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M 40.

Fulda, Freitaq den 19. Februar 1909.

36. Jahraanst.

Krltes Klcltt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 18. Februar 1909.

Das Vankgesetz wurde weiter beraten.

Abg. Kaempf !frs. Bp) hob die Verdienste deS früheren Reichsbankpräsidenten Koch hervor und hat für die Tätigkeit der Reichsbank nur Worte des Lobes übrig. Dem Gesetz stimmte er zu.

Reichsbankprästdenk Havenstein rechtfertigte die Diskontpolitik der Reichsbank, worauf

Abg. Frank-Mannheim (Soz.) ein Aufnchtsamt für das Bankwesen forderte und sich mit den Grundzügen des Entwurfs einverstanden erklärte.

Abg. Raab (wrrtsch. Bgg.) glaubte, es läge im Interesse der Reichsbank, wenn ihr Grundkapital erhöht würde. Der Redner sprach sich für den roeiteren Aus­bau des Scheckverkehrs aus.

Abg. Mommsen (frs. Bgg.) polemisierte gegen den Vorredner und besonders gegen die gestrigen Aus­führungen des Abg. Arendt zu Gunsten der Doppel­währung.

Abg. Dr. v. Dziemhowski (Pole) sprach sich für die Vorlage aus.

Abg. v. Gamp (Rp.i erklärt, daß die Reichsbank heule nicht mehr ein notwendiges Kreditinstitut für die Landwirtschaft fei, nachdem für diese andere Ein­richtungen getroffen worden sind. Er dankt aber dem Präsidenten, daß er den landwirtschaftlichen Genossen­schaften Kredit verschafft hat.

Abg. Werner (Rp.i bejürwortete im Interesse der Borgenden einen niedrigeren Diskontsatz.

Mit einer Reihe persönlicher Bemerkungen schloß die Debatte, und die Vorlage wurde an eine besondere Kommission verwiesen.

Freitag: Antrag Albrecht betr. das Koalitionsrecht der Landarbeiter.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 18. Februar 1909.

Die zweite Beratung des

Bergetats

wird bei den Einnahmen fortgesetzt.

Abg. Marco (ntl.) spricht sich für die Fortführung der Sozialpolitik aus. Nur müsse man sich hüten, durch die soziale Fürsorge Arbeitgeber wie Arbeitnehmer all­zu stark zu belasten. Die Schwankungen der Kohlen- vreife müßten durch eine Regulierung der Ausfuhr und der Förderung ausgeglichen werden.

Abg. Dr. Schrpp (sreis. Bp.) verurteilt entschieden Maßregelungen von Bergleuten aus politischen und religiösen Gründen, weil derartige Maßregelungen un­moralisch und ungerecht sind, und außerdem der Sozial­demokratie Waffer auf ihre Mühlen liefern. Die uner­hörten Lhikanen, denen der Verein der technisch-indu­striellen Beamten im schlesischen Bergwerksrevier aus­gesetzt seien, müssen aufhören.

Abg. Seiner! (Eoz. i erörtert die ArbeitSoerhLltnisse in fiskalischen (Siuben und beklagt, daß bei den politischen Wahlen gegenüber den Bergarbeitern der unerhörteste und unverschämteste Terrorismus geübt werde.

Abg. Lüders (freit): Wenn der Abg. Leinert hier üocr Terrorismus der bürgerlichen Parteien geklagt hat, so muß ich ihm entgegenhalten, daß seine Partei den Terrorismus viel häufiger und krasser betätigt, wie wir auch bei der Wahl des Abg. Leinert in Hannover- Linden gesehen haben. Sehr sympathisch ist es unS ge­wesen, wie gestern der Abg. Sauermann die ein­schlägigen Fragen hier behandelt hat. Leute, wie der Abg. Sauermann, der von Jugend auf selbst in den Bergwerken gearbeitet hat, das sind die gegebenen Vertreter der Arbeiter, «Beifall) deren sachliche Aus­führungen hier im Hause das bedeutendste Gewicht gaben.

