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M 42.

Fulda, Montag den 22. Februar 1909.

36. Jahrgang.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 20. Februar 1909.

Die zweite Beratung der

Steuergesetze (Einkommensteuer- und Ergänzungsgesetz, Gesellschafts­steuergesetz und Mantelgesetz) wird fortgesetzt.

Abg. Herold tZentr.): Nach der jetzigen Vorlage werden die höheren Einkommen durch Zuschäge von 5 bis 25 Prozent noch wesentlich stärker als früher Kerangezogen. Unerwünscht ist es uns hierbei, daß die Zuschläge auch schon die Einkommen von 1200 bis 3000 Mark treffen und es war uns schließlich nur da­durch ermög.icht, dieser Maßnahme zuzustimmen, daß durch die Ausgestaltung des Kinderprivilegs ein Ausgleich gewonnen wurde. Das Kinderprivileg macht für di« Steuerstufe von 1200 bis 3000 Mark mehr aus in der Sleuerverminderung als der Zuschlag m der Steuererhöhung, sodaß diese Steuerzahler in Zukunft sogar noch bester wegkommen als bisher. Bei der organischen Steuerreoifion, die wir in drei Jahren haben, wird sorgsam zu erwägen sein, ob man mcht die Steuerpflicht überhaupt erst bei einem höheren Satze beginnen lasten kann als bei 900 tm Zentrum.) Hinsichtlich der Ge­sellschaften mrt beschränkter Haftung stimmen wir dem Anträge der Konservativen zu, der den etwas zu scharf gefaßten Kommissionsbeschluß mildert. Ent- schieden bestreiten muffen wir gegenüber dem Abg, Gyßling, daß die künftige Zugrundelegung des Ertragswertes bei der Abschätzung der Grund­stücke eine Extrawurst für das Zentrum sei. (Sehr richlig!) Hier handelte es sich um eine atte landwirt­schaftliche Forderung, die mit der Parteistellung gar nichts zu tun hat. Die Fassung der Kommiffion be­darf übrigens noch der Verbesserung. Wir behalten uns für die dritte Lesung einen Antrag vor, daß der Ertragswert zugrunde zu legen ist, den die Grundstücke .gewävren", aber nicht wie es jetzt heißt, den sie ge­währen können, und daß auch ein angeniessener Arbeits­verdienst des Bewirtschafters abzugsfähig gemacht wird. Eine Nachforderung der neuenSteuer- zuschläge für 1908 lehnen wir ab, dageien stimmen wir dem sozialdemokratischen Antrag ans Be­teiligung der Auskunflspslicht der Arbeitgeber iu- Reber dir Reichsfinanzreform will ich hier mcht sprechen. Herr von Zedlitz hat sich nicht ver­sagen können, der Nachlaßsteuer eine besondere Aner- kemnmg auSzusprechen. Wir wollen eine solche Steuer mcht, und ebenso nicht die Umänderung der Erb­schaftssteuer in der Richtung einer Ausdehnung der Steuerpfircht auf Deszendenten und Ehegatten. Aber rott wollen dort wie hier fleißig Mit­arbeiten und unsere Kräfte dafür einsetzen, daß auch bte Reichssinanzen bessere werden, daß neue Steuern bewtlligt werden, weil im Interesse des vterches es absolut notwendig ist, vermehrte Einnahmen a u'tt Zusammenarbeiten mit den übrigen Parteien hoffen wir auch dort das Steuergesetzgebungs­werk zur Verabschiedung zu bringen, damit im Reiche E» £ §!|unt>e Smartjververhältnisse herrschen. (Bei- Juu int

