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JW 17
Fulda, Freitag den 22. Januar 1909.
36. Jahrgang.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 21. Januar 1909.
Zu Beginn der Sitzung machte der Präsident ®raf Stolberg Mitteilung von dem Hinscheiden des Abg. 8raf Hompesch (Ztr.). Die Mitglieder des Hauses irhoben sich, während der Präsident folgendes aus- ubrte: Der Reichstag hat wiederum einen schmerz- ichen Verlust erlitten. Unser langjähriger Kollege Graf Hompesch ist heute vormittag •/dl Uhr entschlafen, der Verstorbene, seit dem Heimgange des Abg. von Winterfew-Menkin unser ÄllersprästSent, gehörle bereits dem konstituierenden Reichstage, sowie dem Reichstage des Norddeutschen Bundes als Mitglied an. kr ist dann von 1874 a , ununterbrochen 35 Jahre hin- mrch Mitglied dieses Hauses für den ersten Wahlkreis >es Regierungsbezirks' Aachen gewesen. Wir alle saunten und schätzten die außerordenlliche Gewissen- ekeit, mit der der Entschlafene jederzeit den Pflichten
Mandats nachkam. Wir werden chm ein treues Bedenken bewahren. Ri. H.! Sie haben sich zum Zeichen Ihres Einverständnisses erhoben. Ich ton« rattere das.
Hierauf begannen die Debatten über die Jnter- ^llalionen der Polen und Sozialdemokraten betreffens das
Reichsvereinsgesetz,
insbesondere die mißbräuchliche Anwendung der §§ 3 md 12, der Versammlungs- und Sprachenparagraphen.
Abg. Brey (Loz.) begründete die sozialdemokrattsche Interpellation. Er protestiert gegen die Schikanierungen, »ie seiner Rechnung nach in etwa 50 Fällen den Ver- .mmlungen der Arbeiter und Polen widerfuhren.
Abg. Breiski (Pole) begründet die polnische Interpellation: Roch kein Gesetz hat sich schon so bald nach Seiner Einführung als unbrauchbar erwiesen, wie das Lereinsgesetz. Schuld daran ist, daß es dem Volke ins gezwungen wurde. In später Abendstunde nötigte man den linken Blockflüge!, es bedingungslos anzu- Zehmen. Er mußte gehorchen, oder mit seiner Herr- ächkeit als Regierungsparlei war es aus. Der Staatssekretär war der Arrangeur des ganzen Spiels. Alle, selbst die »erniwfttgften, Abänderungsanlräge wurden jlatt niedergestlmmt. Daher strotzt das Gesetz von »nllaren und dehnbaren Begriffen, durch die Behörden inb Bürger irregeführt werden. Der Staatssekretär hat mit zähester Energie jede Begriffserklärung verhindert. So sind wir zu Versuchskaninchen geworden. Heiterkeit.) Wollte ich alle Fälle der Gesetzesverletzung behandeln, so würde ich noch um Mitternacht nicht fertig fein. (Sehr gut! und Bcisall bei den Polen.) Die Polizei gibt sich aber die größte Mühe, alle mög- itchen Angelegenheiten in den Wirkungskreis des § 12 «inzubeziehen, wenn dabei polnstch gesprochen wird. So- ar Hochzeitsfeierlichleiten hat man verboten. Auch unsere Wahlversammlungen bei der neulichen Nachwahl hat man überwacht. Die Regierungspräsidenten von Arnsdrrg und Münster haben angeordnet, alle Vereine, die von Polen gebildet werden, als politische zu behandeln- (Hört, hört!) In Borbece besteht em Lotterieverein, der nichts anderes tut, als für seine Mitglieder Lose der preußischen Klaffenlotterie und andere erlaubte Lose zu Spielen; auch er wurde zum politischen Verein ge- -empelt. (Hört, hört!) Die Regierung tn Marienwerder ging selbst s» weit, eine Gauversammlung der polnischen Turnvereine aufzulösen. Die vertriebenen Turner verfammelten sich dann in einer Privatwohnung, jetzt ist deshalb eine Anllage gegen sie anhängig. Kann man sich nun wundern, wenn sich die polnischen Turnvereine fugen: Wenn schon, denn schon! Wenn wir als politische Bereme behandelt werden, gut, dann wollen wir uns auch politisch betätigen, damit dem Gesetze zu seinem Rechte verholsen wird. (Sehr gut! und Heiterkeit.»
