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JW 14. Fulda, Dienstag den 19. Januar 1909. 36. Jahrgang.
Erstes MtclLL
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 18. Januar 1909.
Das Haus begann mit der
ersten Lesung deS Etats.
Abg. o. Pappenheim (tonf.): Im finanziellen Verhältnis zwischen den Emzelstaaten und dem Reich ist
Deutscher Reich.
** Berlin, 18. Jan. 1909. Der Senioren- Konvent des preußischen Abgeordnetensauses beschloß heute, die Wahlrechts-Anträge am nächsten Montag aus die Tagesordnung zu sehen. — Ein Kapitel des hohen Ordens vom Schwarzen Adler hat der Kaiser am Montag in Berlin abgehalten. Ihm ging voraus die Investitur der neuernannten Ritter.
eine gegenseitige Rücksicht geboten. Die konservative Partei ist der Auffassung, daß die im Reiche nötigen Gelder durch indirekte Steuern aufzubringen seien, während die direkten Steuern den Emzelstaaten verbleiben müßten. Die geplante Nachlaß steuer halten wir für unerträglich, sowohl für die Emzelstaaten wie auch für die Steuerzahler selbst. Ferner müssen die Matrikularbeiträge so geregelt werden, daß sie die Leistungsfähigkeit der Emzelstaaten nicht übersteigen, und letztere nicht gezwungen sind, sie durch Anleihen zu bestreite«. Auf die Reform deS Wahlrechts Übergehend, meinte Herr v. Pappenheim, daß das Bedürfnis nach einer solchen Reform nicht größer sei als in anderen Bundesstaaten oder beim Reichstag selbst. Namens seiner Freunde gab er auf Fraktionsbeschluß die Erklärung ab, daß sie vorerst eine Vorlage der Regierung abwarten und sie dann gewissenhaft prüfen würden. Aber daß eine Bedenken mache er schon jetzt geltend, daß eine solche Reform leicht zu einer Schwächung der Machtstellung der Krone führen könne und daß hierfür seine Freunde nicht zu haben seien. Aus den weiteren Ausführungen des Redners verdient hervorgehoben zu werden, daß er einer Abtrennung der Medtzinalabteilung vom Kultusministerium und ihrer Unterstellung unter das Ministerium des Innern das Wort sprach und für eine Vermehrung der staatlichen Polizei plädierte.
Abg. Friedberg (natL) fugrte aus: Was da? Jahr 1908 anlange, so seien die düsteren Vorhersagungen der nationalliberalen Partei eingetroffen. Es habe sich das große Defizit von 166 Mill. Mk. ergeben, well die Etatsansätze der Wirklichkeit nicht entsprochen hätten. Der Minister habe mit Recht darauf hingewiesen, daß die Reichsfinanzreform sowohl sür Preußen als auch für die übrigen Bundesstaaten geradezu eine Lebensfrage sei. Sie müsse recht bald unter Dach und Fach kommen, und seine Partei hege die Hoffnung, daß sich eine Verständigung aller beteiligten Faktoren sehr wohl ermöglichen lasse. Dem Abg. Pappenbeim erwidere er, daß es nicht Sache einer großen Puter sei, ein Wahlrecht zu konservieren, welches verbesserungsbedürftig sei.
Abg. Frhr. v. Zedlitz (frt.) fordert größte Sparsamkeit in allen Zweigen der Verwaltung. Mit Bedauern habe er konstatiert, daß auch im laufenden Etat wieder die Vermehrung der Beamtenstellen ihren alten Gang gehe. Dies sei besonders der Fall in der Eisenbahnverwaltung und umso auffälliger, da der Verkehr im vergangenen Jahre hinter demienigen des vorvergangenen Jahres zurückgeblieben sei. Ganz besonders scharf müsse das Extraordinarium unter die Lupe genommen werden, denn dieses enthalte manchen Bosten, der verschoben werden könne oder überhaupt nicht notwendig sei. Durch größere Sparsamkeit werde es auch leichter gelingen, die Mittel für die Beamteubesoldung zu beschaffen. Aber auch der Steuerverteilung habe das Haus das größte Augenmerk zuzuwenden und dafür zu sorgen, daß die Verteilung der Tragfähigkeit der Schullern entspreche. Das Verhältnis Preußens zum Reiche bedürfe endlich der Klärung. Wer die Nachlaßsteuern ablehne, müsse auch vollgiltigen Ersatz dafür schaffen. ES sei kein Schaden, daß etliche Sozialdemokraten hier im Saale sitzen, denn ihre Anwesenheit erinnert immer daran, daß die Abgeordneten ihre Worte und Taten stets genau zu prüfen haben. Seine Partei danke dem Kanzler dafür, daß es ihm gelungen sei, die Spannung zwischen Kaiser und Volk wieder zu beseitigen. Bedauerlich aber sei es, daß anläßlich der Neujahrsansprache des Kaisers an seine Generale ein Teil der Presse unpatriotifch genug gewesen sei, die Worte, die der Kaiser in vertrautem Kreise sprach, in bengalischer Beleuchtung der Oeffent« lichkeit vorzusetzen.
