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KUdaer W Zeitung

Z.pa^eLt"inFMa. Wochenbeilage: .Illustrierte Somtagrzettung"

Monakbellage: „Fuldaer GeschichtrblStter"

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Sotatlonsdruckend Verlag der Fuldaer Ak- tiendruSerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

M 12.

Fulda, Samstag den 16. Januar 1909.

36. Jahrgang.

Gastes WtclLL.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 15. Januar 1909.

DaS Haus beginnt die erste Beratung des Ent­wurfs eines

ArbeitSkammergefetzrS.

Staatssekretär v. Bethmann: Die diesem Gesetz­entwurf zuteil gewordene öffentliche Kritrk könnte den Anschein erwecken, als ob wirklich ein Bedürfnis nach derartigen Organisationen besteht oder ob nicht ihre Ziele und Zwecke unerreichbar sind. Wenn ich das Bedürfnis nach Arbeitskammern nicht anerkennen würde, so wäre ich der erste, der die Vorlage zurückzöge. Tenn unnötige Gesetze, namentlich unnötige sozialpolitische, würde ich nie empfehlen. Ich bin aber heute noch der Ansicht, daß paritätisch und sachlich gegliederten Ar­beitskammern Aufgaben zugewiesen werden können, welche für die Arbeiterschaft und ihr Verhältnis zu den Arbeitgebern von der größten Bedeutung sind. Wenn man Arbeitskammern unter Weglassung der Arbeitgeber gründen wollte, würde man die Grund­lage hierfür in der gewerkschaftlichen Organisation zu suchen haben. Kein Gesetzgeber ist aber imstande, mit dem Organisationstalent und dem rücksichtslosen Draufgängertum der Gewerkschaften zu konkurrieren. Neben den Gewerkschaften würden daher die Arbeiter­kammern von vornherein nicht lebensfähig sein. Eben­sowenig würde es sich empfehlen, Arbeitskammern nur für die großen Industriezentren zu errichten. Damit würde man sich m Widerspruch mit den Privilegien der Kommunalverwallung setzen. Diese Erwägungen führen zu dem positiven Schluß, daß die Arbeitskammern paritätisch und sachlich ge­gliedert werden müffrn und daß ihnen die Auf­gabe zugewiesen werden muß, die Gegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auszugleichen. Wenn die Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu einer Aussprache zusainmengeführt werden könnten, so würde sich manche» bessern lassen bei beiderseitigem guten Willen. Ich bedauere, daß das Großunterneynrertum hier im Reichstage vielleicht nicht diejenige Vertretung hat, die ihn, seiner Bedeutung für das wirtschaftliche und staat­liche Leben nach zukommt. Ich bin der Ueberzeugung, daß Auge in Auge sich zwischen Arbeitgebern und Ar- bciuiehmern viele Mißverständnisse und Differenzen leichter ausgleichen ließen. Ein Schematisieren für das ganze Reich wäre verhängnisvoll. Wir wollen Ar- beitskammern errichten in Gebieten, wo sich ein prak­tisches Bedürfnis herausstellt. Ich denke an Berg- arbcitskammern für das Ruhr- und Saargebiet und für Oberschlesien und Metallarbeiterkammern für Rhein­land und Westfalen usw., je nach dem sich wirtschaft­liche und industrielle Interessen-Gemeinschaften kon­struieren lassen. Eine Verständigung iit möglich. Dies« Erfahrungen habe ich bei den Besvrechungen mit Ar­beitgebern und Arbeitnehmern gemacht, namentlich wenn dir Sonne des Journalismus nicht zum Fenster Here nblickt. (Heiterkeit.) Einigen wir uns über die Richtlinien, über die Detail« werden wir schon hinwegkommen. Die Arbeilskammern, die der Ent­wurf vorsteht, sind kein sozialpolitisches Phantom, son­dern real entwickelungsfähig. Von richtiger Hand und richtigem Herzen geleitet, sind sie ein Werk eng, die Gegenlätze zwar nicht aus der Welt schaffen, aber sie überbrücken Helsen zum Wohle des Ganzen. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Trimborn (Ztr.): Endlich haben wir ihn (Heiterkeit), den Entwurf über die Arbeitskammern, den wir schon seit 30 Jahren gewünscht haben. Mr haben lange gewartet, bis etwas Praktisches ge­boten wurde. Und da gibt es immer noch Leute, die von einem rasenden Automobiltempo in der Sozial­politik sprechen. «Sehr gut! und H-iteikeit.) Unser allgemeines Urteil geht dahin, daß der Entwurf eine brauchbare Grundlage darstellt, um zu einem guten Gesetze zu gelangen. Die Hauptfrage ist: ob Arbeits­kammern oder Arbeiterkammern. Wir haben uns wiederholt, jo 1904 und 1906, für Arbeilskammern ausgesprochen. Ganz richtig hat der Herr Staais- sekrciär heivorgrhoben, daß es nunmehr hauptsächlich darauf ankommt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu­sammenzubringen. Die fortschreitende Organisation hat btt beiden Parteien von einander abgezogen. Leute, die sich schroff bekämpfen, können, sobald sie sich

