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Fulda, Dienstag den 9. Februar 1909.
M 31.
36. Jahrgang.
Erstes Alatt.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 8. Februar 1909.
In der Fortsetzung der zweiten Beratung des Etats des
ReichSamtS des Innern.
führt
Abg. Irl (Ztr.) aus: Es hat mich sehr gefreut, daß die von meinen Freunoen gewünschte Erhebung über den gewerblichen Mittelstand veranstaltet werden soll. Ich hoff«, daß die verbündeien Regierungen aus dem Wege zum Schutz des Handwerks fort« schreiten werden. Aber an Entgegenkommen gegenüber den Handwerkskammern hat es hie Regierung bisher zu sehr fehlen lassen. Notwendig ist auch die Förderung von Tarifverträgen überall da, wo sich ein Bedürfnis dafür zeigt. Nur ein Reichstarifamt ist nach meiner Meinung dazu geeignet, hier tätig einzngreisen. Zum Schluß bittet Redner um Annahme einer von ihm emgebrachten Resolution betr. Aenderung des Unfallversicherungsgesetzes dahingehend, daß der Bundesrat in besonveren Fällen für die Ansammlung des Reservefonds der Berussgenoffenschasten Erleichterung gewähren kann. (Beifall.)
«bg. Nauman« (fr. Bgg.) meint, unser heutiges Koalttionsrecht fet zweiseitig und unfertig; es muffe deshalb weiter ausgebaul und gesetzlich als ein Privat- recht hingeüelll werden. Im weiteren tadelt Redner die Handhabung der schwarzen Listen und die übermäßige Arbeitszeit in der Roheisenindustrie.
Abg. KulerSki lPolei meint, bei den Reformen, die der Staatssekretär angekündt^t habe, trete allzu große Unternehmersreundlichkeit zutage. Für die Witwen- und Waisenverstcheru. g müßten Staat und Arb.itgeber die Konen tragen, ohne daß die Arbeiter auch noch zahlen müßten. Bei der geplanten Reichsversicherungsordnung muffe das A ter für den Bezug der Altersrenten von 70 aus 65 Jahre herabgesetzt werden, und die freiwillige Bersicherung muffe auch dem Mittelstand, insbesondere dem ländlichen Mittelstand zugänglich gemacht werden. Wetter ivünschl Redner eine Arbeitslosen, ersicherung, die Einbeziehung der ländlichen Arbeiter in die Krankenversicherung und die volle Koalitionsfreiheit für dieselben, ein Reichsberggeletz, Zulassung von Arbeiterkontrolleuren und Beseitigung deS polizeiliche« Lock pitzeltums.
Abg. grhr.v.Samp (Rp.) wünscht eine systematische Abhandlung über bie angekündigte Bersicherungsrefdrm und bittet den Staatssekretär, sein warmes Herz für die Arbeitgeber dadurch zu betätigen, daß er endlich etwas für ne tue.
«bg. Riefeberg (wirtsch. Bgg ) wünscht tätkrästige Unterstützung deS Mittelstandes und des Handwerks und begrüßt die augekündigte Reform im Kraulen- kassenwesen. Bei allen Gesetzen, durch die das Handwerk betroffen wird, mußten die Handwerkskammern gehört weiden
«bg. Dr. Pachnicke (fr. Bgg.) bittet den Staats- Skrelär um finanzielle Unterstützung deS Verbandes für rbettsnachweise.
Dienstag: Fortsetzung.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 8. Februar 1909.
Aus der Tagesordnung steht die zweite Beratung des Gesetzentwurfes betreffend die
Lehrerbesoldung.
