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3.5SSS«. n>odiatbdm$e: „Illustrierte Sonirtagszeitung"

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Monatrbeilage: „Mdaer Geschichtsblatter"

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Rotationsbrndunb Verlag der Fuldaer Ak- tienbrutferei in Fulda Fernsprecher Hr. 9.

M 18.

Fulda, SamsLaq den 23. Januar 1909.

36. Jahrgang.

Krftes Wlcrtt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 22. Januar 1909.

Graf Stolberg erbittet und erhält die Ermächtigung, beu Kaiser zu (einem 50. Geburtstag die Glückwünsche des Hause- darzubrinren. — DaS HauS tritt dann tn die Besprechung der Interpellationen Albrecht (&»$•) rrid Brancyr (Pole) betreffend die Handhabung des

BercinSgesetzeS.

Abg. tNoere« lZentr.): Es mögen auf polnischer Seite Torheiten vorgekommen sein und auch heute noch Vorkommen. Auf der anbete,. Seite aber wurde das nationalpolitische Gefühl vurch den Hakalismus aufs äußerste gereizt. (Sehr richtig!) Daß die gewerk- schaffllchen Vereine politische Färbung angenommen haben, kommt daher, daß man den Polen die Gründung von politischen Vereinen außerordentlich erschwert. (Sehr richtig!) Man soll den Polen gestatten, wa? man anderen gestattet. Dann werden die lieber:riffe sofort aufhören. (Beifall im Zentrum und bei den Polen) Es handelt sich bei der Interpellation keineswegs darum, daß dem Reichskansier vorgeworfen wird, er habe eS versäumt, Uebetgriffe des Vereinsgesetzes ob« zuwehren, fondern es handelt sich um die Frage, ob ihm bekannt ist, daß dieErkläruugdesStaatsfekre» l är s bei Beratung des Gesetzes in direktem Widerspruche steht zu derPraxisdes Gesetzes. (Sehr richtig!) Die Erklärung deckt sich nicht mit der nachträglichenAuslegung. Die Schuld liegt bei allen Beschwerden an dem Gesetze selbst, und die «erantwoitlichkeit trifft diejenigen, die das Gesetz damals verabschiedet haben, obgleich seine Mängel damals hier beiprochen und anerkaiint worden find. (Beifall im Zentrum.) Mau hat sich auf eine Erklärung des SlaatsfekretärS verlassen, anstatt ein Gesetz zu normieren, eine Erklärung, die keine Geietzeslraft halte. (Sehr richtig!. ES ging mit dieser Erklärung wie mit denen bet anderen, ähnlichen Gelegenheulen. Man wird sich stets über die Er­klärung deS Staatssekretärs Hinwegfetzen und sich nur an den gegen die Polen gerichttten Sinn der Para­graphen hallen. Die Arbeiter werden deshalb aus diesem Geietze immer weniger Nutzen ziehen können. Vom Standpunkt der Logik ist es unbegreiflich, daß die Erklärung deS StaatSiekretärs nicht Bezug haben soll aus die polnischen Gewerktchasten. Es handelte sich nur um diese Frage, es handelte sich grundsätzlich um sie, und darum mußte die Erklärung zugunsten der polnischen Gewerkschaften aufgefaßt werden. (Sehr richtig!) Einzelne polnische Gewerkvereine konnten generell ausgeichloffen werden, wenn man sie für poli­tisch hielt, aber der Staatssekretär hätte das damals ausdrücklich erklären müssen. (Sehr richtig!) Herr Kollege BehrenS von der Wiltsch. Bereinigung hatte eine spezielle Anstage an den Staatssekretär gerichtet. Die Erwiderung war etwas verklausuliert, und es schien, als ob die Erklärung nicht unbeabsichtigt so zu­stande gekommen sei. Herr Kollege Müller-Meiningen beseitigte die Unklarheiten, indem er erklärte, ivir wollen, daß alle Organisationen die gleichen Rechte bekommen. (Härt! hört!) Und auf diese Forderung hm hat der Staatssekretär geantwortet, daß (eine Bemerkungen sich keineswegs auf die christlichen Gewerkschasten beschränken. (Hört! hört!. Es gestört doch wahrlich geradezu ein logischer Salto- mortale dazu, um nun zu schließen, daß demgemäß die polnischen Gewerkschaften nicht gleichmäßig behandelt werden fallen. (Sear richtig! un» Unruhe im Block.) Daß man dies nicht tut, ist nicht nur mir rätselhaft, sondern auch den Kreisen, die den Herren Müller und Wiemer nahestehen. So schrieb die.Frankfurter Ztg/, die SleUungnahme der Herren (ei räticlbafu Darauf­hin schrieb Herr Kollege Müller dem Blatte einen Brief, der noch ratfethafter war. (Heiterte»., In diesem Briese hat Herr Müller geschrieben, daß er in feinem Kommentar zum Bereinsgejetz nur an die deutschen Gewerlfchasien gedacht hätte, nicht aber an die pol­nischen. Daraus erroiDerte die .Frankfurter Zeitung' folgendes: Wenn der Abg. Müller gewußt hat, was die Erklärung des Herrn Staatssekretärs bedeuten sollte, dann hätte er die bekr. Stelle seines Rommen« tats anders fasten müssen, denn ei kommt nicht darauf an, wai der Abg. Müller dachte, (oudern auf das, was er schrieb. (Sehr richtig! und Heiterkeit im Benimm.) Das Moment der Oeffenttichkeii der