aussprecheu dürfen in parlamentarischer und objektiver Form, zusammenkommen. Auch die widerstrebendsten Elemente können das bei ruhiger und sachlicher Ver­handlung. Sympathisch ist uns, daß den Arbeits­kammern Gesetzesvorlagen, die im Stadium der Vor­bereitung sich befinden, zur Begutachtung vorgelegt werden können. Auf diese Weise würde den Ardeits- kammeru eine wesentliche Mitarbeit an der Schaffung neuer sozdrlpolitischer Gesetze zufallen. Ich bin der Auffassung, daß die Vorlage Ziel und Zweck der Kammern getroffen hat. Den Einzelausgaben entspricht das Programm, das mein Freund Prof. Dr Hitze vor Jahren entworfen und das von meinen Freunden wiederholt in diesem hohen Hause vertreten worden ist. (Sehr richtig! und lebh. Beif. im Ztr.) Die Handels­kammern leugnen ja dir Zweckmäßigkeit der Einrichtung. Man werfe aber einmal einen Blick in das Gebiet der schweren Eisenindustrie, das des Bergbaues und der Textilindustrie. Hier haben sich die Gegensätze unge­heuer verschärft, und gerade hier müßte man doch einmal zu dem Bewußtsein kommen, daß man gemeinsame Interessen hat. (Sehr richtig!) Der organische Aufbau kann nach zwei Systemen er­folgen: nach dem beruflichen oder dem territorialen. Beide haben ihre Vorzüge. Ich bin aber viel zu klug, um heute schon zu sagen, für welches ich mich entscheiden werde. (Heiterkeit.) Wenn die berufliche Gliederung angenommen wird, so muß jedenfalls daneben die Möglichkeit der Bildung von Ortskartellen gegeben werden. Ueber die Errichtung der Arbeitskammern sollen dir Landeszentralbehörden entscheiven. Das geht aber ganz und gar nicht, Herr Staatssekretär! Da muß der Bundesrat ein Wort mitsprechen, sonst be­kommen nur die sozialpolitisch sortgeschrittenen Länder Arbeitskammern, z. B. Bayern (Sehr richtig und Bravo i. Ztr. und Heiterkeit), — ich nehme Preußen nicht aus. (Obo! b. d. Soz.) Creußen in diesem Zu­sammenhang nicht aus. (Große Heiterkeit.) Mit be­sonderer Freude begrüßen wir die Einbeziehung der Handwerksbetriebe, der Hausarbett, der Heimindustrie und der staatlichen Bergwerksbetriebe. Aber wie steht es mit den anderen Staatsbetrieben, mit der Post re ? Was das Wahlrecht nngcht, so imponiert mir die Schnelligkeit, mit der der Herr Staatssekretär seine früheren Grundiätze prkisgegeben hat. (Heiterkeit? Das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht mit Vroportinalvertretung, das der Entwurf vorschlägt, kann die nötige allgemeine innere Anteilnahme schassen. Neber das Wahlaller, das mit 25 Jahren namentlich für die Frauen sehr hoch ist, werden wir noch in der Kommission sprechen. Den Ausschuß der Arbeiter- und Gewerkschaftssekretäre aus den Arbeitskammern bedauern wir wegen ihrer Sachkunde und ihres großen Einflusses. Auch auf einen besonderen Schutz der Ar­beiter gegen Schikanierungen bei Ausübung ihres Man­dats werden wir noch bedacht sein müssen. Im übrigen beantragen wir die Ueberweisung der Vorlaie an eine Kommission von 28 Mitgliedern, und werden alles daran setzen, aus dem Entwurf ein gutes Gesetz zu machen. (Lebh. Beifall im Ztr.)