Die Kommffsion hat das Grundgeholt für die Lehrer auf 1400, für die Lehrerinnen auf 1200 Mark festgeietzl. — Die Alterszulagen betragen für Lehrer zweimal je 200 Statt, in der dritten und vierten Stufe Je 2öO Mark, in der fünften bis neunten Stufe je 200 Mark; ittr Lehrerinnen in den erften zwei Stufen je 100 Mark, in den weiteren fe 150 Mark jährlich. Durch die Ortszulage« darf das Endgehalt um höchsten» 900 Man, zeooch nicht über 4200 Mark für d e Lehrer, für bi« Lehrerinnen um höchstens 600 Mark, jedoch nicht über 2950 Mark, erhöht werden. Die Leiter von L chulen von sechs und mehr Klassen erhallen eine peu» fionssahige Zulage von mindestens 700 Mark jährlich, ander« Schulleiter und solche erste Lehrer an Volks
schulen mit drei und mehr Lehrkräften, denen Leitungs- b-fugnifle übertragen sind, erhalten eine pensionsfähige Amtszulage von mindestens 200 Mark jährlich, sonstige erste Lehrer und alleinstehende Lehrer erhalten, wen > sie als solche eine 10jährige ununterbrochene Dienstzeit zurückgelegt haben, eine pensionssähige Amtszulage von 100 Mark jährlich. — Eine Reihe von Anträgen der Kommission steht mit zur Beratung. U. n. wird verlangt die allmähliche Abtrennung der niederen Küsterdienste, furoie den Erfordernissen her Familie entsprechende Wohnungen für verheiratete Lehrer auf dem Lande. Ferner wird die Erhöhung des Fonds für die Errichtung neuer Lehrerstellen und die Erhöhung der Staatsbeiträge zu den Ruhegehältern und Reliktenbezügen gefordert. Schließlich wird die Regierung aufgefo bett, bald eine Novell e zum Lehrerpensions-und Relikienaesetz vorzn- legen, in der die Staalsbeilräge erhöht werden, und ferner einen Gesetzentwurf zur Regelung des Mil lel- schulwesens.
Abg. v. Richthofen 'fonL): Zu begrüßen ist es, daß die Haltung der Lehrerfchast, die anfangs fast feinbfeiiger Naiur war, jetzt eine ruhigere ist. Schon bie Regierungsvorlage brachte erhebliche Berbefferungen hinsicktlich eines auskömmlichen Gehaltes für bie Lehrer. Di« Kommission ist erheblich werlergegangen, insbesondere bezüglich des Anfangs- wie des Endgehalts. Ferner waren wir bestrebt, die Landlehrer auf dem Lande seßhaft zu machen, indem wir ihnen nach 10- jähriget Dienstieit eine besondere Zulage von 100 Mark gewähren. Mei-re Partei hält an den in der Kommission getroffenen Vereinbarungen fest und sieht von weiteren Anträaen ab.
Abg. Kesternich (Ztr.): Wir bedauern, daß unsere vom Freisinn unierstützten Anträge da» Grundgehalt zu erhöhen, nicht angenommen sind. Immer um er kennen wir an, daß sowohl für die Lehrer wie für die Lehrerinnen eine Verbesserung geschaffen ist. Die Ruhegehaltsveihältniffe sind zu Gunsten der Landlehrer wesentlich verbessert. Das Gesetz wird Ruh« in bie Reihen meiner Berufsgenoffen bringen und bie Landflucht bet Lehrer beseitigen. Leider fei es nicht gelungen, durchzusetzen, daß di« Küster lehr er die volle Einnahme iür ihre besondere Mühewaltung als Küster ohne Anrechnung auf bas Grundgehalt beziehen. Jedenfalls aber sei der Landlehrer aus feiner bisherigen traurigen Ausnahmestellung Herausgehoden, worden. Die Ortszulagen bringen eine gewiffe Beunruhigung in die Streife der Lehrer. Ich bekenne mich i erfönlid) als Anhänger der Gleichstellung, aber ich gönne meinen Kollegen von Herzen das, was ich selbst nicht erreichen konnte. (Bravo! im Zir.s Schon sangen gewiffe Agitatoren aber an, es so darzustellen, als feien die Landlehrer als Aschenbrödel behandelt. Ich hoffe, daß die Landlehrer dielen Hetzern und Hetzblättern die Tür weifen. (Bravo! tut Ztr.) Immerhin ist eS möglich, daß die Otlszulagen zu Konflikten zwilchen den Städten und der Lehrerlchait führen. Ich hoffe, daß b mn bie Regierung vermiilelnb ein greift Es gibt Gemeinben, bie bet Auslührunq des Gesetzes 400 Proz. Gemeindesteuern zahlen müßien. Ich hoffe, oaß die Regierung uns erklärt, daß sie da denen will. Hauptsächlich die böse Bestimmung über die Entziehung der Staatszuschüsse an die Kommunen habe der Zenlmmspartei bett Beitritt zum Kompromiß erschwert. S>« sei ihm nur deshalb bctgetreten, weil sie vorausfetze, daß alle Härten und erheblich« Belastungen der Schulverbänbe vermieden werden. Falls dte ^Regierung mit beit ihr zu biesem Zwecke bereit- gestellten Mitteln nicht ausieiche, tve d« die Zentrumspartei einer Erhöhung des Erg.tnzungsfonds jederzeil jitstimmen.
