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BotationsdruSund Verlag der Fuldaer Ai» timdrnckerri in Fulda Fernsprecher Nr. 9.
M 52. Fulda, Freitag den ö. Mär, r.)09. 36. Jahrgang.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 4. März 1909.
Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der Beratung des
Postetat».
Abg. Dr. DrSscher (t): Sparsamkeit ist notwendig. Es darf aber nicht grlpart werden auf Kosten der Qualität des Verkehrsütenftes und auf Kosten der Be- amten. Mehr erwünscht wäre der Erlaß allgemein gttliger Vorschriften über di« Dienstbefugnisse der Post- direktoren. Rebe« der Revision der Tetephongebühren muß eine durchgreifende Revision sämtlicher postalischer Gebühren einhergehen. Zum Schluß tritt Redner für die Beseitigung der frühe» Schalterstuuden an den Sonntagen ein.
, Abg. Singer (Soz.s: Der Staatssekretär hat leider eisten Post-Bnreaukratismus geschaffen, wie er sonst nirgends zu finden ist. Den Bedürfnissen^»«? Verkehrs ist in keiner Weise Rechnung getragen. Das Aussichts- Personal kann erheblich verringert werden. Beim leie» araphenamt kommen die Beamten bis auf 67'/, Stunden in der Woche. Recht schlecht kommen bei der Postverwaltung die Scheuerfrauen weg. Die Portofreiheit der Landessürften ist ein alter Zopf. Entschieden verurteilen wrr die Versuche der Verwaltung, auf die politische Gesinnung der Beamten einzuwirken. Die neue Fern- sprechgebühren-Ordnung ist ein echter Krärke. Die Regierung befindet sich ganz in der Hörigkeit der Agrarier. Das zeigt di« neue Ordnung am besten. Sie wird außerordentlich schädlich wirken und einen Mehrertrag nicht bringen.
Staatssekretär Krätke: Diejenigen, die mehr Ansprüche an den Bertehr stellen, müssen auch mehr zahlen; daS ist der Kern der ganzen Sache. Energisch muß ich der Behauptung enlgegemreten, als ob es sich hier um eine Liebesgabe, um eine Bevorzugung des platten Landes handelt Die Vorlage soll ausgleichen uns nicht einseitig bevorzugen. Ein großes Geschäft, das z. B. mehr als 40 mal täglich spricht, hat doch von der Fernsprecheinrichtung großen Nutzen. Wenn es so viel« Kunden hat, dann kommen auf jedes Gespräch doch nur ganz geringe Kosten. Fortwährend wird von mir verlangt, daß ich mehr für die Beamten tun soll. Ich soll mehr Beamte einstellen, : kürzere Arbeitszeit und mehr Urlaub gewähren ufw. Wo soll ich das Geld dazu hernehmen V Die Anlagekosten steigen erhebt,ch, nur haben die feinsten Apparate und müssen sie häufig wechseln. Das verursacht erheblich« Kosten. Jetzt wollen wir endlich einen Ausgleich und Ordnung schaffen, und das ist der Zweck der Vorlage Di« Portos reih eit der Fürsten ist ein gesetzliches Recht, ein Ehrenrecht, das leine erheblichen Bortelle bringt. Es kann mal vorkommen, daß ein Hofbeamter unzulässige Sendungen portofrei verschickt, aber demgegenüber steht, daß die Fürsten erklärt haben, Sendungen aus Meiereien, Gärtnereien usw. sokkten nicht portofrei befördert werden. Dann i hat man e* so dargestellt, als ob wir zu viel Aufsichts- Personal hätten. Tatsächlich kommen auf 75 Perioncn eine Aufsichtsperson, die außerdem noch die Apparate zu üdeiwachen hat Der Wunsch, den Schallerdienit am Sonntag einzuschränlen, läßt sich schon mit Rücksicht auf die Arbeiter, die Wochentags ferne Zeit zum Austuchen der Post Haden, nicht durchführen. Die Postdirettoren find ermächtigt, soweit mögtich eine Eintchräntung der Sonnlagsöienststunsen etntreten zu lassen. (Beifall.)
