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36. Jahrqanss

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Deutscher Reich.

i5 Das Finanzkompromiß.

Die Agitation der e i n z e l st a a t l i ch e n Re- Sterlingen gegen das Kompromiß setzt kräftiger ein.

Der sächsische Frnanzmrnrster Rrrger Hot das Kompromiß kurzweg als unannehmbar für Sachsen bezeichnet. Ebenso ablehnend verhält sich, wie schon gemeldet war, B a y e i n, Die Augsburger Abendzeitung schreibt offiziös: Der Blockantrag sei wohl der ungeheuerlichste Ein­griff in die Finanzhoheit und in das Budget- recht der einzelnen Staaten gegen den von allen Parteien ausnahmslos Stellung genommen wer- den müsse. Bei dieser Besihabgabe von 100 Mil­lionen würde Bayern mit rund 11 Millionen be­lastet, was 25 t>. H. seiner direkten Steuern gleichkomme, die durch Zuschläge aufzubringen wären. Auch in Baden wird das Finanzkom­promiß als ein „Verlegenheitsprodukt schlimm­ster Art" beurteilt. Falls die Mehrleistung an das Reich, die für Baden Millionen aus­macht, lediglich durch die Vermögenssteuer zu decken sei, müßte letztere um 43 Proz. und bei Freigabe der Vermögen unter 20000 <M, sogar um 66 Proz. erhöht werden.

Im Block herrscht schwüle Stimmung. In­nerhalb der Fraktionen und zwischen den einzelnen Parteien dauern die Verhandlungen fort. Man kommt aber nicht vom Fleck. Fieberhaft wird auch mit den Vertretern der Verbündeten Re­gierungen, insbesondere mit dem Reichsschatzse­kretär und mit Herrn v. Löbell, der in diesen Verhandlungen den Reichskanzler vertritt, wei­terverhandelt. Ergebnis bisher: Null.

Eine Zuschrift an die „Köln. Ztg." von „hoch- 'chätzter Seite", in der von der „politischen Un- reife" der Finanzkommission gesprochen wurde, hat die „D. Tagesztg." sehr verstimmt. Das Blatt fragte sogar erregt nach dem Namen des Verfassers. Das mußte zunächst als unange­brachte Neugier erscheinen. Die ganze Angele­genheit erhält aber einen sehr pikanten Anstrich durch die lakonische Bemerkung der „Germania":

„Sollte die »Deutsche Tageszeitung wirklich nicht wissen, daß als Urheber der Zuschrift der Reichs- lanster Fürst Bülow selbst angesehen wird?"

Wenn wirklich der Reichskanzlei: der Ver­fasser der Zuschrift wäre, so müßte ihr allerdings eine erhöhte Bedeutung beigelegt werden. Denn in der Zuschrift hieß es:

„Ich würde keinen Augenblick davor zurückschrecken, den Reichstag aufzulösen, auch wenn neue Steuern ein schlechtes Wahlprogramm bieten. Es handelt sich eben tatsächlich um die Sicherheit, Ehre und Zukunft des Deutschen Reiches. Das müßte den Wählenr nur einmal klargemacht werden. Es kann nicht io weitergehen. Diese Sache geht mir an die Nieren, es ist mir geradezu unbegreiflich, daß untere öffentliche Meinung und ihre berufene Ver­treterin, oder soll ich sagen Brldnerin, die Presse, nicht mit einer ganz anderen Energie und Klarheit in dieser Frage Partei ergreift. Bei Zeppelin schlug die patriotische Flamme lichterloh empor — das war erhebend —, nützlicher aber und wohltuender wäre es, wenn sie jetzt zu hellem Brande ausflackern würde."