Handelsminister Delbrück: Den sachverständigen Ausführungen des Abg. Sauermann über die Preis­politik der fiskalischen Bergwerke kann ich zum großen Teile zustmimen. Die äußerst billigen Preise der eng­lischen Kohle verursachten, daß rott im Saarrevier mit unseren Offerten zurückgehalten haben. Inzwischen

haben sich die Verhältnisse gebessert Der Abg. Macco hat eine maßvolle Sozialpolitik befürwortet. Es ist richtig, daß wir mit einer gewissen Ungeniertheit unsere Sozialpolitik durchgeführt haben. Der scharfe Gegensatz zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern führt dahin, daß die Wünsche der interessierten Teile nicht immer in zutreffender Weife an den Gesetzgeber gelangen. Daher kommt dann ein Gesetz zustande, das unter Um­ständen eine Fessel werden kann für Arbeitgeber und Arbeiter. Dem Zustandekommen eines neuen Kali­syndikats werden wir keine Schwierigkeiten bereiten. Ich hoffe, daß das Syndikat die Preise für die Land­wirtschaft niedrig hallen wird. Das Koalitionsrecht muß auch den Arbeitgebern zustehen. Die Klagen des Abg. Leinert sind ungerechtfertigt. Wir legen den Ar­beitern in politischer Beziehung keine Fesseln an, aber wir lassen uns keine Agitation gefallen, die die Dis­ziplin in den Bergwerken in Frage stellt. Wenn eine Einschränkung der Arbeit bet hohen Temperatur graben erforderlich wäre, würde ich sie herbeiführen.

Abg. Dr. Flesch (frf. Vp.) verbreitet sich über die Frage der Wohlfahrtseinrichtungen und warnt davor, sie zu einem Zwange für die Arbeiter und zu einer Beeinträchtigung ihrer persönlichen Freiheit zu gestalten. Es wird ein Schlußantrag angenommen. In der nun folgenden Spezialdebatte begründete

Abg. Leinert (Soz.) einen Antrag auf Ueberroeifung einer Petition an die Regierung betreffend Lohnerhöhung im fiskalischen Bergbau.

Abg. Brust (Ztr.s wandte sich gegen den Antrag, da man bet einer rückgängigen Konjunktur dem Staate eine Lohnerhöhung nicht zumuten könne: es wäre aber zu wünschen, daß auch keine Herabsetzung der Löhne erfolge.

Der Antrag wurde abgelehnt und nach kurzer De­batte über einen konservativen Antrag der Etat erledigt

ES folgt die dritte Beratung der

Pfarrerbes ofdungsgesetze.

Abg. v. Arnim (persönlich): Der Abg. Hoffmann hat behauptet ich hätte die Unwahrheit gesagt, alS ich neulich behauptete, daß unseren Schlußantrag bei der 2. Beratung 4 Parteien unterzeichnet hätten.

Abg. Hoffmann (Soz.): Nach dem amtlichen Bericht haben nur 3 Parteien unterzeichnet (Zuruf: Der tarnt nicht zählen! Heiterkeit.)

Abg. v. Arnim: Nein, nicht 8, sondern 4 Parteien haben unterzeichnet. (Zuruf: Der Abg. Hoffmann kann bloß biS 3 »äh (en! Stürm. Heitk.)

Abg. Hoffmann (So,.): Die Differenz zwischen Herrn v. Arnim und mir rührt nicht daher, daß ich nicht weiter als 3 zählen könnte, sondern erklärt sich daraus, daß ich btt Konservativen und Freikonserva­tiven als eine Partei zähle, weil kein Unterschied zwi­schen ihnen ist. (HAterkett.)

In der allgemeinen Besprechung über daS Gehalt der evangelischen Pfarrer erhält zunächst daS Wort der

Abg. Hoffmann (Soz.): Wir Sozialdemokraten stehen prinzipiell auf dem Standpunkt, daß weder der katho­lischen, noch der evangelischen Kirche aui dem Staats­säckel auch nur ein Pfennig zu bewilligen ist. Wir sehe« nicht ein, warum die Geistlichen Gehälter von 4000, 6000, 6000 Mark und mehr beziehen sollen, während die Hälfte der deutschen Volkes nur ein Einkommen unter 900 Mark hat Was die notleidenden Würdenträger verdienen, will ich Ihnen einmal vorlesen. Redner führt einige Zahlen auS der Provinz Sachsen, Brandenburg usw. an. Für die Arbeiter hat man kein Geld, wohl aber für die Geistlichen, und doch steht eS nach der Statistik fest, daß die Geistlichen im Durchschnitt ein viel höheres Alter erreichen alS die Arbeiter. ES scheint also, daß der Kampf um daS Diesseits schwerer ist, alS der Kampf um daS Jenseits. Die Kirche bei Nazareners scheut selbst vor FriedhofSspekulationen nicht zurück.