Versammlungen hat ebenfalls zu großen Harten ge­führt. Die Einschränkungen sind denkbar unllar ge- saßt. Man hat es zu tun mit einem schwankenden «Begriff. Einmal wurde die Oeffentlichkeit bei zwei Personen angenommen, bei 200 bis 300 Personen aber verneint. Der Gesetzgeber ist zur Klarheit verpflichtet. Nun zum Schluß noch eins: Der § 12 schreibt den Gebrauch der deutschen Svrache für öffentliche Ver­sammlungen vor: nur für solche Landesteile, die mehr als 60 Prozent fremdsprachig find, ist eine Ausnahme für die ersten 20 Jahre zugelassen. Der Kreis Ratidor zählt 41 Prozent, Mähren 47 Pro ent Polen und 9 Prozent Deutsche. Die nichideutscht Bepölkerung beträgt also rund 90 Prozent. Trotzdem wird von der dortigen Bevölkerung verlangt, daß sie sich der deutschen Sprache bedient. Die dortigen Behörden kalkulieren folgender­maßen: die nicktdeutsche Bevölkerung beträgt zwar 9 > Prozent,, die polnische aber nur 47 Prozent und des­halb darf die polnische Sprache nicht gebraucht werden (Hört, hört!) Es liegt doch auf der Hand, daß das nicht dem Sinne und Wortlaut des Gesetzes entspricht. Der Kreis Ratibor scheint besonders sür eine schneidige Anwendung der Gesetze ansersehen zu sein. Die,Obei- schlesische Volkszeitung', das einzige Zentrumsblatt in Ratibor, wird nicht als Pu.likationsorgan für Ser» fammlungen betrachtet. (Hört, hört!) Da? Gesetz hat überall Fesseln gebracht, wenigstens ist von der er­hofften Bewegungsfreiheit nichts zu spüren. Ich fürchte, daß es so bleiben wird, zumal das Gesetz stets als Ausnahmegesetz für die fremdlprachigen Landesteile und als ein Ausnahmegesetz gegen die politisch mißliebigen Partei en betrachtet wird. Ich sehe eine Besserung der Dinge und eine Verbesserung des Gesetzes nur bann, wenn das Gesetz selbst ab­geändert wird. (Lebhafter Beifall im Zentrum und bei den Polen.)

Abg. Gans Edler zu Putlitz (fottf.) Nach meiner Ueberzeugung ist der Staatssekretär loyal nach feiner Erklärung verfahren. Ich bin geradezu überrascht, wie wenig trotz der Schwierigkeit der Auslegung der Be­griffe, um die es sich im Pereinsgesetz handelt, von den untergeordneien Behörden gefehlt worden ist. W?nn Misiorfffe voraekommen fein sollen, so hätten die bei der Etatsberatung ganz gut zur Sprache geb, acht wer­ben können. Es gibt für uns wichtigere Dinge Mt tun, als uns 2 Tage läng mit solchen Fragen zu beschäftigen.

