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3.ÄÄm w-chEage: Illustrierte Zoimtagrzeitung"
36. Jahrqanq.
Fulda, Montag den 8. März 1909
JW 54
Verantw. Redattrurr SartZchütter
Erscheint täglich mit Ausnahme der $o.m= und Zriertage vierteljährliche» vrzugrprei, oh» vrtngerlohn und VeMgeldin8«ld»sd. «>it auswärts 1-50 HIL
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Verlag der Zuldaer Ak-
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Monatrbellage: „Mdaer Geschichtrblatter Zernsprecher Rr. 9.
Die Resolution der Bndgettomnnffion über die anderweitige Einteilung der Postämter L, 2. und 3. Klaffe wird angenommen, und dann vertagt das Haus die Weiterberatung auf Montag.
„Dann frag’ Loch mal, wie er heißt. Ich wohne hier bald vierzig Jahre und kenne alle Leute, die hier gelebt haben oder gestorben sind."
Bei den letzten Worten erschien bte Alte schon auf der Schwelle, und Jack, sein gewinnendstes Wesen annehmend, schritt schnell auf sie zu.
„Dann müßt Ihr meine liebe Mutter gekannt hcdben, Kate Jefferies, nicht wahr?"
Ein Strahl lebhafter Neugier flackerte in den trüben Augen der Alten.
„O, gewiß habe ich die gekannt. Ich bin sa zu ihr gegangen und hab' sie getröstet, als ihr Mann verunglückt war. Kate Jefferies! Ja, das war die Frau, die mir ein Rätsel aufgegeben hat. Ich besuchte sie den einen Tag, da hatte sie ein Kind in der Wiege; ich kam den anderen Tag, da hatte sie zwei."
„Das eine war mein Milchbruder, meine Mutter nahm ihn in Pflege an," sagte Jack. „Hat sie Euch nie gesagt, wie er hieß?"
„Nein; sie ging weg und sagte mir nicht mal Adieu, und wir waren doch so lange Nachbarn gewesen. Aber kommt herein; ich möchte wohl was von ihr hören, wenn sie mir auch kein Vertrauen schenken wollte."
31. Kapitel.
Eine unübrrsteigliche Mauer.
„SetztEuch", sage die Alte; Kitty, bring' mal einen Stuhl für den Herrn," und Jack ließ sich in gef-anntester Erwartung nieder.
„Also Ihr seid Kate Jefferies' Sohn! Habe ich's doch schon immer gesagt, Laß ich noch mal was von ihr hören würde, ehe ich stürbe. Wißt Ihr auch, daß ich an die zwanzig Jahre hier in diesem Stuhl gesessen und mir den Kopf darüber zerbrochen habe, wo wohl das fremde Kind hergekommen ist, das sie damals zur Pflege kriegte?"
„Wißt Ihr denn auch sicher, Laß es nicht ihr eigenes war?" fragte Jack lächelnd dagegen, obwohl ihm die Frage bitter ernst war.
„Gewiß weiß ich Las," gab die Alte eifrig zu- rück. „Ihr wäret erst drei Monate alt, und das fremde Kind, was ich in Eurer Wiege fah, war feine Woche alt. Ich weiß, was ich sehe."
„Warum habt Ihr denn meine Mutter nicht gefragt?" fuhr Jack fort, der vorläufig noch nicht sagen wollte, daß er selbst ebenfalls gar nichts darüber wußte.
„Ich habe sie ja manches liebe Mal danach gefragt; aber sie konnte ein Geheimnis bewahren, ja, das konnte Kate Jeffeyies. Und fte hütete das. Sie hatte immer nur eine Antwort für mich, und das war: „Ach, der Kleine, Frau Smith, davon wollen wir lieber gor nicht sprechen." Und sie hatte so was an sich, daß einer sich nun hätte auf den Kopf stellen können, und hätte doch nichts herausgokriegt. Ja, sie hatte immer ihren Kopf, es war ’ne stolze Frau."
„Und Ihr seht mir nicht darnach aus, als ob Ihr auf den Kopf gefallen wäret," sagte Jack. „Habt Ihr denn nie herausgekriegt, wer das Kind war, oder woher es kam?"
