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MaerW Zeitung

mon-kbeNage: „Zuldaer GefchichlsblStter"

3. porieller in $BM. U)od)EtlbCit(l$t2 „Illustrierte Sonntagrzeitung"

Anzeigen: Me eta- spaltige Petitzeile oder deren Kaum 15 pfg. ReNamendrepetitzeile 25 Pffl., bei Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Kotationrdruckunb Verlag der Luldaer N- tie»druckerei in Zulda Zernsprecher Nr. 9.

Erscheint täglich mit Ausnahme der So.* und Feiertage Viertel­jährliche-Bezugspreis ohne »ringerlohn und vestekgeld in Zulda so­wie auswärts 1-50 Ulk.

verantw Krdattenrr Sar» Schütter

Fulda, Mittwoch den 3. Februar 1909.

JV3 26.

36. Jahrqan i.

^wertes Mcltt.

Deutscher Reich.

* Die Vorarbeiten einer Reform der Gebüh­renordnung für Zeugen und Sachverstän­dige sind laut „Berliner Tageblatt" vom Reichs­justizministerium wesentlich gefördert worden. Wenn in dieser Session trotzdem feine Vorlage an den Reichstag gelangt, so hat das seinen Grund lediglich in den entgegenstehenden frnanzrellen Bedenken.

• Einer, der nicht sparen will. Wenn das Volk jährlich 500 Millionen M neue Steuern zahlen soll, so ist es Pflicht der Volksvertretung, nachzusehen, ob diese Summe auch nötig ist, und sie muß Abstriche machen, wenn sie findet, daß diese angebracht sind. Anderer Meinung ist der nationalliberale Reichstagsabg. Prof Dr. Gö r cke. Kürzlich befürwortete er, daß über die geforderten 500 Millionen noch um 100 bis 200 Millionen hinausgegangen werde. Jetzt verwahrt er sich im „Tag" gegen Abstriche, weil, wie er meint, nicht viel dabei herauskomme. Wir er­lauben uns da etwas anderer Meinung zu sein. Bereits bei der ersten Lesung der Reichsfinanz­reformvorlagen hat der Abg. Erzberger dargelegt, wie in unserem Etat eine geradezu unglaub­liche Verschwendung der Staatsgelder Platz gegriffen hat. Vor allem rügte er im Heer­wesen die unkaufmännische Wirtschaft bei Ver­gebung von Lieferungen. Wenn in Kiel und Spandau ganze Wagenladungen von Materialien verschwinden können, ohne daß jemand es merkt, da muß man doch eine unverantwortliche Mate­rialienverschwendung annehmen. Eine Verminde­rung der Heeresausgaben durch eine etwas spar­samere Wirtschaft im Heereswesen ist in erheb­lichem Maße möglich und der Reichstag hat bie ernste Pflicht, diese Sparsamkeit durch griiichliche Abstriche herbeizuführen.

-< Sozialdemokraten unter sich. Am Amts­gericht zu Oberhausen wurde em Prozeß ver­bandelt. der auch in Der weiteren Oeffentlichknl Beattunq verdient. Der Borstand des sozial- demolrati'chen Bergarbeiterveibandes (Vorsitzender ist der Reichstagsabg. Sachse) halte den früheren Verbandsangestellten Spamol wegen öffentlicher Beleidigung verklagt, Spaniol halte gege den Verbandsoorstand, gegen Sachse und gegen den Kassierer Horn Widerklage erhoben. In bet etwa achtstündigen Verhandlung wurden recht bedenkliche Dmge bekannt. So wurde festgesteUt, daß in - er Hauptkasse einmal eine Umerschlagung von 2000 Mk. vorgekommen ist. Ferner hatte man einmal einen Fehlbetrag von 1023 Mk. Dieser Fehlbetrag ist nicht entdeckt worden. Besondere Beachtung verdient, daß man über diesen Fehlbetrag der Generalversammlung keine AmklSiung geaeben hat. In dem Prozeß wurde ferner festaestellt, daß während des großen Berg- arbeltetstreiks rm Jahre 1905 der V rbandSan- gestellte Götte aus Geldern, welche zur Unter­stützung der Streikenden bestimmt waren, zwei Revolver gekauft hat, um sich allzu zudring, liche Streikende, welche Unterstützung verlangten, vom Leibe halten zu können. DaS Urteil des Amtsgeirchtes ging dahin, daß Spaniol zu 50 M. Geldstrafe und der Reichstagsabg. Sachse zu 20 Mk. Geldstrafe verurteilt wmde.

