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36. Jahrqanr
Fulda, Montaq den 1. Februar 1909
M 25
Ar-ftes Wlertt
Wegen des Feiertags Mariä Lichtmeß wird die nächste Nummer der .Fuldaer Zei' tung' erst am Mittwoch ausgegeben.
rügte zu starke Bevorzugung der Präbika.saffessoren billigte er und stellte den Satz aus, daß derjenige, der das Assefsoreneramen bestanden habe, deswegen noch nicht das Recht auf em Siaalsaml besitze.
Abg. Gottschalk (NW.) veitrat die Auffassung, daß die neue Refeienbarpiufung sich nichl bewährt habe.
Donnerstag: dritte Leiung der Bejoldungsordnuna.
markungen zu benutzen, um gleichartige und gleichwertige Erzeugnisse anderer Gemarkungen des betreffenden Weinbaugebie es zu bezeichnen. Der Schaumwein-Paragraph, (§ 15) erhielt noch einen Absatz: Beim Schaumwein, der Kohlen- Säuregehalt hat oder teilweise auf einen Zusatz Kohlensäure beruht, muß die Bezeichnung der Herstellungsart erkennen.
* Ein Bergarbeiterkongreß findet heute uni Dienstag in Berlin statt. Es wird verhandelt über die Einführung von GrubenkontroUeuren, die Einsührnng eines Reichs-Berggesetzes und die schwarzen Listen.
)!( Sozialdemokratische Wahlrechtsdemo- strntionen fanden am gestrigen Sonntag in ver- ichiedenen Städten start. In Frankfurt und Hanau wurden Versammlungen abgehalten und danach Umzüge veranstaltet, wobei der übliche Lärm gemacht rouröe. Es wurde geschrieen: „Glieder mit Bülow!" und „Hoch aus bas allge- meme Wahlrecht!" — In Hannover kam es bei dem Wahlrechtsumzuge zu einem Zusammen- floß mit der Polizei, welche die Haupistraße ab« gesperrt halte. Als die Menge nicht gleich zurückging, machte die Polizei von der Waffe Gebrauch. Zahlreiche Personen wurden verletzt, einige 'chwer. — In Köln, wo der Zug unter Absingung der Arbeitermarseillaise die Ringstraße durchzog, stellte sich ein starkes Polizeiaufgebot den Demon- stranlen entgegen und nahm zahlreiche Berhaf- ,ungen und Protokollierungen vor. — Auch in Breslau machte em gewaltiges Aufgebot berittener Schutzleute dem Umzug bald ein Ende.
♦ Aus Kurhessen, 31. Jan. 1909. Der Vor- stand des „Heistichen Siädtetages" hat der,Frankf. Ztg/ zufolge d-e Stadtverwaltungen im Regie- runas-Bezirk Kassel darauf hingewiesen, daß (falls das Lehrerbesoldungs-Gesetz nach een bisherigen Beschlüsten der Kommission des Abgeordnetenhauses angenommen würde) die bisher durch die Gesetze vom l4.Iuni 1888, 3l .März 1889 und 3. März 1897 gewährten Staatszu« schlisse für die meisten Städte ohne weiteres in Wegfall kommen würden. Dieser Einnahme- Ausfall würde die Städte gerade des Regierung«- Bezirks Kassel umso härter treffen, als ihnen be« kanntlich am 1. April 1910 durch das In kraft- treten des § 13 des Zolltarif - Ge'etzes (Wegfall der Verbrauchs-Abgaben auf Fleisch rc.) ein erheblicher Ausfall an ihren bisherigen Einnahmen drohe. Der „Hessiiche Slädtetag" wird daher gegen den Wegfall der Staalszuschüffe zu den Lehrerbesoldungen in Den Städten mit 7 oder weniger Schulstellen alsbald eine Petition an beide Häuser des Landtages richten.
£5 Bülow und das Zentrum.
Dir .Deutsche Tagesztg/, das enragierteste Blockorgan, widerspricht der füugst in der .Franks. Zig/ geäußerten Ansicht, daß B ü l o w ohne den Block, das hecht angewiesen aus die Hilfe des Zentrums, nicht eine nennenswerte Zeit im Amte bleiben könnte. Es menit, daß doch auch mit Dem Zentrum nationale Politik gemacht werden tönnle.
