etkchMtSsN»«« Msnol)« 6tr Son* ^dZrirüasr vlrrtel«
ne vringerlohn unb oifteUgdeingMlMf»1 Oie euswiris t.5O Ät.
verautv». l«Uttt»R
, v.: a. w- Met; fSrrreLnrdseor
A.parzeLer is Ktlda.
wocheiMiag«! „Illustrierte ronntagszettung"
II
vre et* fpalligepetttzekksder beten Lau« 15 Pf-, LeHarses-iePetttzell» 25 ptiu »ei wieder» hotuugerr wird entspk, Ladatt gewährt.
BotetionsbrndM Verlag der Fuldaer A» tiendruckerei tu §uldg Fernsprecher Et. 9.
M 35.
Fulda, Samstag den 13. Februar 1909.
# Der Bahnbau Schlüchtern-Flieden (Distelrasentnnnel).
Im Frühjahr 19i 6 fanden, wie wir seinerzeit ausführlich berichteten, auf dem Bahnhof Elm erhebliche Bodensenkungen und auch Erdrutsche statt, die damals «roße Störungen im Eisenbahnbetriebe verursachten. Durch großen Kostenaufwand und durch Einlegung von Tag- und Nachtschichten mit weit über 100 Arbeitern gelang es dann, eine völlige Sperrung der wichtigen Hauptstrecke Frankfurt a. M.—Bebra zu vermeiden.
Die Rutschungen dauerten etwa einen Monat, und nach etwa Jahresfrist waren die Wiederher- stellungsarbeiten beendet. Reben diesen Arbeiten ließ die Königlich? Eisenbahnverwallung Bodenuntersuchungen anstellea zur Erforschung der Ursachen der erheblichen Senkungen. Die gemachten Bohrverchche ergaben das merkwürdige Resultat, daß die ganze dortige Gegend aus einem Gemisch vieler Erbmassen besteht. Fand man doch an einer Stelle bis in eine Tiefe von 32 Nieter 12 verschiedene Erdschichten, währens eine einheitliche Erd'chicht im Durchschnitt in der Regel eme Mächtigkeit von Hunderten von Metern hat. Die Ursache dieser zahlreichen verschiedenen Erbmassen liegt wohl darin, daß der Distelrasen eine Berbinbung zwischen zwei geologisch gänzlich verschieden gestalteten Gebirgen, der Rhön unb dem Bogelgebirge, bildet.
Um der Wiederholung der auch schon in den früheren Jahren vorgekommenen großen und ge- lährlrchen Betriebsstörung ein für allemal aus dem Wege zu gehen und zugleich um die unangenehme Eimer Spitzkehre zu beseitigen, läßt jetzt
Iwertes 'gSLatt
Wochen-Rundjchau.
f:] Fulda, 12. Februar i909.
König Eduard, der Herr der Briten, der Ur- Hüber der Einkreisung Deutschlands, hat 6er Reichshauptstadt seinen Besuch gemacht. Aeutzer- lich hatte Berlin alles getan was sich ber einer derartigen Gelegenheit ziemt. Innerlich nahm es jedenfalls, und mit ihm das Volk, an den Fest- lichkeiten lebhaften Anteil; denn wenn die Vol- ker ihre Politik auch längst nicht mehr von den Interessen der Herrscherhäuser und den Neigungen und Beziehungen der Herrscher beeinflussen lassen, so ist doch zuzugeben, daß nach einem derartigen Besuche die Stimmung wenigstens nicht schlechter werden kann. Die Trinksprüche der beiden Monarchen, Wohl vorbereitet von den Diplomaten, zeichnen sich durch Kürze und Herz- Kchkeit aus. , „
Im Reichstage tobte in Sen letzten Tagen beim Etat des Reichsamts des Innern die übliche große sozialpolitische Debatte. Wiederum stritt man sich um das Koalitionsrecht der Arbeiter und um die in diesem Sinne gehaltenen Anträge und Interpellationen des Zentrums, welche der Abg. Trimborn in wirksamer Weise vertrat. Herr v. Bethmann-Hollweg unterscheidet sich Vom Grafen Posadowsky in einer Beziehung sehr stark: er weiß seine ablehnende Haltung gegenüber derartigen notwendigen Forderungen der arbeiterfreundlichen Parteien nicht so gut in Baumwolle zu wickeln. Seine Polemik gegen die Zentrumsredner und den liberalen Abg. Naumann war nicht sehr glücklich. Man weiß jedoch, daß auch in solchen Fragen die Existenz oder Nichteristenz des Blockes für den Reichskanzler oder seinen Stellvertreter das Ausschlag-
Jn Italien sind die Kammern nach Hause aeschickt^und Neuwahlen angeordnet worden. Die italienische Regierung bittet mit Rücksicht auf die elementaren Ereignisse in Messina um „gutes Wetter" und ersucht die Wähler, bei dem bevorstehenden Wahlkampf unnötige Schärfen zu ber- mejden.