Abg. v. Winterfeldt (kons.': Meine politischen Freunde sind mit dem Grundgedanken der Vorlage einverstanden, wenn wir uns auch keineswegs den Be­denken verschließen, die dagegen geltend gemacht worden sind. Redner geht dann auf Einzelheiten ein. Aibeiler- sekretäre dürfen nicht als Vertreter der Arbeiter in die Kammern gewählt werden. Im weiteren polemisierte Redner gegen die Sozialdemokratie und schließt mit der Erklärung, daß seine Partei sich die Stellungnahme im einzelnen noch vorbehalte.

Vbg. Freihr. v. Hehl (natl.): Die Vorlage ent­spricht den Wünschen sa» aller Parteien des Hauses. Diejenigen Arbeitgeber Deutschlands, die der Vorlage wenig sreundlich gegenüberstehen, sollten doch bedenken, daß die Arbeitskammrrn in Holland, Frankreich und jetzt auch in England große-: Nutzen gebracht haben. Auch im einzelnen sind wir mit den Bestimmungen der Vorlage einverstanden; das gilt vor allem auch von den Wahlvorjchriften.

Abg. Legien (So,.): DieAussührungendesMinisters lassen sich für die Arbeiter in dem einen Satz zusammen­fassen: „Lerne leiden, ohne zu klagen!" Die Vorlage Ichafft nicht eine Vertretung der Arbeiter, wie wir sie wünschen. Die Gegensätze im wirtschaftlichen Leben lassen sich auch durcl) die schönsten Reden nicht aus der Welt schaffen. Wir wollen Arb eiterkammern und keine Arbeitskammern. Ferner verlangen wir Arbeitsämter und ein Reichsarbeitsamt. Weiler »et» missen wir in dem Gesetz, daß man nicht auch die Arbeiter in staatlichen Betrieben mit hereinbezogen hat,

daß Schutzbestimmungen für Arbeiter gegen Maßrege­lung wegen Ausübung ihres Amtes ausgenommen wurden. Unannehmbar für uns ist die Bestimmung, daß Arbeiter- und Gewerlschastssekretäre von der Mtt- gliedschaft in den Arbeilskammern ausgeschlossen fein sollen. Wir werden in der Kommission versuchen, aus dieser Vorlage etwas Brauchbares zu schaffen.

Abg. Dr. Goller (fr. Bp.) ist mit der Vorlage im großen und ganzen einverstanden. Wir sind überzeugt, daß es den Arbeitskammern gelingen wird, ein gutes Einvernehmen zwischen Unternehmern und Arbeitern herbeizusühren. Mit etwas gutem Willen von beiden Seiten werden die Kammern gedethlich wirken.

Samstag: Fortsetzung.