„Nein, niemals," versetzte die Alte; „und da habt Ihr recht; ich laß' mich' nicht gern abspeisen; bis auf den heutigen Tag bin ich neugierig und möchte Las gerne wissen."
„Ihr hattet Euch ja umhören können, so unter der Hand."
„Das habe ich auch getan; aber kein Mensch wußte auch nur ein Sterbenswort davon. Natur- sich war ein Haken dabei! Wenn alles in Orb- nung gewesen wäre, so wäre es nicht zu Kate Jefferies'in Pflege gegeben worden."
„Da habt Ihr recht," sagte Jack. „Oder es war vielleicht das Kind einer vornehmen Ja- milie, die einen bestimmten Zweck dabei verfolgte, es los zu werden?"
Die Alte schüttelte den Kopf.
„Daran hab' ich auch schon gedacht, aber es war gar nicht wahrscheinlich Wie sollten vornehme Familien von Kate JesferieS gebärt 6e.
K Sanne Geheimnisses.
49] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.
Soweit triumphierte Jack; er hatte wunder- baren Erfolg gehabt. Werner war nicht der Sohn seiner Mutter, und das Geld, wovon sie lebte, kam nicht von derEifenbahn-Gefellschaft, das stand fest. Aber jetzt lag noch ein Teil seines Unternehmens, und vielleicht der schwierigste, ungelöst vor ihm. Er hatte ausfindig zu machen, wer Werner war, und bei diesem Punkte angelangt, wuchsest dis Schwierigkeiten erst recht.
Er stand des anderen Morgens früh auf und machte sich auf den Weg zur Ripleystraße. Die hübschen, freundlichen Häuschen glänzten ihm nn Morgenfonnenschein entgegen; aber keine sentimentalen Gedanken beunruhigten Jack beim Anblick Les chpuses, wo er das Licht der Welt erblickt hatte.
Wer mochte jetzt wohl noch dort wohnen, der seine Mutter vor stvanzig Jahren gekannt hatte? Es war doch eine lange Zeit, und er hatte kaum eine schwache Hoffnung, alte Nachbarn als Bekannte wiederzufinden.
Aber er versuchte fein Bestes. Er begann mit den Kindern zu spielen und sich mit ihnen anzn- freunden; und es dauerte nicht lange, so glückte ihm auch, was et wollte.
- Vor dem zweiten Häuschen saß eine nette junge Frau und strickte Strümpfe. Sie sah sich die Sache ein Weilchen an, dann redete sie Jack an:
„Seid Ihr fremd hier?"
„Nein," erwiderte Jack mit feinem freund- lidjften Lächeln, „doch nicht ganz; ich bin hier in der Straße geboren und bin weit hergekornmen, um den alten Ort noch mal zu sehen." ‘ „Wo geboren, Kitty?" krächzte eine alte Frau aus dem Hausflur.
„Hier in der Straße, Mutter," gab die junge grau prompt zurück.
(*) Die Tabaksteuer.
Der Redner des Zentrums, der in der Sitzung der Steuerkommisstott vom Freitag sich zur Tabaksteuervorlage äußerte, war der Abg.' Müller-Fulda. Wir tragen auS seinen Ausführungen noch das folgende nach:
Abg. Müller-Fulda wies zunächst hin auf di« derzeitige ungünstige wirtschaftliche Gesamt« läge, auf den Rückgang aller Erwerbsverhältniffe in ganz Deutschland, auf die verminderte Arbeitsgelegenheit, den in zahlreichen Industriezweigen bestehende« Mangel an Beschäftigung, die verkürzt« Arbeitszeit und zahllosen Feierschichten, den dadurch herbeigeführtr« Rückgang des Verdienstes nicht allein in Arbeiterkreisen, sondern auch in Kreisen deS gewerblichen Mittelstandes. Er wies ferner daraus hin, daß zurzeit wirtschaftlicher Krisen, wie wir eine solche gerade jetzt durchlebe», immer zuerst an den sogenannten Genußmitteln wi« Bier und Tabak eingeschränkt werden muffe, da sich di« notwendigsten Lebensbedürfnisse eben nicht mehr ein« schränken taffen.
