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jm% wochenbeuas-:„IllustrierteZonntagszeitung"

Monatrbellage: „Zuldaer Geschichtsblätter"

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Anzeigen: Die ein» fpaltigePetitzeUeoder deren Saum 15 pfg. Lellamendrepelitzetle 25 pfg., bei Wieder­holungen wird entfpr.

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Rotatkonsdruckunb Verlag der Fuldaer Ak» tiendruckerel in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

JV3 23.

Fulda, Frettag den 29. Januar 1909.

36. Jahraancs.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 28. Januar 1909.

Fortsetzung bet Beratung des Antrags Albrecht auf reichsgesetzliche Regelung der

Gesindevrdnung.

Abg. Stengel (srs. Bp.) tritt für den Antrag Albrecht ein. Den ländlichen Arbeitern die Erfüllung ihrer Wünsche vorenlhalten, heipe, Wasser auf die Mühlen der S»tialüemokralie treiben.

Abg. Bahrenhorft (iHp.) führt auS: Die Lage der ländlichen Arbei'er, wenigstens im Westen, sei gut. Der einzige Weg, die Lage der ländlichen Arbeiter zu bessern, sei, sie seßhaft zu machen. Das wollten aber die Sozialdemokraten nicht, die wollten nur Unfrieden ^“älbg. Gothel« (fr. Bgg.) wendet sich gegen die Rechtstosigkelt des Landarbeiters und gegen die Bunt- scheckigieil der landesgeietzlrche« Bestimmungen.

Abg. Hufnagel (Bbd.) lehnt die Forderung nach «oalitwnssreiheit für die landwirtjchafttichen Arbetter entschieden ob.

Abg. Brey (Soz.) seht noch einmal die Forderun- gen de» sozratdemokrattfchen Antrags auseinander, der nur für die landmrrtfcbaftlichen Arbeiter das verlange, was inan otn unmiitieuwt Arveitern schon längst ge- währt habe.

Abg. Wachhorft de Wente (ntl.) hält eine reichs- gesetzUche Regettmg der Bertragsverhältmsse der länd- lrchen Arbeiter noch nicht >ür spruchreif. Die Gefiude» »rdnung sei reformdedürsttg.

Abg. Dr. BSHme lwirtsch. Vgg.) spricht sich gegen den Antrag auS. Es müsse ein scharfer Unterschied gemacht werde« zwischen ländlichen und gewerblichen Arbeitern, die beide verschiedene Ideale hätten.

Nachdem «och der Abg. Kegler (fr. Vgg) sich für, die Adgg. v. Bolk» (tonf.), Werner (Jiefp.) und b. Oertzen (iHp.) sich gegen den Antrag ausgesprochen, vertagt sich bas Haus.

Freitag 1 Uhr: ZentrumSinterpellatton (Gras Hompejch sZtr.s und Gen.» bett, bte schwarzen Listen.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 28. Januar 1909.

Das Hau- nahm zunächst die Vorlage betreffend Me Bereinigung der drei Saarstädte Saarbrücken, St. Johann und Malstatt-Burbach in dritter Lesung u d den Gesetzentwurf betreffend bte Abänderung des Gesetzes über die LandeSkreditkaffe in Kastel vom 16. April 1902 in zweiter Lesung an.

Der nächst« Punkt der Tagesordnung ist die zweite Beratung der

BesoldangSordnuug. *

Abg. Graf Praschma (Zentrum) beantragte, die Sitzung auf eine Stunde zu unterbrechen, da seine Partei noch zu verschiedenen jetzt eingegangenen An- ir gen Stellung nehme« wolle. — Das Haus beschloß dementsprechend.

