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uldaer W Zeitung

3^at$eiet i» Md«. roodfcnbettace; „Illustrierte Sonntagrzeitung

Mmakdellage: „Fuldaer GeschlchtrblAter"

Fulda, Sanlstaq den 23. Januar 1909

JV2 18.

36. Jahrgang.

trschelni tv-lich mit Lmnahme der Soj» «nd Feiertage viertel- iährllcheryezugrprei, ohne Vrtngerlohn «nd SestrLgeldin Fulda s»- wie auswärts X.seiilL

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Awertes Wlcrtt.

Wochen-Rundschau.

[:} 3uloa, 22. Januar 1909.

Die parlamentarischen Arbeiten haben am Dienstag eine Anregung erhalten, die wahrschein­lich für den größten Teil der Session von Bedeu­tung sein wird. Der preußische Ministerpvä- fident Fürst B ü l o w hat im A b g e o r d n e t e n- Hause eine große Rede gehalten, die mehr auf die Rcichspolitik als auf die preußische Politik zu- geschnitten war. Tie Rede verbreitete sich über allez mögliche: Sparsamkeit, Nachlaßsteuer, Wahl­rechtsfrage, Fall Schucking und Stellung der Be­amten zur Politik, Besetzung des Kultus ministe- riums, Novemberkrisis und Verhältnis von Krone, Ministern und Volk untereinander, Kampf gegen die Sozialdemokratie, Mäßigung der Kritik, Er­mahnung zur Stärke, Bescheidenheit, Einfachheit und Nüchternheit. Mehr Themata für eine Rede kann man nicht gut verlangen. Unter der Viel­seitigkeit muß natürlich die Gründlichkeit leiden. Aber es würde irrig sein, wenn man nach der äußeren Aufmachung die Rede als eine gelegent­liche Truttifrutti-Plauderei, als einen improvisier, ten Einschlag in die Etatsdebatte betrachten wollte. Sie war in ihren Hauptpunkten wohl 'vorbereitet und verfolgte in ihrer Vielseitigkeit «inen bestimmten Zweck. In einigen Berliner Blättern hat nian dem Vortrage sofort den Stem­pel „Blockrede" aufgedrückt; Fürst Vülwv soll damit die Uebcrtragung der Blockpolitik auf Preußen haben einleiten wollen. Wir möchten das Ziel etwas genauer umschreiben: Der rote Faden ist offenbar die Erziehung der K o .r s e r- vativen. Und zwar nicht bloß der selbstbe­wußten Konservativen in den Parlamenten, son­dern auch der konservativen Elemente in den hö­fischen und militärischen Kreisen, denen Fürst Bu­low zu wenig royalistisch und zu sehr liberal vor- kommt. Von diesem Gesichtspuntte aus bekommt die buntscheckige Rede ein einheitliches Gepräge. Die Sparsamkeitspreätgt bildet eine harmlose Ouvertüre. Nicht ohne Absicht werden Mch die Parlamente der Mitschuld an der üppi­gen Wirtschaft geziehen — wegen Liebedienerei igegen die Wähler! Auch den Ausfall auf die an- Leblich« sozialpolitische Verschwendung hört man gern in den Kreisen, die Fürst Bülow für sich ge- Winnen möchte. Tann kommt die Mahnung an die Konservativen, sich zur Nachlaß st euer zu bekehren. Ein direkter Versuch, vom preußischen Abgeordnetenhause aus die finanzpolitischen Schwierigkeiten im Blockreichstage zu beschwören. Das dritte Thema bildet die Wahlrechts- f r ag e. In den konservativen Kreisen würde es derschnupfen, wenn die Reform stark betont würde. Für den augenblicklichen Zweck der Bülowschen Beredsamkeit würde es auch nicht förderlich sein, wenn er die Hoffnungen der Nationalliberalen auf ein ihren Interessen angepaßtes Pluralwahl­recht bekräftigen wollte. Also gebot die „Taktik" Schweigen, und in der Tat versicherte Fürst Bü­low, daß er nichts weiter sagen forme, als was schon in der Thronrede stehe. Viertens: Fall Schückinz und Beamtenpolitik. Ueberra- ßhend scharf war vor allem die Auffrischung des bekannten Bismarckschen Erlasses über die Ver­pflichtung der politischen Beamten zur Unterstü­tzung der Negierungspolitik: „Es geht U'cht an «nd ich dulde es nicht, daß die Beamten glauben, Politik auf eigene Hand treiben zu können." Das