Abg. ». Campe (natt): Was die Gewährung von Staatszuschnsfen be rifft, so hätten wir gewünscht, baß man bie Grenze für die Zuwendung erweitert hätte und zwar von 7 auf 25 Schitlstellen.
Ministerialdirektor Schwarzkopfs: Die Regierung dankt dem Hause, baß sie tut Inter »sie des Zustandekommens der Vorlage manche Wünsch« zuriickgestelli hat, was auch seitens der Unterrichtsveiwaltmig geschehen ist. Leider bringt das Geietz auch eine erhebliche Belastung der Steuerzahler und der Kommunen. Es wird eine schwierige 'Au,gäbe sein, dem Gesetz rückwirkende Straft zu verleihen. Für die Gemeinden von 8 bis 2ä Schutllellen hat die Slaalsregie- rung einen Fonds für bett Notfall bereit. Was die Einziehung des StaatszufchuiseS für Verbände von über sieben Sch ulst, ll eit betrifft, so wird auch in betonteren Fällen den größeren Gemeinden ein Staatszuschuß zuteil werden. Die Mittel dazu sind vorhanden. Wir
müffen zu unseren SetbstverwaltungSbehörben das Ber- trauen haben, daß sie die ihnen zu einem solchen Zweck überwiesenen Gelder gerecht und zweckentsprechend verteilen.
Abg. v. Zedlitz (srks.): Die Befferstellung der Lehrer durch das Gesetz >st ganz erheblich. Auch die Ortszulagen betrachten wir als einen Fortschritt. Au, diesem Wege läßt sich weiter arbeiten mit dem Ziel der völligen G l eich« el lu ng her Stabt« und Landlehrer. g,ti hoffe, baß das Gesetz auf bet Grundlage der Kom- miffionebefcMüffe zustande kommt.
Abg. Gaffel (srf. Bp.l: Unser Ziel für die Gleichstellung der Siebter mit den Sekretären der Verwaltung, ist nicht erreicht. Auch sind unsere Avträae auf Erhöhung des Grund- und Endgehalts nicht angenommen worden. Wir konnten fie nicht weiter vertreten und mußten auf das Kompromiß eing«h-n, weil wir — das muß ich ehrlich gestehen — nicht die Deckungsmittel zu befchaffen wußten, wenn wir nicht die Steuerzahler übermäßig belasten wollten. Wir erkennen an, daß alle Parteien, fast ohne, daß sich politische 3)ifferen;en bemerkbar machten, gemeinsam an der Sicherung der Wohlfahrt der Lehrer gearbeitet haben.
Abg. Ernst (frf. Vgg.': Die Lehrer werden das Erreichte freudig begrünen, denn sie dürfen hoffen, daß es nicht das Letzte ist. W>r werden in bieier Beziehung unsere Schuldigkeit tun. Die Lehrer sollen aber auch nicht vergessen, daß ihre Hauptagitationskraft in der stillen Schu'stube liegt, in dem, was fie leisten, und sie sollen sich hier mehr bemühen, nicht nur Volksschul- lehrer. sondern Volkslehrer zu fein.
