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29.
Fulda, Samstaa den 6. Februar 1909.
36. Iahrqansi.
Kustes Wtcltt.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 5. Februar 1909.
Es werden die bisher ausgesetzten
Abstimmungen
über die zu den Rechnungen für die Etats der Schutzgebiete für 1904 gestellten Anträge vorgenommen.
Der Antrag Erzberger (Ztr.) auf Zurückweisung der Rechnungen an die Kommission wird gegen die Stimmen des Zentrums, der Polen unv der Sozialdemokraten abgelehnt.
Der Antrag der Rechnungskommission, die Etatsüberschreitungen und außeretatsmäßigen Ausgaben zu genehmigen, wird von derselben Mehrheit angenommen.
Die Abstimmung über die nachgesuchte Indemnität für die außeretatsmäßige Ausgabe von 200 000 M. zu Vorarbeiten für eine Eisenbahn von Windhuk nach Rehobor ist auf Antrag Bassermann (ntL) namentlich. Sie ergibt die Erteilung der Indemnität durch eine Blockmehrheit von 190 gegen 122 Stimmen.
Alsdann wird die zweite Beratung des
Etats des Reichsamts deS Innern fortgesetzt.
Abg. Linz (Rp.) freut sich, daß das Verständnis für Mittelstandssragen wieder zu wachsen beginne. Die Ai regungen des Abg. Trimborn, in die Invalidenversicherung neue Lohnklaffen aufzunehmen, begrüße er. Der Errichtung eines Reichsarbeitsamls werde er zustimmen. Zum Schluß spricht sich Redner für eine Herabsetzung der Altersgrenze von 79 auf 65 Jahre für den Bezug der Altersrente bei der Altersund Invalidenversicherung aus.
Abg. Schack.wirtsch. Vgg.) hält eine Konzesfionierung des Auskunfleiwesens und die Stellung einer Kaution für unbedingt erforderlich. Bei einer etwaigen Ausdehnung der Sonntagsruhe bittet er einen Unterschied zwischen größeren und Heineren Geschälten zu machen.
Staatssekretär o. Bethmann-Hollweg: Aus der i ülle von Anregungen und Ansragen will ich nur ges herausgreifen. Zur Frage derPr t v a t b e a m t en- > c sicherung wird nach Eingang verschiedener Gutachten ein Gesetzentwurf ausgearbeilet und veröffentlicht werden. Die Frage der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe wird sich ohne Differenzierung nicht lösen lasten. Bei einer gesetzlichen Regelung der T a ris- verträge kann es sich bei uns, glaube ich, nur um die zivilrechtliche Regelung handeln. Aber auch diese Frage ist außerordentlich schwierig. Und wenn man sich vergegenwärtigt, in welch raschem Tempo sich bet uns namentlich im letzten Jahre die Tarifverträge von selbst Bahn gebrochen haben, fo wird man nicht behaupten können, daß eine gesetzliche Regelung absolut dringend ist. Die Frage der Reform der Arbeiterversicherungsgesetze ist so weit gesördert, daß der Entwurf einer neuen Versicherungsordnung, wie ich hoffe, noch int Laufe dieses Monats dem Bundesrat zugehen wird. Ich werde ihn gleichzeitig veröffentlichen lassen. Die wichtigsten Aenderungen werden Ste stnoen in dem Abschnitt über die Krankenversicherung. Redner bespricht einige diesbezüglich« Einzelheiten. Die Verträge und das Stimmrecht in den Krankenkassen werden halbiert werden, der Vorsitzende wird gewählt werden; für das Wahlversahren wird das Proportional- verfahren elngeführt. Auswüchse des Koalirwnsrechts muffen befemgt werden. In Der Frage der Reform der Unfallversicherung handelt es sich im wesentlichen um die außerordentlich schwierige Frage der Renlen- festsetzung. Eine Aushöhung der Lohntlasten der ^Invalidenversicherung habe ich Ihnen nicht Vorschlägen wollen. All diese Fragen hätten gründlich durch- be aten werden müßen, aber die Zeu drängt. Eine Hlnrerbliebenenversicherung werden wir auf fefien Beiträgen des Reichs und auf Beiträgen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufbauen muffen Ich hoffe, wenn die Relchsversicherung nächstens veröffentlicht wird, daß wir dann paruättfch zusammenarbeiien; dann wird es gelingen, dies große Werk zustande zu bringen (Lebh. BeuaU.)
