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Maer W Zeitung

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verantm. Redakteur:

Larlllchütter

Monatsbeilage: „Fuldaer Geschichtsblätter"

i.SwtoinS«»«. Wochenbeilage:„Illustrierte§0Niitügszeituiig"

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Rotationsdruckuni Verlag der Fuldaer Ak- NendruSerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

Fulda, Sanistan den 6. Februar 1909.

JV3 29.

36. Jahrgang.

Zweites FZtcrtt.

Wochen-Rundjchau.

[:] Fulda, 5. Februar 1909.

Seit einer Zeit sucht in der Berliner Presse ein Journalist Adolf Stein eine Rolle zu spielen. Er stammt aus Moskau und betätigt sich bei uns als eifriger Verfechter des „nationa­len" Gedankens. Er, der Russe, übertrumpft so­gar mit seinen „nationalen" Allüren die „All­deutschen". Er hat es derstanden, sich bei der Re­gierung gute Beziehungen zu verschaffen. Die Neigung, andere als die Interessen der Regie­rung zu vertreten, liegt ihm gänzlich fern. In dem „Pressestreik" der Berliner Journalisten, der sich seinerzeit an die Aeußernng des Abg. Gröber über „Saubengel" anschloß, war verschiedentlich von einem „Freund des Reichskanzlers" die Rede, der mit Bülow verhandelt haben sollte. Dieser Freund des Reichskanzlers war Adolf Stein. In diesen Tagen machte er viel von sich reden durch ein soeben veröffentlichtes Buch über den Kaiser, das offenbar die Stellung des Reichskanzlers stützen soll. Das Wichtigste aus dem Büchlein ist das, was Stein über das viel besprochene, viel kritisierte und viel angefein­dete Kaiser telegramm an Krüger, den Präsidenten der Burenrepublik in Südafrika ge­richtet hat. Jenes Telegramm hat bekanntlich die Beziehungen zu England in der allerschwierig, steil Weise beeinflußt. Seit jener Zeit ist in die Beziehungen zwischen den beiden großen Mächten der alte gute Ton nicht wiedergekehrt, der Jahr- Hunderte lang geherrscht hat. Jetzt kommt Adolf Stein mit der Behauptung, jenes Telegramm sei „die wohlerwogene Antwort des Auswärtigen Amtes" gewesen. Er erzählt, daß man den.Text im Auswärtigen Amte aufgesetzt, daß „Freiherr v. Marschall gemeinsam mit dem Fürsten Hohenlohe" dem Kaiser darüber Vortrag gehal­ten, und daß der Kaiser zuerst einige Einwendim- gen gemacht, sich dann aber „von der amtlichen Autorität dazu betoegen ließ, die Depesche zu unterschreiben". Diese Behauptung Steins stößt in der Presse allgemein auf scharfe Zweifel. Der Zweck seiner Veröffentlichung ist offenbar der, dem damaligen Staatssekretär im Auswärtigen Amt, dem Frhrn. v. Marschall, der später als Vertreter Deutschlands auf der Friedenskon­ferenz in Haag eine hervorragende Befähigung bewiesen hat, Ungelegenheiten zu bereiten. Frhr. v. Marschall gilt als eine der aussichtsvollsten Kandidaten für den Reichskanzlers) o- ften. Bülows Position beruht schon lange auf dem Glauben des Kaisers, sein „Bernhard" sei unersetzlich. Darüber hat der Kaiser wiederholt sehr drastische Aeußerungen getan. Seit aber die Persönlichkeit des Frhrn. v. Marschall in den Vordergrund tritt, befürchten Bülows Freunde, feine Erscheinung und seine Wirksamkeit würden den Kaiser von dem Glauben abbringen, Bülow fei unersetzlich. Daher jetzt ihr Sturmlauf gegen den Freiherrn v. Marschall. Jedenfalls tragt Stein in seinem Buche für den Fürsten Bülow eine Vorliebe zur Schau, die eigentlich mit dem Grundgedanken seines Buches, der Verteidigung Les Kaisers gegenüber den Novembersturmen, in schroffem Widerspruch steht. Wenn er diesen Ge­danken konsequent verfolgte, so müßte er zugeben, daß Fürst Bülow in den denkwürdigen November­tagen seine Pflicht, den Kaiser zu decken, nicht erfüllt habe. Davon aber spricht Stein nicht, er bedeckt es mit dem Mantel der Liebe. Der Vor­stoß gegen Frhrn. v. Marschall muß im gegenwär­tigen Augenblicke, wo der Besuch des englischen Königs erwartet wird, besonders wirksam fein.