Abg. Beck (natl.) wünscht keine ungemessen« Ser« Mehrung der weiblichen Beamten an der Post und Porioheradfetzuug der Blüroenannalleu. Redner stimmte im Prinzip der neuen Fernsprechgebührenordnung zu.
Abg. Dr. Doormann ifr|. Vp.s ist mit den Grundlagen der Reform e nverflcmden und verspricht sorgfältige Prüfung aller Vorschläge.
Abg. Schmidt-Altenburg cHp.) tritt gleichfalls für *■*« Fernsprechgebührenorbnung em.
Freitag: Weirerberatung.
Grstes IMatt
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 3. März 1909.
Bei der heutigen Weiterberatung deS
Etat» de» Ministerium» be» Innern
ro&Mten die Abag. v. Gotzler (kons.) und Merlin-OelS lfreikons.) eine DienftaufwandSentschädigung für die Posener Distriktskommiffare.
Abg. Schulze-Pelkum (kons.) wünscht die Erhöhung der Entschädigung für die Pserdebenutzung der Gendarm«.
Abg. Wamhoff (natl) regt die Einführung von Polizeihunden für die Landgendarmerie an und wünscht sür pie Gendarmen die Erlaubnis, an dienstfreien Tagen Zivllkleider zu tragen.
Ein RegieruugSkommiffar erwidert, die Erfüllung der finanziellen Wünsche ständen noch finanzielle Schwierigkeiten gegenüber. Die Erlaubnis, daß die Landgendarmen an dienstsreienTagenZivilkleider tragen dürfen, balle die Regierung nicht für angebracht.
Abg. Hammer skons.) wünscht, daß den Gendarmen eine angemessen« Entschädigung für die Dienstzimmer- miete gewährt werde.
Abg. Ströbel -Soz.) beantragte, die Forderung von 300000 Mark für geheime Ausgaben der P o li zei zu streichen. Es sei nicht nötig, so viel Geld zur Ueberwachung der Sozis auszugeben. Dadurch würden nur Polizeispitzel veranlaßt, unbesonnene Leute zu allerhand dummen Streichen oder zu staatsgefährlichen Bestrebungen zu verleiten. Redner rechtfertigt die sozialdemokratischen Straßendemonstrationen. Wir wollen auch darin nur gleiches Recht haben. Anderen Parteien hat man doch auch gestattet am Tage nach der ReichstagSwahl Demonstrationszüge zu veranstalten. (Rufe b. d. Soz.: Unangemeldet.) Unangemeldet! Da bat ja sogar jemand eine Rede zum Fenster hinausgehalten! — Wilhelm der Zweite! (Glocke bei Präsidenten.)
Präsident 6. kröcher: Herr Abgeordneter, ich bitte Se. Majestät den Sailer und König nach Möglichkeit hier nicht zu erwähnen. Wenn Sie es aber lim bitte ich, es in passender Form zu tun. Eine paffende Form halte ich nur dann für gewahrt, wenn außer dem Namen des Kaisers auch seine Würde bezeichnet ist. lBcavo rechts.)
Abg. Ströbel legt weiter dar, daß die Sozialdemokratie im Gegensätze zu dem Anarchismus nur mit geistigen Waffen kämpfen wolle.
Abg. tt. Arnim (kons.): Wenn Herr Ströbel jetzt sagt, die Sozialdemokratie wolle nur mit geistigen Waffen lämvfen, so verweise ich ihn auf den .Sozialdemokrat, Jahrgang 1883, wo es heißt: „Ist die Kanone die ultima ratio des Königs, so ist das Dynamit die ultima ratio des Proletariats!" (Hört, hört! rechts.) Herr Ströbel spricht von den Privilegien der Junker. Solch« gcht es heute nicht mehr! (Zustimmung rechts.) Im übrigen kann ich Herrn Ströbel nur erklären, daß ich und meine Standesgenosse-i es für unsere vornehmste Pflicht halten, dem Staate bis zum letzten Blutstropsen zu dienen. «Rufe: Wir auch! links.)
