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M 13.

Fulda, Montag den 18. Januar 1909.

36. Jahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 16. Januar 1909.

Fortsetzung der ersten Beratung des Entwurfs bett, die Einrtchiung von Arbeitskammern.

Abg. Höffel (Rp.) erklärte, seine Partei werde an dem Zustandekommen des Gesetzes Mitarbeiten, obwohl ste sich von der Praxis nicht viel verspreche.

Abg. BrhrenS (roirtsch. Vgg.): Meine politischen Freunde teilen die fast einmütige Zustimmung, die der Entwurf in seinen prinzipiellen Punkten gefunden hat. Wenn der Abg. Legten gestern behauptet hat, die Arbeiter draußen im Lande verlangten Arbeiterkammern ftatt Arbeilskammern, so vergißt er, daß die in den ozialdemokratischenGewerkschafien organisiertenArbeiter nur einen Bruchteil der deutschen Arbeiterschaft dar­stellen. Die christlich-nationale Arbeiterschaft mit ihren mehr als 1 Million Mitgliedern steht jedenfalls durch­aus auf dem Boden der Arbeitskammern.

Abg. KnlerSki (Pole) nennt es eine Unmöglichkeit, Arbeitskammern einzurichten, solange der Arbeiter rote ein Lohnsklave behandelt werde. Kein ernsthafter Eozialpolitiker wird wohl glauben, daß durch der­gleichen Kleinigkeiten, wie diese Vorlage sie bietet, ein Ausgleich der Gegensätze herbeigesührt werden wird.

Abg. Dr. P-tthoff (fr. Vgg.) hält es für falsch, daß man das Handelsgewerbe aus der Vorlage aus­geschlossen bat, da das Handelsgewerbe auch Arbeiter beschäftigt. In der Vorlage müffe auch der Ge­danke der Selbstverwaltung schärfer zum Ausdruck kommen. (Beifall b. d. Freis.)

Ministerialdirektor im Reichsamt des Innern RaSpar:

Auf die einzelnen Bemerkungen der Vorredner will ich nicht eingehen. Diese Einzelfragen können zurückgestellt werden bis zu den Kommisstonsberatungen. Hier kommt es zunächst darauf an, zu erfahren, rote sich der Reichstag überhaupt zur Frage der paritä­tischen Arbeitskammern stellt.

Abg. GieSbertS (Ztr.): Die Aufnahme, die der Gesetzentwurf hier im Hause gefunden hat, hat mich angenehm enttäuscht. Keine Partei des Hauses hat den Entwurf unbedingt abgelehnt, und deshalb hegen wir die Hoffnung, daß in diesem Gesetz etwas Brauch­bares und Ersprießliches für die Arbeiterschaft ge­schaffen werde. Aber allzugroße Hoffnungen auf die erfolgreiche Wirksamkeit der Arbeitskammern möchte ich sticht zum Ausdruck bringen. Im Gegenteil, ich glaube, daß die Arbeitskammern von sehr klugen Leuten ge­leitet werden müssen, wenn ste ihren Zweck erfüllen Sllen. Seit dem ersten Auftauchen des Gedankens der rbeitskammern haben sich die Gegensätze außerordent­lich verschärft. Es wird daher den Kammern schwer werden, eine wirksame Tätigkeit zu entfalten; beider­seitiger guter Wille ist daher sehr vonnöten. Redner beleuchtet im weiteren den unversöhnlichen Geist eines Teils des Unternehmertums, der gegen die Vorlage eingesetzt hat und die gesetzgeberische Aktion durch« kreuzen will. Die Bedenken, die der Abg. Legien ge­gen die paritätischen Arbeitskammern geltend gemacht hat. wurzeln im wesentlichen in denselben Anschauungen. Mit der Aufstellung des Grundsatzes, daß ein Aus­gleich der Interessengegensätze eine Utopie sei, schlägt er, genau genommen, allen gewerkschaftlichen Prinzipien und aller gewerkschaftlichen Arbeit ins Gesicht. Da- durch wird das Vertrauen der Arbeiter zur gewerk- fchaftlichen Arbeit nicht gerade gestärkt, und der einzige Erfolg ist allenfalls der, ihn mit revolutionären Joeen zu erfüllen, worauf allerdings eine Strömung in der sozialdemokratischen Partei hineinarbeitet. Redner weist dann Angriffe zurück, die der Abg. Legien gestern in dieser Frage gegen das Zentrum gerichtet hat und Shrt fort: Die Frage, ob Arbeiterlammern oder rbeitskammern, ist von uns von jeher als eine Zweck- mäßigkeitSsrage behandelt worden. Mir sind Arbeits­kammern aber schon aus dem Grunde lieber, weil da­durch das Prinzip des Berhandlungszwanges zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern festgelegt wird. Ich hoffe, daß wir in der Kommission zu einer Ver­ständigung kommen werden, welche auch die Eisenbahn­arbeiter und Arbeiter der Marineverwaltung in die Borlage aufnimmt. Der Entwurf ist die Grundlage für einen weiteren sozialpolitischen Fortschritt auf diesem Gebiete. (Lebh. Beif. im Zentrum).