□ Daß der Freisinn im Block eine über­aus traurige Rolle spielt, das weiß jedermann, nur der Freisinn selber nicht. Ganz besonders weiß es der ^Führer", Dr. Müller-Meiningen, nicht, der neulich den Mut hatte, bei einer pho­tographischen Aufnahme der Steuerkommission des Blocks sich mit einem Gesichte von strahlen­der Wichtigkeit in die Mitte des Bildes zu stellen.

während die übrigen Blockmitglieder „wie der Slernekrei- um dir Sonne sich stellten". Der Freisinn hat nur etwas zu gelten, wenn er dabei hilft, freisinnige Prinzipien und Volksintereffen zu vergewaltigen. Hat einmal ein Freisinniger eine wirklich freisinnige Idee, dann muß er sich darauf gefaßt machen, daß man ihn damit nach Möglichkeit verulkt. Nun hatte kürzlich in der Budgetkommisfion des Reichstages bei der Be­ratung unseres miliiärischen Milliarden. Etats ein Freisinniger den Einfall, zu verlangen, man möge vom Militäretat aus Sparsamkeits-Rück­sichten vielleicht 1( 0 Mill. Mark streichen und dem Kriegsminister zu sagen, er möge diesen Abzug entsprechend verteilen. Dieser Antrag war durchaus berechtigt; denn der Militäretat bietet derartig viele Geheimnisse und Undurchsichtig­keiten, daß der Reichstag gar nicht in der Lage ist, hier Klarheiten zu schaffen. Er muß infolge alle Angaben der Militärverwaltung als richtig hinnehmen, und die Folge davon ist, daß an wirkliche Kürzungen gar nicht zu denken ist. Nur hin und wieder zieht einmal ein früher verärgerter Militär diese oder jene ihn besonders ärgernde Einzelheit ans Tageslicht, und dann kann der Reichstag mit seinen Cparsamkeitsbestrebungen einfetzen. Bei der großen Maffe der Einzel- Positionen aber steht der Reichstag gänzlich ohne Urteil da, und alle Anregungen und Anfragen in Bezug auf Sparsamkeit werden von der Militärverwaltung mit schärfsten „unmöglich" abgetan. Unter diesen Umständen hätte man annehmen dürfen, der freisinnige Antrag wäre wenigstens ernst genommen worden. Das tut die Regierung aber nicht. Das offiziöseste unserer osfi'iösen Regierungsblätter, der „Berl. Lok.-Anz.", der für gewöhnlich nichts zu drucken pflegt, was nicht die ausdrückliche Billigung der Regierung gefunden hat, glaubt diesen sreisinnigen Antragsteller wie folgt verulken zu dürfen:

„Sollte man auch gegenüber den gewaltigen Aus­gaben des Militäretats sich abermals mit Lappalien begnügen? Nur hier keine Pfennigfuchserei, dachte ein Mitglied der Kommission und beantragte, die Forde­rungen der Heeresverwaltung um die runde Summe von — hundert Millionen zu kürzen! Der Kriegs­minister möge einfach selber sehen, wie er mit dem schäbigen Rest auskomme. Wirklich ein ausgezeichneter Gedanke. Nur hatte leider Herr ». Einem nicht genügend Verständnis für ihn. Eine kurze Attacke des schneidigen Generals, und der Sparsamkeitsfanatiker zog sich eilends mitsamt seinem Anttag hinter die Front zurück."

Als der Block geschaffen wurde, meinte ein großes freisinniges Blatt, der Freisinn werde bei dieser konservativ-liberalen Paarung der „Gelack­meierte" sein. Wenn der Freisinn zu dieser An­sicht bin jetzt noch nicht gekommen sein sollte, dann wird allerdings auch der Hohn, mit dem man feinem berechtigten Sparsamkei^bestreben entgegentritt, ihm die Augen nicht zu öffnen ver­mögen.

:: Als Erfordernis einer gerechten Wahl­kreiseinteilung bei einer Reform des preußischen Landtagswahlrechts hat das Zentrum stets be­tont, daß es nicht angängig sei, lediglich nach der Kopfzahl eine Neueinteilung der Wahl- kreise vorzunehmen, sondern daß dabei auch Den Interessen des weniger bevölkerten Landes Rechnung getragen werden müsse. Diese Forde- rung e.häit unbewußt eine Unterstützung von anderer Seite, von welcher man sie am allerwenigsten erwarten sollte, nämlich vom — sozialdemokratischen „Vorwärts" (Nr. 49). In einer Besprechung des Entwurfs des neuen sozialdemokratischen äDtgani-