Deutsches Reich-

+ Graf Hompesch, der langjährige Vorsitznde der Zentrums­fraktion des Reichstags und Alterspräsi­dent des Deutschen Reichstags, wurde, wie schon telegraphisch gemeldet, Donnerstag abend von einem Schlaganfall betroffen, der eine links- seitige Lähmung zur Folge hatte. In voller Rüstigkeit hatte Graf Hompesch am Donnerstag noch der Reichstagssitzung beigewohnt, am Abende auch noch einer Fraktionssitzung präsidiert,, von dort aus begab er sich in einer Droschke zu einem Restaurant, wo er den Abend im Kreise einer Anzahl von Fraktionsgenossen zu verbringen pflegte. Als die Droschke vor dem Restaurant anlangte, loar es dem Grafen nicht möglich, aus­zusteigen, der Portier mußte ihn stützen, und so­fort eilten einige Fraktionsgenossen zur Hülfe- leistung herbei. Während Freiherr v. Thünefeld mit dem Erkrankten zum Zentralhotel fuhr, wo der Graf Absteigequartier genommen hatte, eilte Dr. Meyer nach St. Hedwig. Alsbald erschien Probst Kleineidam und spendete die hl. Sterbe­sakramente. Während der Stacht wachte eine Krankenschwester bei ihm. Graf Hompesch war trotz großer Sästväche und der Lähmung geistig bei vollem Bewußtsein. Im Laufe des Vormit­tags war eine leichte Besserung zu konstatieren. Der behandelnde Arzt erklärte, ein Urteil über die Herstellungsfähigkeit erst Freitag abend ab- gcben zu können, wenn der Zustand des Grafen es gestatte, solle er in das St. Hedwig-Hospital überführt werden. Freitag vormittag statteten zahlreiche Abgeordnete der Zentrumsfraktion, so- wie auch der Präsident des Reichstags Graf Stol­berg dem Kranken einen Besuch ab. Graf Hom­pesch erkannte sie alle, vermochte aber nur müh­sam zu sprechen, sodaß die Anwesenden seine Worte nicht verstehen konnten. Bei dem hohen Alter des Kranken — er steht im 83. Lebens­jahre — ist eri! ste Gefahr vorhanden, beson­ders da die Lähmung die linke Körperseite be­troffen hat. Immerhin ist der Zustand nicht hoff­nungslos und wir hegen mit seinen Fraktions­kollegen und allen Anhängern der Zentrumspar­tei die Hoffnung, daß der bisher immer rüstige Greis auch diesen Schwächeanfall bald überwin­den möge. Wir wollen noch daran erinnern, daß bereits im Mai vorigen Jahres Graf Hompesch von einem leichten Schlaganfall betroffen worden war, der aber glücklicherweise ohne ernste Folgen geblieben war. — Graf Hompesch ist neben dem Abg. Bebel das einzige Mitglied des Hauses, das bereits dem ersten konstituierenden norddeutschen Reichstag angehört hat.

Der Reichstag hatte gestern einen „großen Tag" — wenigstens soweit es sich um die zur Beratung stehende Materie handelt. Der Gesetz­entwurf über die Schaffung von ArbeitS- kamniern kann in der Tat als eine sozial­politische Vorlage ersten Ranges angesehen werden; bringt sie doch auch die Erfüllung einer Zusage, die in feierlicher Form in dem bekannten kaiserlichen Erlaß vom 4. Februar 1890 gemacht