Präsident v. Kröcher: Ich verbitte mir, daß Sie in diesem Tone von unserem Herrn und Heiland sprechen.

Abg. Hoffmann (Soz.) richtet an die Konservativen die Drohung, daß wenn sie mit diesem Bewilligm der Staatszuschüffe fortführen, sie die Leute auS der evan­gelischen Kirche herauStrieben und so selbst die Mörder Der evangelischen Kirche würden. (Lachen rechts.)

DaS Gesetz wird unverändert angenommen. DaS Haus vertagt sich.

Auf eine Anfrage de« Abg. Dr. Porsch (Zenttum), wann seine Interpellation betreffend die Hochwasser­katastrophen auf die Tagesordnung gesetzt wird, erwidert Präsident v. Kröcher, daß ihm der Minister

des Inneren mitgeteilt habe, daß noch nicht genügende Berichte eingelaufen seien, um schon Die Interpellation beantworten zu können.

Freitag: Besoldungsgesetz für die katholischen Pfarrer und Einkommensteuergesetz.

A Eine politische Kanzlerre-e.

Wenn der konservative Großgrundbesitz nun noch nicht für die Nachlaßsteuer zu ftimmen be­reit ist, dann hilft alles nichts. Unter der Firma „Deutscher Landwirtschaftsrat" sind den Her­ren große Ehren widerfahren. Zuerst kam der Kaiser zu ihren Sitzungen und am Wend kam dann noch Fürst Bülow, um bei dem Festmahle seine Ergebenheit zu beteuern und sie durch eine hochpolitische Rede zu erfreuen. (Vergleiche die Letzten Nachrichten in der gest­rigen Nummer.)

Fürst Bülow zog alle nationalen Register, um die Konservativen für die Reichsfi­nanzreform zu begeistern. Vorsichtiger­weise verinied er es aber, auf die einzelnen Steuergesetze einzugehen. Von der Nachlaß­steuer insbesondere, dem größten Stein des Anstoßes, ist mit keinem Worte die Rede. Der kluge Kanzler wird wohl gewußt haben, daß ein Eingehen auf die Schwierigkeiten der Fi- nanzrewrm diese Schwierigkeiten voraussicht­lich nur vermehrt hätte.

Natürlich fand die Rede den hergebrachten Beifall. Ob sie Einfluß auf _bie Haltung der Rechten gegenüber der Nachlaßsteuer üben wird, kann einstweilen bezweifelt werden. Die Kon­servativen sind gewiß bereit, allerlei Steuern zu bewilligen, die sie — nicht zu tragen haben.

Bereits hat der deutsche L a n d w i r t- schaftsrat gleich am Tage nach dem Fest­mahl mit der Kanzlerrede gegen dieNach- laßsteu er Stellung genommen. Es ge­schieht allerdings in einer ungewöhnlich sanften Tonart. Die von der Versammlung angenom­menen Leitsätze bezeichnen das Gesch über die Nachlaßsteuer sowohl als mtch über das Erbrecht des Staates als „unannehmbar", weil sie nicht angemeffene Rücksichten auf die Eigenart der lindwirtschaftlichen Produktion und ihre geringe Rentabilität gegenüber dem Handel und der Industrie nähme, ferner, weil dieselbe nicht ge- nügcnd Gewährleistung des Eigentums, der Er­haltung des Besitzes in der Familie, die Stetig­keit des ländlichen Grundbesitzes und die poli­tische und soziale Bedeutung der Werkfortsetz­ung beachte." Das sind Gründe, die keines­wegs den Kern der Sache treffen.

