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J.KÄ- wochenbellage: „Illustrierte §onMg;^ltmig"
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Fuld a, Dienstag den 16. Februar 1909.
36. Jahrgang
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Monatsbellager „gulbacr Geschkchtrblätter" Leruspretzrr nf g.
Zweites Wtcrtt.
* Aus großer Zeit.
Eine Kulturkampfserinnerung an jene Tage, die vor 25 Jahren, am 12. und 13. Februar 1884, Stadt und Diözese Münster in Be- wegung setzten, frischt der „Westfäl. Merkur" auf. Der hochselige Bekenner-Bischof Dr. Johann Bernard Brinkmann gehört zu denjenigen Kii chenfürsten, welche die Leiden des Kulturkampfes im höchsten Maße gekostet haben. Infolge der sogenannten Maigesetze wurde er wegen „gesetzwidriger" Anstellung von Geistlichen mehrmals vom Gerichte zu hohen Geldstrafen verurteilt und gepfändet. Am 18. März 1875 wurde er zur Verbüßung einer sechswöchigen Gefängnisstrafe nach Warendorf abgeführt. Darauf nn- ternahnl der Bischof noch eine Firmungsreise durch die Dekanate Kempen und Coesfeld. Neue Geld- und Gefängnisstrafen standen ihm jetzt wieder bevor; dazu drohte ihm die staatliche „Absetzung" durch den „Gerichtshof für geistliche Angelegenheiten". Um allen Weiterungen aus dcni Wege zu gehen, und um seine Diözese ungehindert vom Auslande aus Iifiten zu können, verließ der Oberhirt am Tage nach der großen Prozession, 13. Juli 1875, die Stadt Münster und ging freiwillig in die Verbannung. Uner- kannt hielt er sich in der Verborgenheit auf, zuerst in Roermond, dann in Krälingen und Tilburg und die letzten Jahre bis 1884 auf Haus Strabeek bei Houthem. Endlich, nach fast neunjähriger Verbannung schlug für den hart geprüften Ober- hirten die Stunde der Erlösung. Durch Kabinettsordre Kaiser Wilhelms I. wurde das Absetzungsdekret gegen den Bischof Johann Ber- nard aufgehoben und ihm die Rückkehr in seine Diözese frei gegeben. Glockengeläute von allen Kirchen des Bistums verkündete am 24. Januar 1884 dies frohe Ereignis. In Münster entwickelte sich sofort eine fieberhafte Tätigkeit, dem geliebten Oberhirten einen festlichen Empfang zu bereiten. Trotz des Winters wurden alle Straßen in Alleen verwandelt. Still kehrte der Bischof am Abend des 11. Februar in Laienkleidung mit dem letzten Zuge zurück. Zehntausende von Män- nern aus allen'Gegenden der Diözese waren unterdessen nach Münster geeilt, den Oberhirten nach neunjähriger Trennung wieder zu sehen und ihm ihre Huldigung darzubringen. Am Abend des 12. Februar bewegte sich ein unabsehbarer F a ck e l z u g durch die Straßen der Bischofsstadt. Sechs Musikkorps begleiteten denselben zuni bischöflichen Palais. Nach Absingung eines Festliedes begrüßte Oberbürgermeister Scheffer- Boichhorst namens der Stadt den Bischof. Gleich darauf richtete Freiherr Dr. von Schorlemer-Alst int Namen der ganzen Diözese eine begeisterte Anrede an den Oberhirten. Als nun Johann- Bernard die vor dem Hoftor errichtete Estrade betrat und die Volksmenge ihn zum ersten Male erblickte, erhob sich ein Freudenjubel und ein vieltausendstimmiges Hochrufen. Lange Zeit dauerte es, bis der Bischof das Wort ergreifen konnte. Tiefgerührt dankte er Gott ,der ihn wieder zu seiner Herde zurückgefllhrt, und der Gottesmutter, durch deren Fürbitte er wieder in der Mitte der ©einigen stehe. Ferner dankte er dem Kaiser, durch dessen landeÄoäterlnhe Huld die Hindernisse seiner Rückkehr beseitigt feiert. Sodann lobte er seine Diözesanen für alle Liebe, Treue und Anhänglichkeit, die sie ihm während des langen Exils erwiesen, und spendete am Schlüsse den oberhirtlichen Segen. Am folgenden Tage, der wie der vorhergehende vom schönsten Frühlingsweiter begünstigt war, hielt der Bischof ein Danksagungs-Pontifikalamt. In
feierlicher Prozession, an welcher sich 350 Priester beteiligten, wurde er zum Dome geführt. Die weiten Hallen des Domes waren bis zum letzten Plätzchen gefüllt; zehntausende wohnten auf dem Domplatze der hl. Handlung bei. Nach Beendigung derselben, als der Bischof die vor dem Dom errichtete Tribüne betreten hatte, erscholl endloser Jubel und die Volksmenge stimmte begeistert das Lied: „Fest soll mein Taufbund immer stehen" an. Darauf erteilte der Bischof feierlich den Segen und wiederum saug die Volksmenge: „Großer Gott, wir loben Dich". Abends war die ganze Stadt bis in die kleinsten Gäßchen illuminiert. Nie hat Münster eine ähnliche Feier erlebt.
