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Monatrbeuage: „Sulbaer Geschichtsblätter"

frf<w ta^n* wUt Ausnahme der $».m- und Zrtertage. Viertel- rshrlicheeveru-rpreir ohne vringerloh« und VefteLgel» in Zulda so­wie mmvärtrl-SOMk.

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Hotationrdrnckund Verlag der Luldaer M- tiendrnSerrl in Fulda Fernsprecher Ur.y.

M 7.

Fulda, Montag den 11. Januar 1909.

36 Jahrgang.

Friedensstörer.

Unsicherheit ist das Kennzeichen der Lage in der inneren wie in der äußeren Politik.

Unsicher ist vor allein die Stellung des Fürsten Bülow. Woraus wir bas schließen? Nun jedesmal, wenn die Situation für den Block- kanzlcr gefährlich wurde, da setzte in der ge­samten gegnerischen Presse eine frisch-fröhliche Hatz gegen daS Zentrum ein. Man unterschob der Politik der Zentrumspartei die Absicht, de«r Kanzler zu stürzen. Man weiß ja, daß nichts den Kanzler so sicher am Ruder erhält wie seine Gegnerschaft gegenüber dem Zentrum. Das alte Sp el »vird herrte in einer neuen Melodie wieder­holt. Die Polemik der ,91otbb. Allg. Ztg/ gegen die Zenlrumspresse wegen eines einzelnen Artikels über die deutsch-österreichiichenBeziehungrn eröffnete den Reigen. Das .Berliner Tagebl., brachte dann die unsinnige Mär auf von der Zentrumsofferte an den Kaiser. Das war ein großartiges Fressen für die Blockpresse. Beson­ders das Thema von der «klerikalen Kamarilla" erwieS sich für gewisse Leute als recht ergiebig. Welche tollen Phantasten da ausgebrütet worden sind, dafür diene die Auslassung eines Blattes aus dem Osten der Monarchie als Zeugnis. Die .Danziger Zeitung schreibt:

»Auf welchen Wegen eS den Vertretern deS tl l t r a- montanismnS gelungen ist, an den Kaiser heran­zutreten, darüber besteht keine volle Klarheit; die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß es über das Hos- lager des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand geschah. Jedenfalls hat aber das Zentrum durch Mittelpe-sonen ganz bestimmte Vorschläge gemacht. Es hat ein politisches Programm, und es hat auch eine,» oder mehrere Kanzler­kandidaten präsentiert. Daß es fich dabei alS sehr kaisertreu gebärdet hat, ist selbstverständlich. Seine Boi schlüge tollen aus eine Durchführung der Finanzreform im Reiche und auf die Bewilligung aller für Armee, Flotte und Kolonien erforderlichen Mittel gehen. Ebenso gewiß ist freilich, daß das Zentrum nichts umsonst gibt; es ist deshalb anzunehmen, raß es gleichzeitig seine Segenrechnung präsentiert hat."

ES ist kein Unsinn so groß, der über daS Zenlrum verbreitet wird, daß er nicht gläubige Rachbeter fände. Wer die Zenlrumspolitik etwas besser kennt als aus Blockversammlnngen, der sollte sich doch selber sage«, daß dem Zentrum zur Stunde ein Kanzlerwechsel wirklich nicht angenehm sein kann. An dem jetzigen Reichs­kanzler liegt unS selbstverständlich wenig, aber wir find auch nicht so jugendliche Schwärmer, um zu hoffen, daß ein Kanzlerwechfel günstig ausfachen müsse. Kürzlich ist bekannt geworben, daß der Kaiser sich schon 1904 gegen das Zen­trum ausgesprochen Hai, und wir glauben auch, daß er an der Blockpolitik ebensoviel Anteil hat als der Fürst Bülow. Ferner glauben wir, daß ein "Nachfolger Bülows noch weniger Autorität und Einfluß besitzen würde, als er — besonders dem Kaiser gegenüber. Es ist mit Bestimmtheit zu erwarten, daß em Kanzlerwechsel em Wieder- au leben des persönlichen Regiments in seinem ganzen Umfange bedeuten würde. Sicher gefällt uns die Kanzlerschast Bülows nicht, aber ein Wechsel würde nichts bessern, vielleicht die Lage noch verschlechtern. Und darum wollen wir mit verschränkten Armen abwarten, waS kommt, und nicht den kleinen Finger rühren, um die Entscheidung nach irgendeiner Richtung zu beein- flusfin. Das Zentrum braucht mchts weiter zu •tun, als die Dinge an sich herankommen zu lassen.

