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Rotationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

M 29.

Fulda, Samstaa den 6. Februar 1909.

36. Jahrgang.

Drittes WlcrtL.

Kl. 0. Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Mendelssohn, dessen 100. Geburtstag am 3. Februar wiederkehrte, war einer der wenigen gro­ßen Musiker, über deren Erdenwallen von der Wiege bis zum Grabe ein freundlicher Stern geleuchtet hat. Schon in zarter Jugend verließ er mit den Eltern die Geburtsstadt Hamburg, um nach Berlin überzufiedeln, und hier bildete sich rasch um die Famifie Mendelssohn, die den gro­ßen Philosophen Moses Mendelssohn zu ihren Vorfahren zählte, ein vornehmer Kreis zur Pflegs schöngeistiger Interessen. Der junge Felix, dessen hohe musikalische Begabung früh hervortrat, er- hielt tüchtige Lehrer, wie Goethes Freund Zelter, und die mannigfachen Anregungen, die auch sonst in der preußischen Hauptstadt auf den Knaben einwjckten, zeitigten bald ihre Früchte. Mit 9 Jahren trat er bereits in Berlin und Paris am Klavier auf: auch versuchte er sich schon damals in zahlreichen Kompositionen. Nach längeren Wander- und Lehrjahren wirkte er im Vereine mit Jwmermann einige Zeit als Musikdirektor in Düsseldorf, und seit 1835 nahm er seinen dau­ernden Aufenthalt in Leipzig. Die Ehrungeir, mit denen der König ihn als Generalmusikdirektor nach Berlin zu ziehen suchte, hatten nur einen vor­übergehenden Erfolg. In Leipzig fühlte sich Men- delssohn am wohlsten; hier gründete er das Kon­servatorium, hier komponierte er, hier dirigierte er die berühmten Gewandhauskonzerte, kurz, hier schuf er sich eine Stellung von europäischem Ruf, auf deren Zenith ihn am 4. November 1817 allzu­früh der Tod ereilte.

In Mendelssohns Werken spiegelt sich das lichte Schicksal, das über seinem Leben gsvaltet hat. Wenn man sie hört, so ist es, als wandle man in einem Garten voll freundlich grüßender Blumen, wo nur selten zur Nacht eine Elfe leise Seufzer haucht oder über ihre Wange eine ver­irrte Träne rinnt. nUd auch die einsame Träne wird noch zur Perle, um die das milde Mcndlicht fließt. Dieses starke lyrische Element in Mendels­sohns Natur verlieh auch seinen pianistischen Lei­stungen ein besonderes Gepräge; er war einer der bedeutendsten Klavierspieler seiner Zeit, wie­wohl man ihn nicht häufig zu hören Gelegenheit hatte.

Das Hauptverdienst Mendelssohns liegt indes­sen unstreitig in seinen Bestrebungen zur Wieder­erweckung Händels und des alten 'Sebastian Bach, deren Werke in den Bibliotheken verstaubten und vergilbten. Eine musikalische Tat war die Erst­aufführung von Bachs verschollener Matthliuspas- sion (1829), die der junge Meister somit der Welt Wiedergewann. In seinen Oratorien „Paulus" und „Elias", die wir um keinen Preis unter den klassischen Werken dieser Gattung missen möchten, verband er in feinem Geschmack die neuen Er­rungenschaften musikalischer Technik mit dem ehr­würdigen Geiste der Traditionen des 17. und 18. Jahrhunderts. Wurzelt doch der „Paulus" fühl­bar in der Matthäuspasiion, während der Kom­ponist im „Elias" mehr auf den Pfaden des alt­testamentarischen Hände! wandelt.

