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Fulda, Freitaq den 5. Februar 1909

36. Jahrqanq.

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(Forts, folgt.)

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Serantw. Redatteuri

Sart Schütte;

een; aber er wußte nichts von den Gedanken die sie bewegten; er verließ die Heimat, die nie wieder seine Heimat sein sollte, mit vor Hoffnung und Freude strahlenden Zügen, leichtem Herzen und dankerfüllter Seele. —

Wir wollen seine Universitäts-Laufbahn nicht Schritt für Schritt verfolgen — es genügt zu sa­gen, daß er die höchsten Ehren, die zu erringen wa­ren, auch gewann. Er war sehr beliebt seiner wun­derbaren Talente wegen. Die Professoren waren erstaunt und entzückt; namentlich seine Verse tie­fen uneingeschränktes Lob hervor. Die Berichte die an Dr. Cloth gelangten, waren ganz ausge­zeichnet. Kurz und gut, Werner Jefferies' Hoch­schul-Laufbahn war ein vollständiger Erfolg.

Er blieb fünf Jahre in Cambridge, und jedes Jahr wiederholten sich die anonymen Geschenke; die Bücher änderten sich in ihrem Charakter, je nachdem und je weiter er in feinen Studien vor­rückte. So kam es, daß er auf der Universität ebenso gut über alles verfügte als seine Kollegen deren Angehörige reiche Mittel besaßen.

Er wunderte sich sehr, wer wohl dieser unge­nannte Wohltäter sei, kam aber schließlich zu dem Schluffe, es muffe doch Sir Collingbourue fein. Sir Collingbourue hatte sich bei seiner Prüfung so sehr für ihn intereffiert und ihm gesagt, daß er stets an ihn denken werde; und doch schien es eigentlich merkwürdig, daß er nie schrieb, ihn nie besuchte, sondern daß das einzige Zeichen eines andauernden Interesses die Kisten mit ihrem wertvollen Inhalt waren.

Ach, hätte er nur gewußt, daß es nur die Frie­dens- und p^fergaben eines von Reue und Vor­würfen gepeinigten GewiffenS waren — daß die Frau, die ihn als vernunftlofes Kind aus den Armen seiner Mutter genommen, jetzt ihr Möo. lichstes tat, die Stelle seiner Mutter auszufüllen — wie ganz anders würde er sie dann betrachtet haben!

Merkwürdig genug, aber ein solcher Gedanke oder Zweifel war ihm niemals aufgestiegen. Er hatte sich selbst sehr ost Vorwürfe gemacht, indem

hatte mehrere Kinder gehabt, die aber alle in zar- tcm Alter gestorben waren, ausgenommen Bal­duin, der geliebte Sohn und Erbe. Was fein Leben den in ihn vernarrten Eltern wert war, war mit Worten nicht fo bald zu beschreib«:.

Er war nicht sehr kräftig, dieser junge Erbe der gesamten Romseys. Zwar war er hübsch, aber es war eine gewisse zierliche, mädchenhafte Schön­heit. Seine Züge waren sehr regelmäßig; bei der geringsten Erregung kam und schwand die Farbe auf feinen Wangen, wie bei einem jungen Mäd­chen; blondes Haar lockte sich um den wohlgeform- ten Kopf. Sein größter Stolz war augenblicklich der flaumige blonde Schnurrbart, der die zierli­chen Lippen zu beschatten begann. Er war ner­vös und leicht erregbar; trotz aller Jugendlich­keit und Unerfahrenheit aber durch und durch Gentleman; nie sprach ober beging er irgend etwas Gemeines; er war edelmütig und ritter­lich.

Daß die Gräfin Romsey es je zugegeben, diesen vergötterten Sohn aus ihren Augen zu lassen, konnte niemand begreifen. Sie wußte selbst am besten, was es ihr gekostet und täglich kostete. Sie lebte und starb sozusagen täglich; aber in diesem Punkte war der Graf unerbittlich gewesen.