worden war, zugleich auch die Erfüllung einer alten Zentrumsforderung, die schon der längst ver­storbene Abg. Domkapitular Dr. Mousang im Jahre 1876'erhoben, die später von den Abgg. Dr. Hitze, Dr. Lieber und Trimborn mehrfach wiederholt wurde. Die Aufnahme, die die Vor­lage fand, kann vorwiegend als durchweg günstig bezeichnet werden. Der Verlauf deS ersten VerhandlungStages läßt Aussichten zu: 1) Die Arbeilskammern werden von Unter­nehmern und Arbeitern in gleicher Weise pari­tätisch zusammengesetzt sein. Dafür stimmen Konservative, Wirtschaftliche Vereinigung, Zen­trum, Nationalliberale und Freisinnige. 2) Die­selbe Mehrheit dürfte für eine sachliche Gliederung der Kammern zu haben sein. 3) Möglich, aber nicht wahrscheinlich, ist eine Erweiterung der Aufgaben der Arbeitskammern, besonders inbezug auf die Förderung und Ueberwachung der tarif­lichen Arbeitsverträge. 4) In der Frage der Verleihung des passiven Wahlrechts an Gewerk­schafts- und Arbeitersekretäre, sowie Beamte der Unternehmerverbände dürste die Wirtschaftliche Vereinigung den Ausschlag geben, da die beiden konservativen Parteien und auch die National­liberalen Gegner derselben sind. Vielleicht bleiben aber in dieser Angelegenheit die Freisinnigen auch bei der Stange. 5) Ob daS Gesetz über­haupt zustande kommen wird? Die Konservativen haben erklärt, ihre endgiltige Stellungnahme von der schließlichen Gestaltung der Vorlage abhängig machen zu wollen. Die Reichspariei wird voraus­sichtlich schließlich ebenfalls gegen das ganze Gesetz stimmen. Die Nationalliberalen werden vielleicht uneinig, wenn der Entwurf sozialpolitisch in wesentlichen Punkten veri effert wird. Dann würden am Ende die Sozialdemokraten das Schicksal des Gesetzes in der Hand haben; ob sie es in diesem Falle wagen werden, trotz ihrer grundsätzlichen Gegnerschaft gegen paritätische Kammern, die ganze Vorlage durch ihr Schuld scheitern zu lasten?

a. Die Fahrkarten steuer bleibt. Die Regie­rung hat bekanntlich die Aufhebung der Fahr­kartensteuer in ihrer Gesamtvorlage über di« Relchsfinanzreform ausgenommen, um der Linken ein wenig entgegenzukommen. Die Steuer­kommission des Reichstages hat nun am Frei­tag diesen Teil der Steuerreform verworfen. DaS Zentrum wandte sich gegen die Aufhebung. Die Steuer sei zwar schlecht, aber die damit weg- fallenden 20 Millionen Einnahmen würden durch noch schlechtere Steuern aufgebracht werden müssen. DaS beste sei eine Reform der Fahrkartensteuer. Die Regierung ließ dazu durch Reichsschatzsekretär Dr. Sydow erklären, die Fahrkartensteuer werde selbstverständlich erhalten werden, wenn für die Deckung des Aussalles nicht neue Stenern bewilligt werden. Der preußische Esienbahnminister trat sehr warm für die Aufhebung der Steuer em. Sie sei nicht nur unpopulär, sondern auch ungerecht; eine Fahrt von Berlin nach Halle kostet in der dritten Klaffe 10 Pfg. Fahrkartensteuer, in der ersten aber 1,60 Ml Besonder- aber sei die Steuer zu verwerfen, weil sie auf die Eisenbahneinnah­men der Einzelstaaten einen sehr ungünstigen Einfluß ausübe. Preußen habe daran z. B. in den ersten 3 Monaten allein 7 Millionen Mark durch Abwanderung in niedrige Elfenbahnklaffen verloren, während daS ganze Reich noch nicht 9 Millionen Mark aus der Steuer eingenommen

Beobachtung wert, diese alten Abende, da Mylady heimkam. lange und schattige Allee am

[8. Fortsetzung.^

Sie waren der Linden, an diesem Sie bildeten eine Ende des Rasens.

3m Sonne des Geheimnisses.

Roman aus dem Englischen von K. v. Raesfeld.

____ Man konnte sie von den west­lich gelegenen Fenstern aus sehen; und wenn der Wind sich erhob, war ihr Rauschen über dos ganze Haus hin hörbar. Wußten sie an. diesem ereig­nisvollen Abende, daß Mylady beimkehrte?

Die untergehende Sonne hüllte Kenninghall in purpurgoldenes Licht; die Rosen und Lilien schienen wach geblieben zu sein, um Mylady noch zu sehe,«, der weiße Jasmin duftete stärker und blinkte mit seinen Hellen Sternblüten aus dem grünen Gebüsch: die Vögel sangen, die Brunnen spielten; man hätte glauben können, die Erde sehe schöner aus zu Ehren der Ankunft Mylady's auf ihrem neuen Heim.

