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Maer W Zeitung

woch-Mttaee: „Illustrierte Sonntagrzeitung

36. Jahrqang

Fulda, Dienstag den 12. Januar 1909.

M 8.

Monakbeilage: „Zuldaer Geschichtzblatter"

Anzelge«: Vie ehu fpaltigepetitzeileo-er deren Raum 15 pfg. Reklamen diepetitzeile 25 Pfg., ber Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

votationsdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei tit Fulda Fernsprecher Rr. 9.

«rscheint täglich mit Ausnahme der So.m* und Feiertage viertel- iShrliche-vezugspreir ohne vringerlohn und vestellgeldinZulda so­wie auswärts 1.5V M.

verantw. Redakteur:

Lark Schütter

für die Anzeigen:

I.parzeller in Fulda.

Zweites Wtcltt.

Deutsches Reich

— Das Zentrum ist nachgerade vogelfrei geworden. In der Kunst, es zu verleumden; lei­stet die „Tägl. Rundschau" ein kaum zu über­treffendes Meisterstück. Bekanntlich hatte das „Berl. Tagebl." zu der neuesten Hetze gegen das „verschwörerische" Zentrum, auch einen fensatio- nellen Beitrag geliefert mit dem Märchen, das Zentrum habe dem Kaiser mit einem Regierungs­programm nebst einer Kandidatenliste für den Reichskanzlerposten „eine bestimmte Offerte" ge­macht. Heber dieses vom schönsten Zentrumshaß erzeugte Phantasiegebilde berichtet nun die „Tagt. Rrmdsch." folgendermaßen:

„Einen neuen Kanzler läßt das Zentrum durch ein hiesiges jüdisches Blatt dem Kaiser offerieren."

Auf diese verblüffende Methode der Geschichts­fälschung sollte sich das Organ des Evangelischen Bundes ein Patent geben lassen.

K Unerhörte politische Intoleranz. In Kett­wig a. d. Brücke waren Lei den letzten Gemeinde- ratsivahlen in der dritten Abteilung auf Grund eines Kompromisses ein katholischer und ein protestantischer Arbeiter als Kandidaten aufgestellt worden. Der katholische drang auch im ersten Wahlgange durch, der protestantische unterlag aber in der Stichwahl einem protestan­tischen Fabrikbesitzer, der zugleich der Führer der liberalen Partei ist. Um nun doch dem pro­testantischen Kandidaten zum Mandat zu verhel­fen, wählte ihn der (kath.) Großindustrielle Aug. Thyssen in der ersten Abteilung, in der er der einzige Wähler war. Nun kam aber das Nach­spiel für den — katholischen Arbeiter. Derselbe ist Heizer auf dem in der Gemeinde Kettwig ge­legenen Wasserwerk dec Stadt Velbert. Kurz nach der Wahl erhielt er plötzlich von dem Direk­tor Broel des Wasserwerks einen Brief, in dem es ü. a. hieß:

„So ehrend diese Wahl auch für Sie sein mag, so verfehle ich jedoch nicht. Ihnen milzuleilen, daß die Erfüllung der Verpflichtungen, welche ein derartiges Amt mit sich brmgr. Sie hindern wird, Ihren dienst­lichen Obliegenheiten jederzeit und ungestört nachkommen zu können. Es scheint, daß Sie es nicht für nötig ge- funden haben, vorherhierübernachzu denken (!!) und sich bei mir zu erkundigen. Sollten Sie also die auf Sie gefallene Wahl annehmen, so bebaute ich. Ihnen Ihre Stellung als Heizer kündigen zu müssen und wollen Sie sich daher bis zum 30. d. M. hierüber schriftlich äußern."

In seiner Erwiderung auf dieses Schreiben erklärte der betr. Arbeiter, daß nach eingezogenen Erkundigungen jährlich zirka 6 Gemeinderats- sitzungen stattfänden von durchweg IV2—2 Stun­den und daß ihm der Bürgermeister außerdem erklärt habe, bei Anberaumung der Sitzungen nach Möglichkeit auf seine dienstfreie Zeit Rück­sicht zu nehmen. Sollte aber doch einmal eine Sitzung in seine Dienstftunden fallen, fo werde er für geeignete Vertretung sorgen, oder der Ge» mcinderatssitzung fern bleiben. Er bitte deshalb von der Kündigung abzusehen. Der Herr Direk­tor war aber damit nicht zufrieden. Er zog frei­lich. hauptsächlich auf die mündliche Vorstellung eines bekannten Herrn, die Kündigung formell zurück, knüpfte jedoch an die Annahme des Man­dates solche Bedingungen, daß deni Arbeiter die Teilahme an den Sitzungen faktisch abgeschnitten werden kann. Der Herr Direktor meinte nämlich in seinem folgenden Briefe, der Arbeiter habe sich durch Antritt der Stelle dem Wasserwerk nicht nur während seiner Dienstftunden zur Verfügung gestellt, sondern auch „in Notfällen außer dieser

.kleines FeniUeton.