Die Verhandlungen des Landwirt- schaftsratS im einzelnen über die Nachlaßsteuer brachten fteilich trotz des versöhnenden Tones der Referenten und ihrer Leitsätze allerlei schrille Mißklänge, die erkenen lassen, daß der Begriff Demagogie sich wahrlich nicht allein auf die besitzlose Masse beschränkt. Kammerherr v. Oldenburg-Januschau, der Unentwegte des Bundes der Landwirte, der Schwiegersohn des Grafen Dohna, erklärte unter lebhaftem Beifall der Versammlung: „Soll das Porte­monnaie der Besitzenden aus ge- liefert werden einer Majorität von Besitzlosen, die in der Lage sind, durch das allgemeine Wahlrecht die Vertretung im Reichstag in die Hand zu bekommen?" Und weiter sagte er: „Wenn die Sozialdemokratie die Macht hat, wird sie davon auch Gebrauch

machen. Aber solange die Sozialdemokratie nicht die Macht hat, werde ich dafür kämpfen, daß der Besitz nicht ausgeliefert wird, denen, die kein Gefühl haben dem Staate gegenüber. Schließlich beteuerte er: „Gewiß, auch wir tool- len zahlen, wir verlangen aber eine Garantie, daß die Besteuerung des Besitzes nicht ausgelie­fert wird dem Reichstage, sondern daß sie den Weg durch die Einzelstaaten geht." Bei den übrigen Rednern herrschte ein wesentlich vor­sichtigerer Von. Die Tendenz freilich, die Ol­denburg hervortreten ließ, vertraten auch die übrigen Redner: Alle lehnten die Nachlaß­steuer als sozialdemokratisch und soziali­stisch ab.

Die „Deutsche Tageszeitung." das Organ des Bundes der Landwirte, sagt: „Da bisher auch alle Bemühungen gescheitert sind, einen Ersatz für die Nachlaßsteuer in der Veredelung der Matrikularbeiträge zu finden und die klei­neren Bundesstaaten sich stärker als bisher da­gegen erklärt haben, so ist noch nicht erkenntlich, wie sich das Wort des Fürsten Bülow erfüllen soll: „Ein Weg der Verständigung kann gesun­den werden, weil er gefunden werden muß."

Die neuerdings ausgenommenen Beratun­gen der B l o ck f r a k t j o n e n über die Fi­nanzreform haben bisher noch zu keinem R e s u l ta t geführt. Es wird dariiber noch Zeit vergehen. Nach der „Franks. Ztg." tritt immer mehr eine von den Einzelstaaten zu ver­anlagende und zu erhebende Vermögens« oder sonstige B e s i h st e u e r als Ausweg her- vor, zumal auch, wie das demokratische Blatt sagt, das Zentrum sich an dieser Lösung beteili­gen zu wollen scheint. Man wisse auch in par­lamentarischen Kreisen, daß zu diesem Zwecke Anknüpfungen stattgefunden haben.

Selbstverständlich ist das Zentrum zur Mit­arbeit bereit. Aber bekanntlich ist es „ausge­schaltet" worden. Es kann nur dahin sich be­mühen, möglichst das Schlechtere zu verhüten und das Bessere durchsetzen zu helfen. Aber die Entscheidung liegt bei den Blockparteien. Der Block mitsamt „seinem" Kanzler ist verant­wortlich zu machen für den Ausgang.

Deutscher Reich

** Berlin, 18. Febr. 1909. Heute nachmittag fand im königlichen Schloß unter Dem Vorsitz des Kaisers ein Kronrat statt. Die Beratung betraf dem Vernehmen nach Fragen der Reorganisation der inneren Verwaltung in Preußen.

ckp Fürst Bülow scheint sich gegenwärtig sehr sicher zu fühlen. Seine Bemerkung beim Festmahl des Landivirtschastsrates, er werde sein schweres Amt vielleicht noch länger führen, alS die Gegner hoffen, richtet sich offenbar gegen neuerdings wieder verbreitete Gerüchte, als fei Fürst Bülow entschloffen, im September, andere behauptenfogarim Mai, seinen Abschied zu nehmen. Uebrigens find es nicht sowohl seine Gegner, die bei jever Gelegenheit seinen Rücktritt an die Wand malen, als vielmehr gerade seine Freunde, vielleicht übereifrige Freunde, deren beliebiefM Schreckmittel für die Block-Kinderstube in Ber« bindung mir dem ZentrumSwauwau die An­drohung einer Kanzlerkrists ist. Wir unferseit- haben ost genug zum Ausdruck gebracht, daß wir von einem Kanzlerwechsel herzlich wenrg zu er­warten haben.

Dann fuhr sie jäh zusammen; ein liebender Arm umschlang sie, und Lady Wayne'» Stimme, so süß und weich wie immer, sagte:

„Du bist noch hier, Marian? Ich glaube. Tu hast dies Zimmer seit dem Frühstück nicht ber- lassen. WaS hast Du nur getan?"