3«i Banne des WelmifseS.

Roman aus dem Englischen von K. o. Raesfeld [3. Fortsetzung.)

Dann nahmen Marian West's Gedankerr eine andere Richtung. WaS hals das Grübeln über Geschehenes und Vergangenes? Es galt, den Tatsachen ins Auge zu sehen und sich möglichst gut damit abzufinden. Was auch der eigentliche Kern dieses unseligen Geheimnisses sein mochte; eins schien ihr sicher: Evelyn hatte offenbar mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen. Darauf deuteten ihre^ FieberplMNtasien, daß ihr Gemahl tot fei, darauf ihr heutiges Geständnis, sie, Marian, werde ihn nie mehr sehen. Von der Seite war also nichts zu befürchten; „und toegen alles übri­gen", dachte sie, „bin ich sicher, habe ich meine Vorkehrungen getroffen." Es galt also lediglich, Evelyn selbst zn veranlassen, nach außen hin so aufzutreten, als ob nichts vorgefallen, die ganze Vergangenheit als endgültig abgetan zu betrach­ten, wrcder lebenslusttg, frisch und strahlend zu werden, dann würde niemand etwas ahnen, dann würden sich keine Verleumdungen, keine Klatts- reien an ihre Sohlen heften, dann war die Ehre der Familie. ihr Ruf vor der Welt gerettet, — ja, ihrem Lieblinge konnte bei seiner Jugend und Schönheit immerhin noch das glänzende glückliche Los zufallen, das sie, Marian, für sie gehofft und geträumt.

„Eve, Liebling", unterbrach sie das Schtoei- zen, „noch einige Tage und Du bist kräftig genug, xm nach Hause zurückzukehren."

„Heim? — Zu mrserm Hause in London?" Mit angstvoll abwehrender Gebärde erhob sich die feine, weiße.Hand bei dieser Gegenfrage, und die Schwester entdeckte den schmerzlich veränderten Ton in ihrer Stimme.

„Wir haben kein anderes Heim," versetzte sie ernst. „Sieh, Evelyn, ich will Dich nicht mehr drängen, mir zu vertrauen: vielleicht, daß Du

Wenn man wissen will, welche Kräfte gegen den Fürsten Bülow tätig sind, bann muß man sich an eine andere Adresse wenden. Da ist z. B. der „Reichsbole", der in einer von uns schon mitgeteilten bemerkenswerten Auslassung sagt, daß

„die Armee auf die Dauer nicht mehr imstande sei, die von der Diplomatie gemachten Fehler und erzeugten unaünstigen Momente der internationalen Lage durch ihre Macht allein wieder gutzumachen. Der Schlieffewche Artike! ist die denkbar schärfste Kritik von mlilärischer Seite an den völlig negativen Ergebnissen unserer auswärtigen Staatskunst."

An einer anderen Stelle äußert sich dasselbe Blatt ganz im Sinne einer hinter den Kulissen agierenden Ktiegspmiei. Es wendet sich gegen das „System des Nachlausens hinter dem Aus­lande, der ängstl.chen Rücksichtsnahme nach allen Seiten" und sagt weiter:

„Schaden kann uns jedenfalls eine offene Stellung­nahme nicht das niinte’te. Die Angriffslust wird durch ein Fortdauern unserer schwankenden Haltung nur ver­mehrt. Schon jetzt wird in der Auslandsprcsse gesagt, daß Deutschland zwar andauernd b.lle, daß es niemals aber beißen werde; wir brauchen uns nur weiter den Anschein zu geben, als erhofften wir noch eine Aende- rung der Lage, und wir haben im Frühjahr einen österreichisch-serbischen Krieg und im Anschluß daran den bewaffneten Eingriff Rußlands und vielleicht auch Italiens. Wie sollen diese Mächte vor einem Ein­greifen zurückschrecken, wenn sich die Meinung fesiseht, daß dem Deutschen Reiche die Kraft des Euiichtusfes fehlen wird 4 Wo die Tinge so liegen, ivie heute, ist alles Diplomatisieren vom liebel; helfen tarnt nur fefteS, entschlossenes Auftreten. Wir brauchen jetzt eine starke Politik, die den gegebenen Tatsachen furchtlos und entschlossen ins Aage sieht. Unser Schwert muß aus der Scheide, wenn Rußland di« Serben mit den Waffen unterstützt. Dies mit allem Ernst« fern Auslande klar gemacht, kann allein den Frieden sichern, nicht ängstliches Vertuschen und Verkleinern."

