Einzelbild herunterladen
 

erscheint tSqlick r.it AukAalM« de» So.m« Hnb *jtierta<|t Diene i> jährliche'-Ve!«grprei5 Hhne «rtoaerlohn und Vcstkllaelv'n5uldaw- wie auswärts X 50 flit

Derattf® üedakteitrt aat« 8ch»tt«r für Mr Ameisen:

3. parzeLer in Fulda.

p» \ 1 Xz v \z ’sr v

LJ t J v v v fei

wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagrzeiümg"

mcnatsbciiage: „§llldaer Seschschtrblätter"

Lnzelaen: vir etn» spaltlgc petltzcilr oder deren Raum 15 psg. Leriamendre-etikzei!« 25 pfg., bei wieder. Holungen rcklrd entspr. Eabatt gewährt.

Rotationsdruckunh Vertag der Fuldaer Ak- tirudnukerei in Fulda Lernsprecher Nr. 9.

M 53.

Fulda, Samstaa den 6. Man

36. Jabraansi.

^wertes stellt.

............. MM

wochen-lLundjchau.

f:j Fulda, 5. Mär; 19C9.

Noch immer unentschieden ist bis zu diesem Augenblicke die wichtigste aller im Reiche schwe­benden Fragen: Tas Schicksal der Steuer­reform. Mit heilem Bemühen hat der Kanz­ler und haben die Führer der Blockparteien, seit Wochen an einer Verständigung über die Neichs- finanzreform gearbeitet. Es hat aber nicht sol­len sein. Nach tote vor hat sich der Block als ein zu positiver Arbeit unbrauchbares Instrument er. wiesen. Zwar klärt sieh die Sache mehr und mehr, aber Noas nun eigentlich werden wird, ist nichts weniger als klar ersichtlich. Dem Block geht es dabei von Tag zu Tag schlechter, und manch ein Blockbruder fühlt sich zu der resignier­ten Behauptung veranlaßt: Komme, was auch kommen mag, wir haben unsere Grundsätze kon- segucnt und energisch innerhalb des Blockes ver­treten und werden es auch außerhalb tun; wir sind für alle Eventualitäten gerüstet. Und das Zentrum lacht dazu, denn es ist eine angenehme Sache, dem Zerfall einer großen Parteivereini- gnng znzusehen, wenn man selber auf jeden Fall dabei gewinnen muß. Ein wenig Genugtuung über diese Entwickelung des Blockgebildes wird man dem Zentrutn, nach allem, was geschehen ist, nicht verübeln können. Es ist nunmehr ziemlich sicher, daß die Nachlaßstener wie auch die Ver­mögenssteuer fallen werden. In der Kommission ist die Nachlaßsteuer mit 22 Stimmen gegen 6, die Vermögenssteuer mit 19 gegen 9 abgelehnt worden. Ain Donnerstag hat die Kommission über ein Blockkompnomiß verhandelt, das die Besitzsteuer regelt, nachdem in den Tagen vorher mit aller Macht hinter den Kulissen gearbeitet worden war, um eine Mehrheit dafür zu gewin­nen. Der Kompromiß wurde auch angenommen, ober eine Einigung ist damit noch längst nicht erzielt. De Blockparteien, insbesondere der Frei- finn, erklärten sich nur „vorläufig" unter Vor­behalt für das Kompromiß, nur damit überhaupt eine Weiterberatung möglich war. Die Finanz- reform ist damit noch längst nicht über den Berg. Bis zum Donnerstag hatten sich die Liberalen noch mit aller Gewalt gegen das Kompromiß ge­firmt bt. Sie sind, das muß man ihnen zuge­stehen, nur aus äußerster Blocknot eingefallen. Bei weiterem Widerstande wäre der Block in die Luft geflogen. Das wollte der Liberalismus, insbesondere der Freisinn doch nicht riskiereit.

