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MldaerW Zeitung

woch-nb-i-ag«: „Illuftnerte Sonntagsjeitong“ mon-kb-iiage: „Sulbaer Geschichtsblätter"

»«zeige«: Vie eia» spoltige Petitzeile ober deren Saum 15 pfg. Leilamendiepetitzeile 25 pfg., bei Wieder­holungen wirb entspr. Rabatt gewährt.

Rotationrdruckunb Verlag der Fuldaer Ak­tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.

Fulda, Samstag den 3'. Januar 1909.

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wochen-ttun-ichau.

ftj Fulda, 29. Januar 1909.

„Unruhe im Block" war die Signatur dieser Woche. Tie Bülowsche Rede im Abgeordne­tenhause hat auf die Parteien eine starke Wirkung ausgeübt, aber keine beruhigende. Nrrgends Klarheit, allenthalben Beunruhigung. Tw Presse der konservativen Parteien, die er durch seine Rede gerade zu gewinnen hoffte, ließ fernen Zweifel darüber, daß sie durch das flehentliche Bit­ten des Kanzlers, doch ja in der Frage der Nach- laßsteuer den „Weg nach Damaskus" anzutreten, nicht gerührt worden ist. Es wurde sogar schon mit dem Austritt aus dem Block gedroht. In einem Pariser Blatt, und noch dazu dem „Matin", richtete der konservative Reichstagsabgeordnete b. Treuenfels einen starken, wie allgemeine Ab­sage gegen Bülow wirkenden Angriff. Man denke, ein mecklenburgischer Konservativer in einem fran­zösischen Blatte. Im Abgeordnetenhause hat dann der konservative Fraktionsredner v. Richthofen bei der Wablrechtsdebatte der Abneigung gegen den Block und der Hoffnung auf baldiges Zusam- mengehen mit dem Zentrum Ausdruck gegeben. Vom Standpunkte des Zentrums aus stehen wir dieser konservativen Stimmung kühl bis ans Her; hinan gegenüber, Das Zentrum hat absolut kein Interesse daran, den Block so bald schon zusam­menfallen zu sehen. Er muß sich mehr ausleben, wenn er nicht später wieder seine Auferstehung feiern soll. Sehr beunruhigt ist man dagegen im linksliberalen Lager; ihre Preste äußert sich besorgt, daß Fürst Bülow die konservative Kam- pfesstimmung zu unterschätzen scheine. Vielleicht nebrne er und seine Umgebung die,Sache zu leicht, weil es in der konservativen Reichstagsfraktion tatsächlich Personen gebe, die aus sachlicher Ueber- zeugung zum Block und seinem Vater halten und sich um das Zustandekommen der Reichsfinanz­reform erstlich bemühen. Einheitlich und geschlos­sen ist die Haltung der Konservativen zurzeit nicht, aber ihre offiziellen und offiziösen Organe und ihre parlamentarischen Wortführer sprechen schärfer gegen den leitenden Staatsmann als je zuvor. Dabei läßt sich nicht genau erkennen, wie weit es dem Kampfe gegen die Nachlaßsteuec gilt oder tote toeit die Ereignisse des Novembers da­bei mitwirken und den politischen Widerspruch gegen den Kanzler Hervorrufen. Unklarheit und Unsicherheit sind ja überhaupt landesüblich in der neuen Aera der Vlockstaatskunst. Auch die Worte des konservativen Abg. v. Nichthofen haben keine Klarheit und Sick>erheit über das Verhältnis der Parteien zueinander und zur Regierung gebracht. Andere konservativen Stimmen, darunter die maßgebenden Blätter der Partei, bemühen sich, die angebliche Aniläherung an das Zenirum als ganz unmöglich nachzuweisen. Alles „Taktik"! Was daraus wird, ist noch ganz ungewiß.