sationSstatats betont er, daß das für die Wahlen zu den Parteitagen vorgesehene gemäßigte Propor- tionaliystem u. a. deswegen notwendig fei, weil Wahlkreise mit schwächerer B wegung unbedingt daS Recht der Vertretung auf den Parteitagen haben müßten. Die Partei müffe die Bedürsniffe dieser Kreise stets gut kennen, sie bleibe dadurch vor der Gefahr bewahrt, ihre Beichlüffe lediglich auf Grund des Standes der Partei in den groß- städtischen Gebieten zu treffen. Sollte diese Er- wägung — auf die Verhältnisse deS preußischen Abgeordnetenhauses angewandt — auch hier nicht dafür sprechen, bei einer neuen Wahlkreiseinteilung einen gerecht en Au Sgl eich zwischen Stadt und Land vorzunehmen, statt, rote die Sozialdemo, fratie dies will, durch eine rein mechanische Ein- leilung nach der Beoölkerungszahl der Stadt ein llebergeroicht Über das Land zu verleihen?

a. Schlechte Ernteaussichten? Durch die lange Frostperiode, die dem Schneefall voranging, ist der Saatenstand ungünstig beeinflußt worden, so daß die Landwirtschaft der diesjährigen Ernte mit Besorgnis entgegensteht. Sie ist vielfach bereit» im Keime erfroren. Dazu kam, daß im Herbst so gut wie keine Niederschläge waren, und gerade die junge Saat braucht Regen, wenn auch nicht zu viel. Unter dielen ungünstigen Umständen konnten sich die Saaten bisher nicht entwickeln, und allem Anschein nach werden des­halb die diesjährigen Ernten unter mittel, wenn nicht gar schlecht aussallen. Die heftigen Schnee­fälle der letzten Tage, die Feld und Flur mit einem warmen Gewand deckten, sind dem Land­wirt willkommen, denn sie können manche der vorangegangenen ungünstigen Wirkungen wieder ausheben, indem die Saaten sich vielleicht unter der warmen Decke teilweise wieder erholen.

•b München, 9. März 19«'9. Die liberale Presse entrüstet sich wie üblich über das Vor­gehen der kirchlichen Behörde gegen den liberalen Pfarrer Tremel in Volsbach. Was glaubt man denn, daß Pfarrer Tremel geschähe, wenn er Offizier wäre und sich derart gegen seinen Regimentskommandeur oder den Major vom Stab — ganz zu schweigen von Divisionär oder Kvrpskommandeur — benähme, wie er sich gegen seinen Erzbischof und beffen Räte benimmt ? Würde er da noch einen Tag in Uniform herum- gehen? Ist ober feine disziplinwidrige Haltung eine anders zu beurteilende Sache, weil er Geist­licher ist? Können ihn Leute, die doch sonst für den Geist der Armee schwärmen, im Ernste ver­teidigen?

Ausland.

*w Einem österreichischen Spion ist die serbi­sche Polizei auf die Spur gekommen. Der Agent Müller, der sich feit Jahren mit Liefe­rungen für die serbische Armee befaßt, unterhielt seit langem gute Beziehungen mit höheren Offi­zieren des serbischen Kriegsministeriums. Samstag wurde nun ein serbischer Offizier, Lankowilsch, verhaftet, als er eben Müllers Wohnung verließ. Er gab nach längerem Leugnen zu, Spionage­dienste für die österreichisch-ungarische Gesandt­schaft betrieben zu haben, wofür er bezahlt worden fei. Müller wurde sofort verhaftet. Viele Offiziere, die jetzt im serbischen Kriegsminsterium im aktiven Dienste stehen, find in den Fall verwickelt. Die Entdeckung hat auf die Serben niederschmetternd

gewirkt, und man befürchtet, daß der Fall etnei großen Umfang annehmen wird.

volkswirtschaftliches und Soziales.