Richt im Zentrum sitzen Pie Männer, die gegen den Fürsten Bülow wühlen; d e Kamarilla sitzt ganz wo anders. Die Erbschaft des Blockes wäre für uns gerade in diesem Augenblick nichts weniger als verlockend.

Deutsches Reich

□ Verantwortlichkeit des Reichskanzlers.

Ein Staatsrechtslehrer an der Heidelberger Hochschule, Prof. Ieil in eck hat einen Entwurf eines Veranlwortlichkeitsgeletzes veröffentlicht. Die entscheidenden Vorschläge dieses Entwurfes lauten dahin:

„§ 3. Der Reichstag kamt auf Antrag von hundert Mitgliedern mit einer Mehrheit von zwei Dritteln seiner gesetzlichen Mitgliederzahl beschließen, daß bet Reichskanzler durch seine Amtsführung dieses Berlraurn verwirkt hat. Dem Beschlüsse sind die Tatsachen bcizufügcn, auf die er sich gründet. Solange über einen solchen Antrag kein Beschlug gefaßt wurde, bleibt der Reichstag versammelt. § 4. Der Bundesrat kann binnen einer Woche mit Stimmeneinhelligkeit den Beschluß des Reichstages aufhebcn, indem er zugleich, den Reichstag auflöst. § 5. Der Beschluß des Reichstages hat das end- gittige Ausscheiden des Reichskanzlers aus dem Reichsdienst zur gesetzlichen Folge."

Wir glauben nicht, daß der Entwurf sich viele Freunde erwerben wird. Soweit die Parlei- preffe schon zu ihm Stellung genommen hat, ist eine allgemeine Ablehnung zu konstatieren.

A Die Etatsübcrschrcttuttgeu in bcu Kolonien sind neulich im Reichstage Gegenstand lebhafter Auseinandersetzungen gewesen. Ter General v.

mir in späteren Jahren Dein Vertrauen schenkst." „Du bist so gut mit mir," murmelte Evelyn dankbar.

„Nicht solche Worte, Liebling. Vertrete ich doch Mutterstelle bei Dir. Und höre weiter: Dafür aber, daß ich mich dieses Rechtes, alles zu et fahren, begebe, verlange ich etwas anderes von Dir. Sieh," fuhr Marian fort, „Du bist noch so ptug, bist sehr schön — ach, ich hatte manche stol- i>"» Pläne für Deine Zukunft gesponnen! Ich bin ehrgeizig gewesen. Deinetwegen. ich habe mir geiogt, Deine Schönheit, Deine Geistes- und Her- zensgaben würden Dir eine glänzende Zukunft, eine hohe Stellung gewinnen und mit diesem Ziel im Auge habe ich nichts für Dich gespart, Eve; all mein Sinnen und Trachten war stets darauf gerichtet; all meine Handlungen betrachtete ich unter diesem Gesichtspunkte —: ich habe für Dich gelebt wie ich wohl sagen darf."

„Und nun sind alle Deine Hoffnungen ver­nichtet!" seufzte Evelyn, und verbarg das schöne Gesicht in den feinen weißen Händen.

„Nein, nicht das; das hängt ganz von Dir ab. Du scheinst zu glauben, die ganze Welt mäste nun. notwendig die Geschichte Deiner unglücklichen Liebe erfahren, man werde Dich überall in der Gesellschaft bedauern, mitleidig oder auch wohl mit verstecktem Hohn und Spott, mit unziemlicher Neugier empfangen. Aber dem ist Gott sei Tank nicht so. Wäre dies in London vorgekommen, so hätte unsere gesamte Umgebung, die ganze Dienerschaft, es notwendigerweise erfahren; wäre es dort, wo Du zu Besuch gewesen, vorgekommea, so hotte es ebenfalls nicht verborgen bleiben kön­nen. Doch jetzt, glaube ich, kann alles tiesstes Geheimnis bleiben."

Etwas wie ein Schimmer von Trost glitt über Evelyn's schöne Züge.