□ Tex Zeuträlverband deutscher Industrieller hat am Samstag in Berlin feilte Hauptversamm- lung abgehalten. Man beschäftigte sich u. a. mit der im Reichstage kurz vor Weihnachten verab­

schiedeten großen Gewerbenovelle. Die Großindustrie hatte bekanntlich den Versuch ge- macht, auf die politischen Parteien des Reichs- tages im Sinne einer Verschleppung einzuwir- ken. Der Reichstag hat sich, dank dem entschiede­nen Eingreifen des Zentrumsabg. Giesberls, dar- auf nicht eingelassen, und die dritte Lesung noch vor den Serien auf die Tagesordnung gesetzt. Darüber waren die Herren sehr erbost. Sie legen „entschiedene Verwahrung gegen die überstürzte Beschlußfassung" ein. — Dio Stellungnahme der Versammlung gegen das Arbeitskammer­gesetz war nicht minder heftig. Die Industrie!, len würden dadurch, so behauptete der General- sekrctär Beck, erheblich benachteiligt, weil die Ar- beitskammern sich sehr bald zu sozialdemokrati­schen Domänen auswachsen würden. Schließlich beschloß man eine Resolution gegen die Elek­trizitätssteuer.

(*) Stuttgart, 2. Febr. 1909. Einen bedeut­samen Gnadenerlaß hat der König von Württemberg erlassen. Alle Personen, denen noch unter der württemergischen Strafgesetzgebung die Ehrenrechte auf Lebenszeit nach den darin gelten­den Vorschriften aberkannt sind, erhalten dieselben wieder, wenn im heutigen Reichs-Strafrecht mil­dere Bestimmungen gelten.

* Stuttgart, 1. Febr. 1909. Die Leiche des verstorbenen Prinzen Ernst von Sachfen-Weimar ist, wie mitgeteilt, in Stuttgart durch Feuer be st a t t e t worden. Die Herzöge von Württem- berg, unter ihnen der Thronfolger Herzog Al­brecht, verließen den Leichenzug, als er sich dem Berbrennungsraum zu bewegte. Dagegen betra- ten der König von Württemberg und der Groß­herzog von «Ächsen-Weimar als erste regierende Fürsten das Krematorium. — Die Herzöge sind katholisch, während der König protestantisch ist.

volknmtschafMches un- Sovaks

(*) Düsseldorf, 1. Febr. 19 9. Verband katholischer Handlungsaehilien Deutich- lands, Sitz Düffeldorf. Der unter diesem 'Kamen luerlelbst vor kurzem gegrünbete Verband bezw.cki durch den Zusammenschluß der kalholiichen Hand- lungsgehilsen Deut chlands die wirk'ame Ver­besserung der sozialen Verhältnisse im Hand- tungsgehistenstanve. Er ist bestrebt, das Zu'ammen. gehörigkeitsgeiühl in der kathol. lammännijchen Jugend zu besesiigen und betrachtet es als eine feiner vornehmsten Ausgaben, die Ehre und das Ansehen des gesamten chiistl. Kaufmannsstanves durch Förderung aller Standesintereffen zu kräftigen. Äusklärunasschriften rsiw. versendet kostenlos bie Geschäftsstelle in Düffeldorf, Herder- straße 75.

Aus dem Nachbargebreie.

♦ Tann (Rhön), 31. Jan. 1909. Der Fleisch- befchauer Rieger dahier hat in einem geschlachteten Schweine Trichinen in großer Menge festge­stellt, so daß das Fleisch völlig ungenießbar ist und vernichtet werden mußte. Dem Besitzer des Schweines ist hierdurch ein Schaden von zirka 130 Mark entstanden, welcher durch eine Schlacht- Versicherung, welche etwa 1 gekostet hätte, leicht abgewandt werden konnte.

* Dermbach, 1. Febr. 1909. Die Schulinspek- tkm stellt gegenwärtig Erhebungen über Ernährung der Schulkinder an. Es soll festgestellt werden, wieviel Kinder täglich Bier, Branntwein, Wein trinken, wieviel überhaupt schon diese Getränke genossen, wieviel täglich Milch oder Buttermilch genießen, welche vor deur Vor- mittagsunterricht warmes, kaltes oder überhaupt

kein Frühstück, welche kein warmes Mittagsessen bekommen usw. Am Schluß kommt die Frage über Leistungen und Aufmerksamkeit der Kinder, welche in Ernährung und Kleidung zu wünschen übrig lassen.