Die jetzt Heranwachsende Generation kennt die Leiden des Kulturkampfes nur vom Hörensagen. Es ist darum gut, wenn von Zeit zu Zeit einmal daran erinnert wird, damit wir Misten, was wir zu erwarten haben, wenn ein neuer Kulturkampf losbricht.
Deutsches Reich.
Die sozialdemokratische Landtags- Fraktion hat zur Etatsberatung drei Anträge eingebracht. Zum Etat der Bauverwaltung will sie die König!. Staatsregierung ersuchen, einen Gesetzentwurf zur Regelung des Bauarbeiterschutzes vorzulegen, der insbesondere die Anstellung von Baukontrolleuren aus der Arbeiterklasse vorsieht. Zum Handels-Etat will sie die Staatsregierung ersuchen, einen Ausbau des Systems der Gewerbe- Inspektion nach der Richtung hin vorzunchmen, daß zur Gewerbe»Aussicht auch Aerzte und Arbeiter hinzugezogen werden, und ferner, daß in ledem Gewerbeinspektions-Bezirke mindestens eine weibliche Kraft angestellt wird. Zum Ministe- rium des Innern wird beantragt, das Haus der Abgeordneten wolle beschließen, die StaatSregie- rung zu ersuchen, sobald als möglich einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den unter Aushebung aller zurzeit in Preußen geltenden Stadt- und Landgemeinde-Ordnungen für den gesamten Umfang der Monarchie eine einheitliche Gemeinde- Ordnung auf folgender Grundlage erlassen wird; a Bildung der Gemeinde-Vertretung durch allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlen; Gewährung des aktiven und passiven Wahlrechtes an alle über 30 Jahre alten Einwohner der Gemeinde ohne Unterschied des Geschlechtes; Aufhebung aller Besitz-Privilegien; Einkam-ner- System; b) Beschränkung des staatlichen Auf- stchtsrechteS auf das Recht der Beanstandung ungesetzlicher Verwaltungs - Akte der Gemeinden; Prüfung ihrer Gesetzmäßigkeit durch die ordent- lrchen Gerichte; Aushebung der die Selbstverwaltung einschränkenden Befehlsgewalt der Staatsbehörden gegenüber den Gemeinden.
):( Gegen die Schundliteratur. Di? Gene- ral-Direktiou der würltembergischen Staatsbahn hat auf den Wunsch des Vereins für ländliche Wohlfahrtspflege in Württemberg, die Ge- neral - Direktion möge auf den Verkauf nur gesunder Lektüre, insbesondere auch geeigneter guter Volksbücher hinwirken, den Bahnhofs-Buchhändlern zur Aufgabe gemacht, Schundliteratur von den Verkäufen auf den Bahnhöfen auszuschließen und bei der Auswahl von Drucksch iften mit dem Verein in Verbindung zu treten.