. Etwas durchaus Neues leistete Mendelssohn mit der Komposition der in sich abgeschlossenen und für sich bestehenden Kouzert-Ouverturen, so­wie der „Lieder ohne Worte". Diese Ouvertüren werden übrigens noch viel zu wenig aufgeführt. Welch ein herrliches Werk ist z B. die Ouvertüre „Meeresstille imd glückliche Fahrt"! Ruhig und unermeßlich weit liegt in der Einleitung das Meer vor dem geistigen Auge des Hörers. Kein Wind weht, keine Woge wallt; man lauscht nur einem geheimnisvollen Raunen aus der Tiefe. Dann aber wird es lebendig und man rüstet sich zur „glücklichen Fahrt". Wir sehen die Wimpel an den Leinen in die Höbe tanzen, die Brise schwellt die Segel und feierlich und langsam gleiten wir au' die schwankenden Wogen hinaus; wir erleben eine fröhliche, von allerlei Episoden begleitete Fahrt, bis zuletzt der Hafen wieder erreicht wird. Trompetenstöße verkünden die Ankunft der An- ker rasselt in die Tiefe und geschwätzig ergießt sich der Memckwnstrom an das Land. Von Weber hat Mendelssohn die echtdeutsche Waldessfimmung übernommen, die seinen Jagd- und Waldliedern den ihnen eigenen Reiz verleiht. Im Kunstlied 2? ccr. "em ihm in vielen Dingen ähnlichen Robert Schumann — die beiden Dioskuren hat man sie genannt — das Erbe Schuberts angetre­ten, und Schöpfungen wie „Es ist bestimnit in Gottes Rat", „Wer bat dich, du schöner Wald", „O Täler weit, o Höhen", „Leise zieht durch mein Gemüt" und viele andere werden erklingen, so lange noch Menschen Lieder singen

P. Schnelligkeit im Kriege.

General Langlos, dessen Name als französischer MilitärschriftsteÄr weit über die Grenzen Frank­reichs hinaus einen guten Klang hat, veröffent- Ilchte kürzlich in der „Revue des deux Mondes" einen interessanten Artikel über die E n t w i ck- . ” aber Artillerie. Der General unter- äjetjt darin die Vermehrung der französischen Ar- ?üer eingehenden Betrachtung und be- E Anhänger der Batterien zu sechs „ e g^en. Hierdurch stellt er sich in Gegensatz VtnmifHon, die sich für Batterien zu ^«-^"^sprochen hatte. Der hohe fran- ®°f' * ^t$ter schließt seine militärtechnische

Studie mit folgenden interessanten Ausführun­gen über die moderne Kriegsführung.

Das Haupterfordernis im Felde, sagt er, ist GÄvandheit und leichte Beweglichkeit. Der Fak­tor „Schnelligkeit" gewinnt mit jedem Tage mehr an Bedeutung, sowohl im blutigen Kampfe des Schlachtfeldes, tote im friedlichen Wettstreit der Industrie und- des Handels. Bevor eine Armee sich in Bewegung setzt, muß sie genau über das Borgelände und den Feind orientiert fein. Hier­aus resultiert die Notwendigkeit, alle Mittel an- zutoenden, welche die moderne Wissenschaft uns zur Verfügung stellt: drahtlose Telegraphie und lenkbaren Ballons. Diese Hilfsmittel ersetzen aber weder die Kavallerie, noch übernehmen sie den Aufklärungsdienst, sondern sie vervollständigen, erweitern und erleichtern ihn bloß. Nach dem Aufklärungsdienst kommt der Entschluß, der sich in der Dirigierung der Truppenmassen offenbart. Daher die Idee, dem Soldaten im Felde, beson­ders dem Infanteristen, eine leichtere Beweglich­keit zu geben und somit eine größere Schnelligkeit zu ermöglichen. Zuerst das Fahrrad und heute der intensive Gebrauch des Automobils verleihen den Truppenmassen und ihren Reserven eine we­sentlich größere Schnelligkeit. Was von der In­fanterie gesagt ist. gilt auch für die Artillerie. Ein leichteres Artillerie-Material wird nicht nur die Bewegungsfähigkeit dieser Waffengattung günssig beeinflussen, sondern auch die schnellere Formation kompakter Massen ermöglichen, denn dieSchmlliakeit seht sich in Kraft um. Das Auto­mobil wird ferner zur rascheren Herauschaffung den Munition beitvagen und den kämpfenden Truppen durch einen flotten Munitionsdienst eine erhöhte Feuertätigkeit ermöglichen.