Naturgemäß wirke eine solche Einschränkung fchon an sich ungünstig auf die Erwerbsverhältniffe der Tabak- und Zigarrenindustrie ein, umsomehr müsse man auch eine ungünstige Wirkung der höheren Steuer» belastung gerade jetzt auf diese Industrie und di« große Zahl der in ihr beschäftigten Arbeiter befürchten. Ma» solle deshalb, wenn es irgend möglich fei, das Tabak« und Zigarrengewerbe mit einer neuen Belastung verschonen oder diese doch auf ein erträgliches Maß beschränken.
Diese Bedenken hätten auch fchon früher, in den Jahren 1894, 1895 und 1906, wo gleichfalls neue Ta- baksteuergesetze dem Reichstage vorgelegt worden waren, zu einer Ablehnung der Vorlagen geführt, man habe sich, hauptsächlich aus soziale» Gründen, nicht entschließen können, die höchst nachteiligen Folge» für die in der Zigarrenindustrie beschäftigten Arbeiter durch eine höhere Besteuerung berbeizuführen. Zuzugeben sei, daß das jetzige System der Gewichtssteuer von 40 Mark auf den Doppelzentner einheimische» und 85 Mark auf den ausländischen Tabak, ohne Unterschied des Wertes, eine ungerechte Wirkung habe, indem es die geringen Sorten im Verhältnis zum Wert viel zu hoch, die feineren, teueren Sorten viel zu niedrig belaste; was ja auch in den Auslassungen deS Tabakarbeiterverbandes ausführlich bewiesen worden feL
Wen» man die verschiedenen Systeme der Tabakbesteuerung, Fabrikatsteuer entsprechend der Vorlage von 1894, Banderolesteuer, entsprechend der heutige» Vorlage, Gewichtssteuer und Gewichlszoll mit Wertzuschlag, wie im Jahre 1895 angeregt, mit dem zurzeit
ben? Sie hatte gar nicht so lange hier in der Gegend gelebt, außerdem--"
„Was außerdem?" fragte Jack, denn die Alle biblt inne.
„Na, ich habe mir damals die Mühe gemacht, allerlei zu fragen und ausgukundschafien. Sehen Sie, ich dachte, wenn ein Nachbar etwas GuteS aus so einem Geheimnis macht, fo könnte für den andern auch ein bißchen abfallen, — aber, wie gesagt, ich konnte nichts herauskriegen. DaS Kind muß aus den Wollen gefallen fein. Da sind die Corrs — Lord Carr auf Avebury, aber feine Frau hatte drei Söhne, alle fchon groß — dv war kein Kind zu verbergen. Die Cliffords, von Elmswell, haben eine ganze Schar Jungens und Mädchen. Die Redferns haben keine Kinder, aber der Neffe erbt. Und so mit allen übrigen, — ich bin ganz sicher, es gehört nicht hier zu unserer Nsachbarschast." .
Jack gab sich große Mühe, die Enttäuschung, die fein Gesicht bewölkte, zu verbergen.
„Habt Ihr denn nie gesehen, daß Fremde nach dem Hause kamen?" fragte er. ,
„Nein; wir standen eines Morgens auf, und das Haus Eurer Mutter war leer. Sie war weg, fort, ohne uns auch nur ein Wort zu sagen, nicht mal Adieu, und ich habe feitdsm nichts wieder von ihr gehört. Es geht ihr gut, sollt' ich meinen, nach Eurem Aussehen zu schließen."
Nun schwankte Jack, ob er der alten Fra» sein volles Vertrauen schenken solle, oder nicht. Ob. er ihr sagen sollte, daß er absichtlich hergekornmen, um über diese selbe Sache Erkundigungen einzuziehen, oder ob er sie im Glauben laffen sollte, et wisse genau um alle Angelegenheiten feiner Mutter. —
Augenscheinlich war hier nichts weiter zu erfahren. Vielleicht war's besser, mit sich selbst allein zu Rate zu gehen. Demnach fuhr Jack, obwohl ungemein enttäuscht, fort, mit .ein« gewissen großartigen Ueberlegenheit zu lächeln, da er bemerkte, daß dies der Frau Smith imponierte.
(Fortsetzung folgt)
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 6. März 1909.
