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Rotationrdruckund Verlag der Luldaer Ak- ttendruckerri in Fulda Lerusprecher Nr. 4.

M 44.

Fulda, Mittwoch den 24. Februar 1909.

36. Jahrgang.

Krrstes ^latt

L-- -----

Preußischer Landtag.

Abgeordneteuhaur.

Sitzung vom 23. Februar 1909.

Bei der Fortsetzung der zweiten Beratung über den

, Landwirtschastsetat

fragt Abg. Frhr. v. Maltzahn «kons.) an, ob die Maß­nahmen zur BelSmpsung der Maul- und Klauen­seuche ausreichend seien, und bedauert, daß die Frage der Entschädigung der durch Viehseuchen betroffenen j Landwirte noch ungelöst sei.

Landwirtschaflsmintster v. Arnim verspricht, das möglich« zu tun; die Entschädigungsfrage sei sehr schwierig und ihre Lösung ohne gesetzliche Regelung nicht möglich.

Abg. Wallenborn (Ztr.) bittet den Minister um Förderung der Bienenzucht.

Abg. 6. Slaedcn <Bd. d. L.) beklagt sich über den außerordentlich starken Rückgang der Fischerei im Mam, die auf die Zuführung von Abwäffern mehrerer Städte in den Mam zurückzuiühren sei.

Abg. v. Böhlendorff-Kölpin (fünf.) weift auf den E arten Rückgang der See- und Küstenfischerei hin und ittet den Diimftet, das neue Fischereigesetz möglichst -bald ericheinen zu laffen.

Abg. Schwabach (ntL) wünscht, daß vor Erlaß des neuen Fischeretgeleyes auch die fischereitreibende Be­völkerung über ihre Meinungen und Wünsche gehört «erde.

Minister ». Arnim erklärt, er wolle das neue Fischereigesetz zusammen mit dem Waffergesetz ein­bringen. Beide Geietze sollen vor ihrer Einbringung veröffentlicht werden, um ste der Kritik zugänglich zu machen.

Abg. ». d. Hagen (Ztr.) tritt für eine erhöhte' Förderung der Moorkultur ein.

Abg. Dr. v. Woyna (fit.) schließt sich den Aus­führungen deS Vorredners an und fragt den Minister, ob es nicht angängig sei, das ganze Kanalsyftem östlich und westlich der Elbe unter eine Verwaltung zu stellen.

Abg. Graf Spee(Zlr.) bittet den Minister, gegen­über der Strom oauverwaltung die Interessen der Landeskultur zu vertreten. Durch die Ueberschwem- mungen, welche früher am Niederrhein ftatlfanden, bekamen tue Wiesen und Weiden einen fruchtbaren Echlick, auch wurde durch die Ueberschwemmung das Grundwaffer ersetzt. Beides ist durch die Stromregu­lierung wenn nicht ausgehoben, so doch stark em« S«schränkt worden und dadurch sind die Anlieger ge- hädigt. Die Stroinbauverwaltung ist meines Er- «ichlens ersatzpflichtig, und daher bitte ich den Minister, mit dieser in Verbindung zu treten.

Landwirtschastsminister v. Arnim: Die Siromo.n- verwaltung bestreuet auf das Entschiedenste, daß die Stromregulierung auf den Waffeistand erheblich ein­gewirkt hätte. Daher liege ein Grund zur Entschädi­gung für ste nicht vor.

Abg. Dr. Wagner lfrk.) wünscht eine Vermehrung der elatSm ästigen RegierungSbaumeiiterstellen.

Abg. Heine (ntL) tritt sür umfassendere Moor­kulturen und weitere Aufforstungen auf dem Eichs- felde ein.

Abg. Tourneau (Ztr.) schließt sich den Ausführungen des Vorredner» an.

Abg. Wallenborn (Ztr.) bittet die Regierung, bei der Wichtigkeit de» Obstbaues auch diesem ihre Aus- merksamkert zuzuwenden und deshalb den Fonds zur Unterstützung des Obstbaues zu erhöhen.

Adg. Tourneau iZtr.) bittet, aus dem Westsonds dem Eichsseld e Mittel zur Herstellung von Wasser­leitungen zu gewähren. Wirksame älhttel gegen das Hochwasser seien Dränagen, Aufforstung, Talsperren und Stauweiheranlagen, die wohl auch für das Eichs- seld zu empsehlen sein bürsten.

