Einzelbild herunterladen
 

Zeitung

Maer

36. Jahrgang

-rrantw. Sedattemr Lari ZchSttr; sSrdieAnjttgr»;

3. parzeLrr in Fulda.

trschrint täglich mit Lusnahrnr der So.m- wnb Feiertage, öttrtel« jährliche» Vezugspretr »hne vrtngerlohn und SesteSgeld in Fuldas», »le auswärts!. 50 M.

»arei-e«: Vie ei«, spaltigepetitzeile oder deren Raum 15 pfg. Reüamrn diepetitzeile 25 PfgM bei wieder- Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

Sotationsdruckund Verlag der Fuldaer N- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

KrSes "23latt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 13. Januar 1909.

Der Gesetzentwurf betreffend die Kontrolle des Reichshaushaltsetats wird in erster und -weiter Lesung angenommen mit einer Resolution ®5rde (ntl.h die ein Gesetz über die Einrichtung und die Befugnisse eines Rechnungshofes des deutschen Reichs verlangt.

Es folgt die erste Beratung der

Aeberficht der Reichsausgaben und -Einnahme«

für das Rechnungsjahr 1907.

Abg. Dr. Gdecke (Ml.): Wenn die sorlwähreuden Etatsüberschreitungen nicht endlich ein Ende nehmen, so haben unsere ganzen Beratungen gar keinen Zweck. Besonders die Manöverkosten gehen weit über die Anschläge hinaus. Man sollte die großen Kavallerie- Attacken einstelle* und die Naturalien en gros einkaufen. Auch an Tagegeldern und Reisekosten läßt sich viel sparen.

Abg. Erzberger (Ztr.): Wenn die Herren von der Regierung Geld brauchen, dann sind sie im Reichstage vollzählig zur Stelle. Wenn sie aber Rechnung legen sollen, dann finden sich nur ein paar Kommissare ein. Der Stritü des Dr. Görcke kann ich mich durchweg an- schließen. Wir muffen von nun an von den Verbün­deten Regierungen einen der Wirklichkeit entsprechenden Etat verlangen. Es ist ein schlechtes Zeichen für die jetzt so viel gerühmte Sparsamkeit, wenn bloß für die Instandsetzung der Wohnung des Staatssekre­tärs des Innern 130 000 Mark ausgegeben werden. Einen Nachtragsetat in dieser Höhe härte niemand bewilligt. Die Staatssekretäre sollen in der Sparsam'eit mit gutem Beispiele vorangehen. Der Reichstag HM übrigens ein einfaches Mittel, mit den ewigen Etatsüberjchreitungen ein Ende zu machen: er braucht es bloß den Herren Staatssekretären zu über- laffen, die Etatsüber'chreitungen aus ihrer eigenen Lasche zu bezahlen. Im Etat des Auswärligen Amts waren von 158 Titeln unserer d iplomatischen Vertretung int Jahre 1906 26 Beamte beurlaubt, 22 Stellen unbesetzt, 73 kommissarisch verwaiset — da merkt man, wo die hohen Reisegelder und Tagegelder Herkommen. (Sehr gut!) Im Jahre 1907 waren bei 158 Titeln nur 49 vollständig besetzt — viel- s leicht geben diese Zahlen auch Aufschluß darüber, warum wir so ungeheuereErfolge in der aus­wärligen Politik haben. (Sehr gut!) Eine große Elalsüberschreilung der Militärverwaltung wird be- gündet mit der vermehrten Einberufung der Reserve- »sfiziere zu Hebungen, die auf die Einführung der zweijährigen Dienstzeit zurückgeführt wird! Da wird man uns in der Kommission doch wohl mit einer an­deren Begründung kommen müffen. Eine Etalsüber- schreitung von 45 Prozent bei den Manövern darf sich der Reichstag nicht bieten kaffen. Auch in der Ko- lonialveiwaltung finden wir allerlei Etatsüberschrei- tungen. Man merkt von dem kaufmännischen Geist des Staatssekretärs noch nicht gerade viel. (Beifall ttr Zentrum.)

Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg Dir hohen Kosten für die Instandsetzung der Wohnung des Reichsamts des Innern erklären sich daher, daß für Me Wohnung feit 20 Jahren nichts geschehen ist. Es »andelt sich dabei vornehmlich um Arbeilsräume, west die bisherigen sehr beschränkt waren.

Abg. Roske Soz.): Alle Mahnungen zur Spar- Minkeit scheinen in den Wind gesprochen zu fein. Was aützl uns unser ganzes Budgetrecht, wenn die Herten von der Regierung doch so viel ausgeben, wie es ihnen gerade paßt? Das können wir uns nicht länger bieten lassen.

Abg. Hug (Zir.) verlangt, daß bet Etatsüberschrei« iungen für die betreffende Verwaltung im nächsten Zähre entsprechend weniger bewilligt werden solle.

Die Borlage wird an die Rechnungskommissiott oerwiesen.

Bei der ersten Beratung der Uebersichl der Ein­nahme« und Ausgaben der Schutzgebiete rügt Abg. Erz» berget (Zentr.) einige Elalsüberschreuungen, die Staats­sekretär Dernbutg und Geheimrat Contze zu recht- serligen suchen, die Vorlage geht an die Rechnungs­kommission.

Die Vorlage über die Veränderung des ReichS- stempelgesetzeS ivurde ohne Debatte in erster Lesung erledigt.

Es folgte dann die erste Beratung des auf Grund einer vorjährigen Resolution deS Reichstages ein» gebrachten Gesetzentwurfs über die Einwirkung von Ärmenunterstützung auf öffentliche Rechte (Wahlrecht ic?.

Nach diesem Gesetzentwurf sind, soweit in Reich»' gesehen der Verlust öffentlicher Rechte von dem Bezüge einer Ärmenunterstützung abhängig gemacht wird, als Armenunterstützung nicht anmsehen 1) die Kranken­unterstützung; 2) die wegen körperlicher oder geistiger Gebrechen gewährte Anstaltspflege; 3s Unterstützungen zmn Zwecke der Ausbildung für einen Beruf; 4) sonstige Unterstützungen, wenn sie nur in der Form vereinzelter Leistung zur Hebung einer augenblicklichen Notlage ge­währt worden sind; 5) Unterstützungen, die zurück er­stattet wurden.

Abg. Maher-Kaufbeuern (Ztr.) wünscht die Er­weiterung der Vorlage auch aus danernde Unter­stützungen, wenn sie geringfügig find und auf dauernde unverschuldete Unterstützungen.

Nachdem noch die Abg. Graf v. Westarp (konf.s, Everling (natl.) und Kämpf (fr. Bp.s sich für den Ent­wurf ausgesprochen, vertagt sich das Haus.

Donnerstag: Fortsetzung. Kleinere Vorlagen, Petitionen.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 13. Januar 1909.

Fortgesetzt und beendet wurde die Interpellation Trimborn fiter die

Arbeitslosigkeit.

Abg. Graf Sanitz (kons.) verspricht sich von einer Arbeitslosenzählung nichts.

Handelsminister Delbrück kegle dar, daß dir Markt- verbäktniffe in Oberschlesien trotz der schlechten Kon­junktur günstig geblieben feien.

Abg. Gros v. Strachwitz (Ztr): Die Jndustiialifie- rung Deutschlands und der damit zusammenbängende Fortzug der Arbeiter vom platten Lande hat wesentlich zu der jetzigen Arbeitslosigkeit geführt. tSebr richtig!) Eine richliae Agrarpolitik ist darum am ' latze. (Bravo!) Die Freizügigkeit ist nicht ausziibeben. Aber einen Ein­fluß auf die Bewegung der Arbeitermaffen müßte der Staat doch haben. Wenn Arbeiter nach den Groß­städten ober nach dem Westen in Jndnstriegeae"den ziehen wollen, müßte man die Garantie haben, daß sie auch dort dauernd Beschäitigung finden. (Beifall i. Ztr)

Abg. Haarmann (natlib.): Man sollte die Arbeits­losen nach dem Osten befördern, um dem Mangel an Arbeitern abzuhelfen.