* Oeffentljche Lehrstellenvermittlung für daz Handwerk. Der Mitteldeutfche Arbeitsnachweis­verband zu Frankfurt a. M. schreibt uns: Du berannahende Osterzeit, die für die schulentlas- fene Jugend den ersten «Schritt ins Loben bringt, gibt Veranlassung, auf die Lehrlings aus- bildung im Handwerk einzugehen. Daß im Handwerk und Gewerbe eine Lehrlingsnot besteht, darüber ist man sich einig. Viel 'Schul! daran trägt die Unerfahrenheit der jungen Leut» bei der Berufswahl und noch mehr die Gleich gültigkeit der Eltern und Vormünder^ die ei vorziehen, ihre Kinder oder Pflegebefohlenen als jugendliche Arbeiter in die Fabrik eintreten oder gar nur Laufburschen werden zu lassen, um von vornherein zu verdienen. Eltern, denen es mög­lich ist, ihren Sohn in eine ordentliche L eh r t zu geben, sollten dieses nicht versäumen, weiter sich aber auch über die Aussichten des für ihren Sohn gewählten Handwerkes ober Gewerbes ver­gewissern. Es tritt für alle, die es mit dem Handwerk gut meinen, die Notwendigkeit hervor, diesem geeigneten Nachwuchs zuzuführen. Um den jungen Leuten geeignete Lehrstellen zu- weisen zu können, ist eine Organisation des Lehr­stellenvermittlungswesens notwendig. Alle ö f- fentlichen Arbeitsnachweise in Hes­sen, Hessen-Nas sau und Waldeck be­fassen sich deshalb mit der kostenlo­sen Lehrstellenvermittlung. Die Ar- beitgeber, die Lehrlinge einzustellen wünschen, melden es bei dem Arbeitsnachweis, wo ihre Ge­suche als offene Stellen eingetragen werden; Eltern, die ihre Kinder ein Handwerk erlernen lassen wollen, können auf den öffentlichen Ar­beitsnachweisen die offenen Stellen erfahren. Da die Handwerksmeister häufig auswärtige Lehr­linge lieber nehmen, so ist es sehr zweckmäßig, wenn Eltern, die ihre Söhne nach auswärts ,in die Lehre geben wollen, dies ebenfalls gleich ein­tragen lassen, falls sie nicht schon gleich eine pas­sende Stelle finden, denn die einzelnen öffentli­chen Arbeitsnachweise in Hessen-Nassau und den angrenzenden Gebietsteilen stehen miteinander in regelmäßiger Verbindung und geben sich gegen­seitig wöchentlich davon Kenntnis, wo offenes, Lehrstellen und wo junge Leute sind, die in die Lehre treten wollen.

# Sozialer Kursus für Landwirte.

Die ,Sozialpol. Korresp? beS BolksvereinS für das katholische Deutschland berichtet:

In den Tagen vom 22.—27. Februar sand im Vortragssaale des Volksvereins für daS katholische Deutschland zu M.-Gladbach der erste soziale Kursus für Landwirte statt. Die überaus starke Beteiligung — eS wurden gegen 150 regelmäßige Teilnehmer gezählt, an einzelnen Tagen waren es über 200 — ist ein erfreuliches Zeichen dafür, daß in landwirtschaft­lichen Kreisen das. Jntereffe für Fragen der Wirlschafts- und Sozialpolitik in ständigem Wachsen begriffen ist. Das bewies neben dem regen Besuche der Vorträge auch die nachfolgende Diskussion, dir von den Teilnehmern eifrig be­nutzt wurde, um die Vorträge durch Fragestellung, und durch Hervorhebung praktischer Erfahrungen zu vertiefen.

Aus allem wurde wieder ersichtlich, daß auf dem Lande viele Kräfte schlummern, die nur ge» geweckt zu werden brauchen zu wirksamer sozialer und wirtschaftlicher Tätigkeit. Allerdings haben

Ei» „ehrlicher" Manu.

An einen Eckstand der großen Markthallen zu Paris trat unlängst ein sehr verhungert aus- sehender Mann und sagte, nachdem er die Er­frischungen lange und liebevoll angesehen hatte:

„Ich bin ein atmet Kerl, aber ich will ehr­lich sein, und sollte ich auch auf die Polizei kom­men."

,Was ist denn los?" fragte die Verkäuferin, ihn argwöhnisch bettachtend.

„Kein Mensch hat gesehen, daß ich , heute in aller Frühe hier an diesem Stande eine Huw dert-Francs-Banknote gefunden habe, aber, wie gesagt, ich will ehrlich sein."