Tie beiden Berliner Parlamente sind in über­aus eifriger Arbeit. Beide beraten den Etat. Tie Beratungen des Reichstages über den Kolonialetat boten dieses Mal ein ganz anderes Bild als in früheren Jahren. Man bat sich an- fcheineind auf allen Seitem damit abgchnnden, daß das Reich die Kolonien hat, und sucht nun an den mannigfaltigen Einzelheiten zu bessern, was zu bessern ist. Ternburg hat dabei mit sei­nem Wirken die Zustimmung fast aller Parteien gesunden. Außer den Sozialdemokraten nörgeln an seinem Vorgehen nur die Vertreter der An- siedler in den Kolonien herum, deren selbstherr­liches Wirken bekanntlich nicht int Interesse des Reiches liegt. Daß Ternburg gegenüber allen Angriffen, die sich gegen ihn richten, in seinen Maßnahmen die stärkste Stütze bei derjenigen Partei hat, der er persönlich so sehr scharf gegen- tibersteht, beim Zentrum, das mag als. ein Bei­trag zum Kapitel Ironie der Weltgeschichte ge­bückt werden. Im Reichstage fand auch die Be- mtung eines polnischen Attirages auf Erlaß eines Reichsgesetzes betreffend die Freiheit des

Grundeigentumerwerbes statt. Ta die Stellung der Parteien zur Polenfrage bekannt ist, so be­gnügen wir uns damit zu bemerken, daß die Re­gierung bet diesen Verhandlungen nicht vertre­ten war.

Bei der Reichstagswahl in Alzey-Bin­gen siegte der Zentrumsmann infolge der Un­terstützung der Nationalliberaken glänzend. Tie Freisinnigen sind über das blockwidrige und reak­tionäre Verhalten der Nationalliberalen, die etticn Zentrumsmann dem freisinnigen Kandi­daten vorzogen, ganz rabiat geworden.

Die O r i e n t k r i s i s hat in der letzten Zeit in mancher Beziehung eine Klärung erfahren. Dor allem ist die österreichisch-türkische Konven­tion unterzeichnet worden. Die Türkei erkennt die habsburgische Monarchie als rechtmäßige Be­sitzerin Bosniens und der Herzegowina an. Oesterreich-Ungarn hat infolge des türkischen Boykotts auf österreichische Waren durch das lange Hinziehen der Verhandlungen große Schä­den erfahren. Aber der nunmehr gesickerte Be­sitz der beiden Provinzen ist der Opfer, die Oesterreich-Ungarn hat bringen müssen, wert. Auch die Türkei ist bei der Sacke gut gefahren. Sie darf ihre Zölle erhöhen, erhält den Sand­schak Novipazar, und die allmähliche Aufhebung der österreichischen Post auf türfifdtem Gebiete ist ihr zugesichert. Dazu erhält bekanntlich die Türkei einen Geldbetrag von 57 Millionen zur Entschädigung für die türkischen Staatsgüter in den von Oesterreich annektierten Provinzen. —- Auch die türkisch-bulgarischen Ver­handlungen sind um einen guten Schritt weiter gekommen. Das Verdienst hieran gebührt der russischen Diplomatie, die durch einen Verrech- nungsplan zwischen Türkei, Bulgarien und Ruß­land eine Lösung der Schwierigkeit beantragte; die allen Beteiligten annehmbar erscheinen muß­ten. Es ist alle Aussicht vorhanden, daß die di­rekten Verhandlungen zwischen der Türkei und Bulgarien über kurz oder lang zu einer Verstän­digung führen werden.

Das serbische Ministerium hat soeben dem ganzen Europa Trotz angesagt. Rußland ließ am Dienstag durch seinen Gesandten in Belgrad den Rat erteilen, auf die Forderungen von Ge­bietserweiterungen und von einer Autonomie für Bosnien zu verzichten. Die Vertreter vott Deutsch­land, Italien, England und Frankreich beehrten nachmittags den serbischen Ministerpräsidenten mit ihrem Besuch, um die Befolgung des rnssi- schen Ratschlages zu empfehlen. Und die Atit- toart? Ter Ministerrat erwiderte auf die Vor- stelliing der Großmächte einstimmig mit einem glatten Nein. Serbien könne die in der Sknpscktina-Resolution ausgestellten Forderun- gen nicht zurückziehen; Serbien hoffe noch immer auf die Gerechtigkeit Europas, könne aber von der Forderung nach Gebietserweiterung und der -Autonomie für Bosnien und der Herzegowina nickt Abstand nehmen. Es scheint sich bei diesem „heldenhaften" Gebühren allerdings mehr um ein ziemlich plumpes Rückzugsmanover gehandelt zu haben, durch das das Belgrader Kabinett sein Zurückwesicken von seiner bisherigen Position der Unnachgiebigkeit maskieren wollte. Tie leiten­den Herren in Belgrad haben sich nämlich schon bald entschließen müssen, ihre Forderungen fal­len zu lassen.

