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Fulda, Samstag den 27. Febmar 1909.
36. Jahrgang.
Krstes Wlatt.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 26. Februar 1909.
Zu Beginn der Sitzung erfolgt die namentliche Abstimmung über den polnischen Antrag wegen der Freiheit des Grundeigentumerwerbs. Sie ergibtbeffen Annahme mit 189 gegen 132 Stimmen bei 5 Enthaltungen. (Beifall bei den Polen, im Zentrum und links. Zischen rechts.! Dafür stimmten Polen, Zen- trum. Freisinnige, Sozialdemokraten und Abg. Pauli- Oberbarnim (dtp.). — Alsdann gelangt der
Kolonialetat
zur zweiten Lesung. — Eine Resolution der Budgetkommission fordert die Einführung von K'animunalab- gaben für die zu bildenden Gemeinden in Deutschostafrika. — Eine Zentrumsresolution verlangt, daß alle Verordnungen der Kolonialzentralverwaltung und der Gouverneure der einzelnen Schutzgebiete dem Reichstage zur Kenntnisnahme vorgelegt werden. Auch soll die Art der Veröffentlichung dieser Verordnungen zur Erlangung der Rechtsgilttgkeit festgesetzt werden.
Abg. v. Liebert (Rp.): In Ostasrika ist vor allem in der Jnderfrage größte Vorsicht geboten. Diese Herren sind sehr gefährlich und suchen gern den Neger zu übertölpeln. In der Behandlung der Eingeborenen ist anstelle der früheren sachlichen strengen Behandlung übertriebene Humanität getreten. Ich meine, daß man in der Behandlung der Neger nicht zu mild vorgehen darf. Das Prestige der weißen Rasse muß gewahrt bleiben.
Staatssekretär Dornburg: Der Inder ist allerdings <it Rücksicht auf seine ab|olute Bedürfnislosigkeit eine unerwünschte Konkurrenz, aber wir müssen in dieser Beziehung auf dem Boden des internationalen Rechtes bleiben, und das ist uns in der Beziehung nicht sehr günstig. In der Behandlung der Eingeborenen bestehen ähnliche Jntereffongegensätze. Eine abweichende Behandlung der Inder könnte zu schweren Konsequenzen für unseren Handel führen. Ueberall sehen wir das Erwachen des Nationalgesühls der farbigen Raffen. Was den Weißen vor allem in der Kolonie r.ottut, ist Selbstzucht. Sehr erwünscht wäre auch die Einschränkung des Alloholge,iusses, denn unter feinem Einfluß werden von den Weißen die meisten Verbrechen begangen. (Beifall.)
Abg. Schwarze-Lipp stabt (Ztr.) behandelt zunächst die Inder- und Negerfrage. Die Inder seien für Ostafrika ein notwendiges Hebe,. Die Reger müssen streng, aber gerecht behandelt werden. Die Prügelstrafe dürfe nur angewendet werden, wenn es dringend nottue. Die neue Arbeitsordnung hat sich bewährt; man muß die Neger nur richtig behandeln, dann bekommt man schon Arbeitskräfte. Auf dem Gebiete des Wegebaues ist viel gesündigt worden. Im weiteren spricht sich der Redner jür die Weiterführung der Usambarabahn bis zum Kilimandscharo aus. Redner behandelt weiter die Frage der Zollverordnung !ür Neuguinea und bittet, den Missionen Zollfreiheit ür alle Gegenstände zu gewähren, die dem Kultus, lnterricht oder der Krankenpflege dienen, oder zum eigenen Gebrauch der Missionare bestimmt seien. Gegenüber dem Bericht der Kolonialverwaltung für 1907/08 nimmt Redner die jetzige Art der Christianisierung der Neger durch die Mission mit aller Entschiedenheit in Schutz. (Beifall.»
Staatssekretär Dernburg! Ganz steuerfrei können wir die Missionare nicht laffen, das würde Mißvergnügen in der übrigen weißen Bevölkerung Hervorrufen. Die Missionare selbst erheben auch gar keinen Anspruch auf völlige Steuerfreiheit. Die Leistungen der Missionen erkenne ich als auHezeichnete gern an und werde ihnen nach Möglichkeit entgegenzukommen bestrebt sein. (Beifall.)
Abg. Lattmann (wirtsch. Vgg.) greift das „System" Rechenberg in Ostasrika an, lobt aber Dernburgs Verwaltung.
