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Botattonsirutf unb Verlag der Fuldaer L!» tiendrnckerel in Fulda Ferutprecher Lr. 4.
M 34.
Fulda, Freitaq den 12, Februar 1909.
36. Jahrqanq.
Gr lies 2iWatt.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 11. Februar 1909.
Beraten wird zunächst der 6. Nachtragsetat für 1908, der zur Verzinsung der Mittel, die zur ooriber« gehenden Verstärkung der ordentlichen Betriebsmittel der Neichshauplkasse ausgenommen werden, 4 500000911., und für die Kosten der Berufs- und Betriebszählung im Jahre 1907, 1718329 M., fordert.
Abg. Speck (Ztr.)k Trotz der großen Bedenken, die wir gegen das fortgesetzte Steigen des Reichsschatz- anweisungslredits Haden, werden wir dem Nachlrags- etak zuiltmmen, weil wir die Reichskaffe im gegenwärtigen Moment nicht im Stich lassen können. Die Höhe des Schatzanweisungskredits in den letzten 25 Jahren ist um das Fünffache gestiegen. Früher hatte dieser stredit eine Höhe von 75 Millionen Mk., heute beträgt rr 359 Millionen Mk., zu deren Verzinsung allein I I Millionen Maik notmendig sind. Dieser gewaltige Aufschwung datiert von den Tagen, an denen wir uns in cte Weltpolitik und in kostspielige koloniale Abenteuer gestürzt haben. Ursprünglich sollten die Schatzanweisungen nur der vorübergehenden Verstärkung der Betriebsmittel des Reichs dienen, heute dienen sie zur Deckung fortlaufender Ausgaben. Das widerspricht aber dem klaren Wortlaut des Eiaisgesetzes. Es ist ja nicht zu leugnen, daß durch diese Schatzanweisungen das Reich verhältnismäßig billiges Gela bekommt. Aber dieser Umstand schafft die großen Bedenken gegen das Schatzanweisungssyuem nicht aus der Welt. Die Reichsbank wird dadurch gezwungen, große Summen sestzulegen, die für andere Zwecke nicht zur Verfügung stehen. Eine weitere Folge dieses Systems ist der niedrige Kurs unterer Reichsstaalsanleihen. Der Nachtragsforderung für die Betriebszählung stimmen wir zu. (Beifall.)
Abg. Crtel (ntL): Auch wir halten die Inanspruchnahme des Geldmarktes durch die Schatzanweifungen für höchst bedenklich. Könnte man ihre Deckung nicht mit dem Reichskrtegsschatz ,m Juliusturm bewirken?
Reichsfchatzsekrelär Lydow: Da der Reichskriegsschatz vollständig feftgelegl ist und eine Vertilgung über ihn außer tm Falle eines Krieges nicht möglich ist, halte ich es für wirtschaftlich nicht gerechtfertigt, ihn gewiffer- maßen als Grundlage für Schuldverschreibungen des Reiches oder Schatzanweisungen anzunehmen. Eine Anregung, die auch gegeben worden ist, diesen Reichs- kriegsschatz flüssig zu machen, würde keine Aussicht auf Erfolg haben. Denn wenn auch der Schatz im Vergleich zu den Miiteln, die im Kriege gebraucht werden, nicht sehr erheblich rst, so ist es doch von großem Wert, im Kriegsfälle über eine solche Summe verfügen zu können.
Abg. Kaemps (srs. 83p.): Ich kann die Schatzan- weisunaen nicht für so schädlich hallen, wie es der Abg. Speck hingestellt hat. Andere Länder Haden einen viel höheren Schatz mweisungskredit. Der Vorschlag, für die 120 Millionen Mark im Juli mehrere Schay- anwei,ungen in Höhe von 360 Millionen Mk. auszunehmen, ,st volksivirtfchastlich ein Unding.
Abg. Frhr. v. Gamp > Dip.): Zu erwägen wäre die Einrichtung einer Reichsdepositenkasse. Vielleicht könnte man das Reich von der Verpflichtung der Vorschußzahlungen an die Berufsgenossenschasien entbinden, zumal die Reservefonds eine befriedigende Höhe erreicht haben.