— Das Jahr 1909. 'Wenn man dec bekannten Pariser „Wahrsagerin" Mine de T h d b e s glau­ben müßte, würde das Jahr 1909 ein böses Jahr. Es sind düstere Bilder voller Mord und Blut, die sie deni erschreckt aufhorchenden Korrespondenten des „Temps" über das Schicksal von Frankreich und der ganzen Welt iin Jahr 1909 enthüllte. Die moderne Cassandra fürchtet das Entsetzliche von dem Einfluß, den der Mars im kommenden Jahre auf unsere alte Erde gewinnen ivird. „Ich sage Ihnen: 1909 wird ein rotes Jahr werden!" so begann sie mit trauriger Stimme. „Niemals waren die Gefahren des Krieges so drohend, und es scheint mir unvermeidlich für Frankreich, daß es teil haben rnuß an dem großen Weltenbrand und in eine Periode der Abenteuer und der Er­neuerung eintreten wird. Der Höhepunkt dieser Kri'e wird in dem Zeitraum zwischen August 1909, und Februar 1910 erreicht sein. Wenn bis zu diesem Datum Europa nicht von kriegerischen Erschütterungen heinigesucht ist und auch die übrige Welt nicht im Tiefsteii aufgewühlt wird, dann wird eine „neue Aera" beginnen, in einer verhältnismäßigen Ruhe . . ." Mine, de Thebes verspricht aber Frankreich Sieg in diesen Völker­kämpfen; sie stellt ihm neue und gute Bundes­genossen in Aussicht. „Wir iverdeu auf dem Lande Glück haben, aber das Meer wird uns un- k>eilvoll fein; ja das Meer wird im allgemeinen furchtbar werden und Stürme des Ozeans werden für uns und unsere Nachbarn von beispiellosen Folgen sein. Im übrigen wird die Gefahr, die ganz Europa umschlingen wird, von einer kolonia­len und afrikanischen Frage ausgehen. Ich sehe traurig erhobene Hände wo anders als in Ma­rokko. " Entsetzliche Skandalgeschichten, entstan- L » a,c<§ Irauenhab, prophezeit Mine, de The­bes. Auch für Deutschland sind ihre Voraussa­gungen im höchsten Grade traurig und schreck-

Dienstzeit", deshalb könne er auch über seine dienstfreie Zeit nicht frei verfügen. Zum Schluß erklärte er „zunächst" von der Kündigund abzu­sehen, jedoch „unter der Bedingung, daß die Aus­übung der ehrenamtlichen Verpflichtungen nicht während Ihrer Dienstzeit stattfindet, und Sie in außergewöhnlichen Fällen auch außer Ihrer Dienstzeit nach erfolgter Aufforderung sofort in Arbeit treten, andernfalls Sie die Kündigung oder je nach Umständen die sofortige Entlassung zu gewärtigen haben. Fiir solche Fälle einen Ver­treter zu stellen, wird nicht gestattet." — Wenn also auch außerhalb der Dienstzeit eine Gemeinde­ratssitzung anberaumt ist, kann der Herr Direktor den Heizer einfach auffordern, „sofort in Arbeit zu treten", und ihm die Ausübung seines Man­dates unterbinden. Der Arbeiter wandte sich mm an die vorgesetzte Behörde des Herrn Direktors, an den Bürgermeister Thomas in Velbert, um dessen Entscheidung einzuholen und fragte unter Darlegung des Falles an, ob eine derartige Ver­kürzung und Schmälerung der Ausübung der ihm zustehenden Bürgerrechte von ihm gntgehei- ßerr werde, bezw. ob das Vorgehen des Direktors Broel die Zustimmung und Billigung der vorge­setzten Behörde fände. Darauf ging deni Arbei­ter und Gemeindeverordneten die kurze Ant­wort zu, daß der Bescheid des Herrn Direktors Broel „die volle Zustimmung der städtischen Gas- und Wasserwerksverwaltung gefunden habe". Wir haben hier mithin einen Fall krassester politischer Intoleranz, und zwar, wie man schon aus der ganzen Sache ersehen kann, der „liberale n" Partei. Denn, wie das „Düsfeld. Tagebl." dazu schreibt, ist die ganze Agitation gegen den katho­lischen Arbeiter von dem Führer dec liberalen Partei ausgegangen, der bei dem Herrn Direktor Broel vorstellig wurde, um die Kündigung des Arbeiters herbeizuführen. So achtet die liberale Partei die Bürgerrechte, und so werden bie, Ka­tholiken behandelt für ihre Gutmütigkeit, einem durchgefallenen protestantischen Kandidaten ein Mandat verschafft zu haben. Wegen der Wahl des Heizers zum Gemeindebevollmächtigten soll das Wasserwerk in Gefahr geraten, aber ltxi§ wird denn aus dein Werk, wenn der Herr Direk­tor mehrere Wochen in die Sommerfrische geht? !

