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MaerW Zeitung

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Fulda, Mittwoch den 13. Januar 1909.

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Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 12. Januar 1909.

Nach Bekanntgabe der Amtsniederlegung des Abg. Held (ntl.) und des Todes des Abg. Keller (frkiloy machte der Präsident Graf S.olberg Mitteilung baoon, daß er aus Anlaß der Eröffnung des türkischen Parlaments ein Begrüßungstelegramm dorthin ge­richtet habe und von dort ein Danktelegramm erhalten habe. Während das Haus sich von den Sitzen erhob, machte der Präsident alsdann Mitteilung davon, daß er auf das entsetzliche Unglück hin, das 8-nditaiien ge­troffen hat, ein Beileidstelegramm an die italienische Kammer gesandt habe, worauf seitens des Kammer­präsidenten dem deutschen Reichstage der warme Dank des italienischen Volkes ausgesprochen worden sei.

DaS Haus trat dann in die Beratung von

Petitionen

ein. Eine lange Reihe von Petitionen wurde ohne Debatte nach den Kommissionsbeschlüssen erledigt. — Zu einer Debatte kam es erst, als eine Petition des alten Bergarbeiterverbandes zur Beratung kam, welche die Vermehrung der Gewerbegerichlsbeisitzer bei den Berggewerbegerichten auf 6, die Zulassung von Arbeitersekretären bei den Gewerbegerichten, sowie die Ausstattung der Berggewerdegerichie mit Vollmachten zur Betätigung als Einigungsamt verlangt. Die Kom­mission batte Ueberrveisung ,ur Berücksichtigung beantragt. Dafür hatte auch in der Kommission der Vertreter des Zentrums gestimmt. Heule wandte sich Abg. Trimborn (Ztr.) gegen die beiden letzten Forderungen dieses An­trages, weil man sonst auch Rechtsanwälte und Per« t'.eter der Arbeitgeber zulassen müsse.

Nach längerem Hin und Her wurde die Petition m Sinne des Abg. Trimborn angenommen.

Eine Petition auf die Beseitigung der kleinen landwirtschaftlichen Unfallrenten (der sog. Schnapsrenlem wurde von der Tagesordnung abgesetzk, weil dazu noch neue Petitionen eingegangen sind.

©ine Petition über die Unfallversicherung in Gast- wirlsbelrieben wurde als Material überwiesen.

Die Beratung über eine Petition der Bauarbeiter­schutzkommission München um Baukontrolleure aus dem Arbeiterstande wurde vom Abg. Wiedeberg (Zentr.) warm befürwortet, vom Abg. Pauli-Potsdam (tonf.) scharf bekämpft.

Die Beratung wurde dann abgebrochen. Im Hammelsprung über einen Antrag Singer (Soz.', morgen Petitionen weiter zu beraten, ergab sich die Beschlußunsähigkeit des Hauses. Jnsolgedessen kommt morgen dem Anträge des Präsidenten entsprechend das We'chselstempekgesetz auf die Tagesordnung.

Preußischer Lauvtaz.

Abgeordnetenhaus.

Den Hauptpunkt der Tagesordnung bildete die Einbringung des Etats.

In der Hofloge wnx ber Kronprinz erschienen.

Finanzminister v. Nheinbaben: Im Januar vorigen Jahres habe ich den Fehlbetrag für das Jahr 1907 auf 7Ö Millionen veranschlagt. Liese Schätzung ist im wesentlichen eingetroffen, indem der Fehlbetrag sich auf 71,8 Mill, beläuft. Dies Ergebnis ist auf den ungünstigen Abschluß der Eisenbahnverwalt'tng zu- rückznführen. Zux Deckung dieses Fehlbetrages wird dem Hause eine Vorlage Über die A u f n a h,n e c i n er Anleihe zugehen. Bei der Berechnung des voraus­sichtlichen ErgeonisjeS des laufenden Jahres muß man een allgemeinen Niedergang der Konjunktur in An­rechnung bringen. Trotz dex Depression haben wir nickt Anstand genommen, 126 Millionen Mark für die Aufbesserung der Gehälter der Beamten, Lehrer und Gei st licken anfznwenden. Leider habe:-, wir aus zahllosen Eingaben gesehen, daß weite Kreise unserer Beamten damit no ch nicht zufrie­den sind, daß sie immer nur sehen, ob nicht irgendeine andere Kategorie vermeintlich ober wirklich besser ge­stellt ist. (Lebhaftes Hört, Hörti) So sehr wir den SBemnten gönnen, daß sie ihre Wünsche zum Ausdruck bringen, umsomehr müssen wir die Art, die Form