„Alles hat sich hier in einer fremden Stadt abgespielt, wo kein menschliches Wesen uns kennt: nremand als der gute Doktor Rurke bat auch nur die geringfte Notiz von uns genommen; und daß er schweigen wird, kann ich Dir verbürgen. Den

L i e b e r t, freikonservatives Mitglied des Reichs­tages, Präsident des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie und im Nebenamte gegen den „Ultramontanismus", wurde im Reichstage ange­klagt, als Gouverneur von Deutfchostafrika er­hebliche Aufwendungen gemacht zu haben, trotz­dem der Reichstag dafür die Mittel ausdrücklich abgelehnt hatte. Die Klagen über ein derartiges Vorgehen der beteiligten Kolonialverwaltungen sind schon recht alt. Das hat aber nicht gehindert, daß der neue Nachweis über die Einnahmen und Ausgaben der deutschen Schutzgebiete im Rech­nungsjahr 1906, der dem Reichstage soeben zuge- gangeu ist, wieder ganz enorme Etatsiiberschrei- tungen aufweist.

In Ostafrika sind die Ausgaben der Zen- tralverwaltung um 25 Proz. die für Bureaube- dürfniffe um 16 Proz., die für vermischte Ausga- (en um 24 Proz. überschritten worden. Besonders befähigt i» der Ueberfchreitung der Etatspositio- nen zeigte sich dort die Militärverwaltung. Tie Frachtkosten, von denen in unseren Kolonien nach wie vor der größte Teil der Ansiedler zu leben fcbchit, wurden um rund 6 0 0 Proz., die Ausga­ben zur Ergänzung der Waffenvorräte um 75 Pro;., die Ausgaben für Expeditionen der Schutz, truppe um 180 Proz. überschritten. Bei der Ver- waltung in Togo wurden für Wege-, Brücken und Wasseranlagen 50 Proz. mehr ansgegeben, als der Etat vorsah. Für die Unterhaltung der Dienstgebäude wurde % mehr aufgewandt, als der Reichstag bewilligt hat. An der Spitze der Etatsüberschreitungen steht (im Verhältnis zur Besiedelung) die Ueberschreitung in Deutsch- südwestafrika. Dort brauchte die Zentral- bertoaltung für neiße Hilfskräfte 80 Proz. mehr, als der Etat vorjah. Bei den Büro-Bedürfnissen wurde der Etat um 100 Proz., bei den Pensionen und Pensionserhöhungen der Militärverwaltung um 70 Proz., Bei Dienstreisen, Umzugskosten des Mlitärs um 55 Proz. überschritten. Zusammen erreichen die Ueberschreitungen die Summe von 6 Millionen.

In dem neuen Etat hat Herr Dernburg „ge­spart" ; er hat die einzelnen Positionen so niedrig wie möglich angesetzt. Was nutzt den deutschen Steuerzahlern aber die niedrige Etatsposition, wenn die Verwaltung nachher ausg^bt, was s i e w i l l? Auf eine Aenderung ist da lei­bet- nicht zu hoffen. Die Verwaltung huldigt den Ansichten des früheren Gouverneurs v. Lieber!, der selber darüber entscheiden wollte, was nötig war, und toa§ nicht, und der den Reichstag nicht wollte mrtsprechcn lassen.

** Berlin, 10. Jan. 1909. Der Kaiser bat eine vom Berliner Sängerbund für den 27. ö. M. geplante HulbigungSserenade avaelehni. — Der Reichstagsabgeordnete Landschaftstat Götz von Olenhusen, Hospitant der Zentrumspartei, konnte am Freitag auf eine 25jährige parla­mentarische Tätigkeit zurückblicken. — Bei den diesjährigen Kaiiermanövern sollen zum ersten- male lenkbare Luftschiffe Verwendung finden.

A Die preußische Wahlrechtsreform wird bereits am kommenden Mittwoch den preußischen Landtag beschäftigen. Der erneute Antrag ver freisinnigen Fraktionsgemeinschast auf Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen soll näm­lich am diesem Ta-e, in der zweiten Sitzung nach den Ferien auf die Tagesordnung gesetzt werden.