Auf dem Balkan dagegen glatten sich die Wellen der Erregung. Das schrille Durcheinander des Konzertes der dortigen Mächte ist vorüber. Allel befleißigchr sich wieder einer ordentlichen Tonart, sodaß man beruhigt der Zukunft entgegensehen kann. In Bulgarien rüstet man wieder ab.
Persien scheint dagegen wieder das Tagesgespräch werden zu wollen. Der arme Schah, der gar nicht begreift, tote die Interessen der Völker ineinandergreifen, läßt sich von seinem Mentor, dem russischen Oberst Liakhoff, in einer Weise beraten, die dem Lande dauernd zum Unsegen gereichen muß. In einem Landstreifen nach dem andern tauchen revolutionäre Gruppen auf, die große Unruhe erregen. In der Hauptstadt Teheran kann der Schah sich halten. In Täbris dagegen, uettt NorLwesten, hat er nichts zu sagen. In Jspahan, der großen Sübtoestprovi»», Hal er gegen die Revolution nichts zu unternehmen Der- nrocht. Jetzt ist in Rescht das Gouvernementsgebäude geplündert und der Gouverneur getötet worden. Zu alledem kommen jetzt noch Aufsehen erregende Meldungen aus der Provinz Chorasan, sodaß der Schah es mit seiner hartnäckigen Verweigerung der s. Zt. beschworenen Verfassung glücklich fertig gebracht hat, daß ganz Persien in Aufruhr ist. Rußland, daß das mit seinen „guten Ratschlägen" beim Schah fertig gebracht hat, steht dabei und lacht sich ins Fäustchen. Seine Saat geht prächtig auf.
gebende ist.
Und dieser Block ist wieder einmal gerettet. Nach einer heftigen Rückzugskanonade der „Deutschen Tageszeitung" haben die Konservativen sich entschlossen, in der Nachlaßsteuer - Frage wenigstens ein klein wenig nachzugeben. Die Finanzkommission des Reichstages hat die Abstimmung über die Nachlaßsteuer aufgeschoben und eine Unterkomrnisfion eingesetzt, welche die möglichen Erträgnisse der Erbschaftssteuerno- velle feststellen und darüber beraten soll, ob eine Reichsvermögenssteuer oder die sogenannte „Veredelung" der Matrikularbeiträge einzuführeu sei. Das bedeutet, daß die Konservativen bereit sind, umzufallen, aber sich etwas Zeit dazu nehmen wollen.
In O e st e r r e i ch ist das Kabinett Bienerth gezwungen gewesen, den Reichsrat wegen der nationalen Schwierigkeiten aufzulösen, und die Folge davon sind Schwierigkeiten im Ministerium selber gewesen, die seine Umwandlung in ein reines Beamtenministerium herbeigeführt haben. Tie Tschechen sind von der Zusammensetzung des neuen Ministeriums nicht befriedigt und wollen ihre Obstruktion fortsetzen.
In Frankreich wird die Hebe Seele nunmehr Ruhe haben. Das deutsch-französische Maro k k o-A b k o m m e n ist vollzogen und veröffentlicht, und bei einigem guten Willen kann Frankreich sehr wohl damit zufrieden sein, obwohl der Tert des Abkommens eigentlich nicht mehr besagt, als man vorher schon wußte; daß Frankreich für seine Geldausgaben und anderen Opfer eine bevorzugte Stellung in Marokko einnehmen will, während andererseits die toirtschatilichen Interessen Deutschlands gewahrt bleiben. Jedenfalls ist durch dieses Abkommen wieder einmal ein Stein des Anstoßes aus dem Wege geräumt.
die Eisenbahnverwall ung den Distelrasentunnel bauen.