* Kleinlinden, 1. Febr. 1909. Im Vogels­berg wehen fett Freitag heftige Schneestürme. Die Bahneinschnitte und bie Straßen sind zuge- ichneit. Die Züge der Vogelsbergbahn erleiden Verspätungen, da die Gleise sreigeschaufelt werden müssen.

* Höchst am Main, 28. Jan. 1909. In Nied hat sich gestern b e i m F e st l 5 u t e n in der evan- gelischen Kirche der Klöppel der oberen kleineren Glocke losgelöst und im Niederfallen die untere größere Bronzeglocke zerschlagen. Das Geläut ist erst ein Jahr alt.

* Friedberg, 31. Jan. 1909. Im Neubau des Dolksbades waren mehrere Arbeiter mit dem Wegbvingen der Heizkörper beschäftigt. Ein sechzehnZentnerschwerer Ma s ch i n e n- t e i l neigte sich plötzlich zur Seite und fiel dem Schlosser Ludwig Geißler von hier auf beide Beine. Geißler mußte vom Platze weggetragen werden.

* Wiesbaden, 31. Jan. 1909. Die Wies­badener Straßenbahnverwaltung läßi morgens und mittags an den verschieden n Stationen an die Fahrbeamten heißen Kafsr e verteilen.

* Vom Cichsfelde, 1. Febr. 1909. Auf dem hochgelegenen Obereichsfelde liegt der Schnee so hoch tote seit Jahren nicht. Da bei dem gestern herrschenden Winde vielfach S ch n e e v e r to e h- ungen eingetreten sind, toarcn große Störungen im 39eigen; und Bahnverkehr die Folge. Auch im Post- und Telegraphentoesen sind Störungen zu verzeichnen.

vermischtes. '

(*) Die Slmographikjchule Gabelsberger zählt noch dem soeben erschencnen Jahrbuch am 30. Juni 1908 2318 Berrine, 100 902 Mitglieder und 162541 lliitmicbtete. Auf die deutsche Schute em fielen biciyon 2199 Perrine, 94158 Mitaliedcr und 135301 Unlcrnchlele, davon 91192 an 2636 Lehrawtaltcn, das ist gegen das Zagt fahr 1906 07 em Mehr von 136 Vereinen, 7819 Mitgliedern, 14226 Unterrichteten (11378 an Lehranstalten) und 202 lietnanitalteu In der Provmr Hcsicn-Najjau pflegten 60 Vereine mit 3152 Mitglieder» die Gabelsberger Stenographie. Unterrichtet wurden 3580 Personen, davon 1910 an 53 Lehranstalten. Das bedeuiri geaen das Vorjahr ein Mehr von 4 Vereinen, 42 Mitgliedern, 322 Un teirichttten (125 an Lehranstalten) und 9 Lehranstalten. Der Stenographen« verein Gabelsberger in Fulda gibt in feinen Anfängetknrfen Gelegenheit zur Erlernung der Stenographie. In feinen Fortbildungskursen werden die SJtitglieber zu Geschästsstenographen ausgebildet. Auskunft hierüber erteilt der Vorsitzende, Herr Eisen oahnsekretär (Sanin atm, Heinrichstraße 20.

* Schwere Ausschreitungen verübte ein Hau­fen von etwa 30 Radaubrüdern in der Montag­nacht in K ö l n. Als von der Polizei neun Per­sonen verhaftet wurden, begann das Gesindel ein Bombardement auf die Beamten. Von diesem wurden mehrere Beamten schlver verletzt. Ein IGjäEjriger Bursche gab Revotverschüsse auf die Polizisten ab, verfehlte aber fein Ziel.

* Bon einem eifernen Gcldschrank ist ein För­ster in Tattban bei Görlitz erschlagen worden. Er lag in einer an dem Schranke angebrachten Hängematte, der Geldschrauk siel nm und der iMann geriet darunter.

• Bei einer Ballsestlichkert tn Waibstadt (Ba­den) brad) ein junges Mädchen plötzlich zusammen und war sofort tot.

* Eure mternauouale Ausstellung in München soll im Jahre 1910 staltfinden. Sie wird alle Arten der Industrie, der Kunst, des Sports und alle großen und beöeutenbnt Erfindungen und ihre Fort­schritte in den letzten zehn Jahren umfaifen.

