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JV8 16.

Fulda, Donnerstag den 21. Januar 1909.

36. Jahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 20. Januar 1909.

Auf der Tagesordnung steht der Antrag Albrecht und Genossen (So,.) betreffend Regelung des Arbeits- verhältniffes der land- und forstwirtschaftlichen Arbeiter und des Gesindes. — Der Antrag verlangt freies Koalilioiisrecht, reichsgesetzlichs Krankenversicherung, Regelung der Arbeitszeit, sowie Aufhebung der,landes- gesetzlicheu Gesindeordnung, zumal insoweit ite den Konklaktbruch unter Strafe stellen.

Aba. Stadthagen (So,.) begründet den Antrag: Die landwirtschafiUchen Arbeiter und das Gesinde leben un'er Rechtsverhätlnissen, dre belnahe emer völligen Recht-losigkeit gleichkommen. Es g>ibt« dm einzelnen Bundesstaaten, eine ganze Reihe von Aus- nalrmeaesehen, geakn btx5 Oesinbe und biß Icinbroirt* sch-stiichm Arbeiter, die jedem Fortschritt einfach Hohn spreche.'. Darum hallen wir dre Beseitigung der landesgesetzlichen Bestimmungen und die reichsgesetz­liche Regelung der Rechtsverhältnisse dieser Arbeiter­klasse für ersorderlich. Weiter verlangen wir die Koa­litionsfreiheit für die landwirtschaftlichen Arbeiter. Früher war das Zentrum gleichfalls für die Gleich­stellung der landwirtschaftlichen Arbeiter mit den übrigen Arbeilern. Nach der Haltung des Zentrums im preußischen Abgeordnetenhause aber scheint es nicht mehr auf diesem Standpunkt zu stehen, sondern für die Aufrechterhaltung der Ausnahmegesetze zu sein. Wie soll sich denn der ländliche Arbeiter, der häufig nur Saisonarbeiter ist, in diesen buntscheckigen Rechts­verhältnissen, die fast in jedem größeren Bundesstaate anders sind, zurechlfinden? ®ir fordern weiter die Einführung der reichsgesetzlichen Krankenversicherung. Seit länger als 15 Jahre wird sie uns schon ver­sprochen, aber geschehen ist noch nichts. Ich bitte daher dringend um die Annahme unseres Antrages. (Lebh. Beif. b. d. So;.)

Abg. Kleye (ntlb.): Wer die Verhältnisse in der Landwirtschaft kennt, der wird mir zugeben, daß die Lage der landwirtschaftlichen Arbeiter sehr viel besser ist, als die der industriellen Arbeiter. Gegen die Auf­hebung des Koalitionsverbots würde ich für meine Person nichts einzuwenden haben, da ein Schaden da­durch kaum angerichtet werden könnte. Das Zentrum hat sich freilich für ein Koalitionsrecht ausgesprochen, aber unter der Voraussetzung, daß Karitelen gefchaffen würden. Was sollen das tüt Kautelen sein? Daß die gesetzliche Zkranlenverstcherungspflicht eingeführt werden muß, ist auch unsere Meinung. Die Regelung der Arbeitszeit und Arbeitsdauer ist ein Ding der Un­möglichkeit, und wer so etwas fordert, hat von den landwirtschaftitchen Verhältnissen gar keine Ahnung.

Abg. Graf v. MielzynSki Pole): Wir werden für den Antrag Albrecht stimmen, weil wir es für eine absolute Forderung der Gerechtigkeit halten, daß die ländlichen Arbeiter dieselben Rechte besitzen, wie alle anderen Arbetter.

Abg. Stauffer (wirt sch. Vgg.) hielt de» Sozial- demolraren uer, sie seien selber schlechte Arbeitgeber, und lehnte den Gesamtantrag ab.

Abg. Gothein (frs. Vgg.i beschäftigte sich mit der Lage der Landarbeiter auf den großen Gütern des Ostens, tritt für die sozialdemokratischen Forderungen ein und meinte, man müsse mit der Befferung der wirlichaftlichen Lage auch eine Besserung der poli­tischen Rechte der Arbeiter vorbereiten.