„Der einzige Weg, einen Mann aus Balduin zu machen," hatte er erklärt, „ist der, ihn auf die Schule, auf die Universität zu schicken; dort kommt er unter wackere männliche junge Burschen, und dann schon über feine Nervosität weg, die ihn an- dernwlls vollständig verderben würde."

Und so hatte die Gräffn, wenngleich mit vielen Tränen, nachgegeben. Wie sie ihren Jungen bat und beschwor, doch ja in allem vorsichtig zu fein, können sich Mütter allein denken; wie sie ihn an die Brust drückte und ihm immer wieder sagte, er fei ihr einziges, ihr alles, und sie müsse ster­ben, wenn ihm etwas widerfahren sollte. „Gewiß, ich würde sterben, Balduin. Ich bin nicht stark, und es würde mich töten. Denke immer daran, daß das Leben Deiner Mutter an dem Deinigen

offiziösen Telegramm, daß die Nachricht durch- aus unzutreffend fei. Die Reichsregierung halte vlelmehr an der Nachlaßsteuer fest. Die of- fiziöse Meldung glaubt dann aber auch für Zu­kunftseventualitäten Sorge tragen zu müssen und bemertt: „Sollte die Nachlaßsteuer im Rah- men der Reichsfinanzreform im Reichstag kein« Annahme erhalten, so wird es den Parteien di« sie ablehnen, überlassen werden, einen Ersatz da­für zu finden.

Der Widerstand der Konservativen gegen di« Steuer entbehrt durchaus der geschlossenen Festig- kett. Der „Reichsbote" ist bereits in der Frage der Nachlaßsteuer umgefallen. Die sächsischen Kon­servativen haben sich durchaus für die Nachlaß- fteiter erklärt. Aehnliche Kundgebungen werden auch aus anderen konservativen Kreisen berichtet. Wenn ein Teil der Konservativen heute seinen Widerstand so energisch betont, so ist nicht zu ver­gessen, daß es von jeher die Konservativen aufs beste verstanden haben, den Wert ihrer Zugeständ­nisse durch energische Reklame auf eine sehr er­hebliche Höhe zu treiben.

In der ersten Lesung der Kommission wird die Nachlaßsteuer wohl kaum Annahme finden. Aber damit ist die endgiltige Entscheidung noch keines­wegs gefallen. Nach einem Berliner Telegramm der „Frankf. Ztg." denkt man in Blockkreisen an eine Aenderung des Nachlaßsteuerentwurfs ungefähr in der Richtung, daß die Nachlässe für Kinder und Ehegatten eine geringere Steuer zah- len sollen und daß die Nachlaßsteuer nicht schon bet Nachlässen von 20'000 M an, tote der Ent­wurf vorschlägt, sondern erst von einer höheren Nachlaßsumme an erhoben werden soll. Diese Meldung ist int wesentlichen richtig. Zwar wer­den die Zugeständnisse an die Konservativen in rZ-orm von Ermäßigungen der Steuersätze noch etwas reichlicher ausfallen müssen, wie es hier gedacht ist. Vor allem denkt man daran, den Erb- ansall an die Kinder vollständig steuerfrei zu lassen, während der Erbanfall an die übrigen Verwandten der Besteuerung unterworfen werden oll. Auf der Grundlage eines derartigen Kom­promisses werden die Konservativen Voraussicht- lich d,er geforderten Nachlaßsteuer zustimmen. All das gilt freilich nur unter der Voraussetzung, 'aß Fürst Bülow die Blockgeschäfte weiter leitet

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 4. Februar 1909.

Das Haus erledigt die dritte Beratung der Besoldungsv orlage.

In der allgemeinen Besprechung führt

Abg. v. Schenkendorff (natl.) aus, daß 15 Millionen Mark über die Regierungsvorlage hinaus bewilligt worden sind. Das Mittelschulwesen nur scheine bei der Gehaltsauibefferung am schlechtesten davon ge­kommen zu sein, während für Seminare und Präpa­randenanstalten mehr getan ist.