Abg. Dr. Goller (freif. Bp.s: Es muß weiter Der» e werden, die Eingeborenen kulturell zu heben, sie find noch lange nicht den Weißen gleichwertig. Eie gehSren eben einer niedrigeren Raffe an. Darüber kommen wir nicht hirw.-g. Die Jodiersrage ist sehr strittig, sie bedarf noch der völligen Klärung.
Staatssekretär Dernburg: Es ist nicht richtig, daß die gesamte Bevölkerung Deutsch-Ostafrikas mit der Geschäftsführung des Gouverneurs v. Rechenberg unzufrieden ist. Wir können in den Kolonien keine,t Gouverneur gebrauchen, der allen ihm entgegengebrachten Wünschen entgegenkommt. Wir können von den Leuten in den Kolonien verlangen, daß sie über ihren Privatinlereflen nicht die Jntexessen der Allgemeinheit vergeffen. Wir wollen eine ruhige Entwickelung des Landes und in diesem Bestreben stehen wir auf Seiten des Gouverneurs. Betonen will ich noch, daß die Eingeborenen wie Menschen behandelt werden müffen und daß der Neger nicht als ein Ausbeutungs- objeft zu betrachten ist. (Beifall.)
Abg. Dr. Arendt (Rp.): Gegen das System Rechenberg wenden sich nicht nur einzelne Farmer, sondern die gesamte deutsche Bevölkerung. Alle meinen, das System Rechenberg sei eine schwere Gefahr, weil es die Autorität vernichte und einen Aufstand gefährlichster Art entstehen lassen könne.
Staatssekretär Dernburg: Den Wunsch des Vorredners auf Rückberufung des Gouverneurs Rechenberg kann ich nicht erfüllen; denn er hat nicht gegen die Vorausfetzungen verstoßen, unter denen er angestellt worden ist. Sonst würden charakterfeste Beamte ihr Amt niederlegen, weil sie befürchten müßten, gegen ungerechtfertigte Anklagen nicht geschützt zu werden. Das Gespenst des Aufstandes, das uns Dr. Arendt vormalt, existiert nicht; denn dieses System besteht schon zwei Jahre; ohne daß wir einen Ausstand gehabt hätten. Unter dem Gouverneur von Liebert hatten wir 25 Ausstände. (Heiterkeit.) Wir iverden aber alle Beschwerden genau prüfen. Wenn Sie ebenso bereit sind, auf Ihre Leute einzuwirken, wie ich bereit bin, auf den Gouverneur Rechenberg im Sinne freundlicher Beziehungen zu den Farmern einzuwirken, dann werden wir wohl zum Ziele kommen.
Morgen: Fortsetzung.
x Der Bündnisfall.
Es wird ganz naturgemäß in den letzten Tagen oft die Frage aufgeworfen, wann dec casua foederis, d. h der Fall, daß wir unserem Bundcs- gcuosfen Oe ft erreich mit den Waffen in der Hand zur Hilfe kommen müssen, eintritt. Mussen wir auf den elften Schuß, der an der serbischen Grenze fällt, auch unserseits marschieren? Oder wann sonst? Was fordert von uns unsere Dreibundpflicht?
Der ursprüngliche Vertrag zwischen uns und Oesterreich vom 7. Oktober 1879 ist ein Defensivvertrag gegen Rußland, das unbefriedigt durch die Resultate des Berliner Vertrages, in bedroh- kicher Weise Fürst Bismarck einen unehrlichen Makler schalt und Oesterreich-Ungarn feinen bosnischen Gewinn sowie feinen erstarkenden Einfluß am Balkan nicht gönnte. Dieser Vertrag verpflichtet bei einem Angriffe Rußlands die beiden Vertragsmächte zu gegenseitigem bewaffneten Beistände, bei einem Angriff einer anderen Macht zu wohlwollender Neutralität. Gefetztensalls, die Serben zögen gegen Oesterreich vom Leder, so würde demnach für das Deutsche Reich keineswegs schon der Kriegsfall gegeben fein. Seine wohlwollende Neutralität würde aber andere Mächte mit aller Energie an der Einmischung in solchen Wafsen- ianz zu verhindern haben. — Der italienisch- österreichische Vertrag von 1883 beschränkt sich auf Zusicherung wohlwollender Neutralität, wenn Rußland Oesterreich oder Frankreich Italien an- greift. Die massenhaften Befestigungswerke an der italienisch-österreichischen Grenze, die neuer- ding; entstanden, werfen auf die Festigkeit dieses Abkommens nicht gerade das beste Licht. — Der deutsch-italienische Vertrag vom 3. Februar 1888 endlich, wie die seitdem oftmals geschehenen Erneuerungen des Dreibundes wenden sich gegen den inzwischen geschlossenen französisch-russischen Zweibund und verpflichten zur Waffenhilfe, sobald ein Angriff von zwei Seiten erfolgt. Der Dreibund wurde 1892 und 1902
auf je 10 Jahre verlängert. Er dauert also bis 1912.