Wie gnädig! Sonst ist man im Block anderer Ansicht, der Gedanke des Blocks beruht ja darauf, daß man das Zentrum,das innationalen Dingen nicht genug zuverlässig fei, von der Mnarbeit ausfchalten müsse. Was dabei herausgekommen ist, sieht man ja. Der Karren steckt alle Augenblicke im Sumpf, ist er ivieder flott geworden. Dann muß man Angst unD Sorge haben für Den tommenDen Tag. Jeden Augenblick ist von Krisen oder Der Rebellion einer Der Blockparteien Die Rede, unD Der Kanzler muß
Deutsches Reich.
A Das parlamentarische Diner beim Reichskanzler, das am Donnerstag abend slattfand, scheint etwas ganz BeionDeres gewesen zu sein; Denn der Reichskanzler halle dazu nur konservative und liberale Abgeordnete eingelaDen. Bülow wild später weitere derartige Abende ver- anftallen, und Dann roetDen auch Die Freisinnigen Die heißerfehute Ehre Haden.
h- Ter Block rüstet sich, so schreibt man uns aus Berlin, zu einer neuen „nationalen" Tat. Jin Fahre 1904 bat die Kolonialverwaltung 200 000 Mark außeretatsmäßig an eine Bahnbaugejell- schast für Vorarbeiten an dem Bahnbau Wind- h ö e k-R e h b o t h gezahlt. Da diese Vorarbeiten einen praktischen Wert absolut nicht hatten und die Etatsüberjchreitung in keiner Weise begründet werden konnte, hat der Reichstag im Jahre 1906 die entsprechende Nachtragsforderung von 200 000 »H auf Antrag des Abg. Tr. Paasche einstimmig abgelehnt. Jetzt erscheint die Jndemnitatsforderung von neuem in der Rech- rmngsüberficht dec Kolonien für das Rechmmgs- fahr 1904. Tie Regierung machte nicht einmal den Versuch, die Etatsüberschreitung neu zu begründen. Man mußte danach an nehmen, daß das Votum des Reichstags heute dasselbe sein müsse wie vor drei Jahren. Aber o Wunder! Kouser- vative und Nationalliberale, an ihrer Spitze der Antifparsamkcitsapostel Prof. Dr. Goercke treten für die Jndsmnitätserteilung ein! Ja, nicht einmal die Rückverweisung der Vorlage an die Kommission wollten die bewilligungseisrigün Blockabgeordneten zugestehen. Der Freisinn hat sich am Samstag zu der Frage nicht geäußert. Wir haben aber Grund zu Der Annahme, daß er seine Blockfreunde nicht im Stich lassen wird. Hat er doch auch in der Kommission für die In- DcmnitntSerteifung gestimmt. Um die Entscheidung über den Antrag der Kommission auf Nach- bewilligung der 200 000 M recht augenfällig als Blockangelegenheit zu kennzeichnen, hat Basier- mann sogar namentliche Abstimmung beantragt. Wir werden also in wenigen Tagen das anmutige Schauspiel sehen, daß die Blockparteien ihre Stellung zu einer Regieruiigsforderung ohne sachliche Begründung in das direkte Gegenteil Verkehren — die einzige Nechtsertigung ist die Niicksicht auf die B l o ck- politik. Darf man da eigentlich noch von Volksvertretung sprechen oder erscheint es nicht richtiger, den Block als Parlamentarischen Klub freiwilliger Regierungskommis- fäte zu kennzeichnen? Und diese im Block bereinigten Parteien, denen die Forderung der Negierung höchstes Gesetz ist, wollen uns glauben machen, daß sie den Finanzreform- unD. ©teuer- forderungen der Regierung dauernden Widerstand entgegensetzen werden?
