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Wdaer W Zeitung

w°chenb«!,ae-: „illustrierte Sonntagrzeitung"

Monatrb-llage: „Zuldaer Geschichtsblätter"

36. Jahrgangs

Fulda, Donnerstag den 25. Februar 1909.

Zweites Wtcrtt

Reklamen« «nd Anzeigenteil

(toben, bereit Lösung von Regierungen und Par-

Ziieines Feuilleton

Erscheint täglich mit Ausnahme kt Som- und Zeterta-e viertel- isührliche^ vezugrprel« ohne vringerlohn «nd vestellgeld in Zulda t»- »ie auswärts l-SvlUt.

Verantw. »rdaktemr «Ml rchätier

la menten, im Reiche wie in den Einzelstaaten, be­trieben wird, und zwar auf allen Gebieten der Sozialreform, dem Arbeiterschutz, der Sozialver­sicherung, dem Arbeitsrccht, der Mittelstandsfiir- sorge."

Lnztlgen: vl« ein­spaltige petitzrile oder deren Raum sä Pfg. Reklamen drepetltzrUe 25 Pfg., bei Wieder­holungen wird entspr.

Rabatt gewährt.

Rotationsdruckund Verlag der Zuldaer Ak- Lendruckerei in Lulda Zernsprecher Ur. 9.

Die Entscheidung liegt jedoch anderswo. Zu­nächst beim Reichskanzler, der sich schlüssig machen muß, ob er die Lieblingswünsche seiner Blocklinken auf direkte Reichssteuern endgültig enttäuschen will.

schieden Stellung genommen hat. Immerhin ein Beitrag, der die Aussichten des Derständigungs- vorschlages Gamp-Herold verbessert.

* Aus Thüringen, 24. Febr. 1909. In Berka v. d. H. trank ein dreijähriges Mädchen aus einer Arzneiflasche, deren Inhalt für einen jungen Mann bestimmt war. NachdemGenuß der Arznei ist das Kind eingeschlafen und nicht mehr erwacht. Da die Flasche nicht genü­gend verwahrt war, dürfte noch ein gerichtliches Nachspiel wegen fahrlässiger Tötung folgen.

** Bad Nauheim, 24. Febr. 1909. Pers o-- nenauf züge in Bahnhöfen, wo die Ab- fahrtsgleife hoch liegen und nur auf Treppen zu erreichen find, bewilligt die preußrschchcsssische Eifenbahnverwaltung nur in Ausnahmefällen. Bad Nauheim wird in unserer Gegend die erste Stadt sein, welche in ihrem neuen Bahnhof derar­tige Auszügtz erhält. Gepäckaufzüge existieren bekanntlich in den meisten Bahnhöfen.

* Darmstadt, 23. Febr. 1909. Gestern mittag kurz vor 12 Uhr geriet der 25jährige Müller­knecht Karl Schenk aus Steinbach in Württem­berg indasGetriebederWiesenmühle bei Eberstadt, wobei ihm der linke Arm fast ganz abgerissen und auch der Kopf schwer verletzt wurde. Schenk starb kurze Zeit darauf.

' Von der Lahn, 24. Febr. 1909. Die Polizei- behörden von verschiedenen Lahnorten haben we­gen des Schadens durch das Hochwasser keine Genehmigung zur Abhaltung von Lust­barkeiten auf Fastnacht erteilt

die durch eine Art Blutvergiftung erzeugt wur­den. Eine noch weniger bekannte Seuche war es, die den ganzen Bestand eines Stuttgarter Ka- narienzüchters verbeerte, worüber Dr. Zwick in der „Zeitschrift für Infektionskrankheiten der Tiere" berichtet. Die Krankheitserscheinungen ivaren: Stierer, glänzender Blick, gesträubtes Gefieder, angestrengte Atmung, bie%iere verlo- ren die Munterkeit und waren nach 24—26 Stun- bn tot. Bei ber Sektion ergab sich als charakte­ristische Merkmale starke Anschwellung der Milz, bie ebenso wie bte Leber von zahlreichen graugel­ben, verkästen Knötchen durchsetzt war. Die Knöt­chen bestanden aus Bacterienknäueln u. abgeswr- benem Gewebe. Im Herzblut, in Milz und fie­ber fanden sich Stäbchen mit abgerundeten En­den. Die angestellten Uebertragungsversuche er» gaben, daß ber Bazillus für Kanarienvögel und Sperlinge, unter bie Haut und durch den Rachen eingegeben, tödlich wirkt. Die Tiere starben durchschnittlich nach 3—4 Tagen. Auch Mäuse, Meerschweinchen und ein Kaninchen erlagen ber Infektion. Die Bakterien konnten in allen Fäl­len aus dem Herzblut, Milz und Leber reinge­züchtet werden. .r.