Man darf dabei nicht vergessen, daß Frhr. v. Mar- schall sich gegenüber diesen Treibereien nicht weh- ren kann; er ist ja im Amte, und kann selbstver­ständlich über innere Angelegenheiten des Amtes in der Oeffentlichkeit nicht reden. Treffen muß ihn dieser Pfeil also, selbst, wenn seine Freunde eifrig mit ihrem Schilde vor ihm stehen.

Die Finanzreform geht ihrer kritischen Stunde entgegen. Die Regierung sowohl wie die verschiedenen Parteien setzten zum Schluß noch­mals alles in Bewegung, um ihrer Auffassung zum Durchbruch zu verhelfen. Zeit genug haben Regierung und Block gerade jetzt noch gehabt, um hinter Len Kulissen alle Trümpfe gegeneinander auszuspielen, da die letzten Tage „parlaments- los" waren. Die Früchte dieser Arbeit wird man vielleicht ja schon bald sehen; es wird vor allem darauf ankommen, ob Bülow oder die um v. Ol­denburg und v. Treuenfels herum die Oberhand behielten. Das ist der Angelpunkt, um den sich jetzt bei der Reichsfinanzreform alles dreht. Hebet den Ausgang dieses Streites zu prophe­zeien, ist wegen der Hndurchsichtigkeit der Block- Verhältnisse äußerst schwer. Anscheinend kann man sich auch auf einen „Umfall" der Konserva- tiven gefaßt machen, vielleicht für eine Nachlaß­steuer in veränderter Form.

In Preußen ist man in der Besol- dungsfrage erfreulicherweise zu einer Eini­gung zwischen der Regierung und den bürger­lichen Parteien gekommen. Wenn auch manche Wünsche der Beamten unerfüllt blieben,, so ist das Kompromiß doch zu begrüßen, da die den Beamten nicht freundlichen im Herrenhause viel­fach herrschenden Ansichten einem fo einmütig ge­faßten Beschlüsse wohl schwer entgegentreten kön­nen.

In Oesterreich können die inneren Zwi­stigkeiten nicht zur Ruhe kommen. Am Sonntag sind in Prag die befürchteten Ausschreitungen ausgeblichen, und auch in den übrigen national­gemischten Städten Böhmens verhielt man sich ruhig. Die Regierung ist nämlich inzwischen zu der Einsicht gekommen, daß an eine Beseitigung der Unruhen so lange nicht zu denken ist, wie die deutschen Studenten durch ihren „Farbenbummel" an den Sonntagen die tschechische Bevölkerung aufzureizen Gelegenheit geben dürfen. Jetzt hat man ihnen dieses Vergnügen vereitelt, und da ist auf einmal die Ruhe wiedergekehrt. Hoffentlich merkt man sich da die Ursache und die Wirkung recht genau. — Die Sprachenfr age in Bö h- men dürfte auch dem gegenwärtigen österreichi­schen Kabinett Bienerth ein böses Schicksal be­reiten. Von dem soeben dem Abgeordnetenhause zugegangenen Sprachenentwurf sind weder die Tschechen, noch die Deutschen befriedigt; die Tsche- schen vollführten im Parlament einen Höllenlärm wegen der Vorlage.

Die Balkan-Angelegenheiten sind nicht sehr viel weiter gekommen. Es hat sich vielmehr immer mehr gezeigt, daß die Kleinstaa­ten des Balkan sowie auch die Türkei den An­forderungen nicht genügen, die die Diplomatie heute an einen modernen Staat stellen muß. Die Kleinstaaten des Balkan sind nicht in der Lage, ihre Angelegenheiten selbst zu ordnen und ihre Streitigkeiten zu einem vernünftigen Ende zu bringen. Es ist daher schon seit längerer Zeit der Wunsch laut geworden, besonders auch von französischer Seite, daß die Großmächte, sich zu einer Intervention verständigen und so die Sache in die Hand nehmen sollen. Das ist nun auch wirklich geschehen. Wunderlich ist allerdings, daß die Anregung dazu von Rußland ausgegangen ist, einem Staate also, der nichts weniger als muster­haft seine Angelegenheiten zu ordnen imstande ist. Nachdem die russische Regierung schon vor einigen Tagen in einer Zirkularnote an die

