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Fulda, Freitaa^ert 15. Januar 1909.

36. Jahrgang.

Zweites WtceLt.

A Wie wir sparen, das hat man am Mittwoch wieder im Reichstage gesehen, wo man eine ganze große Reihe von Etatsüber sch reitungen zu beklagen hatte.

Der Reichstag beschäftigte sich in dieser Sitz­ung in der Hauptsache mit der Kontrolle alter Rechnungen. Bei Gelegenheit der ersten und zweiten Beratung des Gesetzes über die Kon­trolle der Reichsrechnungen durch die preußische Oberrechnungskammer wurde zum so und so viel­ten Male das Verlangen ausgesprochen, die Re­gierung möge für das Reich endlich einen eigenen Rechnungshof schaffen. Dieses Mal gelangte diese Anregung sogar zu der Form einer Reso­lution, zu deren Beantragung sich sogar ein Ra­tionalliberaler hatte bereit finden lassen. Es war nämlich dieses Mal ganz besonders arg.

Der Etat wird bei uns mit großer Sorg­falt fortgesetzt. Wenn die Geheimräte des Reichsschatzamtes im Sommer aus den Ferien znrückkehren, dann müssen die einzelnen Reichsver­waltungen den Etats-Entwurf ihres Ressorts für das kommende JalD dem Reichsschatzamt ein­gereicht haben, und dann beginnt das Hin- und Herberaten. Wie das zugeht, wie dabei die ver­schiedenen, Kräfte gegeneinander wirken, darüber hat man in den Kreisen der eingeweihten Poli­tiker seine eigenen Ansichten. Man ist bei der Beurteilung des Einflusses der verschiedenen Fak­toren auf Grund langjähriger Erfahrungen zu folgender Ansicht gelangt' Streicht der Reichs­schatzsekretär aus dem Etatsentwurf, den das Reichs marineamt schickt, auch in der Zeit der höchsten Finanznot nur einen Pfennig, dann kann er am andern Tage den Möbelwagen be­stellen. Eilte ähnliche innige Begeisterung fin­den einige Posten aus dem Etat des Reichsamts des Innern. Bei dem Etat des Kriegsministers darf der Reichsschahsekretär sich höchstens ein ver­schämtes Wehklagen gestatten: er hat dann abzu­warten, was der Kriegsminister dazu sagt. So weit es das Militärkabinett des Kaisers nicht direkt angeht, läßt der Kriegsminister vielleicht als einsichtiger Mann ein wenig mit sich handeln. Aber sehr, sehr vorsichtig muß er doch sein. Will der Reichsschahsekretär also wirklich sparen, dann bleiben ihm nur die übrigen Ressorts. Da aber Heer und Marine den größteir Teil unserer Reichseinnahmen t>erschlingen, kann man sich leb­haft vorstellen, was es mit dieser Sparsamkeit auf sich hat.

Das Beste aber ist, daß der mit einer derarti­gen Aufwendung von Einfluß zustande gekom­mene gewiß nicht zu niedrige Heeres- und Ma­rineetat nachher int ungeheuersten überschrit­ten zu werden pflegt. Was an Ueberschreitun- gen bei dem Kolonial-Etat üblich war, das war schon mehr als erschreckend. In diesem Jahr scheint der Militäretat den Rekord geschla­gen zu haben. Wie nämlich feststeht, hat der Etatsansatz für die Manöver in diesem Jahre eine Ueberschreitung von nicht weniger als 45 Prozent erfahren. Bei anderen Stellen scheint man sich um den Etat überhaupt nicht gekümmert zu haben. Das gilt besonders von den Kolo­nien. So teilte der Abg. Erzberger am Mitt­woch mit, ein für 800 000 <& gebautes Hospital in Tanga fOstafrika) habe W« Jahre nicht in Be­nutzung genommen werden können, weil — man

die Wasserleitung vergessen hatte. Woher män das Geld später für die Wasserleitung genommen hat — eingestanden hat man diesen Fehler nie­mals —, darüber hat Erzberger vergebM Auf­klärung zu erhalten versucht. Er vermuM, daß hier eine Verrechnung bei den außereMtsmäßigen Ausgaben erfolgt set.