R Zu dem Ausgange der Wahl in Akzcy-Bittgsn

schreibt man uns aus dem Großherzogtum Hessen: „Der Au-gang der Wahl uno das Eintieren de nalwnalllberalen Wähler des Wastllreiier für das Zenirum bilden auch tm Hesfenlande selber ba? Tagesgespräch. Der Freisinn, ber bei bei Darm-

ftäbter Wahl die Unterstützung des Sostalbemo- kraten gegen den NatwnalUberalen in* ber Stich­wahl als selbstverstänvlich berrachiet hat, weiß nunmehr nicht genug Worte der Enirnstung über den „schmählichen Berrat am Ge>am!»Liberalis- mus" zu finden, den die Wähler in Bmgen-Alleq begangen haben sollen. Allen noran bte ,Frankr. Zig/, die tagiüglich ihren Lesern eine ganze Blutenlese von Entrüstungs-Kunbgebnnaen natio- naUiberaler Pererne, ber antiultiamonianen Der- einignng und sonstiger Korporationen vorsührt.

Diese künstliche Stimmungsmache wir kl geradezu komilch, zumal sie nunmehr auch noch von Dem direkten Eingreifen des durchgesallenen Kandidaten Korell ergänzt wird. Der letztere wird in den nächsten Tagen in Darmstadt und Mciinz freisinnige Protest-Versammlungen veran­stalten, in de en der C strüstungs-Rummel ter!- gesetzt werden soll. Was damit iflr ein pro hi- iches Reialtat erzielt werden soll, bleibt zwestel- haft. Die bäuerlichen Wähler wollen nun ein­mal, und dies mit Recht, von einer freisinnigen Vertretung nichts mehr wissen, am allerwenigsten von einem Kandidaten, der in io vielen Farben schillert, wie Herr Korell. Auch der tleine Mann degreist, daß mau nicht in einer Perlon alle mög­lichen wirttchait-politischen Ansichten vereinigen kann, und nichts stößt gerade einen ländlichen Wähler mehr ab, als die offenbare Absicht, es allen recht machen zu wollen.

Was alles nunmehr in Zeitungs-Artikeln und Entrüstungs-Kundaebungen der naitonaUibetülen Parteileitung Hessens ins Slam nbuh daiür ge­schrieben wird, daß sie es oerab ärimt hat, den „Verrat" in Bingen-Alzey zu verhindern, ist un­glaublich. Fast tollte man glauben, irr der Per­son des neugewahlten Reichstags » Abgeordneten sei dem deulschrn Liberalismus alles nur denk­bare Unheil erw'chien und mit dem Erntritt des Herrn Hebel in den Reichstag lei das Schicksal des Blocks besiegelt. Sogar von Mailen aus. l rill en aus der enanaelischen Landeskirche weiß dslkanntlich die freisinnige Presse zu berichten. Das ist ein schlagendes Besip el für die Tat'ache, daß gerade bei denen, die das Zentrum ber Ver­quickung der Religion mit Politik beschuldigen, diele Verquickung ftaitfinbel. Wie lindi'ch übri­gens von den Ausgetretenen, ihren Aerger über den Wahlansfall die „Landeskirche", die mit der Wahl doch gar nichts zu tun bat, entgelten zu lasten. Wer aber hier Land und Leute nur ober­flächlich kennt, wundert sich aber nickt über bte Demonstr tjon, denn der Piäst'er Freisinn ist reli­giös noch radikaler a:5 politisch.

Noch e n weiter es Opfer hat die 'Binger Wahl gefordert — ber Führer der nationallibe raten Partei Hessens, Abg. Dr. Otann, ist von dieser Stelle zurückgetreten, wohl unter dem Ein­druck der Vorwürfe, die ihm die Zentralleitung in Berlin gemacht.

In Zentrums kreis en sieht man dem Ent- rüstungsrummel des hessischen Freisinns Mit Gleicl mut nnd mit Vergnügen zu. Bestätigt doch wieder dieser Voreanq zur Genüge öie alle Erfahrung, baß der Freisinn, ber im allgemeinen viel Trommler, aber wenig Soldaten besitzt, an überatoi er Bescheidenheit nicht krankt uno bi? Wadlhilfe von allen Parteien stets oerlanai, aber beileibe nicht daran beult. Gleiches mit Gleichem xu vergelten. Gewiß wird die bereits seil den letzten Landtagswahlen Ito flehen De Spannung zwnchen Frerr rnn und 91 a 11 cn a111beralen