‘ Ei» Stückchen vom Evangelischen Bunde in Ostpreußen. Wie dem Graudcnzer „Geselligen" aus Königsberg i. Pr. berichtet wird, hielt der „Ostpreußische Hauptverein des Evangelischen
Bundes" eine Vertreterversammlung ab, die sich mit der Angelegenheit: Ostpreußische Landge- sellschaft, Wormditter Zentralkasse, deutscher Hilfsverein Regerteln, Evangelischer Bund und die Veröffentlichung des Hauptvorstandes des Ostprenßi scheu Evangelischen Bündels im Anschluß an ine Vorgänge mit der Landgesellschaft zu beschäftigen die Absicht hatte. Der Hauptvor- stand hatte nun an die Redaktionen der Königsberger Zeitungen sich mit dem Ersuchen gewandt, Berichterstatter in diese Versammlung zu entsen- den, iedoch mit der Maßgabe, daß diese ihre Berichte vor der Veröffentlichung zuerst dem Vorstände vorzulegen hätten. Die Zeitungen haben diese Zumutung aber abgelehnt. Daraus gcht wohl klar hervor, daß in jener Ge- heimsitzung Dinge zur Sprache gebracht und beraten worden sind, deren Veröffentlichung wegen ihres ausgesprochen katholikenfeindlichen und ge- hässigenJnhalts selbst durch protestantische Blätter man fürchtete.
Ausland.
♦ Ter Kampf um die Seelen der Kindck. Das in die Angelegenheit der Verschleppung ka- tholischer Waisen aus Sizilien und Kalabrien in waldensische und protestantische Anstalten verwickelte Patronat Regina Elena verbreitet jetzt eine Miteilung, wonach die Präfekten von Florenz und Turin nach einer sorgfältigen Untersuchung festgestellt hätten, daß sich in den Waldenser-Jnstituten der betreffenden Bezirke keine Kinder aus den Erdbebengebieten befänden, wenigstens keine katholischen. Die katholischen Organe dagegen halten ihre gegenteiligen, zum größten Teile mit Ort, Name und Zeit präzisierten Behauptungen aufrecht. Die katholischen Damen Neapels haben in einer Versammlung vom 5. Februar eine energische Protestresolution beschlossen. Selbst die l i b e r a l e n Blätter Mattino und Giorno haben deutlich gegen die Tendenzen des Komitees Stellung genommen. Was uns deutsche Katholiken aber am meisten und am peinlichsten überraschen muß, ist die aus bester Quelle stammende Nachricht, daß sogar die von der deutschen Hilfsaktion gesammelten Gelder auch für die Protestantisierung katholischer Kinder Verwendung finden sollten. In der protestantischen Casa Materna sind noch 26 katholische Kinder im Alter von drei bis 12 Jahren untergebracht.
volkswirtschaftlicher und Soziales.
)( Eine erhebliche Vermehrung der Zahl der Aerzte im Deutschen Reiche steht in den nächsten Jahren bevor. Bekanntlich hat die Zahl der Medizin Studierenden nach der amtlichen Slatistlk in den letzten drei Jahren um 36 Prozent zugenommen, obwohl schon in den früheren Jahren der Andrang zum Studium der Medizin so groß war, daß der Bedarf an Aerzten für absehbare Zukunft reichlich gedeckt erschien. Während im Prüfungsjahr 1906/07 553 ärztliche Approbationen erteilt wurden, haben in dem gleichen Jahre sich 1038 Studierende der sogenannten ärztlichen Vorprüsung erfolgreich unterzogen, nach deren Ablegung noch ein Studium von etwa fünf Semestem und die Ableistung des Praktikanten- jahres erforderlich ist, um die ärztliche Approbation zu erlangen. Es ist also in 3—4 Jahren eine unverhältnismäßig großer Zuwachs an Aerzten zu erwarten, der sich jedoch mcht auf die obengenannte Zahl beschränken wird. Es kommt vielmehr hinzu eine große Reserve von älteren Kan
didaten der Medizin und Medizinalpraktikanten die zu jenem Zeitpunkt gleichfalls in die Praxis treten werden, außerdem noch die große Zah! von jüngeren Aerzten aus früheren Jahren, dii in Ermangelung auskömmlicher Praxisstellen nach wie vor sich mit Vertretungen, Assistenten- uni Schiffsarztstellen behelfen müssen, um nicht be- schästigungslos zu sein. Den angehenden Aerzten bieten sich deshalb bis auf weiteres trübe Aussichten für die Zukunst, und die Folgen der Uebersüllung des Standes für diesen selbst, fowii für die Allgemeinheit sind kaum abzusehen.
