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JV3 20.
Fulda, Dienstag den 26. Januar 1909.
36. Jahrgang.
Iwertes Wlcrtt.
Je? Kaiser und Parlamentarier.
Bei den Erörterungen aus Anlaß des Kaiser- Interviews wurde Hervorgehoden, daß offenbar der jdaiser über die tatsächlichen Verhältnisse und über die Stimmungen und Strömungen im deut- schen Volke nicht immer ausreichend und richtig u n t e r r ich t e t sei. Besonders wurde darauf hingewiesen, daß auch der persönliche Verkehr und die mündliche Aussprache des Kaisers mit den Ministern nicht ausgedehnt genug sei. um die rechte Fühlung des Monarchen mit der Entwickelung des öffentlichen Lebens sicher zu stellen.
Prof. Dr. Martin Spahn ist nun in einer Studie über die Persönlichkeit Kaiser Wilhelms II. (im „Hochland") näher eingegangen auf die Erscheinung, daß es dem Kaiser trotz seiner glänzenden Begabung und bedeutenden Leistungen nicht gelungen ist, mit den Strömungen der Nation zusammen zu gehen, unserer politischen Entwicklung sich anzupassen, die in ihr lebendigen Kräfte an sich zu ziehen. Eine der Ursachen für den Uebelstand, daß Kaiser und Nation sich innerlich fern geblieben, erblickt Herr Prof. Spahn darin, daß der Kaiser im letzten Jahrzehnt fast gar keine persönlichen Beziehungen mehr zu politisch unterrichteten Männern der Nation unterhalten hat."
An diese Bemerkung des Prof. Spahn knüpfte die „Köln. Volksztg." einen konkreten Vorschlag. Sie meinte, es müßte doch möglich sein, daß dec Kaiser von Zeit zu Zeit unmittelbar wenigstens mit einem kleinen Kreise auserwählter Politiker in Verkehr träte. Es möge doch einer Anzahl Mitglieder der verschiedenen Reichstagsfraktionen Gelegenheit gegeben wer- den, zuweilen in zwangloser Weise mit dem Monarchen sich zu unterhalten: heute Konservative, morgen Zentrumsmitglieder, übermorgen Nationalliberale usw. „Selbstverständlich" — so fügte das Blatt voraussichtshalber hiirzu — „nicht zu dem Zweck, die gesetzgeberischen Ausgaben des Tages unmittelbar zu behandeln, denn der verantwortlichen Regierung soll nicht ein Titelchcn von dem entzogen werden, was ryr zukommt; sondern lediglich zur richtigen allge- ni e i n e n Information des Monarchen. Auf diese Weise würde der Herrscher die Verhältnisse am besicu kennen lernen, wie sie wirklich sind, würde eine Menge neuer, ihn sicher vielfach überraschender Gesichtspunkte gewinnen und Dinge hören, die ihm durch die jetzige ungenügende Art, sich zu informieren, unbekannt geblieben seien. Der Monarch würde sicherlich auf vielen Gebieten zu ganz anderen Auffassungen kommen."
Gewiß wäre es . dringend wünschenswert, den Zustand, daß der Monarch zu wenig in Fühlung mit den Vertretern des Volkes steht, zu ändern. Aber die Hoffnung auf eine Aenderung ist leider nur z u gering Diejenigen amtlichen Persön- Ilchkciten, die den Kaiser informieren, haben Interesse daran, daß er vor allem nur durch ihre Brille die Tinge betrachtet, und so wird der beklagenswerte Zustand fortdauern. Es ist interessant zu beobachten, wie der einfache und wohlgemeinte Vorschlag her „Köln. Vztg." in der Blockpresse aufgenommen wird. Me alldeutschkulturkämpferische „Deutsche Zeitung" bekommt einen Krampfanfall bei der Vorstellung, daß der Kaiser sich einmal mit einem Zentcums- geordneten unterhalten könnte. Der Ultra- montanismus. so zetert das Blatt, wolle einen Vertreter in der Umgebung des Kaisers haben
einen schwarzen unverantwortlichen Minister, die ehemalige katholische Abteilung im Kultusministerium solle in dieser veränderten Form wieder hergestellt werden usw.