Abg. v. Czarlinski -Pole) beschwert sich über die illoyale Handhabung des Sprachenparagraphen. Wir Polen wollen gern dem Kaiser geben, was des Kaisers
ist, aber wir wollen auch unsere Nationalität wahren Die Regierung tut alles, um das Polenlum auszurotten. Es muß dafür Sorge getragen werden, daß der Sprachenparagraph schleunigst befeitigt wird.
Abg. Gothei» (ftf. Bgg.) verlangt von Reichswegen Kontrolleure in den Bergwerken.
Samstag: Fortsetzung.
Preußischer Landtag.
Aßgeord»ete»h«uS.
Sitzung vom 5. Februar 1909.
DaS Abgeordnetenhaus beriet heute nach der Wahl bei Abg. Dr. Röchling (nttb.1 zum Schriftführer anstelle deS verstorbenen Abg. Jürgensen den Gesetzentwurf bett, die Erhöhung des
Grundkapitals der Zentralgenoffenschastskaffe.
Die Vorlage sieht eine Erhöhung des Grundkapitals von 60 auf 75 Millionen Mark vor.
Unlerstaatssekretär b. Dombois begründete die Notwendigkeit der Erhöhung des Kapitals unter zahlenmäßiger Darlegung der Entwickelung deS deutschen Genoffenschaflswefens.
Abg. v. Brockhausen (kons.) spricht sich für die Vorlage aus.
Abg. Dr. Faßbender (Zentr.) führte aus, daß die Zentrumsfraktion bereits im vorigen Jahre einen Antrag auf Erhöhung des Grundkapitals der Zentralgenoffenschastskaffe gestellt habe. Es wurde damals schon darauf hingewtesen, daß der erhöhte Geschästs- verkehr an sich allein schon die Vergrößerung des Kapitals notwendig mache. Ganz besonders möge das Handwerk sich diesen Kassen anschließen und von den- lelben profitieren. Der Handwerkerstand habe vielfach noch nicht in der Weise die Bedeutung eines organisierten Kredits erfaßt, wie man dies eigentlich erwarten sollte. Weiterhin wandte sich der Redner gegen das Borgwesen und redete einer weiteren Ausbreitung des Konlokorrentverkehrs bei den ländlichen Genossenschaften das Wort. Den staatlichen Einfluß im Genoffenschaftswesen will er möglichst ferngehallen wissen und wünscht ferner eine anderweite Regelung des Revisorenwesens. Bon politffchen und konfessionellen Gegensätzen muffe sich das Genossenschaftswesen fernhalten.
Die Abgg. Dr. Friedberg (ntlb.), Dr. Rewoldt (srkons.) und Kreth ckons.) stimmen der Vorlage zu.
Abg. Dr. Crüger (freif. Vp.f, der Verfechter der Schulze-Delitzlchen Genosienschaftsidee, übte an der Preußenkaffe längere Krtttk, die namentlich auch dahinging, daß die Handwerksgenoffenfchaften von der Preußenkaffe nicht die Unterstützung fänden, wie die ländlichen Genoffenschasten.
Der Präsident der Zentralgenoffenschastskaffe, Dr. Heiligenftadt, antwortet mit einer längeren Polemik gegen Dr. Crüger.
Abg. Heydweiler (natl.) ließ durchblicken, als ob hier und da das Genosfenschaftswesen im Westen in den Dienst komessioneller Bestrebungen gestellt werde.
Abg. Busch (Zentr.) bat um B weise hierfür und konstatierte, daß die beiden Konseffionen im Westen auf dem Gebiete des Genoffenschaflswefens friedlich miteinanderwirken. Er wies es entschieden zurück, daß das Parlament dazu benutzt tverden solle, dieses friedliche Zusammenarbeiten zu stören, da es Sach«. des Parlaments fei, vorhandene Gegensätze zu überbrücken, nicht aber zu »erliefen.
Die Vorlage wurde an die Budgetkommission überwiesen und alsdann die zweite Lesung des Justizetats fortgesetzt.