Aus dem Nachbargebiete.
* Gelnhausen, 15. Febr. 1909. Infolge Hochwasserbeschädigung ist der Landweg von Kampfenbrunn nach Mosborn auf längere Zeit für den öffentlichen Verkehr gesperrt.
C. Groß-Auheim, 14. Febr. 1909. In der gut besuchten Monatsversammlung des kathol Männervereins hielt der Eisenbeamte Herr Heigel einen sehr interessanten Vortrag über Lourdes und die Lourdeswunder. — Der Gesangverein „Eintracht" veranstaltet zu Pfingsten einen Gesangwettstreit.
* Heringen, 15. Febr. 1909. Das letzte Hochwasser hat im Werratal verschiedene Landwege arg mitgenommen. So sind die Landwege Heimboldshausen-Harnrode und Lengers« Wolfershausen derart zerstört wordsn, daß sie für den Verkehr gesperrt werden mußten. Auch der Fußweg von hier nach Widdershausen wurde gesperrt, da das Hochwasser die über den Schwär- zengraben führende Brücke weggerissen hat. Auch an den Ländereien wurde viel Schaden angerichtet.
):( Kassel, 15. Febr. 1909. Maximilian Harden, der als Wanderredner in den letzten Wochen das Rheinland und Westfalen — beglückte, wird am Mittwoch Abend hier im Stadtparksaale einen Vortrag über „Die politisch« Sage" halten. Die Eintrittspreise betragen 4, 3 und 2 Mark. Man sieht hieraus, daß Harden ein guter Geschäftsmann ist. — Die hiesige Kr i e- gersanitätskolonne beging am 13. und 14. d. M. das Fest ihres 25jährigen Bestehens, Die Veranstaltungen waren alle sehr zahlreich besucht und verliefen in der würdigsten Weise.
* Weende bei Göttingen, 13. Febr. 1909. Gestern abend zwischen 8 und 9 Uhr wurde eine junge Dame in der Nähe der Oberdiek'schen Fabrik an der Weenderchanssee von einem Manne angebalten und durch einen Schlag auf den Kopf zu Boden geschleudert. Der Täter ent- riß der Dame eine Handtasche mit 30 I Inhalt und entfloh.
* Griesheim, 15. Febr. 1909. Auf dem hiesigen Truppenübungsplatz beginnen die Mainzer Pioniere mit dem Bau einer großen für militärische Zwecke bestimmten Luftschi ff halle auf der höchsten Stelle der weiten Ebene, die sich durch ihre Lage bestens für Flugversuche, für Landungen als Zufluchtshafen eignet. Die Hebungen sollen im Frübjahr beginnen.
* Aschaffenburg, 13. Febr. 1909. Gestern sind die ersten Stare eingetroffen.
vermischter.
* Räuberischer Neber fall. Zwei maskierte Banditen hielten den Denver-Rio Grande- Eisenbahnzug in der Nähe von Fort Legan auf und zwangen den Heizer und den Maschinisten, ihnen die eingeschriebenen Postsachen aus- zuliefern, die sie raubten. Hieraus gaben sie, um die Fahrgäste einzuschüchtern, 50 Schüsse ab, es wurde niemand verletzt. Die Räuber sind ent-
ZIN Sonne des Geheimnisses.
33J Aus dem Englischen von K. o. Raesfeld.
„Und wie hast Du Dich kürzlich amüsiert, Eve? Lord Wayne sagt mir, Du wärest sehr munter und lustig gewesen."