Abg. Straffer kons.): Sie reden hier von Ihrer friedlichen Gesinnung, und Ihr .Vorwärts', Herr Ströbel, hat die niederträchttgsten, gemeinsten Aus- wüchse und Schandtaten der rulsischen Revolutionäre in den höchsten Tönen verherrlicht. Es lohnt überhaupt nicht, mit Ihnen sich ernsthaft einzulassen! Es gehört Ihre Stirn dazu, solche Tattachen abzulengnen und hier solche Reden zu halten wie Herr Ströbel!
Präsident v. Kröcher: Herr Abgeordneter, Sie haben davon gesprochen, daß die Stirn von Mitgliedern des Hauies dazu gehöre, solche Reden zu halten wie Herr Ströbel. Ich will nicht gerade sagen, daß dieser Am druck ordnungswidrig ist, aber — ge- sallen tut er mir nicht! (Heiterkeit.)
Abg. ßorfantt) «Pole) hält die Geheimpolizei für überflüssig. In dem früher erwähnten Verein in Zabrze seien die revolutionären Lieder und Bestrebungen erit beworgetreten, seit der Geheimpolizist Pietzonte dem Verein beig. treten fei.
Der Antrag Borgmann wird gegen Sozialdemokraten und Polen abgelehnt.
Zur Position Zuschüsse an die Kommun alver» bände zur Ausführung des Gesetzes über die Fürsorgeerziehung Bttnderjähriger ergreift das Wort
Abg. Schmedding :Zlr.): Vor e mgen Wochen erregte em am Gericht zu Itzehoe verhandelter Proze»
gegen den Direktor einer Erziehungsanstalt berechtigtes Aufsehen, weil er mit drakoniichen Strafen gegen die Zöglinge »erging. Ich muß Verwahrung dagegen em. legen, wenn daraus Schlüsse au, das gesamt« System der Fürsorgeerziehung gemacht worden sind. Gegen die Kontrolle der Anstalten durch die zuständigen Behörden ist nichts einzuwenden, aber die Oeffentlichkeit daran zu beteiligen, ist nicht ausführbar. Es kommt darauf an, daß die Fürsorgezöglinge in der riditigen Weise behandelt werden, mit Nächstenliebe, Geduld und Opferwilligkeit. Diese Eigenschaften sind aber in höherem Maße bei denjenigen Personen zu finden, die sich aus reiner Menschlichkeit und nicht des ichnöden Mammons wegen dem schweren Werk« der Fürforae- erziehung widmen. Der Minister will für jede Provinz eine Kommission auS BerwaltungSbeamten, Richtern, Pädagogen, Aerzten ufw. bilden; es müßten aber auch Geistliche hinzugezogen werden, denn bei den Revisionen der Privatanstalten haben die GeiMichen bisher sehr segensreich gewirkt. Sollten di« Prooinzial- verwaltungen ausgefchaltrt werden, so wär« das eine bedenkliche Einengung der Selbstverwaltung, und ich bitte deshalb den Minister um eine beruhigende Erklärung. Nach weiteren Ausführungen kommt der Redner zu dem Schluß, daß versucht werden müsse, eine Aenderung der Armenaefetzgebung herbeizusühren, etwa nach dem Vorbilde des neuen Zwangserziehungs- gesetzes von Hamburg, damit die vielen Millionen, die jetzt in die Fürsorgeerziehung gesteckt werden, nicht nutzlos aufgewendet werden.
Abg. Ströbel (So,.) hält es für unzulässig, daß man junge Leute statt in Erziehungsheime in Strafanstalten steckt, besonders bei abnWtm veranlagten Kindern.