Abg. Biereck (freifonf.l verlang e Vermehrung der Richterstellen und warnte die Jugendgerichishöfe, jugendliche Verbrecher zu milde zu behandeln, da sonst die Gefahr bestehe, daß sie von der «ahn des Verbrechens nicht abgeschreckt würden.
Samstag: Fortsetzung.
Deutsches Reich
* * Die innerpolitische Lage erfährt tm „Berliner Tagebl." eine Beleuchtung, die dem phantasievollen Geiste ihres Urhebers alle Ehre macht, dafür an Wahrheit aber umso weniger enthält. In den Wandelgängen des Reichstags soll danach am Freitag eine außergewöhnlich erregte Stimmung geherrscht haben. Wer,
so schreibt man uns dazu aus Berlin, int Reichs- tage gewesen ist. hat davon jedenfalls nichts ge- merkt. Unter den „aufregenden Gerüchten", die dort kolportiert worden sein sollen, nennt der Berichterstatter an erster Stelle, daß in den Steifen der Bundesratsbevollmächtigten bereits die Möglichkeit einer Reichs tagsauflösnng erörtert werde, nachdem die Beratungen der Fi- l'.anzkommission über die Ablehnung der Nachlaßsteuer keinen Zweifel gelassen hätten. Dieses Gerücht ist nichts weiter als eine Erfindung. Zunächst wird man in Regierungskreisen wohl kaum den Traum hegen, mit einer Reichstagsauflösung eine Verbesserung der Situation zu erreichen. Zweitens hat auch die Regierung nicht die geringste Veranlassung dazu, denn sie wird das erreichen, was sie will. Wenn auch der Name „Nachlaßsteuer" beseitigt wird, fo lvird doch die Erweiterung der Erbfchafts- st e u e r, an deren Annahme durch den Block nicht mehr zu zweifeln ist, in der Sache dasselbe Resultat bringen. Wozu also eine Austegung? Im übrigen ist der Trik mit der Reichstagsauflösung nachgerade fo abgenutzt, daß er nur noch heiteres Lächeln erwecken kann.
Das „Berliner Tagebl." hat auch über das Schicksal des Branntweinmonopols eini- ges erfahren. Nämlich daß die Subkommission mit ihren Beratungen am Donnerstag fertig geworden fei und daß der von der Subkommission ausgearbeitete Gesetzentwurf eine schärfere Begünstigung der landwirtschaftlichen Interessen enthalte als das Monopol selbst und daß endlich eine Stärkung des Privatmonopols beabsichtigt sei. Alle diese Angaben sind glatt erfunden, wie schon daraus hervorgeht, daß die Subkommission ihre ersten wichtigen Beschlüsse erst gestern gefaßt hat. Bis zum Abschlüsse der Beratungen ist in der Subkommission strengstes Stillschweigen über die Beschlüsse vereinbart worden. Alle Mitteilungen über angebliche Beschlüsse der Subkommission sind also nichts weiter als Vermutungen oder Erfindungen.
R- Der Reichstag wies am Freitag eine außergewöhnlich starke Besetzung zu Beginn der Sitzung auf. Die Regierung hatte bekanntlich ür die außeretatsmäßige Ausgabe von 200000 'IWatf für Bahnbauien in Südwestafrika Indemnität nachgesucht. Die Verhandlungen über das Jndemnitätsgesuch waren bereilst in der vorigen Woche -u Ende geführt, aber es stand noch die Abstimmung über den Antrag der Kommission auf Gewährung der Jndemniiät aus. Die Ad- timmung war auf Anwag Bassermann namentlich und aus dieser Tatsache erklärte sich die taike Besetzung des Hauses. Das Ergebnis der Abstimmung war von vornherern nicht zweifelhaft. Der gesamte Block sprach sich für die Indemnitälserleitung aus, obwohl er noch im Vorjahre davon nichts wissen wollte. Nicht einmal der Freisinn tonnte es über sich gewinnen, sich durch eine ablehnende Haltung öen Groll der Regierung zuzuziehen. Nach bet Abstimmung setzte das Haus die Beratung des Etats des Reichsamts des Innern fort.