Abg. Dr. Hahn '.®6. d. Landw.): gibt einen Ueber- blick über die geschichtliche Entwickelung der rechtlichen Veryällniffe in der Landwst tschaft. Wenn ta einzelnen Fällen ländliche Arbeiter ehre 'Arbeiter schlecht '.'.er,an­bei! haben, so verurteilt das niemand mehr als wir. Ader das sind Ausnahmesälle. Die Ausführungen des Bdg. Siege «jibz ich mit sehr gemischten Gefühlen angehört. Die Herreu aus dem Süden mögen uns im Slortun mit ihren demokratischen Tendenzen ve,schon?.!. Was' für die Veryäliinsse der gewerblichen Arbeiter passen mag, p.iät deswegen noch lange nicht für die ländlichen Arbeiter. Tie Einführung des KoalitionL- rechts für die ländlichen Arbeiter lehne ich rundweg ab; darin sind mit mir auch die katholischen Land­wirte einig. (5s scheint, daß auch nicht alle Frei- finnigen Die Frage vom Standpunkt des Abg. Gothein beurteilen.

Abg. Höffel Rp.) spricht sich gleichfalls gegen den sozialdemokratitchcn Antrag aus.

Abg. Herold (Zenir): Wir sind gern bereit, die Schwierigkeiten zu beseitigen, mit denen der Arbeiter auf dem Lande zu kämpfen hat. Aber man M'>ß an

diese Aufgabe mit Vorsicht Herangehen, Die reichs- gesetzliche Regelung der Gesindeordnung tft eine alle Forderung meiner Partei - Bezüglich der Aufhebung der Strafbesiimmungen betreffend den Kontraktbruch usw muß der landwirtschaftliche Arbeiter mit dem Industriearbeiter völlig gleichgestellt werden. Für die landwirtschaftlichen BerhäUnffse ist irgendwelche Be­fürchtung aus dem Koalitionsrecht nicht begründet. Die Landwirte mögen in dieser Beziehung vorurteils­frei sein. Dann werden sie zu der Uebetzeugung kommen, daß man den landwirtschaftlichen Arbeitern das Koalitionsrecht nicht länger vorenihallen darf. Der Forderung auf reichsgesetzliche Regelung der Krankenversicherung für landwirtschaftlichen Arbeiter stehen wir sympathisch gegenüber. Aber die Regelung der Arbeitszeit ist lür die landwirtschaftlichen Verhält­nisse außerordentlich schwer. Für die Forderungen der Sittlichkeit für die Arbeiter werden wir stets in erster Reihe kämpfen. Redner beantragt schließlich, den Antrag an eine Kommission von 21 Mitgliedern zu verweisen.

Donnerstag: Interpellationen Albrecht (Soz.) und Brandys (Pole» betr. Handhabung des Vereinsgesetzes.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 20. Januar 1903,

Das Haus genehmigte entsprechend dem Anträge der Geschäftskommifsivn Die Strafverfolgung des Abg. Kopsch (frs. Vp.) im Wege der Widerklage, die der sozialdemokratische Schriftsteller Mehring gegen ihn er­hoben. Dann folgte die Fortsetzung der ersten Lesung des

Etats.

Abg. Heimann (Soz.) walidte sich gegen die Wahl- rechtspolitik Der Rechten und das angedrohte neue Sozialistengesetz. Das Hans beruhe aus den Pfeilern des Dreiklassenwahlrechts, auf Den Ausnahmegesetzen für die ländlichen Arbeiter und auf den ländlichen Schukverhältniffen.

Finanzminister Frhr. v. Nheiiibaben erklärte, es handele sich bei de» Sätzen Der gestrigen Rede des Ministerpräsidenten nicht um eine Drohung gegen die Arbeiter, sondern nm die Ankündigung eventuell not­wendig werdender Maßnahmen gegen die Sozialdemo­kraten.