Der Reichstag beschäftigte sich drei Tage laug mit den Interpellationen der Polen und der Sozialdemokraten wegen zu rigoroser Haud- babilng des Vereinsgesehes. Ter Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg suchte die Schuld an etwa borgefommenen Mißgriffen von sich auf untere Beamte abzuschieben, ein Unternehmen, das vom Zentrunisvedner, dem Abg. Roeren entschieden zurückgewieseit wurde. Der Abg. Roeren wies

mit Recht darauf hin, daß nicht die untergeord­neten Ausführungsorgane, sondern einzig und allein die Regierung und diejenigen, die für das Gesetz gestimmt hätten,also der Block, die Schuld an den gerügten Härten trügen. Ein besonderes Streitebieft in diesen Debatten bildete iratürlich der Sprachenparagraph, da der Staatssekretär die Auffassung der Poltzeiorgane zu rechtfertigen suchte, daß die polnischen Gewerkschaften und Be- rnfsvereinigungen einen politischen Charakter hätten, uno dementsprechend die strengeren Be­stimmungen für politrsche Versammlungen und Vereine auf sie anzuwenden seien. Int weiteren hatte sich der Reichstag mit einer Vorlage zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes zu befassen. Tie Vorlage will nach der Begründuirg des Staatssekretärs b. Bethmann-Hollweg in Uebereinstimmiliig mit den von der Reichstags­mehrheit ausgesprochenen Wünsckjen die Lücken ausfüllen, die sich unter dem bisherigen Gesetz gezeigt hätten. Auf allen Seiten des Hauses war man mit der Tendenz der Vorlage eiirverstanden. Das ZentriiM hätte noch eine weitergehende Fas­sung der Bestimmrrng gewünscht. In Anbetracht der Wichtigkeit der Materie wurde auf Roerens Antrag die Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen.

Das Abgeordnetenhaus ist nach zwei­tägiger Debatte über die Wahlreform zu einer unfruchtbaren Abstimmung gekommen. Kein Antrag erhielt die Mehrheit der Stimmen. Nahe an die Mehrheit gelangten die Forderungen der direkten Wahl und der geheimen Wohl, da in die­sen Punkten nicht bloß die Freisinnigen, sondern auch die meisten Nationalliberalen mit den: Zen­trum stimmten. Für die Allgemeinheit itnd Gleichheit der Wahl fand sich aber trotz der Zen- trumsstinnnen keine Mehrheit, weil die Nattonal- liberaleir hier die Hilfe versagen, um ein auf ihren Vorteil zugeschnittenes Mehrstiinmenmahl- recht durchzudrücken. Tie Konservativen sagen bekanntlich grundsätzlich zu allen Reformanträgen Nein. Bei der Zusaminenfetzung des Abgcord- neienhanses war von vornherein nicht zu erwar­ten, daß dieKamnrer sich zu einer positiven Wil- lensmeiuung aufschwinge. Es liegt in der Na­tur der Wahlrechtsfrage begründet, daß eine Re­form nur in Gang kommen kann, wenn eine ziel- bewußte und starke Negierung sie in die Hand nimmt. In Preußen ist die Initiative und Führung der Regierung um so weniger zu ent­behren, als das letzte Wort dem Herrenhause zu­steht. Das preußische Herrenhaus bleibt bekannt­lich int Bannkreis der konservativen ^Ansihou- ungcit und Interessen, wenn nicht die Staatsre- gierting ihre ganze Autorität und ihren persön­lichen Einfluß für die Reform einsetzt. Das Ministerium Bülow-Moltke schiebt aber die Wahlrechtsangelegenheif nach wie vor auf die „lange Bank", und zwar mir seine „lange Bank" von ungewöhnlicher, unabsehbarer Ansdehimirg. Wenn, das mit der verkündeten Gründlichkeit in der Aufnahme und der Verarbeitung des statisti­schen Materials so weiter geht, dann kann die Regierung ganz gut ihre gewissenhaften Vorar­beiten noch mehrere Wahlperioden hindurch fort- setzen. In liberalen Blättern wird häufig ver­sucht, die Schuld an dieser Verzögerung dem Z e n t r u :n zuzuschieben, da angeblich das Zen­trum nur theoretisch aber nicht praktisch üir die Hebertragung des Reichstagswahlrechts sei. Da­hinter steckt die freundliche Zumutung, das Zen­trum soll immer von neuem seinen Kopf an die Mauer der bestehenden Hindernisse anprallen und

seine Finger in die Kohlen stecken, um die Kasta­nien der Blocklinken herauszuholen. Tas Zen­trum tut, was zur Erlangung einer guten Re­form möglich und zweckmäßig ist, aber aussichts­lose Demonstrationen kann man nicht verlangen. Am wenigsten in dieser Zeit des Blocksystems, wo das Zentrum als ausgeschaltet gilt. Tie Frei- sinnigen und Demokraten bilden jetzt einen in­tegrierenden Bestandteil der Blllowschen Regie- runasmehrheit; sie mögen also gefälligst ihre Machtstellung benutzen, um die Regierung zu Re­formvorlagen zu veranlassen. Von der Regie­rung, deren Haupt der Blockkanzler ist, hängt das Gelingen ab. Auf die Entschlüsse des Blockt mz- lers hat aber bekanntlich das Zentrum zurzeit keinen Einfluß; die Blocklinie könnte den nö­tigen Einfluß haben — wenn sie nur ernstlich wollte. ,