Staatssekretär v. Beihmann-Hollweg: Bei der Ausübung des Vereinsgesetzes sind alleidlngs Mißgriffe »orgelommen, aber m jedem einzelnen Falle hat auch »ie Landesregierung Remedur eintreten laffe.i. Bezüg- rch des Verbots der polngchen Sprache m den Versammlungen der polnischen Verussveieinigungen ist der Reichskanzler mit der preußischen Regierung der Aus- saffung, oatz diese Beruf-veremigungen nicht rein gewerkschaftliche Ziele versolgen,daß !ie viel mehr politischen Bestrebungen auf bn Grundlage großpolnischer Aspirationen uuldigt. Redner geht ausführlich auf die Begründung und Entwickelung der Berussvereinigungen in. Selbst die anderen politischen Parteien beurteilen di« polnischen Berussverein« als politisch. Auch die Hirsch-Dunkerschen Gewerlvereine und die christlichen
Gewerkschaften stehen auf demselben Standpunkt, wie aus dem Organ ,Der Bergknappe' hervorgeht. Ich bin jedem einzelnen Falle nachgezangen. Jeden einzelnen Fall vorzutragen, ist nicht möglich. Es sind ungefähr IbO Fälle. Bei 33 davon ist überhaupt keine Beschwerde eingegangen. Solche Fälle können doch nicht beachtet werden. Weitere 23 Fälle sind aus die Beschwerde hin im Sinne der Beschwerdeführer erledigt worden; auch sie scheiden hier ans. (Widerspruch links.) 8 Fülle haben durch den Spruch der Gerichte ihre Erledigung gefunden, während 20 noch vor Gericht schweben.' In die höheren Instanzen sind nur noch 3 Fälle gelangt. Was dann die materielle Grundlage der noch in Betracht kommenden Fälle anlangt, so beziehen sich die meisten Beschwerden auf die Interpretation des Begriffs »öffentliche Versammlung". Daß dabei seitens untergeordneter Polizeiorgane Mißgriffe Vorkommen können, ist wohl zu verstehen. Eine allgemeine Ser« sügung in einzelnen Regierungsbezirken, alle polnischen Vereine als polittsch« zu behandeln, ist nicht erlassen worden. Daß das Gesetz loyal gehandhabt werden wird, habe ich schon früher zugesichert und das wird auch wetter meine Sorge fein. Ich bitte Sie, das 58 er« einsgesetz nicht dauernd mit der Unzufriedenheit über die parlamentarische Situation, unter der es zustande gekommen ist, zn belasten. ^Lebhafter Widerspruch im Zentrum und links.)
Sächsischer Bundesratsbevollmächtigter Fischer verteidigt die Haltung der sächsischen Behörden und sagt: Wenn in Einzelfällen Mißgriffe vorgekommen sind, so liegt das eben in der Uedergangszeit. (Lebhafter Widerspruch.)
Das beschließt hierauf die Besprechung der Interpellation und vertagt sich auf morgen.
C. Graf Hompesch f-
Der Vorstand der Zentrumssraktion des deutschen Reichstages veröffentlicht folgende
Todesanzeige:
„Am 21. Januar 10V« Uhr vormittags verschied im 83. Lebensjahr, wiederholt gestärkt durch die hl. Sakramente der katholischen Kirche
Graf Alfred von Hompesch-Rurich, König!, preußischer Kammetherr, Mitglied des Deutschen Reichstags und des preußischen Herrenhauses.
Seit 15 Jahren stand er als erster Vorsitzender an der Spitze der Zentrumssraktion des Deutschen Reichstages. In der Ueberzeugungs- treue war er uns ein Vorbild, seine Liebenswürdigkeit und unermüdliche Tätigkeit machte einen jeden von uns zu seinem persönlichen Freunde.
Die treue Erinnerung an den teuren Verstorbenen wird bei uns nie erlöschen. Wir empfehlen seine Seele dem Gedenken im Gebet."