Durch den Bau dieses Tunnels bleibt nicht nur die verhängnisvolle „Eimer Rutsche" etwa 5 Kilometer östlich liegen, sondern auch die Strecke Fulda-Franksurt wird dadurch um ungefähr 10 Kilometer kürzer.
Was den Tunnel und die neue Strecke selbst anbetrifft, so sind wir in der Lage darüber folgen- des zu berichten. Die neue Strecke beginnt dies- seits kurz vor Schlüchtern, etwa 500 Meter südlich der Kreuzung der Bahn mit der Fulva-Frank- furter Straße, bei Kilometer 77,55 (von Frankfurt a. M. gemeffen) und trifft die alte Strecke wieder dicht bei Bahnhof Flieden bei Kilometer 71,5. Die neue Strecke selbst hat etwa eine Länge von 7 Kilometer. Bon diesen 7 Kilometer entfallen 3,700 Kilometer auf den zu bauenden Tunnel. Dieser wieder beginnt kurz hinter dem Anschluß bei Schlüchtern und nimmt einen kerzengeraden Berlauf bei einer durchgehenden Steigung von 1:114, d. h. auf eine Entfernung von 114 Meter steigt die Strecke um 1 Meter.
Aas bet Schlüchterner Seite ist mit den Vorarbeiten schon begonnen worden. Dort st»d über 100 Arbeiter damit beschäftigt, den Voreinschnitt, den Anschluß an die Hauptbahn und die nölgen Lagerplätze zu bauen. Auf dem Platz zwischen dem Tunnel ingang und der alten Strecke entsteht geradezu ein neuer Bahnhof mit zahlreichen Gebäuden, wie Ausenthaltsräumen für die zahlreichen Arbeiter, für die noch aufzustellende i Maschinen, auch befindet sich dort em Wohnhaus für die beaufsichtigenden Beamten.
Auf der Fliedener Seite sind die Vorarbeiten noch nicht vergeben, während sie auf der Süd- leite bald beendet sein werden. Der Tunnel selbst wird von der Firma Grün u. Bilfinger Akt.-Ges., Mannheim gebaut werden.
veutjches Reich.
. Der Entwurf betrefenb Acnderuug des Bankgesetzes, der bereits seit längerer Zeit angekündigt war, ist nunmehr dem Reichstag zuge- gangen. Zunächst bezweckt der Entwurf, die Aktionskraft der Reichsbank zu verstärken.. Tie Stärkung soll durch Wiedereröffnung und all- mähliche Erhöhung des Reservefonds sowie durch die Erhöhung des steuerfreien Notenkontigents bewirkt werden. Weiter nimt der Entwurf auf eine Sicherung des Zahlungsverkehrs Bedacht, indem er die Reichsbanlnoten mit der Eigenschaft eines gesetzlichen Zablungsrnittels ausstattet. Im Zusamenhagne hiermit verleiht er den Noten der noch bestehenden Privatbanken eine erhöhte Verwertbarkeit. Mit Rücksicht auf das Scheckgesetz vom 11. März 1908 erteilt der Entwurf der Reichsbank und den Privatbanken die Ermächtigung zum Ankäufe von Schecks. Er erweitert endlich den Kreis der im Lombardverkehre der Reichs bank beleihbaren Pfänder und ersetzt die Vorschrift des § 22 des Bankgesetzes über die Verpflichtung der Reichsbank zur Versorgung der Kassengeschäfte des Reichs durch eine neue, die Zweifel über die Bedeutung des § 22 beseitigt.
* Tie Novelle zum Strafgesetzbuch, die einige Erleichterungen der Strafen in sozialem Sinne, daneben aber auch eine Erschwerung der Beweisführung bei Beleidigungen bringen toll, unterliegt zurzeit noch der Prüfung der einzelnen Bundesregierungen. Sie dürfte Mitte oder Ende März an den Reichstag gelangen.
36. Jahrgang.
Ausland.