Tie kleine Gnrppe im Garten wurde unge­duldig und gespannt.

..Es sind in letzter Zeit so viele Eisenbahn- Unfälle vorgekommen", sagte Lady Beverley, „daß ich ordentlich nervös bin, wenn Freund« von mir sich auf der Reise befinden."

»Ich glaube, ich hätte niemals Furcht, daß ein Wayne bei einem Eisenbahn-Unglück umkäme', sagte lsabel. „Alles in allem genommen, scheint 68 eine sehr plebejische Todesart zu fein.' . " Artiger Widerspruch; und Mr. Sheldon r^St*lL°!erJQ,nae Liste sehr berühmter und aristo- zahlen bau Eisenbahnunfällen aufzu-

S ble& dabei, es ist ganz und gar kein mir hpr Ä Wayne», beharrte Isabel. »Wenn Z He rSr?CU-rf gestattet ist, so möchte ich sa-

& unmer in Gala. Sie - Horchl Wagen, Sie sehen, daß ich Recht habe."

Es waren Mylord und Mylady. Sie konnten den Wagen durch die Bäume bereits sehen und hörten das ferne Glockengeläut von Kennings- thorpe.

„Gott sei Dank, da find sie. heil und wohlbe­halten", sagte Algernon Wayne. „Ich bin ge­spannt, wie die Braut aussieht l"

„Wir können uns auf etwas Außerordent­liches gefaßt machen", warf Lady Beverley hin. „Mr. Tauntley sagte mir, er habe die Neuver­mählten auf dem Kontinent getroffen, und Lady Wayne sei, ohne Ausnahme, die lieblichste und liebenswürdigste Frau, die et je gesehen."

Sie hörten den Wagen halten und eilten ein­mütig ins Haus, dort die Braut zu bewillkomm­nen.

Jetzt schnell noch einen Blick auf die Linden; sie stehen ganz still, kein Blatt bewegt sich, kein Laut in den Zweigen ist zu vernehmen. Stumm — regungslos, und doch, jedes Blatt scheint ein Auge gu sein und sich auf das Schloß zu richten. Tie scheidende Sonne hat fie mit fahlrotem Licht übergossen — sie find nicht mehr grün; die Nie- senstämme, die mächtigen Zweige, die Tausende von Blättern, alles ist ein einziges fahles Rot. So rot und so stumm stehen sie da, indes die Glocken länten und der ganze Haushalt sich ver­sammelt, um Mylady zu empfangen, zu begrüßen und zu bewillkommnen.

, Stumm und staunend blickte sie an dem präch- ngen alten Herrensitz empor, und wandte sich dann lächelnd zu dem an ihrer Ueberraschung sich weidenden Gatten.

»Ich hatte keine Ahnung, daß Kenninghall so groß oder so schön sei", sagte sie.

kenne keinen Ort in England, der eS uLertnfft .versetzte er mit stolzer Freude.

Sre schritten die breiten Marmorstufen zu- lammen empor. Die große Eingangstür der Halle war weit geöffnet, und sie sah, wie die Die­nerschaft in Livree in langer Reihe zu beiden Seiten sich aufgestellt.

„Viele Bräute haben diese Schwelle über­schritten", sagte Lord Wayne, „doch keine, die schöner, geliebter, oder willkommener gewesen, als Du, mein Weibl"

Sie dankte ihm mit einem Lächeln und be­redten Blick. Erhob sich nichts von dieser Schwelle, sie zu begrüßen? Kein Geist toter Liebe? Keine Erinnerung an ein dunkles, leidenschaftliches Antlitz, das einst Licht und Sonnenschein für sie gewesen? Keine Erinnerung an eine leise, tiefe Stimme, deren Flüsterworte ihr Herz mit Musik und ihre Seele mit Liebe erfüllt? Kein Fieber­traum der Angst und Qual? Stieg nichts von alle dein von der Schwelle empor, um Evelyn, Lady Wayne, zu grüßen, als sie ihren Einzug in ihr neues Leben und ihr neues -Heim hielt?