Reichsschatzfekreiür Shdow: Die Reichsregierung hat bereits Vorarbeiten, um von dieser Verpflichtung entbunden zu werden, in Angriff genommen.
Abg. Frhr. v. Nichthofen kons.): Der Nachtragsetat in ein Vorspiel zur Reichefinanzreform und muß im Interesse der Reichsfinanzen von uns bewilligt werden.
Der Nachlragsrtat wird in erster und zweiter Lesung bewilligt.
Hieraus wird die zweite Lesung des
Etat» des Reichsamts des Innern fori gesetzt.
Bei den Titeln „Unterstützungen für das Germanische Museum in Nürnberg", für die „Herausgabe der .Monumenla Germaniae Historiea' und für das „Rö- mrsch-Gernianische Museum in Mainz" begiüßt
Abg. Di. Thaler (Ztr.), daß die meisten Bundes- Paalen Gefetze gegen die Verunstaltung von landfchast-
lichen Schönheiten und für den Denkmalsschutz erlaffen haben. Dadurch werde die Liebe zur Heimat neu ge- weckt. Unsere Museumsbehörden müssen umsichtiger fein; ausländische Agenten machen ihnen bereits erhebliche Konkurrenz Gewinnsucht und Unkenntnis der in betracht kommenden örtlichen Kreise erleichtern diesen das Handwerk. Die Einzelstaaten sollten sich eng verbinden, um der skrupellosen Wegführung von Altertümern zu steuern.
Abg. Dr. Pfeiffer (Ztr.): Es ist erfreulich, daß jetzt für die Erhaltung der Kulturdenkmäler mehr getan wird, als früher. Zu erwägen ist die Einrichtung eines Reichszeitungsmufeums. Hier im Reichstage >ollte man mit ihren Vorarbeiten beginnen. Auch ein Reichskolonialmuleum ist notwendig. Man sollte es aber nicht in Berlin errichten.
Der Titel wird bewilligt.
Als Jahresbeitrag zu den Kosten einer ständigen Kommission zur Vorbereitung internationaler Schff- sahrtskongreffe werden 4000 Mk. gefordert.
Abg. Dr. Dahlem (Zenir.) fordert Jahresberichte über die Arbeiten der Kommission.
Der Titel wird bewilligt.
Zur Förderung der Seefischerei sind 350000 Mk. ausgesetzt.
Abg. HermeS (frf. 33p.): Die Unterstützung der deutschen Seefifcherei ist durchaus noiwend g. Heringe und Sprotten sind ein Volksnahrungsrnutel geworden.
Abg. Dr. Hahn (kons.): Was gedenkt die Regierung zu tun, um den drohenden Ruin der deutschen Hochseefischerei und drr zu befürchtenden Vern chkung der großen Heringsstscherel Einhall zu tun? Wir sind mit der Fischerei noch weit zurück Unsere Produzenten muffen gegen die unter günstigeren Verhältnissen arbeitende ausländische Konkurrenz geschützt werden. Eine Erhöhung des Heringswlles ist erforderlich. Nachdem wir die deutsche Heringsfifcherei mit grober Mühe ms Leben getuien haben, ist es nationale Ehrenpflicht, ste über Wasser zu halten.
Ministerialdirektor Dr. o. Jonquieres: Die Rkichs-
verwaltung hat für das Wohlergehen unserer Hochseefischerei dasselbe warme Herz, wie der Vorredner. Wir wünschen nicht bloß, daß sie über Wasser gehalten wird, «ondern daß sie dauernd auf dem Wasser schwimme. Wir müssen anerkennen, daß der Druck der aiisländuchen Konkurrenz ganz gewaltig ist und die Hauptsache dieser Situation, die schlechten Preise, sind die Folge dieser Konkurrenz und das richtige Mittel, eine solche Konkurrenz vnm Halse zu hallen, ist und bleibt im ner noch der Schutzzoll. (Lebhafter Beifall rechts.) Der Zoll auf frische Fische liegt noch in der Zukunft. Das einzige, was möglich ist nach Lage der Dinge, wäre eine Erhöhung der Hermgszölle. Er beträgt jetzt drei Mark. Was die Dampffiichrrei anlangt, so ist die ein Großbetrieb, dem es von vornherein sehr gut gegangen ist. Sie hat sich rapide entwickelt, hat Zeilen gehabl, wo die Dividende 20 Prozent und mehr betrug, und Hal auch noch dis in die letzte Zeit hinein recht guie Dividenden gegeben.