Es liegt auf der Hand, baj/' die Schaffung eines Reichsrechnungshofes allein keine Besserung bringen kann. Der Rechnungshof kann sich Höch- stens an die Konstatierung der Tatsachen halten, und diese Konstatierung wird durch die Ober­rechnungskammer in Potsam genau so energisch betrieben, wie sie ein Reichsrechnungschof be­treiben könnte. Die Hauptsache ist, daß die Re­gierung oder vielmehr die einzelnen Ressorts nachher bei der Verantwortung ihrer Ausgaben auf einen wirklich f e st e n W i l l e n stoßen, der die Angewöhnung an bessere Sitten zwingend ver­langt. Diesen Willen durchzusetzen, hat der Reichstag die Macht. Solange er es an der nötigen Energie fehlen läßt, und das recht inter­essante Rezept des Zentrumsabg. Hug nicht be­liebt, bei allen Etatsüberschreitungen im nächsten Jahre eine Verminderung des Etats eintreten zu Kissen, ist an eine Gesundung der Verhältnisse nicht zu denken.

Deutsches Reich

** Für die diesjährige Neujahrsansprache des Kaisers an die Generäle, so wird jetzt berichtet, waren ganz besondere Maßregeln getrof­fen. Der Kaiser hatte nur zwei Söhne, den Prin­zen Heinrich, die Generaladjutanten und die kom­mandierenden Generale hinter verschlos­senen T ü r en um sich versammelt. Sogar die Mitglieder seines militärischen Hauses mußten fern bleiben, geschweige, daß Lakaien und derglei­chen dabei gewesen wären. Nichtsdestoweniger hat die Oeffentlichkeit Kenntnis von den Ver­handlungen des Kaisers mit den Generalen er­langt. Nun heißt es, es hätten in den letzten Tagen vertrauliche Bespreckmngen innerhalb dec Reichsregierung stattgesirnden, die den Zweck ver­folgen, es für die Zukunft unmöglich zu machen, daß Aeußerungen des Kaisers, die nur für einen begrenzten Kreis von Personen bestimmt sind, in die breite Oeffentlichkeit gelangen. Es wurde darauf hingewiesen, daß derartige Diskretions­verletzungen insbesondere mit Rücksicht auf die auswärtige Politik von unberechenbaren Folgen begleitet sein könnten. Das Resultat dieser Un­terredungen dürfte in kurzer Zeit in Erscheinung treten. Vorerst muß natürlich die Zustimmung des Kaisers zu den gefaßten Beschlüssen eingcholt werden. Warten wir also ab, was geschehen soll.

Ausland

* Massendesertion holländischer Husaren. Nach­dem erst vor kurzem von dem 4. hollünischcn Hu- sarenregiment, das in Zutpben garnisoniert, nahe­zu eine ganze Schwadron fahnenflüchtig geworden war, sind jetzt in H a a r l e m fünfzig Husaren der StemontedePots desertiert. Von den Aus­reißern wurden nach ktirzer Zeit zv'ölf in Am­sterdam verhaftete: vier Mann kehrten aus freien Stücken zurück. Tie übrigen 34 irrten einen Tag und eine Rache umher, kehrten dann aber zurück. Tie Deserteure gaben als Ursache für ihre Flucht an, daß der Dienst unter dem neuen Major sehr schlecht sei: insbesondere empörte sie sein Befehl,

sich das Haar bis auf einen Millimeter schneiden zu lassen.

* Im niederösterreichischen Landtage besprach am Mittwoch der Abgeordnete Silberer meh­rere öffentliche Mißstände in maßloser Weise, wo- durch er sich mehrere Ordnungsrufe durch den Landesmarschall Prinz Liechtenstein zuzog. Sil­berer nannte den Landtag eine reines Affen­theater, in das man ebensogut Dienstmänner schicken könnte wie Abgeordnete. Er behauptete ferner, es set eine große Etatsüberschreitung bei einem Landesbau in Aussicht, nämlrch bei dem Bau des neuen Landesirrenhauses. Die Ueber­schreitung betrage zehn Millionen. In Serbien werde der Kaiser in unflätiger Weise beschimpft. „Der König von Serbien ist in unseren Augen ein gemeiner Mordbrttder." — Hier rief der Lcmdmarscktall, Prinz Liechtenstein, den Redner zur Ordnung mit den Worten: „Das kann ich nicht dulden! — Silberer aber fuhr fort: „und der Kronprinz ist ein rotziger Lausbub!" — Prinz Liechtenstein rief Silberer noch einmal zur Ordnung, worauf dieser sagte: „Ich nehme, Herr Landmarschall, den Ordnungsruf mit Handkuß entgegen, ober an meiner Ueberzeugung ist nichts zu ändern."