Abg. Wollkowski (kons.): Wir bedauern, daß für den Beamten manch« Wünsche unerfüllt geblieben sind. Dte Finanzen deS Staates geboten uns aber. Halt zu machen. Bei den unannehmbaren Anträgen der Sozialdemokratie können die Beamten sagen: Behütet uns vor diesen Freunden! Sozialdemokraten kann man t« der Beamtenschaft mit der Laterne suchen.

Abg. Fattin (Zentr.): Ich persönlich stehe dem Kompromiß mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber. Ich erkenne an, daß durch das Kompromiß manches Gute geschaffen ist, namentlich nach der Richtung hin, wenn es gelingt, einer Rückwärtsrevidierunq der unteren Beamtengehälter vorzubeugen. Ein Som» pro m iß ist aber immer nur ein Notbehelf. Andererseits kann ich nicht umhin, hervorzuheben, daß manche sehr berechtigte Forderungen der Beamten nicht erfüllt worden find. Ich denke hier vorzugs- w-ise an die Gerichtssekretäre, ihre Gleichstellung den Regierungssekretären ist immer noch nicht erfolgt. Diese Gleichstellung war notwendig nach dem Grundsätze der Regierung, daß für gleiche Arbeit auch gleicher Lohn gewährt werden solle. Nach längeren Ausführungen zu dieser Frage schließt der Redner: Ich kann hiernach nur mein tiefstes Bedauern darüber aussprechen, daß die Gleichstellung nicht erfolgt ist. Schon 1879 wäre die Gleichstellung beschloffen, wenn damals mcht eine Stimme an der Mehrheit gefehlt hätte. Seitdem hat die Regierung doch 60 Millionen erspart- Will sie diese nicht endlich für die mittleren Juwibeamten verwenden? Wir verlangen, daß die Gleichstellung durchgesührt wird. (Beifall im stentrO . < Auterstaatssekrrtär v. Dombois: Die Gerichts, sekretäre sind um volle 700 Mark im Endgehalt auf.

** Berlin, 4. Febr. 1909. Der Kaiser l)8de heute 7 Vorträge von Militär - Fachleuten. — Zwischen dem Deutschen Reiche und Vene,- zuela ist ein FreundschaftS-, Schiffahrts» und Handelsvertrag abgeschloffen worden, der Deutsch» land das Recht der Meistbegünstigung einifiutn'i. — Das Abgeordnetenhaus wird nach d«r Weiterberatung des Justiz-Etats am Freitag und Samstag die zweite Lesung der Lehrer- und Pfarrerbesoldungs - Gesetze vom Montog ab vornehmen. Die Steuer-Gesetze werden dieser B-ratung angeschloffen werden.

». Die Nachlaßsteuer beschäftigte am Donners­tag die Finanzkommifsion des Reichstages. Wie groß daS Interesse an den Beratungen ist, geht daraus hervor, daß sämtliche Finanz­minister der Einzelstaaten der Korn- Missionssitzung beiwohnten und eine Fülle von Regierungskommissaren anwesend war. Zu Be­ginn der Beratung über den grundlegenden § 1 i ab der Staatssekretär die Erklärung ab, von einer Aenderung des Regierunqsstand- Punktes, rote sie kürzlich in der Presse be- lauptet worden sei, könne keine Rede sein. Die Regierung halte an dem Prinzip fest, daß neben dem Verbrauch auch der Besitz besteuert werden müffe. Ein anderer Weg zur Besteuerung

Deutsches Reich.

— Fürst Bülow, die Konservativen und die Nachlaßsteuer.