lassen worden. Dieses Gerücht wurde in dem Prozesse dahin richtig gestellt, daß der betreffende Beamte wegen Krankheit entlassen worden sei. Nicht die Tatsache, die dieses Gerücht behauptete, sondern die Tatsache, daß dieses wahnwitzige Ge­rücht Glauben finden konnte, beweist, wie sehr die Betrüger die militärische Disziplin miß­braucht haben. Klein konnte der Kreis derer, die von diesen Unterschleifen wußten, nicht sein; denn z. B. Kankowski machte fein „Geschäft" in der Weise, daß er einige Tage nach der „Lieferung" zu den „Abnehmern" sich begab und dort „still- fchweigend entsprechende Summen einstrich". Ein­fach klassisch! An einem Tage soll dabei die Werft um 90 000 M geschädigt worden sein! Geschäfte dieser Art vollziehen sich nicht harmlos, nicht ohne Wirkung auf den gesamten Geschäftsgang bei den Abnehmern, auch nicht bei ihren Branchen. Die gesamten Angestellten dieser Firmen mußten doch wißen, woher die Sache kam, die gesamte Kon­kurrenz mußte wenigstens die starke Vermutung haben, daß da nicht alles mit rechten Dingen be­trieben wurde. Aber die Furcht vor den oft un­gerechtfertigt hohen Bestrafungen, die bei uns auf Beamtenbeleidigungeu zu folgen pflegen, hat allen den Mund gestopft.

Wenn solche riesigen Durchstechereien möglich sind, ohne daß sie sofort entdeckt werden,, bann muß man daraus den Schluß ziehen, daß mit den Vorräten ganz planlos gewirtschaftet wurde. In einem ordnungsgemäß geleiteten Betriebe mutz sich doch bald Herausstellen, daß die Eingänge an Materialien mit dem Verbrauch nicht überein- stimmen. Ein weiterer Schluß aber, der sich jedem aufdrängt, geht dahin, daß die Vorräte auf der Werft viel zu reichlich bemessen waren. Der Prozeß zeigt, wo die Regierung noch ansetzen kann, wenn sie wirklich sparen will. Sparen? Ach nein, zu sparen braucht sie noch gar nicht, der Etat wird schon ein anderes Bild zeigen, wenn das abgestrichen wird, was ohne, daß es lange Zeit gemerkt wurde, veruntreut werden konnte, was also offensichtlich über den Bedarf hinaus geliefert worden ist.

△ Der wirtschaftliche Frieden.

Die Erkenntnis, daß die Tarifverträge zwischen den Organisationen der Arbeitgeber und der Ar­beiter das wichtigste Mittel zur Förderung des Friedens im wirtschaftlichen Leben bedeuten, bat sich in den letzten Jahren mit großer Schnelligkeit Bahn gebrochen.

Man hat nach und nach einfehen gelernt, daß eine Stetigkeit in den Löhnen, wie sie für Kalku­lationen unumgänglich notwendig ist, auf andere Weise nicht zu erreichen ist. Die Statistik, die uns soeben die Resultate im Jahre 1907 vor» legt, weist nach, daß die Arbeit für den Tarif­gedanken auf allen Seiten mit Nachdruck betrieben wird. Im Berichtsjahre wurden im Deutschen Reiche nämlich 2912 Tarifverträge neu abge­schlossen. Da andererseits 1152 ab liefen, erhöhte sich die Zahl der Tarife, um 1760 ober fast 50 v. H. auf 5324; davon waren 111050 Betriebe mit 974 574 Personen beteiligt. Also fast eine Million Arbeiter arbeit en jetzt unter bem Schutze b er Tarifver- berträge! Das ist ein gewaltiger Erfolg, so, wie er noch vor wenigen Jahren nicht erhofft werben konnte. Dabei zeigt sich bei den Gewer­ben mit älteren Verträgen eine starke Neigung, möglichst langfristige Verträge abzuschließen, um dem Gewerbe und feinen Angehörigen auf eine recht lange Zeit den Segen ruhiger, ungestörter Arbeitsverhältnisse zu sichern. Die Durchschnitts­dauer der Verträge liegt zwischen einem und drei Jahren, und bei 1525, also mehr als der Hälfte aller Verträge, ist ihre stillschweigende Ver-