Die »euere Tedalle war unerheblich.

Mittwoch: Landwirtschaft^- und Äestütselat, Inter­pellation Ponch und nationalliberaler Antrag betr. die Hochwasserschäden.

+ An Der BerstäitvittUllg in der Reichsftnanzresorm

'ist daS Zentrum beteiligt. Grund genug, daß die Liberalen gegen das Besitzsteuerkompromiß

heftig Sturm laufen. Die „Voff. Ztg." stellt bereits eine , BlockkrisiS" in Aussicht. Sie schreibt:

„In der Gruppierung der Parteien und der Stel­lung der Parteien zur Regierung scheint sich eine folgenschwere Wendung vorzubereiten. Wenn die Anzeichen nicht trügen, ist der Staatssekretär Sydow entschloffeu, die Reichsfinanzresorm nicht mir dem .Block-, sondern mit einer konservativ-klerikalen Mehrheit zustande zu bringen.*

Das freisinnige Blatt kritisiert dann den Kompromißvorschlag Gamp- Herold in Grund und Boden, obwohl doch seine einzelnen Punkte noch gar nicht bekannt gegeben sind. Unseres Erachtens wäre es richliger, mit der Kritik zu warten, bis der Antrag in der Finanzkommission veröffentlicht wird. Auf Grund seiner Kritik schreibt das Blatt dann drohend:

„Daß für eine solche »Reform* die bürgerliche Linke nicht zu haben ist, braucht nicht weiter ausgesührt zu werden. Ist die Reichsregierung mit diesem An­trag Gamp-Herold einverstanden, so kann ste die Reichsfinanzreform machen mit wem sie will, nur nicht mit dem entschiedenen Liberalismus. Aber es scheint, daß auch die nationalliberale Partei alles eher als geneigt ist, auf diese schwanke Brücke zu treten. Will Fürst Bülow sich auf das »Kompromiß*, mit dem Herr Sydow sich dem Vernehmen nach schon abae- funden hat, einlaffen, nun gut, dann ist die politische Lage geklärt. Dann hat die Blockpolitik ihr Ende erreicht. In der Subkommtfflon ist ja auch schon die konservativ-liberale Partei durch die konservativ-klerikale ersetzt worden. Eine Krisis ist tm Anzuge. Sie wird sich, wenn sie ein tritt, nicht auf das Partetwefen beschränken, sondern ergreift notwendig die ganze innere Politik. Wir werden abwarten, ob Fürst Bülow bereit ist, sich dem Zentrum in die Arme zu werfen und reuig Abbitte zu leisten, oder ob er es vorzieht, seine schöne Villa auf dem Monte Pineio zu beziehen. Möglich allerdings ist noch immer, daß die Krisis obgewendet wird und sich am Donners­tag in der Steuer- und Finanzkommission des Reichs­tages zeigt, daß noch nicht wieder hier zu Lande in der Gesetzgebung Zentrum Trumps ist.*

Aus diesen Ausführungen des freisinnige fraktionellen Organs geht mit genügender Deut­lichkeit hervor, daß die Bearbeitung der Block­parteien zur Ausschaltung des Zentrums wieder in gutem Zuge ist. Wir können den Eindruck nicht los werden, daß die ganze Er­regung über den Antrag Gamp-Herold nicht in sachlichen Erwägungen ihre Wurzel hat, sondern allein in dem Hasse gegen daS Zentrum, das unter allen Umständen von der positiven Arbeit im Reichstage ausgeschlossen werden soll.

Darauf deuten auch die Ausführungen des nationalliberalen Politikers Dr. Böttger im ,Tag*, der ebenfalls bei einem Zusammengehen von Konservativen, Zentrum und Regierung auf Grund des Antrages Gamp-Herold den Zu­sammenbruch der zwetfährigen Blockära an die Wand malt. Herr Böttger behauptet, daß die Lösung der Finanzreformsraqe, wie sie der ver­meldete Kompromiß vorschlage, hauptsächlich im Interesse der Zentrnmspolitik liege. Das können wir eigentlich einsehen. Der Antrag Gamp-Herold bedeutet gegenwärtig Nichts mehr und nichts weniger als den einzig möglichen Weg, um überhaupt eine Mehrheit für die Heranziehung des Besitzes zu den Reichslasten zu erzielen. Daß an dem Anträge das Zentrum mitgewirkt hat, bedeutet doch nichts gegen die Zweckmäßig­keit und gegen den sachlichen Wert des Antrags. Aber so sind unsere „nationalen* Politiker: vom Zentrum kann überhaupt nichts gutes kommen, der Block darf unter keinen Umständen eine Aktion des Zentrums, mag sie auch noch so be­rechtigt sein, unterstützen.