Eisenbahnminister Brcitenbach verbreitete sich des längeren über die Möglichkeit und Unmöglichkeit von Ersparnissen in seinem Ressort.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 18. Januar 1909.
Da- Haus beginnt die zweite Lesung deS Justiz-Etats.
Wg. Dr. Wagner (tonf.) befürwortet die energische Förderung der großen Reformen und führt Klage darüber, daß durch die Reichsgerichtsrechtsprechung der Eigentumsvorbehalt an Maschinen fast unmöglich ge- macht werde. „ , „,
Abg. Dr. Belzer (Zenlr.) wendet sich gegm den ZeugniSzwang gegen die Presse, gegen das Unwesen der Sachverständigen in Sittlichkeitsprozessen, ferner gegen die Befragung von Zeugen nach ihren Vorstrafen in öffentlichen Verhandlungen. In der Reform des Strafgesetzbuchs erscheint die Herabminderung der Strafe für geringfügigen Diebstahl außerordentlich sympatisch. Zu erhöhen wären aber die Strafen wegen Ehebruchs und für Rohhritsverbrechen, für Verfehlungen gegen den § 175, wenn die Straftat unter Mißbrauch deS AutoritätsverhältniffeS begangen ist. Auch müßte daS Schutzalter durchweg auf 18 Jahre erhöht werden. ES erscheint auch immer mehr als Aufgabe der Gesetzgebung, dem Schmutz in Wort und BUd entgegenzutreten. Das internationale Gewerberecht müßte dahin geändert werden, daß die Verbreitung unsittlicher Bilder und Druckschriften verboten wird. Zum Schluß kommt Redner auf ben Prozeß Eulenburg zu sprechen und meint, roenn man auch nicht von Rechtsbeugung sprechen wolle, f0 Seien doch hier einem hochgestellten Angeklagten Rück, ichten Hiteü geworden, die in solchem Maße anderen Sterblichen versagt blieben. (Lebhafter Beifall im Zentrum.)
Staatssekretär Dr. Rirberbing teilt mit, daß die Strafprozeßordnung nach Erledigung derEiats Beratung an den Reichstag kommen werde. Was de' Fürsten Eulenburg angehe, so habe das Gericht bn Pflicht, die Wahrheit zu ergründen und dafür alleie Stint, einerlei, ob e8 sich um einen kleinen Man5 er um einen Fürsten handle. Deshalb beabsichtig" jetzt daS Gericht das Gutachten wissenschaftliche^ Srkßen einzufordern. Schließen sich diese dem litte* der Berichtsärzte an, dann können wir nichts mache" •ui sie aber gegenteiliger Ansicht, dann können S"- Lcher fein, daß das Gericht mit aller Strenge gegete 6en Angeklagten vorgehen wird. Bis die Stra" rechtSresorm hier vorgelegt werden kann, wirst voraussichtlich noch eine geraume Zeit vergehen. Vor" läufig soll eine Novelle vorgelegl werden, die bies größten Mängel beseitigen soll.
Abg. Heintze (ntl.) ist auch seinerseits mit der Behandlung des Falles Eulenburg nicht zufrieden. Er wünscht für den Richterstand eine größere Freiheit in der Auslegung der Gesetze.
Abg. Heine (Soz.) bekämpft scharf die in der Novelle zum Strafprozeß in Aussicht genommene Verschärfung der Beleidigungsstrafen, die doch nur ein politisches Kampfesmittel werden würde.
