Fulda, Montag den 15. Februar 1909.
36. Jahrgang.
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Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 13. Februar 1909.
Auf der Tagesordnung steht zunächst die
dritte Beratung deS & Nachtragsetat für 1908, der zur Verzinsung der Mittel, die zur vorübergehenden Verstärkung der Reichshauptkafse ausgenommen werden, 41/» Millionen Mark, und für die Berufs- und Betriebszählung für 1907 1 718329 Mark fordert.
Abg. Graf v. Kanitz (kons.): Bei der zweiten Lesung des Nachtragsetats stellte Herr Kaempf die Sache so hin, als ob für unsere Reichskaflenscheine eine Deckung überhaupt nicht vorhanden ist. Ich muß dieser Auffassung entschieden widersprechen.
Abg. Dr. Arendt (Rp.) beantragt den Nachtrags- elat nicht als sechsten, sondern als fünften zu erklären, da der bisherige fünfte Nachtragsetat noch nicht erledigt sei.
Abg. Mommsen (frs. Vgg.): Die vom Grafen Kanitz angeschnittene Frage hat mit dem Nachtragsetat nichts zu tun. Im übrigen sind wir anderer Meinung als er.
Abg. Speck (Ztr.): Gesetzlich ist ein Zusammenhang zwischen dem Reichskriegsschatz und den Reichs- kasfenscheinen nicht festgelegt. Es wurde aber seiner Seit im Reichstage festgestellt, daß für die ausgegebenen eickskassenschetne gewissermaßen durch den Reichskriegsschatz eine Garantie gegeben sei. Die Regierung hat damals nicht widersprochen.
Nach einer Replik deS Abg. Graf v. Kanitz wird der Nachtragsetat mit dem Antrag Arend endgiltig angenommen.
Der Etat des Reichsamts deS Innern wird weiter beraten bei Kapitel „Reichsgesundheitsamt".
Abg. Dr. Mugdan (frs. Bp.) erörtert die Frage des Apothekenmonopols in Bezug auf gereifte Hausmittel ;n>ie Rhabarber usre., sowie Essigsäure. Der Redner richtet an die verbündeten Regierungen die Frage, ob tsie beabsichtigen, das längst in Aussicht gestellte Heb- amwengeietz vorzulegen oder nicht.
Präsident des ReichsgesundheitSamts Dr. Bnmm: Schon im vorigen Jahre hat der Staatssekretär die Regelung des Hebammenwesens für Landessache erklärt. Es spielen da soviel Spezialfragen mit, daß eine lan» desgefehliche Regelung den Vorzug verdient. Aber es > schweben Verhandlungen darüber, wie sich bestimmte einheitliche Grundsätze herbeiführm lassen, nach denen die einzelnen Landesregierungen das Hebammenwesen einheitlich regeln können.
Das Kapitel wird bewilligt, ebenso das Kapitel „biologische Anstalt für Land- und Forstwirtschaft".
Es folgt das Kapitel „Patentamt".
Abg. Junck (natl.): Wieweit sind die Vorarbeiten zu dem neuen Patentgesetz gediehen? Hoffentlich werden die Grundprge bald der Industrie bekannt gegeben, damit diese dazu Stellung nehmen kann. Das Erfinderrecht der Angestellten muß im neuen Gesetz geregelt werden. Zunächst muß der Angestellte das Ehrenrecht erhallen, seinen Namen mit seinem Patent zu verbinden.
Staatssekretär v. Belhmann-Hollweg: Die Vorarbeiten für die Reform unserer Patemgesetzgebung einschließlich der organisatorischen Aenderungen im en tarnte sind soweit gediehen, daß unmittelbare mündliche Verhandlungen zwischen den beteiligten ktelsorts eröffnet worden sind.
Das Kapitel wird bewilligt.
Es folgt das „Reichsversicherungsamt".
