MaerW Zeitung
36. Jahrgang
Fulda, Dienstag den 12. Januar 1909
JW 8.
Er stes Matt.
anjetgeu: »le etn« fpottige petttjelle ober beteil Baum 15 pfg. BeHamenbiepetitzeile 25 pfg., bei wieber- holungen wird entfpr. Rabatt gewährt.
Botatfonsbruttunb Verlag der Zvldaer Ak- tlendruckerei in Kulba Zernsprecher Ur. 9.
Rrnmn aus dem Englischen von K. v. Raesfeld- [4. Forlsetzung.f
„Es kann nichts ans Licht kommen; ich habe begliche Vorsichtsmaßregel angewandt, Eve; glau. be mir, es wird niemals bekannt werden."
„Natürlich", murmelte Evelyn wie für sich, „wenn mein armer Kleiner lebte, so würde ich gar keinen Versuch machen, meine Heirat geheim zu halten. Wozu auch? Hätte ich ihn ja doch zum Tröste bei mir gehabt, und, hätte die ganze Welt mich auch verlassen. Achl ich,hätte für ihn gearbeitet und gelebt; — was wären mir Zukunft und Ehren gewesen; jetzt, wo er tot ist, ist es aber einerlei!"
Die Worte erstarken in kaum hörbarem Geflüster, und das goldene Haupt senkte sich tief.
Wurde Marian West blaß, als diese gemurmelten Worte ihr Ohr erreichten? Zitterte die Hand, die auf der Fenstcrbrüstung lag? Dachte sie an einen geheimnisvollen nächtlichen Besuch in der Nipleystraße und eine lange, flüsternde Unter- redung bei verschlossenen Türen? — Wie dem auch sein mochte, jedenfalls beherrschte sie sich vollständig. Ihre Stimme klang noch fester, sogar etwas ungeduldig, als sie Evelyn's Gedanken wie- der aufnahm.
„Und jetzt, wo er tot ist, braucht natürlich kein Wort mehr dariiber verloren zu werden.'
Und in den Tiefen ihws Herzens beglück- wünschte die Stolze sich, daß sie so gehandelt, wie sie gehandelt, dankte dem Himmel, daß Evelyn nichts von der Wahrheit wisse, — wären dcch andernfalls ihre ganzen Pläne durchkreuzt worden.
„Ich kann also versichert sein, Eve, daß Du bald wieder Tein einstiges, munteres, strahlendes Sell st bist, daß Du Dein Bestes tun wirst, meine .Bemühungen um Deine Zukunft zu unterstützen.
des Reiches ist. Wir wissen wohl, daß die Bewilligung notwendiger Einnahmen dem Reiche und uns selbst zu Liebe geschieht, nicht etwa dem Fürsten Bülow und seiner Regierung zu Liebe.
das sich zeitweise in Oesterreich regte. Bisher hatten leider solche Aeußerungen noch niemals eine Zurückweisung durch die ,Nordd. Allgem. Ztg.' erfahren, und das ist in Oesterreich unan- genehm ausgefallen. Es wäre endlich einmal an der Zeit, diese Schonung fallen zu lassen, umso mehr, als sie gegen das große Geschütz, das man einzelnen Organen der Zentrumspresse gegenüber aufgesabren hat, merkwürdig genug absticht.
* An der Nordwestgrenze von Kamerun, auf englischem Gebiet, haben im letzten Drittel des Dezember heftige Kämpfe englischer und deutscher Truppen mit den Eingeborenen stattgefunden, wobei mehrere Soldaten getötet und andere verwundet wurden.