DieLiberalen machendie größtenAnstrengungen, um die Konservativen von der Seite des Zentrums wegzudrängen. Die ^kreuzzeitung' will bis jetzt nichts davon wiflen. Bemerkens­wert ist aber, daß sächsische Konservative bereits gegen den Antrag Gamp-Herold Stellung nehmen. Im ,Dresdener Anzeiger' warnt ein hervorragender konservativer Politiker ernstlich vor dem Kom- promis, indem er betont, dieser Weg sei nicht der Anfang, sondern das Ende jeder Reichs- finanzreform.

An Unklarheit läßt die Situation also nichts zu wünschen übrig. Am Donnerstag tritt die Steuer-Kommission wieder zusammen. Man wird also wohl bald erfahren, wohin der Weg führt.

Deutsches Reich.

** Berlin, 23. Febr. 1909. Der Berliner Korrespondent der,Daily Mail* erfährt, daß der Kronprinz im nächsten Jabre wahrscheinlich Amerika einen Besuch abstatten werde. Die Einladung an den Kronprinzen soll von einzelnen reichen Amerikanern ausgegangen sein, die der Kronprinz in Kiel kennen gelernt hatte. Der Be­such würde also vollständig privater Notur sein.

-r- Zu den Besoldungsvorlagen. Wie ver- lautet, wird die nächste Sitzung des Herrenh^iseS, die sich mit der Gehaltsaufdesserungsvorlage'sür Beamte, Lehrer und Geistliche zu befasien haben wird, bereits anfangs März ftattftrben. Nachdem die Vorlage in den Kommissionen durchberaten ist, soll sie unverzüglich dem Plenum zugehen, sodaß alle Hoffnung vorhanden ist, sie Ende des Etatsjahres zu verabschieden, um die Beamten, Lehrer und Geistlichen ba'b in den Genuß der ihnen zugedachlen Unterstützungen zu setzen.

a Mit der Reichsfinanzresorm beschäftigte sich am Dienstag in Berlin die 34. Generalversamm­lung der Vereinigung der deutschen Steuer- und Wirtschaftsreformer. Prof. G e r- l a ch «Königsberg) und Kammerherr Frhr. zu P ui 1 l i tz referierten über die Reichsfinanzre­form und schlugen Resolutionen vor, in denen ver­langt wird, daß das Reich sich zur Deckung seiner finanziellen Bedürfnisse auf Verbrauchs- und Verkeürsstenern beschränke und die Besteuerung des Einkommens und Vermögens den Einzebsiao- ten nicht entzogen werden dürfe. Auch die Erb- chaflssteuer fei ein Einbruch des Reiches in das Gebiet der direkten, den Bundesstaaten zustehen­den Steuern. Sie sei vom ethischen Stand­punkt aus ungemein gefährlich. Prof Adolf Wagner trat den Vorrednern entgegen und legte eine Lanze für die Nachlaß- und Erbschafts­teuer ein. Er sagte, es müsse durchaus eine iJireftc ReichSsteuer für die reichen Leute gefun- i)en werden, Höbiliscbes Gelächter bereitete viel­fach seine Rede. Der Professor ließ sich aber nickst tören und schloß mit den Worten: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Direkte Steuern muffen geschaffen werden. Deshalb hosse und wünsche ich, daß die Nachlaß- und Erbschaftssteuer einge- liftrt werden." Schließlich wurden die von den ersten Rednern befürworteten Resolutionen mit großer Mehrheit angenommen.