* Italien. Bei den demnächst stattfindenden allgemeinen Wahlen wird man allem Anscheine nach darauf binarbeiten, eine italienische Blockregierung nach französischem Muster einzurichten. Sicher ist, daß die italienische Freimauerei im Bunde mit den antiklerikalen Parteien eine unheimliche Tätigkeit entwickelt, um sich den Sieg zu sichern. Schon seit geraumer Zeit ist das gemäßigte und konservative Element in der italienischen Freimauerei durch das jakobinische und republikanische Element, das alles Heil in der Nachahmung der französischen Blockarden sieht, verdrängt worden. Wir erinnern nur an das Vorgehen der radikalen „Brüder" gegen die italienischen Deputierten, die der Loge angehörten und bei der Abstimmung in der Religionsunterrichtsfrage in den Volksschulen sich für die Beibehaltung aussprachen. Damals versandte der Großmeister ein Zirkular, daß die „Brüder" zur zielbewußteren Verfolgung der „Ziele" der Gesellschaft aufforderte. An Zielbe» wußtsein nun läßt die Loge nun nichts mehr zu wünschen übrig. Die Einigung aller antichrrst- lichen und antiklerikalen Parteien unter der Fahne der Freimaurerei ist vollzogen und der Block nach französischem Modell bis auf kleinste Nckchgeasimt, Wohin diese Einigung führen soll, ist nach den Vorfällen tn Frankreich und den „Erfolgen" des dortigen Blocks nicht mehr Kverfel^ haft, sie bezweckt auch in Italien die Bildung bei „Laienstaates" und die völlige Ent- chrichlichung des Volkes. Auch die tta- lienischen Sozialisten bereiten sich auf die Wahlen eifrig vor, und zwar als Handlanger dell Freimaurerei. Alle ihre Prinzipien, alle ®eg- nerschaft ist vergessen, da es endlich ernstlrch gegen die „Klerikalen" gehen soll. Und die italrenrschen Katholiken? Wir hören nichts von einer außer- ordentlichen Aktion und auch dieser Moment paßt so ganz in den Rahmen der Ereignisse, wie wir sie in Frankreich gesehen und die sich allem Anscheine nach in nächster Zeit in Italien wieder- holen werden.
* Rückgang der englischen Staatsernnahmen. Der nunmehr veröffentlichte Abschluß der englischen Staatseinnahmen des vergangenen F'is- kal-Jahres hat eine böse Ueberraschung gebracht. Die Einnahmen sind um 144 338 100 cAt gegen das Vorjahr zurückgeblieben. Die Zölle zeigen einen Rückgang von 70 Millionen, die Akzise- Einnahmen einen solchen von 434 080 M, die Steuerwertzeichen von 4 840 000 <M und die Post von 13 Millionen Mark.
* Ein englischer Kolonialkrieg in Sicht? Die Lage in Britisch-Somaliland (afrikanische Küste) ist wieder sehr kritisch geworden. Der Mullah bedroht dieses weit abgelegene englische Besitztum, und zwar in einem Grade, wie es bisher noch niemals der Fall gewesen ist. Dies- mal befehligt der Mullah eine Armee von siebzig- taufend Mann, und von diesen sind bereits dreißigtausend innerhalb der Grenzen von Britisch- Somaliland. Tie Truppen des Mullah sind durchweg mit modernen Gewehren ausgerüstet, die sie mit großer Treffsicherheit zu benutzen verstehen. England hat hier einen sogenannten „kleinen Krieg" zu führen, der aber recht viel Opfer an Menschenleben und Geld fordern wird.
Aus dem Nachbargebiete.
]:[ Schweben, 12. Febr. 1909. Gestern nach- mittag wurde zwischen Schweben und Erlenhof das Fuhrwerk des Gastwirts Stäbler von Reu- Hof-Ellers von einigen rohen Burschen aus Ftie- den und Umgegend überfallen. Während einet den Pferden in die Zügel griff, rissen die andern
3m Sonne des Geheimnisses.
81] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.
„Sie ist eine voir denen", sagte der Major mit einer gewissen Feierlichkeit, „die niemals alt werden; wenn sie vierzig ist, wird sie auf dem Gipfel und in der vollen Reife ihrer Schönheit stehen; es dauert sehr lange, ehe das Alter ein Gesicht wie das ihrige auch nur berührt. Sie hat einen Sohn und eilte Tochter, die beide auch schon heranwachsen — ich sollte meinen, sie wäre reichlich sechsunddreißig — und doch, — wo fänden Sie ein junges Mädchen mit dieser Frische, dieser Anmut?"