— Frankreichs Raucher. Die franzöfische Re­gierung hat im letzten Jahre am Tabak 371 Mil- Honen Mark Steuern eingenommen. Ter Ver­kauf gestaltete sich im einzelnen folgendermaßen: 2V2 Millionen Kilo Zigarren, die annähernd gleiche Ziffer gilt für Zigaretten; 28% Mill. Kilo Tabak dieser Art. Demgegenüber ist ber Verbrauch an anbeten Tabaksorten klein: 5% Mjll. Kilo Schnupftabak und ungefähr 1 Mill. Kilo Kautabak. Diese Ziffern ergeben eine ziemlich kleine Menge pro Kopf, ungefähr ein Kilo. Merkwürdigerweise ist ber Verbrauch an Schnupftabak im letzten Jahre bdbeutenb ge­stiegen. , •&.

— Tas durchschnittliche Lebensalter im Deutschen Reich. Der Glaube an die »gute alte Zeit* gerät

volkswirtschaftlicher und Soziales

t Hanau, 18. Febr. 1909. Auf bet sozia- lett Konferenz ber Geistlichen aus den Tiözeien Fulda, Würzburg, Mainz und Limburg zur Besprechung der Abwanderungsfra-

„fkinen Leute" soll sich neuerdings das Zentrum auch in Bayern haben zuschulden kommen las­sen, deren angeblicher „Sachverhalt" durch bie gesamte sozialdemokratische Presse (u. a. „Freie Presse" 3. Februar 1909) läuft Obwohl das Zentrum hier die Macht gehabt habe — das Zen­trum hat im Bayerischen Landtag bie Mehrheit — bei bet bayerischen Steuerreform ein für bie „kleinen Leute" günstigeres Steuergesetz zustanbe zu bringen, habe es doch für ben Regierungsent­wurf gestimmt und damit zugunsten ber Reichen gegen die Armen gehandelt. Bei einem Einkom­men von 30 ) 000 erreiche der Regierungsent-

tourf erst einen Besteuerungssatz von 4,51 Pro­zent, während ber sozialdemokratische Tarif nach oben hin mit einer Steigerung von 6 Prozent abgeschlossen hätte. — Die sozialdemokratische Presse entrüstet sich wieder einmal vergebens. Der Besteuerungssatz für die großem Einkommen schließt nämlich nicht mit 4,51 Prozent ab, weil eben neben ber neuen Einkommensteuer bie Re­gierung bie Hälfte ber bisherigen Ertragssteuer- sätze bei behält, so baß also bie Steuerlast noch beträchtlich vermehrt wird. Der bayerische Tarif kann gerabe, was bie kleinern und Mitt­lern Einkommen anbelangt, immer noch ber Vergleich mit solchen ber andern Bundesstaaten aushalten. Die Steuer beträgt beispielsweise bei einem Einkommen von 1000 in Bayern 4,5 eit, in Preußen 6 Jt, von 2000 <M, in Bayern 28 Jt, in Preußen u. s. f. 31 <*. Dazu kommt noch daß in Bayern Abzüge und Ermäßigungen sowie bei wirtschaftlich schwachen Verhältnissen ein Zuriick- stellen um mehrere Tarifstufen — bis zu 8 Stu­fen — in einer Weise erfolgen kann, wie dies in so ausgedehntem Maße kein anderer deutscher Bundesstaat gestattet. Die sozialdemokratische Presse möge also ihr Trauern wegen der „Schröp­fung der kleinen Leute zugunsten ber Kapita­listen" getrost einstellen. Ihre „Fürsorge für bie kleinen Leute" offenbart viel zu sehr das heuchle­rische Bestreben, dem Zentrum toteber einmal einen Strick zu drehen!