„Eine Hundert Francs-Note gefunden?" flü­sterte die Frau hold lächelnd.

„Es wäre ja möglich", fuhr der Mann fort, ,chaß irgend ein Vorübergehender einen solchen Schein verloren hätte; weil er aber vor Ihrer Bude lag, nun könnte man wohl annehmen, daß h Ihnen selbst gehört hätte."

„Sprechen Sie nicht so laut",, flüsterte fie, sich iber den Ti ich beugend. ,Sie sind ein ehrlicher Nanu, und ich werde Ihren Namen in die Bei- ung setzen lassen, damit ihn alle erfahren. Ich oin eine Witwe, die hart arbeiten muß, und wenn Sie mir das Geld nicht zugebracht hätten, dann aäten meine armen Kinder übel daran gewesen."

„Wenn ich das Geld vor einer Bude finde, liefere ich es stets ab," sprach er, sich auf die Bank niederlassend.

„Das ist brav und ehrlich," flüsterte fie. „Rü­cken Sie hierher und frühstücken Sie ein Bischeu."

Et benötigte keiner nochmaligen Einladung. Die Energie, mit toeldjer'er über die Knackwürste, gesottenen Eiet, Semmeln und Kaffee und zuletzt über die Weinflasche hetfiel, hatte für die Frau rtw^s Furchtbares.—

„Ich, ich — will ehrlich — sein," brummte et tn den Zwischenpausen.

»Das ist recht, wenn ich Geld fände, was Ihnen gehörte, ich würde es Ihnen auch wieder­

geben — verlassen Sie sich darauf. Noch eine Tasse Kaffee gefällig?"

„Na, meinetwegen", antwortete er, eine vierte Knackwurst hineinstopfend.

Endlich stand er auf.

„Sie sind ein rechtschaffener Mann, der den Leuten ihr Eigentum zurückbringt," sprach die Frau, indem sie die Krümchen und Ueberbleibfel wegwischte.

„O, ich bin ehrlich," entgegnete et, „wenn ich verlorenes Geld finde, dann gebe ich es immer ab."

„Nun schön, bann nur gleich her damit," sagte sie, als er seinen Rock zuzuknöpfen begann.

„Her — womit?" fragte er.

„Ei, mit dem Gelbe, das Sie beute gefunden haben."

„Ich habe ja gar keinS gefunden. Aber ich will ehrlich fein, wenn ich jemals solches finden sollte."

„Sie alter Taugenichts! Haben Sie nicht ge­sagt, Sie hatten hier eine Hundert-Franken-Note gefunden?"

„Nein, Madame. Ich sagte bloß: Kein Mensch hat gesehen, daß ich einen derartigen Schein ae- funden habe. "

«Dann bezahlen Sie für das Verzehrte!" schrie sie, ihn am Kragen packend.

„Ich will ehrlich fein: ich habe keinen Pf en- nig," erwiderte er, sich losmachend, und ehe sich die Fran von ihrem Entsetzen erholen konnte, war der „ehrliche" Mann im Gedränge ver­schwunden.

— 5000 Zentner falsches Haar. Di« letzte Sitzung der Friseurinnung in Amerika hat er­geben, daß von den eingetragenen Friseuren im letzten Jahre 5000 Zentner falsches Haar zur Vestavbctztung gekommen sind. Die „Locken- Pracht" detz Amerikanevinnen, die von aller Welt so seht bewundert wird, besteht demnächst zumeist aus Haar, das sie des abends abzulegen

gewöhnt sind. Man verarbeitet nicht allein das Menschenhaar, das man beinahe meterweise kauft, sondern man flicht in die Zöpfe gebleichtes und gefärbtes Pferde haar und oft genug auch Fäden von Flachs. Das meiste Haar, das verarbeitet wird, liefern die Chinesen, nament­lich die fortschrittlichen Chinesen, die sich vom Zopf emauizipieren wollen. Ausgekämmtes ar wird nicht so gut bezahlt, tote das vom upt geschnittene. Am teuersten ist das gleich­

mäßig lange graue und das hellblonde Haar, aber auch der rötliche Schimmer auf kastanien­braun wird mit Gokd ausgewogen. Schwarzes und rotes Haar ist am billigsten, es wird nach Gewicht gekauft, und da es am stärksten ist, wiegt es natürlich auch am meisten. Doch nicht nur Haarschmuck und Frisuren westden au8 diesem salschen Haar gefertigt, man macht jetzt auch wie­der Zietgegenstände! daraus, und es gilt in Amerika sogar wieder als besonders schick, wenn der junge Monn eine feine, dünne Uhrkette tragt, die aus Goldfäden und dem Haar feiner Ange­beteten geflochten ist.