Abg. Dr. v. Liszt lsrs. Vv.) wünscht, daß geisttq minderwertige Kinder in einer eigens für sie bestimmten Anstalt imtergedracht werden und bedauert, daß fo viele junge Leute in die Anstalten kämen, an denen nichts mehr zu belfern fei; hier müsse früher eingegriffen werden. Redn r befürwortet deshalb eine reichsgesetzliche Festlegung der Grundlinien für das gesamte Erziehimgswefen.
Abg. Dr. Faßbender 'Ztr.) wünscht besondere Anstalten für Grenzwandler, d. h. für folche, die nicht ins Gefängnis gehören, ihre Freiheit aber mißbrauchen wurden. Die Leitung von Fürsorgeanstalten enordere auch eine besondere Vorbildung auf hem sozialen Gebiete und einen hoben Grad von Aufopferungsfähigkeit. Zu diesem Zweck wünscht Redner die fWrfinhnng einer Schule für soziale Bildung, etwa im Anschluß an die Zentralstelle für Volkswohlfahrt. Bei der Aussicht über die Fürsorgeanstalten sei die Zuziehung von Geistlichen zu der Kommission von großer Wichtigkeit.
Abg. Schmidt-Düsseldorf sZtr.) verbreitet sich über die Unterbringung von Zöglinoen aus Fürforgeanftalken in Familien Hierbei müßten die Fähigkeiten und körperlichen Anlagen eines Kindes berüdnchtint werden. Man mö e sich vor allem an die Geistlichen und Lehrer wenden, damit die Kinder nicht in ungeeignete Familien kämen.
Abg. Heikenroih ff.) bedauert, daß die Kinder jetzt häufig zu spät in d'e Anstalten kämen, wenn schon nichts" mehr zu bessern wäre und bittet den Minister Die Gerichte anzuweifen, ihre Entscheidung schneller zu treffen.
Beim Titel .Strafanstaltsverwaltung" bringen die Abag. Rofenow areii. Vn.), ? chmidt-Düsseldorf
Schiffer int!.', Di Faßbender (Ztr.) und Dr. v. LiSzt (fretf. '-8p.) Wünsche bezüglich des Sirakvo'mas, de- vorzeitigen Entlassung der Strafgefangenen, Erhöhung der Bezüge der Gefängnisärzte und Jugendgerichis- hüse vor.
Darauf wird der Rest des Etats bewilligt.
Ter Antrag S zum an (Pole) bett. Aufhebung der Sanonkarlen fü ■ die ausländischen Saisonarbeiter wird auf Antrag des Abg. Mizerskider Agrarkommission überwieien.
Freitag: Rest der heutigen Tagesordnung.
cDasBlockkomPromchangcnommen!
Die Reichsfinanzkommission hat am Donnerslag endlich ihre Beratungen über die Besitzbesteuerung zu Ende geführt.
Nachdem der Freisinn am Mittwoch abend dem Kompromiß zugM'mmt hatte, lag bet Beginn der Sitzung über den Zentrumsantrag anstelle des alten Antrages v. Gamp nun endlich der Kompromiß
antrag vor, der unter dem Namen v. Gamp-Dr. Arendt eingesührt wird. Er bestimmt im wesentlichen:
z L Die Bundesstaaten haben nach Maßgabe dieses Gesetzes an das Reich eine Abgabe zu entrichten, die von dem Besitze erhoben wird tBef itzst euer). ...
§ 2. Der Gesamtbetrag der zu entrichtenden Abgabe wird alljährlich durch den Reichshaushalts« Etat bestimmt; er darf btS zun 1. April 1914 di« Summe von 100 Millionen Mark nicht über» ichreiten. Zu dem bezeichneten Zeitpunkt und weiter von fünf zu fünf Jahren kann der Höchstbetrag erhöht werden, jedoch um nicht mehr als sünf vom Hundert des für den voihergehenden ZeittaumS bestimmten HöchftbettageS. Für eine Aenderung dieser Bestimmungen gilt die Vorschrift des Artikels 78, Ads. 1 der Reichsverfassung.