□ Die Gesellschaft für soziale Reform, bie ein Sammelpunkt aller für eine fortschrittliche soziale Reform eintretenben Kreise Deutschlands fein will, veröffentlicht soeben mit ber Einladung zu ihrer am 4. bis 6. März zu Fr a n k f u r t a. M. ftattfinbenben Generalversammlung ihren Tätigkeitsbericht, ber von einer intensiven Wirk­samkeit im Sinne der Vereinsaufgab-m lebhaftes Zeugnis ablegt. Mit Befriebigung kann die Gesellschaft heute sowohl auf ihre äußere wie in­nere Entwicklung zurückblicken. Die Mitglieder- zahl beträgt jetzt 1696, wovon 1507 Einzel- und 189 korporative Mitglieder sind. Hinsichtlich ber Propaganda für ihre Ziele kann bie Gesellschaft für Soziale Reform konstatieren, baß dieselbe in den letzten Jahren von wachsenden Erfolgen begleitet gewesen ist. „Heute", so heißt es da mit berechtigter Genugtuung, „stehen wir mitten in eifrigster sozialpolitischer Regsamkeit; neben ber machtvollen Entfaltung ber freien Organi­sationen ber Arbeitgeber und Arbeitnehmer und

Deutsches Reich

Wie das Zentrum dik „kleinen Leute schröpft". Eine Vetstänbigung an bem Gelbbeutel bet

vermischter.

* Eine „Schweiue"mehgerri. Im Nürn­berger Polizeisenat wurde jüngst konstatiert, daß ein Metzgermeister seine Wurstwaren in der Badewanne seiner Kinder anmache! Magistrats­rat Friedrich (selbst Metzgermeister) verlangte, daß man bie Namen solcher Schweinigel nenne.

* Die Gräfin de la Pommirre, angeblich eine Tochter Napoleons III., wurde, wie auS SenliS (Dep. Oise) gemeldet wird, in ihrer Wohnung in entsetzlich verwahrlostem Zustande ausgefunden. Der Boden ihres Schlafzimmer» war mit Banknoten und Wertpapieren bedeckt, die von Ratten «mgenagt waren. Die Gräfin wurde nach dem Krankenhaus gebracht.

* Einen Schwabenstreich meldet die „Köln. Ztg." aus Mühlacker in Württemberg. Ern Mann säuberte ein großes Weinfaß, wobei ihm der Teckel ins Innere hineinfiel. Alle Mühe, den Teckel wieder in bie richtige Sage zu bringen, war erfolglos, und so steckte ber Biedere seinen kleinen Jungen ins Faß, ber nun von unten den Deckel nach oben brückte, bis er wieder ordentlich da lag. Der Vater beseitigte ihn so, daß er für die näch­sten 10 Jahre halten konnte. Froh über die ge­tane Arbeit, wollte er einen Schoppen trinken, da rief ihm jedoch der noch im Fasse sitzende Junge nach: „Wo soll ich jetzt rauskommen, Vater?" Turch's Spundloch konnte der Kleine zwar diese Worte rufen, aber unmöglich hindurchkriechen.

baß von einer Heirat mit bem jungen Russen keine Rebe sein könne. Seine Worte wirkten auf bie Dame so überjeugenb, baß diese Herrn Löpine bas formelle Versprechen gab, jeglichen Verkehr mit bem Rusien abzubrechen. Die Mutter des Russen war ob dieser Charakterstärke der Dame so gerührt, baß sie ihr eine Rente von jährlich 10 000 Franks aus setzte unb Herrn Lspine außerdem bie Summe von 150 000 Franks über­gab zur Grünbung eines Vereins zur Hebung gefallener Mäbchen. Das Gelb hat seitdem reiche Früchte getragen, denn es wurden damit bereits 85 Mädchen aus den Klauen des Lasters befreit. Viele dieser Mäbchen sind heute "verheiratet unb sollen sämtlich gute Hausfrauen geworden fein. .p.

, — Die Giftigkeit der Eingeweidewürmer. Die Eingeweidewürmer wirken nicht blos als Fremd­linge ober daburch, daß sie dem Menschen Nah­rung entziehen, sonbern auch burch Absonderung giftiger Stoffe, bie in ben Organismus des Menschen einbringen. Bei ber Untersuchung von Spulwürmern würbe ein italienischer Arzt von Niesreiz, Anschwellung ber Tränenbrüsen, Trä­nenträufeln und Schwellung der Finger und brennendem Schmerze an denselben befallen. Solche Störungen werden nicht nur bei frischen Würmern beobachtet, sondern auch bei solchen, die schon lange in Alkohol konserviert waren. Es gelang Tiere (Hunde, Kaninchen, Tauben) mit einem Bandwurmextrakt zu vergiften, ferner brachte bet Harn von Kranken, die an Band­würmern gelitten, Kaninchen eingsspritzt, bei diesen Symptome der Bandwurmkrankheit her­vor. Wenn auch die Darstellung ber von den Würmern hervorgebrachten Gifte noch nicht ge­lungen ist, so kann boch an bem Vorhandensein des Giftes nicht gezweifelt werden. .r.

