einer Entscheidung, so oder so.

Daß Fürst Bülows Stellung nicht mehr die sicherste ist, mußte man doch schon längst einsehen. In politischen Kreisen war es schon geraume Zeit kein Geheimnis, daß der Kanzler seit den schicksals- schweren Novembertagen das Vertrauen des Kaisers in erheblichem SJlafee eingebüßt hat. Die Blockpreffe wollte das dis heute nicht wahr haben, jetzt gibt sie es zu. Darin allein liegt schon ein Moment, das die gegenwärtige Unsicherheit der Stellung des Fürsten Bülow dokumentiert. Andere Momente kommen hinzu. So erregt es z. B. in politischen Kreisen großes Aussehen, daß die äußerst belastenden Anklagen, die der bekannte Regie­rungsrat Martin gegen den Reichskanzler schleuderte, von dem Angegriffenen nicht beant­

wortet werden. Weder die ,Nordd. Allg. Zeitung' noch eines der zahlreichen offiziösen Blätter bringt etwa? zur Rechtfertigung des Kanzlers bei. Da­gegen bemüht man sich nach Kräften und nicht ohne Erfolg, daS anscheinend unbequeme Buch Martins totzuschweigen. Ob bas genügt, um die Be­schuldigungen niederzuschlagen, erscheint uns zweifel­haft; man wird es niemand verwehren können, auch andere Schlüffe aus dem beredten Schweigen zu ziehen. Die Taktik des Totschweigens wird auch schon deshalb keinen Erfolg haben, weil RegierungS- rat Martin beabsichtigt, gegen alle Zettungen, die bei Besprechung seines Buches ihn in beleidigender Weise angegriffen haben, Strafantrag zu stellen. Durch diesen Schritt will sich Herr Marttn Gelegenheit schaffen, die in seinem Buche auf- gestellten Behauptungen über die Entstehung des ,Daily-TelegrapV-Jnterviews zu beweisen.

So gilt schon feit einiger Zett der stolze Thron des Blockkanzlers als erschüttert und in Gefahr, zufammenzustürzen. Wie tief bedenklich die Situation für den Fürsten Bülow ist, erkennt man am besten aus dem gestern schon von unS erwähnten, augenscheinlich vom Kanzler selber inspirierten Artikel der ,Braunschw. Landesztg.'. In dem Artikel wird zugegeben,

daß die Stellung deS Fürsten Bülow nicht mekr dieselbe sei wie früher, daß sein Bertrauensverhättnis zum Monarchen sich in wesentlicher Beziehung geän­dert habe, und wenn das auch nicht unmittelbar zur Erscheinung komme, so deuteten doch gewisse intime Anzeichen diesen Umschwung umso charatteriftischer an Des weiteren wird sestgestellt, daß Kaiser und Kanzler heute nicht nur in der innern, sondern auch in der äußern Politik voneinander abweichender Ansicht leien. Wieso und wann dieser Umschlag eingetreten fei, laste sich allerdings schwer feststellen. Die Schuld daran tragen nach der .Braunschweigischen Landeszig/ Zentrumsranküne und Einflüsterungen konser­vativer Nörgler bei dem Kaiser. Der Artikel klingt äußerst pessimistisch aus: „Ob die Entscheidung über die von mancher Seite bereits eiroarteten Ver­änderung der inneren Konstellation bald fällt, ist unge­wiß. Wahrscheinlich wird sich die heutige Krisis noch wochenlang hinausschleppen, sie wird aber leider dadurch verstärkt, daß die Kräfte des Reichs­kanzlers in dem Kampfe mit der agrarischen Oppo­sition zu erlahmen drohen, und daß diese bei der Krone an Einfluß von Tag zu Tag gewinnt."

Neu ist an diesem Artikel das offene Zugc- ständnis der Unsicherheit, in der der Kanzler sich befindet. Man wird sich fragen, ob eS in diesem Falle klug von ihm gewesen sei, seine Schwäche kundzutun, da möglicherweise gerade dadurch fein Sturz beschleunigt werden könnte. Allein Für i Bülow rechnet anders. Er will die öffentliche Meinung für sich mobil machen, damit sie seine Stellung gegenüber der Ärone befestige. Das Aus­spiele i des Volkswillens zu seinen Gunsten und gegen den Kaiser ist in der Polittk des Fürsten Bülow ja kein neuer Zug, er hat ihn bereits in den Rovembertagen mit Geschick verwendet. Daß er dabei das Schreckgespenst der „Zentrumsranküne" an die Wand malt, wollen wir ihm nicht so sehr übel nehmen, denn in der Not ist ihm jedes Mittel recht. Die „Zentrumsranküne" bestand bekanntlich darin, daß das Zentrum einen gangbaren Weg zeigte, auf dem man zur Reichsfinanzreform gelan­gen konnte. Fürft Bülow zog eS aber vor, diesen Weg zu verschmähen und seine Blockgetreuen für ein Kompromiß breitzuschlagen, das sich bann sofort alS Monstrosität herausstellte, mit der niemand etwas zu tun haben will.