bedauern, in der «S zum Teil geschehen i st. Es ist zumteil geradezuagitatorisch vor­gegangen worden, was durchaus nicht der Stellung der Beamten entspricht. (Zustimmung.) Ich habe es für meine Pflicht gehalten, noch ehe die zweite Beratung derDesoldungsvorlage beginnt, darauf hinzuweisen, daß ich mich im Einverständnis mit dem hohen Haus« und auch im Einverständnis mit dem größere, besonnenen Teile ber Beamten befinde, wenn ich hervorhebe, daß die Beamten nicht nur Rechte, sondere auch Pflichten haben, und daß sich die Beamten, die sich der Grenzen nicht bewußt sind, einer Pflichtverletzung schuldig ma­chen. (Zustimmung.) Der Eisenbahnetat weist einen Rückgang auf, wie er seit 1901 nicht da war. Statt der Steigerung im Personenverkehr von 5 Prozent ist ein Rückgang von 4 Prozent zu verzeichnen. Dex Gü­terverkehr hat sich wider Erivarten ungünstig gestaltet. Im ganzen stellt sich das Ergebnis der Eisenbahn- Verwaltung um nicht weniger als 141,4 Millionen schlechter gegenüber dem Vorjahr. Bei den indirekten Steuern haben wir mit einem Minderergebnis von 1,7 Millionen zu rechnen. Auch die Bergwerksverwal­tung wird mit einem Miuderertrag abschließen. Einen Mehrüberschuß werden voraussichtlich bringen die For­sten mit 6,8 Millionen und die direkten Steuern mit 23,8 Millionen. Ein erheblicher Mehrbedarf wird sich ferner bei der allgemeinen Finanzverwaltung Her­ausstellen, da wir, um die schon vorhandene Arbeiislo- figfeit nicht zu verschärfen, trotz der ungünstigen Finanzlage uns nicht haben cnischttetzen können, mit den Bauausführungen der Staatsverwaltung innezu- halten. Bei der Staatsverwaltung kann ich konsta­tieren, daß sich die einzelnen Ressorts bemüht haben, in den Grenzen des Etats zu bleiben, und es wird sich hier eine Ersparnis von voraussichtlich 3—4 Millionen Herausstellen. Beim Etat des Finanzministeriums sind dagegen von den 126 für die Beamtenambesserung auögcroorfenen Millionen nur 77 Millionen gedeckt, so­daß noch 49 Millionen einer Deckung bedürfen. Wir haben die Absicht, 30 Millionen durch erhöhte Steuern aufgubringen, sodaß bann nur noch für 19 Millionen die Deckung aussteht. Hiernach wird das Jahr 1908 insgesamt voraussichtlich mit einem Fehl­beträge von 165 MilIionen abschließen (Hört, hört!) und dieser Betrag würde sich auf 195 Millionen steigern, wenn die 30 Millionen neue Steuerzuschläge nicht bewilligt werden. Damit ist aber das Maß der ungünstigen Verhältnisse noch nicht erschöpft, denn es konnnt noch das Verhältnis Preußens zum Reich hin­zu. Es fehlt uns in Preußen völlig an Deckniigsmit- teln für die gestundeten Matrikular beitrage. Dieselben würden sick, wenn wir sie nachzahlen müß­ten, für die letzten Jahre auf 46 Mill. Mark belaufen. Ta der Etat an sich schon mit einem erheblichen De­fizit abschließt, so bliebe uns zur Deckung ber Ma­tri kularbeiträge kein anderes Mittel, als dasjenige der Anleihe. Die Konjunktur hat sich in der letzten Zeit noch verschlechtert. Der im Herbst schnell cingetretene Frost läßt für das nächste Jahr eine schlechtere Ernte befürchten. Wir müssen Rücksicht nehmen auf die Ar­beitslosigkeit. Ich komme nochmals auf unser Verhält­nis zum Reiche zurück. Es ist Ihnen wohl allen be­kannt, daß der Reichshaushaltsetat mit über 200 Mil­lionen ungedeckter Mat rikularbeiträge ab­schließt. (Hört, hört!) Hiervon entfallen auf Preu­ßen allein 127 Millionen. Bei ganz genauer Beur­teilung ber Sachlage müßten wir diese Summe noch unserem kolossalen Defizit hinzufügen. Eine solche Konstruktion aber halte ich für unmöglich, denn das Reich muß selbst dafür sorgen, daß solchen unerträg­lichen Belastungen der Einzelstaaten vorgebeugt wird. Es ist unbedingt erforderlich, daß endlich ein Wandel i n dem Verhältnisse der Einzelstaateu zum Reiche eintritt. Der Minister geht bann nochmals auf einzelne Etats näher ein und führt zum Schluß ans, daß migesichts eines voraussichtlichen Fehlbetrages von 166 Millionen die Balanzierung des Etats auf die Dauer nur möglich fei, wenn mindestens die von der Regierung geforderten 55 Millionen n c u i r Sten­ern dauernd bewilligt würden. Es geht nicht an, sich um diese Bewilligung mit der Hoffnung auf bessere Zeiten herumzudrücken. Die ganze Beamt eiwesol- dt.ngsaufbesserung würde gefährdet werden, wenn das Haus sich nicht entschließen wurde, dauernd entspre­chende Deckungsmittel zu bewilligen. Ich hoffe, daß das Haus in gedeihlichem Zusammenarbeiten mit der Regierung die so hochwichtige und schwierige Ausgabe in einer Weise lösen wird, daß dadurch nicht die sinan- zülle Grundlage des preußischen Staates gefährdet wird. (Beifall.)