X Körperverletzung durch die Preffe. In dem bekannten Prozeß wegen Körperverletzung durch die Preffe, den Stadlsekretär a. D. Kohl­struck gegen den Redakteur des „Bänder G.-Anz." angestrengt hat, wurde in dem vor dem Ober- landesgertcht Hamm anstehenden Termin das Urteil der Slraskammer Bieleietd aut aeroben unb die Sache an die Vorinstanz zurückverwiesen.

cP Darmstadt, 22. Febr. 1909. Der frühere Rechtsanwalt und Notar Link zu Die­burg ist vor einiger Zeit wegen zahlreicher Be- lrügereien und Veruntreuungen zu einer Gefäng­nisstrafe von 4 Jahren verurteilt worden. Als Notar hat er sich Veruntreuungen in der Höh« von 65000 Mark zum Nachteil seiner Klienten schuldig gemacht. Den weitaus größeren Teil davon hat Link selbst gedeckt, während mehrere Personen dauernde Verluste zu verzeichnen haben. Im Landtag wurde die Regierung interpelliert, ob sie nicht auf Grund der Haftung des Staates sür die Notare bereit sei, eine Ent­schädigung dieser Personen von Slaatswegen zu veranlassen. Die Regierung lehnt in einer an die Kammer gerichteten Vorlage eine Rechts- pflicht des Staates sür eine solche Entschädigung auf Grund des Ausführungsgesetzes zum bürger­lichen Gesetzbuch ab, ist jedoch bereit, denjenigen Personen, die infolge der Veruntreuungen Links als Notar unterstützungsbedürftig geworden sind, und da wo eine Unterstützung notwendig ist, um sie vor gänzlicher Verarmung zu bewahren, eine solche aus Staatsmitteln zu gewähren. Hierfür werden 12000 Mark angefordert. Die demnächstigen Kammerverhandlungen werden darüber Aufschluß geben, ob der Landtag sich dieser Auffassung der Regierung anschließt, oder aber die rechtliche Verpflichtung des Staates für Vergehungen feiner Beamten ausrecht hält.

** Detmold, 23. Febr. 1909. Im Landtag« erklärte der Minister, der Protest gegen sämt­liche Wahlen sei hinfällig. Die Wählerlisten seien genau wie seit 30 Jahren ausgestellt wor­den. Die Kommission hat gegen die Gültigkeit der Wahlen nichts einzuwenden. Die Weiter- beratiinq wurde darauf vertagt.

* Rudolstadt, 22. Februar 1909. Ein« Ordensgeschichte hat kürzlich den Rudol» städker Landtag beschäftigt. Bei Beratung des Staatshaushalts beantragte der Finanzausschuß, die 900 Mark betragende Position Orden z« streichen. Der Referent Kirsten begründete die Ablehnung damit, daß, wer Orden verschenlen wolle, diese auch bezahlen müffe. Der Staat s Minister entgegnete darauf, daß die Regierung den ganzen Etat ablehnen müffe, wenn man btt - erwähnte Position streiche. Diese Stellung­nahme der Regierung, die einer Drohung mit der Landtagsauslösung gleichkam, bewirkte, daß die Orden mit 8 gegen 7 «Stimmen schließlich ange­nommen wurden.

Q Braunschweig, 23. Februar 1909. Der Regent in Braunschweig, Herzog Johann Albrecht, hat als Oberster Bischof der Landeskirche einen Gesetzentwurf zugehen lassen, worin vorgeschlagen wird, in die Gebete sür den Regenten des Herzogtums in Zukunst auch eine Fürbitte süc alle Glieder des herzoglichen Hauses Braun- ichweigs eirzuschasien. Dieser Beschluß trifft die Familie der Cumberländer, die bekanntlich oer Widerstand Preußens nicht zur Thronfolge in Braunschweig hat gelangen laffen.

Ausland.

* Ein großer Eisenbahnbeamtenstreik droht in der Schweiz. Am 1. Mai wird die Gott- hardbohn eine schweizer Staatsbahn; die Slaatsbahnbeamten erhalten aber weniger Ge­halt, wie die Gotthardbahn zahlte, deren Ange­stellte sich also verschlechtern würden. Sie ver-

Im Banne des EetzeimniffeS.

39] ÄuS dem Englischen von K. v. Raesield.

„Sie sehen äußerst angegriffen aus. Miß West; ich möchte glauben, es wäre für Sie besser, sich zu ruhen, als aus und in den Park zu gehen."

Sie schenkte ein Glas Wein ein und hielt es Marian an die weißen Lippen.