Das Gerede verdient nur insoweit Beachtung, als es wiederum zeigt, welch' eine ungeheure Angst die Blockhelden davor haben, daß ihr Lügengewebe von der Kultur- und Staatsfeindlichkeit des Zentrums gelegentlich einen Riß bekommen könnte. Zurzeit hat eben der Liberalismus im Reiche Ursache, mit der Lage der Dinge zufrieden zu sein; er hat einen Kanzler, der den Kaiser nicht in zentrumsfreundlichem Sinne informiert, und darum dar* das Ohr des Kaisers kein Wort erreichen, das vielleicht geeignet sein könnte, den Kaiser zu der Ansicht zu bringen, daß das Zentrum doch nicht die reichsfeindliche und unnationale Partei ist. als die es so gerne vom Block hin- gestellt wird. Darum muß vom Kaiser alles ferngehalten werden, was unter Umständen die ihm vc-rgetragenen Anschauungen korrigieren könnte.
Es muß ein recht schlechtes Gewissen fein, das der Liberalismus hat, wenn er es nicht wagen darf, dem Kaiser auch andere Informationsquellen zugänglich zu machen.
Deutsches Reich.
lieber das „freiheitliche' VereinSgesev Hal 'ich der Reichslag drei lange Tage in einer zum Teil recht teoljufien Debatte unterhalt'.n. Die Verhandlung ist, so schreibt man uns aus Berlin, durchaus nicht unnütz gewesen. Wir denken traten Klagen über die Mißgriffe bei der Aus- führum; des Vcreinsgesetzes, obwohl nicht vergessen werden soll, daß die energische Krikiik des Reichs! ags den Behörden das Gewissen scharfen wird. Auch liegt der Schwerpunkt der Verhandlung nicht in der Konstatierung der Tatsache, daß die bekannte Erklärung des Staatssekretärs über die Anwendung des Sprachenparagraphen auf die gewerkschaftlichen Organisationen — sagen wir mal: mißverständlich war. Eine wertvolle Frucht der dreitägigen Debatte dagegen ist der zwingende Nachweis, daß das Vereinsgesetz durch eine ganze Reihe wahrer „Kautschukparagraphen" den Behörden eine solche Machtfülle verleiht, daß sie, ohne mit dem Gefetzestext direkt in Konflikt zu kommen, eine Belästigung mißliebigerVer- e i n e vornehmen können, wie sie schlimmer auch unter dem alten Vereinsgesetz nicht gewesen ist. Ganz besonders gilt dies von dem Begriff der „öffentlichen" Versammlung. Das Zentrum ist bei der Beratung des Gesetzes dafür ein getreten, daß der Begriff „öffentlich" im Gesetze festzulegen sei, es hat insbesondere eine klare Unterscheidung der Vcreinsversammlungen von den öffentlichen Versammlungen gefordert. Wie recht es damit gehabt, haben die Verhandlungen unwiderleglich erwiesen. Die Feststellungen über die Rückwirkung des Sprachenparagraphen auf den National i- täteuftreit haben die alte Erfahrung bestätigt, daß Ausnahmegesetze nicht dem Frieden, sondern nur dem Hasse dienen. Leider ist die Hoffnung nur sehr gering, daß diese Einsicht bei den Regierungsstellen bald ihren Einzug halte. Wir werden vorerst noch tiefer in den Sumpf hineinsinken.
* Schießvorschrift für die Fußartillerie. Im Anschlüsse an ua» vor kurzem verausgabte Exerzier-Reglement sür die Fußarttllerie ist jetzt die Schießvorschrist sür die Fußaitillerie ausgeqeben worden. Die Vorschrift umfaßt die Schießlehre, das Schießen mit Geschützen, die Schießübungen, die Ausbildung der Richtkanoniere, sowie das | Schießen mit Handfeuerwaffen. Wesentliche 'Jleue-
Zni Bme des 8eheimmsses.