5rI,r- v. Rbeinbaben: Bei Em- schätzung der land- und forstwirtschaftlichen Grundstücke fl8£raetJft der gemeine Wert der k Geuiide gelegt worden. Das ist noch dah'n abgeändert worden, daß »auf- und Pachtpreis maßgebend sem sollen, sodaß Kaufpreise, die hoch er- erf"^^, durch die in der ganzen Gegend gezahlten Pachtpreife. In der Bit« SÄ F Kauf-und Pachtpreise haben wir zur Einschätzung des Wertes der einzelnen Grundstücke. D-e Kommission ist darüber UaenU8fletf*18hRitI,nh ben. Erkragswert zu Grunde legen. Ich halte das für eine Berschlrchteruna der gegenwärtigen Bestimmungen. Loyaler Weise balte ich «"^romlpfeft und^ jehe Lh°w o°n ab Segen diesen Kommissionsbeschluß

fiLrn entf*,tbe" muß ich Bedenken dagegen tertr^mpr6. a°" £era f$on durch die Schätzung des i1 t tebui’€tlen Ergebnis der Ergänzungs- steuer bet land- und foritwirtschaftlichen Betrieben noch ?ln "ugemeffenes Arbeitseinkommen des Bewirtschafters in Abzug gebracht werden soll. Damit würde ein Vorrecht der Landwirtschaft werden, das ich bei allem Interesse für die Landwirtschaft nicht für gerechtfertigt halten kann.

Es wird ein Schlußantrag angenommen.

Bei der Abstimmung über die Steuernovelle wird der sozialdemokratische Antrag betr. Aufhebung der Verpflichtung der Arbeitgeber zu Aus­künften über das Einkommen der Arbeitnehmer ab­gelehnt. Ferner wird der Antrag Gyßling (frs. Bp.) abgelehnt, wonach der Land rat aus der Beranla- gungskommtssion entfernt werden soll. Dagegen gelangt der Antrag Schulze-Pelkung (kons.) zur Annahme, wo­nach der Antrag auf Steuerermäßigung inner­halb 4 Wochen nach Inkrafttreten des Gesetzes zu stellen ist. Im übrigen wird die Vorlage nach den Kommisstonsbeschlüssen angenommen. Die Gesell­schaftssteuer wird vom Plenum ebenfalls abgelehnt.

Es folgt die Beratung deS Mantelgesetzes. Die Beratung beginnt bei einem Antrag v. Hennigs-Techlin (kons.), der auch für das Jahr 1908 Steuer­zuschläge erhoben wissen will.

Abg. Dr. Siebberg (natl.) bekämpft den Antrag, der gegen das Kompromiß verstoße.

Abg. v. Dewitz-Oldenburg (fteikons.) spricht sich gleichfalls gegen den Antrag aus und bekämpft zugleich einen Antrag Borgmann (So,.), die Einkommen unter 7000 Mk. zuschlagsfrei zu lassen.

Abg. v. Hennigs (kons.) bestreitet, daß sein Antrag gegen das Kompromiß verstoße. Die Nachsteuer se eine schroffe Maßnahme, aber man könne an ihr nicht vorbeikommen, wenn man die finanziellen Berhällniffe des Staates sanieren wolle.

Abg. Röchling (natl.) erklärt sich gegen den An­trag Hennigs und wirst dann den Sozialdemokraten vor, sie spiellen hier eine Politik doppelter Moral, sie bewilligten die Beamtenaufbesserung, lehnten aber die Bereitstellung der Mittel ab; das würden sich die Beamten merken.

Der Antrag Hennigs betr. die Nach steuer wird abgelehnt, ebenso der sozialdemokratische Antrag betr. Beseittgung der Steuerzuschläg« für die Ein­kommenstufen von 1200 bis 3000 Mark, ebenso der gleichlautende Antrag Gyßling und der nationalliberale betr. die Gesellschaften m. b. H., dagegen wird der Antrag Hennigs, betr. die Gesellschaften m. b. H., an­genommen, wonach die Steuerzuschläge für Gesellschaften m. b. H. wie folgt festgesetzt werden: in den Ein­kommensteuerstufen von mehr als 1200 bis 8000 Mark 7,5 Pro^ von mehr als 3000 bis 10500®». 15 Pro,., von mehr als 10500 Mk. bis 20500 Mk. 22,5 Prozent, von mehr als 20500 bis 30500 Mk. 30 Prozent, von mehr als 30500 Mk. 40 Pro,;.