Der Reichsfinanzkarren ist gründlich verfahren. Tie Nachlatzsteuer, die Fürst Bülow selbst als den Kardinalpunkt der Reform bezetch- net hat, ist sehr gefährdet. Und auch von den anderen Steuern fällt Blüte auf Blüte. Tas Handelsmonopol für Spiritus ist tot. An An­nahme der Gas-, Elektrizitäts- und Jnferaren- ftener ist gar nicht zu denken. Es wird öde tind leer im Finanzwalde. Und wie steht ’» mit den Finanzsragen in P r e u ß e n? Auch hier hat die Regierung eine empfindliche Niederlage erlitten. Die Bndaettomrnnsion desRbgeordnetenhauses hat daS Werk des Herrn v. Rheinbaben nach allen Richtungen bin zerzaust und ein ganz netv's Ge- bäude errichtet. Tie Gesellschaftssteuer ist ver­nichtet. Sie war ein übles Gewächs. Reden wir nicht mehr davon! Beseittat ist auch die nach­trägliche Steuer für 1908. die Rheinbaben dem Volke atlgesonnen hatte. Tas ist ein schöner Ge­winn — es waren BO Millionen angefordert. Vor allein aber ist erreicht, daß die Lteuererhöhungetr nicht für alle Zeit und Ewigkeit gelten sollen, sondern nur für drei Jahre. Nachher muß die Negierung ein neues Ringen mit dem Abgeord­netenhaus wegen der Gestaltung des Tarifes an­stellen. Lier hat ein Gedanke gesiegt: wenn die wirtschastliche Depression weicht die Eifenbahn- cinnabmen wieder steigen, bann soll die Möglich­keit gegeben sein, die direkten Steuern wieder auf ein weniger drückendes MaH herabzubringen. Notwendig sind ja irgendwelche Steuererhöhungen, denn das Defizit ist da. es wird auch durch die jetzigen Vorschläge noch nicht zugestopft. Hier sollen noch Ersparnisse nachhelfen und dann heißt es: für das. was noch fehlt: Defizit-Anleihe! Tas ist ein unerfreulicher Ausblick!

In O e ft c r r e i ch haben die nationalen Strei­tigkeiten wiederum zu Erzcssen bedenklichster Art geführt. Als die deutschen Studenten in Prag am Sonntag morgen wiederum ganz überflüm* gerweise ihren Nennomierbummel in Farben ver­anstalteten, gab es gleich wieder die üblichen Zu­sammenstöße Auch in Eger kam es zu Unruhen.

Oesterreichs Beziehungen zur Türkei sind noch nicht definitiv geregelt, aber sie bieten keine Quelle der Beunruhigung mehr. Dafür steht es aber um die Streitigkeiten zwischen Bulga­rien und der Türkei um io schlimmer. Bul­garien sindet neuerdinas, daß es nicht in der Lage sei, die von der Türkei geforderte Abfin­dungssumme für die Lostrennung von der^ Tür­kei zn zahlen. Unglücklicherweise bat die Türkei nun offen die Frage einer „Grenzregulierung" zum Zwecke der Entfchädigung behandelt. Da­durch würbe das „Nationalbewußtsein" der Bul­garen aufs ärgste gereizt, und die Regierung

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glaubte, ihre Popularität durch die Mobilmachung gegen die Türkei erhöhen zu können. Tie jung- türkische Regierung hat sich aber wieder als auf der Höhe der Zeit gezeigt. Sie hat keine Gegen­maßregeln getroffen und erklärt, es liege keine Kriegsgefahr vor. Das Kriegsgeschrei, worin sich die Bulgaren und mit ihnen natürlich auch die kriegslustigen Serben gefielen, ist glücklicher­weise bis jetzt nur einseitig.