Rach Wiedereröffnung der Sitzung bemerkte zu­nächst zur Geschäftsordnung

Abg. v. HennigS-Techlin (konservativ^, daß der kenivrenkonvent eine Einigung in dieser Frage ange­bahnt hat und alle Parteien mit Ausnahme der Sozial- bemokratie sich aus folgendes geeinigt hätten: Es »erden nur Anträge gestellt, die von allen Par­teien mit Ausnahme der Sozialdemokraten unter­schrieben worden sind. Das, was hier innerhalb des Kompromisses angenommen wird, wird der Regierung als Grundlage für die Verhandlungen des Herrenhauses biene«. Endlich sollen nicht die einzelnen Klaffen burchgefprochen »erde«. Die ganze Beamtenschaft soll an diesen Beschlüffen sehen, baß daS Haus alS ge­schlossenes Ganze mit Ausnahme der Sozialdemokratie aus der Grundlage der neu zu schaffenden Besoldungs­ordnung steht und daß alle Siuzelwünsche, die hier und da aufgelrrten sind, nicht bloß jetzt, sondern auch zunächst >ür die Zukunft zurückzustellen sind, denn wir wollen jetzt etwas Dauerndes und Ganzes schaffen- (Beifall.)

Die Beratung umfaßt zunächst die Besoldungs- klasfen 1—11. Nach den Beschlüffen der Kommiffion sollen erhalten: Klaffe 1: Bahnwärter, Nachtwächter, Bufchwärter, Brückenaufteher, Gefängnisaufseherinnen, Poltzeldieuer m den Provinzen 1100—1300 Mark; Klaffe 2: Schaffner, Bremser 1100-1500 Mark; Klaffe 2b: Brückenwärter, Portiers und Bahnsteig­schaffner, Schirrmänner u. f. w. 1100—1600 Mark; Klaffe 8: Eiienbahngehilfinneu, Weichensteller einsehl. Eisenbahngehilfen, Rottenführer, Wagenführer, Ober» auifeherinnen u. L ro. 1100—1500 Mark; Klaffe 4: Magazinausseher, Fahrkartendrucker, Bureaudiener bei der Eisenbahnverwallung, Kaffendiener und Boten bei den Oberpräsidien und Regierungen, Gerichtsdiener und Kastellane, Aufseher bei den Polizeigesänaniffen u. f. w. 1200-1700 Mark; Klaffe 4b: Untere Werk-- beamte bei der Bergverwallung 1200 1700 Mark; neue Klaffe 4a: Lokomotivheizer 1200—1800 Mark; Klaffe 5: Wiesenmeister u. s. w. 1400—1800 Mack; Klasse 5 b: Packmeister, Stellwerksweichensteller, Futter- meister u. s. w. 1400—1800 Mart; Klasse 6: Tors­und Wiesenmeister, llnterbeamte bet den Ministerien, Wagenmeister, Schirrmeister, Telegraphtstrn, Lademetfter, Weichensteller erster Klaffe, BahnhoiSaufseher, Werk- sührer u. s. w. 1400- 2000 Mark; Klaffe 7: Zollaul­seher, Zugführer, G endarme 1400—2100 Mark; Klaffe 8: Gerichtsvollzieher der niederen Gehaltsklafle u. s. w. 1660-2300 Mark; Klaffe 9: RevierfSister und Förster 1400—2500 Mark; Klasse 9b: Lokomotiv­führer u. f. w. 1400—2500 Mark; Klaffe 10: Kanz­listen, Zeichner u. f. w. 1650—2700 Mark; Klasse 11: Kanzleivorsteher u. s. w. 1650—3000 Rtark.

Abg. Borgman« (Eoz.) beantragte. Klaffe 1 auf 1400 Mark zu erhöhen. Klaffe 2 und 3 auf 1800 Mack und Klaffe 4 auf 1900 Mark.

9lb$. Quehl (koni.) sprach die Hoffnung auS, daß zum Besten der Beamten boto ein ganzes Weck zustande gebracht werden möge.