Abg. Gothein (freif. Vgg.) regt an, auch die im ständigen Rückgang befindliche Ostseefifcherei mehr zu unterstützen. Es ist ein Unrecht, die Nordfeefischerei zu fuboenlionleren und die der Oufee nicht.
Abg. Dr. Hohn don).): Wenn Herr Gokhein seine Rede in Geestemünde gehalten hätte, würde er auch die letzte sreinnnige Rede abgeftonen haben. (Lachen links.> Mein Wort von der „gräßlichen Flotte" ist in einem harmlosen Foyergespräch gefallen, das durch einen UnglücksfaU aus dem Zusammenhang genff en zur Kenntnis des Plenums gekommen in. Man sollte doch endlich dieses ver ährte Wort, das nicht g.gen du Flotte an sich gerichtet war, auf sich beruhen lassen. Herr Gothein will nur aus Hochherzigkeit Kapital in dte Seefifcherei gesteckt haben. Möchte er doch dieses Prinzip verallgemeinern. (Heilerkett.) Möchte er Moor- koionlst werden, dann werde rch ihn nach zwei Jahren in die Mitgliederliste des Bundes der Landwirte auf« nehmen können. (Stürmische Heiterleit.)
Abg. Gothein .sich Vgg.): Das Wort des Dr. Hahn von der „gräßlichen Flotte" wäre längst vergessen, wenn es damals nicht tue Presse des Bundes der Landwirte eifrig propagiert hätte. Herr Hahn hat mich auf gefordert Moortolonift zu werden, ydj bin Grundbesitzer, dm an einer Brennerei beteiligt und auch an einer Mühle (hört, hört! links), und ich bin außerordentlich zufrieden mit den Erträgen (hört, hört! linls). Ich habe nur nicht das Talent zur Unzufriedenheit, w e die Herren da drüben. (Sehr gut! links.) Ich warne nochmals vor einem höheren Herrngszoll. (Beifall
Abg. Stadthagen (Soz.): Wir Sozialdemokraten hätten den Seefiichern gesagt, daß es die Freunde des Herrn Hahn waren, die durch die Erhöhung der Garnzölle die Fischnetze verteuert haben. Herr Hahn tritt nicht für die Interessen der kleinen Seefischei ein, sondern für das Großkaoilal, das er noch mehr stützen will. Er behauptet zwar das Gegenteil, aber ach — das find ja faule Fitche. (Große Heitertest.»
Abg. Dr Hahn ,kons.): Herrn Stadthagen brauchten die Heinen Seefifcher nur einmal zu festen lgroße Heil., und nur einmal zu hören, er würde nicht ine geringste Sympathie bei ihnen finden. Ich bin hier der Arbeiter» freund, und nicht Herr Liladthagen, der feiner Theorie zuliebe einen ganzen Produktionszweig zugrunde gehen läßt. iBklsall rechts, Lachen links., Die Fischerei- intereffenten haben sich an mich gewandt, nicht ich mich an sie. Ich bn nur der ehrliche Makler gewesen. Stürm. Gelächter links.) Wenn ich Herrn Gothein zu einem Tournee durch Deutschland eingelaben habe, io geschah es nicht der angenehmen Gefeuschast des Herrn Gothein wegen -Heil.), ich glaubte nur, das würde nur zur Belebung der Versammlungen beitragen. Heck.)
Abg. Dr. Dahlem Ztr.) tritt für eine Unterstützung der Rheinfiicherei ein.
Abg. Dr. Stengel (frf. 33p.): Die Tätigkeit des Bundes der Lanoivirie auf dem Gebiet der Domänen- wirtschast Hai mich in den Reichstag gebracht. (Hört, hört! Imls. Lachen rechts.»
An der weiteren Tebatte beteiligten sich dieAbgg. Gothein (frf. Vgg.), F gter (frf. 35p.i, weiter rotebeium Dr. Stengel und Dr. Hahn. Dann wird der Titel endlich bewilligt.
Am Freitag wird die Weiterberatung fortgeführt.
Preußischer Lanotag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 11. Februar 1909.
