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M 21.

Fulda, Mittwoch den 27. Januar 1909.

36. Jahrqanc;.

Dwerles Wlcrtt.

Die konservativen und Kürst Bülow.

In seiner Rede vom vorigen Dienstag hat Fürst Bülow erklärt: „Ich verlange und wün­sche, daß mein Wort in den Kreisen der politi­schen Beamten gehört und beherzigt werde, daß sie der von Seiner Majestät dem Kaiser und König gebilligten und vertretenen Politik der Staatsregierung nicht nur keine Hindernisse in den Weg lenen, sondern sie unter st ützen und fördern."

Man hat gesehen, welche Verstimmung diese Worte bei den K o n s e r v a t i v e n erregt haben. Der Kanzler wollte sie zur Nachlaßsteuer bekehren. Mit Nichten, die Nachlaßsteuer um fei­nen Preis, ertönte es aus den konservativen Krei­sen zurück. Das konservative Hauptorgan, die „Kreuzztg.", zeigte sich außerordentlich verschnupft und die „Korrespondenz des Bundes der Land­wirte" versicherte, mit seiner Paulusrede werde der leitende Staatsmann „keinen einzigen kon­servativen Abgeordneten auf den Weg nach dem orientalischen Damaskus locken"; die Lebensin­teressen der Landwirtschaft dürften unter keinen Umständen der Blockpolitik geopfert werden; die „Deutsche Tages-Ztg." erklärte, schon bei der ersten Abstimmung in der Finanzkommission sei der Block in die Brüche gegangen. Dazu kam dann auch das offizielle Parteiorgan, die „Kons. Korresp.", mit abfälligen Bemerkungen über die „etwas befremdlichen" und „nicht verständlichen Teile" der Kanzlerrede. Viel drastischer noch sprach sich der Abg. v. Oldenburg auf der Tagung des westpreußischen Provinzialvereins der Konservativen aus. Er sprach sogar schon von dem Ende der Blockpolitik und der Einschwenkung der Konservativen zur Opposition.

Einzelne konservative Blätter und Führer der Partei waren nachträglich etwas von Herrn von Oldenburg abgerückt, aber ihr Widerspruch rich­tete sich nur gegen die allzu temperamentvolle Form seiner Rede, nicht gegen ihren sachlichen Inhalt. Um in dieser Hinsicht keinen Irrtum aufkommen zu lassen, weist die offizielle Partei- korresponden; ausdrücklich die Auffassung zurück, als sei die Parteileitung mit den Hauptgedanken des Herrn von Oldenburg, insonderheit auch be­züglich der Nachlaßsteuer, nicht einverstanden. Gleichzeitig ziehen die leitenden konservativen Blätter von neuem aufs schärfste gegen die Nachlaßsteuer zu Felde. Tie „Kreuzztg." erklärt, von den Konservativen seien allenfalls 5 oder 6, vom Zentrum 10—15 Stimmen für die Nachlaßsteuer zu gewinnen; sie sei tatsächlich aussichtslos. Auch von der gefährlichen Tendenz des Erbrechts des Reichs habe sich die Rechte immer mehr überzeugt; sie sei in der Lage, es zu Fall zu bringen. „Sollten solche Forderun- gen trotzdem aufrecht erhalten bleiben, so müssen die Konservativen sich zur Durchführung der Fi­nanzreform nach einer anderen Bundesgenossen­schaft umsehen."

Auch Herr d. P o d b i e l s k i, der frühere Mi­nisterkollege des Fürsten Bülow, hält die Zeit ge­kommen, mit dem Fürsten Bülow Abrechnung zu halten. Schritt für Schritt, so sagte er auf einer Bündlerversammlung in Dortmund, hat sich die Regierung in den Sumpf treiben lassen; die Nach, laßsteuer sei das ungeeignetste Objekt, das sich denken läßt, und wenn der Reichskanzler annahm, die Landwirtschaft könne sie tragen, so sei das zum mindesten eine eigenartige Verkennung der Verhältnisse. Mit allen erlaubten Mitteln müsse die Landwirtschaft gegen die Nachlaßswuer Front