In Persien dauern die Kämpfe,fort; wenn nicht alles trügt, ist der Schah neuerdings wieder mehr ins Hintertressen geraten. Er hält sich nach wie vor im Bagschahgarten, seinem sichersten Zu­fluchtsorte, auf, und läßt soeben eine besondere sichere Garde aussuchen, die ihn beschützen soll. Rußland und England haben sich neuerdings mehr aufs Abwarien verlegt, wenigstens offiziell. , Daß beide durch ein verbreitetes Agentensystem die in- neren Zwistigkeiten zu schüren eifrig tätig sind, steht für jeden Kenner der Verhältnisse fest. Dec eine wirft das ja auch dem anderen vor. Da kann man kaum hoffen, daß dort die Verhältnisse bald gesunden Werben.

* Der Besuch des englischen zröuigspaares

der uns in knapp 2 Wochen bevorsteht, wird in der Presse bereits vielfach besprochen; auf deutscher Seite zumeist mit einer Gelassenheit, die höflich bleibt, aber von Ueberfchwenglichkeiten sich frei halt.

Jeden Freund des Friedens freut es, wenn eine allenfalls mögliche Störung in den Bezieh- urgen der Herrscher und Staaten untereimmbec vermieden wird. Jeder Freund des Friedens hat auch den Wunsch, daß die internationalen Be­ziehungen, besonders die zwischen England und Deutschland, sich stets noch günstiger entwickeln mögen. Nach den bisherigen Erfahrungen haben wir aber in den Hoffnungen auf die Wirkungen von Monarchenbegegnungen oder auf_ den Aus­tausch voi< Friedens-Abordnungen höchst vorsichtig werben müssen. Als seinerzeit König Eduard wiederholt um die deutschen Residenzen herum» fuhr, teurer die Beziehungen nicht besonders gut; als er diese Praxis aufgab und auch mal in Deutschland mit dem Kaiser zusammentraf, ergab sich keineswegs eine ersichtliche Besserung in dem Verhältnis beider Staaten. Auch die Besuche un­seres Herrschers in England haben nicht zu ver- binbern vermocht, daß bte hochpolitische Lage sich seit der engliscb-russrschen Abmachung von Reval bis zum Scklutz des alten Jahres in höchst be- dentticher Weise zuspitzte.

Augenblicklich ist eine Abft>annung eingetre­ten, indem »wischen der Türkei und Oesterreich eine friedliche Verständigung gesichert ist. Ob die englische Politik um diese Wendung sich positive Verdienste erworben hat, wissen wir nicht. Man muß es schon anerkennen, daß sie ihren Einfluß auf die Jungttirken nicht zur Vereitelung dieses Friedensversuchcs gebraucht hat. Eiil größeres Maß von Anerkennung gebührt zweifellos der rustischcn und der französischen Regierung; die erstere bat im Interesse dcS Friedens sehr viel Wasser in ihren panslavischen Wein gegossen, und Frankreich hat sich in der ganzen letzten Krisis mehr auf der ausgleichenden Mittellinie gehal­ten, als wie man bei feiner Verbrüd:rung mit England erwarten durfte. Die Sache läßt sich kurz dahin zusannnenfafsen, daß die mit Eng­land befreundeten Festmächte es abattehnt haben, Oesterreich und Deutschland zu einer Kraftprobe

Unpolitische Zettlaufe

(::) Berlin, 28. Januar 1909.

(Nachdruck »erboten, i

Wie ist's denn? Wollen wir nicht dem Glücks die Hand bieten und nach Südwestasrika fahren, um uns dort die Taschen voll Diamanten zu strpsen? Wie der Staatssekretär Ternburg sagt, liegt dort das teure Edelgestein im Sande umher. Man braucht nur bie Augen auf und den Rücken krumm zu machen, um die glitzernden Kleinode aufzuheben. Allerdings fügte er hinzu, daß die Diamanten, mit denen dort die Wüsien- wege gepflastert find, nur klein feien, bis znrn halben Karat. Ader die Masse soll es bringen; Kleinvieh gibt auch Nahrung. — „Tu hast Tia­manten und Perlen; mein Deutschland, was willst du noch mehr!"