Nunmehr begann die Weiterberatung ber Inter-' pellakion Trimborn (Ztr.) über die Linderung der

Arbeitslosigkeit.

Abg. Lnsensktz (ntl.): Die Hauptschuld an der Ar­beitslosigkeit trägt ber Niedergang der Konjunktur, ber nicht zum wenigsten durch amerikanische Einflüsse be- wirkt worden ist. Die Laichwirtschaft ist gar nicht von der Depression betroffen worden. Der Staat muß dem Niedergang der Konjunktur steuern.

Abg. GieSberts (Ztr.): Da? Elend ist groß. Um das zu verstehen, muß man wissen, welche Gefühle in einem Arbeiter hochkommen, der arbeiten will und keine Arbeit bekommt. Änzucrkennen ist, daß Reich, Staat und Gemeinden alles einsetzen, um die Wirkungen der Krise abznschwächen. Ein großer llcbelftanb ist die Rückwanderung der ländlichen Arbeiter, die durch un­lautere Mittel von der Industrie aus dem Osten nach dem Westen gezogen werden und für die schwere Jn- buftriearbeit vielfach nicht zu brauchen sind. Zur Lin- berung der Arbeitslosigkeit brauchen wir vor allem staatliche paritätische Arbeitsnachlveise und eine Ar­beitslosenversicherung. (Beifall im Zentr.)

Abg. Tircksen (frronf.) polemisierte in längerer Rede gegen die Sozialdemokraten.

Abg. Ghßliug (fr. Vv.) schloß sich im wesentlichen den Ausführungen des Abg. Trimborn bei der 1. Be­ratung ber Interpellation an und fordert die Regie­rung auf, auf Grund der gegebenen Tatsachen eine Besserung der Verhältnisse anzustreben.

abg. Swiiala (Pole): Tie Regierung muß die Initiative zur Arbeitslosenversicherung ergreifen.

Morgen: Sßeiterberatuna und Beratung der In­terpellation Roeren über die Nacktdarstellun- gen.

△ Der preußische Etat.

Der preußische Etat bat nunmehr dieRiesen­su m m e von 3827 474 685 M.,d.h. von annähernd 4 Milliarden, erreicht. Jeden Tag des Jahres werden also durch den pieußttchen Staat und seine Institutionen mehr als IO Millionen Mark au§gegebe„. Das ist eine Summe, die wahr- schemlich von k-inem anderen Staate der Weit erreicht wird, selbst von Rußland nicht, das doch eine lehr viel größere Einwohnerzahl bat.