Abg. Junk (ntl.': Das ©elomibtlb Roeren* war ganz falsch, er hat nur mit einer Farbe gemalt und zwar sehr einseitig. (Widerspruch und Lachen.) Die einzelnen Bunbesstaaeen sind mit dem Gesetz ganz zu­frieden. (Heiterkeit., Bayern hat ja schon das Zeugnis der Vernünftigkeit bekommen. In Baden, Heffen und Württemberg ist man ebenfalls zufrieden. Daß die Interpellanten nach den wochenlangen Vorarbeiten und den vielen Aufrufen in den Zeitungen nicht inehr tu» fammengebratht haben als hundert Fälle, ist geradezu belchäinend. (Schallendes Gelächter.) Das ist wirklich ein armseliges Material. (Hohnlachen links., Wenn die Geschäftsordnung es gefaltete, würben wir dem Staatssekretär bas volle Vertrauen zu feiner Loya­lität in Gestalt eines Vertrauensvotums aussprechen. Dafür bürgt uns sein Wort, und, was mehr ist, seine Persönlichkeit. Die Jnieroellanten aber sind gewogen und zu leicht befunden worden; sie hätten ihre Sache lieber nicht vorbringen sollen. (Brausendes Gelächter, Beif. b. d. Nat)

Abg. Müller-Meininaen (fr. 53p? polemisiert gegen das Zentrum und die Sozialdemokraten und meint, aus Südbeukschland könne man kein Material gegen das Gesetz Vorbringen. Ein ganz allgemeines Sprachen- verbot gegen die fogenannten polnischen Gewerkschaften halte ich nicht für zulässig; wenn es sich ab r unter dem Deckmantel ber Gewerkschaft um nationalpoliti'che Bestrebungen handelt, bann halte ich es für zulässig. Auch wir müssen es bedauern, daß der Begriff „öffent­lich" nicht im Gesetz feftgelegt ist, denn wir haben das Gefühl, daß hier eine kleinliche Praxis geübt wird, be­sonders in Pieußen.

Ada. Kolbe (Rp.): Sokols- und Strasch-Bereine haben vollkommen staatsfeindliche, destruktive Ziele. Nur politische Kinder und Träumer lönnen daran zweifeln. Die polnische Presse erlaubt sich einen frechen, ungehörigen Ton in Deutschland. Es ist bedauerlich, daß es ganze Parteien gibt, die lieber dem deutschen Volke das Meffer an die Kehle setzen lasten, und die es abschlachten lallen, nur um ihre Parteiinterksten zu verfolgen (Unruhe und Zürns« im Zentrum: Welche Parteien sind das'() Die sich getroffen fühlen (Heilerk.), und vor allem mag b t e Partei es sich ge agt fein lasten, die uns tm Kampfe für das Deutschtum in

den Rück'« fällt, indem sie Wahlbündnisse mit den Polen abschließt. Ich komme zum Schluß. (Iro­nisches Bravo bei den Polen. Heiterkeit.) Ich appelliere an die Polen, sich loyal dem Gesetz gegenüber,ustellen, und vor allem bte stummen Versammlungen zu lasten, die doch nur eine Verhöhnung des Gesetzes barstellen.

Abg. Gothel« (fr. Bgg.): Nicht jede polnische ®e» werkichast tollte von dem Sprachenverbot betroffen werden. Es muß eine entsprechende Anweisung an die Regierungsorgane ergehen, wenn der Staatssekretär nicht will, daß sein Versprechen nur auf dem Papier steht. Beamte, die sich in irgend einer Weise gegen das Veremsgesetz vergehen, müßten streng bestraft werden.

Abg. Dr. Ricklln (Els.): spricht die Befürchtung aus, baß man gegebenenfalls auch in Elsaß-Loihrmgen den Sprachenparagraphen in berfelben Weste zur An­wendung bringen werde, wie man ihn jetzt schon in den polnischen Landesteilen anwende. Wie konnte man nnr die Aufführung eines französischen Stückes durch Dllleianten in Metz »erbieten*/ Der Ertrag war sogar tüt Mestina bestimmt. Ein solches Vorgeh«« läßt schlimmes für die Zukitnft befürchten. (Beifall.!