rp Mainz, 11. Jan. 1909. Die bevorstehende Rcichstagswahl imÄahikreise Bingen-Alzey nimmt augenblicklich das politische Interesse im Hessenland" in hohem Maß in Anspruch. Der Wahlkreis war Jahrzehnte hindurch ein unbestrittener Besitz des Freisinns, obschon der überwiegende Teil ser Bevölkerung der Landwirtschaft angehört. 1903 kam das Zemrum nut seinem Kandidaten von Brentano als Höchstbestimmten mit dem Freisinn in Stichwahl. Den Ausschlag hatten die Nationalliberalen zu geben und nun setzte eine geradezu empörende konfessionelle Hetze des Freisinns und namentlich seines Ingelheimer Organs em, um dem Zentrum den Sieg zu vereiteln. Bei den in Rheinhessen bestehenden starken konfessionellen Gegen- sätzen glückte das Manöver und der Freisinnige wurde gewählt. Um nun nicht abermals dem Freisinn auf diese Weise zum Mandat zu verhelfen, stellte das Zentrum bei der letzten Wahl zwei Kandidaten auf und verhütete damit, in eine aussichtslose Stichwahl mit dem Freisinn wieder zu kommen. In der Stichwahl siegte dann mit Zentrumshilfe der nationalliberale letzthin verstorbene Keller-Steinbockenheim. Auch diesmal ist es wohl zweifellos, daß das Zentrum als numerisch stärkste Partei mit dem Freisinn in Stichwahl kommt, wenn es einen Kandidaten und nicht zwei wie 1907 ausstellt. Gleichwohl oder besser gesagt, gerade deshalb wünscht ein großer Teil der Zentrumswähler ein energisches Eintreten in den Wahlkampf, der diesmal voraussichtlich seine Vorgänger an Heftigkeit noch übertreffen wird, zumal der Freisinn den streitbaren protestantischen Pfarrer Korell auf den Schild heben will. Daß die Kandidatur des Herrn Korell bei der zum mindesten eigenartigen Agitation dieses streitbaren Herrn dem Wahlkampf weitere Schärfe geben wird, liegt auf der Hand. Von nationalliberaler Seite ist der frühere Ab- geordnete Dr. Becker in Aussicht genommen: seine Kandidatur soll jedoch teilweise beanstandet werden. In jedem Fall würde Dr. Becker, der s. Z. in Offenbach-Dieburg mit Zentrumshilfe den roten Ulrich zur Strecke brachte, als gewandter Agitator und belietei Volksredner für Herrn Korell eine starke Konkurrenz werden. Die Sozialdemokraten bringen es im Wahtkreis auf 2—3000 Stimmen, die früher stets der Freisinn in bet Stichwahl einhei nste. Diesmal hat der sozialdemokratische Kandidat in einer letzthin gehaltenen Rede dem Blockfreisinn für die Stichwahl jede Waffenbrüderschaft versagt. Auch dieser Umstand mag Herrn Korell, der vor wenigen Wochen erst eine recht anstrengende und für ihn verlorene Wahlkampagne bei den Landtagswahlen durchzukämpfen hatte, gerade nicht kampfes- lustiger stimmen. Das Zentrum hat bis jetzt einen Kandidaten noch nicht proklamiert. Gewiß wirdes nicht auf einen eigenen Kandidaten verzichten, und damit sei eine diesbezügliche Meldung der ,Frankf. Ztg.' berichtigt. Einmal entspricht es nicht dem politischen Jnterefle einer numerisch so starken Partei, im ersten Wahlgang zu Gunsten eines politischen Gegners die Waffen zu strecken und die Zentrums-
krschei» «»glich mit Bnrnahme ber Sonn- mibZeieriage. vierteljährlicher vezngrpreir ohne vringerlohn nnb Bestellgeld in Mba sowie amwärkr 1.50 Mk.
Perantw. Bebaktenr: Carl Schütter
„Das sind nervöse Stimmungen", versetzte Marian ungeduldig, „die vorübergehen werden, sobald Du erst wieder kräftiger bist. Und nun noch einmal: Ich werde auf diesen Gegenstand jetzt freiwillig nie mehr zurückkommen, nachdem wir uns heute morgen darüber ausgesprochen haben; aber ich werde Dich auf Dein Wort dazu verpflichtet ansehen, Eve, wieder strahlend gesund und schön zu werden, um mir in allem, was ich für Dein Wohlergehen tue, getreulich beizustehen."
Die schönen Lippen murmelten eine leise Zustimmung; die schönen Augen schweiften nachdenklich über die blühende Welt da draußen, und keiner der beiden Schwestern kam eine Ahnung von der Zukunft, worin das Geheimnis, das sie so sicher zu verbergen wähnten, sich aus dem Dunkel der Vergangenheit erheben, ihnen gegenüber treten und den stolzen Dau zerschmettern würde, den der Hochmut der einen und die Schönheit der andern errichtet.
4- Die Nähe wichtiger Entscheidungen lenkt heute die Aufmerksamkeit auf den Wiederbeginn der Parlamente.