Abg. Erzberger (Zentr-): Die in Atrssicht gestellte Rüchsversicheruugsordnung sollte bald der -Oeffentlich- keit zugänglich gemacht werden, damit die beteiligten Kreise dazu Stellung nehmen können. Ich möchte an« fragen, wie weit die Vorarbeiten über eine Einschränkung der Vorschußleistungen der Poiverwaltung an die Berussgenossenichasten gediehen sind. Aus den Kavitalien der Invalidenversicherung sollte für Ber- beiietung des Wohnungswesens mehr aufgewerrdet un2 namentlich außerhalb der Mündelsicherheit — in zweiten Hypotheken — mehr angelegt werden. Alle gemeinnützigen Vereine, die sich die WohnungSpflege für unverheiratete Arbeiter zur Ausgabe machen, müßten von den Landesverstcherungsan- stalien unterstützt werden. Für die Herlfüriorge'muß
nach wie vor alles aufgewendet werden, was sich dafür erübrigen läßt. Auch die Diakonissenanstalten au dem Lande bedürfen der Förderung. In katholischen Kreisen vermißt man vielfach das gleiche Entgegenkommen gegen die Kirchengemeinden für die Gemeindekrankenpflege, wie es die evangelischen Kirchengemeinden genießen. Nur Hessen-Nassau macht da eine rühmliche Ausnahme, wo beide Konfessionen wirklich gleichmäßig behandelt werden. Mit der Heilstättenbewegung kann man einstwellen zufrieden sein, ein abschließendes Urteil wird sich erst in 10 bis 15 Jahren abgeben lassen. Aber auch hier müssen Benachteiligungen der Katholiken gegenüber den Evangelischen beklagt werden. Mir liegen Beschwerden über Belästigung der katholischen Kranken in württembergischen Heilstätten vor, für die man unbegreiflicherweise auch keine eigene Kapelle trotz deS reichlich vorhandenen Platzes errichtet hat. Der Landesvorsitzende der Heilstätten für Württemberg zeigt leider nicht die notwendige Objettivität, um auch de» berechtigten Wünschen der Katholiken gerecht zu werden. (Beifall int Zentrum.)
Abg. Bogt (ntl.s: bespricht die Notwendigkeit der Zuziehung von Arbeitern zur Grubenkontrolle.
Württembergischer Bundesratsbevollmächtigter Dr. Köhler verwahrt feine Regierung gegenüber den Borwürfen des Abg. Erzberger.
Abg. Göring (Zentr.) tritt für eine Erleichterung der Bestimmungen über den Reservefonds bei den Be- rufsgenossenschasten ein.
Abg. Renner (ntl.) wünscht, daß die jetzt nur fakultative Kapitalsabfindung ganz kleiner Renten obli- !^atorisch gemacht wird. Die Handwerkergenossenschaften ollten unterstützt werden und die Feuerwehrleute müssen in die Versicherung hinemgezogen werden.
Ministerialdirektor Casper: Es wird nicht gut möglich fein, die Handwerkergenossenschaften aus den Fonds der Berufsgenossenschaften zu unterstützen. Eine Aenderung der Bestimmungen über die Anlage des Reservefonds wird bereits erhoben.
Abg. Erzberger (Ztr.): Ich bleibe dabei, daß die Parität in Württemberg zu wünschen übrig läßt. Vom Krankenpflegerpersonal der Heimstätten sind 71 evangelisch und nur neun katholisch. Ich bedauere es sehr lebhaft, daß ich meinem Landsmann, Dem württembergischen Bundesratsbevollmächtigten meinen Dank für seine Erklärung nicht aussprechen kann Es ist meine Pflicht, Wünsche meiner Wähler hier im Reichstage vorzutragen. Wenn ich mich an das würllembergische Ministerium gewandt hätte, dann hätte man mir wohl gar den Vorwurf der Nebenregierung gemacht, (vetter- keit.) Ich hoffe, daß Untersuchungen aygestellt werden, und daß wir bei der 3. Etatsberatung Auskunft über die württembergischen Verhältnisse erhalten werden. (Beifall im Zentrum.!
Abg. Dr. Mugdan (freis. Vp.): Es ist sonderbar, daß das Zentrum hier wieder mit konfessionellen Streitigkeiten kommt.
Abg. Erzberger (Ztr.): Was hat denn das Zentrum mit der Sache zu tunä. Ich have in meinem Wahlkreise auch viele evangelische Wähler, die mich gerne reieder- wählen.
Das Kapitel wird bewilligt.