a. Das Weingesetz ist am Samstag in der zuständigen Kommttston des Reichstages weiterberaten worden. Dabei gab die Regierung eine Erklärung ab, daß Die SachverstänDigen binnen 6 Monaten nach Dem Inkrafttreten des Gesetzes bestellt fein solllen. Am Freitag war der § 6 in einer Form zur Annahme gelommen, wonach Die geographischen Bezeichnungen für Wein nur zur Kennzeichnung der Herlunst verwendei werden Dürfen. Gestaltet bleibt, Namen einzelner Ge
Aba. Erzberger (3<mtr.): Der Abg. Gamp hat einen Ausspruch des Herrn Dr Bachem gegen mich aui-aespielt, hat aber dabet vollkommen übersehen, daß es sich hier um zwei ganz verschiedene Dinge handeli. Es muß em scharfer Unterschied gemacht werden zwischen der getarnten Nachiragsforderung von vier Millionen und dieser speziellen Nachttagssorderung von •>00 000 Mark. Die erste Forderung ist in Form eines Nachiragseiais und zwar ohne Jndemniiäissorderung an den Reichstag gekommen, und erst auf Andrängen Oer ganzen Budgetkommission ist die Indemnität nach- aefuckit worden für die große 4 Mrlllonensorderung. Bei dieser Gelegenheit hat der Abgeordnete Dr. Bachem den angeführten Ausspruch getan, teilt in einer späteren Sitzung ist man mit der Spezialforderung von 200 < 00 Mark hervorgelreten und diese Spezialsorderung hat die Kommission einmütig aus der Jrdemnitätserteilung ausgeschattet. Nach alledem hätte Herr teamp allen Anlaß, eine gründliche Ausklärung in der Kommission zu wünschen. Den Versprechungen der Negierung stehe ich einigermaßen skeptisch gegenüber. Ich beantrage nunmehr in aller Form, die Vorlage zur schriftlichen Berichterstattung an die Komm ission zurückzu- weil en.
Damit schließt die Diskusiion.
Zur Geichäitsordnung bemerkt Abg. Graf Oriola tNatl.): bei der Wichtigkeit der Materie erachte ich zur Entscheidung über öte vorliegenden Anträge doch ein vollbesetztes Hans für ersorderlich, und ich bezweifle gleichzeitig die Beschlußsähiakeit des Hauies.
Vizepräsident Dr. Paasche erklärt: Das Büro ist einig, daß das Haus nicht beschluß ähig ist; wir müssen daher unsere Beratungen abbrechen.
Nächste Sitzung: Donnerstag: Etat des Reichs- amts des Innern.
Preußischer Lauvtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 30. Januar 1909.
Das Haus erledigte in dritter Lesung den Gesetz- eniwuif über die Abänderung des Gesetzes über die Landeskreditkaffe zu Kaffes.
Dann befaßte man sich mit den Anträgen der Abgg. Borgmann (Soz.) uno Traeger (frf. Vp.i aus Aussetzung der Vollstreckung der gegen den Abg. Dr. Liebknecht erkannten Festungshaft und auf Abänderung des Arutel« 64 der Veriassungsurkuude dahin, daß kern Mitglied der Kammer ebne deren Genehmigung während bet Sitzungsperiode zum Zweck der Slrafvollitreckung verhasiet werden daif, sowie daß auch jede Straskat eines Mitgliedes für die Dauer der Sitzungsperiode ausgehoben werden inii«, wenn die beireffenbe Kammer es verlangt. Die Kommission Hal Ablehnung des Antrages Borgmann auf Haftentlassung deS Abg. Liebknecht beantragt.
Abg Traeger (frf. Bp.s begründet seinen Antrag auf Abänderung des Artikels 84 der Verfanung. Tie Wählet Haden einen berechtigten Anlpruch Darauf, daß der Abgeordnete, den sie gewählt haben, ihre Interessen im Hause vertirtt.
Abg. Moeren (Ztr.): Dem Antrag der Kommisuon aus Ablehnung des Antrages Borgmann bett. Haft- entlaffung des Abg. Liebknecht stimmen wir zu, dagegen werden wir die Anträge Borgmann und Trae er aui Abänderung der Beifassung unleritützen, weil rott feinen Unterschied machen wollen zwischen Unler- Nichungshaft und Straiha t. Wit sind mit der lieber« Weisung an die Justizkommission einverstanden.
Abg. Boisly >nati.) lehnte die Aniräge ab, ebenso Kreth (tont.) uno Lippinann tf teil'. Bgg.).
Die Debatte schloß mit der Ablehnung der Haft- entlassung des Abg. Liebknecht, der andere Antrag wuide gegen Die Stimmen Der Konserval ven an Die Kommission verwiesen.
Dann begann Die zw eite Lesung des Etats, beginnenD mit Dem
Justizetat.
Abg. Dr. Bell (Zentr) besprach eingehend mehrere Mißstände u. a. das Reserenoar-Examen, die Ber- wendiing der Assesioren, die UebetbiitDung der Richter, Die Bevorzugung Der Staaisanwälte und die Zurückstellung des Anwaltsitandes feilens Der Juslizveiwal- tung Auch au' den Eulenbing-Prozeß ging er ein,
Justizminisler Beseler trat der Auffassung entgegen, als ob Fürst Eulenburg günlüger als anoere Angeklagte behandelt worden sei. Die vom Abg. Bell ge-
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 30. Januar 1909.