Holder Friede, süße Eintracht herrscht wieder zwischen dem Reichskanzler und der Rechten. Das heißt, mit Vorbehalt. Ueber die Nachlaßsteuer sind sie noch nicht einig — noch nicht. Aber der Vorsitzende des Vereins der Konservativen für Westpreußen, Gras Dohna-Fincken st ein halt doch für ratsam, mit dem Fürsten Bülow nicht ganz zu brechen, sondern unter der elegischen Überschrift „Mißverständnisse" in der „Kreuz- itg." und der „Deutschen Tages-Ztg." eine Er­klärung zu veröffentlichen, in der er sagt, daß dte bekannte Rede des Reichskanzlers im Abgeordnetenhause vom 19. Januar in konserva­tiven Kreisen allerdings stark verstimmt habe. Diese Verstimmung sei wohl am schärfsten zum Ausdritck gekommen in der konservativen Versammlung in Danzig am 19. Januar, über welche auch wir seinerzeit berichtet haben. Die liberale Presse habe aus diesen Kundgebungen auf einen „Plan, den Kanzler zu stürzen", ge­soffen. Das fei aber falsch. Die zwischen ihnen und dem Kanzler enfftandenen Mißverständnisse eten inzwischen beglichen.

Inzwischen geht derKampfumdieNach- a 6 ft euer der Entscheidung entgegen. Gestern begann die Reichsfinanzkommission die Beratung der vielumstrittenen Vorlage. Neuerliche Mittet- fangen in der Presse erzählten, daß die Regie­rung geneigt fei, gegenüber dem Widerstände der Parteien die Nachlaßsteuer fallen zu lassen. Promt aber erschien die „Köln. Ztg." mit einem

er glaubte, feine Liebe zu Kate Jefferies fei nicht so zärtlich und anhänglich, wie es die Liebe eines Sohns zu einer Mutter sein sollte; aber kein Zweitel, fein Argwohn, ob sie auch wirklich seine Mutter sei, kam ihm je in den Sinn.

<so flössen die Jahre ruhig und gleichmäßig da­hin, und wenn der Vorhang das nächste Mal wie- der über unserer Erzählung aufgeht, finden wir Werner , in seinem zwanzigsten Lebensjahre und gerade im Begriff, die Hochschule zu verlaffen.

13. Kapitel.

Ei« Lebensretter.

Es war ein prächtiger Sommermorgen, der Himmel strahlte im klarsten heitersten Blau; gol­denes Licht schwamm in der frischen, duftgeschwän­gerten Luft, der Gesang zahlloser Vögel, das Rau­schen ftischer, saftgrüner Blätter, das leise Wogen des langen Grases im Winde, das sanfte Gemur­mel des Flusses, der durch seine grünen Ufer da- hinglitt: alles bereinigte sich zu einem wunder­vollen harmonischen Zusammenklang. Ein Mor­gen, wo das Leben doppell schön und teuer, Kum­mer und Sorge etwas Unmögliches, Liebe, Hofs- nung und Glück ringsum ausgegoffen scheinen.

Am Ufer des Flusses befand sich eine Gruppe von drei jungen Männern, deren Aussehen ganz mit dem lieblichen Sommermorgen in Einklang stand. Ein hübsches, hellgestrichenes Boot lag vor ihnen am Stamm einer in's Wasser hineinwach­senden Weide befestigt. Halb faßen, halb lagen sie auf der grünen Uferböschung und genoffen die Schönheit der Natur, dann und wann das Schwei­gen mit einigen Worten unterbrechend. Der Aelteste von ihnen, Roderick Pidgeon, stand auf dem Punkte, Cambridge zu verlaffen und bei Ihrer Majestät Leibgarde einzutreten. Ihm zu­nächst saß der junge Lord St. Gilbert, der einzige Sohn und Erbe des edlen und einflußreichen Gra­fen Romsey von Downharn.

Lord St. Gilbert war gerade neunzehn Jahre, und alle Hoffnungen der Romseys bereinigten sich auf ihn. Die Gräfin, eine niedliche, zarte Frau,

Sanne -es Geheimißes.

24.] Aus dem Englischen vonK. v. Raesfeld.