Inzwischen ist ein Antrag der Po le n eingegangen, der die Beseitigung der Ostmarkenzulage für Lehrer fordert. Im Fall« der Ablehnung beantragen sie, die Ostinarkenziitagen asten Lehrpersonen ohne Unterschied unwiderruflich zuzniprechen.
Abg. Sitzchel (Pole) begründet den Antrag. Politik gehört nicht in die Schule Sie toll den Kmdern geben, ivas sie rm Leben lördert, und bar) ihnen nicht nehmen, was sie naturrechtlich niitbrin len uno von ihre» Eltern ererbt haben: bie Mutler'prache. Deshalb nehmen wir bei aller Hochachtung vor der Schule eine Sonderstellung gegenüber bet ostdeutschen Schule ein, bie unteren Kindern die Muttersprache nimmt.
Finaniminister Freiherr v NHeinbaben wendet sich icharf gegen diesen Antrag un r mutt den Polen vor, Vie Politik in die Schule getragen zu haben.
Abg. Borgmann (Soz.s: Leider hab n alle bürgerlichen Parteien bei der Beratung dieser Vorlage gebremst, statt den Bremserlau energisch zu betä upfen Die Landflucht der Siebter würde bald aufhören, roenn man auf dem Lande bessere Schulhäuser baute und die Klassen yertlemerte. £te Hoffnung auf gerechte Verteilung der Mittel rvird sich nicht erfüllen, denn die Kieisausschutfe sind Marionetten in der Hand der Landrats facher, rechts), und es gibt leinen größeren Gesetzesverächter als den preußischen L.indrat. (Gelächter rechts.i Die Ostnrarkenzulagen versolgen nur das System, die Volksschule auszunutzen für eine be= nimmte poliliiche Richtung |L bhaster Widerspruch rechts.) Wir werden für die Vorlage stimmen, beiden aber damit keineswegs die Beeuiirächlignng der Selbst- i*erro iltung gut.
Zur Geschäftsordnung bemerkt Abg. Marx (Zlr.): Wir stehen prinzipiell auf dem Bove» der polnischen Anträge, werden aber mit Rücksicht auf das Kompromiß nicht dafür stimmen.
Die §§ 1—5 werden darauf unter Ablehnung der polnischen Anträge, für die außer den Polen noch die Sozialdemokraten und tinige Freisinnige sti innen, ein, stimmig, also auch mit den Stimmen der Sozialdemokraten, angenommen.
Dienstag: Pfarrerbesoldungsgesetz und Weiterberatung des Lehrerbeioldungsgesetzes.
Deutsches Reich
** Der Besuch des englischen Königspaares.
König Eduard hat am Montag morgen in London seine Reife nach Berlin angelrelen, be- gleitet von der Königin. Aos dem Wege zum Bahnhof brachte das Volk ihm eine sehr warme Begrüßung. Prtnz und Punzefsin von Wales, Staatssekretär Grey und der deutsche Geschäfts
träger waren zur Verabschiedung auf dem Bahnhof anwesend.