Einmalige Beratung der Denkschrift über Die Ausführung der für die Schutzgebiete erlnffenen Anlcihegesetze.
Abg. Erzberger (Zentr.) weist daraus hin, daß die Zeichnungen für die Anleihe trotz der Ankündigung des Staatssekretärs ein recht klägliches Resu tat ergeben hätten. Bei den Papieren der Olavi-Aiinengesellschasl dagegen hätten die Ankündigungen des Staatssekretärs des Reichskolonialamts, der in Börsenkreisen als Kurstreiber angesehen werde, eine wahnsinnige Spekulations- wut hervorgerufen.
Staatssekretär Dcrnburg erwidert, daß bei den Kokonialanleihen mehr herausgekommen sei als bei den Reichsanleiben für das Reich, ter habe durch seine Rede im Reichstag auch keine Kurssteigerung der Papiere bet Oiavi-Minengesellschast beabsichtigt, sondern lediglich den Geschäftsbericht der Gesellschaft mugeteilt.
' Die Denlschrift wird durch SenntniSnabme für erledigt erklärt. Es folgt bie zweite Beratung der Ueberstcht der Einnaktmen und Ausgaben der Kolonien für das Rechnungsjalir 1904. - Die Kommilfion beantragt, bie tetatsüvetichreitungen zu bewilligen und für bie bei dem Bahnbau Windhoek-Rehoboth außer- elatsmäßig verausgabten 200000 MarkJnbemni- tät zu erteilen. - Die vom Abg. Bass ermann (nil. dazu beantragte namentliche Abstimmung soll nächste Woche stattfinden.
Abg. Ulrich (S.) bezweifelt, daß die Regierung sich bei den Elatsüberschteitungen in einer Zwangslage befunden bat, und erklärt, daß feine Partei die nachgesuchte Indemnität nicht bewilligt.
Abg. Goerke (ntl.) bittet, die Indemnität zu gewähren. Auch ferne Partei wünsche, daß derartige Vorkommnisse in Zukunft oermieden würden, aber es wat damals der Aulstand in SüDwesta'tika und da mußte rasch und entschloffen gehandelt werden. Wegen Der 200000 Mark Kosten den Reichstag Damms zu- fammenzubetuien, hätte Doch wahrlich nicht gelohnt.
Abg. Erzberger (Ztr.): Ich bin anberer Meinung als Der Von ebner und vertrete denselben Stanbpunkl, den der Reichstag 1906 einmütig eingenommen hat. Damals hat der Reichstag einstimmig Die 2001'00 M a b ge- roiefen. (Hört, hört!) Selbst ngtionalliberale Abgeordnete verweigerten damals die Jnbemnuät, weil, rote Dt. Paasche gesagt hat, das tetatsrecht bes Reichstags zu schwer verletzt sei. Was ist seitdem geschehend Nichts. Die Regierung hat jahrelang geschwiegen und carrtdjt gewagt, bie 200 000 Mk. auss neue zu beantragen. Und heute sollen wir auf einmal bie Summe bewilligen. Herr Dr. Goerke mag sich übrigens mit seinem Partei'reunbe Dr. Beumer anselnanbersehen, der 1906 bie Einberufung des Reichstags verlangt hat. (Hört, hört!) Man sollte uns keine Vorwürse daraus machen, wenn wir fonfequenteiroeile auch heute die Forderung ablehnen. (Lebb. Beif. i. Zlr.>
Staatsiekteiät Dernburg. Den verbündeten Regierungen hat jede Absicht einer Beschränkung des Budgetrechts des Reichstags völlig ferngelegen. Die Verwaltung war guten Glaubens und der Ansicht, bie Bahn müsse im Interesse der Kriegsführung gebaut werden. Wenn nun aber bie Ausaabe für gerechtfertigt angesehen werben muß, unb wenn der Reichskanzler bamals keinen Augenblick gezögert hat, bas Versehen zu bekennen, so sehe ich keinen Grund, hier ein Exempel zu statuieren unb Die JnDemniiäl zu verweigern.