* Die chinesische Blumeubootsflotille Cantons geriet am Sonntag in B r a n d. Es entstand eine ungeheure Panik. Mehr als 500 Menschen sind umgekommen. Bis jetzt sind über 200 Leichen geborgen, worunter sich eine Anzahl hoher Würdenträger befindet. Die Blumenboote Can­tons sind Hausboote, in denen sich die fchlimmsten Lasterhöhlen befinden.

* Die Barackenstadt bei Palermo, die Kaiser Wilhelm für die durch das Erdbeben Geschädigten hat errichten lasten, imponiert durch ihre saubere und praktische deutsche Einrichtung den Sizilia­nern gewaltig, denn sie haben z. B. von Kochher­den in unserem Sinne keine Ahnung. Der Be­such der kleinen Ansiedelung ist die Tages-Mode in Palermo. — Die Königin Helena besticht in Rom jeden Tag nach wie vor die Hospitäler mit sizilianischen Verwundeten.

* Berechtigter Wunsch .Ihre Tochter hat Glück; immer ist fie von Herren umringt' — „Ich wünschte lieber, ein einziger ihrer Finger wäre um« cmat!"

Marktberichte.

’ Frankfurt a. Dl.. 1 Febr. 1909. Amtliche Do­tierung der Viehmarkt-Preise. Zum Berkau) standen 459 Schien. 55 Bullen, 815 Kühe und Rinder (Stiere und gärten), 266 Kälber, 334 Schafe und Hämmel und 1832 Schweine. Bezahlt wurde für 100 Pfd. Schlachtgewicht: Ockjen: a. vollflkischige, ausgemältete höchsten Schlacht- wertes bis zu 6 Jahren 75-78 M., b. junge fleischige nicht ausgemästete und ältere ausgemästete 68 —70 M., e. mäßig geuävrte junge, gut genährte ältere 58 - 60 M., 1. gering genäyrte jeden Alters 00—00 4)L Bullen 1 x. vollfleischige höchsten Schlachtwertes 64—66 Mark, mäßig genährte jüngere und gut genährte ältere 60-2 Mk., c. gering genährte 00—00 Mark. Kühe und Jungrinder: a. voUfleischige, ausgemästete Jiwgrinder höchsten Schlachtwertes 68—70_ Mark, i). vollfletschige, ausgemästete Kühe höchsten Schlacht« wertes bis zu 7 Jahren 58 bis 60 Mark, c. ältere ausgemästete Kühe und wenig gut entwickelte jüngere Kühe und Jungrinder 46 bis 48 M., d. mäßig genährte Kühe und Jungrinder (X)—00 M., e. gering genährte Kühe u. Jungrinder 00—00 M. Bezahlt wurde für 1 Pjd. Schlachtgewicht: Kälber: a. feinste Mast« (Bollmastj u. beste Saugkälber (Hannov.) 90—95 Pfg., 1). mittlere Mast- und gute Saugkälber 78 —84 Big., <■-. geringe Saugkälber 63 - 66 Psg., d. ältere, gering genährte Kälber (Fresser) 00-u() Psg. Schase: a. Masltämmer und jüngere Masthämmel 70—00 Pfg., b. ältere Masthämmel 58-60 P,g., c. mäßig genährte Hämmel und Schase (Merz-Schafe, 00 - 00. Schweiner a. vollfleischige der feineren Rassen und deren Kreu­zungen im Aller bis zu l‘/< Jahren 70-71 Pfg^ b. fleischige 69 -00 Pfg., c. gering entwickelte, sowie Sotten und Eber 64 - 67 Psg, d. ausländüche Schweine unier Angabe der Herkunft) 00- 00 Pfg.. Bezahlt wurde für 1 Pfund Lebendgewicht: Ochsen 00 - 00 Pf., Halber: a. 53-57 Pfg., b. 46-50 Pfg., Schweine: a. 56*18-00 Psg., b. fleischige 56 Pfg. Geschästs- gang in Hornvieh und Kleinvieh gedrückt. Uederstand in Hoinvieh unbedeutend, m Kälbern und Schafen keiner, tn Schweinen unbedeutend. Aus Oesterreich standen 94 Ochsen und 2 Bullen zum Verkauf. Oefter- leichijche Ochsen wurden mit 78—82 Mk. bezahlt.

Reklamen- und Anzeigenteil.

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G. Ilenneberg, Zürich,

Zm Sonne GehemmB.