„Die Blumen angesehen und geträumt," er- widerte sie und versuchte jede Spur von Sorge von ihrem Gesichte zu bannen.

„Marian," sagte Lady Wayne sanft, „weißt Du auch, daß weder Mortimer noch ich ganz z». frieden Deinetwegen sind? Du siehst nicht gut aus; Tu scheinst nicht glücklich. Ist Dir etwas quer gegangen, liebe Schwester?"

Marian dmhte einen Augenblick nach bevor sie antwortete. Sie sehnte sich, die Frage mit la­chendem Munde abzutun, wie sie es so viele an­dere getan, doch ihre Lippen waren steif und woll- ten sich nicht zum Lächeln verziehen

„Nichts, Eve," erwiderte sie endlich, „das Dich besorgt zu machen braucht. Ich bin nicht Wohl — ich bin seit einiger Zeit gar nicht gut, nicht wie sonst gewesen; aber Du mußt Dich meinet­wegen nicht sorgen — wenn Du das tust, wirst Du mich einfach schlimmer damit machen."

„Dann wollen wir unser Bestes tun Dich auf- zuheitern," sagte Lady Wayne. „Und jetzt komm mrt mir, Marian, und hilf mir nette Zimmer aussuchen für die Jungens, die kommen"

--Die Jungens!" rief Miß West, und Lady Wayne lachte laut auf.

„Ich meine Lord St. Gilbert und Herrn Wer­ner, Marian. Ich nenne sie Jungens, weil ich wie Tu weißt, Lord St. Gilbert immer gut habe leiden können, und mein ganzes Her, erwärmt sich für diesen jungen Herrn Werner. Was Ma­rian, bist Tll schwindelig? Du streckst ja die Hand aus, als ob Du nicht sehen könntest!"

Die Schwestern stimmten in ihrer Zimmer- Auswahl nicht ganz überein. Für Lord St. Gil- bert wählten sie eines der alten Prunk-Schlaf- gemacher — ein großartiges, prächtiges Zimmer.

Zm Saunt i>t§ Mimissts.

3t AuS dem Englischen von K. v. Raesfeld.

Sie versuchte sich ruhig und gefaßt zu beneh­men, zu bewegen; sie hielt die Hand empor, um zu sehen, ob sie zitterte. Sie ging zum Spiegel und betrachtete ihr Gesicht, ruhig, wie sie das eines anderen betrachtet haben würde.

„GiücklicheNveise," sagte sie sich, „wird nicht viel Zeit vorhanden fein, um von mir Notiz zu nehmen." Ihre Lippen zitterten sonderbar, als sic auf und ab zu gehen versuchte.

„Er kommt heute; Mutter und Sohn werden heut« zusammen sein!" Diese Worte zuckten ihr “nil ’inniet wieder durchs Gehirn. „Er

; l5fr' ihr Haar und ihre schönen, dunkel- - Db jemand das bemerken wird? fomnit?" h>°^1 lemünb Wundern wird, wie das

So dachte und dachte sie, während die wenigen Stunden dahrnrollten, die Vögel und Bienen im Soniienichein sangen und summten, und der Blu- mendutt wie eine weiche, süße Wolke durch die geöffneten Fünfter hckreindrang. Sie sah den Gärtner über den Rasen schreiten; einmal ver­nahm sie auch Elsie's süße klare Stimme zwischen t>en Blumen und Gebüschen im Parke. Die ganze Helle, die ganze Musik, die ganze duftige Lieb­lichkeit des Spätsonimer-Morgens umgab sie, und trotzdem fragte sie sich, ob wohl in der ganzen weiten Welt jemand so verlassen, so elend sei, wie sie.

„Wenn mich d-och nur ein Mensch tröstete, wie ich Eve tröste," dachte sie, und sie erinnerte sich, wie sie sie zuletzt getröstet hatte. „Ich sagte ihr, ihr Geheimnis und die Vergangenheit seien tot und begraben. Warum kann ich nicht dasselbe klauben? Nicht lernen, ihn wie jeden andern Fremden zu betrachten? Wer lebt denn auf der tzauzen weiten Welt, der zu mir sagen kann: „Es LNt Eve's Sohn!"

aber für Herrn Werner wünschte Marian ein hübsches freundliches modernes Zimmer nahe bei d«n ihrigen.