zielt zweifellos auf die entschieden konservative Beamtenschaft. Der fünfte Passus über die Krank- heit des Kultusministers Holle war gewiß Haupt- sächlich der Ankündigung gewidniet, daß im Früh­jahr die Neubesetzung des Kultusministeriums in Aussicht stehe. Es liegt der Gedanke nahe: die Parteien werden „nach Verdienst" berücksichtigt werden. Tann kommt der interessantes!- Ab- schnitt über die j ü n g st e K r i s i s und ihre Nach- Wirkungen. Tie ganze Darlegung dient dem Zwecke, den Redner von den Vorwürfen zu ent­lasten, die gegen ihn wegen mangelhafter Königs­treue erhoben worden sind. Von einer „Kama­rilla" sprach Fürst Bülow nicht ausdrücklich, aber er kämpfte nicht bloß gegen Zeitungsarrikel, son­dern auch „gegen Klatsch und Oucrelen". Die Ausführungen waren sehr sorgfälrig und zielbe­wußt abgewogen. Daran schloß sich, anscheinend ohne inneren Zusammenhang, ein Aufruf zur Ab­wehr der Sozialdemokratie. Diese Ab- schweifung ist Wohl zu erklären aus dem Bedürf- nis, sich zu wehren gegen die Verdächtigung, daß die Regierung nicht stramm genug die Abwehr der roten Gefahr betreibe. Vielleicht ist auch von Gegnern des Fürsten Bülow geltend gemacht wor- den, daß seine Freunde und Stützen, die Libera­len, sich jetzt im Westen mit den Sozialdemokra­ten verbrüdern und so die Uebertragung der ba­dischen Großblockpolitik einleiten, lieber diesen heiklen Punkt der Blockpolitik schwieg aber der kluge Redner, um nur allgemein die Abwehr zu preisen und sogar die Möglichkeit eines neuen Re- pressivgesetzes erscheinen zu lassen. Es war also System in der vielseitigen Rede. — Die Etats­debatten im Abgeordnetenhause waren eingeleitet worden mit einer Rede des Finanzministers Frei­herrn v. Rbeinbabeu. Das Finanzbild, das er entwarf, war keineswegs erfreulich. Das Fahr 1907 schließt mit einem Defizit von 71 Millionen, für das Jahr 1908 rechnete er sogar einen Fehl­betrag von 165 Millionen heraus, und die Per­spektive für das Jahr 1909 war ebenfalls keine rosige. Die Erklärung der großen Fehlbeträge ist in erster Linie zu suchen in dem durch die rück­läufige Konjunktur veranlaßten Rückgang der Eisenbahnüberschüsse.

Der Reichstag ist in,die zweite Lesung des Etats eingetreten. Die Vornahme des Justiz­etats ging ziemlich ruhig vonstatten. Von ver­schiedenen Seiten wurden Ausführungen laut, die der Regierung nahe legten, daß man im Lande den Prozeß Eulenburg noch nicht für beendigt halte, was dem Staatssekretär Nieberding Ver­anlassung gab, vor seiner erstaunten und ungläu­bigen Zuhörerschaft die Behauptung aufzustellen, daß Fürst Eulenburg mit der ganzen Schärte des Gesetzes behandelt worden sei, unb daß ihm irgend welche Vergünstigungen in keiner Weise gelvährt worden seien. Neben dem Jusiizetal und zahl­reichen kleineren Vorlagen kam auch noch ein Ge­genstand von höchster sozialpolitischer Bedeutung zur Verhandlung. Der Arbeit s kam merge- setzentwurf der Regierung Mirde in erster Lesung beraten. In dem schon Jahre währenden Streit der Meinungen darüber, ob zur Wahrneh­mung der Interessen der Arbeiterschaft reine Ar­beiter kam mern gebildet werden sollen, in denen nur Arbeiter das Wort haben sollen, oder pari­tätische Arbeitskammern, in denen Arbeiter und Arbeitgeber in gleicher Stärke vertreten sind, hat sich die Regierung zu paritätischen Arbeitskam­mern entschieden. Eine zweite Hauptfrage war die, ob diese Arbeitskammern auf beruflicher oder auf bezirksweiser Grundlage errichtet werden sol­len. Die Vorlage hat sich für Berufsorganisation entschieden. Die Vorlage, die der Staatssekretär

von Bethmann-Hollweg mit einer äußerst geschick- ten Rede im Reichstag einbrachte, wurde fast von allen Seiten, besonders auch von den Zentrums- rednern, den Herren Trimborn und Giesberts mit dankbarer Genugtuung ausgenommen.