22 ] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld

Ta? hatte ihm Jahre hindurch genügt — abeT er wollte sich nicht länger mehr damit zufrieden geben. Er hatte die ganz bestimmte Ueberzeug- uitfl, daß der Hauptschlüffel zu diesem Geheimnis darin läge, den Ort zu finden, wo feine Mutter zur Zeit des Todes feines Vaters gewohnt hatte.

„Und ich werbe es herausbekommen, früher oder fpäter", sagte er sich. „Mag es zuerst auch Jahre dauern, aber ich werde es schließlich er­fahren."

Mit dem richtigen Takt der Verschmitztheit legte er sich auf die Lauer, er fagte feiner Mutter und Werner von dem, was er gesehen, kein Wort, aber er war entschlossen, still, gedeckt und sorgfäl- tig auszupassen.

Das Ergebnis war, daß sein Verdacht sich ver­stärkte. Es bestand eine fast unmerkliche Ver­schiedenheit darin, wie feine Mutter Werner, und tote sie ihn behandelte. Er hätte es kaum erklä- ren oder beschreiben können, aber er fah, daß sie ihn, Jack am liebsten zu haben schien.

. Es kann ein goldiges Geheimnis fein", fagte sich Jack (so weit war er mit seinen Kombma- tionen schon) —; „wer weiß? Vielleicht kann ich eines TagcS dafür, daß ich's bewahre, oder dafür, daß ich's erzähle, Geld bekommen und ohne Ar­beit leben. Wie und wovon lebt denn meine Mutter?"

Er fragte sie und Mrs. Jeffries, innerlich er­staunt und verblüfft, was dem Jungen wohl im Kopf herumgehe, fagte ihm, — was sie auch sonst jedem auf Befragen sagte — sie habe eine kleine Pension, die mit ihrem Tode aufhöre. „Ihr Jun­gens müßt Euch also in der Schule ordentlich an- geben," schloß fie, „urrd Euch unabhängig von mir Machen: unser Vermögen stirbt mit mir."

„Wobcr kommt das Geld?" fragte er neugie­rig. „Tn sprichst von dieser Pension, Mutter: wer bezahlt sie nnd wofür?"

Jähe Furcht befiel sie bei dem Gedanken, wes­halb ihr Junge wohl solche Fragen stelle. Welcher böse Geist der Neugier und des Vorwitzes nahte sich ibm nur?

„Ist es die Eisenbahn, wo mein Vater ange- stellt war?" fuhr er fort; „oder hatte er sich Geld gespart, oder was?"

Mrs. Jefferies' Gesicht wurde sehr blaß. „Jack, ich mag solche Fragereien nicht leiden. Jungens tote Du müssen solcher müßigen Neugier nicht nachgeben."

„Ich fehe nicht ein, daß diese Frage so neugie- gierig ist," versetzte er grob. „Die meisten Jun­gens wissen, wie ihre Eltern leben. Warum sollte ich's nicht wiffen?"

„Weil, ganz egal, was andere Jungens wissen, es Deine Pflicht ist, mir zu vertrauen und mich nicht mit unnützen Fragen zu belästigen."

„Na, auch gut," gab er scheinbar unbekümmert zurück und ging pfeifend wieder aus der Küche. „Ich war vorher noch nicht sicher," dachte er bei sich, „aber jetzt bin ich's. Es ist also ein Geheim­nis vorhanden, und meine Mutter lebt von dem, was es wert ist. Dieselbe Quelle, die ihr Geld liefert, soll es auch mir liefern."

Sein Ehrgeiz nahm einstweilen keinen höheren Flug, als bis zu dem sehnlichsten Wunsche, bei Wettrennen zu erscheinen, bei Hunde-Kämpsen mitzuwetten, billige Zigarren zu rauchen, einen neuen, dicken Svazierstock, eine GolddoublS-Kette und einen dito Ring zu tragen.

„Ich werde dann wie ein richtiger Gentleman ausfehen," dachte er, „und mir dann mein Eigen­tum schon zu wahren wissen."

Während er so viel von seiner Zeit vergrübelte und verträumte, war Werner voll unverdrossener Ausdauer bei der Arbeit. Er war auf dem besten Wege, das Stipendium zu erhalten. Der Eifer, mit dem er sich seinen Büchern und feinem Stu- dium hingaib, war wirklich wunderbar. Er war

im Sommer mit der Lerche auf und draußen im Garten unter den Bäumen; im Winter zusam- mengehockt bei der Lampe, immer am studieren, studieren — sonst nichts.