Ich glaube, die Tiamantenrede hätte bis "um 1. April verschoben werden sollen. Viel Geschrei und wenig Wolle. Tas bischen Tiamantenkies, was da unter die Masse des augespülteit Meeres- sandeS gemischt ist, macht uns nicht glücklich. Im Gegenteil: es werden riesige Hoffnungen geweckt, die aller Wahrscheinlichkeit nach bald tn Scherben gehen. Ob bei der Suche nach Edelsteinsplittern überhaupt ein genügender Tageslohn heraus­kommt, ist noch gar nicht ausgemacht. Aber jeden­falls dauert es nicht lange, bis die „gesegnete" Strecke abgesucht ist, und dann sitzen die Glücks- jägec tatsächlich auf dem trockenen Sande. Ach, wenn der Boden dort anstelle der Tiamanten Gras- und Getreidehalme aufwiese, das wäre wirklich ein Segen. Von Grünzeug können Tiere undMenßhen fett werden; von Diamantenkies nicht.

Was soll denn die Welt mit dem glänzenden Kroppzeug machen? Herrscht aus der Welt Man­gel an Brillanten? Wahrlich nicht; am wenigsten vernlißt man die Zwergdiamanten. Allerdings haben die Splitter auch einen technischen Wert, 3- B. für die Glaser; denn die vernünftigste Eigenscktaft des Diamanten ist seine unubertrof- sene Härte, die ihn sogar zum Glasschneiden be- fähig, aber was die Technik braucht, das fällt bei der Gewinnung und Verarbeitung der gro­ßer» Diamanten fchon in genügender Fülle ab.

Holen wir aus dem Sande von Südwest noch eine Masse von kleinen Diamanten heraus, so müssen sie zu Schmucksachen verwendet werden. Das wird aber nur möglich sein, wenn der Kreis der Tiamantenträger und namentlich der Träge­rinnen sich erweitert. In die breiteren Voiks- freife muß die Neigung für glitzernde Tchn.nck- sachen dringen. Das ist natürlich nur möglich, wenn die Dinger billiger werden. Tie Ver­billigung aber schmälert wieder den Verdienst von Tiamantensuchern in Südwestasrika.

Nun hat die Sache aber noch einen besonderen Haken. Wenn Lebensmittel oder Geuußmittel, wie Tabak. Alkohol usw., im Preise sinken, fo steigt unfehlbar der Verbrauch. Bei den Zcbmuck- fachen aber ist das gar nicht ausgeniacht. Denken wir uns einmal ein diamantenes Schlaraffen­land, etwa in der Form, daß die Brillanten über­all hernmlägen, wie die Kieselsteine. Wer würde dann das glänzende Zeug noch aufheben, um es sich an den Körper .zu hängen? Höchstens die ganz kleinen Kinder. Aber die Erwachsenen würden verächtlich sagen: das ist ia gar nichts wert! Warum trägt man denn die Edelsteine? Ter schöne Glanz allein tut es nicht; denn sonst wür­den ja kunstvoll nachgemachte Brillanten, die eben­so nett glitzern und glänzen, ebenso begehn und geachtet fein. Nein, es wirkt hauptsächlich der Trieb des Protzens mit. Wer sich schmückt, will der Mitwelt zeigen, was er sich zu leisten vermag. „Wir haben es ja dazu." Tie Protz- suchr spielt überhaupt auf dem ganzen Gebiete der Mode die erste Violine. Tie kostbaren Pelzsachen z. B. sind nur in zweiter Linie zum Warmhal- ten des eigenen Körpers bestimmt; in erster Linie sollen sie den Beschauern imponieren und ihnen einen hohen Begrisf von der Wohlhaben- heft und dem Range der Träaerin beibringen. Auf ein bischen Kälte kommt es einer Modedame gar nicht an. wie man ja neuerdings noch gesehen hat, als die Mode des Futteralkleides die „feinen" Tarnen nötigte, das wärmende Unterzeug fortzn- lassen, um nur recht schlank zu erscheinen. Tie Mode wird von der Eitelkeid geleitet, und die Eitelkeit treibt zu dem Versuch, sich auszuzeichnen, sich bervorzutun, vornehmer und reicher zu erschei­nen, als man ist. Wenn eine neue Made sich so weit eingebürgert hat, daß auch die Lehrlinge und

Dienstmädchen sie schon tragen, so hat sie für die „höheren" Klaffen alles Interesse verloren, und man macht dort oben alsbald eine andere neue Mode, um vor dem „gewöhnlichen" Volt wieder ettvas voraus zu haben. Aehnlich wird es mit den Schmucksachen gehen. Sollten die Diamanten so billig werden, daß jede Arbeiterin sich damit behängen ober bestecken kann, so werden die „fei­nen" Kreise den Gebrauch von solchem Zierrat auf geben. Was nicht teuer ist, das ist nichts wert.