Abg. Dr. Mizerski (Pole) polemisierte gegen das Enteignungsgesetz, den Sprachenparagraphen und Die Ostmarkenzulagen, die Prämien auf die rechtswidrige Unterdrückung Der Polen.

Abg. v. Arnilil-Züsedoiil (kons.) bedauerte, daß die Nationaviberalen, die lür die Besoldungserhöhung not­wendigen Mitteln nicht dauernd bewilligen wollen und daß Der Ministerpräsident dem Freisinn bezüglich des Falles Schücking auffallend weit entgegengekommen ist. Die Konservativen wünschen die schärfsten Maßnahmen zur Bekämpfung der Sozialdemokratie.

Abg. Rrwoldt 'freifonf.) beionte, man brauche zwar keine neue« Gesetze gegen die Sozialdemokraten, muffe aber die bestehenden energisch handhaben.

Abg. Schmieding inatl. : Daß wir treu zu unser,n Monarchen halten, bedarf nicht erst der besonderen Hervorhebung. Das Zenirurn verquick! Religion und Politik. -Sehr richtig! links, lebh. Oho.'-Huie im Ztr.) In dem Augenblick,'wo das Zentrum anshön, eine kathvüch-ionsesüonelle Partei zu fein, werden gesunde politische V-rhäkniffe eintreten. «Sehr richiiq! links, L.-ch-u ;m Ztr ) Redner polemisiert dann gegen die Sozi alberne traten.

Abg. Graf Praschina (Zlr.): Eigentlich wollte ich aufs Wort verzichten, aber die Worte des Herrn Vor­redners zwingen mich zu einer kurzen Erklärung. Herr Scknnied>ng hat davon gesprochen, das Zentrum fei eine latbolilch - konfessionelle Partei. Demgegeuüber erttüre ich: das Zentrum ist keine konfessio- nelie Partei. Wir stehen voll und ganz auf dem Boden der heutigen Verfassung. Unser Programm enthält nichts, was die Evangelischen abstoßen könnte. Wir stehen auf dem Boden Der konfessionellen Gleich­berechtigung. Wenn Herr Schmieding uns auffordert, unsere bisherigen Grundsätze zu verla,cn, so kann er lange daraus warten. (Beifall im Ztr.) Wir sind die schärfsten Gegner des Prinzips, das Der Kanzler gestern hinsichtlich Der Nachlaßsteuer ins Feld geführt hat, des Prinzips, zu Gunsten der politischen Lage Griindsätze aufzugeben. (Stürm. Beifall im Ztr.) Niemals Dürfen

politische und Parteigrundsätze aufgegeben werden. (Erneuter stürm. Beifall im Ztr.) Das bekämpfen wir ja gerade an der Blockpolitik, daß sie die Grund satz- losigkeil zum Prinzip macht. (Lebh. Beis. int Ztr.) Wir bekämpfen sie, weil sie nur in der Paarung von Gegensätzen bestehen kann. Die sich gegenseitig aus­schließen. Sie fordert das Aufgeben von Grundsätzen, sie dient nicht Der Gesundung Der politischen Verhält­nisse, sondern wird das Land nur aufs äußerste schä­digen. (Stürmischer, anhallender Beifall im Zentr.).

Abg. Fischbeck (frf. Vp.): Die absprechenden Worte des Abg. Praschma über den Block entsprechen der mißlichen politischen Lage des Zentrums. tStürmifche Heiterkeit im Zentrum.) Der Block entfpricht dem po­litischen Bedürfnis. Auch bei der Reichsfinanzreform wird er sich wohl bewähren. Unsere Grundsätze können bei der Erörtkrung der politischen Lage nicht allein maßgebend sein. (Vergnügte Heiterkeit im Zentrum, Beifall links.)

Montag: Kleinere Vorlagen und Wahlrechts­anträge.