Aus dem Nachbargebiet.

* Brückenau, 14. Jan. 1909. Bei der Holz- versteigerung des Kgl. Forstamts Brückenau er­zielten die Etchenstämme hohe P re i s e. Sie stellten sich für den Stamm auf 800—1200 M.

* Bebra, 14. Jan. 1909. Dem Projekt der Errichttmg einer Wanderarbeitsstätte in Bebra hat, sicherem Veritehmen nach, der Kreistag in seiner am Samstag statigehabten Sitzung zu­gestimmt. Es sollen zu diesem Zweck etiva 100 Äcker des htesigen Rictergntes liebst erforderlichen Gebaultchketten erworben werden.

* Kassel, 14. Dez. 1909. Der Regieruugs- rat von Bergen in Kassel ist zum stellvertre­tenden Vorsitzenden des Schiedsgerichts für A r- beiter Versicherung im Regierungsbezirk Kassel und Fürstentum Waldeck und des Schieds­gerichts für Arbeiterversicherung int Eisenbahn­direktionsbezirk Kassel ernannt und der Regie- rungsrat von. Gosikowski daselbst von diesem Amt entbunden worden.

* Frankfurt a. M., 14. Ian. 1909. Der frühere Bezirksseldivebel Goßmann welcher wegen Befreiung Uebungspflichtiger verhaftet war ist inzwischen wieder entlassen worden, weil sich seine Schuldlosigkeit herausgestellt hat.

* Schlierstcin, 13. Jan. 1909. Die von dem flüchtig gewordenen Handlungsgehilfen Heinrich Hassenbach begangenen Veruntreuun­gen haben, wie jetzt feststeht, die Höhe von 60000 c4t erreicht. Die Leidtragenden sind eine große Anzahl Geschäftsleute, Private und beson­ders seine nächsten Angehörigen, u. a seine Schwiegermutter mit 14 000 <M- und seine Ehe­frau mit 28 000 jH. Nach eurem Gerücht soll H. seine Ehefrau, die mit ihm geflohen ist, völlig mittellos in Lübeck haben sitzen lassen. Wie jetzt bekannt wird, hat der Flüchtling schon als Lhr- ling in einer Wiesbadener Bank für 1600 Mark Kupons veruntreut, was ihm aber nach erfolgter Deckung als Jugendstreich verziehen worden war.

* Marburg. 14. Jan. 1909 Den /Ji. Z. Nachr/ wird von hier berichiet, daß in einem öffentlichen Lokal ein Trt'pplein Schweizer

Studenten heimatliche Lieder erklingen ließ, und zwar gelegentlich auch französische, worauf sich an einem Nebentische ein deutscher Akademiker erhob mit der schneidigen Einsprache, daß „bei uns hier in deutschen Landen französische @e- sänge nicht geduldet werden!" Bald daran, stimmten die Schweizer ihr unsterbliches „Vo Luzärn uf Wäggis zue" fröhlich an, allein nun kam vom andern Tisch die „bestimmteste" Er­klärung, daß weder französische noch italienische Gesänge gestattet seien! — Am Schweizertische allgemeine Heiterkeit!

* Darmstadt, 14. Jan. 1909. Der schon viele Jahre bei der Bürgermeisterei in Dieburg beschäftigte erste Sekretär des Bürgermeisters, Weber, wurde durch den Untersuchungsrichter von Darmstadt verhaftet. Er soll Verun­treuungen von Vormundschaftsgeldern und sonstige Unregelmäßigkeiten in seiner Amts­tätigkeit begangen haben.

vermischtes.