16.] Aus dem Englischen von ff. v. Raesfeld-
„Tu bist nicht stark genug für diese überfüllten Häuser," sprach er ihr beruhigend zu. „Ich muß bester acht auf Dich geben, mein Liebling. Für alle Opern in England möchte ich eine solche Angst nicht noch einmal durchmachen I Ich dachte, Du .värest tot, Evelyn I Wirklich, ich glaubte. Du wärest totl"
„Was hattest Du denn nur, Eve?" fragte auch Marian West besorgt; denn ein Blick auf die Züge ihrer Schwester hatte ihr einen Ausdruck gezeigt, den sie seit Jahren nicht mehr darin gesehen. „Was hattest Du?" wiederholte sie ängstlich und gespannt
„Die Hitze machte mich unwohl und schwindelig. O, Mortimer, wir haben genug von London gehabt, laß uns nach Kenninghall zurllckkehren; es gibt gar keinen schöneren Aufenthalt;"
Er war entzückt über die Vorliebe seiller jungen Gattin für den alten Adelssitz ferner Vor- fahren; nichrs hätte ihm besser gefallen können.
„Ein oder zwei gesellfchaftliche Verpflichtungen müssen wir noch erfüllen, Liebling", versetzte er »örtlich, „bann wollen wir sofort heimkehren." —
Sie gingen bereits in der folgenden Woche; und einmal wieder auf Kenninghall, erlangte Lady Wayne bald ihre zarte, rosige Frische und ^r strahlendes Aussehen wieder.
Die Glocken läuteten hell und freudig von der -leinen Dorfkirche in Kenningsthorpe; die Augustsonne schien hell und glänzend; neue Freude, neuer Segen waren über Kenninghall gekommen. Der junge Erbe war geboren, sodaß die stolze, alte Linie, aller Wahrscheinlichkeit nach, von Vater zu Sohn sich fortpflanzen konnte.
Freude und Jubel herrschten im Schlosse; das Kind war gesund und gedieh, obwohl die Mutter sehr krank war.
„Fieber, nur Fieber und Nervosität", sagte der Arzt, „etwas zum Delirium disponiert; bei guter Pflege und Sorgfalt wird sie jedoch in wenigen Tagen wieder wohlauf sein."
Natürlich waren Algernon und Isabel benachrichtigt und anwesend, und ebenso natürlich herrschte beständige stille Fehde zwischen Mrs. Wayne und Miß West. Marian wollte keinerlei Besucher in das Krankenzimmer lassen, und Isa- bel bestand auf ihrem Recht, am Krankenbett ihrer Verwandten zugegen zu sein.
„Ich höre von der Wärterin, daß es Lady Wayne heute abend nicht so gut geht, daß sie fiebert und irre spricht," sagte sie eines Abends zu Miß West.
„Es ist wahr: und um so nötiger ist's, sie ganz ruhig und ungestört zu halten", war die ruhige Entgegnung.
„Die Wärterin sagt auch, ihr einziger Schrei, ihre einzige Idee sei, ihr Kind sei tot", fuhr Mrs. Wayne fort und bohrte ihre Hellen schachen Augen in Marian's Gesicht. „Das ist doch eine merkwürdige Idee nicht wahr?"
Aber das ruhige, unbewegliche Gesicht verriet nichts.
„Das ist nur die Folge ihres nervösen Fieberzustandes", sagte sie; „sie wird die Idee schon verlieren, wenn sie bester wird."
„Es scheint doch merkwürdig, daß sie da liegt und über ein totes Kind klagt und jammert, wo sie doch den stärksten, gesundesten Jungen hat, den ich seit langem gesehen."
„Nichts ist merkwürdig, wenn jemand deliriert", gab Marian zurück. „Ich habe von wilderen und gefährlicheren Einbildungen als diese, sogar bei anscheinend nicht durch Krankheit ange- griffenen Leuten, gehört. Meine Schwester scheint mir im übrigen heute besser; bald wird sie wieder wohlauf sein."