Abg. Fihr. v. Gamp (Rp.): Ich bin der Ansicht, daß wir doch endlich mit der Sache Schluß machen. Mir scheint es, als ob der Abg. Erzberger hier etwas vermischt. Er war so liebenswürdig, nur Das gesamte Material zur Verfügung zu stellen, un» Da finde ich, daß Der Abg. Dr. Bachem Damals erklärte, baß wenn der Bundesrat oder der Reichskanzler eine Vorlage einbringe und Jnbemmtät verlange, er sie auch bewilligen würde. Ich habe zwar Das gesamte äJiateiial noch nicht Durdjgtlefen, aber ich meine doch, daß Der Abg. Dr. Bachem seine Meinung nicht von heute auf morgen geändert habenwlrD.
Im Sonne Geheimches.
21.] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld
„Ich habe Ihnen gesagt, daß Geld keine Rolle für nnch spielt — die Bewahrung rneines^Ge- heimuisses ist alles. Lassen Sie Ihren Sohn alles haben, was er nötig hat, ich komme dafür aus; aber natürlich so, daß er nicht andersweiß, als daß Sie für ihn sorgen. Wenn die Zeit für mich kommt, ihm zu helfen, so werde ich es tum sodaß keine Verantwortlichkeit auf Ihnen lastet."
„Ich möchte auch nicht gern, daß Jack argwöhnisch würde und mich mit Fragen quälte", sagte Kate Jefferies.
„Gewiß nicht. Wenn Sie mir sagen wollten, welckfen Lebensberuf Ihr Sohn erwählt, so werde ich für ihn sorgen. Ist er anstellig und klug?"
Tor ganze Stolz einer Mutter strahlte aus rhren Zügen, als sie schnell antwortete: „Gewiß; aber so ganz anders wie Werner."
Marian nickte zerstreut und fuhr fort: „Ich habe mich unter der Hand über Tr. Cloth's Institut erkundigt und, höre, daß es zwei Stipendien ort dieser Anstalt gibt. Wenn Werner eines bekommen und daraufhin zur Universität gehen könnte, so wäre das etwas Großes für ihn, und zugleich könnten die Leute dann nicht mehr so arg darüber sprechen. In dem Falle werde ich ihm unonlim alles schicken, was er auf der Hochschule nölig hat. Denken Sie daran, Kate, es soll ihm an nichts fehlen. Ich habe ein großes Vermögen, wie Sie wissen, und ich würde es ganz und gar darauf verwenden, daß das Geheimnis meiner Schwester gewahrt und für den Knaben gesorgt wird. — Nun habe ich alles geregelt, weshalb ich gekommen. Vergessen Sie nicht, daß mir Ihre Treue verpfändet ist. Sie müssen eher des Todes sterben, als sich unser Geheimnis entreißen .lassen wollen, Kate."
So tapfer, starkmütig und voll Selbstver- strauen sah sie aus, daß von dem in ibren Augen
leuchtenden Geiste etwas auf Kate Jefferies überging.
„Ick, bin Ihnen bis jetzt so treu wie Gold gewesen", sagte sie, „und ich will Ihnen treu fein, bis ich sterbe."
„Ich glaube Ihnen", sagte Marian West und drückte die braune, schwielige Hand in der ihren. „Es war eine gute Stunde, die Sie mir zuge- führt."
„Sie sind sehr gut gegen mich gewesen", fuhr Kate Jefferies dankbar fort. „Mein nettes Häuschen, mein ruhiges, gemächliches Leben und die ganze gute Erziehung meines Sohnes, alles verdanke ich Ihnen."
Miß West erhob sich von ihrem Sitze.
„Ich muß gehen", sagte sie; „es wird spät. Kate, ich möchte wohl etwas sehen, was Der Junge geschrieben hat, einige von seinen Gedichten, ehe ich gehe. Es ist >a natürlich alles Unsinn, und sie müssen ihn nicht darin ermutigen, aber ich möchte sie doch 'mal gern sehen."
„Ich will seine Schreibbücher holen", sagte Kate dienstfertig, „sie sind im Schrank vom im Flur."
Bald kam sie mit einem Pack Hefte in der Hand zurück, schlug eins davon auf und reichte es Miß West.
„Das war fein erstes", sagte sie. „Ich glaube, Sie hätten ihn leiden mögen, wenn Sie ihn bloß gesehen hätten, wie er mir's vorlas, so stolz, so fd?eu, so schön sah er aus."
Marian West las das Gedicht. Es war das in Worte gekleidete Abendlied des Vögelchens — voll sonniger Juni-Fröhlichkeit und -Schönheit, Als sie es las, kam ein merkwürdiger Zug über ihr Gesicht — eine seltsame Mischung von Trauer und Stolz.