== Das Programm für den Besuch deS englischen Königspaares steht nunmehr fest. Das ^öniaspaar koinint am Dienstag morgen um 11 Uhr aus dem Lehrter Bahnhofe in Berlin an, wo es vom Kaiferpaar, dem Kronprinzenpaar und den sämtlichen Prinzen empfangen werden wird. Am Brandenburger Tore begrüßen die städtischen Behörden die Gäste, worauf das Konigs- raar zum Königl. Schlöffe fahren wird, wo Empfang
und großer Vortritt stattfindet. Abends ist Gala' täfel im Weißen Saale. Am Mittwoch erfolgt ein Besuch im Berliner Rathause. Das Programm der übrigen Tage weist einen Besuch des Mausoleums, eine Frühstücks-, eine Familientasel, ein« Marschalltasel, eine Galavorstellung, am Freitag wieder eine Frühstückstasel und dann die Abreife auf.
s. Die Beratungen über die Nachlaßsteuer wurden in der Finanz- und Steuerkommifston des Reichstages am Freitag fortgesetzt. Der Freisinn kam mit energischen Erklärungen. Er ließ noch einmal zu Beginn der Beratung „feststellen", daß die Zustimmung der freisinnigen f^raktionsgemeinschaft zur Finanzreform nicht zu haben fei, wenn nicht ein erheblicher Teil des Gesamtbedarfes aus der Besteuerung des Besitzes gedeckt werde. Die Freisinnigen sind aber der Ansicht, daß eine Reichsoermögenssteuer besser fei, als eine Nachlaßsteuer. Für die Sozialdemokraten wurde dann eine Erklärung abgegeben, wonach die Partei auf dem Boden der Vorlage stehe. Diese einzige Stütze der Regierungsvorlage ließ sich im Eifer der Debatte die Bemerkung entschlüpfen, daß das Nationalvermögen infolge des neuen Zolltarifs eine erhebliche Steigerung erfahren habe. Ein Vertreter der Reichspartei wies erfreut auf diese Aeußerung des Sozialdemokraten hin. Dann aber machte er der Regierung einen besonders schweren Vorwurf daraus, daß allein die Sozialdemokraten die Regierungsvorlage bedingungslos unterstützten. Die Reichspartei brachte dann einen Antrag im Sinne einer „Veredelung" der Matrrkular- beiträge als Ersatz fr die Nachlaßsteuer ein. Die Debatte lief zuletzt in eine erregte Erörterung zwischen den Konservativen und den Freisinnigen aus, wobei die Linke immer wieder darauf hinwies, daß die breite Masse der Bauern von der Nachlaßsteuer gar nicht getroffen werde. Von Regierungsseite wurde der Antrag der Reichs- partei heftig bekämpft. Schließlich wurde von ireisinniger Seite auch mitgeteilt, wie man sich die Ausführung einer Rerchsoermögens- ft euer denkt. Diese Steuer soll quotistert werden und zwar derart, daß alljährlich im Reichshaushaltsplane (Etat) festgelegt werden solle, wie viele Monatsraten erhoben werden sollen. Das Zentrum war gegen beide Anträge, sowohl gegen den der Reichspartei, alS auch gegen den der Freisinnigen. Der erste bilde wegen der Vorschrift über die Veranlagung einen Eingriff in das finanzielle Setbstbestim- mungsrecht der Einzelstaaten. Am besten be- chästige man fich in einer abgeschloffenen Spezialberatung mit dieser Veredelung. Gegen die quotisierie Reichsvermögenssteuer ständen zwar rechtlich keine Bedenken, aber der Eingriff in die Interessen der Einzelflaaten sei doch recht bedentlich. — Heute wird die Beratung weitergejührt werden.
>< Die Geschäftslage des Reichstages führte am Freitag im Seniorenkonvent zu einer eingehenden Erörterung. Man ist allmählig zu der Ansicht gekommen, daß eine rechtzeitige Erledigung der Arbeiten kaum möglich sein wird, wenn man nicht zu dem in den letzten Jahren so beliebten Mittel der „Kontigentterung", der Begrenzung der Debatten über die einzelnen Gegenstände auf eine bestimmte Zeit greifen würde. Der Konvent fetzte als freie Tage fest den 22. und 23. Febr. Montag und Dienstag) sowie den 13. und 15. März. Ferner beschloß er, nach einiger'Zeit die
Im Sonne des Geheimnisses.