machen. Auch in der auswärtigen Politik ver­misse man die starke Hand Bismarcks; der sei be­reit gewesen, ihr Nachdruck mit dem Schwerte zu verleihen; „heute kennen wir nur noch eine Poli­tik der Nadelstiche". Die Versammlung schloß sich ihm in einer Resolution an, in der die Nachlaß- steuer als „altgeheiligten Gebräuchen und „Em­pfindungen widersprechend" verworfen und ihr das Stigma aufgedrückt wird, sie werde die Bande der Familie zerstören. Bei dem engen Verhält­nis ,in dem Podbielski zum Bunde der Land­wirte steht, und bei dem hohen Ansehen, das er bei dessen Mitgliedern wie auch sonst in den Krei­sen der Landwirte genießt, dürfte seine neueste öffentliche Kundgebung, die man kurz als eine solche gegen den Biilowblock bezeichnen kann, dem Reichskanzler nicht geringes Mißbehagen berur- sachen. In der Dortmunder Versammlung sprach auch noch der Vorsitzende des Bundes der Land­wirte, Dr. R o e s i ck e, der u. a. sagte, das Ver­halten Bülows laste vermuten, daß Bülow die selbstgewählte Grabinschrift: „Dieser war ein agrarischer Reichskanzler" noch werde abän- dem muffen. Gegenüber den Wünschen der Landwirtschaft auf Schließung der Grenzen gegen­über der Schweiz und Rußland, wo Viehseuchen ausgebrochen seien, sei der agrarische Kanzler auf einem Ohre taub.

Das alles ist ziemlich unverblümt eine Kriegserklärung der Konserv ativen an den Reichskanzler und eine Kündigung des Blocks. Besonderen Nachdruck hat diese Tak­tik von der Tribüne des Abgeordnetenhauses er­halten bei der Beratung der Wahlrechtsan­träge. Die Konservativen hatten bisher jede Reformbedürftigkeit des preußischen Wahlrechts in Abrede gestellt. Haben sie sich jetzt bekehren lasten? Alles eher als das. Mit wünschenswerter Deutlichkeit, ja, mit berechneter Schroffheit taten sie dem Ministerpräsidenten entgegen. Ob man aber die Kriegserklärung ernst nehmen muß? Heber den Widerstand der Konservativen gegen etne Wahlresorm wird Fürst Bülow sich kaum aufregen. Gewichtiger wird ihm vermutlich die Gefahr erscheinen, daß die Finanzreform au dem Widerstand gegen die Nachlaßsteuer schei­tert.

Zweifellos ist, daß die Landtags-Konservati- den vielfach von der ganzen Blockpolitik nichts wissen wollen. Von der konservativen Reichs­tags fraktion weiß man nur, daß sie nicht schon jetzt zum Nachgeben geneigt sei. Der Block ist auf den „Umfall" eingerichtet. Es muß Reih' um gehen. Einmal fällt die linke Seite um, ein ander mal muß es die rechte Seite tun.

Deutsches Reich

)( Ter Gesandte v Kiderlen-Waechter, der neulich als Stellvertreter de« Staatssekretärs im Reichstage so sonderbares Aussehen erregte, ist noch immer nicht auf seinen Posten in Bukarest zurückgekehrt. Er ist a genblicklich erkrankt und muß das Bett hüten. Nach den scharfen Angriffen, sie neulich auf ihn und seine Hausdame F> Suletn Kiepke gemacht worden sind, hat man es mög­licherweise mit der üblichen „Diplomatenkrank- heit" zu tun.

— Kleinhandelsausschuß bei den Handels- kammern. Im Abgeordnetenhause haben die Konservativen den Antrag eingebracht, die Regie­rung zu ersuchen, einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen eine ausreichende Vertretung des kleinen Kausmannsstandes ermöglicht wird, und zwar in der Werse, daß bei den Handelskammern ein Kleinhandelsausschuß gebildet wird von Per­

sonen, deren Gewerbebetrieb nicht über den Um­fang des Kleingewerbes hinausgeht.