Im Abgeordnetenhause sind es vor allem zwei Angelegenheiten, die nicht nur für das preußische Volk von höchster Bedeutung sind, sondern auch über die schwarz-weißen Grenzpfähle hinaus mit scharfem Auge beobachtet werden müssen. Da ist zunächst die Erledigung der preußischen Beamtenbesoldungsreform, von der nicht allein das Geschick der preußischen Beamtenschaft, sondern zum guten Teile auch das der Reichsbaamten mitbestimmt wird. Ter Etatsberatung wird voraussichtlich in diesem Jahre die Beratung des Kultusetats zu wichtigen Debatten und ernsten Kämpfen Anlaß geben, deren Entscheidung mit ihren Rückwirkungen auf Kirche und Schule nicht allein in Preußen mit banger Sorge erwartet wird. Die Frage der Nachfolgerschaft des Herrn Holle, die kerne Personen-, sondern eine Systemfrage sein wird, wird der diesjährigen Kultusdebatte ihren Stempel aufdrücken. Liberale und Freikonervative drängen zwar die preußische Regierung mit aller Macht, noch vor den kritischen Februartagen den Posten des Herrn Holle neu zu besetzen. Freiherr von Zedlitz nennt es geradezu unerhört, wenn bei der ersten Beratung des Kultusetats nach Neuwahlen kein Verantwortlicher Minister der Landesvertretung Rede und Antwort stände. Die preußische Regierung befindet sich anerkanntermaßen in einer schwierigen Situation. Wir haben Grund zu der An- nahnie, daß sie über die Nachfolgerschaft Halles erst dann die Entscheidung treffen wird, wenn die Kultusdebatten im Landtage ihr die Gewißheit verschafft haben, auf welche Mehrheit der neue Minister sich stützen wird.
Die Fülle der Arbeit, die des Reichstages wartet, ist schier unübersehbar. Wir brauchen nur zu nennen: Reichshaushaltsetat, Finanz- reform, Besoldungsreform, Sicherung der Bau- fvrderungen, große Gcwcrbeordnuugsnovelle (Heimarbeit), Arbeitskammergesetz, Justiznovelle, Wechselstempelgesetz, Einwirkung öffentlicher Unterstützungen auf die öffentlichen Rechte des Empfängers, Preisfeststellung beim Markthandel mit Schlachtvieh, Gesetzentwurf über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen, Weingesetz, dazu kommt dann nock; der demnächst dem Reichstage zugeheude Entwurf einer Novelle zu dem Gesetz betreffend die Bekämpfung des unlautern Wettbewerbs. Nehmen wir noch dazu die Fülle von Anträgen, Interpellationen und Petitionen, die ihrer Erledigung harren, so, braucht man kein Prophet zu sein, um Voraussagen zu können, daß selbst bei angestrengtester Arbeit dieses umfangreiche Material bis Pfingsten unmöglich aufgearbeitet sein kann. Am dringlichsten sind wohl die Beratung des Rcichshaushaltsetats, die vor dem 1. Avril beendet sein muß, und weiter wegen ihrer sachlichen Bedeutung die Finanzrewrm.
.Zu dem Klagen der Blockprcsse über die Dringlichkeit und die Schwierigkeit der Finanz- cesorm stimmt es recht wenig, wenn diese Block- presie dizrch gehässige Anwürfe die Mitarbeit der stärksten verfassungstreuen Fraktion, des Zentrums, unmöglich zu machen sucht. Tas läßt wenig Ernst erkennen, wo es sich um eine so eminent nationale Sache handelt. Allerdings ist die Erledigung der Finanzreform zunächst Sache des Blocks, er hat jetzt zu zeigen, was er leisten kann; aber das Zentrum wird sich nicht abhalten 'lassen. Pflichtgemäß mitzuarbeiten und seinen Einfluß auf die Gestaltung des Werkes auszuüben; dem Reiche das zu geben, was
und endlich, daß, wenn wir diesen schrecklichen Ort einmal verlassen haben, nichts davon je wieder zwischen uns erwähnt wird — die Vergangen- heit soll ein weißes Blatt, ein versiegeltes Buch sein."
Und wieder blickte Evelyn die Schwester zweifelnd an. „Kann die Erde ein Geheimnis verbergen, Marian? Ich dachte mir, sogar die Säume würden's rauschen, die Vögel es singen, die Wellen es murmeln und der Wind es seufzen und stöhnen. Schwester, ist je ein Geheimnis bewahrt geblieben? — Menschen haben Mordtaten bei Nacht und Dunkel verübt — ungesehen und unbelauscht, so wähnten sie; und nach langen Jahren, als sie sich längst in Scherheit gewiegt, stand Geheimnis mit feurigen Buchstaben auf der Erde und am Firmamente geschrieben."