25.] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld-
Im Lauf der Jahre, und auf der Universität wurde er nach und nach natürlich stärker, aber dennoch war er bei weitem nicht so wie andere junge Mäner in seinem Alter.
An diesem Morgen nun fvar Lord St. Gilbert mit Roderick Pidgeon und Werner Jefferies ausgegangen. Er nwchte Werner fehr gern leiden und hatte die größte Bewunderung vor seinem Talent.
„Ich wollte, ich wäre tote Sie," pflegte er zuweilen mit einem tiefen Seufzer zu ihm, zu sagen. „Ich sollte fing und anstellig sein und bin's nicht. Ich sollte stark sein und bin's nicht. Ich wünsche zu Gott, ich wäre wie Sie."
^rci6 des Unterschiedes in Rang und Lebensstellung waren sie große Freunde. Werners Genie, seine idealen Gedanken und Auffassungen, sein edles Gemüt, ferne Vorliebe für alles Schöne undGute übten ernen großen Reiz und eine zank'rische Anziehungskraft auf den jungen Erben aus.
Werner saß emsig über feinen Büchern, als die beiden kamen und ihn für diesen einen Morgen mit hinauszukommen baten. Er konnte es nicht abschlagen.
„Ich gehe bald fort, Jefferies", sagte Lord St. Gilbert, „Sie dsftfen mir nicht nein sagen."
„Und ich bin in zwei Tagen fort und will kein Nein annehmen," sagte Roderick Pidgeon.
Werner gab demgegenüber seinen anfänglichen Widerstand auf und ging mit ihnen aus.
Nichts wollte Roderick an diesem Morgen besser behagen, als eine Ruderpartie auf dem Flusse. Lord St. Gilbert dagegen war nichts darum.
«Ich weiß, Ihr toetÜet mich auslachen," sagte tt schlieMch, „dagegen bi* ich indes abgehärtet- >ie Wabrbeit ist das Mssser macht mich ner-
bös; ich fürchte mich stets mehr oder weniger davor."
, „Aber doch sicher nicht vor einem lachenden, fonnigcn Flusse, wie hier in diesem Fall. Hort nur, tote melodisch er murmelt und singt."
"Bugeftanden, aber er hat auch grausame Tiefen, kalte, grausame Tiefen. Es hilft nichts, daß ^u mir zuredest, Roderick; ich kann's nicht ändern.
m «Aber toenn ich an Deiner Stelle wäre," sagte Rodenck energisch, „so würde ich's ändern. Ich wurde diese Nerven Zoll um Zoll bekämpfen; sie sollten mtr nie Meister über mim werden W^n Du das nicht tust so wirst Du nie stark toer^ nicht so nachgeben, wie Du es ^st,^St. Gilbert, wahrhaftig, nicht um die ganze
Wie es eigentlich kam, hätte keiner von ihnen jemals genau sagen können. Selbst Roderick Pid- gcon konnte es sich ganz und gar nicht erklären. Sie nahmen später an, daß Lord St. Gilbert von einer plötzlichen nervösen Panik befallen worden sein müsse, die ihn veranlaßt habe, von einer 'Seite des Bootes auf die andere zu springen, genug — einen Augenblick — dann sahen und hör- ten sie nichts mehr, das Boot schlug plötzlich und heftig um, und alle drei lagen im Wasser.
Während seines ganzen Lebens vergaß Werner Jefferies den schrecklichen Schrei nicht, den Lord St. Gilbert ausstieß. Es war nur das eine Wort: „Mutter!", aber es schien die klare Sommerluft zu durchschneiden und bis zum blauen Firma- mente emporzudringen.
Nach einigem weiteren Zureden, Necken Be- sturmen stieg Lord St. Gilbert endlich in' das Boot. Roderick Pidgeon beglückwünschte ihn zu seinem Entschluß; aber Werner, der fein blasses Gesicht sah, fühlle fich von der Gefahrlosigkeit des Wagnisses nicht so ganz überzeugt.
Ein paar Minuten lang war es sehr vergnüg- sich. Die Sonne schien auf den Fluß und per- goldete die Fährte, die das Boot auf dem ruhigen Wasserspiegel hinterließ; das Wasser floß sanft murmelnd zwischen den grünen Ufern dahin, der Wind umflüsterte sie schmeichelnd und trug ihnen Düfte aus den umliegenden Wiesen und Wei- den zu.