Mächte vorgeschlagen hat, in Konstantinopel und in Sofia zur friedlichen Einigung zu mahnen und entsprechende Vorschläge zu machen, ist sie nun­mehr mit einem weiteren Plane hervorgetreten. Danach soll zwischen Bulgarien, Rußland und der Türkei eine Verrechnung vorgenommen wer­den, derart, daß Bulgarien die 82 Millionen Franken, die es der Türkei zu zahlen bereit ist, für Rechnung der Türken an den rußischen Staat zahlt, wofür Rußland auf den Rest der von der Türkei noch zu entrichtenden Kriegsschuld verzich­tet. Die Türkei bekäme auf diese Weise kein Bargeld. Ob ihr mit einer solchen Lösung bei ihrem gegenwärtigen Geldbedürfnis gebient ist, kann man billiger Weise bezweifeln. — In S e r b ie n ist man immer noch kriegslustig, ob­wohl ober vielleicht grabe weil dort eine unge­mein große wirtschaftliche Notlage herrscht, be° sonders feit bem Deutschland seinen Maisbezug eingestellt hat. Auch die Staatsfinanzen sind außerordentlich auf den Hund gekommen. , Der serbische Staat ist überhaupt wohl der kränkste von allen Staaten der Welt.

ö Die Unterfchleife auf der Kieler Werft.

Vor der Strafkammer in Kiel ist soeben ein Prozeß verhandelt worden, der in mehr als einer Beziehung von größtem Interesse ist. Es han­delte sich um die riesigen Unterschleife auf der Kieler Werft. Die beteiligten Beamten wurden, wie schon gemeldet, wegen Annahme von Bestech­ungsgeldern und Amtsunterschlagung, wegen Hehlerei und wegen Diebstahls zu mehrjährigen Gefänignisstrafen verurteilt.

Unser Militarismus hat uns schon mehrfach bedenkliche Prozesse dieser Art, gebracht, auch andere Behörden. Besonders bei der Kammer­verwaltung kommt, wie uns die heutige Oeffent­lichkeit des Militärgerichtsverfahrens zeigt, man­cher Unteroffizier zu Fall, dessen Ehrlichkeit bei der unziireichendell Kontrolle der Versuchung nicht zu widerstehen vermochte. Der Kieler Fall aber steht hoch über allen anderen. Er enthüllt eine systematische Spitzbüberei i m Großen, bei dem die gesamte Kontrolle von unten bis oben total versagte, weil alle an der direkten Kontrolle Beteiligten auch an den Spitz­bübereien teiluahmen. Wie ein Sachverständiger in Kiel aussagte, sind bei diesen Unter f chlag- ungen mindestens eine Million Mark dem Fiskus verloren gegangen. Wohl- gemerkt: Mindestens! Wohlgemerkt auch: nach Ansicht des militärischen Sachverständigen, der sich sicher im Interesse des Ansehens seiner Behörden vor Uebertreibungen gehütet haben wird!

Und auf wie simple Art uild Weise wurden diese Durchstechereien verübt! Man sollte meinen, das hätte schon einige Tage nach dem ersten Ver- suche herauskommen müssen. Nach den Mittei­lungen eines Zeugen Lauenstein hat dieser den Hauptangeklagten Kankowski darauf aufmerksam gemacht, daß anstatt 50 Fässer Sei nur 31 anka­men. Kankowski gab die Auskunft, die fehlenden 19 Fässer seien in einem feuersicheren Raume. Lauenstein stellte fest, daß das nicht wahr war, und da wurde er — von Kankowski angeschnauzt. Am andern Tage freilich kam Kankowski und „redete ihm gut zu", und sagte ihm, die Geschichte wäre erledigt! Die Leute wagten einfach nichts Mitteilungen von derartigen Zuständen zu ma­chen. In den Vernehmungen spielte vielfach dos Gerücht eine Rolle, ein Marine-Jntendantur- Sekretär habe Unterfdjlcifen entdeckt und sie vor­schriftsmäßig gemeldet, und darauf sei er — nicht etwa die Spitzbuben! — sofort e n t -

Unpotttische Zettläuse

(::) Berlin, 4. Februar 1909.

(Nachdruck verboten.)

Es rächen sich alle Schulden auf Erden. Ter Gerichtsvollzieher hat ein einnehmendes We­sen. Er nimmt, was er kriegen kann, und unter Umständen nimmt er noch mehr, als vorhanden ist. Er legt auch Beschlag auf Forderungen, die der Schuldner an einen Dritten hat. Wenn der UeberfaBeue sich bisher in der Hoffnung gewiegt hat, er werde nächsten Monat im Fett sitzen, mit dem sein alter Freund Schulze ihm einen geborg­ten Hundermarkschein zurückzahlen werde, so wird dieser schöne Traum elend zu Wasser, falls der Gerichtsvollzieher hinter den Schuldschein kommt.