Die
Wahlprüfungen werden fortgesetzt.
Abg. Dr. Hager (Zentr? empfiehlt den Antrag der Kommission auf B an Windung und Einholung einer Auskunft vvm Berliner Magistrat. Wir »erianaen, oaß in erster Linie em absolut festet Maß lab geschaffen wird. Wir wollen nicht, daß zu einer Wayltrrisgeo- metrie nsch eine Wahtkreisarilhutetik der Behörden kommt. Wir wollen klar sehen, warum die Stadt Beilin so gehandelt hat, wie geschehen ist. Weiler wollen wir, daß der Kausalnexus feftg stellt wird. D iß aber die Aufstellung der Listen in Berlin zu Bedenken Anlaß gibt, werden auch die Sozialdemokraien nicht bestreiten können. W s die Auslegung des Br.ckenes anlangt, den Herr Pool eingelegt bat, so ist diese Frage für mich dadurch erledigt, daß Herr Pohl et Härt bat, । er Protest solle nur gegen die Wahl des Herrn Hoffmann gehen. In konstanter Praxis ist im Reichstag die Zurückziehung von Protesten für zulässig erachtet. Erst in den allerletzten Tagen ist dort eine Wahl für gütig erklärt, nachdem der Protest zutückgerogen war. Und das mit Recht, denn die Erhebung des ProlesteS ist ein Recht, au das n an jeder Zeil verzichten kann.
Abg. Dr. Pachnicke (.reif, VggEs ist behauptet worden, der Kollege Fischbeck habe ein falsches Spiel getrieben. Diese Behauptung ist als obfektiv unwahr erwiesen. Ob das, was vorliegt, ausreichen wird zu einer Kassation der Wahl, darüber brauchen wir uns heule doch noch nicht zu unterhalten. Die Geschäftsordnung ist das Gesetz des Hauses, das wir nicht aus Rücksicht auf die Herren von der Eozialdemokralie durchbrechen können.
Abg. Witzmann (null.): Die So zialdemokraten haben deutlich zu ertennen gegeben, daß Sie eigentlich dem Vorschläge der Wahlprüfung foimmfiion zustcknmen.
Abg. Malkewitz (kons): Ich kann zu meinem leb» hasten Bebaue n dein Wunsch des 3lbg. Pachnicke, für die geheime Wahl etnzulreten, nicht nachkonrrnen, wei die S zialdemokratte es auch unter dem geheimen Wahlrecht verstanden hak, die Wähler von dem Angeti- vlicke, wo sie den Stimmzettel erhalten bis zur Abgabe des Stimmtettels unausgesetzt zu kontrollieren.
Abg. Llldicke (neitvnf.): Für uns handelt es sich nur um die-Rechtsfrage, ob die Liften, nach denen gewählt wurde, richtig waren oder nicht. Wir wollen nui, daß das objektive Recht zur Geltung lomml, daher müssen die Wanfen kassiert werden.
Abg. Arousohn (fietf. Vp. : Die anderen acht Be'liner Bahlen sind bereits im Juni v. Js. vom
Hause für gütig erklärt worden. Die SVahlprüfangs- kommiffion Halle also gar nicht das Recht, sich mit ihnen zu beschäftigen.
Abg. Ströbel (Soz.): Eine objektive Berichterstattung über den Wahlprotest des Herrn Pohl ist in den Abteilungen nicht erfolgt. Tas hätte geschehen müssen. Der Kommifsionsberichl sagt, man darf gewisse Schichten der Bevölkerung nicht benachteiligen. Folglich müßten doch die neun Zehntel der Wähler Berücksichtigung finden. Der Abg. Stroifer will cen Beamten uerbieten.jtd» zur Sozialdemokratie zu bekennen, obwohl doch die Sozialdemokratie eine gleichberechtigte Partei ist. (Wideripruch rechts.)
Abg. Straffer (kons.): Wie kann man es als Terror bezeichnen, wenn der Staat den Beamten verbietet, Sozialdemokraien zu fein? Das ist eine Notwehr und em Recht des Staates Zustimmung rechts>, denn die Sozialdemokraten - natürlich die außerhalb des HauseS — predigen die Revolution.
Ern Schlußantrag wird gegen die Stimmen der Freiimnigen und Sozialdemokraten angenommen.