Elsäß. Bevollmächtigter Dr. Sieueling: Die Zweifel an ber Loyalität bet reichslän^tfcheu Regierung bei der Handhabung des Vereinsgesetzes sind unbegründet.

Abg. Hansen (Däne) führt Klage über unrichtige Anwendung des Vereinsgesetzes gegenüber dänischen Vereinen.

Samstag: Weiterberatung. Vorher Wechselsiempel- steuergefetz und Gesetzentwurf zur Beseitigung ber Dovpe l ff euer.

Deutsches Reich.

*♦ Die Deckung des Mehrbedarfs für die Beamtenbesoldungen.

Im Reich macht die Löiung der Finanzreform noch große Schwierigkeiten. Dagegen kann, wie wir schon metdelen, die Frage, in welcher Weife der große finanzielle Mehrbedarf in Preußen seine Deckung finden soll, nunmehr als gelöst gelten. Die in der Budgetkommisnon deS Ab­geordnetenhauses getroffenen Vereinbarungen, die voraussichtlich auch tm Plenum Zustimmung finden, lassen sich wie folgt zufammen'affen:

Zuschläge werden zur Einkommensteuer für 1908 nicht nacherhoben, sondern nur für die nächsten drei Jahre bewilligt; sie sind von allen Einkommen von mehr als 121*0 Mark zu entrichten. Die Zuschläge zur Ergänzungssteuer betragen durchweg ein Viertel der zu entrichlenden Steuer. Die Gesellschaits- fleuer fällt unter den Tisch, dafür werden einige Stempelsteuern erhöht. Endlich hat auch noch das Kinde-priviseg eine weitere Ausdehnung erfahren.

Heber das Ergebnis der erst am Donnerstag abend vorgenommenen Abstimmungen ist folgendes nachzutragen:

Auf Antrag des Zentrums wurde zunächst be= schloffen, daß bei der Emschätzung von Grundstücken, die dauernd land- ober wrstwtrtschastlichen Zwecken tu Dienen bestimmt sind, zur Eraän.ungssteuer der Er­tragswert zugrunde gelegt werden soll.

Dte von kouservaliver Seite beantragte Wieder­herstellung des SteuerzuichlagS von 30 Millionen Mk. für 1908 wurde abgelehnt. Dann wurden die Steuerzuschläge wte folgt geregelt:

Bom 1. April 1909 wird von allen Einkommen- steuerpflichstgen und von allen Eroänzungssteuet pflich­tigen em Steuerzuschlag erhoben, welcher beträrt: Bei Der Einkommensteuer: a) Für die physischen Personen ioroie diejenigen eingetragenen Genoffenschaiten, deren Geschäftsbetrieb über ten Kreis ihrer Mitglieder hinausgeht, und die Pereme einschlteßltch eingetragener Einkaufsgenoffenschaffen, auch wenn ihr Geschäffsbetrieb nicht über den Kreis ihrer Mstgtieber hmausgeht, in den Einkomnienstufen

von mehr als 1200— 3000 Mk. 5 Proz.

„ „ „ 3000—10(00 „ 10 „

„ „ „ 10000-20500 „ 15 „

„ „ „ 20000—30 500 „ 20 „

„ „ „ 305 0 Mk. 25 „

b) Für Aktiengesellschaften, Kommanditgesellschaften auf Aktien, Berggewerkschasten und Gesellschaften mit be­schränkter Haftung in den Einkommenstufen

von mehr alS 1200— 3000 Mk. 10 Proz.

...... 3000—10590 „ 20 „

„ „ „ 10500— 205^0 „ 30 „

„ „ „ 20500-30500 „ 40 „

„ „ „ 30500 , 50 „

bei d er Ergänzungssteuer 25 Proz. ber zu ent­richtenden Steuer. — Steuerpflichtige, deren Steuersatz auf Grund des § 19 (KindelPrivileg) oder § 20 (miß­liche wirtschastliche Verhältnisse, des Emkommensteuer- gesetzes ermäßigt ist, entrichten den Steuerzuschlag der- jenigen Einkommenstufe, die dem ermäßigten Steuersatz entspricht.