Tie neueren Dreibund-Vereinbarungen sind nicht veröffentlicht worden. Aus einer gelegentlichen Bemerkung Tittonis geht hervor, daß sie iubezua auf so manche politische Frage sehr ins einzelne gehen. Doch wird, wenigstens was Deutschlands Verhältnis zu Oesterreich angeht, ganz gewiß nicht der Buchstabe, sondern der Geist entscheiden. Das Deutsche Reich kann und wird unter keinen Umständen dulden ,daß Oesterreich- Ungarn Gewalt erleidet, daß es in seiner Großmachtstellung erschüttert wird, oder wohl gar einem slawischen Ansturm vom Süden und Nord- osten ganz erliegt. Das sind wir dem treu bewährten Bundesgenossen, das sind wir unseren deutsch-österreichischen Brüdern, das sind wir uns selbst schuldig. Tenn so gewiß auf das Austerlitz von 1805, das Jena von 1806 und das Tilsit von 1807 folgte, so gewiß würde nach der Zertrümmerung Oesterreichs das Deutsche Reich e*inen verzweifelten Kampf um seine Existenz gegen erdrückende Uebermacht zu kämpfen haben.
Oesterreich-Ungarn, so sagte deshalb Fürst Bulow im Reichstage, ist uns seit einem Menschenalter ein treuer Bundesgenosse gewesen. Ich halte es nicht für richtig, Schwierigkeiten, in demm gegenwärtig unser Bundesgenosse sich befindet, durch unfruchtbare Kritik zu erhöben. Ich wiederhole, wir stehen zu Oesterreich-Ungarn, und wir glauben, auch der Sache des Friedens am besten dadurch zu dienen, daß wir keinen Zweifel lassen über die Unerschütterlichkeit dieses Bündnisses und über den Einst, mit dem wir unsere Bundespslicht bc> trachten. Brausender Beifall ist diesen Worten im Reichstag gefolgt. Auch im Volk ist ihnen unbedingte Zustimmung sicher.
Wenn Rußland zur Unterstützung Serbiens Oesterreich-Ungarn angreift, würde für Deutschland wohl dec Bündnisfall als gegeben zu betrachten fein. Alsdann wird aber auch Ver- nmtlick Frankreich sich Rußland gegenüber verpflichtet erachten und Rußland Hilfe leisten. Ans englischer Seite besteht wahrschinlich rechtlich keine Verpflichtung, Frankreich zu Hilfe zu kcmmen, wenn es selbst den Krieg erklärt. Ta die englische Volksstimmung aber die Ursache des Krieges vergessen und nur das Ringen Frankreichs gegen Deutschland sehen würde, so läßt sich Englands Haltung nicht mit Wahrscheinlichkeit berechnen.
Tic eigentlidbe Entscheidung, ob ein europäischer Krieg ausbrechen wird, liegt demnach in Petersburg. Läßt man sich dort zu übereiltem Schritten Oesterreich-Ungarn gegen- über hinreiben, so ist er gewiß, da dann Deulsch» land verpflichtet ist. Oesterreich zu helfen. Deshalb ist es erfreulich, daß man in Paris den Chauvinismus in diesen mehr als kritisä)en Tagen beiseite geschoben hat und sich redlich bemüht, immer mehr Verständnis und Sympathie für die Haltung Oesterreichs und Deutschlands zu gewinnen. Die öffentliche Meinung Frankreichs ist allem Anschein nach gegen die Beteiligung an lwnem kriegerischen Abenteuer Rußlands. Rußland aber kann den Krieg nicht beginnen, ohne der französischen Hilfe sicher zu sein.