Und plötzlich blickte Jack Jefferies seine Mutter an, und ebenso Platz ich sah sie ihn an und las Argwohn und Zweifel m seinen Augen. Und eine tiefe, sichere Ueberzeugung kam Jack, daß Sir Collingbourne ganz und gar nichts damit zu tun habe, daß vielmehr feine Mutter wisse wer die Kisten geschickt.

„Hm," sagte er dann ruhig; „ich glaube doch nicht, daß es Sir Collingbourue ist; hat aber keine Not — wir werden schon dahinter kom- .ien."

Werner drängte seinem Bruder die Hälfte des Inhalts jeder Kiste auf. „Es ist nicht recht, Jack, ffb dies alles haben soll und Du nichts; nimm

•ne Halste, und ich bin zufrieden."

- bieser Welt nicht recht," sagte

>ack philosophisch „Ich werde nichts anrühren, Verner; mir gehört davon nichts."

Nachher jedoch, als seine Mutter hinausgegan- jen und sie beibe^ nochmals alles genau durch- nufterten, nahm Jack doch fünf von den »ebn in •er Börse enthaltenen Goldstücken an, desgleichen 'in paar feibene Taschentücher. Auf Bücher ber­ichtete er gern.

„Das wird mir als Taschengeld dienen," sagte >.r, und dann lachte er wieder, sein bchagliches, nhiges Lachen — in dem Gedanken, wie biel nehr ihm, wenn seine Pläne glückten, diese selbe Quelle liefern sollte. —

Die folgende Woche reifte Werner Jefferies mch Cambridge ab.

„Der Traum meines Lebens geht in Erfül- nng; komm, fei nicht traurig, Mutter," sagte er röhlich, als Kate Jefferies ihm Lebewohl sagte. Ich glaube, niemand war je so glücklich; nie- .iand hatte je so glänzende Aussichten, wie Dein Berner."

Tränen verdunkelten Kate Jefferies die Au-

Deutscher Reichstag.

. Sitzung vom 4. Februar 1909.

Das Hans beginnt die zweite Lesung des Etats des Reichsamts des Innern. Hierzu liegt eine Reihe von Resolutionen, auch von Seiten des Zentrums vor, die das gewerbliche Auskunftswesen, den Flaschenbier­handel, daS Verbot der Abonnentenversicherung, obli­gatorische Verhältniswahl bei der Krankenversicherung, Schutzvorschrift bei der Eisenindustrie, Zehnstunden- Arbeitstag, Verbot der Sonntagsarbeit, Beschaffenheit der Arbeitsräume, ein Reichsberggesetz usw. betreffen.