* Attentat auf eine» Arzt. In Villingen in Badeit katn der stellenlose. Kaufmann Föhl zu dem Medizinalrat Schätz und verlangte von ihm die Unterzeichnung eines Schriftstückes, das den Fohl als tmzurechnilngsfähig erklärte. Als der Arzt das Ansinnen ablehnte, zog Fohl einen Revolwer und versuchte den Arzt zu erschießen. Dr. Schätz entwandte dem Attentäter die Waffe und ließ ihn verhaften.

** Sven Hedin, der kühne Schtvede, der als erster Europäer seinen Fuß in die „heilige Stadt" des Dalai Lama nnf der Tibethochebene setzen konnte, nachdem er das Himalayagebirge glücklich überwunden und die mißtrauischen Eingeborenen erfolgreich getäuscht hatte, ist soeben vom Zaren von Rußland empfangen worden. Der Zar hatte in feinem Kabinett ein ausgewähltes Kartenma- terial ausgebreitet, in dem olle neuen Entdeckuri- gen Sven Hedins vermerkt waren. Bon Ladak, einem Landstrich Kaschmirs, aus wurde die Reise begonnen. Fast ganz neue Wege wurden ein ge­schlagen, nur selten alte, ihm bekoirnte Pfade ge­streift. Im ganzen wurden 4000 englische Mei­len durchquert: die Begleitung übernahm eine Schar von 26 Ladaken; 130 Pferde und Maul­tiere iuurben mitgeführt. Als alle Welt Hedin schon verloren glaubte, wanderte er im Herzen Tibets, ohne eine Möglichkeit zu haben, Nachrich­ten gebe» zü können. Das wissenschaftliche Er­gebnis der Reise Sven Hedins befindet sich gegen- toartig in der Ausarbeitung.

Reklame«- und Anzeigenteil.

MANOLI

.MANOLI

I CIGARETTES

Bierter Klasse.

Von Hans Gisbert.

(Nachdruck verboten.)

Noch ein letztes Taschentuchwinken und Grü­ßen zum Coirptzfenster hinaus, eine scharfe Bie­gung der Bahn, und Liebenhausen mit seinen ro­ten Dächern und spitzen Türmen, seinen netten Menschen und seiner heiteren Geselligkeit liegt hinter Klärchen. Behaglich drückt sie sich in die weichen Polster; ein vergnügtes Lächeln auf den frischen Lippen gilt den frohverlebten Tagen. Wie großartig war die Hochzeit, wie allerliebst die nachfolgenden Feste! Was gab es nicht alles zu bewundern und anzustaunen, angefangen von den Hochzeitsgeschenken bis zu den eleganten Toilet­ten! Wie herzlich waren ihr die jungen Mädchen entgegengekommen, wie ritterlich liebenswürdig die Herren!

Es ist warm im geheizten Coups. Klärchen legt den großen Hut und Mantel ab, und macht sich's bequem. Nach der Reiferoute, die ihr der Gastfreund ausgeschrieben, hat sie zwei Stunden durchgehende Fahrt bis Köln. Die bereiste Land­schaft mit den originellen Windmühlen und den einzeln liegenden Gehöften fliegt an ihrem Auge vorüber. Welch anderes Bild bietet ihre Heimat im felsigen Tale des Rheines! Und auf einmal muß sie an Großmama denken, die es garnicht fassen kann, daß ihre niedliche Enkelin nun bald schon fünfundzwanzig Jahre zählen wird und noch immer keinen Führer durchs Leben gesun­den hat. Die roten Lippen teilen sich, wenn sie an Großmamas bewundernde Blicke beim An- schauen der hübschen Hochzeitstoilette denkt. „Gol- big siehst Du darin aus, Kläcche, goldig! Die Herrn in Liebenhausen müßte ja e Herz von Stoi hawwe, wenn se sich net in Dich verliebe dhäte!" Großmama kann ihre Pfälzer Heimat noch immer nicht verleugnen, ebensowenig, als ihr Talent zum Heiratenstiften. Sie wird enttäuscht sein, daß Klärchen ihr Herzchen wieder heil und unversehrt heimbringen wird; aber das ist nun einmal nicht anders. Reizend, galant und amü­sant waren alle gewesen, mit denen sie in Be­rührung fam, sowohl der lustige Referendar, der s» famos mit gemacht dummem Gestcht Geschicht- Hen ohne Pointen erzählen konnte, als auch der