Die Infanterie wird stets die siegende Truppe sein, in deren Dienst sich alle anderen Waffengat­tungen stellen muffen. Jemehr die Ausrüstung diefer Hilfstruppen vervollständigt und ergänzt wird, desto mehr werden sie in der Lage fein, die Infanterie zu unterstützen. Alle Erfindungen von Wissenschaft und Industrie müssen im Kriege prak­tisch verwertet werden, weil jeder ztoeckentspre- chend angewendete Fortschritt das Blut der Trup­pen spart. Die neuesten Fortschritte in der fran­zösischen Armee, sagt Langlois, sind derart, daß sie den französischen Truppen trotz ihrer Ausdehnung eine mindestens ebensogroße, wenn nicht eine noch größere Beweglichkeit verleihen, als dies bei der napoleonischen Armee der Fall war. Lassen wir uns nicht, meint Langlois weiter, durch daS Ver­derbfiche Beispiel des russisch-japanischen Krieges zu der Auffassung eines Positionskrieges verlei­ten, wie im 18. Jahrhundert. Sieht man nicht bereits als eine Folge des mandschurischen Krie­ges wieder jene schwerfälligen Geschütze auftau­chen, welche die Armeen Ludwigs XIV. mit sich schleppten? Es wäre dies das Ende aller Kriegs­kunst. Erinnern wir uns der großen militä­rischen Epoche der Revolution und des Kaiser- reiches; was unsere Vorfahren taten, können wir noch besser, da wir ein ausgezeichnetes Kriegs­material zu unserer Verfügung haben. Wir kön­nen eine Armee schaffen, die an Beweglichkeit und Fixigkeit keiner anderen nachsteht. Versäumen wir nicht, diese Beweglichkeit zu erreichen.

Hoffen wir, sagt General Langlois zum Schluß, daß im Momente der Gefahr au der Spitze unserer Armee ein entschlossener, tapferer, vorsichtiger und wagemutiger Chef stehe, der es versteht, durch die Wucht seiner Offensive den Feind zu überraschen und zu überrumpeln. An temperamentvollen Männern fehlt es Frankreich nicht.

General Langlois resümiert sich am Schluffe seines Artikels in folgendem Satz: Bereiten wir uns vor auf einen Bewegungskrieg, auf einen Krieg der Massen, indem wir den Faktor „Schnel­ligkeit" bis zur äußersten Grenze entwickeln.

Kc. Ei» verkürzter Monat.

Februarplauderei von Dr. Max Pollaczek.

Wir wollen seinen Leidensweg verfolgen. Tie alten Römer, in der Zeit kurz nach Gründung der Stadt, hatten einen recht primitiven Kalender. Sie rechneten mit einem Mondjahr von 301 Ta- gen gleich 10 Monaten, von denen vier pleni wa­ren, d. h. 31 Tage hatten, während die acht an- deren, cavi genannt, sich mit je 30 begnügen muß­ten. Als aber kluge Leute ansingen einzusehen, daß die Sonne und nicht der Mond das Jahr bestimmen müsse, da teilten die Römer — angeb­lich soll sich dieser wichtige Fortschritt unter Ruma Pompilins vollzogen haben — das Jahr in 355 Tage und richteten, um diesen Zuwachs unter- zubringen, zwei neue Monate, Januarius und Fe- bruarius, ein. Sie wurden hinter den bisherigen letzten Monat Dezember (das ist der zehnte) ge­setzt, und der neue, letzte Monat, der Februarius, wurde dem Totendienste geweiht. Numa soll nun aus abergläubischen Gründen gewünscht haben, daß seine zwölf Monate jeder eine ungerade Zahl von Tagen hätten. Da dies aber bei 355 Tagen nicht anging, fo blieb nichts anderes übrig, als den Monaten 29 oder 31 und dem letzten nur 28 TaM zuzuteilen. Die Pleni behielten 31 Tage, die Cavi mußten sich gefallen lasten, daß sie um je einen Tag verkürzt wurden, und der Februar mußte mit 28 Tagen zufrieden fein.

Das Sonnenjahr von 355 Tagen war aber noch lange nicht genau genug, und Julius Cäsar ver­diente sich den Dank der Menschheit dadurch, daß er die nach ihm benannte Kalenderform durch- führte und dem gemeinen Jahre 365 Tage 6 Stunden gab. Er hatte jedem Monat abwech- selnd 30 und 31 Tage geben wollen, da er dann aber im Jahre 366 Tage, d. h. einen zu viel be- kam, gab er lieber dem Februar einen weniger, da dieser eine solche Behandlung gewöhnt war, und setzte ihm dafür im Schaltjahre einen zu.