Marian fühlte sich wirklich krank; der Rück­schlag war zu stark für sie. Sie hatte eine solche Angst gehabt, und die Befreiung von dem Alp­druck war fo groß, fo überaus mächtig, so plötz­lich, daß sie es noch nicht recht fassen konnte. Sie trank den Wein und die Haushälterin freute sich, Etwas wie Farbe in ihre Wangen wiederkehren zu sehen.

a- frwerte Marian langsam zur Köuigs- E«ber. Der schreck war fürchterlich gewesen, und dw tfurcpt hatte ihr nahezu alle Selbstbeherr­schung geraubt.

„Ties sind nur Schatten," murmelte sie vor sich hm, „blasse schatten. Himmel, was sollte ich tun, wenn je einmal die Wirklichkeit käme?"

Die frische, klare Lust wirkte wohltätig auf ihre erregten Nerven ein. Schließlich war alles dies jetzt nur noch müßige Befürchtung. Sie näherte sich der Königs-Ceder und konnte das fröhliche Gelächter und Geplauder der fugend- lichcn Stimmen schon von fern hören.

Elfte sah sie zuerst und verließ die Seite ihres fugcndlichen Liebhabers, um sie zu begrüßen. Werner, der eine große Vorliebe für die einfache, anspruchslose und freundliche Dame hatte, sprang chr gleichfalls entgegen, doch nicht so schnell, daß nicht Morian West bemerkt hätte, daß er und *-aöi) Wayne nebeneinander gesessen hatten und ^^^sezeichnet beide einander zu verstehen farfti^Ä^te sich nach Kräften, sich zu erholen, kboff h„L ^°hlich zu sein wie die übrige Gesell- mertte indes mit Unbehagen, daß alle

Augenblicke Lody Wayne's Augen mit forschender Neugier auf ihr ruhten.

Noch eine Prüfung stand ihr bevor, die nam» lich. alles mit anzuhören, was man sagen würde, wenn Werner seinen Verlust entdecken sollte. Sie wünschte sehnsüchtig, daß es nur erst vorüber wäre. Tann, dachte sie, wird Ruhe fein; und sie wurde allgemach der Aufregung müde

Es kam, wie sie erwartet hatte, beim Diner. Werner betrat den Speisesaal mit merkwürdig verstörter Miene. Sie wußte sofort, daß er sei­nen Verlust entdeckt hatte, und ihr Herz begann zu klopfen. Aber nicht genug damit.

„Mr. Jefferies," fagte Elfte nach dem erften Gang, „Sie find doch der treuloseste der Männer. Sie haben versprochen, mir Ihren Talisman zu zeigen, und Sie haben es total vergessen."

„Nein," erwiderte er langsam und ernst. „Ich habe es nicht vergessen. Miß Wayne. Aber ich kann leider die Börse nicht wiederfinden; — fie ist fort."

Lord Wayne's Aufmerksamkeit wurde durch das letzte Wort erregt.

„Fort, Mr. Jefferies?" wiederholte er. „Ich will nicht hoffen, daß Sie etwas verloren ha­ben?"

„Nichts von Belang; es ist nur mein Talis­man, die kleine Börse, an die all mein Gluck sich fettete."

. t Lady Wayne sah auf, gütige Teilnahme in jedem Zuge ihres fdronen Gesichtes.

„Was höre ich, Mr. Jefferies? Gaben Sie wirklich Ihne kleine, Bönse verloren?"

„Leider, ja, Lady Wayne; sie ist ebenso ge­heimnisvoll verschwunden, wie fie gekommen ist."

„Wie schade: das tut mir leid; wie kam es denn nur?" schwirrte ein Chor bedauernder Stim­men, alle aber übertönt von Lord Wayne's klarer erwas scharf betonter Frage:

„Haben Sie fie hier verloren — auf Kenning- Hall — Mr. Jefferies?"

Werner sah ganz verlegen aus angefichts des Sturmes, den er so arglos heraufbeschworen.

„Wenn das der Fall," fuhr Lord Wayge fort, „so muß fie sich finden lassen. Ich kannmichf zu- geben, daß hier etwas wegkommt."