Finanrminister Frhr. b. Rheinbaben: Bei der Re­gelung der Anrechnung der Lsttlitärdienstzeit für die Militäranwärter bat unS der Gedanke geleitet, daß die alten Soldaten, die ihre Zeit, ihre Kraft, ihre Gesundheit in den Dienst unseres Baterlandes gestellt haben, besondere Berücksichtigung verdienen. Anderer­seits darf man ober auch bei dieser Frage nicht die Interessen der Zivilanwärter außer Acht 1 affen. Eine Anrechnung eines Telles der MUitärdlenftzeit ist ein Gebot der Billigkeit, wenn die Vorbereitungszeit im ZlvUdienst so lange währt, daß bte MtliiSranwärter dadurch erst so spät zur Anstellung kommen, daß sie wesentlich ihren Kollegen aus dem Zivilanwärteritande gegenüber un Nachteil sind. Kommen die MiUiär- anwärter alsbald zur etatsmäßigen Anstellung, so würde eS eine Unbilligkeit gegen die Zivilanwärter, die für ihre Ausbildung sehr viel höhere Kosten aufwenden müffen, bebeuten, wenn man unter allen Umständen einen Teil der Mllttärdienstzeit anrechnen wollte. Wir haben eine Regelung versucht, auch in den Hauptpunkten ein Resultat erzielt. Die Regelung aeht nahm: Uebersteigt die MilitSrdienstzelt und die darauf folgende Borberei- tungszett zwölf Jahre, so wird die Milttärbienstzeit bis zu drei Jahren, mindestens jedoch mu einem Jähre angerechnet, lleberfteigt die Mllllärbienstzeit und die darauffolgende VorberettungSzeu zwölf Jahre nicht, so wird sie mit einem Jahre angerechnet. Der Redner polemisiert dann gegen die sozialdemokratischen Anträge.

Abg. Büchtemanu (frf. Vp.) betonte, seine Partei habe sich nur schwer zu dem Kompromifle verstanden.

Abg. Rewolb frf.): Wir haben erreicht, waS zu erreichen war, mußten aber berücksichtigen, was die erwerbenden Stände ertragen können. Deshalb war eS nicht möglich, alle Wunsche zu befrieoigen. Die Partei des Vorredners hat sich jedenfalls überzeugt, daß daS, wat überhaupt erreichbar ist, sich in den Kommissionsbeschlüffen verkörpert. Denn sonst hätte sie an dem Kompromiß sich nicht beteiligt. (Beifall rechts.)

Abg. Peltasoh« (frf. Bag): Mit Rücksicht ans die Teuerungsveraältniffe in den verfchiedenen Landesteile« war eine einheitliche Regelung der gesamten Gehatts- verhältniffe vielleicht nicht zweckmäsig, aber tun zu einem Resultat zu kommen, haben wir uns im einzelnen wesentliche Beschränkungen auferlegen müffen.

Abg. König (Ztr.): Hunderttau,ende von Beamten und Familien sehen heute auf unS. Sie erwarte» von uns, daß wir ihnen helfen in der Schwere der will- fchastlichen Lage. Alle bürgerlichen Parteien, ich be­tone das ausdrücklich, sind einig gewesen in dem Wostl- wouen sür die Beamien. Das Kompromiß ist etwas

Bedenkliches, jedes Kompromiß. Buch wir haben viele Wünsche zurückstellen müffen. Meine politischen Freunde haben M der Kommission je,erlichst erklärt, und ich wiederhole es hier, daß die Regierung nun­mehr auch die heilige Pflicht hat, die Kompromiß, rächte wie ihre eigene Vorlage zu behandeln und im Herr en Hause zu vertreten. Unter den gegenwärti­gen Verhältnissen bebeuiet bte Aufbesserung einen großen Fortschritt, und wir hoffen, daß nunmehr eine gewisse Ruhe Platz grerseu kann. Wir haben unfere Beschlüsse nicht aus Liebe zu den Wählern gefaßt, sondern wir wollten einem zu vollendenden Werke die Wege ebnen helfen. (Lebst. Beifall im Ztr \ Die an­deren Stände hätten eS a"er nicht verstanden, wenn wir sie zum Beiten der Beamten mit unerschwing­lichen, jetzt doppelt und zehnsach b ückende,, Lasten belegt hätten. (Sehr richtig! im Ztr.) Es sin 315 Anträge in der Kommission gestellt und beiprocheu worden, und bte Beamten können überzeugt sein, bau wir ihre Verhältnisse, ihre Sorgen, ihre Wünsche bis ins Kleinste in Erwägung gezogen uno soweit als nur irgenbwie m ö glich berücksichtigt Haven. (Sehr richttgil Nicht unerwähnt bleiben bar, bie wichtige Tatsache, daß der Beamte fein sicheres Ein­kommen bat, seine sichere Pension, Da", <t nicht wie so mancher Privatmann einmal in plö^lichrm 'rlenv, zu- sammengebrochen unter dvr schlechleii Konjunttur, wach werden wirb. Wir hoffen also, daß die Beamten zufrieden find mit hem (Streikten und das Werk in seinem ganzen Umfange ,u schätzen w ffen. (Beifall.) Wenn ich das von den Beamten erwarte, fo erwarte ich aber auch, daß bte tönigliche Siaaieregietunj iqten seiis zu der Beruhigung venrägt. Nawend.z wäre vor a"e« Drngen, daß die höheren Beamtenu den unteren mehr Fühlung nehmen, daß sie sich mehr alS Menschen (üblen. Ich habe vor einigen Iahten darauf hingewiesen, uno ich möchte wünschen, daß in dieser Beziehung endlich eine Besserung em« träte. (Lebhafter Beifall im Zentrum.) Be üglich der jRihtätanroärter möchte ich noch sagen: Den schritt der Skaatsregieriiii s in m man im allgemeinen mit Freuden begrünen. Ich möchte die könial.