Denselben Abend hatte Lord Wayne sich still ins Krankenzimmer geschlichen, um einen Blick auf feinen prächtigen Erstgeborernen zu tun. Marian saß am Bette ihrer Schwester. Lady
rungen sind zu verzeichnen z. B. beim Schießen mit Granaten, wo das Gruppenschießen fortan auf Gabelmitte erfolgt, während es bisher auf der Gabelgrenze erfolgte. Die Erfahrung aus zahlreichen Schießen hat nämlich gelehrt, daß bei dem bisherigen Verfahren meistens fchließlich die in der Mitte liegende Entfernung die zulref- sende ist. Neu ist auch das Streuschießen mit Schrapnells, das bisher nur mit Granaten zur Anwendung kam. Für das Schießen gegen Fessel- ballons werden die Batterie - Pläne durch einen Ballon-Plan vervollständigt. Zur Bekämpfung von Panzerbauten in beständigen Befestigungen sind vorzugsweise Mörser geeignet. Das Schießen mit Handfeuerwaffen entspricht in den Grundsätzen und der Anordnung der Schießvorschrist sür die Infanterie.
X Wer die Wichtigkeit der Teilnahme am Kommunalleben noch nicht eingesehen hat, den muß es die folgende Mitteilung lehren, die auS Nürnberg kommt. Man lese:
„Ein sozialdemokratischer Kirchenverwalter ist Herr Treu in Nürnberg. Der Magistrat hat Herrn Treu in seiner Eigenschaft als Stadtverordneten cazu ernannt. Das kalh. Pfarramt war damit freilich nicht einverstanden und erhob beim Magistrat Einspruch. Dieser aber antwortete dem Psarramte, aus die Äon» sesston und politische Gesinnung des städtischen Ver- ireters in der Kirchenverwaltung komme es nicht an (!) Nun hat das Pfarramt die Regierung um Abhilfe ersucht."
Dazu muß man noch roiffen, daß dieser Herr Treu ein von seinem Glauben abgefallener Israelit ist. Eine Persönlichkeit mit derartigen „religiösen" Anschauungen soll geeignet sein, eine christliche Kirche zu verwalten. Die Haltung der Stadtverwaltung in Nürnberg ist nur zu verstehen, wenn man in den Geist sich hineinzudenkcn versucht, der die bayrrischen Liberalen beherrscht.
Ausland. r
** Der Nationalitätenstreit in Oesterreichr Der neue Sprachenerlaß an die Präge. Postdireklion soll bekanntlich dem tschechischen Terrorismus im Postwesin Einhalt getan werden. Wad) dem Erlaß werden vorläufig die Bestimmungen Anwendung finden, die am 1. Januar 1907 in Geltung waren. Dadurch wirs zwar innerhalb der Prager Postdirektion die innere deutscheAmlssprache wiederhergestellt,die tschechische Amtssprache bei den Postmeistern in den tschechischen Orten außerhalb Prags bleibt aber aufrechterhalten. Viel Nutzen wird der Sprachen- erlaß nicht baden, wenn er nicht gar noch den Streit verkchärst.
** Die österreichisch-italienischen Beziehungen lasten wieder einmal oiet zu wünschen übrig. In Rom sind Gerüchte im Umlauf, daß Freiherr v. Aehrenthal dem italienischen Minister Tiltoni das Versprechen gegeben habe, für die italienische Bevölkerung in Oesterreich eine italienische Uni- versität in Triest zu errichten. Nachdem letzthin die österreichische Regierung im Prrlament einen Antrag auf Errichtung einer italienischen Fakulität in Wien eingebracht hatte, soll Tittoni seine Demnsion erbeten Haden. Nunmehr hat sich angeblich Deutschland zur Vermittlung bei den beiderseitigen Atli erten entschlossen. Fürst Bülow hat in '11 ien Schritte getan, in denen er die Berücksichtigung der ilalieniichen Wünsche im Interesse des Dreibundes empfohlen hat.
Wayne war in einen leichten Schlummer gesunken, von dem man Besserung für sie erwartete.