Von den Einzelstaaten nahm dieses Mak be­sonders Württemberg das allgemeine In- teresse in Anspruch. Dort batte Bisckwf Tr. Kepp­ler von Roltenburg feierlich Verwahrung gegen die Stellung eingelegt,,die die Regierung in der Frage der Volksschule eingenommen hat. Darauf hat es im Landtag stürmische Aussprachen ge­geben, wobei besonders der Führer der „deutschen Sßnrtei", der Nattonalliberale Dr. Hieber, ein Vorstandsmitglied des Evangelischen Bundes, sehr laut über die römische Anmaßung und dergleichen gewettert hat. Der Erfolg ist allerdings nicht der gewünschte gewesen; die Konstellation der Parteien im Landtage hat es noch einmal ermög­licht, der Einführung der Simultanschule einen Riegel vorzuschieben.

Nachdem Oesterreich-Ungarn mit {ei­nen Verhandlungen mit der Türkei endlich zum Ziele gekommen ist, macht sich der innere Zwist in der Donaumonarchie wieder in stärkerem Maße geltend. Sowohl im böhmischen Sprachengebiet wie auch in Ungarn ist genug Stoff vorhanden, um die Gefahr einer kräftigen Erplosion befürch­ten zu lassen. Nach der Absicht der Wiener Regie­rung sollte eine deutsch-tschechische Enauete die Grundlage für eine Verständigung veranlassen. Man wollte zwei- und einfprachige Gebiete fest­stellen, um die Sprachenstreitigkeiten beizulegen. Aber infolge mehrerer unglücklichen Maßnahmen von Wien ans fühlen sich die Deutschen in ihren Rechten verletzt, sodaß es noch sehr fraglich ist, ob sie an der Enquete, von der wir uns freilich äußerst wenig versprecheil, teilnehmen werden. Sii^ß in Ungarn weiß man noch nicht, wie die Bank- und Armeefrage gelöst werden soll. Auch hier wird sicherlich die nächste Zeit äußerst stür­misch werden.

Auf der Pyrenäen-Halbinsel, in Spanien und Portugal gährt es bedrohlich weiter. Ans Lissabon wurde in den letzten Tagen über London aufsehenerregende Meldungen gebracht, die von einem starken Awvachsen der Revolutionä­ren sprachen. Offiziös wurden diele Nachrichten ztvar dementiert, aber auch Pariser Blätter haben ebenfalls aus Lissabon berichtet, daß die Atten- tatsversuche gegen das Königshaus keineswegs nachaelasten hätten. Etwas Wahres dürfte daran wohl sein.

In der Balkanfrage ist die Verftändig- ung zwischen Oesterreich-Ungarn und der Türkei so ziemlich perfekt geworden. Das Protokoll soll auch bereits unterzeichnet worden fein, bedarf aber noch der Genehmigung der Parlamente. Zweifellos wird diese erfolgen, und damit dürfte das größte Hindernis einer erfolgreichen Balkan- konferenz beseitigt sein. Auch die Serben und Montenegriner haben jetzt endlich eingesehen, daß sie nirgends in ihrer Hetze gegen Oesterreich- Ungarn einen Anhalt finden. Sie rasen »war noch weiter, aber die besonnenen serbischen Führer werden schließlich doch die Oberhand behalte;., zu­mal matt allmählich einsieht, daß ein Krieg ohne Unterstützung seitens einer Großmacht ihre Lage nicht verbessern wird.

In den Vereinigten Staaten hat Prä­sident Roosevelt, nachdem er acht Jahre lang die Präsidentschaft zum Besten des Landes geführt hat, noch einen sehr schnnitzigen Kamvf zu be­stehen. Einige von jenen Leuten, die er wieder­holt als „Hallunken" und „Blutsauger" bezeich­net hat, die großen Geldmänner der Trusts näm­

lich, haben eine große Preßkampagne zur Vernich­tung der Rooseveltschen Ehre eingeleitet. Die Regierung hat ober sogleich kräftig zugegriffen und gegen eines der am meisten beteiligten Blät- ter einen Prozeß anhängig gemacht. — Tie fa­st a n i s ch e F r a g e ist in den Vereinigten Staa­te« abermals aufgerollt worden durch die kali­fornischen Bestimmungen, die sich gegen das wei­tere Eindringen der Japaner richten. Präsident Roosevelt versucht zwar das Inkrafttreten dieser Bestimmungen zu verhindern, und hat den Japa­nern auch wiederum Hoffnung gemacht, daß sie in den Vereinigten Staaten nicht mehr belästigt werden würden. Ob er aber imstande sein wird, diese Hoffnung zu erfüllen, ist noch sehr zweifel­haft.