-Na", sagte Roderick, „bist Du noch bange?__
Ich sage Dir, Balduin, alles, was Dir fehlt, ist: mehr Entschluß und Willenskraft. Man hat Dich mit dieser abgeschmackten Idee von Nervosität großgepäppelt, bis Du natürlich glaubst. Du könn- test gar nichts mehr unternehmen. Ist dies denn nicht nett? — Jetzt wirst Du mal ein Ruder neh- men, alter Freund. Wir werden noch einen regelrechten Ruderer ersten Ranges aus Dir machen."
Werner jedoch bemerkte, welch große Anstren- gung Lord St. Gilbert machte, feine Erregung niederzukämpfen, und war heimlich besorgt.
„Rette ihn, WernerI" schrie Roderick; „mein Arm ist verrenkt; ich kann ihn nicht gebrauchen!" Es überstieg fast seine Kräfte, sich selbst ans Land zu bringen. Mehrere Male war er auf dem Punkte unterzusinken, und schon wollte Werner i ihm zu Hülfe kommen, als Roderick wieder laut | schrie:
„Kümmere Dich nicht um mich; rette Balduin !"
Als Pidgeon das Ufer endlich erreichte, brach er vor Schmerz in dem verwundeten Arm fast bewußtlos zusammen.
Werner war ein ausgezeichneter Schwimmer. Mit wenigen kräftigen Stoßen hatte er die Stelle wieder erreicht, wo Lord St. Gilbert untergegangen. Achl es war feine Spur von ihm zu erblicken I
„Er muß wieder in die Höhe kommen," dachte Werner und hieü fich in möglichster Nähe des verhängnisvollen Punktes.
Aber die Augenblicke waren kostbar, und sie verflossen mit unheimlicher Geschwindigkeit, doch St. Gjlbert kam nicht wieder an die Oberfläche des Wassers.
»Himmel l" murmelte Werner verzweifelt, — ,lvas soll ich tun — was kann ich tun?"
Rasch entschlossen tauchte er dann an der Stelle, wo er den jungen Mann hatte finken sehen, unter — die Strömung war glücklicherweise nicht sehr stark — und bekam zu seiner unendlichen Erleichterung etwas tote Kleidung zu fassen. Ein weiterer Augenblick, und er tauchte mit dem Bewußtlosen wieder an die Oberfläche; dann aber begann die schreckliche Aufgabe, mit der schweren Bürde an's Land zu schwimmen Die Anstrengung überstieg fast seine Kräfte, aber mit Aufbietung aller Willens- und Korperkrast und Geschicklichkeit erreichte er zuletzt doch das Land und legte den Bewußtlosen im Grase nieder. Er war nahezu halbtot vor Erschöpfung, verlor aber keinen Augenblick mit sich selbst. Schnell lockerte er St. Gilbert die Kleidung und legte ihm die Hand auf die Brust.
Er lebte noch soeben; das Herz schlug sehr schwach und langsam — noch eine weitere Minute un Wasser, und alle irdische Wissenschaft hätte ihn nicht mehr retten können.
Werner tat alles, was er konnte; er versuchte, das Blut wieder in Umlauf und die Atmung in Tätigkeit zu setzen: aber die Aufgabe überstieg seine Kräfte. Er rief laut um Hilfe, und zwei Feldarbeiter kamen herbeigekaufen.
„Dieser Herr ist beinahe ertrunken! Tragt ihn zu Smile's Haus; es ist hier ja wohl gleich nahe bei, aber vorsichtig!"
Schnell ging es über die Felder zu dem Bau- ernhause. Die Frau, flink und eilfertig, ging, al§ jte erfuhr, um was es sich handele, voraus m das einzige Schlafzimmer, das das Häuschen aufzuweifen hatte, und half in jeder Weise.
,.Wer zuerst mit einem Arzt hier wieder zur Stelle ist," wandte sich Werner an die beiden Arbeiter, „erhält fünf Pfund von mir!"
Er wußte, dies war ein Fall, wo er mit Gold um fich streuen durfte — im buchstäblichsten Sinne >es Wortes — toenn es nur gelang, dies kostbare Leben zu täten.
(Fortsetzung fötal)