Früher atmete der „Borberichl", mit dem die Finansverwaltung den Eta! dem Abgeordneten- hause vorlegte, gesättigte Wohlhabenheit. Die Ausgaben waren immer glatt gedeckt, ohne daß irgendwelche Schwicrigkeiien entstanden wären. In diesem Jahre zum ersten Male tritt der Finammmister mit der trüben Mitteilung an das Hous heran: „Der Fehlbetrag wird durch Aufnahme einer Anleihe zu decken sein." Die Einnahmen stellen sich nämlich nur aus 3 67147468>Mf., sodaß 156 Millionen Mk. fehlen. Roch vor einem Jahre erklärte Herr v. Rheinbaben im Abgeordnetenhause mit großer Energie „Wer AnleiheMirlschast treibt, der handelt wie der Bankrotteur." Heule zieht auch er mit gedämpften Trommelllang m den Kampf um die Gesundung seines Etats. Er verweist daraus, daß der Eint nur 77 Millionen Mark für die Gehottsausbesserungkn der Beamten deckt, aber volle 126 Millionen Mark vor- sieht. Da u kommt die schlechte Zeit. Bei oen staatlichen BetliebSvorwattungen mußte die Einnahme um 54 Millionen Mark niedriger an« gesetzt werden. Würde die Beamtengehalls- erhöhung nicht kommen, so würde noch immer ein nicht unbelräcbüid er Fehlbetrag bleiben. Diese Situation biachle den Minister denn auch in seiner Rede im Abgeordnetenhause am Direstag auf die Bearntengehaltsreform zu sprechen. Velremdend war die scharfe Sprache, in der er den Beamten Agitation vorwarf und versteckte Androhungen für sie in seine Rede

einfließen ließ. Die Sache ist insofern nicht ohne Bedeutung, fB von den verschiedenen Seiten, auch von der Regierung, in der Kow miffion für die Beratung der Beamtengehäl ja betont worden ist: Wenn nicht für volle Deckung gesorgt werde, werde man die Beamten- gehaltsreform nicht bewilligen.

Der Staat hat, wie oben mitgeteilt, 32/« Milliarden Mark Einnahmen. Davon zieht er 298 Millionen Mark aus den indirekten Steuern (Einkommensteuer, Ergänzungsstever) 66,3 Mil­lionen Mark aus den Zöllen und indirekten Steuern, 17,6 Millionen Mark aus den Domänen und 57,6 Millionen Mark aus den Forsten. Rach Abzug der Kronfidei-Komiß-Rente (7,7 Millionen Mark) bleiben aus den Betriebsver­waltungen der Domänen und der Forsten 65,1 Millionen Mark. Die Lotterie bringt 9,6 Mil­lionen Mark ein. die Seehandlung 4,5, die Berg» oeiroalhmg (Kohlenbergwerke in Oberschlesien, an der Saar und in Westfalen, sonstige Erz-, Salz- 2c. Bergwerke) 18,8 Millionen Mark, die Eisen­bahnen 128,2 Millionen Mark. Demgegenüber stehen die Staatsverwaltungsausgaben in Höhe von 544,3 Millionen Mark, während das Extra- Ordmarium 63,9 Millionen Mark erfordert. Daneben lausen die Einnahmen- und Ausgabe- Ziffeln der großen Betriebsverwaltungen, bei Venen in dieser Zusammenstellung nur die Rein­erträge für den Staat angegeben sind. Das Rückgrad der preußischen Finanzen bilden somit die Einnahmen aus der Einkommen- und Ver­mögenssteuer, sowie auf der anderen Seite die Ergebmfle der Eisenbahn.

Die Absicht, eine große Anleihe auszunehmen, wird in der Budgetkommission unvermeidlich zu energischen Aussprachen führen. Das ist gar nicht anders zu erwarten. Denn, daß sie so ohne weiteres genehmigt werden wird, ist doch noch nicht so sicher.

Deutscher Reich.

* Der Kaiser über unser Verhältnis zu Oesterreich.

In der Ansprache, die der Kaiser gelegentlich der Feier des 60jährigen Jubiläums des Kaisers Franz Joseph als Chef des Kaiser Franz Garde» 'Hrenavier-Regimentes hielt, bemerkte er der,Rat.- Zig/ zufolge n. a.: „Er habe stets ein guter Einvernehmen mit Oesterreich erstrebt und hoch» gehalien. Ueber alles Lod erhaben sind die B ü n d - nistreue Kaiser Franz Josephs, feine Herrscher- und Soldaten - Tugenden und seine neue Anhänglichkeit an dieses Regiment. Ferner sanden sich in der Reue des Kaisers folgende be­merkenswerte Sätze: „Es könnten, was der All­mächtige verhüten möge, noch schwerere Zeiten kommen. Um so größeren Wert besitzt daher ein treuer Bundesgenosse."

* * Kanzler und Zentrum.

Die offiziöse Presse bleibt unentwegt bei der Behauptung, daß seitens des Zentrums eine Ver­schwörung zu dem Zwecke angezettelt worden seh den Fürsten Bülow zu stürzen. Die Nord- deuische" behauptet aufs neue, daß es sich bei dem Artikel über die Bündnistreue gegenüber Oester­reich um nichts anderes gehandelt hat, als um den Versuch, die Stellung des Reichskanzlers von Bülow auf dem Umwege über die aus­wärtige Politik zu erschweren, glaubt aber fest

$n $iä ilkS GeheimW.