Die .vkordd. Allg. Zig/ widmet dem Königs- paare einen Begrüßungsartikel, in dem es heißt:
Auch für die Beziehungen zwischen dem deutschen und englischen Volk versprechen wir uns Gutes von dieser Zusammenkunft. Die Kundgebung freundwilliger Gesinnung und verwandtschaftlicher Zuueigung, zu Denen der Betuch willkommenen 'Anlaß gibt, wird eine neue Ermutigung für alle sein, die in Deutschland und England bemüht sind, einer Entfremdung zwischen beiden Reichen entgegenzuwirken und bie brutsch-englischen Beziehnngen in _ sichere Bahnen zu lenken. Mehr als je werben sich bte Freunde eines guten Einvernehmens diesseits und jenseits des Kanals überzeugen, daß aus dem persönlichen Verhältnis der Monarchen ihren Bestrebungen keine Schwierigkeiten erwachsen. Freilich wird es noch außerordentlicher Aufklärungsarbeit bedürfen, um das Ziel zu erreichen, das in der Sicherung einer auf gegenteiliger Wertschätzung begründeten Freundschaft zwischen beiden großen Kulturvölkern vorgezeichnet ist. Aber auf dem Wege dorthin wird der Besuch des britischen Königspaares und der Empfang, bett Deutfch- lanb ben Majestäten bereitet, einen Fortschritt bringen. In diesem Sinne wünschen wir ben kommenden Festtagen einen ungetrübten Verlaus und eine lange glückliche Nachwirkung.
Die Stimmen der englischen Presse sind viel wärmer gehalten, als zu erwarten war. Bei solchen Anlässen waren die englischen Blätter übrigens bisher immer sehr verbindlich in ihre» Aeußerungen.
** Berlin, 8. Jebr. 1909. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, v. Schön, ist vom Großt-erzog von Hessen durch die Verleihung deS Fretherrnlllels ausgezeichnet worden.
+ Der Kamps um die Nachlaßsteuer wird, nach- bent die dreitägige Schlacht noch keine Entscheidung gebracht hat, heute seinen Fortgang nehmen. Ob es heute zur Abstimmung kommt, ist noch ungewiß, ebenso ungewiß, wie die Entschei- dunq ausfallen wird. Tie Wahrscheinlichkeit spricht allerdings dafür, daß die Nachlaßsteuervorlage von der Mehrheit der Kommission a b gelehnt wird, wenigstens in der vorliegenden Form. Die Kundgebungen von bündle- rischer Seite betonen in den letzten Tagen mit ausfallender Schärfe, daß die Nachlatzsteuer in der vorliegenden Form unannehmbar sei. Ist sie vielleicht in einer anderen Form annehmbar? Verschiedene Momente sprechen dafür, daß die Konservativen in der Frage der Nachlaßsteuer eine kleine Schwenkung vornehmen werden. Auffallend war schon, daß der Sprecher der Kon- scrvativn in der Kommission sich für eine Durchberatung der Vorlage trotz Ablehnung des § 1 aussprach. Meschen vernünftigen Zweck kann es denn haben, nachdem die grundlegende Bestimmung abgelehnt ist. die zur näheren Ausführung des Grundgedankens bestimmten Vorschriften zu beraten? Da wird die Ablehnung wohl nicht so ganz ernst gemeint gewesen sein. Noch wichtiger scheint uns der Antrag des konservativen Abg. v. Richthofen, die Abstimmung über den § 1 auszusetzen bis nach Erledigung der Vorlage betreffend Aenderung des Erbschaftssteuergesetzes. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Erbschaftssteuergesetz in einer Form von der Kommission geändert werden kann, daß die Nachlaßsteuer überflüsiig wird. Hinter den Kulissen sind augenblicklich recht eifrige Verhandlungen zwischen der Regierung und den Blockführern int Gauge, wir zweifeln nicht daran, daß sie von Erfolg gekrönt sein werden. Den Konservativen wird es unmöglich fein, in der Opposition zu verharren, weil der Blockfanatismus immer mehr auch ihre eigenen
X Vanne i>e§ tzcheimW.
27J Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld-
„Eins ist ganz sicher," sagte Myladh, „er mag arm sein, aber er hat zweifellos sein Leden in guter Gesellschaft gelebt. Er könnte seiner Erscheinung und seinem Benehmen nach wenigstens ein Aristokrat sein."
Dec Earl war ebenfalls nicht weniger entzückt. Werner's Ruf an der Universität war's, was ihm besonders gefiel; seine tapfer«, offene, edelmütige Natur, feine festen idealen Grundsätze, die Beredsamkeit, die ihm die Natur verliehen; die gewöhnlichsten Gegenstände lourden in poetischer fesselnder Weise von ihm behandelt.