Indessen der Hinweis auf den „schwarzen Manu" wird gewiß seine Wirkung nicht verfehlen. Auf wie lange, darüber ist eine Voraussage nicht wohl möglich. Noch niemals ist die Stellung des Kanzlers so un sicher gewesen, wie ge­rade in den jetzigen Tagen. Daran ist kein Zweifel möglich, das bekundet vor allem die mtt dem Akute der Verzweiflung erfolgte Flucht in die Oeffentlich-

kett, die Fürst Bülow mit dem oben bezeichneten Artikel deS ihm ergebenen BlockdlatteS vollzogen hat. Immerhin ist eS möglich, daß er sich noch monatelang im Amte halten wird. Die nähere Bestimmung dieses Termins wollen wir der Block­preffe überlaffm, für uns bietet sie fein sonderliches Interesse, weil wir mit dem Ende der Kanzlerschaft des Fürsten Bülow nicht rechnen. Der innerpoli­tische KurS, der seit den Blockwahlen gesteuert worden ist, wird auch nach dem Ausscheiden deS Fürsten Bülow aus dem Amte beibehalten werden, das Zentrum wird sich ebenfalls in seiner Politik nicht durch die Person des leitenden ReichsministerS beeinflussen laffen — UnS kann es gleichgültig fein, ob Fürst Bülow bleibt oder geht, wir rech­nen nicht mit ihm und haben darum auch kein In­teresse an fernem Sturz.

Deutscher Reich.

△ Der Kamps um die Nachlaßsteuer

setzt mit erneuter Heftigkeit ein, nachdem die Blockeinigung über; Las BesitzsterrerkompronriH sich als Totgeburt erwiesen hat. Während in den liberalen Fraktionen die Nachlaßsteuer nur mit recht gemischten Gefühlen angefehen wird, tritt die liberale Presse aller Schattierungen mit großem Eifer für die ehmalige Regierungsvor­lage ein und muntert die verbündeten Regierun­gen auf, mit aller Energie ihr Projekt durchzu­drücken, wobei sogar der Gedanke einer Reichs­tagsauflösung als diskutabel erachtet wird. Im konservativen Lager ist man über die Aufer­stehung der schon totgeglaubten Nachlafesteuer na- tiirlich recht ungehalten. Die „Kreuzzeitung" wendet sich mit grofeer Schärfe gegen die Forde» rung der Nachlafesteuer, sie empfiehlt den Par­teien die Rückkehr zu den ursprünglichen Anträ­gen Gamp und Herold, Müller (Fulda), weil ein Eingriff in die Finanzhoheit der Einzelstaaten unbedingt ausgeschlossen bleichen müsse. Schärfere Töne schlägt die „Deutsche Tageszeitung" an. Sie schreibt:

„Wennmicht alle Zeichen trügen, wird der Kampf um die Nachlaßsteuer nochmals in aller Schärfe ent­brennen. Wir sind gerüstet und halten unser Pulver vorläufig trocken. Man möge sich aber auf der anderen Seite nicht täuschen. Werden wir nochmals zum Kampfe gezwungen, dann wird dieser Kampf schäffer als jemals zuvor. Eine Rückzugsliute gibt es für unS nicht. Darüber möge und muß man sich völlig klar lein! Im Volke draußen besonders auf dem platten Lande ist die Mißstimmung über die Nachlaßsteuer tief und groß. Sie wird in vielen Kreisen, wenn der Kamps unS nochmals aufgezwungen wird, die Formen der Entrüstung annehmen und den führenden Kreisen, die bisher ihrer Verantwortung bewußt und in voller Besonnenheit die Entrüstung niederhielten, wird daS dann auf die Dauer unmöglich sein."

Die Blockblutsbrüderschaft scheint danach in diesen Tagen die Form besonders inniger Be­ziehungen annehmen zu wollen und man darf auf den weiteren Verlauf des häuslichen Zwi­stes gespannt sein.

** Berlin, 10. März 1909. Der ReichSan- zeiger veröffentlicht die Verleihung des Groß- kreuzes deS Roten Adlerordens an den Fürsten zur Lippe. — Gouverneur v. Schuckmann ist wieder nach Südweslasrika abgereist.