Damit ist die Debatte geschlossen. — Es beginnt die Beratung der Interpellation Roeren (Zentr.) über die Verhinderung der

Schaustellung nackter Personen.

Abg. Roeren <Ztr>: E» bandelt sich um eine be­reits ziemlich weit verbreitete Nackibeweanna, in der wir eine Gefahr und ein Aeraernis sehen. Das Hauvt- stück der spekulativen Sckanstellnng ist ein Krauenzimmer, das in seiner Schamlosigkeit nackte Tänze anfführt. Liberale Blätter, namhafte Schriftsteller wie Hans v. Zabeltitz find sich einig darüber, daß “3 sich um skandalöse Verirrungen bandelt. Nnbeareifli s, ist bet der allgemeinen Verurteilung dieser Veran^aktunaen die Passivität b er Behörden. Erst am I Oktober wurde behördlich mitgeteilt, daß die - königliche Akademie der Künste um ein Gutachten darüber ersucht worden sei, ob es sich Mer um künstlerische Darb'etnngen handle oder nicht. Das war alles!! Dann endlich wurden •'tue Schönheitsabende für ko"iesnon?vflichtia erklärt. Das war ein Schlan ins Wasser. Was will denn die Bewegung? Sie erklärt selbst, sie wolle von der ungesunden Askese das Ehristentum befreien ^Ge­lächter), wolle an den neuenfeitigen Verkebr in völliger Nacktheit gewöhnen. (Pfuirufe.) Zeigt das nicht eine vollständige sittliche Verrohung? 'Lebhafter Beiiall.) Selbst bei Gesellschaften kommt man in völliger Nackt­heit mehrere Male in brr Woche zusammen. Wie kann ein solches Treiben unter den Augen der Behörden vor sich gehen? Wir verlangen ein energisches Einschreiten bet verantwortlichen Stelle.: unb können dem Herrn Minister die Bersicki-r>,ng geben, daß alle sittlich empfindenden K" e des Volkes auf seiner Seite stehen werden. (Lebhafter Beifall.)

Minister des Innern v. Moltke: In der Sache selbst darf ich vorausschicken, daß der Standpunkt des Interpellanten durchaus der meine ist. (Ra also! im Zentr.) Die Sage der Polizei ist aber gegenüber solchen Veranstaltungen, die sich nicht in der Oeffentlichkeit abspielen, sondern sich in die Schlupfwinkel zurückziehen, nicht so einfach wie der Vorredner anzunedmen scheint. In rechtlicher Beziehung handelt es sich bei den Schö n- heitsabenden im wesentlichen um die Vorführung und Schaustellung von Perionen. Derartige Vorführungen entziehen sich, wenn sie nicht öffentlich veranstaltet werden, der polizeilichen Zensur, nur die öffentlich veranstalteten Vorführungen können im Wege der Zensur durch die Polizei eingeschränkt unb auch ver­boten werden. Die seelische unb körperliche Gesund­erhaltung unseres Volkes errorbert gebieterisch, gegen solche Erregungen bet Sinnlichkeit vorzugehen. Es ist ein trauriges Zeichen der Zeit, daß in einer Schrift jener Bewegung steht, die Dreieinigkeit von Mann, Weib und Kind sei bet ewige Rhythmus von Sexual- Aeftbetik und Sexual-Religion. (Gelächter.) Der Poli- zeiprSsibent hat diese Denkschrift sofort der Staats­anwaltschaft eingereicht. Die Staatsanwalffchast hat beim Landgericht Beschlagnahme bet Denkschrift bean­tragt. Das Lanbgericht hat es abgelehnt. (L-bhafleS Hört, hört!) Die Polizei kann nicht bie Ausgabe über­nehmen, die Menschen zu beffe-.et Sitte zu erziehen. Soll das taeitrische Charakterbild der germanischen Sittenreinheit unbefleckt bleiben, so müffen andere Kräfte mitwi'ken, als bloß die der Polizei. (Bestall.)