„Wir haben einen sehr angenehmen Besuch auf Downham gemacht. Ich habe die Ramseys so gern, Marian. Lady Romsey ist eine der liebenswürdigsten Frauen, die ich kenne, und ihr Sohn, Lord St, Gilbert, ist vollständig entzückend. Er erkundigte sich sehr liebenswürdig nach Dir."
„Er ist von Cambridge also wieder zurück," sagte Miß West gleichgültig.
"Ja; — i propos — ich hatte in meinen Brie, fen vergessen. Dir von dem Unglücksfall zu be* richten, der ihm zugestoßen. Seine Mutter wird rhn letzt sicher nie wieder ans den Augen lassen, das steht fest. Er ist, wie Du weißt, alles eher, tote stark, und nun ging er aus, rudern, mit zweien feiner Freunde, fiel in den Fluß, und wäre ertrunken ohne den Heldenmut eines der Kölle- gen, der ihn rettete. Er ist wirklich soeben davon gekommen — noch eine Minute länger im Wasser, und das Beben wäre entflohen gewesen, sagten die Aerzte."
„Es freut mich sehr, daß er gerettet worden; Lad", Romsey würde andernfalls von diessm Schlag sich nie wieder erholt haben."
„Der junge Held, der ihn gerettet hat, ist jetzt auc Downlxun; sie wollen ihn überhaupt, nicht Wieder geben lassen; er ist dort gerade wie ihr eigenes Kind."
„Sicherlich werden sie ihm äußerst dankbar fein", bemerkte Miß West zerstreut. „Heute wird aber spät gespeist, Eve."
„Mortimer und ich verliebten uns beide sofort in diesem jungen Studenten, Marian; es ist mein vollkommenes verkörpertes Ideal; ist alles was sxin junger Mann sein sollte — schön, denn sein
Okfidit ist so hübsch und geistvoll; begabt, ein Dichter, ein Künstler, und von so bezauberndem ungekünstelten Wesen —"
..Meine liebe Eve, Mortimer wird eifersüchtig werden," unterbrach die Schwester lächelnd.
„Nein, nein, Mortimer gefällt er ebensogut wie mir; er hat ihn gebeten, nach Kenninghall berüberzukommen. Er ist keine Zwanzig," fügte sie mit einem Lächeln bei, „sodaß wohl sehr wenig Grund zur Eifersucht vorhanden fein dürfte."
Miß West schien kein besonderes Interesse für den Günstling ihrer Schwester zu empfinden.
„Wie heißt Dein junger Held denn?' fragte sie zerstr''ut, nur um etwas zu sagen.
„Er bat einen sehr romantischen Namen me- nigstens Vornamen — Werner Jefferies. Marian, Marian, was gibt's", rief sie dann plötzlich erschreckt, denn Miß West war in ihren Stuhl zurückgefallen, Todesblässe auf dem Gesicht.
„Liebste Schwester," schrie Lady Wayne, „um's Himmelswiüen, was gibt's?"
„Nichts," erwiderte Marian und versuchte, sich mit größter Willenskraft wieder aufzurichten und ihren Zügen den gewohnten .gleichmütigen Ausdruck zu geben. „Sieh nicht so erschreckt drein, Eve; es war nur ein Schmerz, ein scharfer stechender Schmerz, der zu Zeiten kommt und mir durch's Herz schießt."
„Du solltest einen Arzt zu Rote ziehen," sagte Lady Wayne ängstlich.
„Es ist wirklich nichts. Sich, — jetzt ist es schon vorüber."
Lady Wayne legte ihren juwelenbesetzten Fä- cher hin, beugte sich über die Schwester und küßte sie zärtlich
„Ach die Farbe kommt in Deine Lippen zu- rück," sagte sie besorgt. „Marian, wie hast Du mich erschreckt!"
„DaS tut mir leid, Liebling. Siehst Du, Eve, ich werde älter und kann nicht erwarten, eine so andauernde Gesundheit zu behalten, wie ich mich
ihrer bis jetzt, Gott sei Dank, erfreut habe; es kann nicht immer so bleiben."