Die alte nationalliberale Hochburg, die Provinz Hannover, wird von den Kon­servativen und dem Bund der Landwirte immer stärker berannt. Die Nachwahl im Wahlkreise Hoya-Syke-Derden für Held wird einen interessanten Waffengang zwischen den National- liberalen und dem Bunde der Landwirte bringen, besten Ausgang noch umso zweifelhaster erscheint, als außer den beiden genannten Parteien noch Freisinnige, Welsen und Sozialdemokraten mit eigenen Kandidaten in die Wahl eintreten. Eine zweite Nachwahl in einem bis jetzt national- liberal vertretenen Kreise ist in Stade not­wendig geworden durch den Tod deS national- liberalen Abg. Reese. Bis zum Jahre 1898 un­bestrittener Besitz der nationalliberalen Partei, ist er seit dem genannten Jahre erst in der Stichwahl gegen die Sozialdemokraten gewonnen worden. In den letzten Jahren hat aber der Bund der Landwirte in dem Kreise eine rege Tätigkeit entfaltet, so daß er jetzt hofft, anstatt des Sozialdemokraten mit den Nationalliberalen in die Stichwahl zu kommen.

* Weimar, 26. Jan. 1909. Von der gestern begonnenen Session des Landtags, der letzten vor der Neuwahl, erwartet man in erster Linie em neues Wahlgesetz. Der jetzige Landtag ist in seiner bestimmten Aufgabe gewählt worden» dem Lande ein neue- Wahlgesetz mit dem allgemeinen gleichen und direkten Wahlrecht zu schaffen, nament. lief) sür die 23 Wahlbezirke, die jetzt noch Wahl­männerwahlen haben. Im Februar 1908 be­reits hat der Minister des Innern auf eine An- frage eine Vorlage über die Aenderung deS Landtagswahlrechts anaekündigt.

Aus dem Rachbargebiet.

— Frankfurt a. M.» 26. Jan. 1909. Auf der Luftschissahrts-Ausstellung Hierselbst werden, soweit sich jetzt überblicken läßt, minde­stens 4 Motor - Ballons und 6 Flugapparate deutschen Ursprungs zur praktischen Verwendung gelangen. Von Motor-Ballons werden sicherlich mehr alS ein Dutzend Modelle, von Flugappa­raten mehr als die doppelte Zahl zur Ausstellung kommen. Selbstverständlich werden die altmodi­schen Freiballon- zahlreich vertreten sein und häufige Fahnen unternehmen. Für die Motor- und Freiballons werden mehrere Salonhallen ver­schiedener Konstruklion errichtet werden. Die Stel­lung zahlreicher Preise für den Wettbewerb von Motor-Ballons, Freiballons und Flugmaschinen ist zu erwarten. Herr Dr. Gans in München hat seinen im Vorjahre gestifteten Preis von 10,000 Mark für Flugapparate der Frankfurter Ausstellung zur Verfügung gestellt. Im Per- gnügungs-Park der Ausstellung werden zahlreiche Veranstaltungen Aufnahme finden, die mit der Luftschiffahrt in Beziehung stehen. Geplant sind ichon eine Gleitbahn, welche dem Laien die Illu­sion der Fliegens geiahrlos geben wird, Marine» Schauspiele unier gleichzeitiger Ballonverwendung, em Theater für kinematographiiche Voriührungen aus dem Gebiete der Lusifchifsahrt, ferner Vor­träge uns Vorsührungen von Projekiions»Bil­dern rc. Bei der Ausstellungs-Leitung gehen schon jetzt, vor der Veriendung der Fragebogen, zahl- reiche Anmeldungen von Ausstellern ein. — Ober- .'audesgerichls - Präsident Dr. Hagens hat im

Anschlufle an die Prüfung für das Gerichtsschreiber- Amt eine Prüfung in der Kurzschrift ein­geführt.

* Würzburg, 26. Jan. 1909. Der bischöf- liche Generalvikar, Dompropst Dr. Diem, hat mit Rücksicht auf sein hohes Alter sein Amt niedergelegt. Zum Generalvi.ar wurde der bis­herige Verweser dieser Stelle Domkapi ular und Grifft. Rat Kl. Heßdörfer ernannt.

Kurier Getreide-Wochenbericht der preirderichtrftelle der deutschen Landwirtschastrrat» vom 19.-25 Januar 1909.