Abg. Henning (fonf.): Das Verhalten der Polizei in dieser Sache ist einfach unglaublich. Die Polizei hat im Anfang völlig versagt und später auch nicht ihre Schuldigkeit getan. Die Rede des Ministers ist stellemveise einfach unbegreiflich. Ich frage: Ist es richtig, was ich vermute, baß bie Stellungnahme bes Ministers zusammenhängt mit bet Sympathie höchst ehe n'b e r Herren unb Damen unserer hohen Aristokratie mit biefen Schönheitsabenden? Ist dem so, bann frage ich: Wer find btefe Aristokraten? Es tollen an bie1 en Schaustellungen auch Damen ber vornehmen Kreise teilgenommen haben. Nun, bann sinb diese vornehmen Frauen keine edlen Frauen gewesen. (Ledh. Zustimmung.t

Abg. Dr. Lohmann intl.): Ich habe die Tänzerin felb’t gesehen unb muß sagen, es war nichts Künstleri- iches an ber Vorstellung, sondern sie war direkt un­züchtig. Sie wat geeignet, das Schamgefühl eines reifen, gesund empfindenden Mannes zu beleidigen. Auch Frauen waren zugegen, unb ich habe mich in die Seele aller biefer in verschiedenem Alter stehenden Frauen tief geschämt.

Abg. Martin lfreikont.); Wir stehen auf dem Standpunkt der Borrebner und wollen hoffen, baß ber heutige Tag ber Ausgangspunkt einer scharfen Kontrolle und Ilnterbrückung solcher Schamlosigkeiten ist. (Beis.)

Hierauf wurde bie Debatte geschlossen. Das Haus vertagte sich bis nächsten Montag: Etat.

Deutsches Reich

** Berlin, 13. Jan. 1909. Ter Kaiser hat seine Hofhaltung wieder aus dem Berliner Schlosse in das Neue Palais in Wildpark bei Potsdam verlegt.

Im Abgeordnetenhause wurde am Mittwoch die Besprechung über die Interpel­lation Trimborn belr. die Arbeitslosigkeit zu Ende geführt. Alsdann beschältigle sich das Haus mit einer Materie, die bereits feit geraumer Zeit die Deffenllid'feit beunruhigt hat, nämlich den Berliner Nacktdarstellungen. Um das Remltat der Verhandlung vorweg zu nehmen, so erfüllt es mit Genugtuung, daß bie Parteien, die bis jetzt zn Worte gekommen sind, es sind das Zentrum, Konseroalioe, Freikonseroa ioe und Nationalliberale, in der einmütigsten unb nach­drücklichsten Weise jene schamlose Darstellungen verurteilten. Die Verhandlung war durch das Malerial, das ber Abg. Roeren beibrachte, auf einer heilen unb sicheren Basis aufgebaut, so daß an dem Verdikt, das bie Volksvertretung über jenen unsittlichen Auswuchs unseres öffent­