„Ich möchte Dir all meine Kraft geben," sagte Lady Wayne, sie liebevoll und besorgt ansehend.
„Ich weiß, das würdest Du, Liebling," erwiderte Marian und drückte ihr die Hand. „Aber es inlcreffiert mich sehr, was Du mir jetzt gerade erzähltest, Eve; ich habe den Namen nicht recht verstandeil — wer, sagst Du, hat Lord St. Gilbert gerettet?"
19. Kapitel.
Die grünfeibene Börse
Lady Wahne lächelle.
„Du wirst ihn ebenso gern haben, wie wir, wenn Tu ihn siehst, Marian. Sein Name ist Werner JefsAies. Was mich als so merkwürdig frappierte, ist, daß ich den Namen Werner sicher schon ftüher gehört haben muß."
„Sehr wahrscheinlich," sagte Miß West. Nur sie selbst wußte, welche Anstrengung es ihr kostete, ihre steifen, blaffen Lippen frei und deutlich reden zu lassen. „Ich selbst habe zwei Personen des Namens Werner gekannt, sodaß es also ein wohl- bekannter Name sein muß. Ich denke, er gehört irgend einer sehr feinen Familie an."
„O nein", widersprach Lady Wayne. „Ich muß Dir noch sagen, weshalb Mortimer und ich ihn so gern leiden mögen. Die meisten Leute machen, wie Du weißt, das Beste aus sich selbst; versuchen sich als von besserer Herkunft hinzu stellen, als es tatsächlich der Fall ist. Nun ist er aber so ganz anders: er erzählte uns ganz offen und frei, daß fein Vater ein armer Arbeiter, ein Bahnwärter gewesen, der verunglückt sei; seine Mutter fei eine biedere, gewöhnliche, hausbackene Frau; fein Heim ein. führ ärmliches. Bewunderst Du nicht den Mut des jungen Mannes, der eine derartige Geschichte vor Leuten erzählt, die die Welt aristokratisch nennt?"
Miß West antwortete nicht sogleiich. Ihre Hände hatten sich krampfhaft zusammengeballt.
und ein verzweifeltes Gebet um Kraft stieg ihr auf die Lippen.
Tann, sich bemühend, einen gleichgültigen Ton anzuschlagen, sagte sie:
„Aber wie kam Dein Held auf die Universität, Eve? Bahnwärter senden ihre Söhne selten nach Cambridge. "
„Sein Vater starb, als er noch ein ganz kleines Kind war, wenigstens habe ich ihn so verstanden, und seine Mutter lebt von einer kleinen Pension. Er gewann ein Stipendium in Ferry- hill bei Elton. Du hast von der Grammatikschule in Elton 'mal gehört, Marian?"
„Das ist ja ein ganzer Roman," erwiderte sie, aber ihre Lippen zitterten so heftig, daß sie sich kaum enthalten konnte, laut aufzuschreien.
„Ja", sagte Lady Wayne, erfreut darüber, das Interesse ihrer Schwester erregt zu haben; „ich habe mich sehr gut bei ihm unterhalten .. Er erzählte mir auch, er hätte eine Fee zur Patin."
„Eine Feie zur Patin?" wiederholte Marian West stammelnd. „Was meint er damit?"
„Eine unbekannte Freundeshand sendet ihm Geld und Geschenke, jedes Jahr. Er hat auch einen Talisman — eine grünseidene Börse."
„Eine grünseidene Börse!" wiederholte Miß West abermals langsam; es schien ihr, als ob ihr Herzschlag jeden Augenblick aussetzen müsse.
, „Jawohl", lachte Lady Wayne. „Wenn Du mich für abergläubisch hältst, Marian, so bin ich gespannt, wie Du ihn nennen willst. Er sagte mir, er habe so eine bestimmte Ueberzeugung, daß es ihm gelingen werde, diesen unbekannten freundlichen Spender vermittelst der gr-ünseide» neu Börse ausfindig zu machen."
Miß West wurde noch blasser; ihre Lippen zitterten.
„Und Du," sagte sie — „Du hast ihn gesehen?"
lFortsetzung folgt)