„Marian" sprach endlich eine schwache Stimme, „bin ich sehr krank gewesen?"
Ter Ton und die Frage riefen in Marians Gemüte die Erinnerung an das, was vor Jahren sich ereignet, mit solcher Macht und Deutlichkeit wieder wach, daß sie eine ganze Weile lang nichts zu erwidern vermochte.
„Du bist sehr krank gewesen, Liebling", gab sie endlich flüsternd zurück.
Jäher Schrecken malte sich in den schönen Zügen
„Ich bin krank gewesen", flüsterte sie angswoll, „und rings uni mich waren Fremde, nur Fremde! O, Marian, Marian, habe ich etwas verraten?"
Eine Welt voll Angst sprach aus dem wiloen Blick. Marian beugte sich ruhig, aber tief über sie.
„Nein, nein", flüsterte sie. „Ich bin bei Dir gewesen. Ich habe Dich gewartet. Lord Wayne ist hier, und wenn Tu ganz gut und geduldig und ruhig sein willst, sollst Du auch Deinen Kleinen sehen; er ist so hübsch und lieb wie ein Rosen- knöschen."
Tie einzige Erwiderung war ein lauter Wein- kramps; der Schrecken war so groß, die Erleichterung aber noch größer und schwerer zu ertragen gewesen. Lord Wayne trat an die Seite seiner Gattin.
„Evelyn, Liebling", flüsterte er weich, „warum weinst Du?"
„Weil ich glücklich bin", flüsterte sie zurück, und Marian West wandte sich bei diesen Worten ab. — Gott helfe allen, die etwas zu verbergen haben! —
Man brachte den Kleinen zu ihr und legte ihn ihr in die Arme. Wer wußte, weshalb sie so leidenschaftlich weinte? — Im Geiste lah sie ein kleines, grünes Grab, in weiter, weiter Ferne, das nie von Muttertränen betaut gewesen, — ein kleines Grab, um das sich niemand kümmerte, das niemand kannte — ein kleines Kind, das nie in ihren Armen gelegen, dessen Gesichtchen ihre Liv-
** Heber den Zustand der französ. Kriegsflotte hat der frühere französische Kammerpräsident Doumer, der in der Marine-Kommission eine leitende Stelle einnimmt, einen Aufsatz im ,Matiw veröffentlicht, in dem er aussührt, daß die französische Flotte unzweifelhaft und sichtlich in ihrer moralischen und materiellen Stärke geschwächt fei. Der Verfasser weist zum Beweise seiner Behauptung auf die vielen Fälle hin, in denen in der letzten Zeit die Flotte so übel von sich reden gemacht habe. Frankreich, das vor kaum 10 Jahren den zweiten Rang unter den Seemächten eingenommen habe, fei jetzt auf die vierte, ja fünfte Stelle getunten. Zum Schluffe fordert Doumer, alljährlich den Bau von zwei Gruppen von 6 oder 8 Schiffen in Angriff zu nehmen.
* Zum russischen Marineminister ist Admiral Wojewodski ernannt worden.
volkswirtschaftliches und Soziales.
)( Gegen das Borgunwesen richten sich augenblicklich vielfache Aufrufe von Hand Werkskammern. Sie wenden sich vornehmlich an die Handwerker selbst. So liest man bielfad) die Aufforderung, bei der Ablieferung von Waren sogleich die Rechnung beizufügen ober diese mindestens monatlich auszuschreiben, keinesfalls aber mit der Zusendung der Rechnungen länger als ein Vierteljahr zu warten und eventuell bei Zahlung innerhalb gewisser Zeit einen entsprechenden Skonto zu gewähren. Diese Handhabung wird von einsichtigen Bestellern und Abnehmern um so weniger als eine Unbequemlichkeit oder Mahnung aufgefaßt werden, als sie geeignet erscheint, Streitigkeiten über den Preis, über Abzüge usw. von vornherein auszuschließen. Ferner richten die Kammern an das kaufende Publikum die dringende Bitte, die Rechnungen der Handwerker sogleich nach Empfang zu bcgleidjen. Wird hierdurch der jetzt besleherrde Mißbrauch der ausgedehnten Kreditgewährung and) nickt gleich gehoben, so werden doch Verkäufer und Käufer allmählich an eine geordnete Zah- lnngsweise gewöhnt; damit würde wenigsten? die Umkehr zur Besserung angebahnt werden. Der erhebliche Vorteil einer geregelten Zay- lungsweise liegt darin, daß der Handwerker und Gewerbetreibende billiger einkaufen reib, produzieren, folgerichtig auch billiger verkaufen kll'U.