Abg. Fischbeck ifrs. Vp? führt als Berichterstatter der Kommission im Schlußwort aus: Die Kommission kann mit dem Endergebnis zufrieden fein, denn ihr Vorfchlag hat einmütige Billigkeit gefunden. (Sehr richtig.»
Präsident p. Kröcher: Einen Widerspruch gegen den Antrag der Kommission habe ich nicht gehört. Heiterkeit.) Der Antrag ist also angenommen.
Nachdem die Wahlen der Abgg. Dr. Bell (Ztr.), Frhr v. Bodenhausen und v. Leipzig (kons.) für giltig erklärt worden sind, setzt bas Hans die zweite Etats lesung mit der Weiterberatung des
Justizetats
beim Titel „Ministergehalt" fort.
Abg. Fall in (Ztr): Abg. Straffer hat bestritten, daß der Jastlzetat das Stiefkind des Finanzministers »ei, und hat erlläit, es würden im Justizetat zu große Summen, namentlich für Bauten, verausgabt. Das ist nicht der Fall. Die „Justizpaläsie" sind schon um des Ansehens der Rechlsi flege willen nölig, einfache Kasten kann man da nicht bauen. Auch wegen der berechtigten Anfprüche des rechtssuchenden Publikums auf einen erträglichen Aufenthalt in den Gerichtsgebäuden nicht. Bei keiner Behörde ist das Publikum solchen Aufent- haltsunbeguemlichkeiten ausgesetzt wie bei den Gerichten, wo es am zugigen, finsteren, kalten Korridoren stundenlang warten muß. Die Klagen über die schlechte Behandlung von Zeugen durch den gegnerischen Anwalt sind sicherlich übertrieben. Aus bloßer Neugierde ober Slandalsucht wird kein Anwalt einem Zeugen unnötige perfönliche Fragen vorlegen. Die fozlalbemokratische üreffe flogt immer über zu harte Urteile. Die Herren Sozialbemokraten sollten Gott bauten, bau sie unter der preußischen Strafrechtspflege leben. Wären sie in Rußland, unter bet Vorherrschaft ber Knute, so würden sie andere Dinge erleben: (Heiterkeit^ Zurufe des Abg. Hoffmann, die ber Präsident rügt)
Abg. Llldicke (freifonf.): Der preußische Haus- und Grunobesitzerverband hat 1906 den Juftiznunister gebeten, die Gerichtsvollzieher anzuweifen, von Pfändungen an Mobilar in der Wohnung von Mietern dem Vermieter Kenntnis zu geben. Ter Minister hat diesem Ersuchen nicht willfahrt. Warum nicht
Abg. Dr. Hauptmann (Ztr.): Eine Neuordnung der Anrechnung der ausländischen Stubieniemester bee Jurinen ist notwen ig. Neuerdings ist eine Bewegung im Gange, die die nrechnung von Auslandssemestern ganz unterlagt roifien möchte, während doch gerade Junsten mit Auslandssemestern bevorzugt werden sollten. (Beifall.)
Abg. Witzmann (natl.): Wie steht es mit einer Aenberung der Gebührenordnung für Zeugen und Sachverständige? Die bisherigen Sätze genügen nicht mehr.
Geheimrat Fritze: Bezüglich der Gebührenordnung für Zeugen und Sachverständige verweise ich auf die Erklärung des Staatssekretärs im Reichstage. Die Vorarbeiten sind bereits vorgeschritten, aber mit Rücksicht auf die dadurch entstehende Mehrbelastung zurück- gestellt worden.
Abg. Haarmann (natl.): Gegen die Jugendgerichte habe ich Beoenten. Ein schulpflichtiges Rtnb gehört auf die Schulbank, nicht aus die Anklagebank. Da mag der Rohrstock zweckmäßig fein, nicht aber ein Strafurteil.
Abg. Dr. v. Liszt (Hosp. d. frf. Vp): Die Vorwürfe gegen die Jugendgerichte erscheinen mir durch-
Im tac MimM
$0j Aus dem Englischen von ft. p. Raesfeld'
„Sie wissen nicht, welchen Rus Elton hat, sonst würden Sie nicht darüber erstaunt fein, daß ich von der Existenz dieses Oertchens weiß. Ich bermule. Sie haben das Stipendium gewonnen und sind auf diese Weise nach Cambridge gekommen."