rn Hessen durch den Wahlausgang in Bingen« Ä zey noch bedeutend verschärft; aber bei dem Stärkeverhältms dieser beiden Parteien und an­gesichts der politischen Situation in Heffen wird der Freisinn gegebenenfalls allein die Kosten die'er Verschärfung der Gegeniätze tu tragen haben. Zwar droht* man schon freisinnigerseits mit der Unterstützung der Sozialdemokraten bei der nächsten Wahl hier in Darmstadt, wo man den u tionalhberalen Führer Otann zur Strafe niederringen will; aber einmal wird keine Suppe to beiß gegesfen, wie sie gekocht wird, und andererseits ist es fraglich, ob einer Elchen frei« sinnigen Wahlparole die Wähler das nächste ’JJial mehr Gehör schenken werden als 1907, wo Herr Korell schon mit fliegenden Fahnen die Wähler ins rote Lager hinüberzuiiihren suchte.

Man kann den Aerger der Freisinnigen wohl begreifen, wenn man ihre Siegesgewißheit kannte, die auf ber Wirktamkeit ihrer. konfessionellen Hetze beruhte. Solange die Bauern in Bingen- Alzey sreisinhig wählten, galt dieser Kreis als ^intelligent", rote ihn Herr Bamberger einst nannte; nun aber, wo sie dem schwarzen Zeutrumsmaun zum Siege verhalfen, ergießt sich die volle Schale des Zornes über die Bewohner von Bingen-Alzey. Sie werden dies zweisellvs mit Würde zu ertragen wissen und — das nächste Mal abermals dem Freisinn den Stuhl vor die Tür setzen.

veutjches Keich.

)( Heber das Koalitionsrecht der ländlichen Arbeiter haben das ZenUum und die Sozial- bcmoltatie im Reichstage bekanntlich. Anträge eitigebrackt. Sie sind seinerzeit an eine Kom­mission verwiesen worden und diese hat soeben einen Antrag des Zentrums angenommen durch den der Reichskanzler um eine Zufammerrsteklung der in den verschiedenen deutschen Staaten be- lieberoen gesetzlichen Bestimmungen über die Rech srerhöltnisse des Gesindes und der iärö- rliehen Arbeiter ersucht wird. Sie soll die Grund­lage fpr die weitere Beratung bilden.

v) Die neue Brauntweiusteuervorlage, die von der Subkomniission der Reichsfagsfinanzkamiuis- sten ausgearbeitet tooroen ist, setzt die Ver- biancksgbgabe innerhalb des Kontingents auf 25 Mk., vom 1. Oktober 1914 ab auf 130 Mk. und austerhalb des Kontingents auf 140 Mk. für das Hektoliter reinen Alkohol fest., d. h., die Ver- branchsabgabe soll erhöht und das bisherige Kon« tin-ii-nt von 20 Mark zunächst auf 15 Mk., vom 1. Oktober 1914 ab auf 10 Mk. herabgesetzt wer­den. Der Branntwein, der ausgeführt und zu griDerblichen Zwecken verwendet wird, soll Dort der Verbroncksabgabe frei bleiben.

. §'' Weimar, 5. März 1909. Das dem Land­tage znaeaanqene Wahlgesetz läßt an Stells der bisherigen Wahlmännerfvahlen direkte Wah le n treten. Daneben soll aber das Son- derwahlreckt der Großgrundbesitzer und der sog. „Teusenidtalermänner" bestehen bleiben. Beide Gnppen wählen je 5 Abgeordnete. Außerdem sollen fünf weitere Abgeordnete als Vertreter der Universität Jena, der Handels-, der Hand­werks-, der Landwirtschafts- und der Arbeits- kammer dem Landtage angehören. Tie Zahl der Abaco, dneten steigt von 33 auf 38, von denen nut ?3 aus allgemeinen Wahlen hervorgehen.

* Oldenburg, 4. März 1909. Der Land­tag bewiltigie l00 000 M. für Bohtversuche auf Bodenichätze, ferner einen sechsprozentigert Gehaltszufchlag statt der Zahlung eines Woh- nunasieldes.

Unpolitische Zeitkäufe.

(::) Berlin, 4. März 1909.

(Nachdruck verboten.)