Abg. Ablaß (ftetf. Bp.) rolemisiert gegen den Formalismus der reichsgerichtlichen Rechtsprechung. Die wichtigsten Akte würden oft auf Grund unwesentlicher Formfehler für ungiltig erklärt. In Sachen Eulenburg schließt er sich den Ausführungen des Aentrumsredners an.
Abg. Schack (wirtsch. Bgg ) wünscht zu wissen, wie (X mit einem Gesetze über die Konkurrenzklausel stehe.
Staatssekretär Dr. Nieberding: lieber die Werk- «K 'stet sei eine Umfrage hinausgegangen. Im übrigen fri die Sache noch nicht geklärt.
Abg. Becker-Siegburg (Ztr.) befürwortet ben Aus- bo* bet Jugenogerichtshöse unb wünscht die Frage «»geschnitten zu sehen, ob nicht das Armenrecht mehr als nötig zur Anwendung gelange.
Dienstag: Fortsetzung.
c. TaS Befinden des Grafen Hompesch hat sich verschlechtert; es iss eine Lungenentzündung hinzugetreten und der Zustand wohl hoffnungslos. Am Sonntag entsandte der Reichskanzler Fürst Bülow seinen Adjutanten von Schwarzkoppen in das Krankenzimmer, um sein Beileid auszudrücken und Erkundigungen nach dem Befinden einzuziehen. Der Kranke selbst hofft noch immer auf Genesung. Abg. Dr. Spahn stattete gestern dem Schwerkranken einen Besuch ab. Auch ihm gegenüber meinte er, daß sein Befinden besser sei, wenn nur die Anfälle von Atemnot nicht stören würden. Das Leben des Grafen Hompesch ist nur noch nach Stunden oder nach wenigen Tagen zu bemessen.
(*) Die Zahl der Orden und Auszeichnungen, die beim diesjährigen Krönungs- und Ordens- feste verliehen wurden, beträgt 3985; sie übertrifft um über 150 die im Vorjahre, wo insgesamt 3830 gegen 3585 im Jahre 1907 und 2819 im Jahre 1906 zur Ausgabe kamen.
* Bon den Steuervorlagen des Herrn Sydow werden, das erscheint der könlervaliven,Kreuzztg/ kaum noch zweifelhaft, die Inseraten steuer, sowie die Elektrizität?- und Gassteuer unter den Tisch fallen.
* Zur Besoldung der Förster schreibt man uns. Die Förster gehören zu denjenigen Beamten, die bei der Besoldungsvorlage am schlechtesten ab- schneiden. Tie Zentrumsfraktion des preußischen Abgeordnetenhauses hat sich der Förster in der nachdrücklichsten Weise angenommen. Leider sind all lbre Bemühungen bisher an dem Widerstande v ' ?r Parteien, namentlich aber an dem immer und immer wieder ertönenden „Unannehmbar" des Finanzministers gescheitert. Während die Zentrumsabgeordneten ein Höchstgehalt von 2700 ött beantragt hatten ist mit vieler Mühe erreicht worden, daß das Gehalt um 100 über die Vorlage hinaus, auf 2500 dl. gebracht wurde. Daß eine solche Gehaltsbemessung die Lage der Förster, die durch ihren vielfach von allem Verkehr abgeschnittenen Wohnsitz noch ganz besondere Auslagen haben, nickt entspricht .liegt auf der Hand. Es sei nur daran erinnert, welche unendlichen Schwierigkeiten die Kindererziehung den Förstern verursacht. Es gibt kaum eine zweite Beamtenklasie, die hierfür solch große Opfer zu bringen hat, wie die Förster. Die zweite Lesung der Besoldungsvorlage im Plenuni steht bevor. Ohne Zweifel wird die Zentrumsfraktion sich von neuem der Förster annehmW, Ist aus finanziellen Gründen eine Gleichstellung der Förster mit der Assistentenklasse nicht zu erreichen, so sollte es wenigstens möglich sein, sie auf ein Gehalt von 1500 bis 2700 M zu bringen (das Höchstgehalt erreichbar in 18 Dienstjahren). Dann würden auch die Förster wieder etwas hoffnungsvoller in die Zukunft blicken können.