§ 3. Der von den einzelnen Bundesstaaten zu entrichtende Betrag ist auf Grund der Ergebnisse der Veranlagung zu Einkommen-, Vermögens- und sonstigen Besttzsteuern vom Bundesrat nach einheitlichen Grundsätzen sestzustellen. Alle sünf Jahr« findet eine neue Feststellung statt.
§ 4. Die auf die einzelnen Bundesstaaten entfallenden Beträge dürfen nur durch allgemeine Steuern auf Einkommen, Vermögen oder Erbschaften aufgebracht werden. Einkommen bi8 zu ii000 Mk. sowie solche Vermögen, di« nach Abzug der Schulden den Betrag von 20 000 Mark nicht erreichen, sind von der Steuer sreizulaffen. Die BeNeuerung der Erbschaften arf nur nach Maßgabe der 59, 60 des Grdschafts» steuergesetzes vom 3. Juni 1906 erfolgen.
§ 5. Soweit die Beiträge nicht durch neue Steuern der im § 4 bezeichneten Art erhoben werden, find sie durch Zuschläge zu bestehenden Steuern dieser Art aufzubiingen.
Von freisinniger Seite wurde die Erklärung abgegeben, daß sie den jetzt vorgeschlagcnen Antrag als eine Grundlage für weitere Verhandlungen ansehen und fie ertlä- ten, zu diesem Zwecke diesen Entwurf in der ersten Lesung der Kommission unter dem ausdrücklichen Vorbehalt späteren Enlschlie- ßungen vorläufig anzunehmen. Staatssekretär S y d o w erklärte, daß er nicht namens deS Bundesrats Stellung nehmen könne. Persönlich halte er an seinen Bedenken wegen der Höhe der Summe fest, indes wolle er damit keine Ablehnung aussprechen. Ter Antrag wolle gewifier- maßen eine erste Hypothek festlegen und stelle den Ausdruck des festen Willens dar, zunächst di« Steuern auf den Besitz feftzulegen. Ter bayerische Vertreter äußerte sich in gleichem Sinne. Ein Zentrumsredner bezeichneta es als interessant und charakteristisch, daß der bayerisck)« Regierungsvcrtrcter am Mittwoch den weit milderen Antrag Herold schroff ablehnte, jetzt aber den schärferen Antrag Gamp weit milder behandele. Ueber Nacht sei also der Wind umgeschla- gen. Tie §§ 4 und 5 griffen weit tiefer in die Finanzhoheit der Einzel staaten ein als im Antrag Herold geschehe. Der bayerische Vertreter erklärte, er habe sich alles Vorbehalten und sehe den Antrag nur als eine Grundlage zur Weiterarbeit an. Ohne die §§ 4 und 5 sei der Antrag für fie unannehmbar. Bei einem Einkommen von 3000 fielen 95 Proz. aller Zenfiten aus und bei 20 000 «ft Vermögen fielen 48 Proz. aus. Ein zweiter Zentrum 8- r ebner betonte, der neue Antrag Gamp sei m dieser Form unannehmbar. Der bayerische Vertreter wies nochmals darauf hin, daß er mit dem bayerischen Ministerpräsidenten sich etins miss«. Ständen wir in zweiter Lesung, Hann würde er nicht zustimmen. Heute könne er den Antrag nur binnehmen unter allen Vorbehalten. Er Hal»« alle prinzipiellen und finanziellen Bedenken auf* recht. Ein weiterer Zentrumsredner führte aut, der Antrag Herold enthalte nur, waS das Zen« rrum von erster Stunde an gefordert hat. Titz Grundgedanken des heutigen Kompromiß» anlrages seien alte Zeutrumtgedanke», Was der neue Antrag Gamp bringe, das hatH
Fm Mm des 8etzMilisses.