Bei der Fortsetzung der Generaldebatte zum Haudelsetat
warnte Abg. Malkewitz kons.) vor weiterer sozial- volitischrr Belastung der Arbeitgeber, da das Handwerk mehr Not leide wie die Ardetter Man berücksichtigt nicht, ob die Arbeitgeber die Lasten, die ihnen auferlegt werden, auch tragen können. Möge der Minister darin fortfahren, dem notleidenden Handwen möglichst zu Hilfe zu kommen; denn daS Handwerk ist einer der stärksten Pfeiler der gegenwärtigen Gesell- ^afabab£tim6ortt (Zentr.): Selbstverständlich müssen die sozialen Lasten gerecht zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern verteilt werden; daS ist zum Teil nicht geschehen. Ohne erhebliche Belastung kann nmt aber Sozialpolitik nicht getrieben werden. ES ttt nicht richtig, daß die Sozialpolstik die Industrie geschä- digt hat. (Zustimmung.) Die Prophezeiungen, die man fchon 1879 in dieser Beziehung gemacht hat, sind nicht in ErMung gegangen. Andere Staaten sind uns in der sozialen Gesetzgebung gefolgt, und dadurch ist der Unterschied zwischen uns und dem Auslände erheblich gemildert worden. Wir müffen dahin streben, daß die fremden Staaten uns noch mehr auf diesem Gebiete folgert. (Beifall.) Die Bäckerriverordnung muß im Uebergangsstadium möglichst milde ausgefübtt werden; vielleicht bedarf sie auch der Korrektur. _ Wir haben vorgestern einen Antrag eingebracht bezüglich einer Enquete über Fragen auf kaufmännischem Gebiete. Wir haben dief en Antrag nicht beim Handelsetat eingebracht, weil wir eine zusammenfaflende Besprechung dieser Fragen wünschen. Ich bitte daher die nachfolgenden Redner, auf diesen Antrag nicht zurücktommen zu wollen. Es lag für mich die Versuchung nahe, die Notlage verschiedener Industriezweige zu besprechen, ich habe aber davon Abstand genommen, weil vor wenigen Wochen diese Fragen im Reichstage besprochen worden sind, umsomehr als über die Lage der reinen Walzwerke im Siegerland eine Denkschrift gefordert wurde. Redner geht hierauf auf die Folgen der deutschen Handelsp olitik ein. DaS .Berliner Taget»!.' behauptet heute wieder, daß diese den deutschen Export erschwert habe. Allerdings haben 1908 eine Reihe von Industrien einen Ausfall bei der Ausfuhr erlitten, aber andere Gruppen haben eine Steigerung erfahren. Der Gesamiausfall bei der Ausfuhr beträgt nur 98 Millionen, das ist nur zirka 1 Prozent. Die Ursachen dafür liegen in der Ueberproduklion, der sich alle Staaten vor 1908 schuldig gemacht haben. (Zustimmung.) Andere Länder haben bekanntlich einen noch größeren Ausfall gehabt. Durch unsere Handelspolitik ist aber unsere Landwittschaft gestärkt worden und sind unsere Exportindustrieverhältnisse stabil geworden. (Zustimmung.) Jetzt ist der Arbeitsmarkt tellweise fchon günstig. Zu einiger Hoffnung berechtigt auch der Geschäftsbericht des schlesischen Bankvereins, der anerkennt, daß unsere Volksivirlschaft auf gesunder Basis beruhe, und daß infolgedeffen Handel und Industrie wieder zu einer Prosperität gelangen würden. Die Parteien, die die Trägerinnen unserer Zollpolitik gewesen sind, sollten doch unverbrüchlich an dieser Grundlage sesthalten. Unsere Volkswirtschaft muß die Wurzel ihrer Kraft hauptsächlich im heimischen Markt habe», aus ihm muß sie die Kraft gewinnen zum Wettkampfe mit dem Auslande. Die Tatsachen des Berichtsjahres 1908 bilden keine Anklage, sondern eine Rechtfertigung unserer Wirtschaftspolitik.
Abg. Schröder-Kassel (ntl.) bedauert, daß man von dem Wohn ung sgesetz, das seinerM auf dem Wvhnungskongreß zu Frankfurt vorgelegt sei, nichts mehr zu hören bekomme. Die Reform der Reichsversicherung scheine keine Verschmelzung der verschiedenen Berstcherungszweige zu bezwecken. Wenn man glaube, bei der Reform die Altersgrenze herabfetzen zu können, fo befinde man sich wohl im Irrtum. Redner wünscht mit der Reform des Versicherungswesens zugleich eine Revision am Reichsgericht und fordert ein Schiedsgericht zur Lösung der Streitigkeiten zwischen Kranken
kaffen und Aerzten. Die Witwen- und Waisenversicherung müffe eingeführt werden, auch wenn sie viel Geld koste, denn sie sei die Krönung unserer Sozialpolitik.