Abg. Severing (Soz.): Wir könnten für Arbeits­kammern stimmen, wenn sie exekutive tmd verwaltungs­technische Aufgaben hätten. Das ist ober nicht der Fall und darum sind Arbeiterkammern notwendig, um den Angriffen der Arbeiterorganisationen entgegentreten

zu können. Wir muffen deshalb auf unserer Forderung von Arbeiterkammern bestehen bleiben.

Die Borlage geht entsprechend dem Antrag Trim- born an eine Kommission von 28 Mitgliedern.

Zum Schluß gibt der Präsident Kenntnis von dem Ableben des Reichstagsabgeordneten Dr. Rue gen- berg (Ztr), der seit dem Jahre 1903 den 6. Wahlkreis des Regierungsbezirks Koblenz vertrat. Die Mitglieder des Hauses erheben sich zum ehrenden Andenken ihres verstorbene« Kollegen von ihren Sitzen.

Montag 1 Uhr: Zweite Lesung der Justizetats.

Deutsches Reich

" Berlin, 17. Jan. 1909. Der Kaiser hörte am Mittwoch einen Vortrag des Eisen­dahnministers Breitenbach, am Donnerstag einen Vortrag des Kriegsministers, des Chefs des Ge­neralstabs und des Chefs des Militärkabinetts. Am Freitag war er mit dem Prinzen Eitel Friedrich auf einer Fasanjagd. Am Samstag traf er in Berlin im königlichen Schlosse ein, wo im Laufe des Tages der Herzog Ernst von Sach» sen-Altenburg und der Prinz Heinrich eingetrof­fen waren.

Der Zentrumsabg. Dr. Ruegenberg ist am Samstag im Alter von 63 Jahren plötzlich in Bonn gestorben. Bis zu den Weihnachts­serien war Dr. Rügenberg noch in voller Rüstig­keit in Berlin anwesend; bekanntlich leistete er damals noch dem im Reichstage zusammen­gebrochenen Oberstleutnant v. Goltz die erste Hilfe. Wohl niemand hatte daran gedacht, daß der nunmehr bereits unter den Twen weilende so bald schon abberufen werden sollte. Dr. Rügenberg war geboren am 2. April 1845 in Olpe. AIS Arzt machte er die Feldzüge von 1866 und 1870/71 mit, ans denen er daS Erin- nernngskreuz 1866 und die Kriegsdenkmünze 1870/71 heimbrachte. Bis zum Jahre 1892 war er als Distriktsarzt in Kärlich bei Koblenz tätig, alsdann siedelte er nach Bonn über. Seit 1896 war er Mitglied der Rheinischen Aerziekammer, im Vorjahre wurde er Geheimer Sanitätsrat. Im Jahre 1898 wurde er in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt, dem er bis zum Jahre 1907 angehörte. Mitglied des Reichs­tages war er seit 1903 als Vertreter des Wahl­kreises Adenau-Zell-Kochen. In allen ärztlichen Fragen war er der Fraktion ein treuer Rat­geber. Sein heiteres umgängiges Wesen gewann ihm die Zuneigung aller seiner Fraktionsgenossen, die sein Andenken in Ehren halten werden.