— Tie Bewegung btt Erdrinde. Der Meteo­rologe und Astronom Flamarion teilt bem „R«v- york Herold" eine neue Entdeckung mit, die er selbst als „wirklich außeyotidentlich und kaum glaublich" bezeichnet. Die Erdrinde, die so voll­kommen unbeweglich scheint, und bet wir uns mit fo viel Ruhe und Sicherheit antoertrauen, erleidet zweimal im Tage eine Auf- und Ab­wärtsbewegung, die jener des Meeres bei Ebbe und Flut gleicht. «Schon fett 50 Jahren machen zahlreiche Gelehrte Versuche, um festzu- ftellen, od eine Vertikalschwankung der Erde be- steh». Die Resultate waren aber fo geringfügig tmd oft so widerspruchsvoll, daß Schlüffe nicht daraus gezogen werden könne«. Dagegen ist es Hecker vom Observatorium in Potsdam gelun­gen, mitteR eines Pendelsystems, daS in einem Raume mit konstant gleicher Temperatur und Feuchttgkeit 25 Meter unter der Erde eingerich­tet ist, festzuftellen, daß die Erdrinde, die so fest

und unbeweglich erscheint, sich täglich um 20 • Zentimeter hebt und senkt genau wie bei Ebbe<• und Flut. Wir bemerken nichts van dieser Verti­kalbewegung, weil alles fie mitmacht. Die Ent- ■ bedungen Heckers werden geeignet fein, auch die! Erdbebentheorie und manches andere beträchtlich zu beeinflußen.

— Uetzer die Lebensdauer der Tiere machte , kürzlich Pros. Dr. Korschelt in einem Vortrage i vor der Deutschen Zoologischen Gesellschaft dem > „Prometheus" zufolge eine Reihe von interef-, fanten Angaben, denen das folgende entnommen ist: Regenwürmer erreichen das für diese Tret»! gattung bemerkenswert hohe Alter von etwa zehn; Jahren; im Marburger Zoologischen Institut, wurde einer neun Jahre und elf Monate tn der; Gefangenschaft beobachtet. Noch erstaunlicher rft; das Alter verschiedener Molluskenarten; bte t Flußperlmuschel soll 50-60 Jahre alt werden.. Unter den Insekten sind die Weibchen einiger ; Ameise narien die km al ebigff en, da sie es bis auf 15 Jahre bringen, wahrend die Königinnen und der Teomiten nur fünf Jahre alt werden. Von' den Säugetieren erreicht wohl bet Elefant das, höchst« Akter von 150 bis 200 Jahren, unter den ■ Vögeln werben Raben unb Steinadler 100,« Geier 118, galten 164 Jahre alt# unb Papageien sollen noch ältet wevden. Ein Laubfrosch lebte! übe« W Jahre, em Alpensakarncmher 15 Jahre in ’ bet Gefangenschaft. Die Kröten sollen bis zu; 40 Jcchren alt werden. Das höchste Alt« dürsten 's ober wohl die Schildkröte« erreichen, von denen eine, Testtcho Daudini, deren Alter auf 300 Jahre J geschätzt wird, über 150 Jahre tn der Gefangen-; schäft lebte. -a. ,

— Menschliche Opfer in Indien, Nach den ’ Annalen des Vereins der heiligen Kindheit be- steht in Indien heute vielfach noch der Gebramh, i Menschen den heidnischen' Göttern zu opfern, be-. sonders eine Göttin „Mariyatal" genannt, ist ■ es, der die meisten menschli<hen Opfer darge­bracht werden. Wenn eine Familie von dieser Göttin irgend eine Gunst erfleht, so bringt sie