Roman aus dem Englischen von K. v. Raesfeld,

[5. Fortsetzung.) -------

„Marian", sagte Evelyn, als sie zurückkehrte, „Du hast Dein Wort nicht gehalten: Du wolltest mir doch noch das Grab meines kleinen Toten zeigen. Oder gehen wir heute nachmittag noch hin?"

Es war wohl nur vorn Bücken, daß Marian, die gerade vor einem Koffer niedergekniet war und einpaden wollte, eine solche Nöte ins Gefickt flieg. Jedenfalls bemerke Evelyn, deren Blick, träumerisch durchs Fenster sckmeifte, nichts davon.

„Nicht jetzt", versetzte sie dann rasch. „Du bist noch nicht wieder stark genug, um Aufregung und Gemütsbewegungen zu ertragen. Ter Arzt hat dos auch noch soeben gesagt. Eines Tages ' kehren wir vielleicht wieder zurück, und dann sollst Du es sehen. Vertraue mir, Eve; ich habe nur Tein Bestes im Auge." —

Am nächsten Morgen verließen sie Abbotsville. Unverwandt haftete Evelyu's Blick auf dem alten "spitzen Kirchturm und den grünen Bäumen, bis sie in bei blauen Ferne verschwanden.

„Marian", flüsterte sie, „ich erinnere mich, diesen Kirchturm gesehen zu haben, als tvir mit dem Zuge an Famen, und als — ach! — mein Herz bis znm Tode betrübt war. Ich weiß noch, j ich betete, daß ich sterben möge; ich hatte keinen anderen Wunsch mehr auf der Welt."

Marian's Stirn faltete sich streng. „Das ist das letzte Mal, daß Tu diese kummervolle Ver­gangenheit erwähnst, hörst Du? Es soll ein wei­ßes Blatt im Buche Deines Lebens werden, wor­auf nicht einmal die Erinnerung ein Wort lesen rann. Verabschiede diese Gedanken ein für alle Mol! Ich werde nie wieder ein Wort darüber erwähnen I"

. sie hielt Wort. Der Name Abbotsville oder Dr. Rurke kam nicht mehr über ihre Lip­

pen; es war, als ob nie etwas von ollem vorge­fallen wäre. —

Herzlich und warm wurden die Schivestern wieder zu Hause begrüßt; doch mit großem Er­staunen vernahmen West's alte Bekannten und Freunde alsbald, daß Marion ihr Hous zu ver­kaufen und London zu verlassen beabsichtige. Alle neugierigen Erkundigungen schnitt sie damit ab, daß sie angab, die schwächliche Gesundheit und Nervosität ihrer Schwester verlange ein mildes Klima und Wechsel der Umgebung. Fhr Plan stand fest, und um ihn durchzufnhren, mußte sie jegliche Spur ihres früheren Lebens verwischen, das neue Leben vollständig von dem allen, von der Vergangenheit trennen und keinen Schlüssel zu diesen Vorgängen hinterlassen. Wenngleich sie Evelyn versprochen, nicht wieder über ihre un­glückliche Heirat Fragen stellen und Klarheit über alles verlangen zu wollen, so beschäftigten ihre Gedanken sich dock) in sttllen Augenblicken noch un­ausgesetzt mit diesem rätselhaften Geheimnis. Aber bet allem Nachdenken über das Vorleben ihrer Schwester hatte sie auch nicht den geringsten Anhaltspunkt für eine Erklärung dieser coheim- nisvollen Ehe, die sie so sehr verblüfft, in Er­staunen gesetzt und alle ihre früheren Zukunfts- pläne durchkreuzt und vereitelt hatte, zu finden vermocht. Eines Umstandes nur glaubte sie sicher zu sein: — wie auch immer die näheren Umstände fein mochten — die Sache mußte in London ihren Anfang genommen Hoven, denn Evelyn war bis zu einem kurzen Besuck)e im Nor­den des Landes kaum auf nennenswerte Zeit aus der Stadt gekommen. Sie erinnerte fick bei die­sen Rückblicken auch, daß ihre Schwester eine große Neigung zu einsamen Spaziergängen be- zeigt hatte; sie erinnerte sich vieler Fälle, wo Evelyn früh aufgestanden und in den Garten oder den Pack gegangen war, und wo sie — Marian — ahnungslos ihre Vorliebe für frische Luft und Morgen-Spaziergänge belächelt hatte.