Marian lächelte schwach.
„Nicht immer; die Erde bewahrt chre Geheimnisse — Geheimnisse, die nie entdeckt werden."
„Ich habe auch vom Frauen gelesen, die auf Falschheit, Unwahrheit und Schuld ein stolzes Gebäude errichtet — einen ehrenvollen Namen angenommen — hohe Stellungen bekleidet und gelächelt haben bei dem Gedanken, wie sicher ihr Geheimnis. Aus einmal brach der stolze Bau zusammen, und die Welt hat gehohnlächelt bei der Erinnerung daran, wie man solche Leute nur je für gut und wahr und ehrenhaft habe halten können. Solch ein Schicksal könnte auch mir beschie- den sein, Marian."
„Niemals", versetzte die ältere Schwester zuversichtlich; „Dein Geheimnis ist ja so wenigen bekannt. Ich könnte mein Leben für Dr. Rurke's Schweigen verbürgen; was mich betrifft, so brauche ich wohl nichts zu versichern; Mrs. Ford geht nach Amerika; wer also könnte Dich verraten, selbst wenn diese es wollten?"
„Ich weiß es nicht. Selbst das Rauschen der Blätter und das Flüstern des Windes wird mich erschrecken. In jedem Fremden, dem ich begegne, werde ich einen verkappten Spion erblicken."
monatsbeUage: „zuldaer SejchichttbMer"
Deutsches Reich,
** Berlin, 11. Jan. 1909. Offiziös wird noch ausdrücklich hervorgehoben, daß der Kaiser in seiner N eujahrsanspr ach e an die kommandierenden Generale das Interview des,Daily Telegraph' mit keinem Worte erwähnt hat.
** Ter Kaiser ist von Hubert usstock nach Berlin zurückgekehrt. Am Montag morgen wohnte er der Feier der 60. Wiederkehr des Tages bei, an welchem Kaiser Franz Joseph Chef des Kaisn-Franz-Gardc- Grenadier-Regiments geworden ist. Später nahm er die Regimentsparade ab.
-r- Als HolleS Nachfolger wird von verschiedenen Seiten wieder Minister Delbrück genannt. Freiherr v. Zedlitz empfiehlt ihn neuerdings recht energisch im .Tag', und auch die,Tägl. Rundschau' hält seine Ernennung für nicht unwahrscheinlich. Es ist zu bemerken, daß sowohl die Partei des Freiherrn v. Zedlitz wie auch die .Tägliche Rundschau' den Kreisen, die an der Beseitigung des Herrn Delbrück von der Leitung des Handelsministeriums ein Interesse baden, ziemlich nahestehen. Es wird also wohl der Wunsch der Vater des Gedankens sein.
♦ Tatz der steismnige Wahlrechtsantrag bereits am Mittwoch das Abgeordnetenhaus beschäftigen werde, wird von der .Deutschen Tageszeitung' als unrichtig bezeichnet.
* Ein sonderbarer Bündnisprediger. Zu dem Chor der Blätter, die den „Ultramontanis- mus" verdächtigen, er säe Mißtrauen zwischen Deutschland unu Oesterreich-Unaarn, gesellt sich natürlich auch der.Reichsbote' (Rr. 4). Bei dieser Gelegenheit leistet er sich iolgendes:
„Denn der Ultramontanismus ist der „alt11 böse Feind" des Deutschen Reiches; er liebäugelt seit 1870 mit allen Reichsfeinden; wie jetzt noch mit Polen, Partikularsten, Eliässer und Welfen. Preußen an der Spitze des Reiches paßt ihm nicht, deshalb wäre es ihm sehr erwünfch, wenn er das Reich so mit Oesterreich bei dieser Gelegenheit der Balkanfrage verquicken könne, daß das Reich gewissermaßen als Hilss- truppe für Oesterreich erschien und auf dieser Grundlage unter der demnächstigen Herrschaft des Thronfolgers, auf den der Ultramonianismus große Hoffnungen setzt, eine Uebermacht des Ultramontanismus mit Hilie des bayerifchen heraestellt werden könne, die auf Preußen und die Reichspolitik einet) Druck zugunsten der Zentrumsvolitik au2 üb en würde. Es könnte dann die Zeit anbrechen für die Wiederherstellung der Macht Oesterreichs in Deutschland. Dies aber ist die ZukMstshoffnung des Ultramontanismus in Oesterreich, wie tu Deuitchland, darüber darf man sich nicht täuschen und deshalb muß unsere Regierung vorsichtig sein, daß sie sich nicht weiter drängen läßt in der Unterstützung Oesterreichs, als es die Interessen Deutschlands erlauben."