Abg. Trimborn (Z.): Am 8. Januar 1908 hat der Reichstag eine Reihe Anträge meiner politischen Freunde angenommen, welche aus eine Vermehrung des Schutzes für das Handwerk und die kleinen und mitt­leren Gewerbetreibenden im Auge hatten. Ich bitte den Staatssekretär um Auskunft, ob und welche Stellung d,e verbündeten Regierungen zu den Beschlüffen dieses Hauses eingenommen haben, auch bezüglich der Neu­regelung des Submissionswesens. Nach Uebersicht der der aus Grund der Handwerkergesetze geschaffenen Hmldwetterorganisationen haben wir heule schon 127^6 Innungen mit rund 570 000 Mitgliedern, aüen Gebieten ihrer Tätigkeit erfreuliche Fort­schritte zu verzeichnen haben. Es wäre uns erwünscht, ju erfahren, rote weit die uns in Aussicht gestellten Vorlagen auf dem Gebiete der Arbeiterversiche- k u n g gediehen sind. Auf dem Gebiete des Kranken- kaffenwesens erscheint uns eine gesetzliche Regelung der Stellung der Aerzte zu den Krankenkassen dringend erwünscht. Ber einer Aenderung des Kranken- kaffengesetzes verlangen wir grundsätzlich die Einführung der Verhältniswahl Auf dem Gebiete der Arbeiterver- sicherung fehlt noch die Einbeziehung der H e i m a rb e i t in die Kranken- und Invalidenversicherung Mit Be­friedigung erfüllt es uns, daß endlich der achtstündige Arbeitstag für Frauen eingeführt werden soll. Dre Frage der Regelung der Kinderarbeit ist eine not« wendige Ergänzung zum Arbeiterschutz. Bezüglich des Maxtmalarbeitstages in den Hütten- und Walzwerken stehen wir auf demselben Standpunkte wie früher. An der Forderung eines vermehrten Schutzes der Bau- a r b e r t e r werden die verbündeten Regierungen nicht vorbeikommen. Die Frage des Bergarbesterfchutzes kann nur durch eine reichsgesetzliche Regelung des gesamten Bergwesens gelöst werden. Bezüglich der Emzelforderungen der Bergleute werden wir , r Novelle zur Gewerbeordnung einen iwrstoß dieser Richtung machen. Das gleiche gilt für ote Frage der Regelung der Arbeitsverhältnisse der Angestellten von Rechtsanwälten, Notaren »rankenkaffen usw. Hinsichtlich der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe halten meine politischen Freunde nne Differenzierung auf der Grundlage für angezeigt, ob em Ort einen mehr ober minder ländlichen Charakter trägt. Eine absolute Durchführung der Sonntagsruhe erscheint uns nach den Aeußerungen der verschiedenen Korporationen allerdings kaum durchführbar. Es wäre interessant zu erfahren, ob die Forderung des Reichs- lags auf Errichtung eines Reichsarbeitsamts, ^."bsenttichen die Befugnisse des heutigen Beirats für Arbeilerstatistik übernehmen soll, inzwischen weiter gefördert worden ist. Dringlich erscheint uns die Aus- stattmig der Berufsvereine mit Rechtsfähig­keit, die Sicherung der Tarifgemeinschaften in dem Sinne, daß auch die Schadenersatzklagen begründet ro«ben können, und bie Sicherung unb Ausgestaltung des Koalitionsrechts ihrer Angestellten Halt machen. Großes Gewicht legen wir ferner auf eine gesetzliche Regelung ber Kartelle unb Trusts. Die Fülle von Resolutionen, die teils vorliegen, teils neu ein­gebracht worden sind, dürfen den Bundesrat nicht dazu veranlassen, alles auf die lange Bank zu schieben ober 9af ber Sozialpolitik Halt zu machen. Alle sozial­politischen Maßnahmen bienen boch ber Hebung der geroerbätätigen Mafien unseres Volkes unb damit auch der Wehrkraft uns ber Wehrhaftigkeit des Landes. Auch von diesem Gesichtspunkte aus werden wir, getreu unserer bisherigen Haltung, auf dem weiteren Ausbau und der weiteren Fortführung der Sozialpolitik be- harren) Lebhafter Beifall im Zentrum.)

Abg. Bassermanu (natl.): Nach den ausführlichen Darlegungen des Abg. Trimborn habe ich nur noch weniges zu sagen. Der Resolution des Zentrums, die

gebeflert, während die Verwaltungssekretäre nur um 300 Mar' erhöbt worden sind.

Abg. Ernst (frf. Bgg.i: Der Beruf der Seminar­lehrer ist sehr anstrengend, ihre Besoldung steht in feinem Verhältnis zu dem Umfang und der Bedeutung ihrer Tätigkeit. Ueberhaupt reizen die Gehälter der Lehrkräfte an den Seminaren keineswegs zum Eintritt in diese.

Abg. Ströbel (So;.) ergeht sich in längeren Aus­führungen über den angeblichen Mangel an Wohlwollen der bürgerlichen Parteien für die Unterbeamtenschaft.

Abg. b. Pappenheim (kons.) polemisiert gegen den Vorredner. Die Unterbeamten sind nicht roeniaer be- rücksichtigt worden als bie mittleren unb oberen, sie werden in der Vorlage um 20 Prozent, die mittleren um 15 und die höheren nur um 71/« Prozent aufgebeffert. Auch im Wohnungsgeldzuschuß wurden sie nicht gegen­über den mittleren und höheren Beamten »urückgesetzt.