47] Aus dem €iw.'tfd:cn von K. v. Raesfeld
Er mußte zur Eisenbahnstation gehen und versuchen, sich dort aitzufreunden. Ties eine Mal dastte er an seinen Vater; möglicherweise war nod; f 'maud da im Tienst, der ihn gekannt hatte. Somit ei freuten sich die Bahnhofsbeamten etwa gegen 9 Uhr morgens deS imposanten Anblicks Jock s 'n seinem neuen Ueberzieher. Er spazierte den Perron auf. und ab, nach Kräften bemüht, wi rdcvtch und gleichgültig zu erscheinen. Tann nähert- et sich einem grauhaarigen Mann, der eifrig damit beschäftigt war, einen Wagen zu reinigen.
»Seid Ihr schon lange auf dieser Station?" fragte er.
»So 'ne sechs Jahre, Herr", erwiderte der Mann und faßte an die Mutze, bereute aber so- fcrt die Höflichkeit, als seine geübten Augen die Art der Persönlichkeit, die ihn angeredet, sest- stellten.
„Sechs Jahre", wiederholte Jack; „il*c lange ist denn der Stationsvorsteher hier?"
„Kein Jahr. Ich habe in dieser kurzen Zeit drei neue Vorsteher gesehen."
„Wißt Ihr vielleicht, ob einer der Beamten oder sonstigen Stilgefühlen lange auf dieser Station ist?" fragte Jack.
„Ich kann's nidjt sagen; «einer, daß ich wüßte."
„Ich habe nämlich einen besonderen Grund zu dieser Frage. ■Dtcie Vater war Bahnwärter und ist hier vor so ungefähr zwanzig Jahren verunglückt."
„Sehr nal)e scheint Ihnen das nicht zu gehen", sagte der grauhaarige Arbeiter, der genau wußte, wen er da vor sich hatte. „Wenn ich hier mal verunglücke, so werden meine Jungens hoffentlich Önders von mir sprechen/
„Na, seht — Ihr müßt wissen, ich war erst ein Kind von zwei Monaten, als das passierte — wirklich, da irrt Ihr Euch aber — es tut mir sehr leib; und gerade der Wunsch, etwas über meinen armen Vater zu hören, hat mich hierher geführt."
Und Jack schnitt dabei das wehmütigste Gesicht, das er nur machen konnte.
„Ich möchte nämlich gern jemanden treffen, der ihn gekannt hat und der mir etwas von ihm erzählen könnte. Ich weiß, er liegt hier auf dem alten Kirchhof begraben, und ich möchte ihm gern einen Grabstein setzen lassen, bloß um den Leuten hier zu zeigen, daß ich sein Andenken in Ehren halte."
Eine freie Erfindung natürlich, um die Jack in den seltensten Fällen verlegen war; aber der Gedanke schien bem' alten Eisenbahn-Arbeiter höchlich zu gefallen. Er stand ein paar Minuten still unb buchte nach.
„Bor zwanzig Jahren," sagte er endlich; „das ist eine lange Zeit. Ich glaube, die meisten unterer Leute hier sind unterbeffen neu gekommen; halt, laßt sehen — ba ist ber alte Herr Hoggs, der ist in der Gepäckabnahme, und — sollt ich glauben — bald fünfundzwanzig Jahre da. Wie hieß denn eigentlich Ihr Vater?"
„William Jefferies."
„Na, gut; gehen Sie nur mal zum allen Herrn Hoggs; wenn noch jemand überhaupt et- was von der Sache weiß, so ist das der Mann dafür."
Mit dem Versprechen, ihn noch mal wieder zu sehen, spazierte Jack das Stationsgebäude entlang und sah auch alsbald das Schild „Gepäck- Annahme". Er ging hinein unb sand drinnen einen alten Mann emsig bei der Arbeit, den er in seiner besten Manier anredete.
„Herr Hoggs, darf ich Sie ersuchen, mir ein paar Augenblicke Ihre Aufmerksamkeit zu schen- fpn2" frArtb
Der Alte sah auf, verwundert über die höfliche Anrede.
„Hoffentlich," fuhr Jack mit einer neuen Hot- lichkeitsfalve fort, „dränge ich mich Ihnen nicht auf, jedoch man hat mich an Sie, als einen der erfahrensten Beamten dec hiesigen Station, verwiesen."