— Kanarieudögelseuchen. Bei Kanarienvögeln sind seuchenartige Erkrankungen öfters beobachtet worden, so choleraähnliche Erkrankungen, andere.

Aus dem Nachbargebiete.

m * Trchsa, 22. Febr. 1909. Im „Gasthause zum Bahnhof tagte eine Versammlung hiesiger Ge­schäftsleute und Gewerbetreibender, um die Gründung eines Kreditvereius zu beraten. — Die seitherigen Büro- und Warte- räunte auf bem alten Bahnhofe werden jetzt zu Beamtenwohnungen umgebaut.

' Oberkanfungen, 24. Febr. 1909. Die hiesige Lungenheil st ätte wird eine bebeutenbe Erweiterung durch einen Neubau erfahren, wel­cher nur Frauen unb Mäbchen aufnehmen soll. Die jetzigen Gebäulichkeiten sollen bann nur männliche Personen aufnehmen.

ÖMANOLI

; CIGARETTES

— lieber einen Liebesroman, ber bie Grün­dung eines guten Werkes zur Folge hatte, also eine recht seltene Erscheinung, wissen französische Blätter zu berichten. Vor etwa brei Jahren kam eine hohe russische Dame, bie mit xcm Zar in Verwandtschaft steht, mit ihrem Sohne, einem etwa 25 Jahre alten "jungen Mann, nach Paris. Während des bärtigen Aufenthaltes lernte ber junge Mann gelegentlich eines Gosellschafts» abenbs eine junge, reizende Witwe kennen, bereu Liebreiz es ihm angetan hatte, sodaß er um bie Hand ber Dame bat. Die geplante Heirat fand jedoch nicht bie Billigung ber Mutter bes jungen Mannes, bie, um die Heirat zu vereiteln, mit ihrem Sohne sofort nach Rußland zurückreiste. Die beiden Liebenden gaben jedoch das Verhält­nis nicht auf und traten in lebhaften Briefver­kehr. Nach einiger Zeit wurde jedoch ber Brief­wechsel immer spärlicher, unb schließlich erhielt der junge Mann von feiner Geliebten keine Kor- refponbqnz mchr. Gegen Ende 1907 kam er wieder nach Paris, unb groß war feine Ueber- raschung, als er eines Tages seiner früheren Ge­liebten begegnete. Sie war inzwischen verarmt und bem tiefsten Elende preisgegeben. Der junge Mann wollte die Beziehungen zu seiner frühe­ren Geliebten wieder anknüpfen, doch kam es nicht dazu, da die hiervon unterrichtete Mutter ihrem Sohne sofort nach Paris nachfuhr und den Polizeipräsidenten Löpine zwecks Vereitelung ber Hochzeit um seine Vermittelung Hat. Obschon derartige delikate Angelegenheiten eigentlich nicht zu den Obliegenheiten ber hohen Polizei gehören, entschloß sich Herr Löpine als stets ga­lanter unb liebenswürdiger Mann boch, in bie- fer Sache fein Möglichstes zu tun. Er ließ die Dame zu sich rufen und setzte ihr auseinander.

mit Recht immer mehr ins Schwanken. Am meisten spricht gegen bie öobrebner bet Vergangenheit, die keine nervenstörenben Empfindungen, wie Telephon, Automobil unb bergt, kannte, bie Statistik. Nach ben neuesten Veröffentlichungen des Kaisetl. Statisti­schen Amtes hat bie Lebensdauer-Erwartung in Deutschland wieder erheblich zugenommen. Während nach den für bie Jahre 1871—1881 von Becker ausgestellten Sterbetafeln bie durchschnittliche Lebens­dauer eines neugeborenen Kindes mit 35,58 Jahren berechnet wurde, ergibt sich aus ber neuesten Statistik, die den Zeilraum von 1891—1900 umfaßt, die Zahl von 40,56 Jahren, so daß eine Steigerung von nahezu fünf Jahren staltgefunden hat. Be­achtenswert ist, wie die „®aea* ausführt, daß die Lebensdauer eines weiblichen Kindes von vornherein fast dreieinhalb Jahre größer ist, als die einer männlichen. Der Unterschied zugunsten des weid- Uchen Geschlechts hätt bis in die höchsten Jahre an.