(*) Eine Redestatiftik aus dem Reichstage. In dem ersten Tagunosabschmtt „dieses" Reichs­tages, welcher die Zeit vom 19. Februar 1907

S-t’len hier auf dem Mühlenhofe giltst Tu als die Patientin Dr. Rurke's, als Frau Folksworth, deren Mann im Auslande auf Reisen weift und Cie fich Nervosität und Krankheit halber in diese Ruhe und ländliche Einsamkeit zurückgezogen hat; es gibt nichts, was diese Frau Folksworth mit Evelyn West, der gefeierten und bekannten Lon­doner Schönheit, in Verbindung bringen könnte. Ich sehe schlechterdings somit nicht ein, wie Deine unglückliche Heirat jemals bekannt werden sollte."

„Dank Dir und Deinen vielen Bemühungen," versetzte Evelyn leise.

Marian wehrte ab. „Die Hauptsache ist, daß Tu Deinen Teil dazu beiträgst, Eve; das ist es, was ich von Dir verlange und zwar in erster Lmie TeinethalbenI Verlautet irgend etwas da­von, erhebt sich irgend ein, wenn auch noch so sä)wack;cr Argwohn in dieser Beziehung, so bist Du gesellschaftlich unmöglich, — tot. Bedenke das, und bedenke ferner, was die Welt, die Men­schen, die Gesellschaft unserer Kreise, immer be­reit, das Schlimmste anzunehmen, vorschnell, hart, und lieblos zu urteilen. Dir nachreden werden. Und wenn man Dir günstigsten Falls auch ver­geben, Dich bemitleiden, ja, entschuldigen und sagen mag, daß Du so jung, so unerfahren, fo ahnungslos über die Bedeutung und Tragweite eines solchen wichtigen Schrittes gewesen, — so glaube mir, Liebling, etwas bleibt immer hän­gen, und soviel ist sicher, den Platz, den Du ver- iierjt, wirst Du nie wieder gewinnen."

„Ich weiß es," sagte Evelyn leise; ich be­greife."

„Siehst Du", fuhr Marian eindringlich fort. „Du siehst die Richtigkeit meiner Worte ein. Aber damit ist es nicht genug. Du mußt auch danach handeln. Und zu dem Ende ist es notwendig, daß Du alles, was jetzt vorgefallen, als Dein tief- stes Geheimnis bewahrst und auch der Welt, der Gesellschaft, allen unseren Freunden und Bekann­ten gegenüber so auftrittst, als ob gar nichts, nicht das Allergeringste vorgefallen sei. Also jetzt vor allen Dinaen kein Krümmen und Seufzen.

bis 11. Dezember 1908 umfaßt, hat sich eine ungemein lebhafte rednerische Betätigung der Reichstagsabgeordneten gezeigt. Bon 397 Abge­ordneten haben nicht weniger als 325 die Redner- tribüne bestiegen. Das ist ein Prozentsatz wie er srührer noch niemals dagewesen ist. Ralür- lich sprachen viele Redner mehrfach. Einer von ihnen, Abg. Erzberger, brachte es auf 50 Reden. Abg. Singer, der sozialdemokratische Führer, steht ihm nur mit einem Punkte nach, er hat 49 er­reicht. Im großen Abstande folgt dann der nationalliberale Führer Baffermann mit 38, Spahn (Ztr.) mit 32, Gamp mit 29, desgleichen Bebel. Dr. Müller-Meiningen sprach 28 mal, Gröber 27 mal, Dr. Meiner 26 mal usrv. usw.

* Gegen die Nachlaßsteuer hat am Freilag der westfälische Bauernverein in einer stark besuchten Versammlung in Münster eine Reso­lution beschlossen.

* Ein besonderer Unterricht für Militärau- Wärter neben dem Kapitulantcn-Unterricht ist von der Heeresverwaltung in Aussicht genommen. Der bisherige Kapitulanten-Unterricht genügt nicht, um den Unteroffizieren das erforderliche Maß von Wissen, wie cs heute verlangt wird, für die Erfüllung ihres Berufes zu übermitteln, nanient- lich erhalten aber auch die älteren Unteroffiziere vor ihrem Ausscheiden nicht die nötige allgemeine Vorbildung für den Zivildienst. Für Einrichtung eines zweistufigen Militärantoärter-Unterrichts sollen künftig di« Generalkommandos einen Pauichbetrag zur Verteilung an die Truppen er­halten; der bisher in zwei Stufen erteilte Ka- pilulanten-Unterricht bleibt bestehen, wird aber gleichzeitig erweitert und vertieft.