Die Erhebung der Steuerzufchläge ist als eine vorübergehende Maßregel auiusehen, die in Gültigkeit bleibt, bis eine organische Neuordnung der direkten Staatssteuern in Preußen erfolgt fein wird. Eine entsprechende Gesetzesvorlage ist von der Staats­regierung innerhalb drei Jahren im Landtag ein« zubringen.

Die Resolution, betreffend die Stempelsteuer, wurde sodann gegen die Stimmen der Liberalen in folgender Fassung angenommen: „Zur Deckung bei noch verbleibenden Mehrbedarfs ist die Erhöhung ein­zelner geeigneter Positionen des Stemvelsteuertarifs um rund 15 Millionen Mark, wovon 71/» Mllionen Mark durch Errichtungssteurpel von Aktiengesellschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftung aufzu­bringen sind, in Aussicht zu nehmen." Für diese Er­höhung sind u. a. in Aussicht genommen ber Miet-, Jagdpacht- unb Jagdscheinftempel.

Schließlich sand noch, und zwar gegen zwei Stim­men, ein Zentrumsantrag Annahme, durch ivelchen bi« Höchstgrenze des KtnderprivtlegS für größere Einkommen von 9500 auf 12 5OO Mk. heraufgesetzt wurde. -*■ Im übrigen wurden die Beschlüffe erster Lesung aufrecht erhalten. Es bleibt also bei der Ab­lehnung der Gesellschaftssteuer.

*♦ Berlitz, 22. Jan. 1909. Zur Feier des 50. Geburts' ags Kaiser Wilhelms werden sich sämtliche deutschen Bundessürsten in Berlin einfinden.

)( Für dm verstorbenen Abg. Grafen Hompesch finden die Traueneierltchketten am Samstag morgen in der Hedwigsktrche in Berlin statt. Dabei hält Abg. Dr. Schäoler-Bamberg die Gedächtnisrede. Die Leiche ist bereits am Donnerstag abend vom Zentralhotel in die Krypta der HedwigSkirche über« iührt woroen. Rach den Feierlichkeiten in der Kirche wird dann die Leiche zum Lehrter Bahnhof überführt iverden, um von dort mit der Eisenbahn nach Ruhrich gebracht zu werden.

** Ter Zeutrumsabg. Dr. Mayer-Kaufbeure« hak gestern in Berlin einen Arm gebrochen.

-T- Aus dem Blocklager. Die Ablehnung des Branntwetnmonvpols in der Reichsfinanz- kommtssioa entsprach nicht den Wünschen des konservativen Blockbruders, und sein Unwille gegen den bösen Freisinn ist verständlich. In heller Entrüstung schreibt die .Deutsche Tages­zeitung':

„Es mag übrigens darauf bingeioiefett werden, daß jetzt schon beinahe bei der ersten Abstimmung in der Kommtffion ber Block in die Brüche ge­gangen ist. Sollte ber Block in ä etlicher Weise weiter arbeiten, sollte ber Freisinn dort, wo es ihm paßt, sich mit ben Gegenblockparteteu uerbünbut, so lann map es auch ber Rechten nicht verbeulen, wenn sie gegebenen« salls ähnliche Wege einschlägt und wenn ihr Jnlereffe für ben Block allmählich aushört."

Warum denn gleich so ärgerlich? Es war doch erst die erste Lesung, und wie elegant der Freisinn zwischen erster und zweiter Lesung um- fallen kann, das hat er doch schon manchesmal bewiesen.

a Tas Erbrecht des Reiches beschäktigte am Freitag die Iteuerkommission des Reichs» tages. Das Zentrum und die Rechtsparteien be- kämpften die Vorschläge der Regierung, wonach bei fehlendem Testament nur noch die engsten

3m Banne des ketzeinivisses.