Wie die Sache also auch liegen mochte — jeden­falls tnar es, bis Evelyn ihr alles anvertraut ha­ben würde, am besten und klügsten, sie sorgfältig im Auge zu behalten, so lange sie in London wa­ren, und im übrigen sie so bald wie möglich fort« zuschafsen.

Vielleicht bemerkte Evelyn, daß sie jetzt unter beständiger Ausstcht seitens ihrer älteren Schwe­ster stand; doch machte sie keinerlei Bemerkung darüber. Als Marion sie ins Vertrauen zog und ihr mitteilte, lmß sie das Haus verkauft habe und der Abwechselung halber umherzureiseu beabsich­tige, erwiderte sie kaum etwas daraus. Eine Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit, die durch nichts zu erschüttern schien, war über sie gekom­men.

Alles schien zu glücken, Ivie Miß West es wünschte und hoffte. Sie verkaufte ihr Besitztum günstig, machte einen Teil ihres Kapitals flüssig und begab sich mit ihrer Schwester auf den Kon­tinent. Von einem fafhionableu Badeorte gingen sie zum andern, und Marian beobachtete mit stei­gender Selbstzufriedenheit, wie ihre geliebte junge Schwester Gesundheit und Schönheit in liährem Maße denn zuvor Wiedergewann. Heim­lich sagte sie sich wiederholt: „Jetzt sind wir sicher, ganz sicher; Gott sei Dankl Mrs. Ford ist in Amerika: der Arzt hat mir sein eidliches Ver­sprechen gegeben — und selbst wenn er es ver­suchen wollte, die BeFanntschast zu erneuern und mir wieder mit unbequemen und unverlangten Ratschlägen zu Fommen, so wird er finden, daß mir unfer altes Heim verlassen haben, und wird seine Idee wohl ober übel aufgeben. Wegen alles übrigen Fann ich ruhig sein. Jetzt Fann ich ruhen, Gott sei Tank! Wir sind in Sicherheit; die Ehre unserer Familie ist gerettet dies dunFele Geheimnis ist tot und begraben, und, Evelyn wird aller Voraussicht nach noch ein glänzendes Los zuteil werden!"

Einige Wochen waren vergangen, nachdem Dr. Rurke sich von den Schwestern verabschiedet hatte. Er batte Faum Zeit gefunden, daran zu- riickzudenken, denn er war der gesuchteste und be­liebteste Arzt von Abbotsville, und eine bösartig auf treten be Epidemie im Städtchen nahm feine Zeit und Aufmerksamkeit Tag und Nacht in An­spruch Endlich aber, als seine Weg ihn eines Morgens durch die Ripleystraße führte, wo Mrs. Jefferies in einem netten, reinlichen Häuschen wohnte, erinnerte er sich plötzlich jener langen Unterredung nut Miß West und seiner Absicht, nach dem Kinde zu sehen.

Wer beschreibt lein Erstaunen, als er das Fleine Haus verschlossen und alles leer fand? Er erkundigte sich bei den Nachbarn und erfuhr zu feiner nicht geringen Ueberraschnng, daß Mrs. Jefferins Abbotsville verlassen - habe.

..Wie lange ist sie schon fort?"

„Etwas über drei Wochen", war die Erwide­rung. ,

„Genau eine Woche nach der Slbreise von Miß West", dachte der Arzt. Daun fragte er, wohin sie gegangen.

Das wußte niemand. Sie habe sich bei feinem ihrer Nachbarn oder sonstigen BeFannten vorab- schiedet. Eines Tages sei sie zu einem Althänd­ler gegangen, habe alle ihre Möbel und Habsolig- Feiten verkauft, ihre paar Schulden bezahlt, und am nächsten Tage sei sie fort gewesen.

Er fragte, ob vielleicht irgend welche Fremden sie betucht hätten; doch der Bescheid lautete auch hierauf verneinend.

Es war nutzlos, weitere Fragen zu stellen; keiner ihrer Nachbarn oder Bekannten wußte et­was über ihren Verbleib. Dr. Rurke vergaß sei­ner Patientin in der Ripleystraße und eilte zur Eisenbahnstation. Er wußte, Mrs. Jefferies war die junge Witwe eines Bahnwärters, der kurz vor Ankunft der beiden Schwestern in Abbotsville verunglückt war und seine Frau mit einem ganz unmündigen Kinde zurückgelassen hatte. Aus Mitleid und weil ihm die Witwe als herzensgut