Der Tod des Grasen Hompech erfolgte gestern vormittag um 10 Uhr 10 Minuten. Um 6 Uhr morgens begann der Todeskampf. Das Sterbebelt umstanden Kuratus Rust von St. Hedwig, die Abgg. Prälat Dr. Schädler, Pfarrer Hebel, Prälat Lender, Graf Oppersdorf, ferner die Schwester des Grasen, se'n Neffe und Die beiden die Pflege ausübenden grauen Schwestern. Der Sterbende blieb bis zum letzten Augenblick bei vollem Bewußtsein, konnte aber nicht mehr sprechen. Der Sterbende lag ruhig und friedlich,-mit den Händen das Slerbekreuz umklammernd, das er mehrmals küßte. Rach Verrichtung der Sterbegebele zogen sich die An- wesenden zurück, worauf die Krankenschwestern die sterbliche Hülle aufbahrlen. Donnerstag abend wurde sie eingesargt und in die Gruft der St. HedwigSlirche übergeführt. Samstag um 10 Uhr findet in St. Hedwig ein feierliches Requiem statt, bei dem Prälat Dr. Schädler die Trauerrede halten wird. Danach wird der Sarg
zur Bahn übergesührt werden, an der liebet* sührung wird sich die Fraktion vollzählig beteiligen. Die Beisetzung erfolgt am Montag im Erbbegräbnis in Rurich, eine Deputation der Zentrumssraktion wird ihr beiwohnen.
Die Zentrumsfraktion des Reichstages wurde unmittelbar nach dem Eingang der Todesnachricht durch Trauerbrief zu einer Trauersitzung einzeladen. Diele sand sofort nach der gestrigen Plenarsitzung statt. Den Vorsitz führte der erste stellvertretende Vorsitzende der Fraktion, Dr. Schädler. Dr. Schädler hielt eine Ansprache" deren leitenden Gedanken die folgenden waren-
Was wir befürchtet Haven, ift eingetroffen: Graf Hompesch ift tot. Bon verschiedenen Parteien des Hauses ist mir bereits die Teilnahme an feinem Ad- leben cm-gedrückt worden. Bon allen Seiten wird reine Liebenswürdigkeit betont. Seine guten Eigenschaften kennen auch wir, iiümer.tlich seine Ritterlichkeit und seine Bescheidenheit. In einem Buche heißt es vorn Grafen Hompesch, daß er nur geringen Einfluß auf die Partei ausgeübt habe. Wer das fugt, kennt den Grafen Hompeich nicht, kennt nicht die Tätigkeit des Fraktionsvorstandes, welche sich viel weniger nach außen hin zeigt, fondern die sich nach innen richtet. 15 Jahre hat Graf Hompesch an der Spitze der Fraktion gestanden. Wir können feine Tätigkeit in einem Worte zizsammenfassen: durch Ausgleich zur Einheit. Wieder ist ein Veteran hingesunken. Was tun wir? SSir beten für ihn uns nehmen uns an feiner Gewissenhasiiakeit, weiche auch der Präsident des Reichstags gerühmt'hat, ein Beispiel. Wir hatten hoch und scharen uns um die Fahne, die er geschützt hat, und wir sagen: Gott mit uns!
Die Ausführungen mmden von den Fraklions- mitgl-edcrn mit großem Ernste angehört. In tiefer Ergriffenheit verließen alle die Sitzung.
Mit dem Ableben des Grafen Hompesch ist der Mannesstamm der Linie Hompesch-Rurich ausgestorben, da die Ehe des Grasen kinderlos geblieben ist. Das Fideikommiß geht jetzt über auf das Haupt von Hompesch-Bollheim, das in Mähren seine Besitzungen hat. Der Chef dieser Linie ist der Resse und Adoptivsohn des Grafen Alfred Hompesch, Gras Paul v. Hompesch.
lieber die 'Beziehungen des verstorbenen Grafen Hompesch zum Kaiserhause berichtet der ,Tag" folgendes: Zu Beginn des Krieges 1866 war Grat Hompesch diensttuender Kammerherr d r Königin Augusta in Koblenz; als solcher fiel ihm die Ausgabe zu, die Königin die ihren Lieb» lingsausenlhalt nicht veriaffrn wollte, entsprechend einem gemessenen Befehle des Königs zur Rückkehr nach Berlin zu bewegen und dahtn zu geleiten, was er denn auch tat Auch dem jetzigen Kaiser war der Verstorbene kein Fremder. Als der Kaiser einmal in den stOer Jahren eine Anzahl Reichßlagsabgeordneter nach Potsdam zu einem Vortrag üb-r Marinevelhältniffö eingeladen hatte, er hielt Graf Hompesch bei der nachfolgenden Tafel einen Platz neben ihm. Der Käfter klopfte ihm auf die Hosentasche: „Run, Gras Hompesch, rücken Sie heraus mit den Millionen für die Flotte."