Abg. Eckert-Potsdam (fteikons.) wünscht, daß der Handwerker- und Mittelstand durch Abgaben für sozial« polittsche Zwecke nicht so sehr belastet werde, und bittet den Minister dafür zu sorgen, daß bei SubmiffionS- arbeiten der Leine Handwerker und Gewerbetreibend« mehr berücksichtigt werde.
Abg. Dr. Crüger (fr. Vp.l polemisiert gegen die Ausführungen des Abg Trimborn über unsere Handels- und Schutzzollpolitik. Die Lage deS MtttelstandeS hält Redner nicht für fo bedroht, rote dies mehrer« Vorredner schilderten.
Abg. Korfanty (Pole): Einen großen Schaden erleidet die deutsche Industrie durch die Polenpolitik. Die Lasten der Sozialpolitik treffen nicht, wie der Abg. Malkewitz annimmt, den Mittelstand, sondern die Großunternehmer. Wir sind gern bereit, den Handwerks« stand zu stützen, aber wir verlangen dann, daß der polnische Handwerker ebenso berücksichtigt wird _ rote der deutsche. Mit der nationalen Politik wird über» Haupt ein großer Mißbrauch getrieben. Auch die Fortbildungsschulen werden lediglich zu GermanisationS- zroecken mißbraucht. Die im Etat vorgesehenen Rechtsauskunftsstellen begrüßen wir freudig. Redner führt weiter Beschwerde, daß die Gewerbeinspettoren in de» polnischen Distrikten durch ihre Hallung das Vertraue» der Arbeiter eingebüßt hätten, und fordert, daß für Betriebe, wo Frauen beschäftigt sind, dem Gewerbe«, tnspettor zur Inspektion dieser Betriebe eine Frau beigegeben werde.
Montag: Handels- und (Seroeibeetat, Gebührenordnung der Medizinalbeamten und Wahlprüfunge».
eingezogen. Leider aber wird damit den Leuten ein erhebliches Opfer in Bezug ans das Unterrichtsmaterial auferlegt. Da wär« es gut, daß die hier und da bestehenden Unterrichtskurse Überall eingeführt würden. Der Borteü auch für den Dienst liegt auf der Hand, und die Kosten sollen nicht ins Gewicht. Di« Lehrmittel würde» bi« Leute gern selber tragen; es würde sich nur um die Räume und die Lehrkräfte handeln. Im wetteren wünscht Redner für bte Bahnpostbeamten zweckmäßig eingerichtete Leitkarten unb begründete so- dann eine Resolution, in welcher der Reichskanzler er» fucht wird, anzuordnen, daß jedem Beamten von seinen Personalatten auf Wunsch Kenntnis zu geben ist. Baden und Bayer» seien in dieser Beziehung fchon vorangeaangen. Zum Schluß wünscht Redner bezüglich der Besoldungsverbefferungsvorlage, daß bte Vorenthaltung bet fälligen Gehaltzulage, bie im Reichsbeamtengesetz gar nicht begründet sei, bie lediglich als Berwaltungsmaßregel verhängt werde, ausdrücklich durch das Gesetz auSgeschloffen werde.
Abg. Gothei» (frf. Bgg.) protestiert gegen den Ton, den bet Staatssekretär gestern gegen ben Abg. Struve, ber abreifen mußte und sich daher nicht verteidigen konnte- angewendet habe.
Staatssekretär Krücke erwidert, nicht der Abg. Struve, sondern er (der Staatssekretär) fei ber Angegriffene gewesen.
Abg. Eickhoff (frf. Bp.) wünscht, daß de« Jnte- reffenten von dem Verlust von Postfachen telegraphisch Nachricht gegeben werbe.
Ein Regier ungskommiss ar sagt (Erfüllung dieses Wunsches zu.
Damit schließt bie allgemeine Besprechung.