-T- Irreführende Berichterstattung. Ein liberales parlamentarisches Büro hat die Meldung verbreitet, daß in der Finanzkommission des Abgeordnetenhauses ein Antrag des Zentrums zur Annahme gelangt sei, „beweine Reform der Fahrkartensteuer fordert, mit Entlastung der oberen und entsprechenden Mehrbelastung der dritten Klaffe, sowie mit Heranziehung der vierten Klaffe." Um Legendenbildung zu ver- )ülen, stellen wir fest, daß der betreffende Even­tualantrag des Zentrums lautet: „Die ver­bündeten Regikrungen zu ersuchen, dem Reichstag einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen eine Reform der Fabrkartensteuer herbeigesührt wird." In welcher Richtung sich die geforderte Reform bewegen soll, ist vom Zentrum nicht ausgeführt worden; vielmehr wurde der Ansicht Ausdruck verliehen, daß es Sache der Regierung ei, ihrerseits Reformvorschläge vorzubereiten.

e. Die preußisch Besoldnngs - Ordnung wurde am Samstag von der Budget-Kommission des Abgeordnetenhauses zwecks Beseitigung der

noch verbliebenen Unstimmigkeiten und Uneben­heiten hinsichtlich der Gehälter und Stellenzulagen der höheren Beamten in dritter Lesung beraten. Nach den Vorschlägen der Subkommission wurde vor allem bei einer Reihe von Beamtenklaffen der Vermerk beigefügt: „Der vor dem Tage der Verkündigung des Gesetzes angestellte Stellen­inhaber bezieht bis zum normalmäßigen Aufsteigen in die höhere GehaltLklaffe den gegenwärtigen Gehaltssatz."

c. Die Aufhebung des Steuerprivilegs der Beamten ist am Samstag in der verstärkten Gemeinde-Kommission des Abgeordneten­hauses in der Fassung des Regierungs-Entwurfes beschlossen worden. Danach haben die künftig anz.istellenden Beamten die Gemeinde-Einkommen­steuer bis zu 100% ebenso zu bezahlen als die Privatleute.

)( Die Rechtsverhältnisse der Heimarbeiter sollen in einer von der Reichsregierung in An­griff genommenen Novelle zur Gewerbeordnung geregelt werden. Danach sollen die Bundesstaa­ten das Recht haben, in gesundheitlicher Beziehung Vorschriften zu erlassen. Die Unternehmer müs­sen Negistrierbücher und Lohnbücher führen.

)( Die landwirtschaftliche Woche wird in Berlin am 16. Februar mit der Tagung deS deutschen Landwirtschaftsrates ihren An- fang nehmen. Gegenstände von größerer Bedeu­tung stehen diesmal picht auf der Tagesordnung. Neben Angelegenheiten der inländischen Landwirt­schaft wird auch die Wasserversorgung der Kolo­nien Gegenstand der Beratungen sein. Als Re- ferenten darüber sind der Wünschelruten-Landrat v. Uslar und der Prof. Dr. Karl Dove bestellt worden. — Der Bund der Landwirte wird feine Zirkus-Parade am 22. Februar erfolgen lassen.

("i.Tie Denkschrift über Südwestafrika, die soeben ebenfalls dem Reichstage zuging, bezeich­net die Entwickelung der Kolonie im Jahre 1907 alz eine friedliche. Die weiße Zivilbevölkerung ist um 1103 Köpfe auf 8213 gestiegen. Die Zahl der Eingeborenen wird ohne die Ovambos auf 50 009 geschäht. Die Klagen über Arbeiterman­gel haben im allgemeinen nachgelassen. Ter ge­samte Privathandel im Jahre 1907 stellt einen Wert von 26 696 090 dl dar, d. i. 9 Millionen weniger als im Vorjahre.

* Das Thema „Kriegervereine" ist uner­schöpflich. Beispiel reiht sich an Beispiel für die Art, wie-Zrrese ursprünglich gewiß recht gut ge­meinten Vereinigungen ehemaliger Kriegs- und Friedenssoldaten für einseitig parteipolitische Zwecks ausgebildet, wie in ihnen ver stumpfsin­nigste Byzantinismus gezüchtet, wie sie — je nach ihrem „Wohlverhalten" — erst „gefördert", dann geschuhriegelt werden, kurz, wie sie bald das Subjekt, bald das Objekt eines allgemach unausstehlichen Despotismus sind. Wie man mit solch' einem Kriegerverein umspringt, falls er nicht Order pariert, beweist das Schreiben eines Verbandsvorsitzenden, das dem ,Berl. Tagebl/ zur Verfügung gestellt wird:

Der Vorstand des Barmer Krieger- und Landwehr­verbandes teilt mir mit, der Rotier Landwehrreservisten- verein habe seinen Austritt aus dem Barmer Krieger- und Landivehrverbande angezeigt. Den Aereinsvorstand mache ich ergebenst darauf aufmerksam, daß der AusirNt aus dem Verbände nur durch eine Aenderung der polizeilich bestätigten Satzungen herbeigesührt werden kann. In § 7 der Satzungen ist nämlich gesagt: „Außerdem werden in dieser Ver- ammlung die Delegierten für den Verband be# Deut- chen Kriegerverbandes gewählt." Da eine solche Aende­rung der Satzungen, zu der eine Gen eh migun g nicht erteilt werden würde, bisher nicht vorgenom­

men ist, ist der Verein noch «18 Mitglied des Barmer Krieger- und Landwehrverbandes anzusehen. Ich ersuche Eie daher ergebenst, die Beziehungen zu dem Verbände wieder aufzunehmen und den Ver­pflichtungen diesem gegenüber nachzukommen. Anderen­falls würde sich der Verein der Gefahr ausfetzen, daß ihm die Eigenjchaft als Kriegerverein entzogen würde, womit er der den Kriegerveretnen eingeräumten Vor­rechte verlustig ginge. Er dürste z. B. an Paraden vor Seiner Majestät dem Kaiser nicht teilnehmen. Das Führen einer Fahne mit kriegerischen Emblemen (Adler eingeschlossen) würde ihm verboten. Militärische Leichenfeiern (Schießen über daS Grab) und Leichenparaden dürften nicht abgehalten werden. Zu jeder Beerdigung mit Mustkdegleitura wäre die polizei­liche Erlaubnis einzuholen. Uniformstücke (Mütze, Schärpe, Sabel dürfen nicht getragen werden. Der Verein hätte keinen Anspruch mehr auf die den Krieger» vereinen gewährten Begünstigungen, im bezug auf Stempelsteuer ufro.

Wie man hier einen Verein einfach zwingen will, wider seinen Willen einem bestimmten Ver­band anzugehören, ist zum mindesten originell.

(*) Stuttgart, 16. Jan. 1909. Bei der Be­ratung des Volksschulgesetzes wurde der Antrag auf fakultative Zulassung der Simultan­schule für den Fall, daß 300 Familienväter sie wünschen, in der Zweiten Kammer durch die Gegnerschaft eines Teils der Sozialdemokraten, denen dieses Zugeständnis nicht weit genug geht, zu Fall gebracht. Gegen den Antrag stimmten als grundsätzliche Anhänger der konfessionellen Schulen das Zentrum und die Konservativen; außerdem sieben Sozialdemokraten und ein Nationalliberaler, zusammen 46 Abgeordnete. Für den Antrag der Volkspartei stimmten die übrigen Nationalliberalen und drei Sozialdemo­kraten, zusammen 36. 5 Sozialdemokraten ver­ließen vor der Abstimmung das Haus. In der Kommission hatten die Sozialdemokraten für den Antrag gestimmt.

Ausland.

" Der schweizerische Boykott deutscher Waren toegeit des Mehlzolles ist nunmehr tatsächlich ein­getreten. Auf dem Getreidemarkt zu Bern wur­den am Freitag alle deutschen Landesprodukte zu­rückgewiesen. Die Schweizer Müller sind zwar bereit, mit ihren deutschen Kollegen in Verhand­lung zu treten und würden eventuell darin ein- willigen. ein bestimmtes Quantum Mehl nach der Schweiz importieren zu lassen, aber unter der Bedingung, daß die deutsche Regierung der Schweiz das Recht gibt, jede dieses Quantum übersteigende Menge zurückzuweisen oder doppel­ten Zoll dafür zu erheben.

* Ein ftauzöfischer Dreadnought. In Toulon ist am Samstag das erste der sechs auf dem Flotten­programm der Republik stehenden großen Linien­schiffe von 18,350 Tonnen Deplacement, der „Vol- taire", vom Stapel gelaufen.

** Portugal. Die Gerüchte über ein Kom­plott in Lissabon werden amtlicherseitS prompt dementiert mit dem Hinzusügen, daß auch die Garnison nicht verstärkt sei. Demgegenüber bringt die englische Presse neue Alarmberichte. In den Häusern einiger bekannter Republikaner habe Die Regierung große Mengen von Waffen entdeckt. Etwas wird an den Gerüchten wohl wahr fein.

* Montenegro. Von Wien auS verbreitete Ge­rüchte, daß Fürst Nikita zurückgetreten sei, erweisen sich als falsch.

* I« Serbien gibt man sich noch recht krie­gerisch, wärend die Pforte sich schon friedens­bereit gezeigt hat. Die Lage in Serbien muß immer noch als ernst betrachtet werden. DaS

8m Saunt des Geheimnisses.