[j Die politischen Beamten.

In seiner Siebe im preußischen Abgeordneten­haus hat Fürst Bülow sich auch mit den poli­tischen Beamten beschäftigt. Er hat sich auf einen alten Erlaß Bismarcks berufen und erklärt, er werde ihn unerbittlich gegen alle die Beamten anwenden, die sich gegen die Negierungspolitik betätigen würden.

Diese Aeußerung hat ebenso lebhaft überrascht, wie jene, aus der man die Ankündigung eines neuen Sozialistengesetzes herauslesen kann. Ein offensichtiger Grund lag für so zornige Aeuße- rungen nicht vor. Vorher gingen die Bemerkun­gen zum Falle Schücking Kein Mensch nimmt aber an, daß sich die Drohung gegen die links­stehenden Beamten richtet. Viele sind im Gegen­teil der Ansicht, daß die Regierung gesonnen ist, mit Hilfe der Beamten den konfervativen Widerstand gegen die Nachlaß st euer zu brechen.

Die Regierung hält an dem Plane einer Aus­dehnung der Erbschaftssteuer auf Kinder und Ehegatten fest. Die offiziöse Presse ließ darüber itH die Wochen hindurch keine Zweifel, und jetzt hat es Bülow rwch einmal recht nachdrücklich be­tont. Ta gilt es nun, den Widerstand der Kon­servativen zu brechen. Es ist aber bei diesen knur­rigen Herren wenig zu machen. Sie sind ja die' Unabhängigkeit selber. Ist doch noch vor einem Jahre einem von ihnen die Aeußerung nachgesagt worden, die „Regierung könne ihm den Buckel herunterrutschen". Daß das Zentrum der Re­gierung diese Steuer mit ihren so schwerwiegen­den Folgen für den Bauernstand nicht heraus­hauen wird, weiß Bül^w sehr wohl. Gelingt es aber nicht, wenigstens eine Steuer durchzufüh­ren, die den B e f i tz, den Reichtum trifft, dann, wird der Freisinn sich doch sehr wohl bedenken müßen, ob er es vor den wenigen Getreuen im Lande, die ihm noch geblieben sind, wagen darfi den gesamten Mehrbedarf des Reiches kleinen Leisten, der breiten Masse, aufzuhängen. Soll also die Reichsfinanzreform unter Dach und Fach gebracht werden, dann muß Bülow alles daran­setzen, die Konservativen umzustim« in e n.

Eine Möglichkeit dazu bietet ihm der starke Prozentsatz der Beamten in den konser­vativen Reihen. Die Beamten sind bei dieser Erbschaftssteuer recht gut daran. Sie hinter­lassen ihren Hinterbliebenen eine staatliche Pen­sion für Witwen und Kinder, die bei den höheren Beamten mit einer Familie von durchschnittlicher Größe den ehrlichen Wert von 50 000 jft hat. Diese Pension verfällt der Erbschaftssteuer nicht. Anderes vererbbares Vermögen ist in den in Be­tracht kommenden Kreisen nicht übermäßig viel vorhanden. Die altpreußische Sparsamkeit, von

Unpolitische Zeitkäufe

(~) Berlin, 21. Januar 1909.

- (Nachdruck verboten.)

Eine kleine Geschichte von einem Er d b e b e n- k o in i t e e finde ich in der B. Z. am Mittag. Auf einem Bahnhof in Rom hatte eine Gesellschaft von mildtätigen Damen ihr Quartier aufgeschlagen und erwartet Eisenbahnzüge mit Verwundeten und Flüchtlingen aus dem Erdbebengebiet. Lange warten sie vergebens. Endlich läuft ein Zug von Neapel ein. Alles stürzt an die Wagen. Aber es sind lauter gewöhnliche Reifende, die da aus- ftrigen. Nur aus dem letzten Wagen klettert lang­sam und mühselig ein Mann auf Krücken. End­lich ein Hilfsbedürftrger! Die wohltätigen Da­men eilen auf ihn zu, heben ihn vom Trittbrett, sichre« ihm zum Erfrischungstisch, bieten ihm die schönsten Leckerbissen an und überschütten ihn mit süßen Worten und Leckerbissen. Der Alte ist ganz verwirrt. „Woher kommen Sie denn, Sie Aerm- fkr? Aus Messina oder aus Kalabrien?" — „cd>? stammelte der Alte, „ich komme aus Fro- zrnone. (Ein kleines Nest in der Äampagna, W2 Stunden von Rom.) Die Damen sind grim- Mlg enttäuscht, daß sie ihre Liebenswürdigkeit an einen Krüppel aus der Nachbarschaft verschwen­det haben. Der lahme Greis steht alsbald ganz allein da.