Hierauf wird der Rest des Gesetzes mit unwesent­lichen Aenderungen angenommen, desgleichen die bereits früher erwähnte Resolution betr. die Stempelsteuer.

Es folgt die die zweite Beratung über den

— Landwirtschastsetat.

Abg. Rewolbt (freit.) wünscht eine Modernisierung der Generalkommissionen.

Abg. v. Keffel (kons.) bespricht den ländlichen Ar­beitermangel und wünscht, daß der Staat für Experi­mente zu landwirtschaftlichen Zwecken größere Mittel auswerfe.

Abg. Graf Spee (Zentr.) bedauert den ablehnenden Standpunkt der Regierung in der Frage der Ent­schädigung der durch Sperrmaßregeln bei Vieh­seuchen Betroffenen und wünscht die Hinzuziehung landwirtschaftlicher Sachverständiger bei der Genehmi­gung industrieller Anlagen auf dem Lande, auch bevor ein Protest erfolgt ist. Redner gibt seiner Freude dar­über Ausdruck, daß der Staatszuschuß für die Fort­bildungsschulen auf dem Lande erhöht werden soll, und daß auch im Heere landwirtschaftlicher Unter­richt erteilt wird. Im weiteren wünscht Redner, daß für das Genossenschaftswesen besondere Lehrstellen er­richtet werden möchten, daß die Wetterberichte täglich in den Schulen von den Lehrern mitgeteilt werden, daß im Rheinland bei Hausschlachtungen die Trichinen­schau aufgehoben werde. Zum Schluffe tadelte Red­ner, daß ein preußischer Hochschullehrer beim letzten Kaisergeburtstage der landwirtschaftlichen Hochschule in einer Festrede für den Monismus und die Tren­nung von Staat und Kirche plädiert und insbesondere gegen eine politische Partei ins Feld gezogen sei. (Zu­ruf des Abg. Hoffmann: Der muß gevierteilt werden!)

Abg. Crüger-Hagen (fr. Vp.) wünscht, daß die Elektrizität in der Landwirtschaft mehr zur Anwendung komme und daß für den Betrieb der Ueberlandzen- tralen Gesellschaften m. b. H. errichtet werden möchten Im weiteren beklagt Redner die Preissteigerung der Güter in den letzten Jahren und meint, die Regierung dürfe sich durch Ankauf von Gütern an dieser' Preis­

treiberei nicht beteiligen. Der Redner verteidigt auch den von dem Grafen Spee angegriffenen Kaiser­geburtstagsredner.

Abg. Dr. Heybweiller (ntl.) wünscht, daß die Gelder der Versicherungsanstalten auch zugunsten des Mittelstandes der Landwirtschaft Verwendung finden und empfiehlt ausgedehnte Anwendung des Erbbau­rechts besonders im Westen.

Landwirtschastsminister v. Aruim: Zur Entschul­dung der Landwirtschaft müssen auch die Genossen­schaften mitwirken. Durch die Wasserschäden sind be­sonders Ortschaften und Industrielle betroffen worden. Bezüglich der Hinzuziehung landwirtschaftlicher Sach­verständiger bei Genehmigung gewerblicher Anlagen auf dem Lande schweben noch Verhandlungen mit dem Handelsminister, und über daS Erbbaurecht mit dem Reichsamt des Innern.

Abg. Dr. Heisig (Ztr.) beantragt, das Taxwesen, namentlich in landwirtschaftlichen Angelegenheiten, ge­setzlich neu zu regeln. Der Redner weift auf eine Reihe von Mißständen hin, die sich allmählich tm land­wirtschaftlichen Taxwesen entwickelt haben und drin­gend der Beseitigung bedürfen.