— Medizinischer Stil. In Paris ist soeben die zweite Ausgabe eines von einem der berühmtesten französischen Chirurgen herausgegcbenen medizi­nischen Lehrbuch erschienen. In diesem Lehrbuche hat ein Leser folgende hübsche Perle entdeckt: „Bei der Brustbräune kann der Tod zwischen zwei Krisen eintreten". — Bedauernswerter Kranker, der selbst nach seinem Tod« noch eine Krise durch­machen kann!

— ßmeiigefaSee. „Da spiele ichnun seit Monaten tagstch »arten mit dem Oberbirektor, verliere mit Absicht regelmäßig, um mit seine Gunst ja sicher zu erwerben, unb als ich gestern enblich um die Hand seiner Tochter anhalte, weist er mich schroff und entschieden ab.* .Weil du ein Kartenspieler bift ?* „Nein — weil er seine Tochter einem Manne, bet sein (Selb im Kartenspiele verliert, niemals zur Frau geben wirb!*

— Galgenhumor. Arzt: „Der Ohrlappen ist doch hin.... dm werbe ich Ihnen abtrennen müssen.* Patient: „Meinetwegen; aber machen Sie enigstenS den Trennungsschmerz kurz." >

r Block «nd Bund der Landwirte.

Liberale Blätter tun ganz entsetzt über die vermeintliche Kriegserklärung, die der Bund ' der Landwirte auf seiner Versammlung im Zirkus Busch in Berlin gegen die Block- Politik losgelassen haben soll. Gemeint ist die Stellungnahme des Bundes gegen die Nach­laßsteuer wie gegen andere Maßnahmen der neuen Politik des Fürsten Bülow, die teilweise scharf zum Ausdruck kamen trotz der persönlichen Höflichkeiten gegenüber dem Reichskanzler.

Die liberalen Blätter tun nun so, als ob be­reits der ganze Bund der Landwirte zum Ab­marsch au3 der Blockgemeinschaft den Fuß er­hoben,habe. „Soweit sind wir aber noch nicht", um mit Herrn v. Kardorff zu reden. Allerdings bat der Bundesdirektor, Dr. Hahn, dem Block­system wegen der NachgiMgkeit gegen den Libe­ralismus scharfe Wahrheiten und dem Zentrum einige Freundlichkeiten gesagt. Aber Herr Dr. Hahn nimmt bekanntlich schon seit langem in diesen Dingen eine etwas andere Stellung ein, wie die anderen Bundesführer, und seine Son­derstellung ist bisher nicht praktisch geworden. Es war bezeichnend, daß er die Erwähnung von zweifellosen Verdiensten des Zentrums um die landwirtschaftlichen Interessen mit einer Art Entschuldigung, unter Hinweis auf die Wahr- heits- und Gerechtigkeitspflicht, einleiten mußte. Die Stimmung der Versammlung war offenbar »on Vorurteilen gegen das Zentrum durchaus nicht frei. Ferner bemerkte Dr. Hahn ganz zu­treffend, daß der Bund „die einzelnen politischen Manöver seinen Taktikern im Parlament über­lasse". Diese Taktiker" haben bekanntlich seit der Katastrophe von 1906 nicht bloß die Block­politik mitgemacht, sondern sich als die eifrigsten, begeistertsten und zähesten Vorkämpfer deS vlockgebankens geradezu hervorgetan. Wir er­wähnen das nicht zum Zweck einer Anklage, son­dern nur zur Klarstellung.