C. Die Budget-Kommission des Reichstages hielt am Mtttwoch, da das Plenum nicht zusam- inenlritt, eine Doppel-Sitzung ab. Die Beratung begann bei dem Triel Bekleidung und Aus­rüstung der Truppen. Auf eine Anfrage der Referenten, welche Erfahrungen bisher mtt den Zivilämtern gemacht worden seien, erklärt-

Im Sonne öes Geheimnisses.

62] Aus dem Englischen von K. v. Raesseld.

„Ich meine", fuhr Jack gekränkt und vor­wurfsvoll fort, „Du hättest mir doch vertrauen können, wo Du weifet, daß ich Dein einziger Sohn bin. Es ist wirklich hart für mich,, jetzt zu finden, daß meine eigene Mutter mich im Un­klaren und Dunkeln hält."

Die schreckliche Furcht wich nicht aus ihrem Gesichte: ihre Hände zitterten, ihre ganze Ge-

statt bebte.

„Was weifet Tu von Abbotsville?" fragte sie endlich mühsam; „wer hat Dir davon gesagt?"

„Ich weife mehr, tote Dir lieb ist. Ich weife, dafe ich Dem einziges Kind bin, und daß ich erst zwei Monate alt war, als mein Vater starb. Ich weife, dafe Du keine Pension von der Eisenbahn kriegst, sondern dafe das Geld, wovon Du lebst,

von Werner's Verwandten kommt; und ich sage, es ist eine Sünde und Schande, Mutter, daß Du dies alles für Dich behalten willst."

Sie hatte jetzt ausgehört zu zittern und stand vor ihm, blaß und ruhig, niit einer gewissen hel­denmütigen Entschlossenheit in den Zügen, die sogar ibn stutzig machte.

„Jack, willst Du mir sagen, wo Du dies alles gehört hast?" .

„Nein; das ist mein Geheimnis. Du wahrst Teins, und ich wahre meins. Dieselbe Person, die mir dies gesagt hat, wird mir auch alles übrige erzählen, fvenn ich hingehe und frage; ober ich glaubte, ich würde die Wahrheit von Dir eher erfahren."

„Jack", fragte sie mit verzweifelter Ruhe, "„willst Du mir sagen, warum Du dies wissen willst?"

„Ja; — ich habe nichts dagegen, die Wahr­heit zu sagen, Wenns mir pafet", sagte Jack mit grimmigem LäckMn. „Also das will ich Dir sagen. Du hast so'n ganz nettes Geschäft aus Fiesem Geheimnis gemacht — hast davon gelebt

und hast es gerade nickt so arg schwer gehabt — nun, meine ich, bin ich an der Reihe, so'n bischen draus zu machen. Will man mich ordentlich be­zahlen — nun gut, so werde ich das Geheimnis bewahren, wie Du's getan. Wenn nicht, so werde ich zu denen geben, die einen höheren Preis zahlen wollen. Weifet Du, ich scher' mich keinen Deut um Prinzipien, Ehre, oder derglei­chen Alfanzereien I"

Ein Heller Strahl brach aus Kat« Jefferies' Augen; eine gewisse strafende Würde kam über sie, die ihren Sohn für einen Augenblick beschämt und betreten machte, als er sie ansah.

„Ja, Du bist, wie Du gesagt hast, mein ein­ziger Sohn, Jack, aber lieber hätte ich Dich tot gesehen, wie Dich so sprechen hören. Du magst Dein Schlimmstes tun; das Geheimnis»das mir anvertraut worden, das werde ich auch bewahren. Merk Dir das, lieber stürbe ich auf der Folter, Zoll vor Zoll, als dafe ich es verriete. Und doch was; ich weife nicht, wo und wie D« das, toaS Du weißt, herausbekommen hast, aber das weife ich, es ist ganz und gar nicht möglich, dafe Du mehr entdeckst, wie Tu schon weifet. Und nun gib Acht: Wenn Tu mit hierüber noch ein ein- ziges Wort sagst, so gehe ich fort, wo Du mich nie Wiedersehen, noch von mir hören wirst. Ich werde mein Wort halten, Jack, so wahr der Gim­mel mich hört!"

Die einzige Antwort hierauf war ein lauter Krach Jack war in mafeloser Wut aufgesprun­gen, hinausgeeill und hatte die Haustür schmet­ternd hinter sich zugeschlagen.