Wer weiß? Man mag in den Sternen lesen, das Gemurmel der Bächlein verstehen — aber wer kann das größte aller Geheimnisse, eines Weibes Antlitz, lesen und enträtseln? Lippen und Augen, wie oft lächeln sie nicht, indes der warme Lebensstrom dem gebrochenen Herzen entrinnt. Wie oft waren nicht die Stirn unbe­wegt und glatt, die Züge ruhig, und kein Zucken der Wimpern betritt, daß die Seele fast vor Qual verging Die Menschen sind weise und ge­schickt, klug, scharfsinnig und stark — und doch — wenige unter ihnen verstehen eS, in dem halb menslUichen, halb göttlichen Buche, dem Antlitz des Weibes, zu lesen. —

Lady Wayne blickte mit wohlgefälligem Lä­cheln umher. Ihr schönes Gesicht schien die Halle mit Licht und Sonnenschein zu erfüllen; ihre dunkelblauen Augen, so heiter und ruhig, strahl­ten vor Vergnügen; den lieblichen Mund, mit seinen stolzen süßen Lippen, umspielte ein gnä­diges Lächeln. Sie dankte leicht nach allen Sei­ten für die so achtungsvoll dargebrachte Begrü­ßung und durchschritt die Eingangshalle, gefolgt von ihrem Gemahl, der sie mit bewundernden Blicken betrachtete, und einem leisen Gemurmel warmer Bewunderung seitens der Dienerschaft.

„Manche Schönheit haben wir hier gesehen", sprach ein alter, silberhaariger Diener, „aber fie ist die Königin von allen." —

„Wir haben hier einige gute Freunde, bii uns begrüßen wollen", sagte Lord Wayne zu sei­ner Gattin, auf ihren fragenden Blick, als Stim­men aus dem Gesellschaftszimmer cm ihr Ohr schlugen —; „Algernon Wayne und Frau. Ich erzählte Dir ja schon von ihnen. Ich hoffe. Du wirst Mrs. Wayne leiden mögen."

Der betreßte Lakai riß die Tür zum Gesell­schaftszimmer auf, und die kleine Gesellschaft drinnen starrte im nächsten Augenblick mit ent­zückten Blicken auf die lieblichste und schönste Lady, die je auf Kenninghall geherrscht.

Lord Wayne stellte mit kurzen, gewählten Worten seine Gattin, Mrs. Wayne und Lady Beverley vor, dann Algernon und Mr. Sheldon. Jsables Gruß war steif und kühl. In der schonen Fremden sah sie nur die künftige Mutter, beten Söhne Kenninghall erben und ihrem Gatten da» Nachsehen lassen würden.

Lady Beverley küßte das liebliche Gesichtchen.

„Teure Lady", sagte fie, „wären alle Bräute so wie Sie, so würde ich nicht müde werden, sie zu sehen."

„Wir find spät gekommen", bemerkte Lord Wayne; „da schellt ez zum ersten Mal zum Tiner. Du wirst nicht viel Zeit zum Umkleiden haben. Evelyn."

„So werde ich die kurze Zeit, die mir bleibt, gut benutzen müssen", gab sie heiter zurück.

Isabel wandte sich mit kaltem Lächeln zu ihr. „Ihr Name ist Evelyn?" fragte sie.

versetzte Lady Wahne lächelnd, „hoffent­lich gefällt er Ihnen."

„Wir haben den Namen früher nie in unse­rer Familie gehabt", erwiderte sie. „Ich bin nicht sicher, ob er mir gefällt ober nicht."

„Ich hoffe, er wird in kurzem angenehme Er­innerungen für Sie haben", sagte Lady Wayne mit unwiderstehlich aetotnnenber Anmut.