Beim Kapitel Aufsichtsamt für Privatversicherung liegt eine Resolution des Zentrums vor auf sofortige Vorlegung eines Gesetzentwurfs, der das Verbot der Abonnentenversicherung bringt. Ein Antrag Bassermann (natl.) fordert Ablehnung dieser Resolution und Herausgabe einer Denkschrift darüber.
Abg. Dr. Marcour (Ztr.) empfiehlt die Resolution seiner Partei. Kein anständiges literarisches Unternehmen sollte sich mit einer folchen Abonnentenversicherung befassen. Erfreulich ist, daß der Verein deutscher Zeitungsverleger unter Leitung des früheren Abg. Dr. Jaenicke in Hannover sich so entschieden gegen diese Abonnentenversicherung ausgesprochen hak. Von den 9000 deutschen Zeitungen benutzen nur noch 34 dieses Lockmittel, und davon sind nur 8 politisch. Zumeist handelt es sich um Fach- und Unterhaltungs- blätter.
Abg. Bassermann (natl.) begründet die Resolution seiner Partei. Die Mateiie ist zu kompliziert, als daß man schon jetzt mit einem Verbot tingretfen könnte. Wenn die Abonnentenoersicherung dem Aufsichlsamle unterstellt wird, kann die Gefahr als beseitigt gelten.
Ministerialdirektor Casper: Die Regieruiig wad eine Denkschrift darüber veröffentlichen. Daraus wird sich ergeben, daß es sich um zwei ganz verschiedene Formen der Versicherung handelt.
Abg. Dr. Frank-Mannheim (So;.): Nicht nur ans verstcherungstechnlschen Gründen, sondern auch im
Interesse der Volksbildung muß eingeschritten werden; denn diese Art Presse liefert dem Volke minderwertige Kost.
Abg. GiesbertS (Ztr.): Seit ich im vorigen Jahre die Sache zur Sprache brachte, haben alle größeren Verbände und Vereine der Zeitungsverleger und der Presse versucht, die Sache weiter zu verfolgen. Keine Stimme der Verteidigung har sich erhoben. Es handelt sich geradezu um eine Korruption des Volksgeistes. (Beifall im Ztr.)
Nach kurzer weiterer Beratung wird die Abstimmung über diese Resolution bis zur 3. Lesung zurück- gestellt.
Es folgen die einmaligen Ausgaben.
Das t^traordinarium wird bewilligt.
Montag: Dampfersubventionen, Etats des Reichstages und des Reichseisenbahnamtes.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 13. Februar 1909.
Das Haus setzte die zweite Lesung des evangelischen Pfarrerbesoldungsgesetzes fort. Das Haus hatte die Vorlage an die Kommission zurückverwiesen zur Beratung eine» Antrages des Abg. Winckler (kons.!, der um 500000Mark erhöhteMittel für den Witwen- und Waisenfonds verlangte. Die Kommission hat diesen Antrag angenommen. Das Gesetz normiert die Gehälter der Geistlichen auf 2400 bis 6000 Mark.
Abg. Winckler (kons.) befürwortet alS Berichterstatter der Kommission Deren Beschlüsse.
Finanzminlster Freiherr v. Rheiiibaben: Die Regierung muß entschieden Wert darauf legen, den Grundsatz anerkannt zu sehen, daß für die Bedürfnisse der Kirche diele in erster Linie zu sorgen hat. Außerdem kann sich die Regierung bet der schlechten finanziellen Lage nur mit dieser Erhöhung um 500 0 0 Mk. einerstanden erklären, wenn das Haus bereit ist, auch für die Deckungsmittel su sorgen.
Die Abgg. Gras v. Carmer (kons.), Mrbringer ntl), Biereck (freikons.) und Eickhoff (freit Vp > sprachen sich für Die durch den Antrag Winckler gefchasfene Besserung der Lage der Wttwen aus.
Ein don konservaliver Seite gestellter Antrag auf Schluß der Besprechung wird mit den Stimmen der Konservativen, Freikonservgtiven und Nalionalliberalen gegen die Stimmen des Zentrums, b«r Freisinnigen, Sozialdemokraten und Polen angenommen.