Deutsches Reich *
— Fürst Bülow und die Konservativen.
Auch die parteiofftjiö>e Konservative Sorte- spondenz' läßt, wie schon gestern die konservativen Tageszeilungen, erkennen, daß Fürst Bütow im Äbgeordnet-nhaute es mit den ffunter« vatwen verdorben hat. Die Korrespondenz ist sehr unwirsch. Es ist ihr der besondere Hinweis des Mmisterpräsidenien auf die Pflicht der
politischen Beamten zur Unterstützung der Regie' runaspolitik insofern nicht verstän stich, als doch wohl eine Neuauflage der bekannten Landrats- zur Dtspositionsstellung nicht beabsichtigt und auch wohl nicht anzunehmen sei, daß lediglich einer Rücksichtnahme auf die Politik der Regierung in Sachen der Nachlaßsteuer oder Wahl- rech-sresorm hiermit das Wort geredet sein solle. Die Mahnung des Fürsten Bütow, dir Konservativen möchten bei der Frage der Rachlasistcucr von Parteiprogrammen und Parleigrundsätzen abfehen, wird zum Schluß mit der Bemerkung zurückgewiefen, daß die Partei sich nie durch doktrinäre Erwägungen teilen lasse, sondern stets auf dem Boden der Wirklichkeit stehe.
lieber die schroffe Absage, die der konservative Provinzialverein Westpreußens dem Kanzler am Mittwoch hat zuteil werden lassen, Haden wir bereits gestern telegraphisch berichtet. Die Absage wird oerjchi'deutlich sogar als direkte Kriegserklärung an den Fürsten Bülow ausgefaßt. So schlimm wird es ja nun nicht sein. Immerhin ist nicht zu verkennen, daß der Vorgang weittragende politische Bedeutung haben kann. Jedenfalls hat sich die Situation durch BülowS Rede nicht etwa aufgeklärt, sie ist verworrener geworden. Ob wirklich alle Konservativen im Reichstage die Rachlaßsteuer und damit die Finanzreform verwerfen werden, bleibt noch lange zweifelhaft, und, so meint der Berliner Mitarbeiter der „Franks. Zig.", der es wissen kann: von dem Schicksal der Fliianzresorm, die sich der Kanzler sicher nur mit einer Blockmehrheit gedacht hat, hängt auch seine eigene Stellung ab. Daß seine Stellung schwieriger geworden ist, kann niemand verkennen.
* Berlin, 21. Jan. 1909. Ein Fünf- Uhr-Tee für das englische Königspaar soll im Berliner Rathause abgehalten werden. König Edward und Königin Alexandra werden bei ihrer bevorstehenden Anwesenheit in der Reichshauptstadt das Rathaus ebenso besuchen, wie das deutsche Kaiserpaar 1907 die Londoner City. Nm dem Könige den ihm angenehmeren, zwangloseren Verkehr zu ermöglichen, wird aber kein Diner stattfinden, sondern ein Füns-Uhr-Tee. Die Bewilligung der für die Straßen-AuS- schmückungen zum Emzuge geforderten 6OOC0 Mark durch die Stadtverordneten ist gesichert.
a. Das Branntweinmonopol abgelehnt. Die S teu er ko m Mission des Retchslages setzte am Donnerstag die allgemeine Aussprache über den Monopolpäragraphen und über den zugehörigen Zentrumsantrag fort. Der Zenitumsantrag wurde angenommen, dagegen der Monopolparagraph abgelehnt, das gleiche Schicksal erfuhren alle übrigen Anträge, die das Ziel hatten, den Grundgedanken der Vorlage zu retten. Es wurde nunmehr entsprechend der Zentrumsresolution eine Subkommisston zur Ausarbeitung eines anderer Gesetzentwurfes gewählt.
o. In der Gemeindekommifsion des Abge> ordnetenhauses wurde am Donnerstag bei Be> ratung des Gesetzentwurfes betr. das Steuer« Privileg der Beamten usw. ein Antrag der . Freikotttervativen mit 12 gegen 7 Stimmen angenommen, der das Steuerpnvileg für Getstltche und Lehrer ganz aufheben will. Das Zentrum stimmte gegen den Antrag.