* Abg. Erzberger, der in verschiedenen Blät­tern als der Verfasser der den Reichskanzler zu einer Oesterreichfreundlicheren Politik mahnenden Artikel genannt worden war, schreibt der ,Köln. Volkszlg.', daß er den vielbesprochenen Artikeln in der .Germania' und der Wiener ,Reichspost' gänzlich sernstehe.

d Stuttgart, 10. Jan. 1909. Der würtlem bergische Landtag Hal am Samstag den Etat für 1909 und 1910 vorgelegt erhalten. Die Regie­rung verlangt darin die Erhöhung der Ein- kommensteuer um 12 Prozent. Gleichzeitig sollen die Realsteuern, die nach dem bisherigen Gesetz bis 1910 in Kraft stehen, bis zum 31. März 1913 verlängert werden.

* Dresden, 9. Jan. 1909. Der sozialdemo­kratische Reichstagsabg. Kaden wurde auf offe­ner Straße von einem Herzschlag betroffen. Sein Zustand ist bedenklich.

Ausland.

* Oesterreich-Ungarn und die Türkei. Der österreichisch - ungarische Botschafter Markgraf Pallavicini hat nach Ablauf der Beiramfest- lichkeiten die seit einiger Zeit unterbrochenen Ver­handlungen mit dem Großwesir wieder aufgenom- men und neueVorschläge gemacht. Danach hält Oesterreich-Ungarn seine Vorschläge betref­fend den Abschluß eines Handelsvertrages auf­recht, worin es von vornherein seine Zustimmung zur Erhöhung der türkischen Zölle von 11 auf Prozent und auf Einführung gewisser Monopole erteilt. Unter Berücksichtigung des wiederhott geäußerten Wunsches der Türkei, als Entgelt für die Zedierung ihrer Souveränitätsrechte auf Bos- nien eine finanzielle Zuwendung zu erlangen, kommt die österreichisch-ungarische Regierung die- fern Wunsche in der Weise entgegen, daß sie sich bereit erklärt, der türkischen Regierung als E r-

kcine trüben Stimmungen, kein Brüten mehr über etwas, was nicht ungeschehen gemacht werden kann. Du hast jetzt eine Verpflichtung gegen mich und mußt sie abtragen dadurch, daß Du Dein Bestes tust, diese ganze unglückselige Vergangen- genbeit in Deiner Erinnerung auszutilgen, wie­der fröhlich und munter zu sein tote früher, als ob nichts vorgefallen. Willst Du das versuchen, Evelyn?" A

Das schöne Gesicht mit den tiefen dunkelblauen Augen erhob sich schüchtern zu dem ihrigen.

„Ich habe hieran nicht einmal gedacht, Ma­rian; ach, ich glaubte ich toürde sterben. Das war mein einziger Gedanke, meine einzige Hoffnung. Ich glaubte, ich hätte den Tag, wo Du es er­fuhrest, nicht überlebt I "

„Ich kann mir das alles vorstellen, aber das ist ja jetzt alles vorüber. Niemand weiß auch nur das Geringste; haben wir dies Abbotsville erst einmal verlassen, so werden wir nie zurückkehren. Doktor Rurke wird nie darüber sprechen; diese Frau hier, bei der wir wohnen, — diese Mrs. Ford — weiß nichts von uns, als was der Arzt ihr gesagt; außerdem geht sie bald nach Amerika zu ihrem Sohne und bleibt da; das Haus und alles wird verkauft. Könnte es günstiger sein? Bewahre also Dein Geheimnis, Eve, Deinetwil­len und der Ehre und des Namens unserer Fa­milie willen; folge meinem Plane, gehe heim mit mir, begegne allen, als ob nichts vorgefallen, und Du sollst sehen, Du wirft es später selbst ver­gessen und mir danken, daß ich Dir so geraten."

Evelyn erhob die Augen zu dem ernsten Ge­sichte ihrer Schwester. „Marian," fragte sie leise, „meinst Du nicht, es wäre besser und klüger für mich, jetzt alles — alle Folgen — auf einmal auf mich zu nehmen?"

„Nein, und tausendmal nein!" war die hastige Antwort.

„Angenommen, wir verbergen e§- jetzt," flü­sterte die leise Stimme weiter, „und dann in der Zukunft, von der Du so viel erwartest, wird es bekannt — o, Marian, was dann?" Forts, folgt.)