Der Zweck der ganzen Veranstaltung ist nicht der Bruch mit der gegenwärtigen Regierungs- methode, sondern vielmehr das Bestreben, die Re­gierung von weiteren Zugeständnissen an den Liberalismus abzuhalten, sie da­gegen nach Möglichkeit auf die konservative Seite herüberzuziehen. Fürst Bülow wird wohl im allgemeinen über das Auftreten des Bundes nicht so unglücklich fein, wie man bei oberflächlicher Betrachtung der Debatten glauben könnte. Als Blockkanz.er muß er ja die Linke bei guter Laune ?u erhalten suchen, aber er weiß auch, wie ge- ähnlich weitgehende Zugeständnisse an die Linke find, und er wird deshalb im stillen es gern sehen, wenn das kräftige Auftreten der Rechten die Linksliberalen zur Bescheidenheit er­ziehen hilft.

g e. die hier am 15. d. M. stattfand und über die wir schon kurz berichteten, wurden u. a. folgende Leitsätze angenommen:

Tie Abwanderung vorn Lande ist eine natür­liche Folge der wirtschaftlichen Entwickelung der Gegenwart. Es ist wünschenswert, daß durch Besthaffung ausreichender Arbeitsgelegenheit auf dem Lande dieser Abwanderung möglichst vorge­beugt wird. Sie gänzlich hintan zu halten dürfte unmöglich sein. Das einzige Mittel, die sittlich- religiösen Gefahren bet Abwanderung zu ver­mindern, ist eine planmäßige vernünftige Auf­klärung über die Gefahren des GroßstadtlebenS in Religionsunterricht, Christenlehre, Predigt und in ben katholischen Vereinen, verbunden mit einer einheitlich durchgeführten und in ihrem Er- folg kontrollierten Uebertoeifung an die katholi­schen Vereine. Die Uebertoeifung hat nur bann entfprcifanben Erfolg, wenn sie einheitlich durch­geführt wird. Die Konferenz bestimmte folgen­den Uebcrweisungsplan:

Saison-Arbeiter. Die abtoanbernben Arbeiter sind womöglich schon zuhause ben katho­lischen Jugendvereinen, Arbeitervereinen und christlichen Gewerkschaften zuzuführen. Sie sol­len im Heimatsort vielleicht burch Volksvereins­versammlungen aufgeklärt werden über die Be­strebungen der Sozialdemokratie und ber freien Gewerkschaften einerseits, und der katholischen Vereine und christlichen Gewerkschaften anderer­seits.

Handwerksgesellen. Adreisende Ge­sellen erhalten eine Wanderkarte des Gesellen­vereins, welche ihnen bie Vergünstigung des Wan- derbuches gewährt und sie ben Gesellenvereineu zuführt; diese Karte darf jeder Pfarrer aus­stellen.

Die nst b o t e n. Dienstboten werden direkt vor der Abreise dem Dienstbotenverein überwie­sen. Womöglich soll denselben bereits vorher durch eine Vertrauensperson des Heimatsortes eine Stelle vom Dienstbotenverein vermittelt wer­den.

Die Konferenz gedenkt den Plan in folgender Weise durchzuführen: In den Städten wird ein lleberweisungsbüro errichtet, welches alle einlau­fenden Adressen sortiert und den interesiierten katholischen Vereinen zustellt, welche ihrerseits durch persönlichen Besuch von Vertrauensleuten die Zuwanderndeu zu oetoinnen suchen. Das Büro führt Buch über die Uebertoeifungen und ben Erfolg oder Mißerfolg der Agitationen des bet reff en ben katholischen Vereines, um event. bem Geistlichen bes Abwanderungsortes Auskunft ge­ben zu können. Ein Komitee wird beauftragt, die notwendigen Flugschriften, Broschüren, Merk­blätter und Formularien zu beschaffen, sowie für die,Veröffentlichung aller notwendigen Adressen zu sorgen. Das Komitee besteht aus den Herren: H. H. Stadtpfarrer Stahle r-Aschaffenburg. H. H. Dechant Braun-Hanau, H. H. Stadt- bfarrcr Kronenberge r-Offenbach, Dr. O n i r m 6 a ch-Frankfurt, H. H. Pfarrer Leier- Kahl, H, H. Kaplan T r a g e s e r-Hanau.

Von aktueller Bedeutung ist nun die Erschei­nung, daß der Bund in seiner Resolution über . £ ,,, ... „ ... . ™. .

die Finanzreform über die negative Kritik hin- £cr f"rtfcten^ Entwicklung erner Bindung ausgegangen ist und zu Gunsten des Vorschlages ^c.r Arbeftsverhältnrsse durch 8rbetMariroer* der Subkommission - Besitzsteuer - ent- ^en tote eine r^ulle geietzgeberischer Auf-