„Ich halte uicht so sehr viel von Jugend", äußerte der Baronet; „ich finde junge Mädchen sehr — ietir — - hm — fade — ja, fade finde ich sie. Mir gefällt eine Frau von stolzer und stattlicher Erscheinung, von graziösem, anmutigem Wesen — so eine wie Lady Wayne. Was ist sie für eine Geborene — wissen Sie's vielleicht?"
„Nein, ich hab's gehört, kann mich aber nicht entsinnen — eine gute, alte englische Familie, glaube ich. Tie Waynes, wissen Sie, sind das nm plus u’tra von eigen. Ich glaube nicht, daß e.ncr von ihnen eine Königin heiraten würde, wenn sie »inen Makel auf ihrer Ahnentafel hätte. Cie können sich darauf verlassen, daß eine Frau, die den Namen „Wayne" trägt, auch alles rst,
„Sie kennen die Familie gut, wie mir scheint -
„Jawohl", verletzte der Major; „ein Verwandter des gegenwärtigen Lord Wayne, Algernon Wayne, ist mein bester Freund. Rede mir einer von der Eifersucht der Weiber — ich bin überzeugt, feine Frau, Mrs. Isabel Wayne, verabscheut die schöne Hcrrrn von Kenninghall."
Sir John lachte; etwas Derartiges aus der „Chronique scandaleuse" machte ihm stets außerordentliches Vergnügen.
Lord und Lady Wayne blieben den ganzen Abend über, und Werner war glücklicher, als er je zuvor in seinem Leben gewesen. Sein Gefühl
für diese schöne Frau glich einigermaßen der Verehrung für ein höheres Wesen.
„Leben Sie wohl, Mr. Jefferies", sagte sie beim Abschiede; „ich hoffe, daß ich Sie wieder- sehe, und zwar bald."
Sie verstand das merkwürdige Verlangen nicht, das sie darnach empfand, ihn zu umarmen und sein schönes Jünglingsantlitz zu küssen. Was zog sie nur in solchem Maße zu ihm hin? Es war nichts Gekünsteltes, nichts von Koketterie irgend welcher Art in dem Wohlgefallen, das ihr Herz, jedesmal, wenn sie ihn nur ansah, erwärmte und erfreute.
Sie dachte an ihn, als sie heimfuhren, stellte sich noch einmal den edlen Kopf, das lockige Haar, die schönen, seelenvollen Augen vor und lächelte still im Gedanken daran, daß Lady Romsey gesagt, das goldbraune Haar glcidje dem ihrigen so außerordentlich.
Wie war es nur, daß den ganzen Tag ihre Gedanken zu dem kleinen Grabe nach Abbotsvllle zurückwanderten, das sie nie gesehen?
Es war do chso viele Jahre ber, und sie hatte doch nie auch nur ein einzies Mal das dort in die Erde gesenkte Kindergesichtchen gesehen, und doch dachte sie so lange und so nachhaltig daran. Ob cs wohl noch andere so einsame, kleine Gräber gab — Kinder, die nie eine Mutter geküßt, die gekommen und gegangen, wie eine Frühlingsblume sprießt und stirbt?
„Wenn er am Leben geblieben toärc" — spann sie dann ihre Gedanken weiter, — „mein Kleiner, mein Erstgeborener — wäre er jetzt zwanzig, beinahe ein Mann, und wie anders wäre mein Leben dann gewesen! Ich würde dann nie Mortimer geheiratet haben. Ach! was mich das kleine Leben gekostet! — Wie komme ich nur dazu, heute so viel daran zu denken?" wunderte sie sich dann selber über ihre Gedanken. Und dann kam ihr eine Art Vision des lotsten und schrecklichsten, des jüngsten Tages, wo die Gräber aller Menschen sich öffnen würden. Auch der Kleine würde auf- erstehen, was sie sich in seiner kindlichen Gestalt
so rührend sck>ön ausmalte. Sie würde ihr Kind zum erstemnale im großen Licht der Ewigkeit sehen.