Löwe des Tages, der die jungen Mädchen im Automobil spazieren fuhr, oder ihr Brautführer, der mit seinem schönen Bariton so gefühlvolle Lieder zu fingen verstand. Klärchen hatte sich ausgezeichnet amüsiert, aber an Verlieben oder gar an Heiraten hatte sie bei keinem der jungen Männer denken mögen. Dazu gehörte doch mehr, dazu müßte man doch auch fühlen, daß man zu dem anderen emporsehen könnte. . .

Der Zug fährt langsamer, die Coupstüre wird aufgeriffen. „Alles umsteigen!" „Aber ich fahre doch nach Köln!" „Ja, Fräuleinche, wenn Sie darin sitzen bleiben wollen, kommen Sie in Ihrem Leben nicht hin. Richtung Köln, drittes Gleis, fünf Minuten Aufenthalt."

Ungläubig befragt sich Klärchen. Sie ist in den früher abfahrenden Bummelzug gestiegen und muß sich nun sputen, den Anschluß zu erreichen. In atemloser Eile kleidet sie sich wieder an; Hut, Mantel, Pelz, Muff, Schirm, Köfferchen, Blu­men, — sie wird doch nichts vergessen? Atemlos hetzt sie hinter dem Menschenstrom durch die Unterführung die steile Treppe hinauf, um zu sehen, daß sie sich geirrt hat. Wieder hinunter, wieder hinauf. Ein bereits zur Abfahrt fauchen­der Zug in Dampfwolken gehüllt, Ruse: „Fer­tig!" Nichts als Wagen vierter Klasse. Endlich ein Schaffner: „Frauenroups zweiter Klasse? Unmöglich! Steigen Sie schnell ein, sonst gibt's ein Unglück." Wie eine Vision sieht Klärchen noch lachende Gesichter, sie fühlt sich mehr ge­stoßen, wie gehoben und, findet sich mit ihrem Billet zweiter Klaffe und ihrer eleganten Toilette in einem Wagen vierter Klaffe wieder.

Gottlob, sie ist wenigstens mitgekommen; an der nächsten Station wird sie umsteigen. Aber an der nächsten Station hat der Zug nur eine Mi­nute Aufenthalt; an der folgenden will die Klinke nicht aufgehen, — wieder muß sie in ihrem Käfig bleiben. Sie beginnt in ihrem Ge­fängnis auf und ab zu gehen. Das ist doch zu toll! Vierter Klasse! Wenn Großmama das wüßte! Eine wohllautende Stimme redet sie an: „Wenn Fräulein umzusteigen wünschen, will ich gern behilflich sein; freilich kommt die nächste Station erst in einer halben Stunde."

Erstaunt sieht Klärchen sich nach dem Spre­cher um. Ein schwarzäugiger, schlanker Mann,

der anscheinend bis jetzt in einem Buche gelesen hat. Sie hat ihn beim Eintritt wohl gesehen, aber nicht weiter bemerkt. Menschen, die vierter Klasse fahren, bemerkt man überhaupt nicht. Man spricht ivahrfcheinlich auch nicht mit ihnen. Klär- cben begnügt sich mit einem frostigen Dank. Aber bann wird sie wieder sie selbst, Klärchen Meinert, das frische, junge Ding, das Herz und Zunge auf dein rechten Fleck hat. Ehe siesich umsieht, ist sie mit ihrem Reisegenossen in lebhafter Unterhal­tung und hat ihm eine humoristische Schilderung ihrer Irrfahrt abgegeben. „Und schließlich ist die vierte Klasse nicht einmal so schlimm! Ich hätte nicht geahnt, daß es solch saubere Wagen und solch große Fenster darin gäbe."

lieber das ernste Gesicht des dunkellockigen Mannes gleitet ein Lächeln.