Deutsches Reich

4- Die Rede des Fürsten Bülow im preußischen Ab.qeordnetenhause wird in der Berliner Presse ausführlich besprochen. Ganz allgemein ist der Eindruck in der Blockpresse, daß die Rede ein lautes Bekenntnis zur Blockpolitik gewesen sei. Dafür spricht zu- nächst der innige Appell an die preußischen Konservativen, von ihrem Widerstand gegen die unbedingt notwendige Nachlaßsteuer abzulassen; dafür ist weiter anzusühren die auffällig scharfe Lelonung der Pflicht der politischen Beamten, die von dem Monarchen gebilligte Politik der Regierung zu unterstützen. Die,Nationalzeitung^ interpretiert diese Aufforderung wohl richtig dahin:

Der Blockpolitik Des Reichskanzlers unD preußi­schen Ministerpräsidenten soll nicht Durch eine Fronde von Beauuen entgegengearbeüet werden, die unter Nichtachtung der Ziele dieser Politik eigenwillig an früheren Zuständen festhalten wällen. Wenn man auch annehmen darf, daß Fürst Bülows Wor e nicht fo fehr für das preußische Abgeordnetenhaus gesprochen waren, als vielmehr für Die Wirkung außerhalb Des Hauses berechn;! waren, so Darf Das Zentrum insbefoiiDere Doch nicht vergessen, Daß eine Uebertragung Der Alockpo litlk auf Preußen in Der ReDe Des Ministerpräsidenten mit genügender Deuttichkett ange­kündigt und vertreten ro.rb.

Besondere Beachtung finden in der Presse auch die Aussührungeu des Fürsten Bülow über sein Verhältnis zum Kaiser, Die allgemeine Auffassung gehl dahin, daß Fürst Bülow dadurch Machenschaften cnlgegentreten wollte, denen er Mann gegen Mann entgcgenzutrelen nicht in der Lage ist.

Den konservativen Blättern gefällt Bülows Rede recht wenig. Die „Kreuzztg." will gar keinen Anlaß zu der Rede erkennen und findet, daß sie eine lleberra chung war und deshalb wohl links wie rechts Mißtrauen erweckt habe. Die Zumutung Bülows, daß die Konservativen sich zur Nachlaßsteuer bekehren sollen, weist die „Kreuzztg." zurück und behauptet, Bülows Blockpolitik im Reiche mute de t Konservativen Opfer über Opfer zu. Sie rkl J:

Es ist dem Reichskanzler gew.u nicht unbekannt. Daß, selbst wenn einzelne konseivattve Abgeordnete ge­neigt sein sollten, die Sydowscke Nachiaßsteuer zu be­willigen, die Partei int Lande doch nicht Dafür zu ge­winnen ist; sie roürDe geradezu ihre Existenz aufs Spiel seheu, wenn sie auch hier wieder Dem Freisinn ein Opfer Des Intellekts bringen würde. Biele, in einigen Provinzen wohl die Mehrheit unserer Wähle t aus dem Mittelstände, drohen schon heute mir einer Sezession, wenn bei Der Nachlaßsteuer

Im Saune des GcheimB.

Roman aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.

[12. Fortsetzung.) -------

Eine halbe Stunde später, und Marian West wurde mit größter Herzlichkeit auf Kenninghall bewillkommnet. Lord Wayne küßte sie auf die Stirn und begrüßte sie mit so herzlichen Worten, daß ihr die Tränen in die Augen traten. „Wrll- konunen zu Hause Schwester," sprach er warm; „erinnere Dich stets, daß Du von heute an hier Deine Heimat hast!"

Dann wurde sie Algernon Wayne vorgestellt, der sie in seiner geivohnten uachläsfigcii Art und ^^etse, glejchivohl aber herzlich befvillkommnete. Mrs. Wayne, die sie scharf ins Auge faßte und sich Irlich eingestand, daß sie in Mrs. Weft höchstwahrscheinlich eine ebenbürtige Geg­nerin gefunden habe: Lady Beverley, — die rote ßCfleit alle — liebenswürdig und freundlich gegen sie war und ihr sagte, sie freue sich herzlich dar­über, daß sie gekommen sei, um bei ihrer liebli­chen Schwester zu bleiben.