regierung um eine erneute Erklärung uiuuuer ersahen, ob die unteren Beam'en nach dem Stunde von 1907 nun wirklich um 100 Mark bester gestellt sind, um mindestens 100 Mark. Die Anträge der Sozialdemo­kratie müffen wir ebenso wie die anderen bürgerlichen Parteien nblehnen, weil sie undurchführbar sind. So glaube »ch denn, daß unsere braven Be­amten, wenn auch schweren, noch schwereren Herzens als wir den Zeitverhät'niffen gerecht werden nnd an« erkennen, daß wir int Verein mit der Regierung und sämtlichen bürgerlichen Parieren bestrebt gewesen sind, ihnen zu helfen, ihnen und ihrer Familie zum Wohle, in Anerkennung der großen Aufgaben, die ihnen inner­halb des Staates gestellt fino. Ich glaube, daß Ne vielen Millionen, die wir ausgebeii, nicht oergeblidi ausgegeben werden, sondern unsere braven Beamten arbeitsfreudig erhalten, wie es notwendig ist und wie es der Staat »erlangen muß. (Stürm. Beif. im Zent-.)

UnterstaaissekreiSr Dombois erklärt, das Mmdeit- maß der Äufbeffeiung der lintp-rbeamten betrage 100 M, und der mittleren Beamten 150 Mk. gegen den Zustand von 1906.

Abg. Dr. Schroeder - Raffel (ntl.): Die Zurückstel­lung der Sonderwünsche der einzelnen Parteien ist ja sehr erfreulich, weil sie zu einer einheitltchen Aktion aller bürgerlichen Parteien führte.

Abg. Hirsch (Soz.): Das, was ist der Kommission erreicht ist, genügt nicht, um den llnterbeamten eine angemessene Lebensweise zu ermöglichen. Unsere An­träge haben nicht den Zweck der Agitation, sondern fordern nur, was notwendig ist.

Daraus wurde die Debatte geschloffen.

Die Gehaltsklassen 1 bis 11 bett. Regelung der Gehaltsverhättniffe der llnterbeamten werden unter Ablehnung aller sozialdemokratischen Anträge nach den Beschlüffen der Kommis,ion angenommen.

Frei.ag: Wetterdeiatung.

8 Fürst Bülow in Röten.

In der ,Nationalzeitung' schildert ein ange- sebener Politiker die gegenwärtige innerpolttische Lage als höchst unklar. Schul) daran trügen die Konservativen, weil sie nicht treu genug 411m Blockkanzler und zur Bkockpoliiik hielten.

ZIN Lme i>es EcheimiB.