Jack würdigte ihn seiner tiefsten Verachtung. „Ein Kerl, der immer die Bücher in der Hand hat, weih nichts vom Leben", sagte dieser Held. „Du wirst nie Tein Salz wert fein, bis Du Dein vieles Lefen anfgesteckt haft." —

Das Stipendium wurde auf Grund einer öf­fentlichen Prüfung verliehen, der die meisten der tonangebenden und führenden Männer des Be­zirks beiwohnten. Es war ein herkömmlicher und nobler Brauch bei ihnen, wenn ein armer Ising- ling das Stipendium errang, einen anständigen Beitrag zu den Universitäts-Kosten zu zeichnen — eine große Hülse für solche, deren Eltern nur beschränkte Mittel besaßen.

Große Aufregung herrschte im' Städtchen, als die Prüfung begann. Werner hatte schwer gear­beitet. Alle seine Hoffnungen ruhten auf dem Ausfall dieser Prüfung. Fiel er durch, so stand ibm nur ein Leben alltäglicher, harter Arbeit be­vor, das Unangenehmste, was es für ihn gab, denn er liebte nichts als das Studium und die Bücher. Siegte er, 0, dann lag die ganze Welt vor ihm offen; er konnte wählen, welcher könig­liche Weg der Wissenschaften ihm gefiel. Die Lite­ratur zog ihn an. Wenn er nur fein Leben zwi­schen den geliebten Büchern verbringen konnte, mehr verlangte er nicht.

Es hatte dem Himmel gefallen, ihn als Dichter geboren werden zu lassen; er konnte nichts dazu. Die Natur hatte auf ihn gelächelt, hatte ihm als Ebenbild seiner Seele ein schönes, vergeistigtes Antlitz gegeben, eine breite, weiße Stirn, gedan­kenvoll und ideal, strahlende Augen, voll, Licht und Scharten, süße, schwellende Lippen, die ein Mädchengesicht geziert haben würden. Ach, hatte eS doch jemanden gegeben, der auf ihn stolz ge- wesen, ihm nachgesehen hätte, als er an diesem sonnenhellen Juni-Morgen hinausschritt, die Ent- scheidungsschlacht feines Lebens zu kämpfen, ir­

gend jemanden, der ihm aus vollem Herzen einen Segenswunsch auf feinen Weg mitgegeben hätte!

Tie biedere Mrs. Jefferies war eifrig im Gar­ten bei ihrem Gemüse. Jack erklärte die ganz« Sache für eine Plage und Last erster Größe, so­daß er allein und niedergedrückt von bannen ging.

Das Schulzimmer war überfüllt; die Prüfung wurde bewundernswürdig geführt; von Anfang an stand die öffentliche Meinung zu gunsten Wer- ners. Sein schönes, lebhaft gerötetes Gesicht, feine blitzenden Augen interessierten und fesselten jeden, der ihn onsah.

Es war eine Frühstückspause für die gelade­nen Gäste vorgesehen, und Sir Eollingbonrne, ein reicher Gutsbesitzer aus der Umgegend, erkundigte sich bei Tr. Cloth angelegentlichst, wer denn bet Knabe mit dem schönen Gesicht unb ben Locken fet.

„Es ist ein Genie, Sir, bieser Junge," bekräf­tigte Sir Collingbourne und schlürfte behaglich ein Glas Madeira. „Ein Genie. Ich Habe rn meinem Leben noch solche Antworten nicht gehört. Wenn der auf die Universität geht, fo wirb er dort feinen Weg schon machen. Wir werden noch wieder von ihm hören. Wer ist es, sagten Sie?"

„Er heißt Werner Jefferies; seine Mutter ist eine arme Witwe und wohnt Hierselbst."

„Er ist von guter Familie, des bin ich sicher; er hat das Gesicht, das Wesen, das Benehmen eines jungen Prinzen."

-Dr. Cloth lächelte kopfschüttelnd. „Ich be- bauere, Ihre romantische Ansicht zerstören zu müs­sen, Sir Eollingbonrne; aber es ist nichts Prinz- liches um unb an ihm, ausgenommen vielleicht, wie Sie richtig bemerkten, sein Wesen unb Be- nehmen. Sein Vater war Bahnwärter unb ver­unglückte auf ber Eisenbahn. Seine Mutter hat eine kleine Pension, vielleicht von derselben Eisen­bahn-Gesellschaft, und davon leben sie. Wie Sie sehen, nichts Romantisches."

(Fortsetzung folgt.)