„Sie dürfen sie nicht von der Welt verderben lasfeii. Miß West; sie ist so schön, daß sie sicher von allen Seiten umschmeichelt und verzogeu werden wird. Lord Wayne wird ihr nie „nein" sagen können Sic müssen fester sein."

Marian lächelte und versprach, „nein" sagen 8« lernen.

„Ein sehr nötiges Wort in dieser Welt, Miß West, glauben Sie mir's." fuhr Lady Beverley fort; „doch leider eins, dos zu äußern nur wenige Leute den Mut haben." ~

Dann, in der Annahme, daß die bei&eirSdjroe- fiern gern allein sein würden, begab Lord Wayne sich in sein Arbeitszimmer, unter dem Vorwande, er habe noch einige dringende Briefe zu erle- drgeu. —

' mH Marian standen auf der Terrasse,

gegen die Slein-Balustrade gelehnt, und sahen

beide mit entzückten Blicken auf die rings sich dehnende prächtige Landschaft. Dann wandte Ma- rian sich und sah der Schwester in's Gesicht.

„Du hast ein großartiges Heim," sagte sie. „Nie hätte ich mir träumen lassen, daß Kenning- hall etwas derartiges feil"

„Es ist sehr großartig, ja," sagte die klare, ruhige Stimme Evelyn's.

„Und T u, bist Du glücklich, recht glücklich, Eve? Sag's mir, Liebling. Das ist alles, was, ich wirklich zu hören wünsche. Du bist vollkom­men glücklich, nicht wahr?"

„Ja," versetzte sie; „Mortimer ist mehr als gut mit mir: ick habe alles, ivas mein Herz der- langt. Marian, vergib mir, wenn ich unsere Abmachungen dies eine Mal breche. Glaubst Tu, daß es sicher ist? Ddarian, sag mir, ist es sicher?"

„Dein Geheimnis?" flüsterte sie zurück; „ja­wohl, Eve, fo sicher, als ob jeder, der es bewahrt, tot in*. Grobe läge."

„Dann bin ick glücklich sehr glücklich," sprach Lady Wayne, mit einem tiefen Seufzer der Er­leichterung. „Das war die einzige Sorge, die mich quälte."

„Laß Dich nie wieder davon quälen, Kind; es ist tot und begraben. Und Du weißt ja, was tot ist, das kann nicht reden."

5. Kapitel.

Lady Wayne zu Hanse.

Einige Wochen verslossen. Lady Wayne be­gann sich von der Ueberraschung über all' das Neue und Großartige, das sie umgab, etwas zu er­holen — sich zu.Häufe zu fühlen. Die gesamte Elite der Nachbarschaft hatte ihre Besuche abge- stattet. Großartige Festessen und glänzende Feier- lichkeiten tvoren ihr zu Ehren gegeben worden, und auf jeder derselben war sie erschienen — strach. lend, bezaubernd schön — der Neid aller jungen Tarnen und aller jungen Frauen.

Wer war so glücklich wie Mylady Wayne? Wer so schön, so reich? Wer trug solch prächtige Toi­letten? Wer besaß solch' kostbare Juwelen? Wes­sen Antlitz war so hold und schön — wessen Lä­cheln so ruhig und süß?

„Wie ich Sie beneide, Lady Wayne," sagte Lilly Atherstone eines Tages zu ihr. „Sie müs­sen eine Fee zur Patin gehabt haben; Sie ha­ben alles, waS Sic in dieser Welt glücklich machen kann!"

Lady Wayne hörte diese Raden mit ruhigem, ..ethbem Antlitz an. Wer wnßte, was in ihrem Herzen vorging? In guter Gesellschaft enthüllen wir das Antlitz unserer Toten nicht; wir verber­gen cs irgendwo, gleichviel wie und roo. Wenn ein plötzlicher Schmerz ihr Herz durchdrang, als sie sich eines fernen kleinen Grabes erinnerte, fo erriet Lilly jedenfalls nichts davon.