„Ob er nicht lieber nahe bei seinem Freunde ist?" fragte Lady Wayne zweifelhaft.

„Ich bin überzeugt, dies Zimmer wird ihm am besten gefallen," sagte Miß West; und wie üblich gab die jüngere Schwester dem Wunsche dec älteren nach.

„Sein Zimmer ist nahe bei meinem, und wenn er auS ist," dachte Marian West, „so kann ich die grünseidene Börse wegnehmen."

21. Kapitel.

Besuch auf Kenninghall.

Ein herrlicher Spätsommer-Nachmittag, so voll Blute, Tust, Glanz und Schönheit, daß kein Derweilen in den Mauern möglich. Eiste Wayne hat es tatsächlich versucht, „ordentlich" zu sein. Sie weiß, es kommt Besuch; und dem Besuch zu Ehren trägt sie eine blaßrosa seidene Toilette, mit einer Perlen-Broche und Perlen-Armbändern. Dem Besuch zu Ehren trägt sie zierliche Rosen­knöspchen in dem flutenden goldbraunen Haar, und hat sich bemüht, tm Staat tm Gesellschafts- Zimmer ruhig und gesittet sitzen zu bleiben und den Besuch zu erwarten. Was kann sie tun — der Gesang der Vögel lenkt die Gedanken so ad!

„Sind sie alle in einander verliebt, baß sie so süß singen?" denkt sie heimlich bei sich.

Tann sieht Elsie, die eine ganz künstlerische Liebe für Farben hat, einen Falter mit purpur­nen Flügeln in den Kelch einer Lilie schlüpfen; sie sieht die geschäftigen Bienen emsig an den bun- gelroten Nelken an der Arbeit — tote sie die Rek­torin ihres süßen Inhalts bearuben. Wie kamt sie nur steif da im Gesellschafts-Zimmer sitzen; tote soll es sie nicht verlangen, im Sonnenschein zu fein? Sie macht sich also sachte auf und da­von ins Freie.

„Ich werde es schon hören, wenn.zum Diner geläutet wird," sagte sie sich und dann voll Dank,

daß sie wieder draußen mitten im Duft und Blü­tenschimmer ist, eilt sie hinunter in den Garten, wo die schönsten und duftendsten Rosen wachsen.

Inzwischen macht Lady Wayne Toilette, fast etwas erstaunt darüber, daß ihr der Gedanke, jenen jungen Fremden wiederzusehen, so ange­nehm ist. Zu Ehren ihrer Gäste trägt sie eine jener prächtigen Toiletten, die ihr so gut stehen — schillernde, pfirsichfarbene Seide, und dazu einige der weitberühmten Kenninghall-Diaman- ten.

Sie betrachtet sich; der große Trumeau spie­gelt ein königlich schönes Weib wieder, von Dia­manten gekrönt.

„Werde ich wohl je alt werden?" denkt sie und lächelt. „Mein Gesicht hat sich, soweit ich sehen kann, während der letzten zwanzig Jahre nicht int mindesten zu meinem Nachteil verändert."

Sie scftvebt hinunter in's Gesellschaftszinnner, so bezaubernd, liebreizend, majestätisch wie im­mer. Die beiden Herren von Downhain haben versprochen, rechtzeitig zum Tiner auf Kenning­hall einzutreffen, und sie wundert sich, wo Elfte ist — Elsie, die ebenfalls in großem Staat dort sein sollte.

Dann zogen der Sonnenschein und die blü­hende Pracht draußen sie gleichfalls unwidersteh­lich an; sie ging zum Fenster, und wie sie so da- stand, umhüllt von der weißen Spitzen-Draperi« des Bogenfensters, sah sie schön genug aus, um sich in ihr eines der idealen Wesen zu denken, bi« die Menschen huldigend verehren.

Mrs. Gizzard und ihre beiden Töchter waren kurz vorher angekommen und hatten ihre Anklei­dezimmer noch nicht verlassen. Miß West war, — wie es nun einmal die Gewohnheit älterer Schwestern ist, sich um alles und jedes zu küm­mern — eifrig damit beschäftigt, überall nach dem Rechten zu sehen und darauf zu achten, daß alle Wünsche und Anordnungen Lord Wayne'» auch zur Ausführung gelangten. —

(Fortsesuna folgt)