Roman auS dem Englischen von K. v. Raesfeld.

[». Fortsetzung.) -------

3. Kapitel.

Mylady Wayne.

Mrs. Wayne, deren scharfe, kritische Augen so schnell und zutreffend urteilen konnten, blickte mtt nicht geringer Erwartung auf, als die Tür zum Gesellschaftszimmer sich abermals öffnete und Lady Wayne, zum Diner gekleidet, herein­trat.

r!2er.e bcttd sehen, an welchen Stil sie ge­wohnt rst , dachte die scharfsinnige Dame.

Doch als die Herrin von Kenninghall eintrat, konnte selbst rhr scharfes Ange keinen Makel ent­decken. Kem übermäßiges Prachtentfalten, kein Versuch, imponieren zu wollen. Ihre Toilette war^wte sie; sewst einzig — unvergleichlich. Sie toar in Weiße Seide gekleidet, Nacken uitd Schul­lern fchnmnerten matt wie Marmor durch das duftige Spttzen-Geriesel. Perlen flimmerten in hem prachtvollen goldbraunen Haar, und ein Per. lcn-Bracelet an dem sanft gerundeten Arm Nichts störte den harmonischen Gesantt-Eindruck, den diese ausgesucht einfache und geschmackvolle Toi- kette hervorrief: man war versucht zu glauben, sie sei eigens für das reizende Wesen, das sie trug, geschaffen worden.

Isabel Wayne mußte sich bei ihrem Anblick AssEhert' ^6 sie nie auch nur ein halb so schönes Gesicht gesehen — Worte konnten es nicht be- schrewen — man suchte vergebens nach paffenden Ausdrucken für diese zarte und wunderbare Schönheit.

Ein ähnliches Gesicht findet sich auf einem der berühmten Gemälde Giorgione's in einer Ge­mäldegalerie in Rom. Ein stolzes königliches die Stirn etwas niedrig, darüber das -oiorgvraune Haar wie eine Krone, gerade, fein-

gezeichnete Brauen, wie von Künstlerhand ge­zogen, dunkelblaue Augen, für jeden, nur den Geliebten nicht, von rätselhaftem, unergründ­lichem Ausdruck, stolz und doch lieblich; voll Feuer und Leidenschaft, aber selten darin sprüh­end; Augen, deren Blick stets auf eine andere ungesehene Welt gerichtet zu sein scheint; lange dunkle (eibene Wimpern, die das Feuer ver- schleiern und die Zärtlichkeit verbergen; voll­kommene Züge; ein liebsicher Mund; hochmütig geschwungene und doch wieder süße Lippen die befehlen und versprechen, anklagen und verteidi­gen, kosen und drohen können, kleine Grübchen tauchen hin und wieder an beiden Seiten auf, ein tadellos geformtes Kinn; das ganze Gesicht von duftiger matter Elfenbeinfarbe, mit schwa­chem rosigen Anhauch, der zuweilen sich vertiefte zuweilen blasser wurde. '

Jsabrl Wayne konnte keinen Fehler an Lady Evelyn Wayne finden; ihre Stimme war sanft und süß; ihr Lachen silbern, bezaubernd in seiner Frische. Ebensowenig konnte sie an ihrem Be­nehmen irgend etwas auszusetzen finden Evelvn sah sehr jung aus, besaß aber vollkommen^ Selbstbewußtsein, bewegte sich mit Leichtigkeit in ihrem neuen Kreise. Sie nahm ihren Platz an dieser fürstlichen Tafel ein, als ob sie zeitigens daran präsidiert. So höflich, so anmutig, so aufmerksam war ihr Benehmen gegen die Gälte als ob fie dieselben seit Jahren zu unterhalten gewohnt gewesen.

Es war ein sehr angenehmes Mahl — die lie- • graziöse Dame des Hauses schien

EEw zu verstehen, welche Konversations- gegenstände ieder am liebsten hatte Sie vlau- derte uber kied life" mit Mrs. Wayne, die Reize der Häuslichkeit mit Lady Beverley, über die bla- sterte Welt von heute mit Algernon, und erör- lerte Kirchenpolitik nut Dr. Sheldon

Ihr Genuchl hörte stillentzückt zu. Wie witzig, klug und glanzend sie zu sprechen verstand! Wie glücklich war er gewesen, dies liebliche, einzige Weib zu finden, sein eigen nennen zu dürf-n>

Diner und Dessert waren vorüber; noch lagen die letzten goldenen Sonnenstrahlen auf dem grü­nen Stasen draußen. Lady Evelyn wandte sich zu ihrem Gemahl.