Zur Geschäftsordnung bemerkt:
Abg. Hoffmann (L>oz.): Ich stelle fest, daß durch Ihren Belchluß es meiner Partei zum wiederholten Male unmöglich gemacht ist, in äußerst wichtigen und prinzipiellen Sachen zu Worte zu kommen. Durch riefe brutale Anwendung der Gelchäfisordnunasmstle! Glocke des Präsidenten. Abg. Hoffmann läßt sich tnrch die Glocke des Präsidenten nicht stören, sondern schreit laut in den Saal): Durch diese brutale Anivendung Ihrer MiNel, durch diese Gemeinheit haben Sie sich selbst gerichtet. (Lebhaftes Sehr richtig! bei den Soz.) Abg. v. Pappenheim (tonf.): Die letzten Worte zeigen, wie berechtigt unser Schlus antrag war. — (Sehr richtig! rechts.)
Vizepräsident Dr. Porsch ruft den Abg Hoffmann zur Ordnung.
Abg. v. Arnim-Züsedom (kons.) Wir haben unseren Schlnßantrag nur gestellt, um den Abg. Hoffmann zu verhindern, eine ähnliche Rede zu ljaliei', wie bei der ersten Lesung dieser Vorlage. Damals hat das Haus dem Abg. Hoffmann das Wort ent.; gen, nrchdcm er dreimal zur Ordnung gerufen lvar.
Abg. Hoffmann (Soz.l petjönlidj: Meine damalige Rede habe ich draußen noch einmal gehalten, außer em ist sie Ihnen auch in einet Broschüre zngegarigen. Das beroeist, daß der Staatsanivalt draußen viel loyaler ist wie Sie als gesetzgebende Körperschaft. (Sehr richtig! b. d. So;.)
Bei einem späteren Paragraphen der Vorlage ist Abg. Hoffmann (So;.) als einziger Redner zum Worte gemeldet. Bevor ihm der Präsident das Wort erteilen kann, ist aber wieder ein konservaliver Schlußantrag eingegangen, der im Haute mit der gleichen Mehrheit angenommen wird, tute der erste Schlußantrag, und sonnt w.ederuin dem Abg. Hoffmann das Wort entzieht. Avg. Hoffman« ruft bet ric’er Gelegenbett laut in den Saat: Das ist die Brutalität der Macht!
Das Pfarrerbesoldungsgesetz für die evangelische» Geistlichen wird darauf in der Fassung der Komimssio» mit dem Antrag Winckler, angenommen.
Es folgt die Beratung des Gesetzentwurfs betr.
das Diensteinkommen der katholischen Pfarrer.
Der Entwurf setzt die Gehälter der kathol. Pfarre» auf 2000 bis 4000 Mk. fest. Ein Antrag Dr. PorsH (Ztr.) will die königl. Staatsregierung ersuchen, int Einvernehmen nut den bischöflichen Behörden staatlich» Mittel bereit zu stellen, aus welchen zum Dtensteim kommen der kathol. Hilfsgeistlichen (Kapläne, Vikare Rektoren) Beihilfen gewährt werden. Weiter beantragen das Zentrum und hie Polen, die Ausnahmebestim mungen für die Erzdiözese Posen-Gnesen und die Diözese Kulm zu streichen, wonach die Zulagen widerruflich allen Pfarrern gewährt werden, sofern sie nicht durch die Betätigung einer dem preußischen Staate ober dem deutschsprechenden Teile der Bevölkerrmg feindliche» Gesinnung das friedliche Zusammenleben der Bevölk» rung oder sonst die staatliche Ordnung gefährden.