„Mein Geheimnis wird dann bekannt werden", sagte sie sich
Tann wunderte sie sich, was wohl über sie gekommen, was wohl dies Grübeln und Trän- men zu bedeuten habe. Sie stand auf und ergriff ein Buch, in der Hoffnung ,durch die Lektüre auf andere Gedanken zu kommen. „Seit Jahren bin ich ja nicht mehr fo nervös gewesen", dachte sie. „Ich begreife nicht, was mit mir vorgefallen fern kann."
Indes die Gedanken, die sie belagert hielten, verloren sich nicht bei der Lektüre; mehr als einmal ertappte sie sich wieder auf ihrem alten Ideen; schließlich warf sie das Buch bei Seite und begab sich in die Bibliothek zu ihrem Gemahl, der dort schrieb.
„Du siehst angegriffen aus. Liebste", fügte Lord Wayne, „was giebt's?"
„Ich alaube, ich bin nervös", tagte sie mit mattem Lächeln, „ich bin zu Dir gekommen, Mortimer, um mich etwas aufzuheitern."
Er liebte sie fo zärtlich, daß er nicht den geringsten Sckwtten auf ihrem lieblichen Gcüchte ertragen konnte. Er schob seine Briefe bei Seite und befahl den Wagen zu einer Ausfahrt.
„Nichts Besseres giebt's, um sein Gemüt auf- zuheitern, als frische Luft und Sonnenschein", sagte er läckrelnd und zog sie an sicb; und in kurzem hatte Lady Wayne alles in der Welt vergessen, ausgenommen, daß ihr Gemahl der beite, zärtlichste Mann war und sie geradezu Dcrgöi- terte.
Dieselbe Nacht jedoch hatte sie einen schrecklichen Traum - einen jener Träume, die zu Zeiten wie eine Warnung vor künftigem Unheil kommen. Ihr träumte, sie wandelte einen steilen Pfad entlang und trug ein weißes Kleid, wenig- stens sollte es weiß scrn, — als sie es aber nähet betrachtete, sah sie einige schreckliche Flecken dar
auf — dunkle, geheimnisvolle Flecken — die sie mit Schauder und Furcht erfüllten. Aber glücklicherweife sah sie jetzt gerade einen Wald, und um sich vor aller Beobachtung zu verbergen, ging sie in denselben hinein. Ein sonderbares Licht lag auf den Bäumen. Sie blickte empor, um zu sehen, woher es käme, und — siehe — da oben, quer am Himmel, stand eine Reihe feuriger Buchstaben.
„Lady Wayne's Geheimnis!" las sie, dann stieß sie einen schrecklichen Schrei aus. Tie Blät- aller Bäume des Waldes bewegten sich im Winde: „Lady Wayne's Geheimnis!"
Zu Tode erschreckt stand sie still. Tausende fröhlicher Vogelstimmen waren bis jetzt hörbar gewesen, aber jetzt kam mit einem Male ein schreckliches, furchtbares, verwirrtes Geschrei; es schien, als ob jede Vogelstimme laut singe, zwit» tchere, pfeife, krächzte: „Lady Wayne's Geheimnis!"
Tann erschütterte das Hohngelächter vieler, vieler Menscbenstimmen die Waldesriesen bis in ihre Wipfel, und sie erwachte; das Herz schlug ihr so stark, daß sie nur mit Mühe zu atmen vermachte.
Ein tätlicher Schrecken überfiel sie, als sie bei wachen Sinnen sich diesen Traum nochmals vergegenwärtigte.
„Allmächtiger Himmel", murmelte sie, „laß mich diesen schrecklichen Traum vergesseirl"
Doch die Worte Hangen ihr noch in den Ohren: „Lady Wayne's Geheimnis! Lady Wayne's Geheimnis!"
Sie sprang auf und weckte ihren Gemahl. „Mortimer, Mortimer!" fdjrie sie, „wach auf, wach auf! Sprich mit mir, oder ich komme von Sinnen!"
Dach alles, was sie ihm zu sagen vermochte, als er endlich aufwachte, war, daß sie einen schrecklichen Traum gehabt hätte.
(Fortsetzung folgt)