14.} Aus bem Englischen von K. v. Raesfeld

Diese beiden Worte „höfische Herablassung" bezeichnetert vielleicht am besten den ganzen Cha­rakter der Herzogin von ChiSledon. Sic war im* wer anmutig und huldvoll, nie familiär und txr- traulich — nie, lvaS matt freundlich nennt Sie hatte eine Art und Weise an sich, als ob sie sich »mt eigener großer Höhe zu andern herablasse. Ahr Bcitehmen war das einer Hofdame, die in unmittelbarer Nähe, im Schatten eines Thrones gelebt

Sie war hochgewachsen, von gebieterischem Aussehen, von königlicher Erscheinung-, nicht eigentlich schön, wenigstens nicht in des Wortes strenger Bedeutung. Sie hatte ein hübsches, vor­nehmes Gesicht und sehr schöne Hände und Arme. Sie war ritt Weib, das mehr oder weniger jeden, mit dem sie in Berührung kam, beeinflußte, einzig und allein durch ihre geistige Macht und Willens­stärke.

Vor dieser Frau, von königlichem Geblüt, vor- nehm an Geist und Körper, ganz in den Anschau- unpett und Vorurteilen ihrer Kaste befangen — stand Evelyn Lady Wayne, gerüstet, mit ihr um die gesellsdtoktliche Krone zu kämpfen, dte sie bts dahin getragen.

Ein unterdrücktes Gemurmel der Bewunde­rung lief beim Eintritt Lady Wayne's durch den Saal. Sie ivar so außerordentlich holdselig, ihre Toilette so reizend, so originell und künstlerisch- geschmackvoll, ihre ganze Erscheinung so überaus fascinierend, daß sie votn Augenblick ihres Ein­tritts bis zu ihrem Aufbruch unbestritten die Kö­nigin des Abends war

Sie sah den Herzog, als er pflichtgemäß den Ball mit Ihrer Durchlaucht von Chisledon^eröff­nete; sie fav. wie häufig fein Blick auf sie kiel und immer wieder zu ihr zurückkebrte. Sie wußte, daß er von ihr sprach, denn nach einigen Mil'.uten

sah auch die Herzogin zu ihr herüber: dann, nach- dem der Tanz vorbei, brachte di; Gebielerin von Belvoir den Herzog zur jenseitigen Seite herüber und stellte ihn Lady Wayne tior Das war der Augenblick ihres Triumphes. Sie las Bewun­derung auf seinem Gesicht und nahm es sehr kalt auf: sie inadne keinerlei Anstrengung, ihn an ihre Seite zu fesseln, obwohl er zögerte und verweilen zu wollen schien. Sie war so würdevoll, leutselig und herablassend, wie die Herzogin selbst. Der Herzog Lat sie um einen Lanz, und sie willfahrte gnädig. Man bemerkte ihr Benehmen. Sie schien sich der ihr gezollten Ehren so wenig bewußt und Wert darauf zu legen, als ob sie ihr Leben lang an fürstliche und königliche Huldigungen gewöhnt gewesen.

.Ihre Schwägerin ist sehr schön," wandte sich die Herzogin an Isabel Wayne. „Darf ich fragen, was für eine Geborene sie ist? Falls ich den Na­men je gehört, habe ich ihn wieder vergessen."

„Sie ist eine geborene Evelyn West," versetzte Mrs. Wayne.

„Ach so! Ich entsinne mich des Namens abso­lut nicht," sagten Ihre Durchlaucht sankt.

„Es ist eine gute, alte cnnliidrc Familie, glaube ich." stihr Mrs. Wayne fort, „obwohl ganz und gar nicht in »uferen Kreisen verkehrend."

Die Herzogin lädjclte wieder sanft.

„Ladv Spanne verfugt über ein asißerordentli- dies Maß Selbstbeherrschung und Selbstbewußt- sein", fuhr sie dann fort, „doch muß sie sehr jung ici.n; sie sieht aus, als ob sie noch nicht zwanzig

„Sie ist Vierundzivanzig Jahre,'' betonte Mrs Wayne, „aber sie hat ein sehr jugendliches Ge- sicht."

Die beiden Tarnen, die etwas abseits von den Tanzenden saßen, blickten sich an, und jede las die Gedanken der andern — keine von ihnen mochte Lady Wayne leiden

Tic Abneigung der Herzogin wurde den Abend noch verstärkt. Sie tuar seit langem daran ge­wöhnt. durchaus über die Damen der ganzen Um­

gegend zu herrschen, sie war der führende und ton­angebende Geist jeder Damcn-Gesellschaft. Ihre Ansichten waren sozusagen geschriebene und itttoer- änderliLe Gesetze. „Die Herzogin sagt das und das," oder „die Herzogin meint so und so," ge­nügte. Stimmte man nickft mit ihr überein, io schwieg man; aber nie kam es vor, daß jentand ihr zu widersprechen wagte.