Aus dem Nachbargebiet.
X Salzschlirf, 23. Jan. 1909. Der Eisenbahn - Praktikant Fritz Ney bestand vor der Prüfungs-Kommission der Großherzogl. Eisenbahn- Direktion Mainz das Fachexamen erster Klasse.
o Hünfeld, 24. Jan. 1909. Die hiesige Ortsgruppe des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde hatte am vorigen Freitag abend im Hotel „Znm Engel" eine Sitzung, in der Herr Rektor Sonder geld einen Vortrag hielt über daS Thema: „Die Wanderung deS Menschen nach dem mittleren Europa und seine ältesten Spuren in unfever engeren Heimat." Der Redner ging von den verschiedenen Perioden der Erdenlwickelung aus und bemerkte, daß der Mensch erst in der Quartärzeit, und zwar im Zeitalter des Diluviums, auf der Erde erscheint. Aus der Urheimat im mittleren Asien hätten sich in vor- geschichtlicher Zeit drei Völkerwellen über Mittelund zum Teil auch über Nordeuropa ergossen.
pen nie berührt — und ein scharfes Schwert de» bittersten Schmerzes durchdrang ihr Herz.
„Es tut nicht gut, Mylady, Tränen auf daS Gesicht eines Neugeborenen fallen zu lassen", sagte die Wärterin endlich.
„Es sind keine Tränen", versetzte Lord Wayne voll Vaterstolz; „es find Tropfen purer Freude. Den Erben aller Waynes, wie sollen wir ihn nennen, Evelyn? Mach' schnell, daß Du gesund wirst, Lieblmg, daß wir uns darüber einigen.”
Und sie wurde schnell wieder wohl, und sie nannten den Kleinen Raymond, nach einem seiner Vorfahren, der im hl. Lande den Heldentod gestorben.
Das nächste Jahr ward ihnen ein Töchterchen geboren, da? Elsie genannt wurde; ein Jahr später ein zweiter Sohn, der den Namen Harry erhielt. Sie erhielten nicht mehr Kinder; — Raymond, Elsie und Harry bildeten eine prächtige Gruppe.
So verfloß Jahr auf Jahr und brachte keine Wolke über Kenninghall. Marian West dachte oft, daß ihre schöne Schwester die Höhe menschlichen Glückes erreicht habe; sie wurde verehrt und vergöttert von ihrem Gatten, angebetet von ihren Kindern, geliebt von allen ihren Freunden, trat eine Königin, was gesellschaftlichen Rang an* betraf — kurz, ein Günstling des Glücks in jeder Beziehung. Ihre Prophezeiung hatte sich erfüllt — sie teilte den Thron der Herzogin von Chis- ledon; keine Wolke stand an ihrem Himmel.
„Wie dankbar, wie glücklich bin ich", sprach Marian oft zu sich selbst, „daß ich jene unselige Vergangenheit von uns getrennt weiß! Seht auf Eve, geliebt, schön, glücklich, reich, ein geehrtes Weib, eine geehrte Mutter; wohingegen, wenn das bekannt geworden wäre, sie jetzt ihr Leben einsam vertrauerte. Wie freue ich mich, daß ick alles geheim gehalten habe!"
Und es kam ihr kein Gedanke, ,daß eines Tages alle Geheimnisse bekannt werden müssen, gleichwie das Meer seine Toten wieder heraus* gibt.
(Fortsetzung folgt.)