„So ist's", versetzte er; — „wie gütig von Ihnen. Lady Wayne, sich so für meine bescheidenen Angelegenheiten zu interessieren."
„Sie inierefficren mich", sagte sie, und dieselbe sanfte Anmut milderte wieder ihr stolzes Gesicht. „Sie interessieren mich in merkwürdiger Weise."
„Dann bin ich sehr glücklich", war seine Antwort, und er sah allerdings auch sehr glücklich aus.
Gerade kam Lady Romsey auf sie zu, mit einer Mappe voll Kupferstiche in der Hand, die sie öffnete und vor ihnen ausbreitete.
„Einige davon sind sehr schön", sagte sie. „Ich bin überzeugt, sie werden Ihnen gefallen, Lady Wayne; Sie sehen gute Stiche ja so gern."
Sie beugten sich zusammen über die Mappe; sie hätten allerdings kaum etwas zu ihrer Unter- Haltung bedurft, so sehr interessierten sie sich für einander. Dann, als ihre Köpfe sich gesenkt, war es ganz merkwürdig anzusehen, wie dieselben sich öönelien — dasselbe anmutige ideale Profil, dieselbe schöne feine Stirn. Ein leichter Ausruf der Ueberraschung entfuhr Lady Romsey, und Lady Wayne blickte auf, als ob sie nach dem Grunde dafür fragen wolle.
„Sie werden mich für sehr unhöflich halten, Lady Wayne", sagte sie; „aber ich habe Ihr Haar stets von eigenartigerer und schönerer Karbe gehalten als alles, was ich bisher gesehen. Sie müssen mich schou entschuldigen, wenn ich jetzt diesen Glauben fallen lasse; aber sehen Sie selbst, Mr. Jefferies hat genau dasselbe."
Lady Wayne sah auf den edelgeformten Jüng- lingskopf neben ihr, mit seinen goldigbraunen Locken. Sie lachte.
„Sie haben ganz Recht, Lady Romsey; bitte keine Entschuldigungen I Hoffentlich haben Sie mein Haar nicht gestohlen, Mr. Jefferies?"
„Das nicht, aber ich werde meines jetzt schätzen; bisher habe ich das nicht getan"
• "Ich wiederhole, Ihre Mutter muß stolz auf sie fein, Mr. Jefferies. Entschuldigen Sie habe ich recht gehört, als Lord St. Gilbert Sie vorhin als Werner anredete?"
„Jawohl", gab er zurück, „das ist mein Name Ich habe mich oft gewundert, wo wohl meine gute Mutter, die doch sonst ihren Flug nie in die Gefilde der Romantik nimmt, diesen Namen aufgetan hat."
„Ich habe ihn entweder früher gehört oder geträumt", sagte Lady Wayne halb für sich und murmelte noch einige Male leise vor sich bin- „Werner? Werner?"
„Es muß jemand meine Mutter darauf ge- bracht haben", fuhr , er lächelnd fort „Sie ist ganz und gar nicht imstande, denselben selbst zu erfinden. Man pflegte mich daheim oft zu necken und sagte, ich hätte eine Fee zur Patin."
„Wirklich?" sagte Mylady und sah in sein hübsches, lächelndes Gesicht. „Wieso? warum?"
17. Kapitell
Lady Waync's Traum.
„Warum?" wiederholte Lady Wayne eine Fee als Patin ist etwas Ungewöhnliches in" diesem prosaischen neunzehnten Jahrhundert."
„Ich weist nicht, ob ich Sie mit einem solchen Unsinn behelligen darf", erwiderte Werner' „aber es ist Tatsache, daß, nachdem ich das Sti-' pendium erhalten und im Begriff stand nach Cambridge zu gehen, mir so viele und so wertvolle Gesck-enke zugingen, dah wir nur annehmen konnten, eine Fee sei int Spiele. Unter anderm war auch eine kleine Börse aus grüner Seide dabei, die ich sorgfältig aufgehoben habe, in der
Hoffnung, eines Tages den Eigentümer zu ermitteln."
„Wirklich, das ist ja der reinste Roman", sagte Lady Wayne erstaunt; „und fährt die Fee denn immer mit ihren Zuwendungen fort?"