Abg. Graf Spee (Ztr.): Abg. Dr. Crüger hat den Prof. Plate von der Berliner landwirtschaftlichen Hoch­schule verteidigt, weil er am Kaisersgeburtstag eine Rede über Monismus und einheitliche Weltanschauung gehalten hat. Dr. Crüger sieht darin einen erfreulichen Beweis, daß Herr Plate kein Byzantiner sei. Schön. Aber muß Herr Plate gerade den Kaisersgeburtstag wählen, um die Trennung von Staat und Kirche zu empfehlen? Und mußte er dabei Angriffe auf alle politischen Parteien, auch auf die ihm nahestehende Linke und sogar auf die Sozialdemokratie — vom Zen­trum ganz zu schweigen —, richten? Das durste er doch nicht bet einer offiziellen Feier und vor den Stu­denten einer staatlichen Lehranstalt.

Abg. Kreth (kons.) beschwert sich, daß die Zentral­genossenschaftskaffe es an einer genügenden Beauf­sichtigung des Genoffenschaftswesens fehlen lasse.

Minister v. Arnim: Ich möchte seststellen, daß ich das Auftreten des Prof. Plate, besonders bei dieser Gelegenheit, nicht billigen kann.

Montag: Fortsetzung der heutigen Beratung.

d* Der Weg zur BerstauÄig ung in der Frage Reichsfinanzreform ist zwo* geebnet, aber es geht noch die Kreuz und bi® Quer. Die Regierung tut noch spröde. Sie laß. in der,Rordd. Ällg. Ztg/ kund und zu wissen tun •

»Die Mitteilungen der Presse über die gestrigen Verhandlungen in der von der Finanzkommission des Reichstages eingesetzten Subkommission treffen nicht in vollem Maße zu. Insbesondere ist es nicht richtig, daß die Beschlüsse das Ergebnis einer Verständi­gung mit der Reichsfinanzverwaltung bilden. Die bei der Beratung anwesenden Vertreter des Reichsschatz­amts haben selbstverstänvlich keine zustimmende Erklärung abgegeben, da sie damit von der vom Bundesrat bisher eingenommenen Stellung abgewichen wären."

Wir bemerken dazu, daß in unserer Mitteilung nur gesagt worden ist, das Reichsschatzamt habe den neuen Vorschlag der Subkommission für annehmbar erklärt. Der Wortlaut der Be- chlüsse der Subkommission ist noch mcht bekannt. Es lst aber richtig, was wir mitgeteilt haben, daß sich eine Mehrheit der Subkommission geeinigt >at, statt Nachlaßsteuer, verschärfter Erbschasts- teuer und Erbrechts des Reichs eine Erhöhung der Matrikularbeiträge bis auf 150 Millionen vorzufchlagen, die in den Einzelstaaten von 1912 ab durch »Besitzsteuern" aufgebracht werden sollen.

DaS politisch wichtigste Moment aus den Beratungen der Subkommission ist, daß die Konservativen mit dem Zentrum einig ge­gangen sind. Das „Kompromiß" entspricht be- änntlich einem durch den Zentrumsabg. Herold „verbesserten" Vorschlag des Abg. v. Gamp. Auf liberaler Seite ist man gerade deshalb

mit dem Gang der Dinge nicht sehr zufrieden. Die ,Köln. Ztg/ schreibt mit sauersüßer Miene:

„Wenn sich die Angaben (über die Einigung) be­wahrheiten, so wäre das Reformwerk als Aufgabe des Blocks gescheitert, der Block wäre mit Hilfe des Zentrums gesprengt und dieses säße aus dem Bock der Reformkutsche, neben der es so lange schmollend ober ntindestens gleichgiltig einhergegangen ist. Ein solcher Triumph des Zentrums mag vielleicht manchen Leuten schwer ein geb en; wir selbst würden ihn nicht weiter tragisch nehmen, denn an einem Werke, das das ganze Volk so nahe angeht, soll jede Partei ihren Teil an Arbeit und Verantwortung auf sich nehmen/