Tas Kompliment war sehr gut gewählt. Des Alten Gesicht klärte sich auf, und er hörte Jack s weiterer Rede gefpannt zu.
„Mein Vater, William Jefferies, war Bahnwärter unb ist vor zwanzig Jahren hierfetbst auf dieser Station verunglückt. Ich bm je in Sonn unb weit hergekommen, um etwas über ihn zu hören".
„Ja," sagte ber alte Mann langsam, „ich erinnere mich ganz gut an William Jefferies. Ich staub habet, als er überfahren wurde, ber arme Kerll unb ich war auch habet als wir zu seiner armen Witwe gingen unb ihr bas Unglück mitteilten."
Es war eine Stubie, dies Gesicht Jacks, zwischen seinem Bestreben, bekümmert und wehmüttg dreinzusehen, und seiner Freude, daß er endlich jemanden gefunden, ber ihm jede Frage beantworten konnte.
„Ich will meinem armen Vater einen Grabstein setzen lassen," sagte er seufzend, und Herr Hoggs blickte sehr teilnehmend drein.
Doch weitere Unterhaltung war unmöglich; eS klopfte energisch an das Schalter'enster; oute ganze Reihe von Leuten, die ihr Gepäck abgefertigt zu haben wünschten, heischten seine Aufmerksamkeit.
„Ich sehe. Sie find sehr beschäftigt," sagte Jack; „ich logiere Viktoriastraße 3; wenn ich Litten darf, kommen Sie heute Abend zum Esten zu mir — sagen mir, um Sieben — dann können wir über diese Sack-en weiter plaudern."
Herr Hoggs sagte gern zu, unb Jack ging da- von, in bester Laune über den Erfolg tie|e3
30. Kapitel.
Tas Abendessen in ber Biktoriastratze Nr. 3.
Es war das erstemal in feinem Leben, daß Jack etwas mit dem Bestellen eines Essens tu tun hatte, unb fein Entzücken und feine Listigkeit kannten feine Grenzen.
Er zog feine Hauswirtin zu Rate, die Fischs ein Kals-Eoielett, Hutm unb Zilronen-Pudotng empfahl. Tie Großartigkeit dieses MenuS setzte ihn etwas in Schrecken.
„Wird es sehr viel kosten?" fragte er zweifelhaft.
„£>, natürlich wird's was kosten, Herr; wenn aber der Geldpunkt in 5rage kommt — das ist was anderes — nun, ich kann ja ein Cotelett braten. Ich schloß aus Ihrem 8 uftreten, daß der Kostenpunkt gar keine Rolle spielte."
Ein Komplement, das Jack alles vergessen ließ; er verflieg sich sogar zu einer Ftasck)c Portwein unb einer Flasche Sherry.
Als hie Zeit des Essens näher rückte, über» wackle er unermüdlich alle Vorbereitungen; und pünktlick Schlag sieben erschien ber alte Gepäck- Expedient.
„Lieber Gott, wie merkwürdig geht'» doch in der Welt zu, muß ich immer wieder sagen' Sie find William Jefserie's Sohn; und ich dachte, ich würde seinen Namen nicht mal wieder hören, und nun sitze ich hier bei Ihnen am Tische. Ja, mir waren sehr befreundet; aber ich habe seine Witwe ganz aus den Augen verloren — fie zog vor Jahren schm von hier weg."
Seine Augen glänzten, als Jack ihm ein Gla- Sherry einschönkte. Er hatte bessere Tage gekannt und verstand ein gutes Glas Dein jetzt sehr wohl zu würdigen. Tann ließen sie sich am Tisch« nieder, und Jack regulierte feinen Gast mit allen Telikatessen, die ihm zu Gebote standen.
„Und Ihre Mutter, Herr Jefferies," sagte bei Alte, als die schwerste Arbeit vorüber und das Meisterstück der Hausfrau, der Citronen-Pudding, geht es ihr?" (j}ortf. f'