..Solch einen Sohn hätte ich haben mögen", sagte er sich; „bet Ruhm Romseys würde sich in solchen Händen, bei solchem Geiste verbreitet Haden.
Werner konnte die Einladung, mit nach Downham zu kommen, nicht abschlagen. Lord Et. Gilbert weigerte sich, ohne ihn zu gehen, und der Earl drängte ihn so ernstlich, daß eS nicht möglich war, nein zu sagen.
„Ich würde nicht so darauf bestehen, wenn Sie noch weitere Ehren hier an der Universität Su gewinnen hätten", sagte er, „aber das ist nicht er Fall. Ich höre von meinem Sohne, daß Sie sehr bald von hier fort und eine Hauslehrerstelle gu suchen beabsichtigen. Geben Sie diesen Gedanken auf; Ihre Zukunft soll meine Sorge sein."
Doch Werner sah zweifelhaft drein, und Lady «omsey las das Zögern auf seinem Gesichte.
„Nun, sagen Sie mir", fuhr er fort, „welcher ßtocifel drückt Ihr Gemüt? — Ich sehe. Sie Haven etwas derartiges."
. möchte nicht gern undankbar erscheinen", Xi^f aber5“"Ct' "uni> empfinde Ihre Güte
„Ja", sagte der Earl lächelnd, „ich mödjte dies „aber" verstehen."
„Sie werden mir also verzeihen, wenn ich offen heraus spreche. Mylord, ich bin kein G>ent- leman von @cburt; mein Vater war ein armer Mann, ein Bahnwärter, der auf der Eisenbahn verunglückte. Meine Mutter ist eine einfache, häusliche Frau vom Lande, die von der kleinen, ihr bewilligten Pension lebt. Meine Heimat ist durchaus bescheiden, ja sehr arm. Ich habe keine Zukunft, keine großartigen Verbindungen irgend welcher Art; und es scheint mir, daß ich inmitten der Pracht und des Reichtums auf Downham nicht an meinem Platze fein würde. Ich werde fdjtoer arbeiten müssen, und das Leben in einer sclchen Atmosphäre des Luxus würde vielleicht meiner Arbeitslust und Schaffensfreudigkeit wenig förderlich fein."
„Das ist Ihr einziger Einwand?" fragte der Earl. , .....
„Ja. Es ist äußerst guttg von Ihnen, mir Ihre Freundschaft anzubieten, aber der Abstand zwischen uns ist zu groß."
ßorb Romsev streckte thm dte Hand entgegen. „Wissen Sie auch", sagte er, „daß Sie der edelste und wackerste junge Mann sind, den ich seit langem kennen gelernt? Ich achte Sie mehr denn je, und Sir gefallen mir tausendmal bester. Sie sind ehrenhaft und wahr — Ihnen gab die Natur einen Adelsbries mit, und deshalb ehrt mich Ihre Freundschaft. Es tut mir nur leid, daß Ihr Vater tot ist, und ich ihm nicht sagen kann, was ich von seinem Sohne halte." —
Von der Stunde an hatte Werner Jefferies keinen aufrichtigeren Freund als den Earl von Stan [ei).
Als der Graf später den Vorfall feiner Gemahlin erzählte fügte er bei:
„Wenige wären so freimütig gewesen. Fast alle Menschen, Männer wie Frauen, die ich kennen gelernt, versuchen sich als etwas Höheres hinzustellen, die Tatsachen und sich selbst im besten Lichte erscheinen zu lassen. Unser früherer Hof-
meister z. B., Mr. Braintree. — hätte er in diesem Falle nicht gesagt: Mein Vater bekleidete eine Stellung bei der Eisenbahn, und es so einem überlasten, sich irgend etwas zwischen einem Ei- fenbahnditektlons-Präsidenten und dem Vorsteher einer bedeutenden Station vorzustellen? — Aber in dieser einfachen, ungeschminkten Angabe: Mein Vater war ein armer Mann, ein Bahnwärter, liegt für mich der Reiz der Offenheit und Ehr- lichkeit."