Dieses Verfahren, das zwar nicht schön, aber zweckmäßig ist, wird neuerdings auch in der hohen Politik angewendet. Die Türkei fordert von Bul­garien für die annektierte Provinz Ostrumelien und für die beschlagnahmten Eisenbahnen eine Geldentschädigung von 125 Millionen Mark. Bul­garien sagt, es wolle 82 Millionen zahlen, aber keinen Pfennig mehr. Als der große Nachbar Ruß'Iand von diesem Feilschen hörte, fiel ihm ein, daß eigentlich die Türkei ihm noch mehr als 100 Millionen schuldig sei, nämlich wegen der alten Entschädigung für den Krieg von 1878. Da sagte sich Rußland: Es wäre doch jammerschade, wenn die Türkei so ein hübsches Sümmchen von 82 oder noch etwas mehr Millionen einstreichen könnte. Das Geld würde ja verschwinden, wie Wasser, im Sieb, und ich würde nach wie vor auf die längst fälligen Kriegskosten vergebens lauern. Halt, ich werde die Sache so schieben: Ich sage der Türkei, Rußland wolle als guter Nachbar sich dafür ver­wenden. daß Bulgarien 82 Millionen sofort zahle und auch noch Ratenzahlungen leiste auf den strei­tigen Mehrbetrag; aber die Türkei müsse doch er- kennen, daß sie von diesen 82 Millionen keinen besseren Gebrauch machen könne, als zur Abzah­lung der alten Schuld an Rußland. In dem Falle

wäre Rußland bereit, den Rest der Kriegsschuld (weil er doch nicht zu haben ist!) in den Rauch zu schreiben. So kann man ein Geschäft machen und zugleich als Wohltäter dastehen!

Das Verfahren ist ferner nach einer anderen Seite hin recht modern. Denn neuerdings ist man über das alte Spriichwort vom runden Geld, das rollen müsse, schon weit hinansgekommen' Man macht Zahlungen und empfängt Zahlungen, ohne daß ein Stück Geld in Bewegung gesetzt wird. Ja, man läßt die größten Geldsummen hin- und herwandern durch eine Reihe von „Kassen", ohne daß auch nur eine Banknote zu flattern braucht. Alles auf dem Wege der fchriftlichen „Verrech­nung". Wenn ich an Herrn Schulze etwas zah­len soll, so weise ich meine Bank oder auch das Postscheckamt an, die Summe von meinem Konto abzuschreiben und dem Konto Schulze zuzuschrei­ben. Wenn nun Herr Schulze wiederum an Herrn Meyer was zu zahlen hat, so benutzt.er das von mir aufgefüllte Guthaben, um daraus Herrn Meyer das erforderliche zuschreiben zu lassen. Die buchmäßige Uebertragung kann nun weiter gehen über unzählige Personen hinweg. Schließlich be­kommt vielleicht Herr Fischer etwas gutgeschrie­ben, und Herr Fischer ist nur eine Zahlung schul­dig. Deshalb läßt er einen Betrag auf mein Konto zuschreiben, und so ist denn das „Geld" nach bem großen Kreislauf zu mir zurückgekom- men. Es ist kein Gold- oder Silberstück und auch keine Banknote in Bewegung gesetzt worden.

Dieses moderne Verfahren will nun auch Ruß­land bei bem erwähnten Geschäft in Anwendung bringen. Also Bulgarien soll zunächst 82 Millio­nen zahlen. Natürlich hat es die nicht. „Schön", sagt Rußland, ich borge Dir die 82 Millionen. Hier hast Du ein Blatt Papier mit der Auf­schrift: Gut für 82 Millionen. Gib das der Türkei in Zahlung. Tie Türkei bekommt die An- Weisung und gibt dann den Zettel an Rußland zurück mit dem Bemerken: Da hast Tu die Ab- zahlung der Kriegskostenschuld l So haben die 82 Millionen die Runde unter den Dreien ge­