- Die Denkschrift über Änmerutt, die dem Reichstag als vierte Kolonial-Denfichrist zu- gegangen ist, geht zunächst auf die Grenzregulierungen gegen den Tschadsee ein und gibt weitere Aufklärung über die geographische Erforschung der Kolonie. Da nur Heinere Unruhen zu verzeichnen waren, so brauchte diesmal keine kriegerische Expedition in Aktion zu treten. Die Gesamtzahl der weißen Bevölkerung beträgt 1128, davon waren 871 Deutsche; die Zahl der Eingeborenen beträgt in den unter Verwaltung stehenden Bezirken rund 130! 000 Seelen. Die Bemühungen der Behörden, eine Ausdehnung der landwirtschaftlichen Produksion zu fördern, haben kei en Erfolg gehabt. Einer Einsuhr von 17 2000- 0 M. stehen 15800000 M. Ausfuhr gegenüber.
3m Banne üe$ Geheimnisses.
Roman aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.
[10. Fortsetzung.) ------
„DaS ist auch so ein Kenninghall - Aber- glaube", fuhr sie wie scherzend fort; , setzte aber dann ernster werdend hinzu: „Doch wirklich, dies ist keine müßige Sage; es ist eine wirkliche Tatsache."
„Was für eine Tatsache?" fragte Lady Evelyn, von einem zum andern blickend.
„Ich kann Ihnen nicht sagen, wie weit zurück diese Sage geht", versetzte Mrs. Wayne, ihr schar- fes Auge auf Lady Evelyns Züge heftend; „aber es verhält sich damit folgendermaßen: Bevor ein großes Unglück sich ereignet oder irgend ein Nebel droht, oder eine dunkle Wolke über Kenninghall sich niederläßt, läßt sich ein Tröpfeln wie von Regen auf der Terrasse vernehmen. Merkwürdig, nicht wahr? Nichtsdestoweniger hat es vollkommen seine Richtigkeit damit."
„Und dieses Geräusch wurde vergangene Nacht gehört?" fragte Lady Evelyn leise.
„Jawohl," versetzte Mrs. Wayne; „ich war zuerst ganz nervös über die Tatsache; wir müssen indes hoffen, daß die Sage, wenigstens einmal sich nicht bewahrheitet!"
War es der Schatten der Linden, der Myladys Gesicht plötzlich so blaß erscheinen ließ? — sogar die Lippen verloren ihre Farbe.
„Vergangene Nacht," wiederholte sie, „die Nacht vor meiner Ankunft — ist es ein übles Vorzeichen? Ich fiirchte mich, Mortimer."
Lord Wayne blickte seine redegewandte, mitteilsame Vettvandte finster an, bezwang sich, aber.
„Es wäre rücksichtsvoller gewesen, wenn Du meiner Frau diese Geschichten nicht erzählt hättest, Isabel; ein jeder ist nicht mit so starken Nerven auSaestattet. wie Du sie besitzt."
Ein kleiner Freudenblitz durchfuhr Mrs. Way- ne's Inneres trotz der Zurechtweisung —; mit et heucheltet: Besorgnis blickte sie auf die blasse, junge Frau.
„Ich bitte tausendmal um Vergebung, Lady Wayne. Es ist mir nicht entfernt eingefallen, Sie bange machen zu wollen. Warum sollten Sie sich denn nervös darüber fühlen? Es kann doch unmöglich eine Verbindung existieren zwischen der Warnung, die den Waynes immer zuteil wird, und Ihnen!"
„Ganz gewiß nicht," sagte Lord Wayne be- schwichtigend. Er merkte die Bosheit nicht. „Ich kann Dich leider nicht damit trösten, Liebling, da ich sage: Glaub' es nicht — denn das Omen hat sich unglücklicherweise stets noch als wahr erwiesen; aber, liebste Evelyn, diese Warnung betrifft Dich nicht! "
Sie sah ihn dankbar an; doch er bemerkte, daß ihr Antlitz noch immer blaß war.
„Deine Ankunft," fuhr er fort, „ist eine Ehre, ein lstuhm für die Waynes — es kann kein Unglück damit in Verbindung stehen. Der Himmel allein weiß, was die Zukunft in ihrem Schoße birgt; des einen aber bin ich sicher; sie birgt nichts, was nicht hell und schön für Dich wäre, Evelyn."
„Es tut mir außerordentlich leid, den Zwischenfall überhaupt erwähnt zu haben," sagte Isa- bel jetzt ganz zerknirscht. „Es war sehr gedan- kenlos von mir, und ich werde mir nicht eher vergeben, bis ich Sie wieder strahlen und lächeln sehe, Lady Wayne."