Wie wir schon andeuteten, sind von natio­nalliberaler Seite bereits Bestrebungen ein- geleitet worden, die Verständigung in der Sub- tommission zu durchbrechen und ein anderes Kompromiß mit kleinen und unwesentlichen Aenderungen der Beschlüsse der Subkommission zustande zu bringen, das dann unter libe­raler Flagge segeln und einen Sieg des Libe­ralismus in der Frage der Besteu-rung des Be­sitzes dokumentieren soll. Dieser neue Kompro­mißantrag soll bereits vorliegen und die Natio­nalliberalen sind auf daS eifrigste bemüht, die beiden konservativen Parteien und die anderen Angehörigen des Blocks für die Unterstützung desselben zu gewinnen.

Die Konservativen sind einstweilen nicht sehr geneigt, mit den Liberalen zufammenzugehen, Die .Kreuzzeitung^ spricht von „Quertreibe­reien" der Liberalen, die noch ein Hindernis für die Verständigung biloeten. Daß die Libe­ralen von den Konservativen zuerst die Zu­stimmung zu der direkten Steuer verlangten, ehe die indirekten Steuern überhaupt durchberaten werden, erklärt sie sür eine „beleidigende Zu­mutung". Und dazu findet die ,Kreuzzeitung', daß den Liberalen und der Regierung gerade Recht geschähe, wenn nun daS Zentrum die Führung übernehme.

Was die Subkommission vereinbart hat, ist im wesentlichen das, was das Zentrum er­strebt hat. Es hat von Anfang an verlangt, daß der Besitz zu den Reichslasten stärker herangezogen werde. Auf dem von der Regie­rung vorgeschlagenen Wege war das nach seiner Auffassung aber nicht zu erreichen. Die Zen­trumspartei hat aus staatsrechtlichen Gründen, die im Wesentlichen dem Wunsche nach Aufrecht­erhaltung der einzelstaatlichen Unabhängigkeit in Finanzfragen, auch nach Aufrechterhaltung der emzelstaatlichen Verantwortlichkeit sür die Maß­nahmen des Bundesrats entspringen, eine direkte Reichs vermögens- und Reichs einkommen verworfen und verlangt, daß man diese beiden Steuerarten den Einzelstaaten über­lasse, dafür aber die Einzelstaaten umso schärfer zu den Reichslasten heranziehe. Das geschieht durch die von den Bundesstaaten zu erhebende Steuer, die die Bundesstaaten ihrer- eits wiederum durch Besteuerung des Be> itzes einbringen.

Deutsches Reich.

Das Abgeordnetenhaus hat am Sams­tag den preußischen Steuerzahler vor einer un­angenehmen Ueberraschung bewahrt. Wenn eS chon ein mißliches Ding ist, daß nicht genügend onderweite Mittel vorhanden sind, um die Kosten ür die Gehaltsaufbesserungen zu decken und in­folgedessen die Schraube der direkten Steuern

Zm Sonnt des Geheimnisses.

38] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.

Keine Ahnung bon den sich langsam in her Ferne zusammenballenden schweren Wetterwol- ken überkam ihn, von dem Unheil, das sich über Kenninghall entladen sollte!--

Denselben Abend war Lord St. Gilbert einen Augenblick allein mit Werner zusammen.

„Nie werde ich dies liebliche Bild, das wir heute sahen, vergessen, Werner",, sagte er — „Miß Wayne unter den Rosen. Wie schön sie ist — wie lieblich und anmutig 1 Kann ich sie nicht als mein Weib gewinnen, so werde ich nie eine andere lieben."