An diesem Abende nun stand eine Gruppe von Tamcn um den Springbrunnen im Gewächshause, und die Herzogin sprach von der Lehrerin einiger Armcnschulen, an denen die anwesenden Tanten mehr oder weniger sämtlich beteiligt waren. Tie Lehrerin hatte vor knizem ihre Stelle verlassen, um sich zu verheiraten, hatte aber nach wenigen Monaten des cheliclfen Lebens es bei ihrem Manne nicht mehr aushalten können, ihn verlassen und war nun vorstellig geworden mit dem Wunsckfe, ihre alte Stellung wieder übernehmen zu dürfen. Die Herzogin war die Haupt-Patronin dieser Schulen und sie ivar ganz cntfdjicbcn dagegen. Das Thema war von Lady Claydvn angeschnitten tvordcn, aber die Herzogin hatte sofort, ohne auf für und wider zu hören, ihr Veto dagegen einge­legt.

„Ich inöchte gegen mein eigenes Geschlecht nicht bart erscheinen," sagte sie; „aber wenn eine Frau mit ihrem Manne nicht leben kann, so ist, glaube ick, in der Regel der größere Fehler auf ihrer Seite."

Tie kleine Gruppe der Damen murmelte eine schwache Zustimmung.

Lady Wayne sprach ihre Meinung tapfer aus.

„Ich stimme nicht mit Durchlaucht überein." sagte sie. „Bei derartigen Zwistigkeiten liegt die Schuld gewöhnlich' bei den Männern."

Wäre ein Blitz in ihrer Mitte hernieder gesah- ten, die Damen hätten nicht verblüffter und et- stanntcr dreiniehen können. Nur die Herzogin Kid,eite ihr gewohntes sanftes Lächeln der lieber- lcgenheit.

„Ihre Ansicht ist begreiflich; Sie haben uatür- lich in dieser Beziehung noch keine große Erfah­rung, Lady Wayne."

„Tie Erfahrung, die ich bisher gemacht," gab diese zurück, „lehrt mich, stets für mein eigenes Geschlecht zu kämpfen."

„Ach, da haben Sie noch viel zu lernen und zu erfahren. „Ich selbst bin in Bezug auf die Frauen der Ansicht der Schrift."

Lady Wayne hätte die Frage nicht gestellt, und wenn es ihr Leben gegolten hätte.aber eine andere ans der Gruppe tat es. „Was ist denn die An­sicht der Schrift?"

„Vollständige, nichtzweifelnde und, schranken- kcnlose, blinde Unterwerfung," sagte die Herzo­gin, von der männiglich wußte, daß sie, ihrem Manne nieinals gehorchte, im Gegenteil, mit ihrem starken Eigcnlvillen ihn regierte. „Ich bin der Ansichi. daß die Hälfte aller ehelichen Zwiste daher kommen daß die Frauen sich nicht unter­werfen wellen."

Tie kleine Gruppe horchte ehrfurchtsvoll, als ob rin Orakeispruch verkündet würde.

Abermals widersprach Lady Wayne.

„Es gibt einen Punkt," sprach sie, „wo die Un- terwürsigkeit zur Sklaverei wird. Viele Frauen fallen in diesen Irrtum."

„Nicht bi le, glaube ich," sagten Ihre Durch- laucht kühl und wandten sich, um zum Ballsaal zurückzukehren.

Nicht lange, und cs sprach sich die geheimnis­volle, unbestimmte Flüsterkunde rund, daß die Herzogin eifersüchtig auf Lady Wayne fei, und daß cs also anstatt einer, zwei Königinnen in der Gesellschait geben würde.

Ter Abend war ein einziger großer Triumph für Lady Wavne. Tie Herren waren sämtlich in sie vernarrt. Cie sd,worcn sich gegenseitig über­einstimmend. noch nie ein so lieblickics. bezaubernd schönes und geistvolles, glänzendes Wcib gesehen zu (xtben. Ter Herzog selbst war entzückt von ihr. Ihr Triumph war vollständig.

(Fortietzuno folat)