„Don allen Stunden im Tage", sagte sie, „ist diese doch die schönste und gefällt mir am besten."

„Dann sollst Du sie auch genießen," gab er lä­chelnd zurück „Ich will Dir unsere Bäume hier auf Kenninghall einmal zeigen, Evelyn; so etwas findet sich wohl kaum anderswo in der Welt. Isabel, kommst Du mit? — Es ist nicht kalt, Lady Beverley, wollen Sie es nicht mal versuchen, mit zukommen?"

„Gewiß", versetzte letztere, „der Park und der Rasen sind mein Liebstes, Lord Wayne. Nirgend­wo anders sehe ich solche Blumen und Bäume wie hier."

Wenige Minuten später, und die ganze Grup­pe befand sich wieder draußen im Grünen. Pur­purne Wolken bedeckten jetzt den Himmel und noch immer lag das sonderbare, fahle Rot auf den Linden. Dte Vögel sangen ihr Abendlied; die Blumen rüsteten sich zur Ruhe.

Lady Evelyn stieß einen leichten Ausruf der Ueberraschung aus, als sie die prächtigen Bäume gewahrte. Lord Wayne lächelte über ihr Ent­zücken.

„Wie mächtig und groß sie sind", sprach sie, „und welch seltsames Licht die untergehende Son­ne darauf wirst! Mortimer, bitte, laß uns die Allee hinuntergehen — es gibt nitchS auf Erden, was ich so sehr gern leiden mag wie schöne Bäume!"

Sie schritten quer über den Rasen und stan­den jetzt unter dem kühlen Blätterdach.

„Wie wird Marian dies bewundern", äußerte Lady Evelyn, „ich weiß, dies hier wird ihr Lisb- lingsplätzchen werden."

Sie bemerkte, daß Jsabel's kalter Blick neu­gierig auf ihr ruhte, und fuhr schnell fort: „Ma­rian ist meine ©djtoefter, Mrs. Wayne; sie ist mir Mutter und Schwester zugleich gewesen. Sie kommt, um bei uns zu wohnen."

Jsabel's Antlitz wurde noch kälter und blässer. „Noch ein Eindringling", dachte sie; „wieder je­mand, um das zu teilen, was von Rechtswegen alles uns hätte gehören können — nein, sollen!"

Sie standen in diesem Augenblick gerade an dem Eingang der Linden-Allee; ein plötzlicher, kühler Windstoß fuhr durch die Wipfel; die mäch­tigen Stoeige bewegten sich leise, und es schien, als ob jedes Blättchen plötzlich aufschreie, da Lady Evelyn zum ersten Male darunter wandelte. Lächelnd blickte sie zu dem schimmernden, durch­einander wogenden Laubwerk empor.

„Die Blätter da plaudern alle", sprach sie fröhlich; „sie murmeln: Willkommen, willkom­men zu Hause!"

Ihr Gemahl lachte über den allerliebsten Ein­fall, wie er ihn nannte; und wie er lachte, ließ ein abermaliger Windstoß die Zweige erzittern.

„Ich hoffe, Lady Wayne", nahm Isabel das Wort, „daß Sie nicht zu Einbildungen neigen oder nervös sind."

„Nervös bin ich nicht", versetzte sie lächelnd; „daß ich nicht zu Einbildungen neige, könnte ich jedoch nicht behaupten."

„O, dann kann es hier noch ganz interessant werden. Kenninghall ist voller Geister. Ich bin nicht sicher, ob es hier in diesem selben Linden­wäldchen nicht auch spukt."

„Furcht habe ich nicht", sagte Lady Wayne.

MrS. Wayne wandte sich mit liebenswürdig­stem Lächeln an ihren adeligen Verwandten.

„Lady Beverley hat uns allen heute nachmit­tag einen gräßlichsten Schrecken eingejagt", sagte sie. „Sie will nämlich vorige Nacht das Klatschen des Regens auf der Terrasse gehört haben."

DaS fieundliche Lächeln erstarb auf Lord Wayne's hübschen Zügen. Lady Beverley machte eine Gebärde des Schweigens, die MrS. Wayne zu bemerken sich aber sorgfälttg hütete.

lFortsetzung folgt.)