Während man durch die seit längerer Zeit ge­übte Kaufenthaltung einen Truck auf die argen­tinischen Ablader ausüben zu können glaubte, ha­ben diese, angeregt durch fortgesetzte Preissteige­rungen Amerikas, ihre Forderungen weiter er­höht. In Europa enttäuscht diese Entwicklung umsomehr, als man hier während der nächsten Monate auf die argentinische Hilfe in erster Reihe angewiesen ist und die Bestände allgemein einer Ergänzung bedürfen. Auch Deutschland hat noch einen großen Teil seines Importbedarfes zu decken, und da die Leistungsfähigkeit der heimi­schen Landwirtschaft nach den starken Ansprüchen der letzten Monate allmählich nachzulassen be­ginnt, so stellt sich immer mehr die Notwendigkeit heraus, die Preise den argentinischen Forderun­gen nach und nach anzupassen. Derartigen Er­wägungen entspringt auch vor allem die feste Tendenz während der abgelaufenen Woche. Dazu kamen im weiteren Verlaufe Besorgnisse wegen der Saaten angesichts der in der zweiten Wochen­hälfte eingetretenen kalten Witterung, zumal der Boden im größten Teile des Reiches von Schnee entblößt ist. Nur in Ostpreußen deckt eine unge­fähr 10 Zentimeter starke Schneedecke die jungen Saaten. Bringt eS schon der ungewöhnlich große Preisunterschied zwischen Weizen und Roggen mit sich, daß der letztere Artikel von der Festigkeit des Weizenmarktes nicht beeinflußt bleiben konnte, so rechtfertigt die Entwickelung auch Hierin die während der letzten Tage zu Tage getretene freundlichere Stimmung, indem sich für das gleichfalls nachlasiende Angebot an der Küste wie auch im Jnlande vermehrtes Kaufinteresse be­merkbar machte. Befestigend wirkte vor allem, daß zuletzt wieder größere Abschlüsse in deutschem Roggen nach Novdrußland sowie nach West- und Südeuropa ftattgefunben haben. Die auf dem Gafermarkte beobachtete Festigkeit hatte ihren Grund weniger in den Absatzoerhältnissen, als in den sebr hohen Forderungen der Provinz, die beim Konsum meist schwer durchzusetzen sind. Da- geaen begegnet Braugerste in feinen Qualitäten wieder lebhafterem Interesse, doch ist das Ge­schäft darin nicht groß, da es gerade an feiner Ware fehlt. Auch der Absatz von Futtergerste hat sich bei anziehenden Preisen wieder etwas ge­hoben. Mais lag bei wenig veränderten Forde­rungen ziemlich still.

Es ftellie.t sich Die Preise für inländisches Getreide

Hafer

wie folgt:

Danzig Berlin

) 165 175

(+ 4.25), «udav-ft April 218.10 (+ 4.40', Paris Jan. 186.50 (— 0.6 ), Liverpool Mär, 172 60 (4- 2.10), Chicago Mai 165.90 (-{- 2.15 , Roggen: Berlin Mai 175.75 t+ 2.25), Hafer: Berlin Mai 166.00 (+ 1.50) Mark per 1000 Kilogramm.

am letzten Markttage in Mark pro 1000 Kilogr. fe nach Qualität, wobei daS Mehr (-j-> bezw. Weniger (—) gegenüber der Vorwoche in Klammern Q beigefügt ist

Weizen Roggen

214 '4-2 ) 164

I- - 4 ) 170 (4- 2 Frankwrt 216 - 2 ) 172'1.

München 220 171 (— 2 ) 169 (4- 1 J

Wellmarktpreise: Wei,en: Berlin Mai 215.00

213 (4-6 l 168 (4-2

Hamburg 211Vi(- - 1 */«) 166

Düsseldorf 212 (■ ' — “ “

K Banne -es Geheimnisses.

17.] Aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.

8. Kapitel.

Das Häuschen i« Ferryhill.

„Ich habe ein neues Buch nötig."

»Ich habe auch ein neues Buch nötig", unter- brach eine zweite Stimme.

„Mutter sagt, ich soll zuerst eins haben."

„Ich bin der Aelteste, und ich habe ein Recht auf das Beste von allem."