Das Maß seines Leidens war nämlich noch nicht voll. Dr Kalender sah folgendermaßen aus: Januarius (31), Februarius (29 oder 30), Mar­tins (31), Aprilis (30), Majus (31), Junius (30), Ouintilis (31), Sextilis (30), September (30), Oktober (31), November (30), Dezember (31). Beinahe so wie heute, nur, daß der Februar einen Tag mehr hatte, als der heutige und der dem ge­genwärtigen August entsprechende Sextilis einen weniger. Nun hatte man den Monat Ouintilis zu Ehren des großen Julius Cäsar umgenannt und Julius getauft. Sein Neffe und Nachfolger Augustus wollte eine gleiche Ehre genießen, und deshalb bekam der Sextilis den Titel Augustus. Aber der Kaisermonat Augustus sollte nicht weni­ger Tage haben als der Cäsarenmonat Julius. Man brauchte einen Tag, und woher nahm man ihn? Natürlich vom Februar. Ein kaiserliches Dekret teilte den 29. Tag dem August als 31. zu und dabei ist es geblieben, und auch die Gregori­anische Reform hat daran nichts geändert.______

--- Bei de» Toten MeMnas.

In Messina werden noch fortgesetzt Leichen ans den Trümmern geborgen. Die Erlaubnis zu Ausgrabungen wird feit einigen Tagen wieder erteilt, und an verschiedenen Stellen Messinas kann man Leute sehen, die nach den Ueberreftr.n ihrer Teuren suchen.

Bei diesem Suchen kommt es oft genug vor, daß Leichen geborgen werden, die nicht zu dem Hause gehören; das Chaos der ineinander ge­stürzten Häuser ist die Ursache. Die nicht ag­noszierten und nicht reklamierten Leichname wer­den nach dem Quai gebracht, wo man sie in die Decken wickelt, die sich beim Wegräumen _ des Schuttes ergaben. Abends kommt das Totenschiff und nimmt diese Bündel an Bord; sie werden nach dem ehemaligen Jndustriequartier San Rai- ncti gebracht, wo sie in den großen gemeinschaft­lichen Gräbern verschwinden.

Die anderen Toten — denen nach dem Aus­graben die Suchenden einen Namen geben können — werden in rohe Holzkisten gelegt, die mit einem Sarge nicht die mindeste Aehnlichkeit haben. Wenn man ein Hundert dieser Kisten sieht, muß man an irgend einen eigentümlichen und ausge­dehnten Geschäftsbetrieb denken — so sehr glei­chen die Totenkästen den Packkisten. Aus die Kisten ist mit Blaustift in holperiger Schrift der Name des Toten etwa so geschrieben, wie auf den Frachtstücken das Wort „Zerbrechlichi" Man lieft auf den Kisten der Toten auch Mitteilungen an­derer Art, wie „Stehen lassen! Die Verwandten leben und kommen morgen." Oder: „Tie Be­hörde wird ersticht, zu warten. Der Transport erfolgt auf Privatkosten."

Und die Transporte, oft fo schwierig wie die Toter in den Bergen, haben das nüchterne Aus­sehen einer Arbeit. In den Straßen an der Peripherie häufen sich die Kisten, die von Lastträ­gern dorthin geschleppt wurden. Ochsenfuhrwerke stellen sich ein; sie befördern Leichname und ge­rettete Sachen bunt durcheinander, sie kennen nur Kollis .... j

Wenn an einem Trümmerhaufen leichte Staub-; wolkeu au ffteigen, heißt das: Der Besitzer arbei- te! unterirdisch mit Pickel und Schaufel. Kommt mau näher, so erblickt man ein amtliches Plakat mit der Inschrift: „Der Eigentümer lebt und ist zu Ausgrabungen berechtigt."

Schreckliche Dinge kommen ans Tageslicht. Der Leichname, die keine Spur von höchstem Ent­setzen in der Pose zeigen, sind es nur wenige. Tie Glücklichen die im Schlafe plötzlich den Tod fan­den, sind leicht zu zählen. Die schreckliche Gewiß- heil tritt immer nachdrücklicher hervor: Die Trümmerhaufen haben wilde Todeskämpfe ver­borgen. Die Ruinen find für lange Stun­den und Tage voller Klagen und Jam- m c r n g e to e f e n, sie haben langsam das Leben einer Bevölkerung vernichtet, die gefangen und verletzt in unerreichbarer Tiefe lag. Die Frauen, das sieht man, haben mit seltsam gleich­mäßiger Geste die Hände vor das Antlitz gelegt und haben in dieser Haltung das Ende erwartet. Glücklich auch jene, die mit einer geliebten Per­son vereint dem Tode entgegengingen. Diese Lei­chen zeigen eine Ruhe in Haltung und Antlitz, die der Verwesungsprozeß nicht auslöschen konnte.