Solange die Negierung und die öffentliche Menmn« in Frankreich sich ablehnend verhält, braucht man auf ein LvSschlagen Rußlands nicht zu rechnen. Auch trotz der Nachrichten über Trup- Pcnznsammenziehungen an der südlichen Grenze mcht. Solche Demonstrationen gehören zu der neueste:, Phase der russifchen Politik, die sich den Panslawisten im eigenen Lande und den Balkan- slawen so diensteifrig als möglich erzeigen will. Ebe cs bont Säbelrasseln zum Losschlagen übergebt. wird Zar Nikolaus wohl seiner Schwäche sich wieder betonet werden.
Deutsches Reich.
+ Blockkompromiß in Sicht.
Die Vertagung der Finanz-Kommission ist, wie sich jetzt herausgestellt hat, auf das direkte Eingreifen des Fürsten Bülow hin erfolgt. Am Donnerstag abend und am Freitag morgen hat Fürst Bülow dann die Blockführer antreten la ssen und ihnen gründlich den Kopf gewaschen. Welches der Verlauf dieser Sitzungen gewesen ist, darüber weiß man vorläufig noch nichts bestimmtes. Es schwirren die buntesten Gerüchte in der Luft herum. Eins scheint davon zuverlässig zu sein, das ist, daß Bülow ein „Entweder-Oder" gestellt hat, des Inhalts: wenn die Reichsfinanz- rcsorur nicht mit dem Freisinn zusammen gemacht werde, dann tne er nicht mit. Er ertlärie ausdrücklich, daß er sein Bleiben im Amte davon abhängig mache, daß die Reichsfinanzresorm mit dem Block gemacht werde.
Dieser Appell wird seine Wirkung natürlich nicht verfehlen. Herr Dietrich, der von den Konfer» valiven zum Reichskanzler befchieden wurde, soll bereits feineBerettwilligkeit zum Umfall ausgesprochen haben. Die Verhandlungen sind, wie verlautet, zu einer positiven Einigung bis jetzt noch nicht gediehen. Man vermutet, daß als Kompromiß« Antrag ein nationalliberaler Antrag ein« gebracht werden soll, der auf dem Grundgedanken des Antrages Gamp fußt, jedoch eine weitere Beschränkung der Einzelstaaten mit sich bringt. Von liberaler Seite wird in den Verhandlungen versucht, eine Erweiterung der Reichs-Erbschaftssteuer durchzusetzen. Es ist kein Zweifel, daß die Einigung gefunden werden wirv. Bemerkenswert ist übrigens die Verschiedenheit der Stellungnahme gegenüber dem Zentrums-Antrage bei dem Staatssekretär Sydow, der ihn in der Kommission al- brauchbarsten akzeptierte, und bei Fürst Bülow, der davon nichts hören will. •
** Berlin, 26. Febr. 1909. Gegen di« Fernfprechgebührenordnung werden all« möglichen Instanzen mobil gemacht. So hat man jetzt auch die Berliner Stadtverordnetenversammlung dagegen Stellung nehmen laffen.
* Der Gesetzentwurf über die Reichsver« sicherungsordnung, der vom Staatssekretär de- Reichsamts des Innern, v. Bethmann-Hollweg, im Reichstage angekündigt wurde, ist nach der „Voss. Ztg." sertiggestellt und wird demnächst der Oeffentlichkeit übergeben werden. Ts soll Vorsorge getroffen werden, daß die weitesten Kreis.- sich alsbald mit dem Inhalte des Entwurfs beschäftigen können.
Im Reichstag kam eS gestern bet der Generaldebatte zu den Kolonialetats zu dem erwarteten Zusammenstoß zwischen dem Staats- sekretär Dernburg und den alten Afrikanern Liebert und Dr. Arendt. Den Streitpunkt bildete die Frage der Eingeborenen-Politik, und zwar speziell in Ostasrila. In Uedereinstimmung mit feinem Chef steht der Gouverneur von Ostafrika, Rech en berg, auf dem Standpunkt, daß man versuchen müsse, die eingeborene Bevölkerung auf ein höheres Kulturniveau zu heben und ihnen daher nicht mit Stockprügeln, sondern mit Humanität und Gerechtigkeit zu begegnen. Davon wollen die Vertreter der alten Kolonia'aera —
Zm Sonne öe$ Geheimnisses.
42j Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.
„Was soll ich tun", dachte sie, „wenn Jack sich's in den Kopf gesetzt hat und bringt mir eine Frau ins Haus? Ich werde sie dann auch noch mit durchbringen müssen, und dann adieu alle Beguemlichkeit."