Das Gehalt des Staatssekretärs wird bewilligt. Die Resolution Ablaß und Gen. (frf. Vp.) auf Vorlegung einer Denkschrift über die Wirkungen des Dienstalterstufensystems auf bie Besoldungsverhältnisse der mittleren Beamten ronrb angenommen.
Die Telephongebührenordnung roirb an bie Budgetkommission verwiesen.
Bei der Postüon Zentralverroaltung bittet
Abg. Erzberger (Ztr.) ben Staatssekretär erneut in Erwägung darüber einzutreten, ob die Büro- dienstzeit dieser Beamten, bie jetzt nur 6 Stunden täglich betrage, auf das normale Maß von 7 ober 8 Stunden ausgedehnt werden könne. Bei der schlechten Finanzlage müsse verlangt werden, daß die Beamten ihre Arbeitskraft dem Staate voll zur Verfügung stellen.
Staatssekretär Krätke erwidert, bei ber Eigenart der Tätigkeit der Zentralinstanz komme es nicht so sehr darauf an, wie lang die Arbeitszeit fei, sondern darauf, daß die Arbeit wirklich gemacht werde, und zu diesem Zwecke müßten die Beamlen sogar vielfach Arbeit mit nach Hause nehmen.
Bei der Positton „Betriebsverwaltung« beantragt Abg. Beck (ntl.', die von der Kommission gestrichenen Stellen für Oberpost-Direktoren wiederherzu- stellen.
Abg. Erzberger (Ztr.) wendet sich dagegen. Der Abstrich der Kommission ist durchaus berechtigt. Was nützt die ganze Arbeit der Kommission, wenn hier der Berichterstatter der Kommission, der doch die Kom- mifsionsbefchlüffe begründen soll, Beschlüsse gegen die Komnnssio» stellt? : Beifall links und im Zentrum.)
Das Haus ist schwach besetzt, daher roirb die Abstimmung ausgesetzt.
Abg. Beck-Heidelberg (ntl.) beantragt weiter, bie 7 in ber Kommission gestrichenen Stellen von Vorstehern 1. Klasse wiederherzustelle».
Abg. Erzberger (Ztr.): Dieser Antrag ist mir noch unverständlicher, als der vorige. Es scheint System in ber Sache zu liegen. Wenn das so weiter geht, werde ich namentliche Abstimmung beantragen. (Beifall.)
Abg. Beck-Heidelberg (ntl): Als Abgeordneter habe ich durchaus das Siecht, Anträge zu stellen.
Abg. Erzberger (Ztt.): Als Berichterstatter der Kommission hat Herr Beck geschwiegen. Er hat aber die Pflicht, kur, die Meinung der Kommission darzu- legen. Statt deffen tritt er hier gegen die Kommission auf. In ber Kommission stimmte er für eine Vermin- berung, hier ist er für bie Vermehrung. Das ist doch eine fonbetbare Verrenkung. (Zuruf Ledebour: Er ist nationalliberal! Heiterkeit links. Unruhe bei den Nationalliberalen.) llebrigens ist meinen Fraltionslol- legen bereits vor einigen Tagen aus dem Reichsvost- amt mitgeteilt worden, daß Herr Beck die Wiederherstellung der Regierungsvorlage beantragen werde. Hört! hört! im Zentrum und links.)
Auch hier roirb bie Abstimmung ausgesetzt.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vorn 6. März 1909.
Der Postetat roirb weiter beraten.
Abg. Znbeil (Soz.): In Henn Krätkes Reich herrschen bie sonderbarsten Zustände. Da erhält ein. Postasfistent Scherer beim Postamt Berlin 68 wöchentlich einen Vormittag und brei Nachmittage Urlaub, um m den verschiedene» Stadtteilen vor den Unterbeamten predig«» zu können. (Hört, hört! links.) Dabei nötigt er ben Leute» noch Traktätchen auf. SBeiter erbieü er vier Wochen Extraurlaub, um am heiligen Grabe in Jerusalem beten zu können. Das Vertrauensarztsystem liegt ganz im argen. Unsere Postillone verwendet man zu allerlei höfischen Diensten. Vierzig Postillone mußten vor dem Einzug« des Prinzen August Wilhelm und feiner Braut tagelang das Lied einüben: Wir winde» dir den Jungfernkranz! (Heiterkeit.)