„Du bist sehr glücklich, mein Liebling," sagte ihr stolzer, liebevoller Gemahl eines Tages, als er beobachtete, wie sie blumenbeladen vom Garten herein kam.

Keine Spur von Schatten lag in den strahlen­den, zu ihm erhobenen Augen.

„Ja, ich bin sehr glücklich," sagte sie. „Wes­halb fragst Tu mich, Mortimer?"

„Weil ich nie ein Gesicht so ruhig und süß ge­sehen habe, wie Deins", versetzte er.

Wenn ein Schmerz so scharf wie ein Schwert sie durchbohrte bei dem Gedanken, wie vollkommen er sich auf sie verließ, wie ohne jeden Hinterge­danken er ihr vertraute, fo machte sie doch keine äußere Bewegung.

Die größte Besitzung in der Nähe von Ken- nigdall, wenigstens innerhalb Besuchs-Entfer- nung, toar Belvoir Castle, der Sitz des Herzogs von Chisledon. Der Herzog von Chisledon galt allgemein als der stolzeste und ecklusivste Magnat Englands. Sein Stolz war nicht von der Art der Warmes, der von einem uraltadeligen Ge­schlechte ausstrahlende Glanz und Ruhm; er war stolz auf sein Geld, seinen Titel, seinen Rang: er hatte sich zu einer gesellschaftlichen Größe entroi-

unsere Parleigrundsätze gouvernementalen ober blockpoliiischen Rücksichten geopfert mürben.

Auch die Aeußerungen über das preußische Wahlrecht locken die Konservativen nicht:

Darum, so fährt die „Kreuzztg." fort, will es unS scheinen, al« ob Die Aussichten Der Nachlaß- steuervorlage durch diese Rede nicht gebessert worden sind, und wiederholen die Bitte, die verbünde­ten Regierungen möchten beizeiten auf eine Aendernng dieser Vorlage bedacht sein.

Der .Deutschen Tagesztg/, dem Organ des Bundes der Landroirte, ist natürlich auch, was Bülow über die Nachlaßsteuer gesagt hat, das Wichtigste. Sie bekämpft diese Ausführungen, hofft, daß der Kanzler auf diese Steuer ver zichten werde und kündigt ihm an, daß er sonst auf die gewünschte Grabschrist: „Dieser ist ein agrarischer Reichskanzler gewesen!" werde ver­zichten muffen.

Die Ankündigung eines eventuellen neuen Sozialistengesetzes durch den Fürsten Bülow wird nirgends ernst genommen. Vielleicht ist sie aulzusaffen als verzw-if.ttes Mittel der Gegenwehr gegen die scharfmacherische Hofkama­rilla, die da raunt und klagt: Der Bülow tut nichts gegen die fiaatsumstürzende, Monarchien zerschmetlernde Sozialdemokratie; vielleicht auch als Versuch, die Konservativen mit Zuckerbrot d. h. mit dem von ihnen ersehnten Ausnahmegesetz, kirre zu machen.

♦* Berlin, 20. Jan. 1909. Der Kaiser hörte heule den Vortrag von Militärfachleuteu. Am Abend war er im Opernhause und wohnte der Vor­stellung von „Sardcmapal" bei.

.-. Eine dreiste Erfindung. Die ,Schles. Ztg.' be­zeichnet als geistigen Urheber des Artikels der ,Reichspostt gegen Bülow den Oberlandesgerichls- piäfiDenten Dr. Spahn- Kiel. Die , Zentrums-Part. Mott/ ist ermächtigt. Die Meldung in aller Form zu Demen! ieren.

s. I» der Autvmobilkvmmission des Reichs­tags wurde am Mittwoch der § 6, der eine be­stimmt begrenzte Haftpflich t Vorsicht, abge­lehnt, dafür wurde eine Resolution angenommen, in welcher die Regierung zu einer Vorlage über eine Zwangsgenossenschaft der Automobilbesitzer zur Entschädigung vonUnfällen aufgefordert wird.