Indes MrS. Jefferies ließ sich wenig träumen, wie weit Jaöffs Ehrgeiz sich verstiegen. Er hatte sich allerdings verliebt, aber in die Tochter eines Farniers in der Nachbarschaft, der im Rufe Ttmii>, „für jeden Betrag gut" zu fein.
Wäre Jack klug gewesen — was er nicht trat, er wat nur schlau — so hätte er Anzeichen von Gefahr in Betsy Fenton's Zügen gelesen. Ihr Gencht war hübsch in einer gewissen verwegenen, 8tgeunerrnäfcigen Weise. Die Augen waren schwarz wie die Nacht und sprühten Blitze; aber ferne Sanftmut, keine Zärtlichkeit lag darin. War sie zornig, so schien ein gewisses rotes Feuer darin tu glühen.
Sie Ivar von stattlichem, hübschem Wuchs und besaß eine in ihrer Lebensstellung gerade nicht gewöhnliche Anmut in allen Bewegungen. Das Üppige, tiefschwarze und glänzende harte Haar hing ihr gewöhnlich in einzelnen, widerspenstigen Strähnen um den Kopf.
Es war in Elton wohl bekannt, daß Farmer Fenton in feiner Jugend einen großen Mißgriff gemacht hatte; er hatte sich leidenschaftlich in ein hübsches Higeuner-Mädchen verliebt und dasselbe auch geheiratet — ein Mädchen, hübsch von Gesicht und Gestalt, aber eine vollendete Tenfelin an Bösartigkeit und Leidenschaft des Gemüts.
Das alte Zigeuner-Blut rann ihr wild durch Sie Ader»., Vielleicht hatte sie der Reiz der Neu- |eit, in einem wannen, behaglichen eigenen vause zu leben, verlockt, vielleicht die geachtete, chr an gebotene Stellung, die Frau eines ehrenhaften, anfäffigeu und begüterten Mannes zu
werden; vielleicht hatte auch die tiefe und feurige Liebe des Farniers gerührt. Genug, sie hatte eingewilligt, ihr Wanderleben aufzugeben, und war Frau Fenton geworden. Aber ihr Charakter war nach wie vor derselbe gebliebe,».
Es ist merkwürdig, aber nichtsdestoweniger wahr, daß schlechte Frauen oft tiefer und leiben- sclzaftlicher geliebt werden, als gute. Mögen die Psychologen sich mit der Lösung dieses intereffan- teu Problems beschäftigen, aber soviel sieht fest, Laß Farmer Fenton die beste andere Frau nie fo geliebt hätte, wie diese wilde Zigeunerin, die nichts Gutes an sich hatte.
Sie war. ein schlechtes Weib im schlimmsten Sinne des Wortes, diese hübsche, wilde Madge Fenton. Sie hatte alle Fehler ihrer Raffe an sich und alle Laster derselben. Nie sagte sie die Wahrheit, es fei denn per Zufall; sie stahl, wo sie stehlen konnte; sie trank, wo sie nur immer Gelegenheit hatte.
Und doch, trotz allem und allem, berloc sie nie ihren Einfluß auf den Mann, der sie so sehr liebte, und als nach zehn Jahren halbzivilisierten Lebens Madge Fenton endlich starb, verlor ihr Mann fast den Verstand.
Sie starb indes nicht so früh, daß sie nicht ihre eigene Bösartigkeit zum größeren Teile auch aus ihre Tochter fortgepflanzt hätte.
Betsy Fenton hatte das wilde Blut, die leiden- schaftliche Zigeuner-Natur, das unberechenbare Temperament ihrer Mutter geerbt Die Leute fächteten sich, sie zu beleidigen. Wenn das rote Ll<ht tn ihre Augen kam, war Betsy gefährlich und jeder wußte das und hütete sich. Die jungen Männer, die ihre blitzenden Augen und ihr hübsches Zigeuner-Gesicht bewunderten, wagten nie ihr viel zu sagen, solchen Respekt hatten sie vor ihr.
In dies verwegene leidenschaftliche Mädchen nun hatte Jack Jefferies sich blindlings verliebt Ihre schwarzen Augen hatten's ihm zuerst angetan; sie sahen wohlgefällig auf ihn, sie warfen ihm scheue und verstohlene Seitenblicke zu, die
Jack berauschten. Er dachte, sie habe nicht ihresgleichen, und beschloß, Betsy Fenton zu gewinnen und sie zu seinem Weibe zu machen.