„Ich habe mein Buch aus, und Du bist erst in der Mitte von Deinem."

„Macht nichts, ich bin der Aelteste, und kriege zuerst eins."

Die Stimmen wurden laut und zornig, der Streit wurde ernstlich und hätte höchstwahrschein- mit.Püffen und Schlägen geendet, wäre nicht rechtzeitig eine dritte Person auf dem Schauplatze erschienen, eine nette, gutmütig aussehende Frau m mittleren Jahren.

. Die Z/it war Morgen, der Schauplatz die ntebhdte, schmucke und saubere Küche eines länd- lichen Häuschens, das zwischen den grünen Wall- Hecken lag, die das Dörfchen Ferryhill rings um­gaben.

Ein Landhäuschen, wie sie nur in Alt-England zu finden sind, fast ideal in seiner malerischen Schönheit, big es unter den tief herunterhängen, den Zweigen großer Ulmen; üppig wuchernde Ranken und Schlingpflanzen beschatteten es vor der Sonne und hüllten es von der einen Seite ganj in Blüten. Rosen kletterten zum Dache em­por, Jasmin mit seinen weißen Glocken rankte um die Tür. Ein großer, ländlicher Garten lag davor, ein Obstgarten dahinter; letzterer führte in eine Kleewiese, wo eine fanfäugige Kuh fried- sich weidete.

Im Garten stand eine viereckige Laube aus grün gestrichenen zierlichen Latten, und nabe bä­

het ein altertümlicher Brunnen, wo das grüne Moos an den feuchten Steinen wuchs und das Wasser selbst im Sommer klar und kühl war.

Tas „Wallhecken-Häuschen" wurde es von den Leuten tn Ferryhill genannt, und feiner, der Sinn für malerisches Stilleben besaß, sah ez auch nur ein Mal, ohne daß es ihm in der Erinnerung geblieben und in Stunden ruhiger Träumerei vor seinem Auge wieder aufgetaucht wäre.

Zum Wallhecken-Häuschen war vor sechs Jah­ren eine Witwe mit zwei Kindern, beides Kna­ben, gekommen. Ter Aelteste hatte rohe Gesichts- züge, ein störrisches Wesen, war etwas plump ge­baut, laut und lärmend — kurz, trug ganz und gar jenen plebejischen Stempel, bezüglich dessen kein Irrtum möglich ist. Er hieß Jack Jefferies — wär als Knabe wohl gelitten von seinesglei­chen, aber doch in der ganzen Nachbarschaft eher gefürchtet, wie beliebt Mit großer Vorliebe stei- nigte er Katzen, scheuchte friedliches Geflügel, plünderte die anliegenden Obstgärten und ver­leitete jüngere Knaben zu ähnlichen Uebeltaten. Manche Mutter pflegte, wenn sie ihre Kleinen zum Spielen entließ, den sonstigen üblichen Ver- Mahnungen zum Schluß noch mit erhobener Stimme beizufügen: „Und das sage ich Euch, spielt mir nicht mit Jack Jefferies!"

Seine Spießgesellen hatten eine große Be­schwerde wider ihn — er war über die Maßen selbstsüchtig; er verlangte stets von allem das Beste, aber ohne die Mühe, sich an dem Erwerb zu beteiligen. Er war eine Art junger Despot- gewöhnlich lag er im Grase, indes die andern die teifften Brombeeren zusammensuchten; und wehe dem Knaben, der sich geweigert hätte, Tribut zu zahlen! Die Leute prophezeiten von Jack Jeffe­ries, daß er später als Erwachsener einer von denen werden wurde, die auf jede Art und Weise nur nicht von ehrlicher Arbeit leben.

Der zweite Knabe Werner, war ganz und gar anders. Es war einer von denen, die von Haus aus einen Adelsbrief mitbekommen zu haben schei­nen, zart gebaut, anmutig im Benehmen, mit

feinen schönen Zügen; er hatte eine angenehme Stimme, seine Ausdrücke waren gut gewählt. Man hätte ihn für einen jungen Prinzen aus­geben können und jeder hätte gc agt, daß er durchaus geeignet und befähigt sei. feinen Stand zu zieren. Er schien ein Jahr jünger zu sein wie sein Bruder, war er doch weder so groß noch so stark gebaut. Jack war 'hübsch in gewissem, der­ben, verwegenen Stil; Werner dagegen war fast bildschön mit seinen goldbraunen Locken, die in üppiger Fülle um die breite, weiße Stirn flogen seinen dunkelblauen Augen und den frischen, roten Lippen, deren sich manche Schönheit nicht hatte zu schämen brauchen.