„Kate," sagte sie leise, „ich habe mich getäuscht. Sagen Sie ihm nie etwas dagegen. Ter Knabe ist ein Dichter und ein Genie. Ich — ich möchte ihn wohl sehen, ohne daß er es gewahr wird, wenn es geht/
Kate Jefferies schlich sich leise in die kleine Kammer; beide Knaben schliefen fest.
„Sie können ihn sehen", sagte sie zurückkeh. rend, „ganz ohne Gefahr."
Marian West ging sachte in das Zimmerchen. Er lag da, die goldbraunen Locken auf dem Kissen, das schöne Gesicht vom Schlummer gerötet, die süßen Lippen halb geöffnet, die eine Hand, weiß und schlank, wie die eines jungen Prinzen, lag auf der Bettdecke. Als Marian so auf ihn blickte, stiegen ihr die Tränen in die Augen.
Kam ihr eine Erinnerung an den anderen Sohn ihrer Schwester, der auf seinem Daunenkissen lag und schlief, in dem dem Erben von Kcnniughall zugewiesenen fürstlichen Schlafgemache? Sah sie, wie das schone Gesicht ihrer Sdtocfter sich über diesen andern Sohn neigte, wie sie ihn liebkoste und ihm zärtliche Worte zuflüsterte?
Es mußte wohl so gewesen (ein, denn sie wandte sich mit schwerem Herzen ab, und nicht mehr zu unterdrückende Tränen rollten zu Boden.
„Ist er nicht schön?" fragte Kate stolz, als sie wieder in der kleinen Küche standen.
„Zu schon und zu begabt, um namenlos durch die Welt zu gehen", erwiderte sie trübe. „Leben Sie wohl, Kate. Tun Sie getreulich Ihre Pflicht, und ich will Sie anständig belohnen baff'” daß Sie unser Geheimnis wahren."
11. Kapitel.
Jack's Gedanken.
So vorzüglich hatte Jack Jefferies sich schlafend gesteckt, daß seine Mutter auch nicht im entferntesten argwöhnte, er könne ihren Besuch gesehen haben.
Aber Jack hatte die Augen geöffnet, er batte sogar flüchtig gesehen, wie Miß West, den Blick von Tränen halb geblendet, sich über Werner gebeugt hatte.
„Ich bin es nicht", sagte er sich; „weswegen sie auch immer gekommen sein mag, meinetwegen war es nicht. Es ist um Werner, und nur um Werner. Warum kommt eine fremde Dame uni betrachtet Werner, wenn er schläft?"
Und von diesem Augenblick an verfolgte ihn der Gedanke, daß dahinter notwendig ein Geheimnis stecken und daß et es herausbekommen müsse.
Einmal hiervon vollständig überzeugt, warf er sich mit der ganzen Macht seines verschmitzten, schlauen Gemüts darauf und erwog alles aufs genaueste. Tausend andere Gedanken schossen ihm durch den Kopf und lieferten Stoff zu dem hell- lcdernden Feuer feiner Neugier.
Wie kam es nur, daß alle Leute sagten, er, Werner, sei ihm so unähnlich? Er glich weder William Jefferies, seiner Frau, noch seinem Sohn. Wem glich er denn?
Hatte feine Mutter irgend ein Geheimnis in ihrem Leben? War sie zweimal verheiratet gemeßen? Nein, das war nicht möglich. Es lag, wie er sie oft hatte sagen hören, nur ein Jahr zwischen Werner und ihm. Sie konnte doch nicht binnen Jahresfrist seinen Vater verloren, wieder geheiratet und auch ihren zweiten Mann verloren haben.
Außerdem schien das Geheimnis aller Wahrscheinlichkeit nach keinem andern wie nur Werner selbst anzugehen; auf ihn, Jack, hatte cs keinen Bezug. Et glaubte auch nicht, daß das Leben seiner Mutter etwas enthalte, was sie verbergen müsse.
Und doch, wenn er sich alles überdachte, fanden sich viele dunkle Punkte. Zunächst, obwohl sie fortwährend von seinem Vater sprach, wollte sie doch nie sagen, wo dieser Vater gestorben war. Sie wich dieser Frage immer dadurch aus, daß sie sagte: „Ich kann es nicht haben, von dem Ort zu srpechen. Frag' mich nicht, Jack; es war so schrecklich."
(Fortsetzung folgt.)