Ter Wert des Goldes ist nicht abhängig von der Mode: denn, das Gold ist ein vielseitig brauchbares und für viele Zwecke ganz niurfetz- lickes, unenrbehrliches Metall. In gewissem Maße gilt das auch von den anderen Edelmetal­len. Aber die Edelsteine sind in der Haupt­sache ein Modeartikel. Wenn es nicht mehr üb­lich ist. sich mit diesem glanzenden Zeng zu schmü­cken, so liegt es nutzlos und wertlos da. Wenn z. B. ein gewaltiger Prediger gegen den Luxus aufstünde und Millionen von Mitmenschen ver­anlaßte, sich des toten Kapitals an Tiainanleli und Perlen zu entledigen, so würden diese Klei­node gar nicht mehr zu verkaufen sein, weil die Nachfrage fehlt.

Tahin wird es freilich in absehbarer Zeit wohl nicht kommen. Sollte der eine oder die andere von der geehrten Leserschaft Gewisiensbt'fe haben und den eigenen Luxus einschränken wol­len, so mögen sie das ruhig tun; es wird noch ge­nug Luxus übrig bleiben, uiy unser Wirtschafts­leben, das tatsächlich zu einem großen Teile auf den Luxus angewiesen ist, im Gleise zu erhalten. Sehe jeher, wie er es treibe, — nach seinen per­sönlichen, finanziellen und sozialen Vechältnisien. Aber immer soll der gute G e s ck n: a cf maß­gebend sein, nicht etwa die häßliche und lächerlich>s P r o tz s u ch t. Tann wird man stets dc.s rechte Maß des Schönen und des Schicklichen einhalten und nicht zu einer Ueberladung kommen, die unter vernünftigen Leuten feine Ehre, son­dern nur das stille oder laute Gegenteil einbrin- gen kann.

Tie Tiamanten oder sonstige Edelsteins, die man an der Schauseite des Körpers anbringt, machen den Kohl der Persönlichkeit nicht fett. Das schönste Schmuckstück für den Körper ist die

Gesundheit die Kraft die Frische. Und wen« einer „brillieren" will so möge er Brillanten des Geistes funkeln und sein Herz sich als Edel­stein belixibren lassen.

Dec Diamant soll hart und scharf sein; wohl­an, bemühen wir uns, die Schärfe des Verstandes zu üben, und die Härte des Charakters, ein durch, dringendes, sicheres, unbestechliches Urteil übet alle Erscheinungen und Vorgänge tins anzuge» wölnien. Vor allem auch über uns selk> st, über unsere eigenen Triebe und Taten. Ta kann der Diamant des Gewissens gar nicht scharf genug fein.

Tie Härte des Diamanten wird gemildert durch feine schöne Eigenschaft, alle Lichtstrahlen aufzunehmen und in der reizendsten Weife wie- derznspiegeln. Zn dem jcharfen Verstände soll sich das liebreiche Gemüt gesellen. Empfäng­lich für alles schöne und gute und edle; stets be­reit, auf die Umgebung kvohltuend einzuwirken.

„Ein Diamant vom reinsten Wasfer", lagt man oewundemd. Ach, wenn der lebendige Dia­mant in unserer Brust doch auch vom reimten Wasser des christlichen Edelmutes war>, frei von aller trüben Beimischung des Eigennutzes und der Un ciiterfeit!

Ter rohe Diamant ist nicht schön; et muß erst gefckliffen werden. Tüchtig geschliffen wei­den. Tabei muß er viel von seinem Bestände ovfern; aber der Rest ist um so wertvoller. Tas Schleifen ist eine Kunst, die viel Geschick und Ge­duld erforbert; der schleckte Schleifer kann un­gebener viel verderben. Ebenso der schlechte Er­zieher. Tie Veredelung der menschlichen dia­manten ist freilich in der Kinder- und Schulstube noch keineswegs abgescklossen: das Leben schleift fortwährend noch an uns herum. Tiefer Schleif­stein nimmt uns oft sehr scharf mit; er reißt hin­weg, was gerade recht lieb und schön oorkain. Ein unedler Stein kann in der scharfen Lebensschleife zugrunde gehen; aber der Edelstein bewährt sich in den Prüfungen und vervollkommnet sich.

Nach Edelsteinen Haschen, mit Edelsteinen protzen, das ist irdische Torheit. Äber ein Edel­stein werden, das ist Vernunft und Tugend, die sich hüben und drüben lohnt.