Die Wiedererkennung der Toten durch den Suchenden erfolgt ohne Aufschrei, ohne verzwei­felte Gesten. Die Leichen haben einen Fluch an sich; sie stoßen ab. Man erwartet sie mit schmerz­erfüllter Angst, es scheint, als wolle der Suchende mit unbezwinglicher Sehnsucht bei ihrem An­blicke sie an sich ziehen. Wenn sie aber an die Oberfläche kommen, ziehen sich die Lebenden einen Schritt zurück, ihr Schmerz ist ganz stumm. Eine Art Besfiirzung, grausame Enttäuschung kommt über sie.

„Euer Kind ist gefunden", rief man einem Vater zu, der schon Wochen lang nach ihm gesucht. „Liebes Kind!" schluchzte der Vater und eilte dem Leichnam zu. Starr blieb er vor der kleinen Leiche ftefien. „Ich erkenne ihn", sagte er und — wandte sich schaudernd ab. Diesen armen To­ten fehlt der Trost einer letzten Zärtlichkeit und eines letzten Abschiedes. Auch jene, die ihnen im Leben Liebe erwiesen, können sie jetzt nicht mehr geben, der Abstand zwischen dem Lebenden und dem Verwesten ist größer als der zwischen Leben und Tod

Die ganze öffentliche Meinung Italiens klagt lebhaft über die schmerzlichen Fehler der Büro­kratie. Die Presse, keineswegs allein die sozial:- ftifdje und oppositionelle, zieht folgendes Fazft: Tie Ueberlebenben sind über alle Provinzen Ita­liens zerstreut, um der öffentlichen Mildtätigkeit zur Last zu fallen und Konkurrenten bei der Ar» beitslosigkeit zu werden; unter den Trümmern, die noch nicht durchforscht sind, liegt ein Volk von itoten die »um Tode verurteilt wurden, als die

Einstellung der Bergungsarbeiten erfolgten. In der oberen Stadt lagen noch am 19. Januar die Toten frei auf der Straße, kein Mensch war bis dorthin vorgedrungen. Hausbesitzer, die sich ge­hörig ausweisen konnten, dursten nicht zu ihrem Besitz zurückkehren. Hauptmann Stund, der am 31. Dezember in seinem Hause das Wichtigste ber­gen wollte, erhielt, obwohl man ihn kannte, nicht die Erlaubnis. Sein Haus war nur wenig zer­stört, ebenso vier andere Nachbarhäuser. Zehn Tage später erlaubte man ihm, nach seinem Eigentum zu suchen, aber es war nichts mehr zu retten. Verbrecherhände hatten alles fortge­schleppt, und den vier erwähnten Nachbarn ging es nicht anders. Und das nach Proklamierung des Belagerungszustandes! Die Depots der Ban­ken wurden schnell geryttet, Private, die ihre Habe noch retten konnten, wurden verjagt, damit die Leichenhyänen etwas zu tun hatten. Zwanzig Tage nach dem Erdbeben waren die Baracken noch au den Fingern zu zählen. Die Blätter erklären ausdrücklich, bis jetzt aus nationalen Rücksichten geschwiegen zu haben, die Sache werde aber im­mer schlimmer statt besser. Dort wo der Staat nicht die Hand im Spiele habe, sei mehr und bes­seres geschehen.

In Begleitung des Berliner Arztes Dr. Kopp und der Schwester Elisabeth Kendell ist in Neapel die Rote-Kreuz-Schwester Irene Klement gelan­det und dem deutsche» Hospital als irrsinnig übergeben worden. Sie kam mit der Expedition des deutschen Roten Kreuzes nach Catania und Acireale. Der Anblick des namenlosen Elends verwirrte sie derart, daß sie in Wahnsinn verfiel.

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Allerlei.