„Man hätte wenigstens glauben können, sein Vater wäre ein Fürst gewesen", gab Lady Nom- feu nachdenklich zurück. —
' Somit war es abgemacht, daß Werner mit ihnen nach Downham gehen würde.
„Sie dürfen nicht daran denken, uns zu verkästen, bis Balduin wieder wohlauf und kräftig ist", sagte Lady Romsey, „bann beabsichtigen wir ins Ausland zu gehen. Er muß auf den Kontinent gehen, und ich hoffe, daß Sie dann mit uns gehen werden. Nachdem können wir immer noch an Ihre Zukunft denken."
Was konnte er sagen? Sie hatten von ihm Besitz ergriffen, als ob er ihr eigenes Kind gewesen wäre. Sie nahmen keinen Anstoß an feiner Armut, feiner geringen Herkunft, seinen ländlichen Verwandten und Bekannten. Er konnte tun, was er wollte, ihre Hochschätzung für ihn verringerte sich nicht.
Und so überließ sich Werner, jung, lebens- unb schönheitsdurstig wie er war, dem Glück der Stunde und überließ es der Zukunft, für sich selbst zu sorgen. Lady Romsey's Güte endete hiermit aber nicht. Sie wandte Kate Jefferres viele nützliche und wertvolle Geschenke zu und erbot sich, Jack, dem Bruder — wie sie glaubte — des jungen Helden, dem sie daS Leben ihres Sohnes verdankte, auf jede ihr mögliche Art und Weise behülflich zu fein.
Doch Jack hatte sich vorläufig noch nicht dafür entschlossen, in irgend einem bestimmten Lebens- berwfe tätig zu sein.
„Der beste Berns, den ich vorläufig kenne", sagte er zu feiner Mutter, „ist der, dem Sohne irgend eines Grafen oder Lord das Leben zu retten; es ist der leichteste Weg, in der Welt voran zu kommen."
„Vielleicht hättest Du es nicht ganz so eilig gehabt, in's Wasser zu springen", versetzte seine Mutter.
„Stimmt", sagte Jack offenherzig; „etwas Leichteres wie das wäre mir allerdings lieber gewesen. Du kannst Ihrer gräflichen Gnaden schreiben. Mutter, die Sache vorläufig noch anstehen zu lassen, bis ich mich entschieden habe.",— —
Eines sonnigen Morgens verließ die ganze Gesellschaft Cambridge und begab sich nach Down- Ham. Mau reifte langsam, denn Lord St. Gilbert war noch längst nicht wieder gekräftigt. Die Aerzte hielten es für zweifelhaft, daß er sich schon bald wieder erholen werde; die nervöse Erschut- tenmg war zu stark gewesen. Jedesmal, wenn er einschlief, erwachte er alsbald mit lautem Geschrei wieder — er machte das Ertrinken, das tiefer und tiefer Sinken in dem kalten Wasser, wieder von neuem durch. Einzig und allein Werner konnte ihn dann beruhigen; seine An- Wesenheit, seine muntere Unterhaltung, seine heitere Laune waren von schier unschätzbarem Werte für den jungen Erben. —
„Ha", rief St. Gilbert, als der Wagen endlich vor dem stattlichen Portale von Downham aitf- fuhr, „hier ist meine liebe alte Heimat endlich wieder! Ach, Werner, wärst Du nicht gewesen, ich hätte fie nie wiedergesehen l"
15. Kapitel.
Auf dem Lande.
Es war unmöglich für Werner, sich nicht glücklich und wie zu Hause zu fühlen. Lord und Lady Romsey hätten nicht freundlicher, nicht liebevoller und gütiger gegen ihn sein können, wenn er ihr eigener Sohn gewesen wäre.
Dmvnham war prachtvoll; seit vielen Generationen war es der Hauptsitz der Romseys ge-