Der sog. Frühlingsmonat hat sich zunächst als Echneemonat eingeführt. Die Visitenkarte war riesig groß und dick. Ganz Europa wurde in eine blitzsaubere Schneedecke eingebettet. Als cb dje Natur „weißen Sonntag" feiern und die Welt zu einem ©düaffaal unschuldiger Kindlein um- gestalten wolltel Doch die moderne Menschheit hat keine Zeit zu ruhen. Sie steht unter dem Zeichen des Verkehrs, des rastlosen Verkehrs, und so nimmt sie denn sofort den Kampf auf gctym den Schnee. Ein mühseliger Feld;ug gegen die zarten Schneeflocken! Ein komisches Bild, wenn man die rohe Gewalt ringen sieht mit diesen winzigen Dingern. In Berlin kann man die Macht der bereinigten Schneeflocken ( Gesell'chast mit unbeschränkter Häftling") so recht ausgiebig beobachten. Erstes Bild: Schleichende Droschken, dampfende Pferde, fluchende Kutscher. Zweites Bild: Leere Halteplätze, verödete Straßendamme, stöhnende Fußgänger. Trittes Bild: Schaufler und Sdjicber, Schneewälle, Abfuhrwagen tu end­loser Reihe und mit lächerlich geringer W'rkung. Viertes Bild: Schmutz, Lachen, Koispützer, nasie Füsse. Wenn das Tauwetter nicht hilft, ja natzi alles nichts.

i Während des starken Schneefalls stockten in Berlin alle Verkehrsmittel mit Ausnahme der Stadtbahn, die ihre hochgelegenen Schienen noch gerade frei halten konnte, und der Unfergrunb’ bahn, die in ihrem oberirdischen Teile der Stadt­bahn gleicht, in ihrem Maulwurfsteil aber gegen das Wetter vollkommen geschützt ist. An solchen Togen sieht man so reckst, wie zweckmäßig die un­terirdischen Verkehrswege sind. Tie Anlagekosten ■finb ja freilich sehr hoch, dock) auch die Vorteile sehr -nett: keine Verschandelung des Stadt- oder Stra- ßenbildes, keine Störung der anderen Verkehrs- Anittel. Unabhängigkeit von den meteorologischen

Einflüssen, also nicht bloß Schutz vor den seltenen Schneefällen, sondern auch von den Häufigen Re­gengüssen, sowie vor den scharfen Winden; ferner Milderung der Temperatur, da die unterirdisichen Bahnhöfe und Stollen im Sommer weniger heiß und im Winter weniger kalt sind, als die Außen­welt. Wenn die Unternehmer der Berliner Hoch- und Untergrundbahn jetzt noch einmal von vorne anfangen könnten, so würden sie voraussichtstck an Stelle der zuerst errichteten Hochbahnstollen auch unterirdische Bvstnstollen anleqeu. Dann wären sie nicht bloß vom Wetter ganz unabhän­gig (auch von der Glatteisbildung, die für die elektrische Kraftleitnng sehr gefährlich ist), son­dern würden die starken Steigungen mit ihrer Kraftverschwendung sich sparen. Manchmal ist das teuerste das billigste.

Als fauchende Trackien machen sich in den Der- liner Straßen die Autoomnibusie bemerkbar. Häßliche, stinkende Ungetüme, aber doch beliebt, weil man in ihnen schnell vorwärts kommt. Tas war ein fdjarfer Ringkampf der Benzinmotore gegen die SchneeflockenI Und die raffinierten Maschinen der Neuzeit mußten nachgeben. Tie Benzinbehälter wurden zu schnell leer und das Triebwerk rieb sich bei der heißen Uoberanstren- gung zu Schanden. Tie Ungetüme blieben im Stall, bis die Feger in den Hauptstraßen wieder etwas Bahn geschafft hatten. Heute morgen sah ich daß die Leipziger Straße nicht mehr wie ein Schneewittchen, sondern wie ein na Her Neger aussah. Ich vertraute mich also für 10 £ einem Autobus an. Tie Maschine ging auch gar nicht schlecht; aber wir kommen doch nur so verzweifelt langsam vom Fleck, wie die europäischen Friedens- Verhandlungen. Warum? Weil diese erfte Per- kchrsstraße von Berlin mit einer Unmasse von Kastenwagen des gröbsten Kalibers vollgepfropft war. Es dauerte natürlich reckst lange, bis ein paar Arbeiter mit ihren Sckxrufeln so viel Schnee in die Höhe geworfen haben, daß der Kasten ge­fügt ist. Dann dauert cs eine Weile, bis der Kutscher auf seinen Thron geklettert ist und die

steif gewordenen Gäule in Bewegung bringt. Langsam schleichen die Wagen einer n ui; dem nn- dern zu der Abladestätte, und neue Wagen rücken an die Schneeberge, die gar nickt kleiner werden wollen. Ein Versahron, das viel Zeit und Straft und ungeheuer viel Ofclb kostet und den Verkehr empfindlich stört. Aber es bleibt nah wie vor bei dieser altväterlichen Abfnhrmethodck. Hier und da hat man gewagt, etwas Schnee in die Ab- wässernngskanäle zu schütten; das erfordert aber ein bedächtiges Maßhalfen; denn wenn die ho­möopathische Dosis überschritten wird, so farm leicht eine Verstopfung der Kanäle eintreten. Ob denn die Techniker nicht endlich ein Verfahren der Sckmeefchnielze erfinden, das die umständliche Ver­ladung und Verschleppung unnötig macht?