Zm Sanne Geheintnisses.
Roman aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.
[13. Fortsetzung.j ------
„Ich werde keine Diamanten tragen," erklärte Lady Wayne mit großer Bestimmtheit. „Tie Herzogin wird die ihrigen sicher voll und ganz entfalten; und Du weißt ja, Mortimer, daß ich die Absicht habe, eine furchtbare Rivalin von ihr zu werden. Ich will mich nicht mit ihr vergleichen, sondern einen vollständigen Gegensatz zu ihr bilden.
Wieder lachte Lord Wayne und erklärte, fein junges Weib bringe täglich neue Charakterzüge zur Entfaltung. Nie fiel es ihm oder irgend einem andern auf, daß dies rastlose Wesen nur die Folge eines unruhigen Gemütes, einer zerfahrenen, aufgeregten Seele war; daß es lediglich eine Zerstreuung und Aufregung, ein Mittel, unbequeme Gedanken loszuwerden, sein könne.
. „Die Herzogin hat niemals eine Nebenbuhle- ftn gehabt," sagte Lord Wayne. „Sie ist hier zu Lande abjolute Herrsck-erin gewesen und zwar fo lange, daß sie es nicht begreifen würde, in ihrer Herrschaft gestört zu werden."
„Es ist oft etwas sehr Gefährliches um ungeteilte Macht," gab Lady Evelyn mit vieldeutigem Lächeln zurück.
Sie töten sehr interessiert für dies ihr erstes Auftreten auf Belvoir: und als ihr Gatte später an diesem Tage in ihr Ankleidezimmer ging, fand er fte über den geöffneten Juwelen-Schatullen in NaaHenken versunken. Bei seinem Eintritt blickte sie zu rhm auf.
„Mortimer," sagte sie ruhig, „hierbei ist nichts, was mir gefällt. Perlen gehen immer mit Weiß und Einfachheit, Diamanten mit Pracht, Opale allein Haven nicht Charakter genug, Rubinen sind a Du, waS ich gern möchte?" Sie
erhob ihr schönes Gesicht mit so strahlendem Lä- cheln zu thm, daß er fühlte, er könne fein ganzes
Vermögen für ein einziges Juwel dahingeben und es ihr schenken.
„Du sollst es haben", versetzte er zärtlich, „einerlei, was es ist."
„Ich möchte einen Schmuck aus Opalen und Rubinen gemischt, er würde einzig und sehr schön fein. Ich sah einmal einen Opal- und Rubin- Ring; er fiel mir auf als die reizendste Kombination von Edelsteinen, die mir je vor Augen gekommen."
„Ich will sofort zu Trench u. Cutter, unseren Juwelieren, schicken. Du sollst genau das haben, was Du willst."
Sie dankte ihm so, wie er am liebsten Dank von ihr entgegennahm.
„A propos , Evelyn," sagte er dann, „ich vergaß Dir zu sagen; ich empfing heute morgen Nachricht von Algernon; er und Isabel kommen zu dem Ball ebenfalls herüber."
Mylady's schöne Stirn runzelte sich kaum merklich. Sie konnte Jsabell Wayne nicht leiden und hatte das instinktive Gefühl, daß sie an ihr eine heimliche Feindin hatte obwohl der Anschein ja durchaus für das Gegenteil sprach.
„Es wäre mir lieb," fuhr ihr Gatte fort, „wenn Tu ihnen heute abend schreiben und sie gleichzeitig einlaben wolltest, eine oder zwei Wochen hier zuzubringen. Der arme Algy ist mit Geld gerade nicht sehr überbürdet."
Sie sah ihm ins Gesicht. „Mortimer, gestern hörte ich jemanden sagen. Algernon Wayne sei Tein Präsumptiv-Erbe. Was sollte das heißen?" „Wenn ich keinen eigenen Sohn als Nachsol- fier hätte, fo würde er bei meinem Tode Lord Wayne werden und Kenninghall erben; doch ich hoffe, der Himmel wird mich segnen und mir viele eigene Söhne schenken," sagte er lächelnd.
Aber sie lächelte nicht mit „Hat er sich vielleicht daran gewohnt, sich als Deinen Erben zu betrachten?"