Abg. Tourneau (Zentr.) führt als Berichterstatter der Kommission aus: Die katholischen Geistlichen sind nicht Staatsdiener, sondern dienen der Kirche. Dies« hat ihnen daher das ihrer Stellung entsprechende Einkommen zu gewähren. Da aber die Pfründen hierzu meistens nicht ausreichen und die katholische Kirch« durch die Säkularisation der Mittel benommen ist, über die Pfründe hinaus ihre Geistlichen zu dotieren, so ist sie auf die Unterstützung des Staates angewiesen. Der Staat erkennt eine rechtliche Verpflichtung für die Unterstützung nur an, soweit ihm eine solche durch di« Bulle „de salate animarum“ auferlegt ist. Er gibt aber auch zu, daß ihm auf Grund der Säkularisation eine gewisse moralische Verpflichtung obliege, der katholischen Kirche Beihilfen zu gewähren. Dies geschieht aber nur inioweit, als die katholischen Kirchengemeinden leistungsunfähig sind und die bischöflichen Behörden auch ihrerseits Mittel für diesen Zweck zur Verfügung stellen. Die kirchlichen Mittel können nur durch Diözesansteuern aufgebracht werden. Dte katholischen Gemeinden haben aber außer den Pfarrern auch noch die Hilfsgeistlichen ohne jede Beihilfe zu unterhalten. Der Staat erkennt den Grund des Episkopats, daß die Höhe der staatlichen Beihilfen in demselben Verhältnis zu der für Die evangelische Geistlichkeit eingestellten Summe stehen müsse wie die Kopfzahl der Katholiken zu der der Evangelischen nicht an. Der Staat hat es entschieden und wiederholt abgelehnt, die katholischen Pfarrer bett evangelischen Pfarrern gleichzustellen. Die katholischen Pfarrer beziehen nach bem neuen Entwurf ein Gehalt von 1800 bis 4000 Mark. Die aus Staatsmitteln zur Ausbesserung bes Diensteinkommens gewährten jährlichen Beträge sind um 2180000 Mark erhöht, an Beihilfen für neu zu gründende Pfarrstellen sind statt 200 000 jetzt 400000 Mark und für den Emeritenfonds neu 120 000 Mark in Ansatz gebracht. Der Finanzminister hat sich in der Kommission bereit erklärt, di« letztgenannte Summe zu erhöhen, sodaß die katholisch« Kirche vom Staat ein Mehr von 2,73 Millionen erhalten soll.
Finarzminister Frhr. v. Rheinbaben: Nachdem wir für bie evangelischen Geistlichen einen Fonds um 500000 Mark erhöht haben, ist es selbstverständlich ein Gebot der Billigleit, daß wir auch hier bei den katholichen Geistlichen eine weitere Fürsorge eintreten lassen. Aber wir müssen auch hier wie bei der evangelischen Kirche den Standpunkt vertreten, daß in erster Lmie die Kirche lür ihre Geistlichen zu sorgen hat, zumal die katholische Kirche hinsichtlich der Steuerleistung an sich viel bester gestellt ist als die evangelische Kirche.
Abg. Dr. Kaufmann (Ztr.): Es ist eine moralisch« Pflicht des Staates, daß er Der Kirche finanzielle Unter« tühung gewährt, wenn sie nicht ihren Verpflichtungen gegenüber den Dienern bet Kirche nachkommen kann. Tue Kirche hat zu einem Teil auch die Aufgaben des Staates zu fördern. Die Besoldung unserer katholischen Pfarrer ist sehr dürftig. Wir mißgönnen den en an gelt« chen Pfariern die Ausbesserung ganz und gar nicht, aber mir fördern auch eine angemeffene Besoldung der katholischen Geistlichen.
Ministerialdirektor v. Chappuis: Die katholischen Geistlichen stehen trotz ihrer geringeren Gehälter nicht ch-echter, sondern eher besser da als die evangelischen. Die noch Frau und Kinder zu ernähren haben. Ein katholischer P arrer mit 4000 Mark Einkommen ist in viel günftigerer Lage als ein evangelischer mit 6000 M. Volle Parität in den Bezügen bet katholischen und bet evangelischen Geistlichen roäte also höchste Imparität, Den An -rag auf staatliche Beihilfen tum Diensteinkom-
Im Sonne öes ßeheimiffes.
3 2] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.
18. Kapitel.
Miß West kehrt zurück.
Eine Woche lvar verflossen, und Lady Wayne ^ah noch immer angegriffen und nicht wie sonst aus. Sie hatte ihr Gemüt nicht dadurch erleichtern könnn, daß sie über ihre Befürchtungen mit jeniand anders sprach: und jener Traum war eine fürchterliche Erschütterung für sie gewesen. Jetzt aber fühlte sie sich etwas erleichtert, denn Marian war zurückgekehrt, und in Marian's Nähe herrschte stets eine gewisse Atmosphäre der Kraft und Ruhe.