Als ich vor einem Menschenalter nach Beeiln kam, hatte man es mit der Beseitigung des Schnees noch nicht so eilig. Statt den Schnee an­zugreifen, benutzte man ihn zu Schlitten­fahrten. Dieses lieblickfe VerkehrSinitrel ist in der Weltstadt fast ganz verschwunden. Nur in den Vororten hört man noch fein Schellenge­läute. In meinem schneeweißen Wohnort haben die Fnhrherren alles, was wie ein Schlitten aus- sieht, aus der Nurnpelecke ihrer Scheune geholt, und dabei machen sie glänzende Geschäfte. Denn die Leute sind ungeheuer versessen auf eine Schlit­tenpartie. Ter Omnibus z. B., der durch mein Viertel rumpelt, zeigt sonst eine gähnende Leere: aber seitdem an Stelle des Wagens ein Schlitten eingestellt ist, sind auf einmal Fahrgäste da; für 10 hin und für 10 F zurück eine Cchliiten- partie zu machen, das gefällt vielen. ES poßt ja auch in den modernen Aufschwung des Winter- sportes.

Dabei fällt mir jedesmal wieder ein Bild aus einem Witzblatt ein. Ter Schneeschipper sag: zu seinem Kameraden: „Na, jetzt fr-ollen wir uns daranhalten, um noch ein paar Gröbsten zu ver­dienen. Wer weiß, ob es nicht morgen schon Mode wird, daß die feinen Stadtleute doS Schnee­schaufeln zum Vergnügen betreiben dann sind wir

wieder arbeitslos." Nun, so weit ist 0-e nunter- liebe Sportsererei doch noch nicht gestiegen, und wenn wirklich mal das Schneeschippen in die Hände von Liebhabern überginge, so würden die Schneewälle dadurch in ihrer Leoensdauer gewiß nicht beeinträchtigt werden. Es gehört ernste aus­dauernde Arbeit dazu, um in die Aufschüttungen der Fran Holle Bresckie zu legen. Tie Berliner Stadtverwaltung hat eine kleine Armee von Ar­beitslosen angeworben; wenn man ihre Tätigkeit beobachtet, so sieht man viele, denen die Sck-ausel« arbeit sehr schwer und wenig angenehm ist.

Tas Aineisengeschlecht, das da als zivilisiertü Menschheit auf der Oberfläche der Erde umher- kriecht, ist ohnmächtig gegenüber den Naturge- walten. Im mühseligen NingiM mit den zarten Schneeflocken zeigt sich unsere Cchwackfhe.it von der komischen Seite. Aber es kann leichl ein Trauerspiel daraus werde». Vorläufig "ettet uns die Fortdauer des Frostes. Sollte eine starke Er­wärmung eintreten, vielleicht gar mit Regen­güssen, bann gnade Gott den Anwohnern der filfwettenden Flüssel Tas würde ein Hochnmsser geben, gegen das die jüngsten Wafleruvce nur cm Kinderspiel wären. In der Altmark gegenüber der Havelmündung haben wir jetzt no-.st ein aus­gedehntes iibersckfwemmtes Gebiet. Ten zerrisse­nen Elbdeich hat man noch nicht flicken können. Was sollte nun werden, wenn das Tauwetter plötzlich die Wasfermalle aus der schmelzenden Schneedecke zu Tal scksickte? Bei der Allgemein­heit und der außerordentlichen Ergiebigkeit deS Schneefalles besteht eine ernste Gefahr für alle Flußsysteme Deutschlands. Am geringsten ist sie freilich für Berlin und Umgegend; denn die Havel und die Spree sind wenig intcreifant, aber dafür auch ziemlich harmlose Flußläufe. Das Gefälle ist schwach und die Wasser finden in den zahl­reichen Seen und in den zahllosen Kanälen bc5 Tpreewaldes Verteilungsstcllen, wo sie für den allmählichen Ablauf sich enthalten können. Diese Seen erfüllen in gewisser Art dieselbe Ausgabe, die man anderwörta dvrck» toirtmoj >