33. Kapitel.

Eine verhängnisvolle Einladung. T

Lady Wahne war die Königin der Londoner Saison, und Kenninghall-House in dieser Saison der Mittelpunkt von allem, toai vornehm und glänzend in irgend einer Weife durch Geist, Ge- burt oder Stellung hervorragt«. Richt zum wenigsten wurde auch Elsie Wayne bewundert,

deren zarte, jugendliche Anmut und Lieblichkeit so gut gegen die vollendete Schönheit ihrer Mut­ter abstach.

Doch Elsie war verlobt. Lord St. Gilbert wollte von Geheimhaltung des Verlöbnisses nichts hören: es war ja sein Ruhm und fein Stolz, die- schöne Mädchen sein eigen zu nen­nen— weshalb sollte denn nicht die ganze Well es wissen?

Lady Wayne hatte ihm mit chrem ernstschönen Lächeln entgegengehalten, dafe Elsie noch so jung sei — sie müsse wirklich erst etwas von der Well sehen, und er hatte geantwortet:

„Sie ist alt genug, um mich zu lieben, Lady Wayne, und darum ist sie auch alt genug, um mir tren zu sein."

Worauf vielleicht eine schwache Erinnerung an einen früh verlorenen Liebestraum über Mylady gekommen zu sein schien, denn sie hatte nur tief geseufzt, und ihre schonen Augen hatten mit mil- bet Wehmut auf dem jugendlichen Liebespaar geruht. Offiziell bekannt gegeben wurde gleich- wohl die Verlobung einstweilen noch nicht.

Maria» West wat eigentlich gegen ihren Wil­len mit nach London gegangen; sie hatte ge­beten, allein auf Kenninghall bleiben zu dürfen, doch Lord Wayne hatte nichts davon hören tool- len,

„Du sagst, ton seien zu lustig; ttttrt gut, komm und amüsiere Dich mtt; Du bist überhaupt in letztet Zell gar nicht mehr Dein früheres Selbst, Marian. Nicht» ist so wohltuend, at< dann und wann eine Lust- und JDrti-Seränbe- rung."

Lor- und Lady Romsey Säten ebenfalls zur Saison nach der Stadt gekommen; ihre Haupt- sorge war vorüber, der geliebte Sohn und Erb« war wieder gesund und batte seine Wahl endlich getroffen; sie konnten sich nunmehr der Hoff­nung freuen, ihr alte» Geschlecht in zahlreichen neuen Sprossen wetterdlüheu zu seh«. Mylady 1

togr jetzt nicht mehr so nervös und besorgt um ihn, und der Earl freute sich königlich

„Natürlich müssen auch wir nach London", hatte er sofort entschieden. „Balduin wird e» nicht aushalten, dafe er Elsie ein Vierteljahr lang nicht sehen soll."

Wenn der Earl ginfl, mußte natürlich auch sein junger Sekretär mtt, war er ihm doch fast unentbehrlich geworden. Lord St. Gilbert er­klärte scherzend, er fei bisweilen so etwas tote eifersüchtig auf Werner.

Die Romseys befaßen ein grohes Haus in der Nähe von Hydepark. „Wenn Du verheiratet bist", pflegte der Earl zu feinem Sohne zu sa­gen, „so umfe diese Wohnung hier in der Stadt wieder instand gesetzt werden. Ich möchte selbst wohl behaupten, dafe Lady Wayne den ausgezeich. nefften Geschmack in ganz London hat. Wir muf­fen sie also seiner Zeit dabei zu Rate ziehen."

So plante man alles Schöne und sah unbe­sorgt der Zukunst entgegen; kein Anzeichen der buttflen Wolke, die sich langsam und dräuend am fernsten Horizonte sammelte, wat biz jetzt zu bemerken t _

Nachdem die Romseys ihren Landsitz verlassen, gingen fie zunächst auf den Kontinent, nach Ita­lien, und nahmen Werner natürlich mit. So kam es, dafe Jack bereit» wieder mehrere Male seit feiner verunglückten Entdeckungsteife an- seinen Bruder geschrieben, ober fefine Antwort erhalten batte. Al» Werner wieder in England, was e» sein erstes, nach Ferrybill zu schreiben und Jack mitzuteilen, e» fei ihm gänzlich unmöglich von London abzukommen, Jack käme wohl bester herüber und verbrächt« ein paar Tage in der Stadt. Er schickt« ihm eine Fünfpfundnote zur Bestreitung der Reife- und fonftigen Kosten — ahnungslos, daß er damit den ersten Schritt auf der Bahn getan, in deren Mitte Unheil und Kummer mif ihm teure Personen warteten.

tFottietzung folgte