„Gewiß, jedes Jahr", versetzte er; „Bücher und Geld, denn ich hatte von Haus aus fein Geld. Sollte ich meinen edelmütigen Wohltäter je ausfindig machen, so werde ich ihm meine Dankbarkeit zu bezeugen wissen."
„Haben Sie denn tatsächlich gar keine Idee, wer sich in so merkwürdig freundlick-er Weise für Sie interessiert?" forschte Lady Wayne.
„Ich schäme mich fast zu gestehen, daß ich soviel Zeit auf das Studium und meine Bücher verwandt, daß ich nur wenig daran gedacht habe. Höchstwahrscheinlich ist es einer von den Herren, die der Prüfung beigewohnt haben; sie waren sämtlich sehr freundlich gegen mich."
„Sehr wahrscheinlich", sagte Lady Wayne.
„Ich werde die kleine grünseidene Börse jeden, falls stets wie einen Talisman aufheben", fuhr er fort, „denn ich habe so eine merkwürdige Art Ueberzeugung oder Ahnung, daß sie mir eines Tages noch sehr nützlich sein wird. — Aber, Lady Wayne, Ihre Gute macht mich selbstsüchtig, sehen Sie nur, wie lange ich Sie mit meinem Geplauder über diese eine Nichtigkeit schon hingehalten habe."
„Es interessiert mich", sagte sie mit ihrem anmutig ernsten Lächeln, dein niemand widerstehen konnte.
Lord Wayne näherte sich in diesem Augenblick den beiden.
„Evelyn", sagte er, „hast Tu Mr. Jefferies gebeten, uns einige Tage auf Kenninghall zu schenken? Lord St. Gilbert hat versprochen, zu kommen."
„Ich hoffe auch. Sie werden kommen, Mr Jefferies", sagte sie, „Kenninghall ist eine wahre Heimat des Poetif<i)en und Romantischen. Wir haben einen wirklichen Geist, der auf der Terrasse erscheint; jeder Stein, jede« Baum bat
feine Sage. Kenninghall würde Ihnen sicher gefallen. Versprechen Sie mir, daß Sie sich dem Besuche Lord St. Gilbert's auschließen werden."
„Es wird mir eins der grössten Vergnügen meines Lebens sein", erwiderte er ernsthaft; und sie lachte über die Wärme seines Tons und seiner Worte.
„Lord St. Gilbert hat sich noch für keinen bestimmten Zeitpunkt entschieden", fuhr Lord Wayne fort; „er hat jedoch versprochen, daß es nächsten Monat sein soll."
Tann wurde Lady Wayne's Aufmerksamkeit auf ein paar junge Tarnen gelenkt, die großen Wert darauf legten, einen möglichst vorteilhaften Eindruck auf die Herrin von Kenninghall zu nia- chen, wobei sie eine Einladung zu den benmädyft dort stattfindenden Bällen und Gesellschaften im Auge hatten.
Werner ward von Lady Romsey gebeten, Capr- tain Hawk zu unterhalten, einen Goliath von einem jungen Dragoner, der mir den Aycliffes eingeladen worden war. Sein Schicksal wollte es dann, daß er Ohrenzeuge folgender Unterredung zwischen Sir John Thurston und Major Cranley, zweien der Gäste, wurde.
„Was für ein wunderbar schönes Weib Lady Wayne doch ist", sagte der Major. „Ich kenne alle Schönheiten des Tages, aber ich glaube tat- sächlich, sie übertrifft sie alle."
-Ja", stimmte Sir John in außerordentlich gedämpften! Flüsterton, den er für etwas ganz Feines und Diplomatisches hielt, zu; „es ist eine liebenswürdige Frau — ebenso stolz wie schön; und an der Frau gefällt mir Stolz, er hält sie strack und gerade, mein Bester — strack und gerade."
„Mein lieber Sir John", sagte der Major trocken, „Frauen wie Lady Wayne sind immer das, was Sie strack und gerade nennen; sie gehen nie vom Wege."
„Ich möchte wohl wissen, wie alt sie ist", murmelte der Baronet; „wenn ich raten sollte, könnte ich auf alles zwischen 25 und 35 raten." (F. f.)