macht, und niemand hat einen Pfennig ausgege- ben oder eingestrichen

Also ist alles beim alten geblieben? Nein, doch nicht. Das Ende vom Liede ist, daß Bulgaren alle Jahre an Rußland so gegen 4 oder 5 Millio­nen zahlen muß, nämlich zur Verzinsung und Til­gung der Anleihe von 82 Millionen, die freilich Bulgarien nicht gesehen hat, aber für die es doch hastet. Also hat Bulgarien eine Strippe um den Hals, und das Ende der Strippe haben die schlau­en Rechenkünstler von Petersburg in der Hand. Nach der anderen Seite ist die Wirkung die, daß der Türkei das schöne Geld, das sie so gut gebrau­chen konnte, vor der Nase fortgeschilappt wird. Sie bekommt nichts in die Tasche, als nur die Quittung über die alte Kriegsschuld, die sie iiber- houpt nicht mehr zu bezahlen gedachte. Vielleicht versteht sich das „großmütige" Rußland dazu, ihr noch einige Jahresraten zu zahlen in Anrechnung auf die 43 Millionen, die ja die Türkei noch über die 82 hinaus gefordert hat. Aber diese Verhei­ßung ist noch so unklar und die Jahresraten lassen sich an so viel Bedingungen knüpfen, daß die Tür- fei auf die Gnade Rußlands angewiesen ist. also in die Rolle eines Almosenempfängers gerät.

So gehts, wenn kleine Leute mit großen Leu­ten Geldgeschäfte machen. Der Große bringt sie unter seine Fuchtel, und er schöpft die Sahne von der Mich, auch wenn er sich als „Wohltäter" auf- spielt. .

Wir brauchen uns glücklicherweise den Kopf der Bulgaren und der Türken wegen nicht zu zer­brechen, mögen sie selbst zusehen, wie es ihnen in der russischen Rasierstube geht. Aber wir kön­nen auch für unsere private Wirtschaft aus den Vorgängen einiges lernen.

Zunächst eine heilsame Warnung vor dem Schuldenmachen. Die Schulden gleichen einem süßen Gifttrank, der sich glatt und nett einnehmen läßt, aber grimmige Leibschmerzen verursacht. „Bedenke das Ende", sagt ein alter Weisheitslehrer. Das Ende vom Schuldenmachen ist entweder die Rückzahlung, die meistens lehr

sauer fällt, oder der Bankerott mit,viel Schaden und Schande. Dazwischen liegt eine Zeit der Schuldknechtschaft mit viel Sorgen und Aerger. Früher konnte die Schuldknechtschaft sogar in eine wirkliche Gefangenschaft auslaufen, indem der Gläubiger das Recht hatte, feinen säumigen Schuldner in Schuldhaft setzen zu lassen. Aller­dings ist diese körperliche Schuldhaft abgeschafft; aber der Schuldner ist doch abhängig von den Launen seines Gläubigers, da dieser ihm sein Hab und Gut bis auf die unentbehrlichsten Möbel pfänden lassen, ihm seinen Geschäftsbetrieb, stö­ren, sein Ansehen und seinen Kredit bei Dritten untergraben, sein häusliches Glück erschüttern kann. Die Kündigung und Eintreibung der Schuld erfolgt meistens in einem Augenblick, wo eS dem Schuldner recht schlecht paßt. Da muß man laufen und bitten; der sonst so steife Nacken muß sich demütig beugen. Es mutz hier und dort ange- klopft werden, um etwas aufzutreiben, womit sich das gefährliche Loch stopfen läßt. Das erfordert Opfer, nicht bloß moralische Opfer, sondern auch weitere materielle Einbußen, drückende Belastun- gen für die Zukunft. Die Schulden haben eine Lawmennatur; sie fchwellen überraschend gern an. Mancher hat sein ganzes Leben ruiniert, weil ei leichtsinnig in der Jugend eine Schuld sich auf- lud, die er nicht rechtzeitig zu tilgen vermocht« und deshalb hacken lassen mußte.

Eine alte Geschichte, die durch zahllose traurig1 Erfahrungen immer neu erhärtet wird! Das Sonderbare aber ist, daß es immer wieder Leute gibt, die sich einbilden, sie könnten ungestraft mit dem Feuer spielen, — sie feien so klug und so tüchtig, daß es ihnen leicht sein würde, die Schuld wieder abzustoßen. Halt dich nicht für einen Ausnahncemenscheii, sondern laß auch für dich selbst die Regel gelten: Wer sich in Schulden stürzt, der bleibt darin zappeln und bringt sich um seine Ruhe und sein Glück.

Nun sagt freilich mancher Geschäftsmann, m neuerer Zeit sei der ganze Handel und Wandel auf Kredit aufaebaut und man könne überhaupt