19.] AuS dem Englischen von K. v. RaeSfeld „ Ihn deuchte, er habe nie etwas Lieblicheres ge­hört, wie diesen Gesang — seine Musik schien ihm bts ins Her; zu dringen. Plötzlich, — er erin­nerte sich des Wie nicht genau — kam ihm ein Gedanke, das; er diesen Gesang in Worte bringen könne. Sie schienen sich ihm aus dem.Herzen aus die Lippen zu drängen — eine jähe, siche Inspi­ration, die ihm vor neuer, ungeahnter Kraft einige Augenblicke lang fast überwältigte und be­täubte.

Dann nahm er feinen Bleistift und schrieb alles nieder, was er fühlte. O, Wunder über Wunder I Es war ein Gedicht, gerade wie andere Gedichte; die Worte tönten wie fitfee, sanfte Mu- frf. und doch war auch wieder Feuer und Kraft ■ rlll’ ?r es an, las es in stummem Erstatt- neu durch sein erster Impuls war, ins Haus zu eilen, e. feiner Mutter und Jack zu erzählen; dann siel^thm ein, daß sie ihn sicher auslachen ipiirorn, xsncf tviirbc ihn niit ©firfjclrtbcn ärucrn und mit diesen Gedanken in der Seele die ihn so ungewohnt und mächtig ergriffen, konnte er öas nick't ertraaen.

Aber nachher, als Jack mit seinen Genossen «ausgegangen war, schlich er sich scheu in die Küche, to0 Kate Jefferies emsig bügelte.

/ „Mutter", sagte er, „Tu mußt mich aber nicht auslachen, — weißt Du auch, daß ich ein Gedicht gemacht habe?»

L. gemacht, mein Kind?" fragte Kake, voll Verwunderung von ihrem Plätteisen aufblickend.

"ra lty.' c*n richtiges Gedicht, gerade wie 5iet L‘lld>te' .Tu in Gedichtbüchern lieft", berfetite er, und fein feines Gesicht rötete sich vor ® f verstehen sollte.

Tu wirklich gemacht? Das freut lehr:" erwiderte sie, da sie wohl sah, inbtnp bt» r”Ia:”9te einige Mitfreude und Teil- ^labm. dre sie ihm zber nicht gewähren konnte.

„Soll ich's Dir vorlesen?" fragte er halb zweifelhaft.

„O gewiß, gewiß, ich möchte es gern hören. Ich mag Gedichte fo gern leiden."

Sie fetzte das Bügeleisen hin und hörte zu, indes er da stand, sein Gesicht noch rot vor Eifer, und mit einem Licht in den Augen, das jedes Herz gerührt hätte.

„Es ist sehr nett", sagte sie; „wirklich sehr nett, Werner; ja, ich weiß wohl. Du bist ein guter, fleißiger Junge."

Nicht viel poetische Sympathie, aber eS war doch das Beste, was Kate Jefferies ihm in diesem Falle geben konnte.

„Tas mußt Tu Dr. Cloth zeigen", fügte sie noch bei, und dann dachte sie, wie schade es doch wäre, daß weder Sater noch Mutter zugegen, die den Knaben verstehen und mit ihm sympathisieren konnten. —

Am nächsten Morgen ereignete sich etwa? Un- gewöhnliches. Der Briefträger hielt beim Wall- hecken-Häuschen an und hinterließ einen Brief für Mrs. Kate Jefferies. Jack nahm ihn in Em­pfang und brachte ihn der Mutter.

„Von wem ist Dein Brief, Mutter?" fragte er dreist und neugierig.

Nun sind zwar einige Frauen um kleine Hn- ivahrhciten nicht verlegen; sie brauchen sich keinen Augenblick zu bedenken, bevor sie sie ausipreckien — sie sind schnell fertig mit dem Wort; ober das war bei Kate Jefferies nicht der Fall. Sie war von Natur eine wahrheitsliebende, offenherzige Frau, und es war ihr keine Kleinigkeit oder ein Leichtes, eine Unwahrheit zu sagen. Sie hätte dem neugierigen Bengel eine ausweichende Aut- wort geben können, ober das fiel ihr überhaupt nicht ein.

„Tas kann ich Dir nicht sagen, Jack, das geht Dich nichts an."