Er machte alle üblichen Vorfiadien des Ver- liebtseins durch. Er trug enge Stiesel, so eng und spitz, daß er kaum gehen konnte; er verbrachte den größten Teil seiner Zeit mit Auf- und Abgehen auf dem Wege vor ihrem Hause; er errötete jählings und heftig, wenn er ihrer ansichtig wurde. Nachdem dies einige Wochen gedauert, kam ihm ein plötzlicher Gedanke.
»Ich bin gerade so gut, wie jeder andere auch", sagte er sich; „ich werde geradewegs zu ihrem Vater gehen und ihn fragen, ob er etwas gegen mich einzuwenden hat."
Gesagt, getan; Jack warf sich in Wichs, stattete Farmer Fenton einen Besuch ab und trug ihm kühn sein Anliegen vor.
Der Farmer sah ihn lange und scharf an.
„Betsy ist nicht leicht zu behandeln", sagte er schließlich; „wenn Ihr die Sache aber gern probieren wollt, so könnt Jhr's tun."
„Das bischen Hitzige an ihr soll mich nicht bonge machen", sagte Jack.
„Um so bester —'mich macht's bange", war des Farmers Erwiderung. „Nun seht, Jack Jes- feries, ich will Euch was sagen, und gebt gut Acht: Wenn Ihr nur einmal ein einziges Wort hiervon zu Betsy sagt, so werdet Ihr Euch daran halfen muffen, das bedenkt wohl. Sie ist keine, der Ihr heute so und morgen so kommen könnt. Ich warne Euch in aller Manier, ehe Ihr sprecht Ich kenne Eure Mutter seit Jahren, und möchte nicht gerne, daß Euch etwas mißginge. Ich sage Euch ehrlich, Betsy's Mutter war eine Zigeunerin, und das Mädel selbst — na, Schießpulver ist nichts dagegen, wenn sie einmal in der Witterung ist Wenn Ihr Betsy Fenton ein Wort von Liebe sagt, so müßt Ihr das halten und sie heiraten "
„Ich verlange nichts BestereS", sagte Jack.
Ein Klügerer hätte vielleicht gedacht, daß da doch irgend ein Saar in der Butter sein müste.
wenn des Mädchens eigener Vater alle diese Vorsichtsmaßregeln und Warnungen für notwendig erachtete.
„Ich muß Euch noch in einer Sache den Staar stechen", fuhr der Farmer fort; „meine Nachbarn halten mich alle für einen gutsituierten Mann. Das bin, ich nicht. Ich habe Betsy, wenn sie heiratet, keinen roten Stüber mitzugeben, und waS sie erbt, wenn ich sterbe, ist auch nicht der Mühe werr. Was ihre Mutter niich gekostet hat, das weiß nut ich allein. Macht Euch das denn nicht bange?"
Er lächelte grimmig bei den letzten Worten.
„Nein", versetzte Jack. „Ich will Betsy haben, nicht Euer Geld."
„Dann nehmt sie in Gottes Namen, und Gott geb' Euch mehr Glück, Jack Jefferies, als ich's gehabt habe."
Jack dachte bei sich, daß der Farmer eine große Vorliebe für's Predigen habe; hoffentlich würde er sie nicht allzuviel an ihm auslassen. Was der Farmer von seiner Armut gesagt hatte, glaubte er nidst. Jedenfalls hatte dieser bescheidene zu- künftige Schwiegervater ein nettes Sümmchen im HintergrunSe und mochte vorläufig blos noch nicht davon scheiden.
Dann begann er also feine Freierer. Es war so ungefähr wie beim Glücksspiel: Nie, keinen Augenblick, war er des Mädchens sicher; zuweilen war sie spröde, scheu und schüchtern, dann wieder kurz angebunden, schnippisch und kühl — sel- ten freundstch; wenn sie aber freundlich war. war sie unwiderstehlich.
Das wilde, halbgezähmte, hübsche Mädchen war schwieriger zu behandln, als ein wilder Waldvogel zu fangen. Sie hätte aber fern sichereres Mittel, um Jack Jefferies zu ihrem Sklaven zu machen, wählen können, als gerade dieses; alle Koketterie der Welt hätte ihn nicht so vollständig beherrschen können, wie diese Ungewißheit es tot
(Fortsetzung folgt.)