Evelyn bestrebte sich sichtlich und außerordentlich, die Niedergeschlagenheit und Furcht abzu- schütteln, die sie befallen.
„Ich werde es nicht zugeben, daß Du itoch mehr Kenninghall-Ssgen hörst", begann ihr Gemahl mit leichtem Lächeln wieder. „Du bist doch nicht tapfer genug dafür."
, „Sie sind aber auch so schrecklich," versetzte sie mit leichtem Schauer.
..Nicht doch," fuhr er fort, „welch' sanfteren Lartt gibt es wohl in der Natur, als das leife Tröpfeln des Regens. Ich höre es stets mit Vergnügen
„Ausgenommen, wenn es Unglück bedeutet."
„Ich meinte die spukhaften Regentropfen nicht —, die habe ich überhaupt noch nie gehört; übrigens, Evelyn, es hat oft Kummer aus Kenninghall geherrscht tiefster, bitterster Kummer; aber ich danke Gott hier und heute an diesem Sommer- Abende unter seinem Himmel, ich danke ihm, daß Unehrc und Schmach sich uns niemals genaht haben — das Wort ist bei uns nicht bekannt. — Nun komm und sieh Dir unsere Farne einmal an. Meine selige Mutter, Lady Clare Wayne, hatte eine wahre Leidenschaft für diese Pflanzen — hast Du sie gern?"
Sie bejahte unb suchte interessiert auszusehen; aber Isabel Wayne, die sie unverwandt beobachtete, sah wie lange es dauerte, bis das liebliche Gesicht seine Farbe wieder gewann, und daß das Interesse an den Farnen bloß ein scheinbares war.
Später am Abende fand sie Lady Wayne im Gesellschaftszimmer ganz allein. Ganz plötzlich und unerwartet aitf sie zutretend sah sie, wie das schöne Antlitz der jungen Frau von Tränen naß war.
4. Kapitel.
Mrs. Wayne's Gedanken.
„Lach nur, Algy; natürlich. Tu lachst ja immer über das, was Du meine Entdeckungen zu nennen beliebst. Warte und sieh. Habe ich dies Mal nicht recht, so will ich nie wieder Anspruch darauf machen, Verstand und Klugheit zu besitzen."
„Ihr Weiber seid alle gleich," gab ihr Mann nachlässig zurück; „könnt es nun einmal nicht lassen, übel voneinander zu sprechen und zu denken; es scheint Euch angeboren."
)( Ueber den industriellen Wert unserer Ko- Ionien hat Staatssekretär Dernburg am Sonntag in Dresden in einer Versammlung eine Rede gehalten, worin er sich wiederum in der Rolle des überschwenglichen Optimisten gefiel. Nach seinen Darstellungen könnte man glauben, unsere Kolonien würden in nächster Zeit eine wirtschaftliche Entwicklung nehmen, wie sie bisher in der Kolonialgeschichte aller Länder noch nicht verzeichnet worden ist. Er behauptet, in überschlägbarer Zeit werde es gelingen, einen sehr erheblichen Prozentsatz des Importes von Rohstoffen und der Textilindustrie aus unseren Kolonien zu decken. Der Boumwollenbau erziele in Deutschostafrika und teilweise auch in Togo „glänzende" Ernten. Auch bei Kokosnüssen usw., dem Mais, dem Kautschuk hat er ähnliche Hoffnungen und nicht minder glänzend sieht er die Entwickelung beim Kaffee, dann bei Gewürzsträuchern, beim Tabak an. In Bezug auf das Vieh erklärt er, Ende dieses Jahres werde das Vieh in Deutschsüdwestafrika einen Wert von 20 Millionen Mark repräsentieren. Ob er auch in Erwägung gezogen hat, daß die Viehpreise nach der überzeugenden Darstellung des Kolonialsachverständigen Pros. Dr. Dove, der das Land selber jahrelang bereist hat, in ganz kurzer Zeit wieder erheblich zurückgehen werden, darüber bat er leider nichts mitgeteilt. Auch von der Straußenzucht verspricht er sich alles Mögliche. Auf den Marianneninseln in der Südsee hat man sogar fertiges Porzellan gesunden, das nur verarbeitet zu werden braucht. Den Glanzpunkt seiner Rede aber bildete die Mitteilung über die südwestafrikanischen Diamanten. In vier Monaten seien Steine im Werte von 1,1 Millionen Mark gesunden worden.
s Die preußischen Gemeindrbeamten haben ant Sonntag in Berlin einen preußischen Gemeindetag abgehalten. Die Verhandlungen, zu denen fast 3009 Beamte erschienen waren, führten zur Annahme einer Resolution, worin die Gemeindebeamten die Gleichstellung mit den Staatsbeamten mit gleicher Vorbildung im Gehalt verlangen.