„Gut, gut", versetzte er grob, „noch ein Ge­heimnis, noch ein Rätsel vermutlich. Ich soll nicht fragen, wo wir gewohnt haben, ich soll nicht fragen, von wem der Brief da ist; gibt's nicht

sonst noch was, wonach ich nicht fragen soll, Mut­ter?"

„Wi: kannst Du so mit Mutter sprechen, Jack", rief Werner, „es ist recht unverschämt und frech von Dir!"

Jack erwiderte mit einer saftigen Drohung und Mrs. Jifseries, etwas beunruhigt a:J- viickend. gebot Ruhe und wies beide vor die Tür.

„Werte Mrs. Jefferies", lautete der Brief, „Ich habe Ihr Schreiben erhalten und werde morgen Abend zum WallHecken-Häuschen fommer — zwilchen neun und zehn. Schicken Sie die Knaben zu Belle da ich mit Ihnen zu sprechen habe Ihre ergebene N. W."

Kein sehr langer Brief, aber er sollte wichtige Folgen haben.

Es ist nicht fo ganz leicht, wie jede Marter weiß, an schönen Sommer-Abenden Jungens früh ;u Bett zu bringen, Kate machte bald nach sieben Uhr allerlei Anspielungen darauf — aber Jack lachte ihr ins Gesicht.

„Lieber wollte ich die ganze Nacht auf dem Felde draußen bleiben, Mutter", sagte er, „als jetzt schon ins Bett klettern."

Werner war schon eher willfährig und gehor­sam; es war nahezu neun, als Kate ihn herein­rief und ihm bedeutete, es sei nunmehr Zeit zu Bett für ihn.

„Ich will schlafen gehen, wenn Du eS haben willst, Mutter, aber ich bin noch nicht müde."

Er ging, und Jack, zur größten Erleichterung seiner Mutter, folgte ihm bald darauf. Als die Luft rein war, setzte sie sich mit erwartungsvollem Gesicht in die Küche nieder, nachdem sie vorher vorsichtigerweis« die Küchentür verschlossen halte. Aber Jack war nicht durch noch fo vieles Schelten und Schimpfen zu schrecken; er hatte deutlich be­merkt, wie sehr seine Mutter gewünicht, sie beide aus dem Wege zu bringen; und dies zusammen mit dem Brief, der TagS vorher gekommen, machte ihn argwöhnisch.

„Entweder", sagte er sich, „kommt jemand, ober fi» seht aus."

Was das BerhältniS der Konservativen zum Fürsten Bülow angehl, so ist jedenfalls zu kon­statieren, daß ein großer Teil derselben gegen den Blockkanzler unter keinen Umständen etwas unternehmen wird, bekanntlich hat Fürst Bülow kein treueres Organ als gerade die .Deutsche Tageszeitung'. Dagegen scheint in her Tat eine kleine Fronde gegen den Kanzler zu bestehen, an der außer Perwnen in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers auch konieroative Politiker sich beteiligen. Als den Kandidaten dieser Männer für den Reichskanzlerposten bezeichnet die .Nationalzeitung' den Grafen Wedel, den Statthalter von Elsaß-Lothringen. bereits am Montag hatte die freikonferoative ,Posrt von einer „Metsterintrigue" gegen den Kanzler ge­sprochen, der ,Reichsbote' antwortet darauf — ohne daß die ,Post' das Blatt überhaupt genannt hätte — in einem so gereizten Tone, daß man den Verdacht nicht los werden kann, das konser­vative Blatt, das ja auch vor einiger Zeit schon gegen den Fürsten Bülow im Sinne einer fron- dierenden Militärpartei scharfe Angriffe brachte» sühle sich getroffen.

Fürst Bülow hat bei den Novemberstürmen feierlich erklärt, er würde die Bürde seines Amtes nicht länger tragen können, wenn er nicht mehr darauf rechnen dürfe, daß die von ihm verantwortlich geleitete Politik sich in Ruhe und Stetigkeit entwickele, und wenn eS nicht möglich sei, Emflüffe hintanzuhalten, die von außen her seine Polttik zu durchkreuzen strebten. Und heule? Seine Rede vom vorigen Dienstag ist vielfach auch so auiaefaßt worden, als habe er das Be­dürfnis gefühlt, sich wieder einmal gegen offene und geheime Treibereien zu wehren, als habe ec, von der Parlamentstribüne herab denselben stampf gegen dieselben Mächte, die seine Getreuen^ dumals zurückgedrängk wähnten, wieder ausge­nommen.