Die beiden Schwestern saßen jetzt in dem luxuriösen Ankleidezimmer Lady Wayne's einem Raum, der an Pracht, Luxus und Eleganz nicht zu überbieten war. Evelyn saß neben dem kostbaren Toilettentisch: die Tafelglocke war noch nickt ertönt, aber sie war bereits fertig angekleidet und hatte ihre Zofe entlassen, um noch einige Minuten allein und ungestört mit der Silvester zu plaudern.
Marian's Augen ruhten bewundernd auf dem lieblichen Gesicht vor ihr.
j „Eve", sagte sie, „ich will Dir nicht schmeicheln, aber ich glaube, Du wirst leben Tag schöner."
Das, sie sagte, war einigermaßen begründet. Lady Wayne's Diner-Toilette bestand aus reicher bernsteinfarbiger Seide, der schöne Nacken und die Arme schimmerten tote weißer, matt polierter Marmor daraus hervor, sie trug ein kostbares Perlenhalsband mit einem kleinen Rubin- kreuz; ein Perlenarmband schlang sich auch um einen schönen Arm, die goldigbraunen Haarmas- fen wurden durch einen kleinen Perlenkamm fest-1 gehalten; in der Hand hielt sie einen reich mit ^juuieten besetzten Fächer, den sie zerstreut hin Mud her bewegte — die Bewegung schien die duft, getränkte Luft noch mehr mit Duft zu sättigen.
Lady Waype lächelte gleichgültig.
„Es freut mich, daß Du das glaubst, Marian, möchte meine Schönheit auch noch nicht ber- her en."
»Du wirst eines Tages doch wohl abdaitken müssen, Eve, und zwar zu Gunsten Elsie's Es wird ein schönes Mädchen werden; — aber'wie? Ich finde bei genauerer Betrachtung daß Tu Deine Farbe verloren hast. Bist Du'krank ge- wesen? Du siehst nicht ganz so strahlend oder so glücklich aus.
„Tu hast mir gefehlt, Marian", sagte Lady Wayne und fächelte sich etwas schneller Was sollte ich ohne Dich wohl anfangen? Ich "habe Dich so sehr vermißt." ■ 1
-Und warum nur, Liebling?" fragte bie ältere Schwester, sie besorgt anblickend.
„Weil ich so nervös und furchtsam geworden Mir —; einen ganzen Tag und eine Nacht dachte ich an nichts als an jene schreckliche Zeit in Ab> botsville. Es schien mich förmlich zu verfolgen — ich konnte mein Gemüt, meine Gedanken nicht davon abwenden; und dann, Marian, hatte ich noch einen so gräßlichen Traum — ich muß ibn macht ~' er mich fast wahnsinnig ge-
„Träume sind Schäume, Liebling", sagte Miß West.
„Aber dieser war so schrecklich, so gräßlich, Martan, sch muß ihn Dir erzählen", und mit einem Gesicht, das immer blasier wurde je weiter sie sprach, erzählte Lady Wayne ihren Traum.
„WeW Du, Marian" sagte sie, „es machte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich jedesmal wenn ich seither zum Himmel empor sah in flaim wenden Buchstaben „Lady Wayne's Geheimnis" daran zu lesen glaubte."
„Meine liebe Eve, Du bist nervös, das ist alles, und Deine Nervosität zeigt sich nun in dieser Form. Es ist nicht zu verwundern, wenn Du einen Tag und eine Stacht lang an nichts anderes
gedacht hast. Ich riet Dir stets, es zu vergessen, Dir's aus dem Kopf zu schlagen."
„Ich konnte es nicht, es überwältigte mich", versetzte sie. „O, Marian! liebe Marian, ver- gieb, wenn ich Deine Geduld auf die Probe stelle. Glaubst Du, mein — mein Geheimnis sei sicher?"
,Ja; ich weiß, daß es das ist; wenn es das nicht wäre, so würde, so könnte ich Dir nicht mit einem Lächeln ins Gesicht sehen. Ich bin ganz so besorgt um Dich, wie Tu es selbst um Dich nur sein kannst. Ich habe für Dich gelebt, Eve. Ich bin Dir Mutter, Schwester und Freundin gewesen. Eine Dich bedrohende Gefahr muß mich zuerst treffen."