lichen Lebens gefällt hat, in erheblichem Maße bem Abg. Roeren bas Verbienst gebührt. In scharfen, aber nicht unberechtigten Worten roanbtt sich ber Interpellant gegen biefe Nackldarstel- lungen, wo ein schamloses Werb sich unverhüllt dem meist vom Sinnenkitzel angezogenen Groß- stabtpublikum präsentierte. Der Unwille im Hause steigerte sich zum allseitigen Entrüstungs­ruf, als Äbg. Roeren beifügte, ber Veranstalter ber Schönheitsabenbe fei ein Lljähriger Mann, der nun plötzlich ben Jahrtausende alten Begriff von Sittlichkeit umstoßen wolle. Allseitige Zu­stimmung unterstützte Roerens Klage über bie Läisigkeit und Nachsicht ber Polizei unb ber Be- bötben, trotz bes einmütigen Protestes ber Presse aller Parteien gegen diese Darstellungen. Die Antwort deS Ministers von Moltke in dieser wichtigen Angelegenheit war der Situation nicht an gepaßt. Er verurteilte zwar auch bie Schönheitsabenbe, aber er ließ ebenso wie bei feiner bisherigen Haltung jenen Veranstaltungen gegenüber auch in seiner Rebe biejenige Energie vermissen, bie am Platze gewesen wäre. Die öffentlichen Versammlungen sollen verboten, sein, aber schwacher Trost ist es, baß gegen die ge» ichloffenen Versammlungen erst vorgegangen wer­ben soll, wenn die Oeffentlichkeit durch das Be­kanntwerben derartiger Vorstellungen sittlich gefährden werde. Man muß also befürchten, daß der Unfug im stillen fortwuchert. Auch die Haltung deS Ministers gegenüber den Nacktlogen erscheint uns als zu wenig energisch unb es hat uns ba- her mit Befriedigung erfüllt, daß die nachfolgen- ben Rebner Henning (fonf.), Lohmann (ntl.) unb Martin (fit.) von bem Minister in Zu- fünft ein schärferes Vorgehen forberten. Während ber Verhanblung war ber Veranstalter ber Schön­heitsabenbe unb Fräulein Desmonb auf ber Tribüne. Als es im Saale befannt wurd.', baß die beiden auf ber Tribüne feien, richteten sich aller Augen unb viele Gläser auf sie. Würdiger wäre es gewesen, wenn man nicht eine solche Notiz von ber Anwesenheit dieser Personen ge­nommen hätte.

* Der bevorstehende Besuch des englischen Kö- nigspaarcs wird in den Londoner Blättern neuer­dings freundlicher besprochen. Die Mehrzahl von ihnen erwartet von dem ersten Besuche, den Kö­nig Eduard und Königin Alexandra in Berlin ab« statten, eine Klärung der deutsch-englischen Be­ziehungen. So schreiben z. B. die regierungs­freundlichen „Daily News": Nie hat, sich dem Könige Eduard eine bessere Gelegenheit, feinen Ehrentitel des europäischen Friedensfürsten zu verdienen, geboten, als es demnächst in Deutsch­land der Fall fein wird. Das Verhältnis zwischen Deutschland und England ist von Mißtrauen und Besorgnissen beherrscht. Manche Engländer ha­ben Deutschland in dem Verdacht, die Vormacht­stellung, die es vor 30 Jahren in Europa ein­nahm, von neuem anzusträen. Der deutsche Arg. wohn gegen England ist aber ebenso unbegründet. Zur Zerstreuung dieses Mißtrauens sei der Be­such des Königs in Berlin, das die „Daily News" das „deutsche Alarmzentrum" nennen, willkommen zu heißen.

)( Tie Erhöhung der amtsgerichtlichen Zu­ständigkeit auf 800 Mark ist durch die dem Reichs­tag vorliegende Novelle zur Zivilpn^eßordnung verlangt worden. Die Heraufsetzung ist in der Justizkommisfion des Reichstages wiederholt zur Sprache gekommen. Eine kleine Minderheit hielt eine Erhöhung von 300 aus 400 M schon für aus­reichend, andere waren für 500, andere auf 600 Mark. Wie es jetzt heißt, ist unter der Hand eine

3m Banne des Geheimnisses.

Roman aus dem Euglifchen von K. v. Raesfeld

[6. Fortsetzung.) -------

Lange erkundigte er sich überall vergebens; endlich fand er einen Bekannten des verstorbenen Bahnwärters, der die Witwe hatte abfahren sehen, aber wohin, das wußte er nicht, und Dr. Rurke's weitere Bemühungen, es in Erfahrung zu bringen, waren sämtlich vergebens.

„Das hat Miß West getan und niemand an­ders", murmelte der Arzt, als er langsam die Station verließ.

Er schrieb am selben Tage noch an die ihm aufgegebene Adresse in London, von wo aus Ma­rian West ihm kurz und höflich, ihrem Verspre­chen gemäß, ihre glückliche Ankunft mitgeteilt hatte, erhielt aber nach wenigen Tagen seinen Brief als unbestellbar zurück mit dem Vermerk: „Verzogen von 42 Bristol Xerrate, Belgravia, wo- hin unbekannt."