Es wird einsam um den Fürsten Bülow.' Vergeblich müht er sich, gegen den Strom zu jchwimmen, der am Hofe fließt- m Lande rücket die Konservativen, wenigstens ein Teil von ihnen/ von ihm ab, die Nationalliberalen von der Farbe" oer ihm sreundwillig ergebenen .Kölnischen Ztg.^ versagen ihm die Gefolgschaft bei seinem Vor­stöße gegen die Sozialdemokratie, und von der Reichsfinanzvorlage bröckelt ein Stück nach dem anderen ab. WaS es mit der Äachlaßsteuer wird, weiß man nicht, und mit dem Branntwein­monopol wird es nichts. Wer weiß, wie lange es dauert, bis der Block in Trümmer liegt. Die­jenigen, die der Meinung sind, Fürst Bülow habe am vorigen Dienstag im Abgeordnetenhause sein politisches Testament gemacht, werden viel­leicht Recht behalten. ;

Allerdings nur vielleicht! Wer will heute etwas Bestimmte» sagen können? Alles ist in! Gährung. j

Nur daS Zentrum kann heute mit größter Seelenruhe der weiteren Entwicklung der Dinge entgegensehen. Es hat heute eine so sichere Position, rote es nie zuvor beseffen hat und je ruhiger und kaltblütiger wir bleiben, desto un»! angreifbarer wird unsere Stärke fein.

In den Blättern sind die Meinungen über die Stimmung, bte gegenwärtig dem Reichs­kanzler gegenüber am Hofe herricht, sehr ge«’

Jack, dem an Derscklagenheit nickt so leicht beizukommen war, beschloß, wach zu bleiben und zu sehen, was ez gäbe. Werner fiel bald in festen Schlaf; Jack lag da hellwach und horchte. Ha! Was war das? Er hatte sich nicht getäuscht; da war eine frembe Stimme, es sprach jemand mit feiner Mutter. Er beschloß, ausfindig zu machen, wer eS mar und um was es sich handelte.

Er stand sebr vorsichtig auf und fand zu seiner großen Enttäuschung bei leiser Prüfung, daß die Küchentür von innen verriegelt war. Aber eine weite Ritze war darin, und beim Hindurchspähen sah Jack eine einfach gekleidete und dicht ber-; {(Meierte Frau, die feiner Mutter gegenüber saß und eifria und ernst mit ihr sprach.

Er fühlte eine gewisse Enttäuschung, da er cV was weit Romantischeres als dies erwartet hatte. Er versuchte aber gleichwohl sein Bestes, um et«, was von der Unterhaltung zu erlauschen, aber ver^ gebens, er konnte fein Wort verstehen, was sie sprachen, so leise und gedämpft flüsterten fie.1 Endlich unterschied er aber doch Werner s Namen, nicht einmal, sondern mehrere Male. Von ihm sprachen sie also; seinetwegen kam also der ge­heimnisvolle Besuch.

Was konnte das bedeuten? Was war mit Werner, daß er nicht wußte? Wer war es, der so still und geheimnisvoll kam, um von Werner, seinem jüngeren Bruder, zu spreck-eu? Er, Jack, war der und hatte ein Recht, alles zu

wissen, was vorging. Dann hörte er etwas von Geld und Schule. Jack horchte verzweifelt. Konnte eS möglich sein, daß feine Mutter etwas für Werner tun wollte, und nicht auch für ihn?

Mehr konnte er jedoch nicht hören; vergebens horchte und lauschte er; vergebens legte er bad Ohr an das Schlüsselloch, an die Spalte; es drang kein Wort mehr zu ihm.

„Schad' nichts", dachte er; „ich kann gerade so schlau sein, wie sie auch Ich werde nichts sa­gen, aber meine Zeit abpaffen. Gibt es etroaS berauszukriegen, so werde ich's herauskriegen — sie können mich nicht betrügen."