Ausland.

* Aus der Schweiz, 11. Jan. 1909. Das Trennungsgesetz vom 15. Juni 1907 b:stimmte, daß die katholischen Kirchen von Versoix und G«ne-Boura den Katholiken am 1. Januar 1909 abgetreten werden muffen. Das war nun für die Altkatholiken gerade kein angen-bmer Jahres­anfang. Am 31. Dezember begab sich der Bür­germeister von Verfoix zu dem altkatholischen Ps arrer Gaspard und forderte ihn auf, dem Gesetze zu gehorchen. Pfarrer Gaspard erklärte, die Alt- katholiken hätten dem Gesetze gemäß ein Recht auf ein Lokal, um ihren Gottesdienst feiern zu können. Da ihm die Gemeinde kein solches einräumte, ließ er am 1. Januar in der Psarr- kirche läuten. Nun ging die Geschichte los. Der Bürgermeister und ein Adjunkt verlangten dem Gesetze gemäß noch am gleichen Tage die Aus­lieferung der Kirchenschlüffe!. Auf telephonischem Wege herbeigerusen, erschien am Nachmittage der Staatsrat Besson mit dem Staatskanzler Bret in Verfoix, um den Frieden herzustellen und dem Gesetzt Achtung zu verschaffen. Die Altkatholiken mußten nachgeben. ,Tempora mutantur!“ jam- wert hierzu die ,N. Züricher Zeil'. Als das Genfer Volk in den 70er Jahren des vorigen Jahrhun- derts mit Begeisterung den „römischen Uebergris-

lich. Deutschland dagegen wird tief erschüttert fein, und ein Kampf im Kaiserhause steht unrnit- telbar bevor, dazu wird dann noch foinm.ett, daß Deutschland zwischen Slaven und Romanen, die sich Oesterreich wieder genähert haben, einge­klemmt ist. Hu! In England ebenfalls große Veränderungen und allgemeine Trauer: in Ita­lien große Trauer, große Trauer in Rom . . . „Kronen werden fallen. Es ist nicht die größte, die den meisten Lärm machen wird und deren Fall die schlimmsten Folgen für den Frieden der Welt haben soll." Oesterreich ist die Macht der Zukunft; der Einfluß einer Frau wird dort ge­waltig wirken . . . Aufruhr, Zusammenbruch, Weltuntergang — das ist es, was die moderne Pythia der Welt verkündet! Womit nicht ge­sagt ist, daß wir nicht mehr ruhig zu Bett gehen könnten. Im Gegenteil. -x.

— Eine neue Unterhaltung für die Damen Londons. Die Damen der oberen Zehntausend in London sind auf eine höchst merkwürdige Un­terhaltung verfallen. Es ist Mode geworden, daß sich die Damen gegenseitig zu „Drawing-Coo- kings", d. h. zu Kochereien einladen, bei denen diejenigen die Rolle der Köchin übernehmen, die bis jetzt die Kück)e nicht kannten und sich lediglich im „Drawing Room" aufhielten Das Dienst- personal wird bei diesen eigenartigen Gesellschaf- ten um 3 Uhr nachmittags mit dem strikten Be­fehle aus dem Hause entlassen, nicht vor neun Uhr abends zurückkehren. Die Damen binden sodann lange Schürzen vor, streifen die Aecmel ihrer eleganten Kleider zurück und vollführen eine Kocherei, die Ladurch nicht ungefährlich ist, daß es strengste Pflicht ist, nachher das Gekochte auch zu essen. Was das Dienstpersonal dazu sagt, wenn es den an Herd, Vorräten und Geschirr an- gerichteten Schaden erblickt, wird ebensowenig mit geteilt, wie das, was die Damen über die Folgen des Genusses der Speisen zu sagen haben.