„Unb Du glaubst wirklich, alles ist sich«, Marian — biese ganze bunkle Vergangenheit?"
„Sicher, wie im Grabe. Bedenk doch nur, ich habe keinen Schlüssel zu unferm fernem Leben hinterlassen, als wir Bristol Terrace, Belgravia verließen. Niemand kann uns finden, denn es würde keinem im Traume einfallen. Dich auf Kenninghall zu suchen. Mrs. Ford hielt Dich für eine junge Frau, deren Mann im Auslande weile, und deren Verwandte mit der Heirat nicht ganz einverstanden gewesen. Sie kannte Dich nur als Mrs. Folksworth, und sie ist weit weg in Amerika, wahrscheinlich tot, jedenfalls ist es aber ganz unwahrscheinlich, daß sie je zurück- kehrt. Unb Dr. Rurke hat mir fein Stillschweigen eidlich zuaesagt. Tu sieh'st, Liebling, es kann tatsächlich nichts über die Vergangenheit bekannt werden."
„Ach, ich habe beinahe verMeifelt", versetzte sie. „O, Marian, können die Blätter im Walde, ober der Gesang ber Vögel es berfünben, wie ich geträumt habe?"
Miß West lächelte. „Du erlaubst den Nerven den Vortritt vor der Klugheit", sagte sie. „Blätter plaudern nicht. Du mußt etwas gesunden Menschenverstand zu Hülfe rufen, Eve. Du kannst aber wirklich ruhig und zufrieden sein. Ich seye mein Leben zum Pfand dafür, daß Dein Geheim- niS sicher sit. Ich würde Deine Heirat nicht an
gegeben haben, wenn es sich nicht so verhalten hätte. Nun, Kops hoch, Liebling — und sei wieder Dein früheres, munteres Selbst. Lächle und sag' mir, daß Du Dich solcher kindischer Furcht gebilbe schämst."
Lady Wayne's schönes Gesicht klärte sich auf.
«Ich bin die letzten Jahre so sehr glücklich g»- wesen, Marian", sagte sie gedankenvoll; „Mortimer hat mich so lieb, und ich liebe ihn so sehr. Ich vergöttere meine Kinder; ich bin so glücklich so geehrt, so geliebt in meinem Heim, daß es tausendmal jammerschade toäre, wenn diese schreckliche Vergangenheit jetzt an's Licht käme. O, Marian, es wäre mein Tod oder es würde mich zum Wahnsinn treiben."
„Du weißt doch, daß es nie fein kann, Eve. Nun schlag Dir's vollständig aus dem Kopf; denke überhaupt nicht wieder daran. Bedenkex ich habe Dir mein Leben als Pfand für Deine Sicherheit geboten, und ich habe Dir gesagt, daß das, was Du nervöse Furcht nennst, nichts weiter als angegriffene Gesundheit und nervöse Einbildung ist. Nun sei auch wieder glücklich, Eve!"
Lady Wayne hatte es gelernt, sich so rückhaltlos auf das Wort ihrer Schwester zu verlassen, daß der Zweifel aus ihrem Gemüte schvand, die Furcht zu Boden sank, wie ber Morgennebel vor bem warmen Strahl ber Sonne.
«Und denke auch daran, Eve, dies soll bas letzte Mal sein, baß bie Sache zwischen uns erwähnt wirb; unb jetzt laß uns von etwas anderem sprechen. Ich hoffe, meine Siebe, wenn Raymond nach Cambridge geht, werde ich meinen Aufenthalt dort doch wohl nicht zu nehmen brauchen?"
Miß West lachte bei diesen Worten.
„Nein; das ist etwas anderes. Ich hätte Elfte nicht nach Paris schicken können, ohne da? beruhigende Bewußtsein, Dich in Ihrer Nähe zu wissen. Du bist mein Turm der Stärke, Marian. Ich hatte die bestimmte Ueberzeugung, daß dem Kinde nichts Mißliches widerfahren könne, wenn Du m der Nähe seiest."