Die allgemeine Besprechung wird darauf geschloffen.

In der Einzelberatung werden die Beiol- dungsNafien nach den Beschlüffen der zweiten Lesung unverändert angenommen. Eine Aenderung tritt nur ein bei den Buchhalterinnen und Lehrerinnen bei den Gefängnissen ber Justizverwaltung unb bei ber Straf­anstaltsverwaltung, bie aus Klaffe 10 in Klaffe 11 b versetzt werden. Sie erhalten statt bis 2400 bis 2500 Mark.

In der Gesammtabstimmung wird darauf die Befoldungsvorlage in dritter Lesung angenommen. Auch bieSozialdemokraten stimmten bafür. .

Es folgt bie Beratung des Staatsvertrages zwischen Preußen und Hamburg vom 14. November 1908, betreffenb die

Verbesserung des Fahrwassers der Elbe und anderer Maßnahmen zur Förderung ber Seeschfff- fabrt nach Hamburg, Altona unb Harburg, unb des Entwurfes zu einem Gesetze über bie Aenderung der Landesgrenze gegen bie Freie unb Hansastabt Hamburg im Lanbkrerse Harburg.

Minister v. Breitenbach befürwortete selber eine Kommissionsberatung, bie nach verhältnismäßig langer Debatte über ben Parlikularismus unb Egoismus ber Hamburger beschloffen würbe. Vom Zentrum legte Abg. Reinhardt die Bedenken gegen die Vorlage dar.

Freitag: Justiz-Etat.

eine Reform der Verstcherungsgesetzgebung verlangt, stimmen wir zu. Auf eine Vereinheitlichung ber Ver­sicherungsgesetzgebung zu bringen, liegt meines Er­achtens kein Anlaß vor. Eine Hinausschiebung bes Inkrafttretens ber Witwen- unb Waisenverficherang darf nicht erfolgen. Die Frage ber Regelung ber Rechtsfähigkeit der Berufsvereine bleibt besser bem Reichsjustizamt überlassen. Eine obligatorische Ein­führung ber Tarifverträge lehnen wir ab. Die rjen- trumSrefolulion, nach welcher das Abonnement mit einer Versicherung nicht verbunden fein darf, gebt glaube ich, zu west. (Beifall bei ben Natl.)

Vizepräsident Paasche teilt mit, baß ein Antrag Müller-Meiningen (frf. Vp.) eingegangen ist, bei ein Reichstheatergesetz zum Schutz ber Bühnenange­stellten verlangt. °

Abg. Pauli-Potsdam (kons.): Wenn eine Reform der Verficherungsgefetzgebung, besonders der Kranken­versicherung, zustande kommt, dann muß den Arbeit­gebern ein größerer Einfluß eingeräumt werden, sonst ist eine schwere Schädigung der Industrie und des Handwerks unausbleiblich. Wenn die Sonntagsruhe noch verschärft wttd, werden die Heinen Kaufleute und Gewerbetreibenden den Schaden haben. So wie die Verhältnisse heute liegen, ist bie erste Ausgabe dieses bessern' ^"""iverhältniffe des Reiches wieder zu

Abg. Hoch (Soz.) fordert ein Reichsberggefetz, Ge­setze für größeren Arbeiterschutz und Selbstverwaltung der Krankenkaffen. Zum Schluß macht Redner dem Staatssettetär des Innern ben Vorwurf, daß et bie Berichte der Arbeitersekretäre bet der Unfallversicherung gar nicht berücksichtige.

Abg. Dr. Mugban (frf. Vp.) spricht für größere Zulassung von Frauen unb Aerzten in die Gewerbe­inspektion. Mit der Reform der Krankenkaffengesetze müßte in rascherem Tempo vorwärts gegangen werden, besonders die Streitigkeiten zwischen Aerzten und Krankenkaffen müßten unmöglich gemacht werden.

Freitag: Fortsetzung. Vorher Rechnungssachen.

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