Er erfuhr auch nichts weiter mehr über den Verbleib der beiden Schwestern; sie waren so vollständig und spurlos von seinem Lebenswege verschwunden, als ob sie ihn nie gekreuzt hätten; und es gab später Augenblicke, wo er sich versucht fühlte, zu fragen, ob nicht alles ein Traum ge­wesen.

Unterdes frohlockte Marian West über den Erfolg ihres Planes und sagte sich wohl hundert- mal des Tages mit Befriedigung, daß sie sicher seien. —

Und Monde und Jahre rollten dähin, und die Erinnerung an die Vergangenheit verblich und entschwand im Strome der Zeit. —

1. Kapitel.

Krnniughall.

Konnten alle Superlative der englischen Spra- che einem Fremden einen Begriff geben von der!

Größe der Waynes von Kenninghall, ihrer langen Ahnenrerhe, ihrem historischen Namen, von dem Ruhm der Männer, der Schönheit der Frauen, von dem Reichtum an Geld unb Gütern, dem Nimbus, der sie umgab und der sie von der ge­wöhnlichen Menge zu trennen schien? — Und jeder, der sie kannte, hätte entschieden nein dar- auf antworten müssen.

Die Waynes von Kenninghall waren zunächst ein altadeliges Gesckilecht. Sie waren nicht mit Wilhelm dem Eroberer herübergekommen, denn 1 ic hatten sich bereits einen Namen in Englands Geschichte gemacht, als diese berühmte Persön­lichkeit den biederen Sachsen normannische Kul­tur brachte.

Sie gehörten zu der großen, alten Sachsen- Raffe; sie besaßen Sachsen-Tugenden und Sach­sen-Fehler. Sie besaßen sächsische Treue; treu ivaren sie ihrem Gott, ihrem Könige, ihrem Va­terlande. Sie besaßen sächsische Geradheit und Offenheit, haßten Falschheit, verachteten Gemein­heit und niedrigen Sinn und spotteten über hoh­len Dünkel; sie besaßen sächsische Ehre und Eh­renhaftigkeit, waren treueste Freunde und edle, achtungsLverte Feinde; sie besaßen endlich die markige Sprache und Ausdrucksweise ihrer ger­manischen Ahnen, sodaß das Wort eines Wayne in Ansehen und Achtung stand, wie ein Eid von einem anderen.

Die Waynes rühmten sich eigener, besonderer Vorzüge. Sie konnten eine lange, lange Fami­lien Geschichte aufweifen, ohne daß darin ein Mann als unehrenhaft, ein Weib als leichtsinnig oder falfch hätte gebrandmarkt werden müffen

„So treu wie ein Wayne" war fchier fpriich- wörtlich geworden. Ihre Fainilten-Chroniken kündeten von tapferen Männern, die im Kampfe für Thron und Vaterland gefallen, von tapferen Frauen, ebenso makellos wie schön, die in Kriegs­und Verfolgungs-Zeiten Dynastie und Land gute Dienste geleistet.

Es gab Leute, die so weit gingen, zu behaup- ten, daß England sich keines befferen Namens

rühmen könnte, wie des ihrigen, und doch hatten die Waynes ihre Fehler. Sie waren stolz, hoch­mütig, verschlossen und zurückhaltend; besonders nndnldsam gegen alle Willensschwäche — ein Wayne hätte eine tödliche Beleidigung leichter, tausendmal leichter vergeben, als eine Lüge oder einen kleinen Betrug gegen ihn. Einen Wahne täuschen, betrügen, war gleichbedeutend mit dem Verluste seiner Freundschaft. Es war eine ganz unverzeihliche Sünde. Bittere, derbe Wahrheiten ließen sie sich gefallen, soweit sie begründet wa­ren, ohne dem Offenherzigen etwas nachzutragen.