— Ist Krebs ansteckend? Diese Frage wird von Prof. Dr. v. Hansemann in einem von der „Umschau" veröffentlichten Auffatz verneint. Der Berliner Gelehrte führt u. a. aus: „Man kann mit Sicherheit sagen, es ist noch niemals beobach­tet worden, daß die Krebskrancheit durch Ansteck­ung von einem Menschen auf den andern über­ging. Bei allen ansteckenden Krankheiten, beson­ders auch bei der Tuberkulose, beobachtet man, daß in Krankenhäusern sich Aerzte ober Pflege­personal trotz aller Vorsicht gelegentlich an den Patienten anstecken. Das ist noch niemals beim Krebs beobachtet worden." — Im Anschluß daran sei noch darauf hingewiesen, daß Dr. E. F. Bash- fotb in „The Lancet“ die Frage der Vererb­ung bei Krebs behandelt. Bashford kommt zu dem Resultat, daß Krebs nicht vererbbar ist. Er weist dies sowohl statistisch als auch experimentell nach. Bei 669 Krebskranken, von denen eine ge­naue Familiengeschichte zu erhalten war, betrug die Zahl der an Krebs gestorbenen Väter 58 = 1 :11,5 und die der Mütter 114 — 1:6.

— Die Bügelfalte. Eine belgische Zeitung hat von einem Leser, der über beneidnswert viel Zeit verfügen muß, einen Brief von achtzehn Seiten 1 erhalten, der das aufregende Thema behandelt: Was müssen wir tun, um unseren Beinkleidern eine tadellose Bügel­falte zu geben und zu erhalten? Schon Maurice Dounay hatte sich in seiner „Prinzen­erziehung" mit der wichtigen Frage beschäftigt und geraten, ein dickes Konversationslexikon zu kaufen und dessen Bände einen neben den andern auf die sorgfältig auf dem Boden ausgebreiteten Hosen zu legen. Hier einige weitere Rezepte: 1. Man lege die Hose (Nb. nachdem man fie aus­gezogen) zwischen Fußboden und Teppich und übe auf diesem Fleck den Tag über Schlußsprung auf der Stelle. 2. Man lege sie unter ein Brett und beschwere dieses mit allen schweren Gegen­ständen, als Bügeleisen, Kessel, Gasöfen, Schwie­germüttern usw. 3. Man quetsche das Kleidungs­stück zwischen Ober- und Untermatratze, speise reichlich zu Abend und schlafe am nächsten Mor­gen bis zur Besuchsstunde. Die übrigen unfehl­baren Mittel zur Erzielung und Konservierung der Bügelfalte sollen nächstens in einem besonde­ren, 600 Seiten starken Bändchen veröffentlicht werden.

— Wandernde Hosen. Vor einigen Tagen ging eine Nachricht durch die Blätter, die in Jä­gerkreisen großes Aufsehen erregte. Danach sollte in Schlesien ein Hase erlegt worden fein, der mit einer der bekannten Wildmarken gezeichnet war, laut welcher er im Kreise Wetzlar vor Jahresfrist ausgesetzt worden ift Der Hase hätte also, ver­mutlich um wieder in seine Heimat nach Böhmen zu gelangen, den weiten Weg von der Lahn nach der Oder glücklich überstanden, bis ihn das tückische Blei an der Weiterreise verhinderte. „Da sieht man wieder einmal, was das Aussetzen von Hasen eigentlich wert ist", klagten die Jäger, als sie das lasen, — „die Luders rücken ja doch wie­der aus!" Nun kommt aber die Zentralstelle für Wildmarken in Berlin und weist nach, daß hier ein kleiner Irrtum vorliegt. Ter in Schlesien er­legte Hase trug die Wildmarke Nummer 35361 und ist etwa 20 Kilometer vom Orte feiner Er­legung gezeichnet und ausgesetzt worden. Der bei Wetzlar ausgesetzte Hase aber kann nur die Num­mer 35,346 getragen haben, da von dort diese Marke von der Zentralstelle bezogen wurde. Aus der Verwechselung der beiden Schlußziffern scheint also die ganze wunderbare Reisegeschichte Freund Lampes entstanden zu sein.

— „Die Jugend!" Der ,Frankf. Ztg/ erzählt man aus Halle folgendes Geschichtchen: Als jüngst in Bernburg die Töchterschule aus dem alten Ge­bäude, das die Stadt für Büros in Verwendung nimmt, in ein neues Gebäude übergesührt wurde, sagte der Lehrer einer der untersten Klassen zu seinen Schülerinnen: „Nun, Kinder, nehmt Abschied vom alten Hause, da kommt ihr nun nie wieder hinein!" Sofort entgegnete ihm ein kleines Mädchen« „Nanu, ich denke, hier kommt das Stan: desamt her!"