•y.

fen" entgegentrat, hat wohl niemand gedacht, daß „der Kulturkampf mit einer so wenig idealen Krämerpolitik enden und daß Rom schließlich siegen würde". Die liberalen Zeitungen wollen eben immer noch nicht einsehen, daß die herrlichen Zeiten des Altkatholizismus vorüber sind.

Boreryebnngsir zu einer nebenbahn- ühnlichen Kleinbahn Götzen nder-

Hauswurz (Kreis Fulda)?)

Unter diesem Titel liegt uns ein nach einem Beschluß der Kleinbahnkommission vom 27. Dez. 1907 vom kgl. Esienbahnbau- und Betriebsin- speklor Mickel in Königsberg fer iggestellter Groß- soUoband vor, dessen Inhalt in vier Abschnitte zerfällt: Denlschüsi, Erläuterungsberich!, Kosten­anschlag und Etatsberechnung. Durch ein Ver­sehen ist uns das interessante Material erst zu- gegangen, nachdem eine andere Zeitung bereits davon Notiz genommen hatte. Der Denk­schrift ist eine Uebersichtskarte beigesiigt, der Erläuterungsbericht wird anschaulicher gestaltet durch ein Verzeichnis der Sta­tionen, einen Nachweis der Steigungs- und Krümmungsverhältnisse, durch Skizzen für die Bahnhöfe, einen Fahrplanentwurf und einen Uebersichtshöhenplan. Der Kostenüberschlag ver­zeichnet für eine Baulänge von 21330 Kilometer ein Baukapilal von 2133 UOO M. oder 100 OCO M. für den Kilometer. Der „Ertragsberechnung" sind beigegeben Ortsverzeichnis und Verkehrs- nachwersung. Den Vorerhebungen entnehmen wir die folgenden Mitteilungen:

Während der östliche Teil unseres Kreises durch die Bahnen Elm Fulda-Bebra, Fulda-Gie­ßen, Fulda-Gersfeld und Fulda-Tann einen er­heblichen wirtschaftlichen Aufschwung genommen hat, entbehrt der westliche Teil noch immer jeg­licher Bahnverbindung, obwohl eine solche nicht nur aus Gründen der Gerechtigkeit, sondern glei­chermaßen in wirtschaftlicher Hinsicht schon seit Jahren als eine dringende Forderung anerkannt werden muß. Zur Erschließung dieses Landstri­ches wird daher die Anlage einer nebenbahnähn- lichen Kleinbahn von Großenlüder nach Haus­wurz geplant. Bei dem Entwurf ist daraus Be­dacht genommen, daß eine eventuelle Weiterfüh- cung der Kleinbahn von Hauswurz nach Neuhof ohne Schwierigkeiten möglich sein würde. Auch ist darauf Rücksicht genommen, daß von Haus­wurz aus eine Verbindungsbahn über Freien­steinau nach Vermutshaur hergestellt und der Vogelsberg völlig erschlossen werden könnte. Da­gegen hält der Entwurf es für nicht empfeh­lenswert, die Linie von Großenlüder nach Fulda w e i t e r z u f ll h r e n, weil diese Kon­kurrenzstrecke sehr teuer und für das Kleinbahn- miternehmen durchaus unwirtschaftlich sein wür­de. Die Linie Großenlüder-Hauswurz liegt in ihrem ganzen Verlaufe im Kreis Fulda (613 Quadratkilometer, rund 60 000 Einwohner). Das Verkehrsgebiet dec neuen Bahn umfaßt gegen 580 Quadratkilometer. Von größeren Orten im engeren Verkehrsgebiet sind zu erwähnen: Gro­ßenlüder. Uffhausen, Kleinlüder, Hainzell, Blan­kenau, Hosenfeld, Hauswurz, Eichenau, Müs, Oberbimbach, Stockhausen, Weidenau. Im tveite- ren Verkehrsgebiet liegt die Stadt Fulda. Bad Salzschlirf und das Städtchen Schlitz. Fiska­lischer Grundbesitz wird im Bezirk der König!. Oberförstereien Großenlüder, Giesel und Neuhof berührt. Die Grunderwerbskosten fallen den be­teiligten Gemeinden zur Last. Gewichtige Gründe sprechen für die Wahl dec Normalspur; „denn", so sagt der Verfasser, „eine billig und schlecht ge­baute Kleinbahn ist das teuerste und unrentabelste Unternehmen, das man ins Leben rufen kann."