"Sie ist sehr hübsch, sehr lieblich," sagte Wer­ner ruhig, „aber ich glaube, mit ihrer Mutter ist sie mcht zu vergleichen!"

Und obwohl Werner durchaus int Ernste sprach, lachte Lord St. Gilbert doch herzlich über seine Worte.

22. Kapitel.

Miß West verzweifelt.

„Marian," sagte Lady Wayne, „ich werde ganz 'unruhig um Dich, und Mortimer geht es auch so. Weißt Du auch, wie verändert Tu bist? Deine Augen brennen und sehen aus, als ob Tu gar nicht mehr schliefest. Deine Hände zittern. Tu warst sonst so ruhig, so gleichmütig, so wacker, — und jetzt bist Du nervös, zerfahren. Was stimmt nur nicht, Liebe?"

Es war ein sehr blasses, verändertes Gesicht, das Miß West ihrer Schwester zuwandte. Sie versuchte zu lächeln und zu versichern, daß es nichts als Unwohlsein sei, doch Lady Wayne's rege, liebende Teilnahme war nicht so leicht abzu­wehren und zufriedenzustellen.

. - betrachtete sie gespannt und fuhr dann plötzlich fort:

„Marian, Du hast doch sicher nichts auf dem Herzen — es liegt doch nichts vor — keine Ge­fahr !•"

„Nein nein Eve; was sollte ich auf dem Herzen habm? Sprich doch keinen Unsinn Ueberlaß mich nur mir selber — es wird bald wieder besser gehen." mtr

"r6ef)Qrtte Wayne, „Du hast das sckwn seit langem gesagt; wir haben Dich auch gewahren lassen, aber Du wirst und wirst nicht anders. — nicht besser." 1 tti)t

Miß West sah wirklich sehr angegriffen aus Es tpor eine schreckliche Probe für sie göwesen zu sehen, ime der Sohn ihrer Schwester als Fremdling Gastfraundschast bei seiner Mutter genoß und niemand von dem Sachverhalt etwas wußte, wie sie. Sie zwang sich, alles schnoeiaend zu tragen, und es war auch leidlich gegaua°n- seit beute morgen aber lastete eine große ftnrrht auf ihr, eine schreckliche Angst, die sie keine Mi. nute verließ und stets stieg.

An diesem Morgen, als die ganze Gesellschaft beim Frühstück gesessen, hatte Elsie lachend von einem kleinen Perlen-Medaillon erzählt das ne trug. ' 1

. "Es besitzt einen Zauber," sagte sie einen wirklichen Zauber, es ist ein Talisnmn" So lange rch's trage, kann mir nichts Uebles wider­fahren. 1

Werner wandte sich ebenfalls lachtend zu ihr- „Ich habe auch einen Talisman, aber keinen iö hübschen tote Sie; der meinige ist /ine alte grunseldene Börse." e aUe'

„Seigern Sie hersagte Elsie gebieterisch. »Go-n, nachher. ,©te ist auf meinem Zimmer. Ich gehe ohne sie nirgendwo hin."

„Warum tragen Sie sie denn nicht?" fragte Els-e. ' Sw sollten ein Goldstück hineintun und ste stets bet sich tragen.

„Nein: ich fürchte sie zu verlieren und Sie wissen nicht, wie abergläubisch ich bin;'es scheint mir all' mein Glück mit ihrem Besitz verknüpft.

Ich habe eine Ahnung, daß, wenn ich sie verlöre, all' mein Glück mich verlassen würde.

„Ich bin ganz neugierig auf Ihren Talis­man," sagte Elsie.

„Nach dem Frühstück werde ich sie Ihnen mit Vergnügen zeigen." —

Und diese wenigen Worte hatten Miß West aller Selbstbeherrschung beraubt und sie fast zur Verzweiflung getrieben.