Ich kann die Wahrheit der Geschichte nicht ver- bürgen; aber unwahrscheinlich ist sie nicht. Tie wohltätigen Damen waren wegen der Ovfer des großen Erdbebens auf den Bahnhof gekommen, und nun waren sie an einen Krückengreis gera­ten, der gar nicht weit her war. Gebrechliche und hilfsbedürftige Leute aus dem eigenen Ort oder der Nachbarschaft hat man all- Tage um sich; das ist doch nichts besonderes, weshalb sich feine Damen zu bemühen brauchten. Aber wenn die Hilfsbedürftigen vom Schauplatz einer welter­schütternden Katastrophe kommen, dann ist die Wohltätigkeil „interessant".

Wenn die Damen klug gewesen wären, so hät- ten sie gute Miene zu dem neckischen Spiel ge- Macht und den Alten von Frozinone noch weiter

bemuttert. „Kommen Sie, alter Mann, Sie sind hilfsbedürftig, und das genügt, wenn Sie auch nicht beini Erdbeben gewesen sind. Nehmen Sie etwas zu essen und zu trinken, und dann wollen wir Ihnen weiter helfen." So wäre die Sache zu allseitiger Befriedigung verlaufen und — gar nicht in die Zeitungen gekommen. Aber wenn die Damen nun einmal auf das „große" Unglück ihr Sinnen und Trachten gerichtet hatten, io muß man ihnen die Enttäufchung schon zugute hal­ten. Es ist menschlich, wenn sich in das Wohltun so etwas Einseitigkeit und Effekthascherei mischt. Besser ist es freilich, diese menschlichen Schlacken abzustreifen.

Ein Schicksalsschlag, der mehrere Hunderte oder gar tausende und zehntausende von Opfern mit einem Male dahinrafft, erschüttert uns im Grund» des Herzens und regt unsere Tatkraft mächttg an. So ist es recht, und ich hoffe, daß die Leser allzu- mal ihrer Teilnahme für die Hinterbliebenen von Messina und Kalabrien durch ein Almosen Aus­druck gegeben haben. In der ganzen Welt ist die Mildtätigkeit aufgeflammt; ein schönes Zeugnis, daß ttotz alledem noch brüderliche Liebe unter den zersplitterten Nachkommen Adams herrscht. Hoch soll das Lied erklingen von Elchen F c st ta g e n der Nächstenliebe. Nur möchte ich die Mahnung beifügen: vergessen wir auch nicht auf die Wer k- tagsarbeit der Nächstenliebe. Sie ist nicht so „interessant", aber ebenso notwendig und nützlich. - Alle Tage sehen wir rings umher Opfer des Unglücks leiden und darben und dahinsterben. Nicht infolge einer auffallenden Katastrophe, son­dern unter der Einwirkung der irdischen Mängel und Nöten. Armut, Krankheit, Hunger, Schmach, Kummer, Verzweiflung gehen wie Würgengel um­her und fasten bald hier bald da ein unglückseliges Menschenkind. Diese Opfer des Unglück?, sind räumlich getrennt, aber wenn wir sie zusammen- reckmen, so kommen nicht Hunderte oder Tau­sende, sondern Millionen. Und die Kette der Un- glücklichen reißt nicht ab. Die Schlagwetter in den Bergwerken «rachen eine Pause, und wenn das Erdbeben sich ausgetobt hat. so scheint wieder die Sonne friedlich auf das erschütterte Gebiet. Das „gewöhnliche" Elend aber, die Krankheiten und

die sonstigen Leibes- und Seelennöte, die fressen unaufhörlich weiter und häufen fort und fort neue Opfer auf die alten, die langsam verderben in herbem Jammer.

Weil das Unglück überall und allezeit zu Haufe ist, haben die Herzen der Menschen sich nur zu sehr daran gewöhnt. „T-as ist nun einmal so der Lauf der Welt; barmt läßt sich nichts ändern." Bis -aß uns selbst das Elend packt! Dann seufzen wir nm Mitleid und Hilfe; dann begreifen wir nicht, daß die Mitmenschen so ruhig vorüber­gehen, ihren Geschäften und ihren Vergnügungen nach, ohne sich um unser Unglück zu flimmern.