Abg. Li», (Rp.): Ich vertrete eine Minderheit meiner Partei, die der vorliegenden Fernsprechgebühren- Ordnung nicht zusttmmen kann. Die Vorlage erschwert den Verkehr, sie muß tiefgehende Verstimmung bei ben Interessenten Hervorrufen. Man sollte wenigstens wahlweise die Pauschalgebühr beibehalten. Ohne Konzefstonen wäre ich» Vorlage für uns unannehmbar. Der Redner bringt eine Reihe von Wünschen aus feinem Wahlkreis« Elberfeld —Barmen vor.
Etaatsfekretär Krätke: ES ist gefordert worden, daß bie Vergebung ber Kleider für bie Unterbeamten auch an Handwerker-Bereinigungen erfolgen soll. Jetzt sind unser« Unterbeamten recht zweckmäßig gekleidet. DaS würde bei einer neuen Regelung der Sache nicht In gleichem Maße der Fall sein. Im übrigen sind wir in jeber Weise bemüht, auch Handwerker-Vereinigungen solche Lieferungen zukommen zu laffen. Den Wünschen auf feste Anstellung ber Telegraphengehilfinnen stehen wir sympathisch gegenüber. Die Forderungen ber Telegraphenarbeiter werden nach Möglichkeit berücksichtigt werden, auch bie nach Einrichtung von Aus- schüflen in kleineren Bezirken, wo sie bisher noch nicht bestanden. Verschiedenttich wurde bie Einführung von Postbons gewünscht, wie sie in England eingeführt sind. Dafür kann ich mich nicht erkläre». Briefmarkenhefte werden wohl in nächster Zeit eingeführt werden, auch roirb kein besonderer Zuschlag dafür erhoben werde». Der Postscheckverkehr bat sich erfreulich ent» wickelt. Redner erklärte, die Portofreiheit der Landes- fürften nicht aufheb en zu können.
Abg. Herzog (wirisch. Vgg.) erklärt sich mtt der neuen Telephongebühren-Ordnung einverstanden, die nicht im mindesten eine Bevorzugung deS stachen Landes bedeute. „ .
Abg. Graf Oriola (natl.) schließt sich tm wesen t- sichen dem Vorredner an und fordert speziell auch die Einführung möglichst großer Bezirks-Fernsprechnetze auf dem Lande.
Staatssekretär Krätke: Mit den Bezirks-Fernsprechnetzen hat man bisher keine günstigen Erfahrungen gemacht, aber wir werde» über diese Frage noch in der Kommission zu sprechen habe». Redner gibt seiner Zufriedenheit darüber Ausdruck, daß die Revisions- bsdürftigkett der Gebührenordnung allfettig anerkannt worden ist und daß die Grundlage» der Neuordnung im großen und ganzen die Zustimmung des Laufes gefunden haben. Zum Schluß weist der StaatssettetSr die Beschuldigungen des Abg. Zubeil gegen den Postdirektor deS Postamts Berlin 68 alS nicht zutreffend zurück.
Abg. Pauli (kons.) erklärt sich namens einer kleinen Mindecheit feiner Partei gegen bie neue Fernsprech- aebübrenorbttung. „
Abg. Kopsch (frf. Bp.): Im Wahlfrei)e Bingen- Alzey ist vom liberalen Wahlkomitee auf amtlichen Formulare» eine Depesche vervielfältigt worden, tti denen zur Wahl des Zentrumskandidaten aufgefordert rottd. Diese Vervielfältigungen sind an Mauern an« qeklebt worden. Es sind amtliche Depefchenformulare.
Staatssekretär Krätke: Abschriften eines Telegramms werden nur auf Wunsch des Adressaten ober Empfängers gegen Erstattung der Unkosten angefertigt.
Abg. Hamecher (Ztr.) wünscht, daß auch die Beamten tn die große, für das ganze Reich geplante Krankenkaffe einbezogen werden, und daß die Anwärter gründlich fachlich auSgebttdet werden, und hierfür amtliche Unttrrichtskurse eingeführt werden, damit bte Beamten wissen, was im Examen von ihnen verlangt wird. Sett der Einsührung der „gehobenen« Karriere ist ein lebhafter UnterrichtSeifer in die unteren Beamten