„Was für ein Unterschied doch zwischen Euren beiden Kindern ist, Mrs. Jesteries", pflegten die Nachbarn zu sagen. „Werner gleicht roeber Euch noch seinem Bruder."

„Er gleicht auf feinen Vater", erwiderte sie dann gewöhnlich mit einem Seufzer, obwohl der selige William Jefferies, weiland Bahnwärter, untersetzt, stämmig und dunkel gewesen war.

Tie kleine Familie hatte jetzt etwa sechs Jahre im Wallhecken-Häuschen gewohnt. Jack und Wer- ner besuchten die beste Schule in Ferryhill, sehr zum Erstaunen der Nachbarn. Mrs. Jefferies hatte keine Beschäftigung, sie besorgte ihre ge­samte Haus- und Garten-Arbeit allein, machte den Jungen die Kleider, hielt sie nett und Tauber und nahm nur zuweilen etwas Spitzen-Flickarbeit an, worin sie sehr geschickt war.

Als sie einmal gefragt wurde, wie sie es fertig bringe, so eigentlich ohne Arbeit zu leben, er­widerte sie, sie hätte eine kleine Pension die ihr regelmäßig gezahlt werde. Was, oder wieviel es war, wußte niemand. Sie lebte nicht wie eine Fran mit reichlichen Mitteln — gerade behaglich — sehr einfaches Esten, aber immer genug. Ihre eigene Kleidung war sehr einfach und bescheiden, doch schien sie keine Ausgabe für die Knaben zu sparen.

Die Brüder harmonierten nicht recht mitein­ander. Jack war sehr herrisch, selbstsüchtig und

nicht immer verträglich und gut gesinnt. Er war eifersüchtig auf Werner und beschuldigte feine Mutter stets, daß sie für den Jüngsten Partei nehme.

„Ich kann tausend Mal etwas verlangen", sagte er, „und bekomme ez nie; was Werner ha­ben will, hat er gleich."

Die einzige Antwort seiner Mutter war ei» Seufzer. Sie wußte sehr wohl, wie das war.

An diesem ereignisreichen Morgen kamen beide Knaben aus der Schule nach Hause und er­klärten. sie müßten eine neue und ziemlich kost­spielige Weltgeschichte haben. Werner ging zu­erst zu feiner Mutter und sagte ihr, was er ha­ben müsse.

„Du sollst es gleich haben", versetzte sie.

Dann kam Jack mit derselben Geschichte.

„Ich will sehen, will sehen", erwiderte sie, und alsobald geriet Jack in wütenden Zorn.

„Es ist immer dasselbe — Werner kriegt alles; ich nichts! Warte aber nur, bis ich ihn draußen habe; ich will's ihm eintränfen! Ich will ihn scharwenzeln und sich einschmeicheln lehren."

Mrs. Jefferies blickte unruhig auf. „Du willst dock wohl nicht so böse sein und Deinem Bruder weh tun wollen, Jack! Du bist so groß und stark, und er so schwächlich."

„Ihm nicht weh tun wollen!" höhnte er. „Warte bloß. Mutter, daß ich ihn draußen kriege; er,soll an seine neue Weltgeschichte denken — daS heißt, wenn ich nicht auch meine kriege."

„Du sollst Deine heute haben, aber es betrübt wich. Dich so böfe und zornige Reden führen zu hören"

„Nicht, daß ich auf Weltgeschichte etwas gäbe", fuhr Jack offenherzig fort, „ich hasse sie. Wenn s nach mir ginge, würde ich den Königen allen den Kops abschlagen. Wozu sind sie nütze? Aber Du weißt, daß ich Werner nicht über mir sitzen haben will; ich bin der Aelteste, und ich will mein Recht haben."

(Fortsetzung folgt)