„Eve wird diese Börse unter allen Umständen sofort wiedererkennen," dachte sie. „Sie hat sie selbst gemacht und war so stolz darauf seiner Zeit. Wie konnte ich nur so verrückt, so dumm, so ge­dankenlos sein? Wer hätte es sich aber auch träu­men lassen können, daß er je hierher kommen würde? O, mein Gott, mein Gott!" stöhnte die unglückliche Frau leise, „ist es Deine Hand, die das getan?" —

Sie richtete ihre ganze Energie darauf, Wer­ner und Elsie von dem Gegenstand ihrer Unter­haltung abzubringen. Sie plauderte mit ihnen, erzählte ihnen Anekdoten, zog sie auf, bis alle sich Über ihre Aufgeräumtheit verwunderten.

„Nun," sagte sie gegen Ende des Frühstücks, „laßt uns heute keine Zeit verlieren. Ter Mor­gen ist wundervoll: wir wollen ein paar Bücher mitnehmen und in den Park hinausgehen, und zwar bis zur Königs-Ceder: dort sollen Herr Jefferies und Lord St. Gilbert uns dann vor- lefen."

„Hurra! Tantchen," rief Elsie, „Du wirst bald durch und durch lyrisch. Eine prächtigere Idee hätte ich selbst nicht erfinden können — Sonnen- schein, Blumenduft, im Schatten der Ceder, und ein schönes Buch!"

„Wirklich, das wird hübsch," lächelte auch Lady Wayne.

Lord St. Gilbert war alles gleich, wenn er nur tn der Nähe seiner bezaubernden Elsie blei­ben konnte.

»Wir wollen also keine Zeit verlieren," sagte Miß West; und keiner ans der kleinen Gesell­

schaft, wovon die meisten über den Eifer, womit sie zum Aufbruch trieb, lächelten, ahnte auch nur etwas von der fieberhaften Angst und Qual, die sie mittlerweile litt.

Sie redete und sprach so viel, von dem Buch, das sie nehmen sollten, wer zuerst und wer dann vorlesen sollte, wie hübsch und schön es draußen wäre, bis Werner und Elsie, von der Idee ganz begeistert, alles andere, Börse, Versprechen, Ta­lisman, vollständig vergaßen.

Dann, als sie alle aufbrechen tooGtem und Werner mit der ihm eigenen freundlichen Lie­benswürdigkeit sich zum Begleiter Miß West's erboten, erinnerte sie sich plötzlich, daß sie etwas sehr Wichtiges noch nicht besorgt habe.,

„Geht nur, geht nur schon ohne mich," sagte sie zu Lady Wayne; „ich werde Euch folgen —■ es wird nicht lange dauern."

Man ging; Lady Wayne mit dem heimlichen Gedanken, daß ihre Schwester in letzter Zeit doch recht merkwürdig geworden.

Lord St. Gilbert schwamm in Glückseligkeit — er hatte sich der ausschließlichen Begleitung Elsie's versichert. Sie gingen voraus uud ihr munteres Geplauder und fröhliches Gelächter klang wir Musik durch die klare ruhige Sommer- luft herüber.

Werner wandelte an Lady Wayne's Seite.

„Weshalb heißt dieser Baum die Königs-Ce- der?" fragte er.

„STd), Mr. Jefferies, es gibt so viele Sagen und Legenden auf Kenninghall — ich glaube, das ist auch der Grund, warum es mir hier so außer­ordentlich gut gefällt. Die Geschichte ist also die: König Karl II. war dem damaligen Lord Wayne auf Kenninghall wegen mancherlei Dieiiste sehr verpflichtet und nach Wiedererlangung der Re­gierung kam er persönlich hierher nach Kenning­hall, um ihm zu danken. Natürlich lustwandelte er auch im Parke und sah bei dieser Gelegenheit die Zeder, deren Schönheit und Großartigkeit ihm derart gefiel, daß er ben Wunsch äußerte, un­ter ihrem Schatten das Frühstück einzunehmen.