Also nur soweit es die Interessen Deutschlands, wie sie der sanatiich-katholikeufeindliche ,Reichsbote' versteht, erlauben, soll Oestetreich unterstützt werden; keine unbedingte Biind- nislreue und Solidarität, wie sie auch der Reichskanzler erklärt hat! Und solche Leute, die Wert und Bedeutung des Bündnisses von ihrer Auslegung der Interessen Deutschlands abhängig machen wollen, stellen sich bann bin und halten ben — „Ultramontanen" Strafpredigten. Es grenst ja an Wahnsinn, was der.Reichsbote' phantasiert, aber es gibt den Hütern des deutschösterreichischen Bündnisses doch noch ganz andere Ursache zu energischer Abwehr als die vielgenannte Berliner Korrespondenz der Wiener.Reichspost'- Gerade solche Aeußerungen wie die des .Reichs- boten' tragen die Schuld an dem Mißtrauen
3. Kapitel.
Spurlos berschwunde».
Einige Tage später sagten die beiden Schwestern dem Mühlenhofe Lebewohl. Sie wären noch etwas länger geblieben, aber die Besitzerin, die alte Mrs. Ford, war ungeduldig, abzureisem Die Einrichtung und alles sollte verkauft werden und dann wollte sie zu ihrem Sohne absegeln, dem in der neuen Welt, wie nie zuvor in der alten, das Glück hold gewesen war.
Marian West war die schnelle Abreise jedoch keineswegs unwillkommen. Alles paßte in den Plan, den sie entworfen. „Hat sie erst England verlassen", dachte sie, „und sind auch totr abgereist, so ist diese unglückselige Vergangenheit abgetan und zu Ende; dann haben wir nichts mehr zu befürchten."
Dr. Rurke hatte erklärt, Evelyn sei vollständig so weit genesen, daß der Abreise nichts im Wege stehe. Als er kam, um sich zu verabschieden.
3.pandtoi*suiba. Wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagsjeitung"
Wähler sind für ein solches tattisches Vorgehe" nicht mehr zu haben. Gelingt es dem Zentrum, mit einer populären Kandidatur vor die Wähler zu treten, so ist ein Sieg des Zentrums nicht aus- geschlossen, namentlich bei dem starken Verdruß, der in dem weinbautreibenden Kreis über die Haltung des ReichStagsfreisimrs zur Reichsweinsteuer besteht.
ns. Der deutsche Handelstag
ist am Montag in Berlin zusammengetreten. 450 Delegierte von Handelskammern rc. waren aus allen Teilen Deutschlands erschienen. Den Vorsitz sührte der sreisinnige Abg. Kämpf.
Staatssekretär im Reichsamt des Innern Dr. v. Bethmann-Hollweg hielt eine längere Rede. Er verwies darauf, daß nach der Tagesordnung die negative Kritik bei den Beratungen des Handelslages nicht zu kurz kommen werde. Da müsse er darauf verwesten, daß es sich um Dinge handele, bei denen wir possitive Ergebnisse erzielen müßten, vor allem bei der Reichsfinanz» reform, die keine Partei- oder Berusssrage. sondern eine Lebensfrage des Volkes sei. Auch Icheine ihm, daß man die Arbeitskammernvorlagen verwerfen wolle. Er hoffe aber, daß die Dele- gierlen als Männer, die mitten im wirtschaftlichen Leben stehen, der Regierung nicht zutrauen, daß sie in polnischer Träumerei neue Organisationen Vorschläge, ohne ihren Einfluß auf die Gestaltung der wirtschaftlichen Dinge Bedacht zu haben.