— Ter Schweizer Mehlzollkrieg hat bekanntlich zum Boykott deutschen Getreides geführt. Diese Boykottbewegung konnte natürlich auf den deutschen Handel und die deutsche Produktion keinen großen Einfluß ausüben, weil ja die Schweizer bei der Durchführung des Boykotts höhere Beträge zahlen mußten als bei deutschem Getreide. Nunmehr hat sich der Boykott aber auch zu einer Boykottbewegung gegen die deutschen W ar e n überhaupt entwickelt, die anscheinend recht bedenkliche Fortschritte macht.
s Ein Tabakarbeiterkougreß, veranstaltet von den sozialdemokratischen und den Hirsch-Dunker- schen Tabakarbeitern, ist soeben in Berlin zusam- mengetreten, um gegen die neue Tabaksteuer Protest einzulegen.
Ausland.
** Oesterreich und die Türkei. In dem Protokoll. das über die österreichisch-türkische Vereinbarung fettiggestellt wird, erkennt die Türkei ausdrücklich den neuen staatsrechtlichen Zustand Bosniens und der Herzegowina an. Zwar sollen die Türken noch versucht haben, sich Hintertürchen zu späterer Einmischung in die bosnischen Verhältnisse offen zu halten, indes ohne Erfolg.,— Ter Boykott scheint stellenweise noch nicht Nachlassen zu wollen; in Ilesküw beispielweise Wei- gert man sich auch fernerhin noch, den österreichische» Zucker zu übernehmen.
** Serbien. Die Berichte, die in der letzten Zeit uns aus Serbien zugegangen sind, sind vielfach widersprechend. Von einer Abdankung des Königs wurde berichtet, von einer
„Ich sage nicht, daß ich U e b l e s von ihr denke," versetzte seine Frau schnell; „Du gehst zu weit. Ich sage nur, daß ich überzeugt bin, sie hat irgend ein Geheimnis, oder etwas zu verbergen."
„Und wenn — was geht uns das an?" gähnte er. —
„Vielleicht überhaupt nichts, vielleicht aber auch so ernstlich, daß Du doch schließlich noch erbberechtigt wirst."
„Isabel. Du schwatzest da Erzblödsinn," versetzte ihr Man», nunmehr erzürnt. „Bitte, denk Dir nur einmal die Folgen, wenn Lord Wayne Dick jetzt hörte!"
„Wenn Lord Wayne auch nur in meiner Näh« wäre, so würde ich das Thema mit keiner Silbe erwähnen," gab sie unbeirrt zurück. „Ich spreche mit Dir, Algy, und — magst Du auch jetzt noch so viel lachen und höhnen, wie Du willst — die Zeit wird kommen, wo Tu sagst - Mein Weib hatte doch ganz Recht."
Ihre Beharrlichkeit machte doch einen gewissen Eindruck auf ihn. Alles in allem genommen, sagte er sich, hatten einige der Prophezeiungen seiner Frau sich doch bereits als vollständig richtig erwiesen — warum also nicht diese?
Er hatte denn auch so ein träges, gleichgültiges Verlangen, zu wissen, was sie zu sagen hatte.
„Vielleicht hast Du schließlich doch recht, Bella. Menschen schnell durchschauen ist meine starke Seite nicht gerade. Was also ist Deine Meinung von dieser liebenswürdigen Lady?"
Ein Lächeln ruhigen Triumphes zuckte um Mrs. Waynes Lippen.
„Ich stimme Dir Bei, sie ist sehr schön und liebenswürdig; aber ich sage auch „Es ist nicht alles Gold, wo« glänzt," und trotz all ihrer Jugend, Schönheit und Anziehungskraft glaube ich fest, daß ein Geheimnis in ihrem Leben vorhanden ist."
(Fortsetzung folgt.)