lieber die Linienj ührung wir) uiitneieilt:

Die Kleinbahn soll im Bahnhof Großenlüder- Ost entspringen, der mit Einrichtungen zum Uebergang von Reisenden und Gütern nach dem Staatsbahnhof Großenlüder-West versehen ist. Die Trace folgt nun dem Tal der Lüder,, die bei Uffhausen und Kleinlüder überschritten wird. Bei Kleinlüder wendet sich die bis dahin südlich ge­führte Linie nach Westen und verfolgt das Tal des Schwarzaflnsses auf dem nördlichen Berg» abbang bis vor Blankenau, wo das Tal in einem nach Osten offenen Bogen überschritten wird. Bis hierher liegt die Linie fast nur in der Wagerech­ten; von Blankenau an steigt sie, die Orte Gecs- rod, Schletzenhausen, Hosenfeld, Poppenrod, Pfaf­fenrod und Brandlos berührend, ununterbrochen bis zur Wasserscheide bei Birkenhof. Nach kurzer wagerechter Strecke fällt die Bahnlinie bis zum vorläufigen Endbahnhof Hauswurz.

Der Entwurf erläutert ausführlich, warum so und nicht anders die Linie zu führen ist; doch würden diese Erläuterungen hier viel zu weit führen. Als stärkste Steigung wurde das Verhältnis 1:40 angenommen; der kle nste Krümmungshalbmesser ist auf 200 Meter fest­gesetzt. Dem Charakter der Kleinbahn ent­sprechend, werden die geschnittenen Wege in Schienenhöhe gekreuzt; nur die wichtigsten Chausseen usw. werden bei günstigen Gelände- verhältniffen unter- oder überführt. Da tech. nische Schwierigkeiten die Anlage eines Bahn- Hoses unmittelbar bei Blankenau nicht gestatten, wird der für Hainzell erforderliche Bahnhof so weit nach Westen verschoben, daß er für Hain-

•) Offenbar infolge eines Versehens ist uns das interessante Material erst gestern nachmittag zugegangen, nachdem es durch eine andere Zeitung bereits in die Oeffentltchkeit gebracht worden war.

zell und Blankenau möglichst günstig liegt. Nicht zu verkennen ist, daß die Stationen Gersrod bis Brandlos ungünstig zu ihren Orten liegen, weil sie höher zu stehen kommen, als die Dörfer; eine Aenderung würde mit unverhältnismäßig großen Kosten für eine Längenentwickelung zur Ersteigung der Wasserscheide verknüpft sein. Die Bahnhöfe Hainzell-Blankenau und Hosenfeld werden mit Kreuzungsgeleisen versehen.

Aus dem Nachbargebiet.

* Ans dem Kreise Homberg, 11. Jan. 1909. Der Stand unserer Herbstaussaat läßt vieles zu wünschen übrig und gibt zu ernsten Besorgnissen Veranlassung. Die früh vollzogene Roggenaus­saat ist zwar notdürftig aufgegangen, hat sich aber wegen der großen Trockenheit nicht genügend entwickeln können und unter dem Frost sehr ge­litten. Dagegen ist die Weizenaussaat nur in den seltensten Fällen aufgegangen.

Kassel, 11 Jan. 1909. Der katholisch- kaufmännische Verein feierte am Sonntag unter sehr starker Beteiligung vieler Freunde und Gäste fein Weihnach Iss est im Zentralhotel. Herr Kaplan Hünseler hielt die Festrede, in der er die Bedeutung des Weihnachtsfestes als religiöses und soziales Fest schilderte. Frau Rechtsanwalt Pabst sang mit vollendeter Kunst­fertigkeit 2 Schnbert'sche Lieder und ein flottge- spietter Einakter steigertediesestfröhlicheStimmung auf ihren Höhepunkt. Bei der Weihnachtsver- losimq gab es zwar oiele Nieten, als aud), recht passende Geichenke sic die glücklichen Gewinner.