Auch der Reichsschatzfekretär Dr. S y d o w war erschienen, offenbar um gut Wetter zu bitten. Er meinte:
es sei nötig, in Finanzfragen das öffentliche Gewißen wachjurufen, weil es sich um eine Lebensfrage des deutschen Reiches handele. „Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie unrichtig eine Finanzpolitik ist, deren Weisheit letzter Schluß ist, daß man die Deckung des Defizits einfach um 3 Jahre verschiebt. Mir kommt die Einrichtung der gestundeten Mairtkularber- träge immer so vor, als ob eine offene Handelsgesellschaft sich in der Höhe ihres Defizits von ihren Gesell- schäften Akzepte geben lägt und diese Forderungen als Guthaben einschreiben läßt. (Grobe Heiterkeit.) Die Folge der aufgesckobenen Matrikularbeiträge ist neben einet gewißen Unwirtschaftlich leit die erschreckende Höhe, welche unser Schatzanweisungskredit erreicht hat. Für das Jahr 1908/09 ist ein solcher Kredit von 470 Millionen Mark eröffnet, aber schon überschritten. Und ich fürchte, daß wir in den nächsten Wochen an den Reichstag mit der Bitte (jerantreten müssen, uns abermals einen Schatzanwetsungskredit von über 100 Millionen zu gewähren. (Beweaung.) Auf die einzelnen Steuerarten ließ er fich vorsichtigerweise nicht ein. Ganz allgemein beteuerte er vielmehr: „Natürlich, ganz emwandsfrei ist keine Steuer. Ebenso wie keine Steuer ganz gerecht ist. Und so hat sich denn nicht überraschenderweise gegen jebeS einzelne Sleuerprojekt in den zunächst davon betroffenen Kreisen etn Sturm des Wider st andes erhoben. Es sind die Interessen der Arbeiter, der Kommunen, des Mit- telstandes und — der germanischen Familienväter ins Feld geführt." (Heiterkeit,) Dann folgte der übliche Appell an die Bereitwilligkeit des deutschen Volkes, aus dem Altar des Vaterlandes zu opfern.
Der Handelstag begann bann seine Be" ratung. Generalsekretär Dr. Soetbier verwies darauf, baß bas Reich bie wichtige Zeit der Hochkonjunktur für die Vermehrung seiner Einnahmen unbenutzt gelassen habe. Für bie Gesundung des öffentlichen Lebens sei die gründliche Regelung der Finanzen bes Reiches geboten. Die ungünstige Finanzlage laffe bie balbige Einführung ber Witwen- unb Waisenverwrgung als kaum erwünscht erscheinen, ebenso stehe es mit ber Herabsetzung ber Zuckersteuer. Dabei komme in Betracht, daß es ungerecht sein würbe, bie eine Verbrauchssteuer herabzusetzen und alle
war Evelyn ausgegangen, um zum erstenmal« einen langsamen Spaziergang durch die duftigen Wiesen zu machen, die das Gut rings umgaben. Die frische, sommerliche Luft und die mäßige Bewegung hatten eine fünfte Röte auf ihre Wangen gebracht; als sie ins Zimmer trat, fah sie so lieb- sich und zart in ihrem duftigen Sommerkleids aus, daß der gute Doktor fchier erstaunt auffuhr. Sie errötete und wurde gleich darauf sehr blaß.
„Ich wollte Ihnen Adieu sagen, und finde zu meiner herzlichen Freude, daß Sie jetzt ganz und gar ohne mich fertig werden können", sagte er lächelnd.
„Sie sind so fehr gut gegen mich gewesen", versetzte sie, „so gut, daß ich Ihnen nie genug dafür danken kann; ich verdanke Ihnen mehr als das Leben. Ich habe nicht gewußt,, daß es so freundliche und gute Mnschen wie Sie überhaupt in der Welt gäbe."
Er sah ihr bewegt in die fchönen, dunkel- blauet. Augen. Tausend Worte drängten sich ihm auf die Lippen; aber er äußerte kein einziges. Es verlangte ihn darnach, sie zu warnen, sie zu ermahnen, auf ihrer Hut zu sein, ihr zu raten, sich ihrer Schwester anzuvertrauen; und doch gleich vielen anderen, die tief und warm fühlen, war er nicht imstande, auch nur ein Wort heraus- zubringeir.
So schüttelten sie sich nur die Hände und sagten sich stumm und schweigend Lebewohl mit den Blicken.
Marian begleitete ihn zur Tür; dort wandte er sich nochmals und zögerte einen Augenblick. „Ich Hobe ja Ihre Adresse: 42 Bristol Terrace, Begravia, nicht wahr? — Ich hoffe von Ihnen zu hören, daß Sie wohlbehalten wieder in Ihrem Heim angelangt sind."
„Ich werde nicht verfehlen. Ihnen zn schreiben", versetzte Miß West, und dann trennten sie sich. —
(Fortsetzung folgt.).