„Ich kann mich auch irren,“ sagte der junge Mann schnell. „Wirklich; ich mutz mich irren; die Börse war ganz leer, Lord Wayne, nur ein schmaler Papierstreif war darum gewickelt. Ich hätte sie gar nicht verlieren können. Ich mutz sie auf Townl>am gelassen haben."

„Aber," beharrte Lord Wayne, „Sie entfern- neu sich, fie mitgebracht zu haben?"

„9hir dunkel. Ich glaubte, ich hätte fie in meinen Reisesack gesteckt, aber ich muß mich ge­irrt haben I"

Werner versuchte die Unterhaltung auf einen andern Gegenstand zu bringen; er wollte feinen Verlust nicht zu einer Haupt- und Staatsaktion machen, aber Lord Wayne vergaß den Vorfall nicht.

Nach Tisch zog er Werner bei Seite. „In einem großen Haushalt," sagte er, „kann man nicht vorsichtig genug sein. Sie fagen, Ihre Börse sei leer gewesen, das schließt nickt aus, daß jemand sie genommen haben mag, der glaubte, es sei etwas darin. Ich wollte. Sie tonnten sich bestimmt erinnern, ob Sie fie mit hergebracht oder nicht. Es wäre mir sehr ver­drießlich, wenn Sie irgend etwas, das Ihnen wert, hier unter meinem Dach verlören."

Lord Wayne wollte sich überhaupt nicht eher zufrieden geben, bis er seiner Gemahlin gesagt, daß er gern einige Nachfovschungen angeitetlt sähe. Es geschah; aber das einzige greifbare Ergebnis war, daß „Annie" die Sorge für Mr. Jefferies' Zimmer oblag .

„Marian," sagte Lady Wayne, „willst Tu auf einen Augenblick mitfommen? Ich habe etwas Unangenehmes zu tun ,und dazu brauche ich, wie gewöhnlich, Tein Gesicht als moralikbe Stütze — wie Elfie so nichtsnutzig sich ausdrückt."

Ganz ahnungslos darüber, was ihre Schwe­ster vorbatte, ging Marian mit ihr, und Lady Wayne klingelte Annie. Annie erlebten, etwas

erregt und unruhig; die Dienstboten auf Ken- ninghall liebten ihre Herrin alle, hatten aber gleichwohl einigermaßen Furcht vor ihr.

„Annie." sprach Lady Wayne freundlich, „Sie haben für Mr. Jefferie's Zimmer zu sorgen, nicht wahr?"

„Jawohl, Mylady."

„Mr. Jefferies hat eine altmodische» leere, grünieibene Börse verloren, die an und für sich wertlos ist, worauf er aber großen Wert legt; haben Sie dieselbe vielleicht irgendwo gesehen oder gesunden?"

„Nein,Mvlady; Mr. Jefferies läßt alle seine Sachen rm Zimmer offen Hegen, aber was Sie meinen, habe ich nicht gesehen. Sie haben ja heute selbst noch gesehen. Miß West, wie ich alles wieder in Ordnung gemacht hatte."

Lady Wayne wandte sich überrascht zu ihrer Schwester.

„Tu, Marian?" sagte sie; unb Miß West fühlte, wie ihr flammende Röte ins Gesicht schlug.

„Ich bin beute mal durch die Zimmer gegan­gen", sagte fie verwirrt, „um zu sehen, ob alles darin in Ordnung wäre."

„Natürlich," sagte Lady Wayne, erstaunt, warum ihre Schwester wohl so verwirrt m ssehe. „Ich brauche Tich nicht zu fragen, Marian, i b Du etwas von der Börse gesehen hast?"

Marion West verabscheute das Lügen; nicht um die West hätte fie einer solchen Geringfügig­keit halber gelogen. Sie wich der Frage cus:

„Ich kann nur sagen, daß. wenn ich die Birse le zu Gesicht bekommen werde, sie sofort an len Eigentümer zurückgegeden werden soll, Eve."

„Also, Annie", sagte Lady Wayne, „geben Si< gut acht beim Putzen. Es sollte mich sehr freuen, wenn Mur Herrn Jefferies diese Kleinigkeit, wor­auf er so hohen Wert legt, zurückgeben könnten."

„Ich will dos Zimmer genau durchsuchen, My­lady, und mein Bestes tun, sie wiederzufinden", sagt- das Mädchen.

(Fortsetzung folgt)