„Tas läßt sich nicht ander n‘f, sagt man. Aber lindern läßt es sich, wenn nur Alle Liebe im Herzen und in den Händen hätten. Liebe auch an den Werktagen, wenn die Dinge ihren her­gebrachten Lauf nehmen; Liebe auch gegenüber de» „ge wohnlichen" Heimsuchungen, an denen nichts auffälliges ist und mit denen sich fein Staat machen läßt. Mildtätigfeit auch dann, wenn sich fein Sport damit treiben läßt, sondern nur eine stille, ernste Arbeit, die außer dem lieben Gott kaum jemand beachtet

Das ist die K l e i n a r b e i t der Nächstenliebe. Wenn eine gute Frau einer kranken Mutter in der Nachbarschaft ein nahrhaftes Süppchen kocht und in der verlaßenen Wirtschaft mol nach dem Rechten sieht, so sieht das „klein" aus und kommt auch in keine Zeitung. Aber es geht ein großer Segen davon aus für die Derlastenen, und wenn jeder, der es kann, auf seinem Posten tu ähnli­cher Weise mit „kleinen" Hilfeleistungen in der Not eingriffe, so würde ein wahrer Strom des Trostes und der Erquickung sich über die Welt er­gießen. Der Strom setzt sich aus lauter Tröpf­chen zusammen. Schaffe auch du ein Tröpfchen des Wohltuns, wo immer sich dir Anlaß und Ge­legenheit bietet

Hier ein linderndes Tröpfchen und da wieder eins! Es ist nicht schwer und nicht kostspielig. Es braucht nickst immer bares Geld dabei zu fein; manchmal ist das bare Geschenk sogar schlecht am Platze. Eine Hilfeleistung, eine Ueberlastung Iwn Nahrungsmitteln, Kleidungsstücken oder Feue- rungsstoff «sw. kann ohne spürbares Opfer reichen

Segen bringen. Und in manchen Lagen wirkt — guter Ratschlag wie ein erlösender Engel. Wer selbst nichts hat oder nichts leisten lärm, vermag nicht feiten, dadurch zu helfen, daß er an geeigneter Stelle für den Unglücklichen ein gutes Wort ein­legt. Zum mindesten bleibt aber jedem die Mög­lichkeit, durch einen fteundlichen und fröhlichen Zuspruch das Gemüt des Leidenden zu erquicken. In unseren guten Tagen vergeßen wir zu oft, daß gerade die Gedrückten und Geplagten eine s« große Sehnsucht nach der Achtung und der Teil­nahme ihrer Mitmenschen haben. Es plagt sie der Verdacht, daß man sie nicht mehr für voll an» sehe und sie als heruntergekommen und verloren betrachte. Darum sollte man gerade gegen die heimgcsuchten Mitmenschen im Verkehr besonders aufmerksam, höflich und freundlich sein. Das beißt: wirklich freundlich, nicht mit einer steifen, gequälten Höflichkeit, die wie kalte Her­ablassung wirkt

Diese Kleinarbeit der Nächstenliebe^ bringt keine Früchte des Ruhmes, aber sie trägt doch einen reichen Loh» in sich. Jedesmal, wenn man einem leidenden Mitmenschen eine Freude ge­macht hat, ftihlt man sich im eigenen Herzen er­leichtert und erquickt. Das freubtge Aufleuchten in seinem Auge weckt auch Freude in unserer Brust. Obschon wir un» auf die Kleinigkeit nichts einbilden können, ist es doch ein behagliches Be­wußtsein, etwas gutes und nützliches getan z« haben. Nebenbei regt sich der Gedanke: Wer weiß, ob ich nicht auch mal tröst- und hilfsbedürf­tig werde? Es ist doch gut, wenn ich mir etwas Anwartschaft auf Nächstenliebe verdient habe.

Das „Vergelt's Gott" aus einem dankbaren Munde ist ein kurzes Gebet, aber ein kräftige- Gebet. Es kommt für jeden eine Stunde, wo et nach dem Segenswunsche seiner Mitmenschen Be­darf und Begehr hat, und wenn die Prüfungs­stunde lange auf sich warten läßt, so kommt sie doch am Tage des Todes. Sammeln wir unS Freunde in unserer Not, indem wir uns als Freunde in ftemder Not bewähren. Kleinarbeit mit großer Erntet