»Gott bewahre I Ich bin doch kein alter oder
halbwegs alter Mann. Er konnte sich doch denken, daß ich nochmal heiraten würde."
Ein ganz gedankenvoller Blick lag in ihren Augen.
Lord Wayne fuhr fort: „Woran denkst Du, Evelyn? Welche Idee hat Dich gefaßt und Dich so ernst gemacht?"
„Ich dachte daran," versetzte sie langsam, „daß, wenn Mrs. Wayne jemals dem Gedanken nachgehangen, ihr Mann könne Dein Nachfolger werden, wie sehr sie mich bann nicht muß leiden können."
Ihr Gatte lachte abermals. „Tas ist nicht wahrscheinlich. Ich halte es nicht für möglich, daß jemand Dich kennen und doch nicht leiden Tonnen soll. Verlaß Dich darauf, Isabel behandelt die ganze Sache philosophisch. Man kann von niemandem erwarten, daß er Junggeselle bleibt, bloß um feinen nächsten Verwandten gefällig zu sein."
Dennoch, trotz seiner munteren Worte und feines herzlichen Lachens, kam Lady Waynes Gemüt zu der sichern Ueberzeugung, daß sie an ihrer Verwandten eine Feindin habe, vor der sie sich hüten müsse.
6. Kapitel.
Lady Wahne macht sich eine weitere Feindin.
Das große Ereignis sollte endlich vor sich gehen. Es war der Abend des Balles auf Belvoir. Das Gerücht hatte viele wunderbare Geschichten über den Herzog in Umlauf gesetzt. Er war so äußerst freundlich, so leutselig; er schien solches Gefallen an den Leuten zu haben, die er bereits empfangen. Er lobte die Landschaft, die Grafschaft, und war so fein und aristokratisch. Tie noch nicht eingeführt waren, verlangten darnach, ihn zu sehen; die ihn einmal gefeiten, verlangten nach einer Erneuerung ihres Vergnügens; die nicht eingeladen worden, waren erbittert und redeten ingrimmig über Vorurteile und Kastengeist.
Lord Wayne hatte Miß West ein prachtvolles perlgraues ®eiben-ffoftüm zum Geschenk gemacht; dazu trug sie Schmucksachen aus Purem Golde. Weder übermodern, noch altmodisch, weder Jugend heuchelnd, noch Alter karrikierend — sah Miß West aus, wie und was sie war: eine Dame aus guter Familie. Lord Wayne war ordentlich stolz auf seine ruhige, gesetzte Schwägerin.
Keine Feder hätte Lady Wayne's Toilette vollq Gerechtigkeit widerfahren lassen können; sie war einfach ein Triumph weiblicher Kleideckunst. Das Kostüm war aus weißer Seide und weißen Brüs- stier Spitzen, mit Scharlach-Volants, letztere so wirkungsvoll arrangiert, daß niemand wußte, wo das Weiß aushörte oder das Scharlach anfing. Ter prachtvolle Schmuck von Ovalen und Rubinen stand wundervoll zu dem Kostüm.
Kein Frisur-Ausbau verunzierte die vollkommene Schönheit des königlichen Hauptes Das golbigbraune Haar fiel in flutender Fülle auf die marmorweißen glänzenden Schultern herab.
„Arme Herzogin," äußerte Lord Wayne mit komischem Bedauern, als er fein schönes, junges Weib sah. „Ich glaube, noch heute abend können wir ihre Herrschaft als beendet und die Deinige als begonnen betrachten."
Mylady's unvergleichlich schönes Gesicht war lebhafter wie üblich, als sie die auf Belvoir anwesende, strahlende Versammlung sah. Hier war ein Ziel — diese glänzende Welt sich zu Füßen zu bringen. Während der Hinfahrt hatte sie gegrübelt, wie wohl die Herzogin sein werde. Jetzt, wo sie vor ihr stand, gestand sie sich ein, daß ihre Durchlaucht von Chisledon keine gewöhnliche Gegnerin sei.
Obwohl Deutsche von Geburt, sprach sie doch englisch mit vollkommenem Accent. Sie bewillkommnete Lord und Lady Wayne überaus warm, obgleich mit einer gewissen höfischen, würdevollen Herablassung, die sie nie verließ.
^Fortsetzung folgt)