s. Das Reichsspiritus • Zwischenhandels- monopol kann als gescheitert angesehen werden. In der Finanzkommission des Reichs­tages hat man am Mittwoch sehr ausgedehnt darüber debattiert. Die Beratungen wurden noch nicht zu Ende geführt, doch sand das Zentrum bei seinem lebhaften Widerspruch gegen jedes Monopol die volle Zustimmung der Sozialdemokraten und der süddeutschen Volks- Partei. Mit seinem Verlangen nach Beseitigung des Monopols und dem Ausbau der Ver­brauchsabgaben sand es die Zustimmung auch des Freisinns. Auch auf nationalliberaler Seite war nicht viel Stimmung dafür. Die einzigen energischen Verlreler des Monopols waren die Konservativen, die insbesondere die Spirilnszen- trale als eine Wohltätigkeitsanstalt ersten Range- empfahlen. Am Donnerstag wird die Abstim­mung über einen Zentrumsantrag kommen, der die Verwerfung des Monopols, aber dafür unter Beseitigung des ganzen konfusen Branntwein- steuersystems den Ausbau der Verbrauchsabgaben auf Branntwein fordert.

a. Mit der Erweiterung des Nord-Ostsee- Kanals beschäftigte sich am Mittwoch die Bud- getkommission des Reichstages bei der Weiterberatung der außerordentlichen Etats de­

ckelt, seine Ansichten wurden mit allgemeiner Ehr­erbietung und Unterwürfigkeit ausgenommen; eS gehörte förmlich zum guten Ton, zu ihm aufzu- blicken und' seine Urteile und Ansichten als un­fehlbare Gesetze hinzunehmen. Das Siegel drückte er ferner Größe erst recht auf durch seine Heirat mit einer deutschen Prinzessin — nicht etwa einer Dame mit einem leeren hochtönenden Titel, son­dern einet ans königlichem Geblüt, deren Fa­milie Europa viele Herrscher gegeben. Er war stolz und exklusiv vor seiner Heirat gewesen, wurde eS aber noch erst ganz anders nachher. Er sah die Liste seiner Bekannten durch: alle, deren An­sprüche an alten Adel nur irgendwie zweifelhaft, strich er sofort aus ihren Reihen. Höher und höher nahm er seinen Flug; die ganze Nachbar­schaft geriet in Bewegung über den Besuch eines königlichen Prinzen bei ihm; eine Gunst, welche nicht so oft einem Untertanen widerfuhr.

Dies wichtige Ereignis trat etwa vier Monate nach Lord Waynes Verheiratung ein, und die Aufregung, die es in der Grafschaft hcrvottref, war ungeheuer. Wer würde zu den Festlichkeiten, die es aus diesem Anlaß gab, eingeladen werden? T-as war die große Frage.

Diejenigen, die glücklich genug waten, Einla­dungen zu erhalten, konnten sich sicher darauf ver­lassen. künftig die Welt zu ihren Füßen zu haben; die feine erhielten, mußten damit zufrieden sein, außerhalb des Zauberkreises zu bleiben. Lord Wayne wat zu verständig und viel zu gebildet, um sich über die Sache aufzuregen; mchts konnte seinem Adel etwas hinzufügen, nichts etwas davon nehmen. Aber er wat gespannt darauf, ob die Herzogin von Chisledon seiner Frau Karten schi­cken würde. Es wat allgemein bekannt, daß Lady Wayne einer guten alten englischen Familie ent­stamme, daß sie aber keine Aristokratin von Ge­burt sei, Lord Wayne war gespannt, ob diese Nach»icht auch bis zu den Mächtigen auf Belvoir gedrungen, und ob sie es wohl verhindern werde, daß feint schöne Gemahlin Zulassung zu dem Zauberkreisc finde. Wenn ja, so konnte es natiir-