„Zur Abwechslung ist auch die vierte Klasse mal ganz nett besonders bei schwach besetzten Zü­gen. Aber, wenn die Mittel fehlen, in einer höheren Klaffe zu fahren, ist's doch manchmal bitter." Er schaute sie groß und freundlich und so eigenartig an.

Klärchen versteckt ihr Näschen in ihre Blumen und erhebt es erst wieder, als das aufsteigende Blut ihr Antlitz wieder verlassen. In möglichst gleichmütigem Tone fragt sie ihn nach seinem Beruf. Seinen Andeutungen nach zu urteilen scheint er Landwirt zu sein.

Ja, er ist Landwirt. Seit fünf Jahren hat er das starkverschuldete väterliche Gut übernom­men, voll frohen Mutes und guter Zuversicht. Der liebe Gott verläßt keinen braven Deutschen, denkt er noch jetzt; aber es sind doch harte Zeiten ge­kommen. Er hat die Geschwister auszahlen müs­sen, Hypotheken sind gekündigt worden, Mißern­ten haben ihn schwer geschädigt; da galt es manch­mal auf die Zähne beißen und seine Ansprüche herabstimmen. Aber lieber jedes Opfer bringen, als von der ererbten Scholle weichen, an der er mit jeder Herzensfaser hängt; er fühlt eS, mit eifener Energie wird er fein Ziel erreichen: „Es muß doch Frühling werden."

Fritz Bessemer hat sich warm gesprochen. Jetzt schlägt er plötzlich einen anderen Ton an: „Mein gnädiges Fräulein, darf ich Ihnen jetzt behilflich fein, umzusteigen; das Schicksal hat sie lange ge­

nug in einer nicht zu Ihnen paffenden Umgebung festgehalten."

Klärchen hat schon lange das verlangsamte Tempo des Zuges bemerkt und gehofft, er möge es im Eifer der Unterhaltung übersehen. Jetzt erhebt sie sich widerwillig. Tann aber läßt sie sich wieder auf ihren Platz zurücksinken. Die sonst so heiteren Augen strahlen jetzt in dunklem Feuer. Sie will fenneu lernen, was so verheißend vor ihr liegt Zum erstenmal fühlt sie sich zu einem. Menschen mit ganzer Seele hingezogen, fühlt, daß sie ihm das fein kann, was er sucht. Sie will ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Und wenn der Preis die Mühe lohnt, wird sie des Werktags rauhe Last nicht scheuen.

„Ach, es lohnt wohl nicht mit all den Sieben­sachen", sagt sie lächelnd, um warm hinzuzufügen: „Und ich möchte fo gern noch ein wenig an Ihren Sorgen teilnehmen." Und freut sich des dank­baren Blickes der dunkeln Augen.

Der Bummelzug vergißt keine Haltestelle aus der ganzen Strecke. Aber den beiden im Wagen vierter Klasse fährt er noch zu schnell. Sie haben sich so viel zu sagen, soviel zu fragen und immer wieder ist ihnen, als ob die verschieden abgetönten Saiten ihrer Herzen harmonisch zusammenklän- gen. Kein Wort von Liebe wird zwischen ihnen gesprochen; aber als der Zug in die Halle ein- fähri, da wissen sie beide, daß diese Stunde ihre Herzen so fest aneinandergeschmiedet hat, als ob sie mit ehernen Banden gefesselt seien. Es braucht nicht des Versprechens, das sie sich beim Abschied geben ....

Märchens Augen schimmern feucht, als ihr Zug sie von bannen trägt. Und plötzlich kommt der Schalk wieder über sie. Großmamas Wunsch ist nun erfüllt, sie hat ihr Herz verloren. Aber ob es ihr recht ist, daß Klärchens hübsche Mitgift einem verschuldeten Landwirt zugute kommt, der „standesgemäß" fährt?

Bewegt schaut Klärchen auf die Rheinland­schaft hinaus. Die Sonne verdrängt einen der dichten Nebel nach dem andern. Ob das ihr Zu­kunftsbild ist? Und wenn auch nicht. Lieber mit ihm vierter Klasse durchs Leben als mit einem andern Luxuszug erster Güte.