Es war ein sehr abergläubisches Geschlecht; endlos war die Zahl der Sagen und Geschichten, die sich an ihren Namen knüpften. Kenninghall, ihr Stammsitz, war namentlich voll davon; jeder Turm, jeder alte Baum hatte seine Geschichte; jedes dunkle Gemach und jede Wendeltreppe ihren Geist.

Ihre Neigung, an Vorzeichen und Vorgeschich­ten zu glauben, war ganz auffallend. Den west­lichen Schloßlügel entlang lief eine große, schöne Terrasse, und jeder Wayne glaubte steif und fest, daß, wenn irgend ein schreckliches Unheil der Fa­milie bevorstehe, vorher ein Klatschen wie von Regentropfen auf derselben sich hörbar mache. Sie glaubten daran fo aufrichtig, wie wir daran glauben, daß die Sonne auf und niedergeht. Ein solcher Aberglaube im neunzehnten Jahrhundert -- und doch trug er dazu bei, die Waynes mehr denn je berühmt zu machen.

Kenninghall war in ununterbrochener Erb­folge von Vater aus Sohn übergegangen. Die Waynes heirateten sämtlich früh; sie heirateten alle gute und schöne Frauen, unbekümmert um Vermögen; das einzige, worin sie eigen waren und worauf sie Wert legten, waren gut; Herkunft und makelloser Ruf. Kein Wayne heiratete eine Kokette oder dergleichen; ihre Frauen hätten sämtlich Mütter eines Heldengeschlechts sein kön­nen

Mortimer Lord Wayne, der gegenwärtige Herr von Kenninghall. war in einer von diesen

Beziehungen von der Regel seiner Vorväter ab» gewichen; er hatte nicht jung gefreit. Er stand jetzt int vierunddreißigsten Lebensjahre und kehrte eben erst von der Hochzeitsreise zurück.

Lord Wayne besaß eine verheiratete Schwe­ster, die Gräfin von Riseholme, eine sehr schöne unb in jeder Beziehung vollendete Frau. Seine beiden jüngeren Brüder waren tot; fein Vetter, Algernon Wayne, war somit nächstberechtigter Erbe. Algernon Wayne hatte die ehrgeizigste und ränkesüchtigste Frau von ganz England geheira­tet. Mrs. Wayne, die sich augenblicklich mit ihrem Gatten zu Besuch auf Kenninghall befand, konnte auf Schönheit nicht sonderlich Anspruch machen; sie war schlau, hatte schlaue, kluge Leute gern, war so stolz und ehrgeizig wie Luzifer, und ^nichts­destoweniger fehr in ihren etwas beschränkten, gutmütig-bequemen Gemahl verliebt.

Sie hatte höchst unsinitiger Weise eine schwache Hoffnung genährt, Lord Wayne würde niemals heiraten, und dann würde ihrem Manne das Erbe zufallen. Alle Waynes heirateten ja vor fünfundzwanzig Jahren; hätte er also überhaupt heiraten wollen, so folgerte sie, fo hätte er es daun getan, wo auch die anderen geheiratet hat­ten. Als Jahr auf Jahr verfloß, wuchsen ihre Hoffnungen fast zur Positiven Gewißheit. Es war also eine schwere Enttäuschung für sie, als Mortimer Lord Wayne in seinem vierunddreißig­sten Jahr seine Heirat mit einer jungen und sehr schönen Dame ankündigte.

„Wer hatte gedacht, daß ein Mann tote Mor­timer die Schwachheit der Waynes für Schönheit haben würde?" sagte Isabel zu ihrem Gatten. „Ich weiß ja, daß es sein gutes Recht ist, nach seinem eigenen Geschmack zu wählen, aber was mich betrifft, so weiß ich von vornherein, d-aß ich die Frau nicht werde leiden können."

Woraus Algernon lachte und erwiderte, er glaube, daß sie sehr gut hassen könne, too sie es wolle; und auf welches zweifelhafte Kompliment Mrs, Wayne versetzte,, daß sie es jedenfalls wol­len werde. — (Fortsetzung folgt.)