' Kaiserslautern, 11. Jan. 1909. Wie erinner­lich, wurden vor kurzem ans dec Stationskasse in Kaiserslautern 22 000 M geraubt. A u f ganz sonderbare Weise ist nun einer von den unter dem Verdacht Verhafteten, den Einbruchs­diebstahl begangen zu haben, f re i g e k 0 m m e n. Der Mann, dec schon acht Tage in Nntersirchungs- hast saß, beteuerte immer wieder seine Unschuld. Er fei zu fraglicher Zeit da und dahin gefahren, das könne fidjer ein Herr bezeugen, den er ge­nau beschrieb, und der ein Kind bei fick) hatte. Der Untersuchungsrichter hatte wenig Vertrauen zu dem großen Unbekannten. Als der Verhaftete vor geführt wurde, deutete er plötzlich auf den zwei­ten StaatsaMvalt und rief aus: „Dort, das ist der Herr, mit dem ich gefahren bin!" Er beschrieb nun genau alle Einzelheiten der Fahrt, erzählte das Gespräch, das der StaatsaMvalt mit seinem Kinde geführt hatte. Da der Beamte die Ans- {eigen bestätigen konnte, wurde der Verhaftete so­fort freigeloffen.

* Wiesbaden, 11. Jan. 1939. Wie groß die Zahl d e r E n g l ä n d e r und A m e r i F a n er in dec „Weltkurstadt" ist, beweist am Besten, daß hier eine Wochenzeitung in englischer Sprache „The Wiesbaden Weekly Review" erfdicint.

* Mühlhausen i. T., 11. Jan. 1909. Der kürz- lich hier verstorbene Rentner Adolf Fr 0 hne hat der Stadt Mühlhausen 26 300 „K. für ver­schiedene Wohltätigkeitsanstalten testamentarisch vermacht.

* Gotha, 11. Jan. 1908. Wegen der stark auf« tretenden Diph ter itis und des Sch a r la chs wird bis zum 1. Februar der „Elisabeth-Hort", in dem Schüleri :ien aus allen Klassen der Volks­schule am Nachmittag nach Schulschluß BesMsti- gung erhalten und beaufsichtigt werden, geschlof­fen. e

= Das Erdbeben in Süditalien.

Die wirtschaftlichen Folgen der Katastrophe.

Nach den letzten Schätzungen sind gegen 200000 Menschen zugrunde gegangen. Wenn man an­nimmt, daß etwa 80 000 arbeitsfähige Männer darunter gewesen sind, so bedeutet dies für Pro­vinzen, in denen die Auswanderung die Arbeits­kraft schon ohnehin sehr beschränkt und teuer ge­macht bat, eine ganz außerordentliche Erschwe­rung ihrer landwirtschaftlichen und industriellen Produktion, und die fd>toierige wirtschaftliche Sage, unter der Süditalien schon vor der Kata­strophe überaus zu leiden hatte, wird durch den kolossalen Verlust an arbeitstüchtigeil Männern bedeutend verschärft.

Tie zugrunde gegangenen immobilen und mo­bilen Werte können auf rund 500 Millionen ge­schätzt werden. Es ist wohl ganz ausgeschlossen, daß der Staat diese ganze Summe den Verlust- trngern ersetzt. Vorläufig sind 30 Millionen Lire als dringende Auslagen für die beschädigten Orte in AuSpcht genommen. Mit diesem Betrage wer­den wohl vor allem die öffentlichen Einrichtungen, wie Spitäler, Kasernen, Bahnhöfe, Post- und Telegraphenanlagen, Straßen neuhergestellt wer­den. Ob aber die Steuererhöhungen von 16 Mil­lionen Lire jährlich, die in Aussicht genommen sind, dazu dienen werden, die Zinsen einer inneren Anleihe von 400 Millionen Lire zu decken, oder ob sie den Geschädigten als Rente werden überwiesen werden, darüber ist noch; gar nichts bestimmt. Keinesfalls werden aber die Hypothekarinstitute und Warengläubiger befrie­digt werden, und die hierbei in Betracht kommen­den Beträge können annähernd auf 150, bezieh­ungsweise 30 Millionen Lire geschäyt werden. Diese 30 Millionen Lire werden hauptsächlich von den kommerziellen und industriellen Kreisen Norditaliens verloren werden, da ja Messina, Reggio und die anderen Städte bedeutende Ab­nehmerinnen für alle Gattungen Web« und Kurz­waren, Maschinen usw. waren. Von dein wei­teren Verlaufe der Bergungsarbeiten wird die Höhe dieses Verlustes abhängig. Wird es ge­lingen, die ungeheueren, unter den Schutthaufen begrabenen Vorräte unbeschädigt an die Ober-